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Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 28
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
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27 Dann hört' auch wohl sein halb entschlummert Ohr,
Mit schauerlicher Lust, tief aus dem Hain hervor,
Wie Engelsstimmen sanft zu ihm herüber hallen.
Ihm wird als fühl' er dann die dünne Scheidwand fallen,
Die ihn noch kaum von seinen Lieben trennt;
Sein Innres schließt sich auf, die heil'ge Flamme brennt
Aus seiner Brust empor; sein Geist, im reinen Lichte
Der unsichtbaren Welt, sieht himmlische Gesichte.
28 Sie dauern fort, auch wenn die Augen sanft betäubt
Entschlummert sind. Wenn dann die Morgensonne
Den Schauplatz der Natur ihm wieder aufschließt, bleibt
Die vorige Stimmung noch. Ein Glanz von Himmelswonne
Verkläret Fels und Hain, durchschimmert und erfüllt
Sie durch und durch; und überall, in allen
Geschöpfen, sieht er dann des Unerschaffnen Bild,
Als wie in Tropfen Thau's das Bild der Sonne, wallen.
29 So fließt zuletzt unmerklich Erd' und Himmel
In seinem Geist in Eins. Sein Innerstes erwacht.
In dieser tiefen Ferne vom Getümmel
Der Leidenschaft, in dieser heil'gen Nacht
Die ihn umschließt, erwacht der reinste aller Sinne
Doch – wer versiegelt mir mit unsichtbarer Hand
Den kühnen Mund, daß nichts unnennbars ihm entrinne?
Verstummend bleib' ich stehn an dieses Abgrunds Rand.
30 So war der fromme Greis, vor dem mit Kindestrieben
Amanda niederfiel. Auch Er, so lang' entwöhnt
Zu sehn, wornach das Herz sich doch im stillen sehnt,
Ein menschlich Angesicht – erlabt nun an dem lieben,
Herzrührenden, nicht mehr gehofften Anblick sich,
Und drückt die sanfte Hand der Tochter väterlich,
Umarmt den neuen Sohn zum zweyten Mahl, und blicket
Sprachlosen Dank zu dem, der sie ihm zugeschicket;
31 Und führt sie ungesäumt nach seiner Ruhestatt,
Zu seinem Quell, in seine Gartenlauben,
Bedeckt mit goldnem Obst und großen Purpurtrauben,
Und setzt sie in Besitz von allem was er hat.
Natur, spricht er, bedarf weit minder als wir glauben;
Wem nicht an wenig g'nügt, den macht kein Reichthum satt:
Ihr werdet hier, so lang' die Prüfungstage währen,
Nichts wünschenswürdiges entbehren.
32 Er sagte dieß, weil ihm der erste Blick gezeigt
Was er nicht fragen will und Hüon ihm verschweigt.
Denn beide, hatte gleich das Elend ihre Blüthe
Halb abgestreift, verriethen durch Gestalt
Und Sinnesart, wo nicht ein königlich Geblüte,
Doch sichrer einen Werth, dem selbst die Allgewalt
Des Glücks nichts rauben kann vom reinen Vollgehalt
Der innern angebornen Güte.
33 Schon dreymahl wechselte der Tag sein herbstlich Licht,
Seit diese Freystatt sie in ihrem Schooße heget,
Und beide können noch sich des Gedankens nicht
Entschlagen, daß der Greis, der sie so freundlich pfleget,
Kein wahrer Greis, daß er ein Schutzgeist ist,
Vielleicht ihr Oberon selbst, der ihres Fehls vergißt,
Und, da sie schwer genug (däucht sie) dafür gebüßet,
Bald wieder glücklich sie zu machen sich entschließet.
34 Nun schwindet zwar allmählich dieser Wahn,
Und ach! mit ihm stirbt auch, nicht ohne Schmerzen,
Die Hoffnung die er nährt; doch schmiegen ihre Herzen
Sich an ein Menschenherz nur desto stärker an.
Es war so sanft das Herz des guten Alten,
So zart sein Mitgefühl, sein innrer Sinn so rein,
Unmöglich konnten sie sechs Tage um ihn seyn
Und länger sich vor ihm verborgen halten.
