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Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 21
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
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54 So sanft Rosette war, so fiel doch solch Betragen
Ihr schwer aufs Herz. Er nennt es Liebe zwar:
Allein sie sah zu wohl nur, was es war,
Und fing, anstatt sich fruchtlos zu beklagen,
Zu überlegen an. So neben einem Mann
Von siebenzig, mit Gicht und Stein beladen,
Durchs Leben, wie durch einen Sumpf, zu waden,
Und noch gequält dazu, däucht ihr ein harter Bann.
55 Gar vieles, was sie sonst geduldig übersehen,
Scheint in dem Licht, worin sie jetzt es sehen muß,
Höchst widerlich und gar nicht auszustehen.
Sein Zärtlichthun ist jetzt ihr herzlichster Verdruß,
Sein Scherz unleidlich plump, und ekelhaft sein Kuß;
Wagt er noch mehr, so möchte man vergehen!
Und sie, o grausam! sie ist jung und schön für ihn,
Und was ihm unnütz ist, muß sie sich selbst entziehn!
56 Und was entschädigt sie? Der Stadt gesellige Freuden,
Tanz, Schauspiel, alles das ist ihr verbotne Frucht!
Von niemand wird ihr altes Schloß besucht;
Als gingen Geister drin, scheint jeder es zu meiden.
Ein großer Garten hoch mit einer Mau'r umfaßt,
Ist alles was sie hat – im Kreis sich zu bewegen;
Zum Träumen kann sie da an einen Baum sich legen,
Und dann sogar ist ihr der blinde Mann zur Last.
57 Ein junger Edelknecht, in Gangolfs Schloß erzogen
Und über seinen Stall gesetzt,
Wird itzt zum ersten Mahl betrachtenswerth geschätzt.
Er hatte zwar schon lange sich verwogen,
Mit schmachtender Begier die Dame anzusehn,
Und oft gesucht ihr's mündlich zu gestehn,
Doch, da sie stets dem Anlaß ausgebogen,
Auch wieder ehrfurchtsvoll zurücke sich gezogen.
58 Jetzt aber, da Verdruß und Gram
Und lange Weil' bey Tag, und noch langweil'gers Wachen
Bey Nacht, Zerstreuungen ihr zum Bedürfniß machen,
Kein Wunder, daß sie jetzt die Sache anders nahm.
Es däucht ihr hart, in ihren schönsten Tagen
So gänzlich allem Trost des Lebens zu entsagen;
Und Walter, dessen Blick nun wieder Muth bekam,
War unermüdet, sich zum Tröster anzutragen.
59 Sein Eifer wächst je mehr er Raum gewinnt.
Er fleht; sie weigert sich: doch unvermerkt entspinnt
Sich ein Verständniß zwischen ihnen,
Wovon die Augen bloß die Unterhändler sind;
Denn Gangolf war nicht an den Ohren blind,
Und öfters kann ein Ohr für hundert Augen dienen.
Der Alte spitzt die seinen gleich und lauscht
Wenn von Rosettens Kleid nur eine Falte rauscht.
60 Ein solcher Zwang verkürzt die Komplimente
Des Widerstands, und in sehr kurzer Zeit
Sind Walter und die Dame schon so weit
Daß nur die Frage ist, wie man sich nähern könnte?
Von ihrem Drachen, den sein Husten Tag und Nacht
Nicht ruhen läßt, gebannet und bewacht,
Was wird die junge Frau ersinnen,
Um etwas Raum und Zeit für Walter zu gewinnen?
61 Noth schärft den Witz. Indem sie hin und her
Auf Wege denkt, erwählt, verwirft, im besten
Viel Schwierigkeiten sieht, fällt ihr von ungefähr
Ein Birnbaum ein mit stufengleichen Ästen,
Der, an der Rasenbank im Garten, wo sich rund
Um einen Marmorbrunnen Hecken
Von Myrten ziehn, hoch überhangend stund,
Den Schattensitz vor Sonnengluth zu decken.
62 Zu diesem anmuthsvollen Ort,
Den laue Lüftchen stets umfliegen,
Pflegt oft, zur Sommerszeit, wenn alles lechzt und dorrt,
Mit seinem Weibchen sich der Alte zu verfügen,
Um an des Brunnens kühlem Bord
Ein Stündchen oder zwey auf ihrem Schooß zu liegen –
Zum Garten hat jedoch den Schlüssel er allein,
Und außer ihm und ihr kam keine Seel' hinein.
63 Was nun zu thun, den Schlüssel zu bekommen,
Den stets im Unterkleid der Alte bey sich führt?
