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Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 13
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
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22 Du kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen,
Den ersten Schmerz, die erste Lust empfand,
Sey immerhin unscheinbar, unbekannt,
Mein Herz bleibt ewig doch vor allen dir gewogen,
Fühlt überall nach dir sich heimlich hingezogen,
Fühlt selbst im Paradies sich doch aus dir verbannt;
O möchte wenigstens mich nicht die Ahnung trügen,
Bey meinen Vätern einst in deinem Schooß zu liegen!
23 In solcher Träumerey schwind't unvermerkt der Raum
Der sie von Bagdad trennt, bis itzt die Mittagshitze
In einen Wald sie treibt, der vor der Gluth sie schütze.
Noch ruhten sie um einen alten Baum,
Wo dichtes Moos sich schwellt zum weichen Sitze,
Und Oberons Pokal erfrischt den trocknen Gaum;
Als, eben da er sich zum dritten Mahle füllet,
Ein gräßliches Geschrey in ihre Ohren brüllet.
24 Sie springen auf. Der Ritter faßt sein Schwert
Und fleugt dahin, woher die Zetertöne schallen!
Und sieh! ein Sarazen zu Pferd,
Von einem Löwen angefallen,
Kämpft aus Verzweiflung noch, erschöpft an Kraft und Muth,
Mit matter Faust. Schon taumelt halb zerrissen
Sein Roß, und wälzt mit ihm in einem Strom von Blut
Sich um, und hat vor Angst die Stange durchgebissen.
25 Grimmschnaubend stürzt der Löw' auf seinen Gegner los,
Aus jedem Blick schießt eine Feuerflamme.
Indem fährt Hüons Stahl ihm seitwärts in die Wamme.
Der Thiere Fürst, den solch ein Gruß verdroß,
Erwiedert ihn mit einer langen Schramme,
Nach der des Ritters Blut aus tausend Quellchen floß:
Hätt' Angulaffers Ring nicht über ihm gewaltet,
Ihn hätt' auf Einen Zug der Löw' entzwey gespaltet.
26 Herr Hüon rafft, was er an Kraft vermag,
Zusammen, (denn sein Tod blitzt aus des Löwen Blicke)
Und stößt sein kurzes Schwert mit Macht ihm ins Genicke.
Vergebens schwingt sich noch der Schweif zu einem Schlag,
Von dem, wofern der Ritter nicht zurücke
Gesprungen wär', er halb zerschmettert lag;
Vergebens dräuet noch die fürchterliche Tatze;
Ein Streich von Scherasmin erlegt ihn auf dem Platze.
27 Der Sarazen (den reichen Steinen nach,
Die hoch auf seinem Turban blitzen,
Ein Mann von Wichtigkeit) schien noch vor Angst zu schwitzen.
Die Ritter führen ihn am Arme ganz gemach
Den Räumen zu, in deren Schirm sie lagen;
Man reicht zur Stärkung ihm den goldnen Becher dar,
Und auf Arabisch spricht der Alte: Herr, fürwahr,
Ihr habt dem Gott der Christen Dank zu sagen!
28 Mit schelem Auge nimmt der Held' aus Hüons Hand
Den Becher voll, und wie er an der Lippen Rand
Ihn bringt, versiegt der Wein, und glühend wird der Becher
In seiner Faust, der innern Schalkheit Rächer!
Er schleudert ihn laut brüllend weit von sich,
Und stampft, und tobt, und lästert fürchterlich.
Herr Hüon, dem es graut ihm länger zuzuhören,
Zieht sein geweihtes Schwert, den Helden zu bekehren.
29 Allein, der Schalk, der übermannt sich hält,
Hat keine Lust zur Gegenwehr zu stehen;
Wie ein gejagter Strauß läuft er ins nahe Feld,
Wo beide Pferd' im Grase weiden gehen.
Risch schwingt er sich auf Hüons Klepper, faßt
Ihn bey der Mähn', und mit verhängten Zügeln
Rennt er davon, in solcher Angst und Hast,
Als säß' er zwischen Sturmwindsflügeln.
30 Das Abenteu'r war freylich ärgerlich;
Allein was half's, dem Lecker nachzulaufen?
Zum Glücke war ein Ding, das einem Maulthier glich,
Im nächsten Dorf um wenig Geld zu kaufen.
Das arme Thier, durchsichtiger als Glas,
Schien kaum belebt genug, bis Bagdad auszureichen;
Doch däucht's dem Alten noch auf dessen Rückgrat baß
Als seinem Herrn zu Fuße nachzukeichen.
31 So setzten beide nun nach dem gewünschten Port
Den ritterlichen Zug so gut sie konnten fort.
Der Sonnenwagen schwebt schon an des Himmels Grenzen,
Auf einmahl sehen sie, von fern im weiten Thal,
Gekrönt mit Thürmen ohne Zahl,
Der Städte Königin im Abendschimmer glänzen,
Und, durch ein Paradies von ewig frischem Grün,
Den breiten Strom des schnellen Tigers fliehn.
32 Ein wundersam Gemisch von Schrecken und Entzücken,
Geheime Ahnungen, und fremde Schauer drücken
Des Ritters Herz, da ihm der Schauplatz auf sich thut,
Wo mehr sein Wort und angestammter Muth
Als Karls Gebot, ihn treibt ein Wagstück zu bestehen,
Wovon kaum möglich ist ein besser Ziel zu sehen
Als jähen Tod. Gewiß war immer die Gefahr,
Doch schien sie nie so groß als da sie nahe war.