35 Der junge Mann, im Drang der Dankbarkeit
Und des Vertrau'ns, (zumahl da ihn zu fragen
Sein Wirth noch immer säumt) eröffnet ungescheut
Ihm seinen Nahmen, Stand, und was, seit jener Zeit,
Da er zu Montlery des Kaisers Sohn erschlagen,
Bis diesen Tag mit ihm sich zugetragen;
Durch welchen Auftrag Karl den Tod ihm zugedacht,
Und wie er glücklich ihn mit Oberons Schutz vollbracht;
36 Und wie in einem Traum die Liebe sich entsponnen,
Die ihn beym ersten Blick mit Rezia vereint;
Wie er mit ihr aus Babylon entronnen,
Und das Verbot, das sein erhabner Freund
Ihm auferlegt, und wie, so bald er dessen
In einem Augenblick von Liebesdrang vergessen,
Die ganze Natur sich gegen sie empört
Und ihres Schützers Huld in Rache sich verkehrt.
37 Wohl, spricht der edle Greis, wohl dem, den sein Geschick
So liebreich, und zugleich so streng, als dich, erziehet,
Den kleinsten Fehltritt ihm nicht straflos übersiehet,
Wohl ihm! denn ganz gewiß, das reinste Erdenglück
Erwartet ihn. Auf Herzen wie die euern
Zürnt Oberon nicht ewig. Glaube mir,
Mein Sohn, sein Auge schwebt unsichtbar über dir;
Verdiene seine Huld, so wird sie sich erneuern!
38 Und wie verdien' ich sie? mit welchem Opfer still'
Ich seinen Zorn? fragt Hüon rasch den Alten;
Ich bin bereit, es sey so schwer es will!
Was kann ich thun? – Freywillig dich enthalten,
Antwortet ihm Alfons; was du gesündigt hast
Wird dadurch nur gebüßt. – Der junge Mann erblaßt.
Ich fühl' es, spricht der Greis mit sanft erröthender Wange;
Allein, ich weiß von wem ich es verlange!
39 Ein edles Selbstgefühl ergreift den jungen Mann:
»Hier hast du meine Hand!« Mehr ward kein Wort gesprochen.
Und wohl ihm, der, nach mehr als hundert Wochen,
Sich selbst das Zeugniß geben kann,
Er habe sein Gelübde nicht gebrochen!
Es war der schönste Sieg den Hüon je gewann.
Doch hat er oft die Furcht vorm Alten zu erröthen,
Oft Rezia's standhaftem Ernst vonnöthen.
40 Nichts unterhält so gut (versichert ihn der Greis)
Die Sinne mit der Pflicht im Frieden,
Als fleißig sie durch Arbeit zu ermüden;
Nichts bringt sie leichter aus dem Gleis
Als müß'ge Träumerey. Um der zuvor zu kommen,
Wird ungesäumt, so bald der Tag erwacht,
Die scharfe Axt zur Hand genommen,
Und Holz im Hain gefällt bis in die dunkle Nacht.
41 Noch eine Hütte für Amanden aufzurichten,
Und Dach und Wände wohl mit Leim und Moos zu dichten,
Dann zum Kamin, der immer lodern muß,
Und für den Herd, den nöthigen Überfluß
Von fettem Kien und klein gespaltnen Fichten
Hoch an den Wänden aufzuschichten,
Dieß und viel andres giebt dem Prinzen viel zu thun:
Allein es hilft ihm Nachts auch desto besser ruhn.
42 Zwar Anfangs will es ihm nicht gleich nach Wunsch gelingen,
Die Holzaxt statt des Ritterschwerts zu schwingen;
Die ungewohnte Hand greift alles schwerer an,
Und in der halben Zeit hätt' es ein Knecht gethan.
Doch täglich nimmt er zu, denn Übung macht den Meister;
Und fühlt er dann und wann sich dem Erliegen nah,
So wehet der Gedank', es ist für Rezia,
Sein Feuer wieder an, und stärkt die matten Geister.
43 Indessen Hüon sich im Wald ermüdet, pflegt
Der edle Greis, der mit noch festem Tritte
Die schwere Last von achtzig Jahren trägt,
Der Ruhe nicht; nur daß er von der Hütte
Sich selten weit entfernt. Kein heitrer Tag entflieht,
Der nicht in seinem lieben Garten
Ihn dieß und das zu thun beschäftigt sieht.
Amandens Sorge ist des kleinen Herds zu warten.
44 Da sähe man (wiewohl, wenn Engel nicht
Mit stillem Blick ihr Ebenbild umweben,
Wer sieht sie hier?) mit heiterm Angesicht,
Auf dem die Sorgen nur wie leichte Wölkchen schweben,
Die Königstochter gern sich jeder niedern Pflicht
Der kleinen Wirthschaft untergeben:
Auch was sie nie gekannt, viel minder je gethan,
Wie schnell ergreift sie es, wie steht ihr alles an!
