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Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 26
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
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75 Wofür, wenn unser Untergehn
Beschlossen ist, wofür wär' alles dieß geschehn?
Mir sagt's mein Herz, ich glaub's, und fühle was ich glaube,
Die Hand, die uns durch dieses Dunkel führt,
Läßt uns dem Elend nicht zum Raube.
Und wenn die Hoffnung auch den Ankergrund verliert,
So laß uns fest an diesem Glauben halten;
Ein einz'ger Augenblick kann alles umgestalten!
76 Doch, laß das ärgste seyn! Sie ziehe ganz sich ab,
Die Wunderhand, die uns bisher umgab;
Laß seyn, daß Jahr um Jahr sich ohne Hülf' erneue,
Und deine liebende getreue
Amande finde hier auf diesem Strand ihr Grab;
Fern sey es, daß mich je, was ich gethan, gereue!
Und läge noch die freye Wahl vor mir,
Mit frohem Muth ins Elend folgt' ich dir!
77 Mir kostet's nichts von allem mich zu scheiden
Was ich besaß; mein Herz und deine Lieb' ersetzt
Mir alles; und, so tief das Glück herab mich setzt,
Bleibst Du mir nur, so werd' ich keine neiden
Die sich durch Gold und Purpur glücklich schätzt.
Nur, daß Du leidest, ist Amandens wahres Leiden!
Ein trüber Blick, ein Ach, das dir entfährt,
Ist was mir tausendfach die eigne Noth erschwert.
78 Sprich nicht von dem was ich für dich gegeben,
Für dich gethan! Ich that was mir mein Herz gebot,
That's für mich selbst, der zehenfacher Tod
Nicht bittrer ist als ohne dich zu leben.
Was unser Schicksal ist, hilft deine Liebe mir,
Hilft meine Liebe dir ertragen;
So schwer es sey, so unerträglich – hier
Ist meine Hand! – ich will's mit Freuden tragen.
79 Mit jedem Auf- und Niedergehn
Der Sonne soll mein Fleiß sich mit dem deinen gatten;
Mein Arm ist stark; er soll, dir beyzustehn
In jeder Arbeit, nie ermatten!
Die Liebe, die ihn regt, wird seine Kraft erhöhn,
Wird den geringsten Dienst mit Munterkeit erstatten.
So lang' ich dir zum Trost, zum Glück genugsam bin,
Tauscht' ich mein schönes Loos mit keiner Königin.
80 So sprach das beste Weib, und drückt mit keuschen Lippen
Das Siegel ihres Worts auf den geliebten Mund;
Und mit dem Kuß verwandeln sich die Klippen
Um Hüon her; der rauhe Felsengrund
Steht wieder zum Elysium umgebildet,
Verweht ist jede Spur der nackten Dürftigkeit;
Das Ufer scheint mit Perlen überstreut,
Ein Marmorsahl die Gruft, der Felsen übergüldet.
81 Von neuem Muth fühlt er sein Herz geschwellt.
Ein Weib wie dieß ist mehr als eine Welt.
Mit hoher himmelathmender Wonne
Drückt er dieß volle Herz an ihre offne Brust,
Ruft Erd' und Meer, und dich, allsehende Sonne,
Zu Zeugen seines Schwurs: »Ich schwör's auf diese Brust,
Den heiligen Altar der Unschuld und der Treue,
Vertilgt mich, ruft er aus, wenn ich mein Herz entweihe!
82 »Wenn je dieß Herz, worin dein Nahme brennt,
Der Tugend untreu wird, und deinen Werth verkennt,
Dich je, so lang' dieß Prüfungsfeuer währet,
Durch Kleinmuth quält, durch Zagheit sich entehret,
Je lässig wird, geliebtes Weib, für dich
Das äußerste zu leiden und zu wagen:
Dann, Sonne, waffne dich mit Blitzen gegen mich,
Und möge Meer und Land die Zuflucht mir versagen!«
83 Er sprach's, und ihn belohnt mit einem neuen Kuß
Das engelgleiche Weib. Sie freu'n sich ihrer Liebe,
Und stärken wechselsweis' einander im Entschluß,
So hart des Schicksals Herr auch ihre Tugend übe,
Mit festem Muth und eiserner Geduld
Auf beßre Tage sich zu sparen,
Und blindlings zu vertraun der allgewaltigen Huld,
Von der sie schon so oft den stillen Schutz erfahren.
