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Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 20
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
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27 Das heil'ge Bad der Christen zu empfangen
Stand nun (wie unser Held in seiner Einfalt meint)
Ihr weiter nichts im Weg. Ihr ist's, um vor Verlangen
Zu brennen, schon genug, daß er darnach zu bangen
Und jedes Augenblicks Verzug zu hassen scheint.
Ein Jünger Sankt Basils, ein großer Heidenfeind,
der sich im Schiffe fand, wird leicht gewonnen, ihnen
Für die Gebühr hierin mit seinem Amt zu dienen.
28 Die schöne Rezia, die nun Amanda hieß
Seitdem sie in den Christenorden
Getreten war, gewann nicht nur das Paradies,
Sie schien dadurch sogar noch eins so schön geworden.
Allein von Hüon wich zur Stunde sichtbarlich
Sein guter Geist. Es war, im Taumel des Entzückens,
Des Herzens und des Händedrückens
Kein End'. Umsonst zerwinkt der treue Alte sich;
29 Vergebens stellt sich Fatme gegenüber:
Der gute Paladin in seinem Seelenfieber
Vergißt des Zwergs, der Warnung, der Gefahr.
Der Alte hätte sich zu Tode winken können,
Die Wonn', in die er ganz versunken war,
Sie, deren Kuß nun Engel selbst ihm gönnen,
Zu drücken an sein Herz, Amanda sie zu nennen,
Umnebelt seinen Blick, berauscht ihn ganz und gar.
30 Auch Rezia, seitdem sie von Amanden
Den Nahmen eingetauscht, glaubt freyer von den Banden
Des Zwangs zu seyn, ist nicht mehr Rezia, vergißt
Nun desto leichter Königswürde,
Hof, Vaterland, und kurz, was nicht Amanda ist.
Die Rückerinnerung, die sonst wie eine Bürde
Zuweilen noch an ihrem Nacken hing,
Fiel mit dem Nahmen ab, den sie im Tausch empfing.
31 Sie ist nun ganz für Hüon neu geboren,
Gab alles, was sie war, für ihn,
Gab einen Thron um Liebe hin,
Und fühlt' in seinem Arm, sie habe nichts verloren.
Sie gab sich weg, und ist Amande, nun
Für Liebe nur, durch Liebe nur zu leben,
Hat in der Welt nichts andres mehr zu thun
Nichts andres zu empfangen noch zu geben.
32 Der wackre Scherasmin, der das verliebte Paar
In solcher Stimmung sieht, erschrickt vor ihren Blicken.
Er wird darin ich weiß nicht was gewahr,
Das lüstern ist verbotne Frucht zu pflücken.
Ein Zeuge drückte sie, das sah er offenbar.
Sie küßten sich, so bald er nur den Rücken
Ein wenig kehrt, so rasch, so durstiglich,
Und wurden roth, so bald sein Auge sie bestrich.
33 Im Spiegel seiner eignen Jugend
Sieht er nur allzu gut was beide nicht mehr sahn;
Sieht, einer Motte gleich, die unerfahrne Tugend
Sich ahnungslos der schönen Flamme nahn.
Wie lieblich zieht der Glanz, die sanfte Wärme an!
Durch ihre Unschuld selbst betrogen
Umtaumelt sie das Licht in immer kleinern Bogen,
Und plötzlich ach! verbrennt sie ihre Flügel dran.
34 In dieser Noth läßt der getreue Alte
(Mit Fatmen ingeheim zu diesem Zweck vereint)
Nichts unversucht, was ihm ein Mittel scheint,
Daß wenigstens bis Rom des Ritters Weisheit halte;
Ihm fällt bald dieß bald jenes ein,
Sie zu beschäftigen, zu stören, zu zerstreun;
Zuletzt schlägt er, da alle Mittel fehlen,
Zur Abendkürzung vor, ein Mährchen zu erzählen.
35 Ein Mährchen nennt' er es, wiewohl es freylich mehr
Als Mährchen war. Ihm hatt' es ein Kalender
Zu Basra einst erzählt, als er die Morgenländer
Nach seines Herren Tod durchirrte, lang' vorher,
Eh' in die Kluft des Libans aus den Wogen
Der stürmevollen Welt er sich zurückgezogen:
Und da es itzt in ihm gar lebhaft sich erneut,
Glaubt er, es sey vielleicht ein Wort zu rechter Zeit.