45 Oft schürzt sie, ohne mindsten Harm
Daß ihre zarte Haut den schönen Schmelz verliere,
Beym Wassertrog, vor ihrer Hüttenthüre,
Den schlanken schwanenweißen Arm.
Die Freud' (ihr süßer Lohn) den väterlichen Alten
Und den geliebten Mann in einem Stand zu halten,
Der von dem Drückendsten der Armuth sie befreyt,
Veredelt, würdigt ihr des Tagwerks Niedrigkeit.
46 Und sieht sie dann (auch Er ist jener Engel einer)
Der heil'ge Greis, der von der Arbeit kehrt,
Und segnet sie: o dann ist ihre Freude reiner
Und inniger, als würd' ihr dreymahl mehr verehrt
Als sie zu Bagdad ließ. Wenn dann bey Sternenlichte
Die Nacht sie alle drey am Feuerherd vereint,
Und auf Amandens lieblichem Gesichte,
Das halb im Schatten steht, die Flamme wiederscheint:
47 Dann ruht, mit stillem liebevollen
Entzückten Blick, der junge Mann auf ihr,
Und seine Seele schwillt, und süße Thränen rollen
Die dunkle Wang' herab. Tief schweiget die Begier!
Sie ist ein überirdisch Wesen
Das ihm zum Trost erscheint – er ist beglückt genug
Daß er sie lieben darf, und o! in jedem Zug,
In jedem keuschen Blick, daß er geliebt ist, lesen!
48 Oft sitzen sie, der fromme freundliche Greis
In ihrer Mitt', Amanda seine rechte
In ihrer linken Hand, und hören halbe Nächte
Ihm zu, von seiner langen Lebensreis'
Ein Stück, das ihm lebendig wird, erzählen.
Vom Antheil, den die warmen jungen Seelen
An allem nehmen, wird's ihm selber warm dabey,
Dann werden unvermerkt aus zwey Geschichten drey.
49 Zuweilen, um den Geist des Trübsinns zu beschwören,
Der, wenn die Flur in dumpfer Stille trau'rt,
Im Schneegewölk mit Eulenflügeln lau'rt,
Läßt Hüon seine Kunst auf einer Harfe hören,
Die er von ungefähr in einem Winkel fand,
Lang' ungebraucht, verstimmt, und kaum noch halb bespannt:
Doch scheint das schnarrende Holz von Orfeus Geist beseelet,
So bald sich Rezia's Gesang mit ihm vermählet.
50 Oft lockte sie ein heller Wintertag,
Wenn fern die See von strenger Kälte rauchte,
Der blendend weiße Schnee dicht auf den Bergen lag,
Und itzt die Abendsonn' ihn wie in Purpur tauchte,
Dann lockte sie der wunderschöne Glanz
Im reinen Strom der kalten Luft zu baden.
Wie mächtig fühlten sie sich dann gestärkt! wie ganz
Durchheitert, neu belebt, und alles Grams entladen!
51 Unmerklich schlüpfte so die Winterzeit vorbey.
Und nun erwacht aus ihrem langen Schlummer
Die Erde, kleidet sich aufs neu
In helles Grün; der Wald, nicht mehr ein stummer
Verödeter Ruin, wo nur die Pfeiler stehn
Der prächt'gen Laubgewölb' und hohen Schattengänge
Des Tempels der Natur, steht wieder voll und schön,
Und Laub drückt sich an Laub in lieblichem Gedränge.
52 Mit Blumen decket sich der Busen der Natur,
Aufblühend lacht der Garten und die Flur;
Man hört die Luft von Vogelsang erschallen;
Die Felsen stehn bekränzt; die fließenden Krystallen
Der Quellen rieseln wieder rein
Am frischen Moos herab; den immer dichtern Hain
Durchschmettert schon, im lauen Mondenschein,
Die stille Nacht hindurch, das Lied der Nachtigallen.
53 Amanda, deren Ziel nun immer näher rückt,
Sucht gern die Einsamkeit, sucht stille dunkle Steige
Im Hain sich aus, und dicht gewölbte Zweige.
Da lehnt sie oft, von Ahnungen gedrückt,
An einem blüh'nden Baum, und freuet sich des Webens
Und Sumsens und Gedrängs und allgemeinen Lebens
In seinem Schooß – und drückt mit vorempfundner Lust
Ein lieblich Kind im Geist an ihre Brust;
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