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Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 17
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
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44 Zurück! es ist kein Weg zu diesem Busen
Als mitten durch den meinen! ruft sie laut;
Und ihr, noch kaum so sanft wie Amors holde Braut,
Giebt die Verzweiflung itzt die Augen von Medusen.
Vermeßne, haltet ein, ruft sie den Emirn zu,
Zurück! – O schone sein, mein Vater! und, o du,
Den zum Gemahl das Schicksal mir gegeben,
O spart mein Blut in euer beider Leben!
45 Umsonst! des Sultans Wuth und Dräun
Nimmt überhand, die Heiden dringen ein.
Der Ritter läßt sein Schwert vergebens blitzen,
Noch hält ihm Rezia den Arm. Ihr ängstlich Schreyn
Durchbohrt sein Herz. Was bleibt ihm sie zu schützen
Noch übrig, als sein Horn von Elfenbein?
Er setzt es an den Mund, und zwingt mit sanftem Hauche
Den schönsten Ton aus seinem krummen Bauche.
46 Auf einmahl fällt der hoch gezückte Stahl
Aus jeder Faust; in raschem Taumel schlingen
Der Emirn Hände sich zu tänzerischen Ringen;
Ein lautes Hussa schallt Bacchantisch durch den Sahl,
Und jung und Alt, was Füße hat, muß springen;
Des Hornes Kraft läßt ihnen keine Wahl:
Nur Rezia, bestürzt dieß Wunderwerk zu sehen,
Bestürzt und froh zugleich, bleibt neben Hüon stehen.
47 Der ganze Divan dreht im Kreis
Sich schwindelnd um; die alten Bassen schnalzen
Den Takt dazu; und, wie auf glattem Eis,
Sieht man den Imam selbst mit einem Hämmling walzen.
Noch Stand noch Alter wird gespart;
Sogar der Sultan kann der Lust sich nicht erwehren,
Faßt seinen Großwessir beym Bart,
Und will den alten Mann noch einen Bockssprung lehren.
48 Die nie erhörte Schwärmerey
Lockt bald aus jedem Vorgemache
Der Kämmerlinge Schaar herbey,
Sodann das Frauenvolk, und endlich gar die Wache.
Sie all' ergreift die lust'ge Raserey:
Der Zaubertaumel setzt den ganzen Harem frey;
Die Gärtner selbst in ihren bunten Schürzen
Sieht man sich in den Reihn mit jungen Nymfen stürzen.
49 Als eine, die kaum ihren Augen glaubt,
Steht Rezia, des Athems fast beraubt.
Welch Wunder! ruft sie aus; und just in dem Momente,
Wo nichts als dieß uns beide retten könnte!
Ein guter Genius ist mit uns, Königin,
Versetzt der Held. Indem kommt durch die Haufen
Der Tanzenden sein treuer Scherasmin
Mit Fatmen gegen sie gelaufen.
50 Kommt, keicht er, lieber Herr! Wir haben keine Zeit
Dem Tanzen zuzusehn; die Pferde stehn bereit,
Die ganze Burg ist toll, die Thüren alle offen
Und unbewacht; was säumen wir?
Auch hab' ich unterwegs Frau Fatmen angetroffen,
Zur Flucht bepackt als wie ein lastbar Thier.
Sey ruhig, spricht der Held, noch ist's nicht Zeit zu gehen,
Erst muß das Schwerste noch geschehen.
51 Die schöne Rezia erblaßt bey diesem Wort;
Ihr ängstlich Auge scheint zu fragen und zu bitten:
»Warum verziehn? warum am steilen Bord
Des Untergangs verziehn? O laß mit Flügelschritten
Uns eilen, eh' der Taumelgeist zerrinnt,
Der unsrer Feinde Sinne bind't!«
Doch Hüon, unbewegt, begnüget sich, mit Blicken
Voll Liebe ihre Hand fest an sein Herz zu drücken.
52 Allmählich ließ nunmehr die Kraft des Hornes nach;
Die Köpfe schwindelten, die Beine wurden schwach,
Kein Faden war an allen Tänzern trocken,
Und, in der athemlosen Brust
Geschwellt, begann das dicke Blut zu stocken.
Zur Marter ward die unfreywill'ge Lust.
Durchnäßt, als stieg' er gleich aus einer Badewanne,
Schwankt der Kalif auf seine Ottomanne.
53 Mit jedem Augenblick fällt, starr und ohne Sinn,
Da, wo rings um die Wand sich Polster schwellend heben,
Ein Tänzer nach dem andern hin.
Emirn und Sklaven stürzen zappelnd neben
Göttinnen des Serai's, so wie's dem Zufall däucht,
Als ob ein Wirbelwind sie hingeschüttelt hätte,
So daß zugleich auf Einem Ruhebette
Der Stallknecht und die Favoritin keicht.
54 Herr Hüon macht die Stille sich zu Nutze,
Die auf dem ganzen Sahle ruht;
Läßt seine Königin, nah bey der Thür, im Schutze
Des treuen Scherasmin, dem er auf seiner Hut
Zu seyn gebeut; giebt ihm auf alle Fälle
Das Horn von Elfenbein, und naht sodann der Stelle,
Wo der Kalif, vom Ball noch schwach und matt,
Auf einen Polsterthron sich hingeworfen hat.