Der wird beym Schlafengehn ganz sachte weggenommen,
Und, während daß der Mann sein Ave psalmodiert,
In Wachs gedrückt, sodann am nächsten Morgen
Der Abdruck unvermerkt in Walters Hand gespielt,
Und ein Postskript dazu, das ihm den Baum empfiehlt;
Das übrige wird Walter schon besorgen.
64 Nun, was geschah? Es war ein schöner warmer Tag
Zu End' Augusts, als unsern blinden Alten
Die Sonne lockt, wie er zuweilen pflag,
Die Mittagsruh im Myrtenrund zu halten.
Komm, meine Taube, spricht zu seinem andern Ich
Der graue Tauber, komm, mein Röschen, führe mich
Zu jenem stillen Grund, wo, seit er uns verbunden,
Der Gott der Eh' so oft uns Arm in Arm gefunden.
65 Rosette winkt, und Walter schleicht voran;
Die Gartenthür wird leise aufgethan
Und wieder zugemacht; dann geht es an ein Fliegen
Dem Brunnen zu; der Birnbaum wird erstiegen,
Und, wo der breit'ste Ast sich sanft gebogen krümmt,
Des Weibchens Thron im dichtsten Laub bestimmt.
Der Alte kommt indeß, mit ungewissen Tritten,
An seines Röschens Arm allmählich angeschritten.
66 Weil nun der Mund beynah das einz'ge blieb,
Das noch, in viel und mancherley Gebrechen,
Ihm Dienste that, so war, von seiner Lieb'
Und von dem Paradies des Ehstands ihr zu sprechen,
Gewöhnlich das, womit er ihr die Zeit vertrieb.
Er mischte dann, vielleicht sie zu bestechen,
Von ihren Reitzungen viel Poesie hinein,
Und meistens kam ein Stück von Predigt hinter drein.
67 Aus diesem Ton war's unterwegs gegangen,
Und, da sie glücklich nun beym Brunnen angelangt,
(Wo, wie ihr wißt, der schöne Birnbaum prangt)
Da hatte Gangolf auch, nachdem er ihr die Wangen
Gestreichelt, und (wiewohl vom Husten stark geplagt)
Viel zärtliches und süßes vorgesagt,
Die Predigt eben angefangen,
Die ihr im Angesicht des Birnbaums schlecht behagt.
68 Ist, sprach er – da er so, die Stirn an ihrer Brust,
Im Schatten bey ihr saß, und an dem runden, weichen,
Atlaßnen Arm sanft auf und ab zu streichen
Nicht müde ward – ist wohl der Unschuld unsrer Lust,
Der Ruh, dem süßen Trost, dem alle Freuden weichen,
Dem Glück geliebt zu seyn, geliebt und sich bewußt
Man sey es würdig – kurz, dem was du fühlen mußt
Wenn du mich liebst, ein Glück auf Erden zu vergleichen?
69 O sprich, mein Röschen, – hier begann
Der alte Herr noch zärtlicher zu streicheln –
Doch rede frey und ohne alles Heucheln,
(Denn einer höret uns, den niemand täuschen kann)
Darf sich auch wohl dein armer blinder Mann,
Der dich so zärtlich liebt, darf sich dein Gangolf schmeicheln,
Daß du ihn wieder liebst? daß er dein Alles ist,
Dein ganzes Herz erfüllt, wie du sein Alles bist?
70 Zwar freylich, wollten wir die alten Sagen schätzen,
Wär' einem Mann nichts minder zu verzeihn,
Als an ein Weib sein ganzes Herz zu setzen,
Zu bau'n auf ihre Treu', zu trauen ihrem Schein.
Längst lehrten uns, aus Tonnen und von Thronen,
Der Narr Diogenes, die weisen Salomonen,
Es sey des Weibes Herz kein zuverlässig Gut,
Und ihrer List nichts gleich als ihre Wankelmuth.
71 Nichts von den weltlichen Geschichten
Zu sagen, sehn wir nicht sogar das heil'ge Buch
Den Ruhm der Weibertreu' von Anbeginn vernichten?
Kam auf die Menschheit nicht durchs erste Weib der Fluch?
Von seinen Töchtern ward der fromme Loth betrogen;
Die Kinder Gottes selbst, schon vor der großen Flut,
Verbrannten sich, von Weibern angezogen,
Die Fittiche an ihrer strafbarn Gluth.