36 Und so beginnt er denn: Vor etwa hundert Jahren
Lebt' an den Ufern des Tessin
Ein Edelmann, an Weisheit ziemlich grün,
Wiewohl sehr grau an Bart und Haaren;
Von Podagra und Gicht, der späten bittern Frucht
Zu viel genoßner Lust, fast täglich heimgesucht;
Ein Hofmann übrigens, galant und wohl erfahren,
Und in der Kriegeskunst der Minne wohl versucht.
37 Dem war, nachdem er lang' sein sündliches Vergnügen
Daran gehabt, im Hagestolzenstand
Auf Amors freyer Bürsch' Berg auf Berg ab im Land
Herum zu ziehn, und, wo er Eingang fand,
Bey seines Nächsten Weib zu liegen;
Ihm, sag' ich, war zuletzt der Einfall aufgestiegen,
Den steifen Hals, noch an des Lebens Rand,
Ins sanfte Joch der heil'gen Eh' zu schmiegen.
38 Mit viel Geschmack und wohl verkühltem Blut
Sucht er ein Kind sich aus, wie er's zu Tisch und Bette,
Zu Scherz und Ernst, gerade nöthig hätte,
Zumahl zur Sicherheit; ein Mädchen, fromm und gut,
Unschuldig, sittsam, unerfahren,
Keusch wie der Mond und frey von aller eiteln Lust,
Jung überdieß, pechschwarz von Aug' und Haaren,
Von Farbe rosenhaft, und rund von Arm und Brust.
39 Von allen drey und dreyßig Stücken,
Womit ein schönes Weib, sagt man, versehen ist,
Hätt' er kein einzigs gern an seiner Braut vermißt,
Am wenigsten das Aug', in dessen Feuerblicken
Ein feuchtes Wölkchen schwimmt, die kleine weiche Hand,
Die Lippen, die dem Kuß entgegen schwellen,
Das runde Knie, der Hüften schöne Wellen,
Und unter sanftem Druck den süßen Widerstand.
40 Der gute alte Herr, beym Kauf so schöner Waare,
Vergaß nur Eins – die fünf und sechzig Jahre,
Die seinen Kopf bereits mit Schnee bestreun.
Zwar macht' er, aus geheimer Vorempfindung,
Ausdrücklich zum Beding der ehlichen Verbindung,
Sie sollte reitzvoll, warm, und alles das, allein
Für ihn, und kalt wie Eis für jeden andern bleiben:
Allein, wer wird für Sie die Klausel unterschreiben?
41 Rosette that's. Rosette war ein Kind,
War auf dem Land, dem Veilchen gleich, im Schatten
Verborgen aufgeblüht, war froh und leicht gesinnt,
Und sah in ihrem künftigen Herrn und Gatten
Nichts als den Mann der sie zur großen Dame macht,
Ihr reiche Kleider gab und tausend schöne Sachen,
Die Kindern, wie sie war, bey Tage Kurzweil machen;
An andres hatte noch ihr Herzchen nie gedacht.
42 Die Hochzeit ward demnach mit großer Pracht vollzogen.
Der edle Bräut'gam, zwar ein wenig steif und schwer,
Stapft an Rosettens Hand gar ehrenfest einher,
Und wähnt sein Taufschein hab' um zwanzig ihn belogen.
Was Augen hat läuft schaarenweis' herbey
Den prächt'gen Kirchgang anzustaunen;
Ein stattlich Paar! hört man zu beiden Seiten raunen;
Sie gleichen sich – wie Januar und May.
43 Rosettens Unschuld war (wie in dergleichen Fällen
Gewöhnlich ist) des alten Gangolfs Stolz:
Er schien am zweyten Tag vor hohem Muth zu schwellen,
Und schritt einher gerader als ein Bolz.
Es war der letzte Trieb von einem dürren Holz!
Die Übel, die sich gern zu grauer Liebe gesellen,
Begannen bald bey ihm sich reichlich einzustellen;
Je wärmer Röschen ward, je mehr ihr Alter schmolz.
44 Indeß verdoppelt er auf andre Art die Proben
Von seiner Zärtlichkeit, beschenkt sie täglich schier
Mit neuem Modekram, mit Spitzen, schönen Roben,
Juwelen, kurz, mit allem was er ihr
An Augen ansehn kann. Es koste was es wolle,
Was ihr Vergnügen macht, das ist für ihn Genuß;
Er fordert nichts dafür als höchstens einen Kuß;
Mit Einem Wort, er spielt die – Alten-Mannes-Rolle.