84 Von beiden wurde noch desselben Tags die Bucht,
Die ihren Palmbaum trug, mit großem Fleiß durchsucht,
Und fünf bis sechs von gleicher Art gefunden,
Die hier und da voll goldner Trauben stunden.
Das frohe Paar, hierin den Kindern gleich,
Dünkt mit dem kleinen Schatz sich unermeßlich reich;
Bey süßem Scherz und fröhlichem Durchwandern
Des Palmenthals verfliegt ein Abend nach dem andern.
85 Allein der Vorrath schwand; ein Jahr, ein Jahr mit Bley
An Füßen, braucht's ihn wieder zu ersetzen,
Und, ach! mit jedem Tag wird ihr Bedürfniß neu.
Arm kann die Liebe sich bey Wenig glücklich schätzen,
Bedarf nichts außer sich, als was Natur bedarf
Den Lebensfaden fortzuspinnen;
Doch, fehlt auch dieß, dann nagt der Mangel doppelt scharf,
Und die allmächtigste Bezaubrung muß zerrinnen.
86 Mit Wurzeln, die allein der Hunger eßbar macht,
Sind sie oft manchen Tag genöthigt sich zu nähren.
Oft, wenn, vom Suchen matt, der junge Mann bey Nacht
Zur Höhle wiederkehrt, ist eine Hand voll Beeren,
Ein Mewen-Ey, geraubt im steilen Nest,
Ein halb verzehrter Fisch, vom gier'gen Wasserraben
Erbeutet, alles, was das Glück ihn finden läßt,
Sie, die sein Elend theilt, im Drang der Noth zu laben.
87 Doch dieser Mangel ist's nicht einzig der sie kränkt.
Es fehlt bey Tag und Nacht an tausend kleinen Dingen,
An deren Werth man im Besitz nicht denkt,
Wiewohl wir, ohne sie, mit tausend Nöthen ringen.
Und dann, so leicht bekleidet wie sie sind,
Wo sollen sie vor Regen, Sturm und Wind,
Vor jedem Ungemach des Wetters sicher bleiben,
Und wie des Winters Frost fünf Monden von sich treiben?
88 Schon ist der Bäume Schmuck der spätern Jahrszeit Raub,
Schon klappert zwischen dürrem Laub
Der rauhe Wind, und graue Nebel hüllen
Der Sonne kraftberaubtes Licht,
Vermischen Luft und Meer, und ungestümer brüllen
Die Wellen am Gestad, das kaum ihr Wüthen bricht;
Oft, wenn sie grimmbeschäumt den harten Fesseln zürnen,
Spritzt der zerstäubte Strom bis an der Felsen Stirnen.
89 Die Noth treibt unser Paar aus ihrer stillen Bucht
Nun höher ins Gebirg. Doch, wo sie hin sich wenden,
Umringet sie von allen Enden
Des dürren Hungers Bild, und sperret ihre Flucht.
Ein Umstand kommt dazu, der sie mit süßen Schmerzen
Und banger Lust in diesem Jammerstand
Bald ängstigt, bald entzückt – Amanda trägt das Pfand
Von Hüons Liebe schon drey Monden unterm Herzen.
90 Oft, wenn sie vor ihm steht, drückt sie des Gatten Hand
Stillschweigend an die Brust, und lächelnd hält sie Thränen
Zurück im ernsten Aug'. Ein neues zartres Band
Webt zwischen ihnen sich. Sie fühlt ein stilles Sehnen
Voll neuer Ahnungen den Mutterbusen dehnen;
Was innigers als was sie je empfand,
Ein dunkles Vorgefühl der mütterlichen Triebe,
Durchglüht, durchschaudert sie, und heiligt ihre Liebe.
91 Dieß süße Liebespfand ist ihr ein Pfand zugleich,
Sie werde nicht von Dem verlassen werden,
Der was er schafft in seinem großen Reich
Als Vater liebt. Gern trägt sie die Beschwerden
Des ungewohnten Stands, verbirgt behutsam sie
Vor Hüons Blick, und zeigt ihm ihren Kummer nie,
Läßt lauter Hoffnung ihn im heitern Auge schauen,
Und nährt in seiner Brust das schmachtende Vertrauen.