72 Die Delila'n, die Jaeln, Jesabellen
Und Bathseba'n, und wie ihr Nahme heißt,
Ist unvonnöthen dir im Reihen aufzustellen,
Wiewohl die Schrift sie nicht der Treue halben preist:
Doch diese Judith, die den tapfern, frommen, alten
Feldmarschall Holofern erst in die Arme schlingt,
Erst liebetrunken macht, und dann ums Leben bringt,
Wer kann dabey der Thränen sich enthalten?
73 Wär' aber auch der Weiber größte Zahl
An Lastern noch so reich, an Tugend noch so kahl,
Dir, meine Einz'ge, Auserwählte,
Dir, meines Alters Trost und meiner Augen Licht,
Dir trau' ich's zu, du bliebst getreu an deiner Pflicht,
Und fehltest nicht, wenn auch die beste fehlte.
Dein Gangolf, der so rein, so treu dich liebt,
Wird, o gewiß! von dir so grausam nie betrübt?
74 Wozu, versetzt mit schuldbewußten Wangen
Die junge Frau, und zieht den Schwanenarm,
Womit sie um den Gürtel ihn umfangen,
Mißmüthig weg – wozu, versetzt sie rasch und warm,
All' diese Litaney? Womit in meinem Leben
Hab' ich dazu Gelegenheit gegeben?
Wie? soll ich glauben, daß dein Herz an meiner Treu'
Nur einen Augenblick zu zweifeln fähig sey?
75 Unglückliche! ist dieß für alle meine Liebe
Zuletzt der Lohn? Wem gab ich ganz mich hin?
Der Unschuld ersten Kuß, der Jugend erste Triebe,
Wer hatte sie? – Und ach! daß ich zu zärtlich bin,
Ist mein Verbrechen nun! Ein Herz ist ihm verdächtig
Das keinen andern kennt, für ihn nur stärker schlug!
Hoffärt'ger, hast du nicht an diesem Sieg genug?
Auch quälen mußt du mich? O grausam! niederträchtig!
76 Hier hielt sie ein, als ob der übermäßige Schmerz
Die Stimm' in ihrer Brust erstickte;
Und schluchzend fiel der Greis ihr um den Hals und drückte
Das treue Weib reumüthig an sein Herz.
O weine nicht, mein Liebchen, o verzeihe
Was Liebe nur gefehlt! Ich wollte nicht Verdruß
Dir machen; o verzeih, und gieb mir einen Kuß!
Bey Gott! ich zweifle nicht an meines Röschens Treue!
77 So seyd ihr! sprach Rosett', indem sie seinem Kuß
Sanft sträubend sich entzog, so seyd ihr Männer alle!
Erst lockt ihr uns so schmeichelnd in die Falle,
Und habt ihr uns, macht ruhiger Genuß
Statt frischem Blut bey euch nur böse Galle.
Weh dann der armen Frau, die euch befried'gen muß!
Das Flämmchen selbst, das ihr so eifrig angeblasen,
Giebt euch zum Argwohn Stoff, und macht euch heimlich Rasen.
78 Der gute Mann, den sehr zur ungelegnen Zeit
Sein Hüftweh überfällt, weiß seinem armen Leibe
Sonst keinen Rath, als dem getreuen Weibe
Betheurungen zu thun von seiner Zärtlichkeit,
Und daß der Schatten nur von Argwohn himmelweit
Von seinem Herzen sey und bleibe.
Somit bestätigt denn der neue Friedensschluß
Von beiden Theilen sich mit einem süßen Kuß.
79 Das wackre Ehpaar sank, aus Leerheit oder Fülle
Des Herzens, wie ihr wollt, in eine tiefe Stille.
Rosette seufzt. Der Alte fragt, warum?
Nichts, sagt sie wieder seufzend, und bleibt stumm.
Er dringt in sie. »Sey unbesorgt, mein Lieber,
Es ist ein Lüstern nur, und geht vielleicht vorüber.« –
Ein Lüstern? – Ich versteh'! – Wie glücklich machtest du
Mein Alter noch! – Sie schweigt und seufzt noch eins dazu.
80 Da hätten wir die Frucht von deinem kalten Baden,
Fuhr Gangolf fröhlich fort. Sag' an! es könnte dir,
Wenn du's verhielt'st, und dem Verborgnen schaden!
O! spricht sie, sähest du den schönen Birnbaum hier,
So frisch von Laub, so strotzend voll beladen
Mit reifer goldner Frucht! die Äste brechen schier!
Ich sagte nichts, aus Furcht du möchtest zürnen,
Allein – ich gäb' ein Aug' um eine dieser Birnen!
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