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Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 25
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
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50 Matt wie sie war, erschöpfte diese Müh
Noch ihre letzte Kraft; es brachen ihr die Knie;
Sie sinkt am Ufer hin, und lechzt mit dürrem Gaumen.
Vom Hunger angenagt, von heißem Durst gequält,
An diesem wilden Ort, wo ihr's an allem fehlt,
Wie angstvoll ist ihr Loos! Wo mag ihr Hüon säumen?
Wenn ihn ein Unfall traf? vielleicht ein reißend Thier?
Es nur zu denken, raubt den Rest von Leben ihr!
51 Die schrecklichsten der Möglichkeiten
Mahlt ihr die Fantasie mit warmen Farben vor.
Umsonst bemüht sie sich mit ihrer Furcht zu streiten,
Ein Wellenschlag erschreckt ihr unglückahnend Ohr.
Zuletzt, so schwach sie ist, keicht sie mit Müh empor
Auf eines Felsen Stirn, und schaut nach allen Seiten,
Und mit dem letzten Sonnenblick
Entdeckt sie ihn – Er ist's! er kommt zurück!
52 Auch Er sieht sie die Arme nach ihm breiten,
Und zeigt ihr schon von fern die schöne goldne Frucht.
Von keiner schönern ward, in jenen Kindheitszeiten
Der Welt, das erste Weib im Paradies versucht.
Er hält, wie im Triumf, sie in den letzten Strahlen
Der Sonn' empor, die ihre glatte Haut
Mit flammengleichem Roth bemahlen,
Indeß Amanda kaum den frohen Augen traut.
53 So läßt sich unsrer Noth der Himmel doch erbarmen!
Ruft sie, und eine große Thräne blinkt
In ihrem Aug'; und eh' die Thräne sinkt
Ist Hüon schon in ihren offnen Armen.
Ihr schwacher Ton, und daß sie halb entseelt
An seinen Busen schwankt, heißt ihren Retter eilen.
Sie lagern sich; und, weil ein ander Werkzeug fehlt,
Braucht er sein Schwert die schöne Frucht zu theilen.
54 Hier zittert mir der Griffel aus der Hand!
Kannst du, zu strenger Geist, in solchem Jammerstand
Noch spotten ihrer Noth, noch ihre Hoffnung trügen?
Faul, durch und durch, und gallenbitter war
Die schöne Frucht! – Und bleich, wie in den letzten Zügen
Ein Sterbender erbleicht, sieht das getäuschte Paar
Sich trostlos an, die starren Augen offen,
Als hätt' aus heitrer Luft ein Donner sie getroffen.
55 Ein Strom von bittern Thränen stürzt mit Wuth
Aus Hüons Aug': von jenen furchtbarn Thränen,
Die aus dem halb gestockten Blut
Verzweiflung preßt, mit Augen voller Gluth,
Und gichtrisch zuckendem Mund und grimmvoll klappernden Zähnen.
Amanda, sanft und still, doch mit gebrochnem Muth,
Die Augen ausgelöscht, die Wangen welk, zu Scherben
Die Lippen ausgedörrt – Laß, spricht sie, laß mich sterben!
56 Auch Sterben ist an deinem Herzen süß;
Und Dank dem Rächer, der in seinem Grimme,
So streng er ist, doch diesen Trost mir ließ!
Sie sagt's mit schwacher halb erstickter Stimme,
Und sinkt an seine Brust. So sinkt im Sturm zerknickt
Der Lilie welkend Haupt. Von Lieb' und Angst verrückt
Springt Hüon auf, und schließt die theure Seele
In seinen Arm, und trägt sie nach der Höhle.
57 Ach! Einen Tropfen Wassers nur,
Gerechter Gott! schreyt er, halb ungeduldig,
Halb flehend, auf – Ich, ich allein, bin schuldig!
Mich treff' allein dein Zorn! mir werde die Natur
Ringsum zum Grab, zum offnen Höllenrachen!
Nur schone Sie! O leit' auf einer Quelle Spur
Den dunkeln Fuß! Ein wenig Wassers nur,
Ihr Leben wieder anzufachen!