92 Zwar er vergaß des hohen Schwures nicht,
Den er dem Himmel und Amanden zugeschworen:
Doch desto tiefer liegt das drückende Gewicht;
Denn Sorgen ist nun doppelt seine Pflicht.
Bedarf es mehr sein Herz mit Dolchen zu durchbohren,
Als dieses rührende Gesicht?
Zeigt die gehoffte Hülf' in kurzer Zeit sich nicht,
So ist sein Weib, sein Kind, zugleich mit ihm verloren.
93 Schon viele Wochen lang verstrich
Kein Tag, an dem er nicht wohl zwanzigmahl den Rücken
Der Felsengruft bestieg, ins Meer hinaus zu blicken,
Sein letzter Trost! Allein, vergebens stumpft' er sich
Die Augen ab, im Schooß der grenzenlosen Höhen
Mit angestrengtem Blick ein Fahrzeug zu erspähen;
Die Sonne kam, die Sonne wich,
Leer war das Meer, kein Fahrzeug ließ sich sehen.
94 Itzt blieb ein einzigs noch. Es schien unmöglich zwar,
Doch, was ist dem der um sein Alles kämpfet
Unmöglich? Würde Jedes Haar
Auf seinem Kopf ein Tod, sein Muth blieb' ungedämpfet.
Von diesem Fels, worauf ihn Oberon verbannt,
War eine Seite noch ihm gänzlich unbekannt;
Ein fürchterlich Gemisch von Klippen und Ruinen
Beschützte sie, die unersteiglich schienen.
95 Itzt, da die Noth ihm an die Seele dringt,
Itzt scheinen sie ihm leicht erstiegne Hügel;
Und wären's Alpen auch, so hat die Liebe Flügel.
Vielleicht, daß ihm das Wagestück gelingt,
Daß sein hartnäck'ger Muth durch alle diese wilde
Verschanzung der Natur sich einen Weg erzwingt,
Der ihn in fruchtbare Gefilde,
Vielleicht zu freundlichen mitleid'gen Wesen bringt.
96 Amanden eine Last von Sorgen zu ersparen,
Verbirgt er ihr das ärgste der Gefahren,
In die er sich, zu ihrer beider Heil,
Begeben will. Sie selbst trägt ihren Theil
Von Leiden still. Sie sprachen nichts beym Scheiden,
Als, lebe wohl! so voll gepreßt war beiden
Das Herz; doch zeigt sein Aug' ihr eine Zuversicht,
Die wie ein Sonnenstrahl durch ihren Kummer bricht.
97 Da steht er nun am Fuß der aufgebirgten Zacken!
Sie liegen vor ihm da wie Trümmern einer Welt.
Ein Chaos ausgebrannter Schlacken,
In die ein Feuerberg zuletzt zusammen fällt,
Mit Felsen untermischt, die, tausendfach gebrochen,
In wilder ungeheurer Pracht,
Bald tief bis ins Gebiet der alten finstern Nacht
Herunter dräun, bald in die Wolken pochen.
98 Hier bahnet nur Verzweiflung einen Weg!
Oft muß er Felsen an sich mit den Händen winden,
Oft, zwischen schwindlig tiefen Schlünden,
Macht er, den Gemsen gleich, die Klippen sich zum Steg;
Bald auf dem schmalsten Pfad verrammeln Felsenstücke
Ihm Weg und Licht, er muß, so müd' er ist, zurücke,
Bald wehrt allein ein Strauch, den mit zerrißner Hand
Er fallend noch ergreift, den Sturz von einer Wand.
99 Wenn seine Kraft ihn schier verlassen will,
Ruft die entflohnen Lebensgeister
Amandens Bild zurück. Schwer athmend steht er still,
Und denkt an Sie, und fühlt sich neuer Kräfte Meister.
Es bleibt nicht unbelohnt, dieß echte Heldenherz!
Allmählich ebnet sich der Pfad vor seinen Tritten,
Und gegen das, was er bereits erstritten,
Ist, was zu kämpfen ihm noch übrig ist, nur Scherz.
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