45 Rosette, jugendlich vergnügt mit ihrem Loos,
Spart auch dagegen nichts den Alten zu vergnügen
Nach seiner Art; setzt sich auf seinen Schooß
So viel er will, und läßt auf seinem Knie sich wiegen,
Läßt aus Gefälligkeit ihn tändeln wie er kann,
Pflegt seiner, liebevoll, in seinem Unvermögen;
Und, wandelt ihn (wie oft) die Schlafsucht an,
Darf er sein schweres Haupt auf ihren Busen legen.
46 So lebten sie in Eintracht manches Jahr
Zusammen, keusch und treu wie fromme Turteltauben,
So treu ergeben Sie, und Er so voller Glauben,
Daß jedermann dadurch erbauet war.
Der gute Mann vergaß bey ihren Scherzen
Sein Podagra und seine Rückenschmerzen,
Und seinetwegen bloß beklagt' in ihrem Herzen
Die junge Frau sein zehntes Stufenjahr.
47 Allein, es kam; und ach! zu ihrem großen Leide,
Ein Übel kam mit ihm auf Gangolfs graues Haupt,
Das seiner liebsten Augenweide
Den armen Greis auf lebenslang beraubt.
Nie wird er wieder sich an ihren Blicken sonnen,
Nie wieder sehn dieß reitzende Oval,
Wovon zu Engeln und Madonnen
So mancher Mahler gern die sanften Züge stahl!
48 Wer sollt' ihm nun die lange Zeit vertreiben,
Dem armen blinden Mann, hätt' er Rosetten nicht?
Was würd' aus ihm, wär's ihr nicht süße Pflicht,
Untrennbar Tag und Nacht an ihn geklebt zu bleiben,
Ihm immer Arm und Augenlicht
Zu leihn, für ihn zu lesen und zu schreiben,
Zu fragen was ihm fehlt, und, quälet ihn die Gicht,
Mit leichter warmer Hand ihm Knie und Fuß zu reiben?
49 Rosette, immer sanft, gefällig, mitleidsvoll,
Entrichtet ohne Zwang und Murren
Der Ehstandspflicht auch diesen schweren Zoll;
Aufmerksam stets, (wiewohl bey seinem Knurren
Ihr heimlich oft die Gall' ein wenig schwoll)
Daß ja ihr Alter nichts zu klagen haben soll.
Zum Unglück fing er itzt, trotz ihrem guten Willen,
In seinem Sorgestuhl die schlimmste aller Grillen.
50 Der ärgste Feind, der je sich aus der Hölle schlich
Die Sterblichen zu necken und zu quälen,
Fuhr in den armen Mann, und plagt' ihn jämmerlich.
Alt, schwach und blind, wie konnt' er sich verhehlen,
Rosette sey, so sehr sie einem Engel glich,
Doch nur ein Weib? Konnt's an Versuchern fehlen?
Die Welt ist rings umher von offnen Augen voll,
Und ach! das Auge blind, das sie beleuchten soll!
51 So jung, so schön, so ganz aus lauter Liebeszunder
Gewebt, wer kann sie sehn und nicht vor Sehnsucht glühn?
Wo sah man je so frische Wangen blühn?
Je Augen funkelnder und Lilienarme runder?
Zwar ist sie tugendhaft; sie wird ja freylich fliehn:
Doch, wenn sie auf der Flucht nun glitschte? wär' es Wunder?
Der Grund, worauf sie flieht, ist hell geschliffner Stahl,
Und ach! die Einmahl fällt, die fällt für allemahl.
52 Selbst ihre Tugenden, ihr sanftgefällig Wesen,
Ihr leichter Sinn, stets froh und guter Ding',
Was sonst an ihr das liebste ihm gewesen,
Die holde Scham sogar, womit sie ihn umfing,
Und was ihm sonst von ihren tausend Reitzen,
Entschleiert und verschont, sein Seelenspiegel weist,
Das alles hilft itzt nur dem Argwohn, der ihn beißt,
Sich in sein wundes Herz noch tiefer einzubeitzen.
53 Der Sklaverey, worin das gute junge Weib
Seit dieser Zeit verlechzt, ist keine zu vergleichen.
Stets angeschnallt an seinen siechen Leib,
Darf sie ihm Tag und Nacht nicht von der Seite weichen.
Mißtrauisch aufgeschreckt von jedem leisen Wort,
Trägt er die Augen nun an seinen Finger-Enden,
Und Nachts liegt eine stets von seinen knot'gen Händen
Bald da, bald dort auf ihr, aus Furcht sie schleich' ihm fort.
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