58 Er geht aufs neu zu suchen aus, und schwört,
Sich eher selbst, von Durst und Hunger aufgezehrt,
In diesen Felsen zu begraben,
Eh' er mit leerer Hand zur Höhle wiederkehrt.
Er, ruft er weinend, der die jungen Raben
Die zu ihm schrey'n erbarmend hört,
Er kann sein schönstes Werk nicht hassen,
Er wird gewiß, gewiß, dich nicht verschmachten lassen!
59 Kaum sprach er's aus, so kommt's ihm vor
Als hör' er wie das Rieseln einer Quelle
Nicht fern von ihm. Er lauscht mit scharfem Ohr;
Es rieselt fort – Entzückt dankt er empor,
Und sucht umher; und, bey der schwachen Helle
Der Dämmerung, entdeckt er bald die Stelle.
In eine Muschel faßt er auf den süßen Thau,
Und eilt zurück, und labt die fast verlechzte Frau.
60 Gemächlicher des Labsals zu genießen,
Trägt er sie selbst zur nahen Quelle hin.
Es war nur Wasser – doch, dem halb erstorbnen Sinn
Scheint Lebensgeist den Gaum hinab zu fließen,
Däucht jeder Zug herzstärkender als Wein
Und süß wie Milch und sanft wie Öhl zu seyn;
Es hat die Kraft zu speisen und zu tränken,
Und alles Leiden in Vergessenheit zu senken.
61 Erquickt, gestärkt, und neuen Glaubens voll
Erstatten sie dem, der zum zweyten Mahle
Sie nun dem Tod entriß, des Dankes frohen Zoll;
Umarmen sich, und, nach der letzten Schale,
Strickt unvermerkt, am Quell auf kühlem Moos,
Der süße Tröster alles Kummers
Das Band der müden Glieder los,
Und lieblich ruhn sie aus im weichen Arm des Schlummers.
62 Kaum spielt die Morgendämmerung
Um Hüons Stirn, so steht er auf, und eilet
Auf neues Forschen aus; wagt manchen kühnen Sprung
Wo den zerrißnen Fels ein jäher Absturz theilet;
Spürt jeden Winkel durch, stets sorgsam daß er ja
Den Rückweg zu Amanden nicht verliere,
Und kummervoll, da er für Menschen und für Thiere
Das Eiland überall ganz unbewohnbar sah.
63 Ihn führt zuletzt südostwärts von der Höhle
Ein krummer Pfad in eine kleine Bucht;
Und im Gebüsch, das eine Felsenkehle
Umkränzt, entdeckt sich ihm, beschwert mit reifer Frucht,
Ein Dattelbaum. So leicht, wie, auf der Flucht
Zum Himmel, eine arme Seele
Die aus des Fegfeu'rs Pein und strenger Gluth entrann,
Klimmt er den Baum hinauf als stieg' er himmelan;
64 Und bricht der süßen Frucht so viel in seine Taschen
Sich fassen ließ, springt dann herab und fliegt,
Als gält's ein Reh in vollem Lauf zu haschen,
Das holde Weib, das stets in seinem Sinne liegt,
So wie sie munter wird, damit zu überraschen.
Noch lag sie, als er kam, schön in sich selbst geschmiegt,
In sanftem Schlaf; ihr glühn wie Rosen ihre Wangen,
Und kaum hält ihr Gewand den Busen halb gefangen.
65 Entzückt in süßes Schau'n, den reinsten Liebsgenuß,
Steht Hüon da, als wie der Genius
Der schönen Schläferin; betrachtet,
Auf sie herab gebückt, mit liebevollem Geitz
Das engelgleiche Bild, den immer neuen Reitz;
Dieß ist, die, ihm zu Lieb', ein Glück für nichts geachtet,
Dem, wer's erreichen mag, sonst alles, unbedingt,
Was theu'r und heilig ist zum frohen Opfer bringt!
66 »Um einen Thron hat Liebe dich betrogen!
Und, ach! wofür? – Du, auf dem weichen Schooß
Der Asiat'schen Pracht wollüstig auferzogen,
Liegst nun auf hartem Fels, der weite Himmelsbogen
Dein Baldachin, dein Bett ein wenig Moos;
Vor Wittrung unbeschützt und jedem Zufall bloß,
Noch glücklich, hier, wo Disteln kaum bekleiben,
Mit etwas wilder Frucht den Hunger zu betäuben!