33 Er sieht mit ihren goldnen Zinnen,
Gleich einer Götterburg, in furchtbar stolzer Pracht
Der Emirn Burg, den Thron, der Asien zittern macht,
Und spricht zu sich: Und Du, was gehst du zu beginnen?
Er stutzt. Doch bald stärkt wieder seine Sinnen
Des Glaubens Muth, der ihn so weit gebracht,
Und eine Stimme scheint ihm leise zuzugehen,
Er werde die er liebt in jenen Mauern sehen.
34 Auf, ruft er, Scherasmin, spann alle Segel auf!
Du siehst das Ziel von meinem langen Lauf;
Wir müssen Bagdad noch vor dunkler Nacht erreichen.
Nun geht's im schärfsten Trott, daß Roß und Reiter keichen.
Der Knapp' gießt seinem Thier mitleidig etwas Wein
Aus Oberons Becher auf die Zunge:
Da, spricht er, trink, du guter treuer Junge,
Der Becher trocknet nicht für deines gleichen ein.
35 Er hatte Recht. Kaum saugt des Maulthiers Zunge
So lechzend als ein ausgebrannter Stein
Den süßen Thau des Zaubergoldes ein,
So schießt mit allbelebendem Schwunge
Ein Feuerstrom durch Adern und Gebein;
Von neuer Kraft gespannt, erfrischt an Herz und Lunge,
Läuft's, einem Windspiel gleich, mit ihm davon,
Und eh' der Tag erlischt sind sie in Babylon.
36 Noch irrten sie in seinen ersten Gassen
Unkundig in der Dämm'rung hin und her,
Als Fremde, die sich bloß vom Zufall leiten lassen:
Da kam des Wegs von ungefähr
An ihrem Stab ein Mütterchen gegangen,
Mit grauem Haar und längst verwelkten Wangen.
He Mutter, seyd so gut, schreyt Scherasmin sie an,
Und weiset uns den Weg zu einem Han.
37 Die Alte bleibt gestützt auf ihre Krücke stehen,
Und hebt ihr wankend Haupt, die Fremden anzusehen.
Herr Fremdling, spricht sie drauf, von hier ist's ziemlich weit
Zum nächsten Han; doch, wenn ihr müde seyd
Und wenig euch genügt, so kommt in meine Hütte;
Da steht euch Milch und Brot, und eine gute Schütte
Von frischem Stroh zu Dienst, und Gras für euer Vieh;
Ihr ruhet aus, und zieht dann weiter morgen früh.
38 Mit großem Dank für ihr gastfreundliches Erbieten
Folgt Hüon nach. Ihm däucht kein Lager schlecht,
Wo Freundlichkeit und Treu' der offnen Thüre hüten.
Die neue Baucis macht in Eil die Streu zurecht,
Wirft Quendel und Orangenblüthen
Aus ihrem Gärtchen drauf, trägt fette Milch voll Schaum
Und saft'ge Pfirschen auf, und Feigen frisch vom Baum,
Beklagend, daß ihr jüngst die Mandeln nicht geriethen.
39 Dem Fürsten dünkt, er hab' in seiner Lebenszeit
Nie so vergnüglich Mahl gehalten.
Was der Bewirthung fehlt, ersetzt der guten Alten
Vertrauliche Geschwätzigkeit.
Die Herren, spricht sie, kommen eben
Zu einem großen Fest. – »Wie so?« – Ihr wißt es nicht?
Es ist das einz'ge doch was man in Bagdad spricht;
Die Tochter unsers Herrn wird morgen ausgegeben.
40 »Des Sultans Tochter? Und an wen?«
Der Bräutigam ist einer von den Neffen
Des Sultans, Fürst der Drusen, reich und schön,
Und auf dem Schachbret soll ihn keiner übertreffen;
Mit Einem Wort, ein Prinz, den alle Welt
Der schönen Rezia vollkommen würdig hält.
Und doch – gesagt im engesten Vertrauen –
Sie ließe lieber sich mit einem Lindwurm trauen.
41 Das nenn' ich wunderlich, versetzt der Paladin,
Ihr werdet's uns so leicht nicht glauben machen.
»Ich sag' es noch einmahl, eh' die Prinzessin ihn
So nahe kommen läßt, umarmt sie einen Drachen,
Da bleibt's dabey! – Mir ist von langer Hand
Das Wie und Wann der Sache wohl bekannt.
Zwar hab' ich reinen Mund gar hoch versprechen müssen;
Doch, gebt mir eure Hand, so sollt ihr alles wissen.
42 »Es wundert euch vielleicht, wie eine Frau, wie ich,
Zu solchen Dingen kommt, die selbst dem Fürstenstamme
Verborgen sind und sonsten männiglich?
So wisset denn, ich bin die Mutter von der Amme
Der schönen Rezia, bey der sie alles gilt,
Wiewohl schon sechzehn volle Jahre
Verflossen sind, seit Fatme sie gestillt;
Nun merkt ihr leicht, woher ich manchmahl was erfahre.
43 »Man weiß, daß schon seit Jahren der Kalif,
Auf seine Tochter stolz, nicht selten
An Festen, die er gab, sie mit zur Tafel rief,
Wo schöner Männer viel sich ihr vor Augen stellten.
Allein auch das weiß Stadt und Land,
Daß keiner je vor ihr besonders Gnade fand;
Sie schien sie weniger mit mädchenhaftem Grauen
Als mit Verachtung anzuschauen.
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