55 In dumpfer Stille liegt mit ausgespannten Flügeln
Leis' athmend die Erwartung rings umher.
Die Tänzer all', von Schlaf und Taumel schwer,
Bestreben sich die Augen aufzuriegeln,
Den Fremden anzusehn, der sich, nach solcher That,
Mit unbewehrter Hand und bittenden Geberden
Dem stutzenden Kalifen langsam naht.
Was, denkt man, wird aus diesem allen werden?
56 Er läßt sich auf ein Knie vor dem Monarchen hin,
Und mit dem sanften Ton und kalten Blick des Helden
Beginnt er. »Kaiser Karl, von dem ich Dienstmann bin,
Läßt seinen Gruß dem Herrn der Morgenländer melden,
Und bittet dich – verzeih! mir fällt's zu sagen hart!
Doch, meinem Herrn den Mund, so wie den Arm, zu lehnen,
Ist meine Pflicht – um vier von deinen Backenzähnen
Und eine Hand voll Haar aus deinem Silberbart.«
57 Er spricht's und schweigt, und steht gelassen
Des Sultans Antwort abzupassen.
Allein, wo nehm' ich Athem her, den Grimm
Des alten Herrn mit Worten euch zu schildern?
Wie seine Züge sich verwildern,
Wie seine Nase schnaubt? mit welchem Ungestüm
Er auf vom Throne springt? wie seine Augen klotzen,
Und wie vor Ungeduld ihm alle Adern strotzen?
58 Er starrt umher, will fluchen, und die Wuth
Bricht schäumend jedes Wort an seinen blauen Lippen.
»Auf, Sklaven! reißt das Herz ihm aus den Rippen!
Zerhackt ihn Glied für Glied! zapft sein verruchtes Blut
Mit Pfriemen ab! weg mit ihm in die Flammen!
Die Asche streut in alle Winde aus,
Und seinen Kaiser Karl, den möge Gott verdammen!
Was? Solchen Antrag? Mir? In meinem eignen Haus?
59 »Wer ist der Karl der gegen Mich sich brüstet?
Und warum kommt er nicht, wenn's ihn
So sehr nach meinem Bart und meinen Zähnen lüstet,
Und wagt's, sie selber auszuziehn?«
Der Mensch muß unter seiner Mütze
Nicht richtig seyn, versetzt ein alter Kan:
So etwas allenfalls begehrt man an der Spitze
Von dreymahl hundert tausend Mann.
60 Kalif von Bagdad, spricht der Ritter
Mit edlem Stolz, laß alles schweigen hier,
Und höre mich! Es liegt schon lange schwer auf mir,
Karls Auftrag und mein Wort. Des Schicksals Zwang ist bitter:
Doch seiner Oberherrlichkeit
Sich zu entziehn, wo ist die Macht auf Erden?
Was es zu thun, zu leiden uns gebeut,
Das muß gethan, das muß gelitten werden.
61 Hier steh' ich, Herr, ein Sterblicher wie du,
Und steh' allein, mein Wort, trotz allen deinen Wachen,
Mit meinem Leben gut zu machen:
Doch läßt die Ehre mir noch einen Antrag zu.
Entschließe dich von Mahomed zu weichen,
Erhöh' das heil'ge Kreuz, das edle Christenzeichen,
In Babylon, und nimm den wahren Glauben an,
So hast du mehr, als Karl von dir begehrt, gethan.
62 Dann nehm' ich's auf mich selbst, dich völlig los zu sprechen
Von jeder andern Forderung,
Und der soll mir zuvor den Nacken brechen,
Der mehr verlangt! So einzeln und so jung
Du hier mich siehst, was du bereits erfahren,
Verkündigt laut genug, daß einer mit mir ist
Der mehr vermag als alle deine Schaaren.
Wähl' itzt das beste Theil, wofern du weise bist!
63 Indeß, an Kraft und Schönheit einem Boten
Des Himmels gleich, der jugendliche Held,
Uneingedenk der Lanzen, die ihm drohten,
So mannhaft spricht, so muthig dar sich stellt:
Beugt Rezia von fern, mit glühend rothen
Entzückten Wangen, liebevoll
Den schönen Hals nach ihm, doch schaudernd, wie der Knoten
Von all' den Wundern sich zuletzt entwickeln soll.
64 Herr Hüon hatte kaum das letzte Wort gesprochen,
So fängt der alte Schach wie ein Beseßner an
Zu schrey'n, zu stampfen und zu pochen,
Und sein Verstand tritt gänzlich aus der Bahn.
Die Helden all' in tollem Eifer springen
Von ihren Sitzen auf mit Schnauben und mit Dräun,
Und Lanzen, Säbel, Dolche dringen
Auf Mahoms Feind von allen Seiten ein.
65 Doch Hüon, eh' sie ihn erreichen, reißt in Eile
Der Männer einem rasch die Stange aus der Hand,
Schlägt um sich her damit als wie mit einer Keule,
Und zieht, stets fechtend, sich allmählich an die Wand.
Ein großer goldner Napf, vom Schenktisch weggenommen,
Dient ihm zugleich als Schild und als Gewehr;
Schon zappeln viel am Boden um ihn her,
Die seinem Grimm zu nah gekommen.
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