67 »Und Ich – der, in des Schicksals strenger Acht,
Mit meinem Unglück, was mir nähert, anzustecken
Verurtheilt bin – anstatt vor Unfall dich zu decken,
Ich habe dich in diese Noth gebracht!
So lohn' ich dir was du für mich gegeben,
Für mich gewagt? Ich Unglücksel'ger, nun
Dein Alles in der Welt, was kann ich für dich thun,
Dem selbst nichts übrig blieb als dieses nackte Leben?«
68 Dieß quälende Gefühl wird unfreiwillig laut,
Und weckt aus ihrem Schlaf die anmuthsvolle Braut.
Das erste was sie sieht, ist Hüon, der, mit Blicken
In denen Freud' und Liebestrunkenheit
Den tiefern Gram nur halb erdrücken,
In ihren Schooß des Palmbaums Früchte streut.
Die magre Kost und eine Muschelschale
Voll Wassers macht die Noth zu einem Göttermahle.
69 Zum Göttermahl! Denn ruhet nicht ihr Haupt
An Hüons Brust? Hat Er sie nicht gebrochen,
Die süße Frucht? nicht Er des Schlummers sich beraubt,
Und ihr zu Lieb' so manche Kluft durchkrochen?
So rechnet ihm die Liebe alles an,
Und schätzt nur das gering, was sie für ihn gethan.
Die Wolken zu zerstreun, die seine Stirn umdunkeln,
Läßt sie ihr schönes Aug' ihm lauter Freude funkeln.
70 Er fühlt den Überschwang von Lieb' und Edelmuth
In ihrem zärtlichen Betragen;
Und mit bethräntem Aug' und Wangen ganz in Gluth
Sinkt er an ihren Arm. O sollt' ich nicht verzagen,
Ruft er, mich selbst nicht hassen, nicht
Verwünschen jeden Stern, der auf die Nacht geschimmert
Die mir das Leben gab, verwünschen jenes Licht
Als ich im Mutterarm zum ersten Mahl gewimmert?
71 Dich, bestes Weib, durch mich, durch mein Vergehn,
Von jedem Glück herab gestürzt zu sehn,
Von jedem Glück, das dir zu Bagdad lachte,
Von jedem Glück, das ich dich hoffen machte
In meinem väterlichen Land!
Erniedrigt – dich! – zu diesem dürftigen Stand!
Und noch zu sehn, wie du dieß alles ohne Klagen
Erträgst – Es ist zu viel! Ich kann es nicht ertragen!
72 Ihn sieht mit einem Blick, worin der Himmel sich
Ihm öffnet, voll von dem, was kaum ihr Busen fasset,
Amanda an: Laß, spricht sie, Hüon, mich
Aus dem geliebten Mund was meine Seele hasset
Nie wieder hören! Klage dich
Nicht selber an, nicht den, der was uns drücket
Uns nur zur Prüfung, nicht zur Strafe zugeschicket;
Er prüft nur die er liebt, und liebet väterlich.
73 Was uns seit jenem Traum, der Wiege unsrer Liebe,
Begegnet ist, ist's nicht Beweis hiervon?
Nenn, wie du willst, den Stifter unsrer Triebe,
Vorsehung, Schicksal, Oberon,
Genug, ein Wunder hat dich mir, mich dir gegeben!
Ein Wunder unser Bund, ein Wunder unser Leben!
Wer führt' aus Bagdad unversehrt
Uns aus? Wer hat der Flut, die uns verschlang, gewehrt?
74 Und als wir, sterbend schon, so unverhofft den Wogen
Entrannen, sprich, wer anders als die Macht
Die uns beschützt, hat uns bisher bedacht?
Aus ihrer Brust hab' ich's gesogen,
Das Wasser, das in dieser bangen Nacht
Mein kaum noch glimmend Licht von neuem angefacht!
Gewiß auch dieses Mahl, das unser Leben fristet,
Hat eine heimliche wohlthät'ge Hand gerüstet!
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