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Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 11
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
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46 Kaum daß er ihr dazu Geleit und Schutz versprach,
Und ihre Lippen sich in Dank dafür ergossen:
Als ein Getös von Reisigen und Rossen
Im Hof der Burg sie plötzlich unterbrach.
Schon trampelt's laut die langen Wendelstiegen
Herauf. Die junge Frau erschrickt – »Wer kann es seyn?«
Doch bald zerschmilzt ihr Schrecken in Vergnügen,
Denn, siehe da! Alexis tritt herein.
47 Ihm war, zwar etwas spät, zu Sinne
Gestiegen, daß es ihm nicht allzu rühmlich sey,
Wenn Hüon seine Braut dem Recken abgewinne,
Indessen, weit vom Schuß, mit seiner Reiterey
Er, ihr Gemahl, im Schatten, frank und frey,
Sein zärtlich Blut mit Palmenwein verdünne:
Auch konnte ja (wer wird dafür ihm stehn?)
Der Ritter gar davon mit seinem Engel gehn.
48 Demnach, so hatt' er, stracks als ihm sein Ohr gesungen,
Mit seiner Ritterschaft zu Pferde sich geschwungen,
Und kam in vollem Trab, falls etwa die Gefahr
Durch Hüons Tapferkeit bereits vorüber war,
Die Schöne in Empfang zu nehmen,
Dem fremden Ritter Gottes Lohn
Zu wünschen, und – ein wenig sich zu schämen,
(Denkt ihr) allein, er war ein Prinz von Libanon.
49 Herr Hüon, unverhofft des Umwegs überhoben
Mit Angela zurück ins Palmenthal zu gehn,
Läßt von den schönen Herr'n sich in die Wette loben,
Und fühlt sich just dabey so gut, als ob man ihn
Gescholten hätt'. Und nun, die Wohlthat zu vollenden,
Wird, durch des Ringes Kraft, von unsichtbaren Händen
Mit allem was den Gaum ergetzt
Ein großer runder Tisch in Überfluß besetzt.
50 Ah, ruft die schöne Braut, schier hätt' ich es vergessen:
Herr Ritter, ehe wir zum Essen
Uns setzen, geht und schließt mit eigner Hand geschwind
Des Riesen Harem auf; denn funfzig Jungfern sind
Noch außer mir in diesem Thurm verwahret;
Der schönste Mädchenflor, ein wahres Tulpenbeet!
Er hatte sie für seinen Mahomed
Zu Opfern, denk' ich, aufgesparet.
51 Der Harem thut sich auf, und zeigt, in vollem Putz
Und buntem lieblichem Gewimmel,
Ein wahres Bild von Mahoms lust'gem Himmel.
Herr Hüon läßt die Damen all' im Schutz
Der schönen Herr'n, und ist schon weit davon geritten,
Da hinter ihm noch alles lärmt und schnarrt,
Die Ehre seiner Gegenwart
Sich wenigstens zur Tafel auszubitten.
52 Schon schlich, indeß in Grau das Abendroth zerfloß,
Der stille Mond herauf am Horizonte,
Als Hüon, weil sein Gaul nicht länger laufen konnte,
An einem schönen Platz zu ruhen sich entschloß.
Er sieht sich auf der grünen Erde
Nach einem Lager um, indessen für die Pferde
Sein Alter sorgt. Auf einmahl steht, ganz nah,
Ein prächtiges Gezelt vor seinen Augen da.
53 Ein reicher Teppich liegt, so weit es sich verbreitet,
Auf seinem Boden ausgespreitet,
Mit Polstern rings umher belegt,
Die, wie beseelt von innerlichem Leben,
Bey jedem Druck sanft blähend sich erheben.
Ein Tisch von Jaspis, den ein goldner Dreyfuß trägt,
Steht mitten drin, und, was dem essenslust'gen Magen
Zum Göttertisch ihn macht, das Mahl ist aufgetragen.
54 Der Ritter bleibt wie angefroren stehn,
Winkt Scherasmin herbey, und fragt ihn, was er sehe?
O, das ist leicht, erwiedert der, zu sehn:
Freund Oberon ist sichtlich in der Nähe.
Wir hätten ohne ihn die Nacht,
Anstatt uns nun in Schwanenflaum zu senken,
Auf unsrer Mutter Schooß so sanft nicht zugebracht.
Das nenn' ich doch an seine Freunde denken!
55 Kommt, lieber Herr, nach dieser langen Fahrt
Schmeckt Ruhe süß; laßt hurtig euch entgürten!
Ihr seht, der schöne Zwerg hat keinen Fleiß gespart,
Wiewohl im Flug, uns herrlich zu bewirthen.
Herr Hüon folgt dem Rath. Sie lagern beide sich
Halb sitzend um den Tisch, und schmausen ritterlich;
Auch wird, beym Sang Gaskonscher froher Lieder,
Der Becher fleißig leer und füllt sich immer wieder.
56 Bald löset unvermerkt des Schlafes weiche Hand
Der Nerven sanft erschlafftes Band.
Indem erfüllt, wie aus der höchsten Sfäre,
Die lieblichste Musik der Lüfte stillen Raum.
Es tönt als ob ringsum auf jedem Baum
Ein jedes Blatt zur Kehle worden wäre,
Und Mara's Engelston, der Zauber aller Seelen,
Erschallte tausendfach aus allen diesen Kehlen.
57 Allmählich sank die süße Harmonie,
Gleich voll, doch schwächer stets, herunter bis zum Säuseln
Der sanftsten Sommerluft, wenn kaum sich je und ie
Ein Blatt bewegt und um der Nymfe Knie
Im stillen Bache sich die Silberwellen kräuseln.
Der Ritter, zwischen Schlaf und Wachen, höret sie
Stets leiser wehn, bis unter ihrem Wiegen
Die Sinne unvermerkt dem Schlummer unterliegen.
58 Er schlief in Einem fort, bis, da der frühe Hahn
Aurorens Rosenpferde wittert,
Ein wunderbarer Traum sein Innerstes erschüttert.
Ihm däucht, er geh' auf unbekannter Bahn,
Am Ufer eines Stroms, durch schattige Gefilde;
Auf einmahl steht vor ihm ein göttergleiches Weib,
Im großen Auge des Himmels reinste Milde,
Der Liebe Reitz um ihren ganzen Leib.
59 Was er empfand ist nicht mit Worten auszudrücken,
Er, der zum ersten Mahl itzt Amors Macht empfand,
Und athemlos, entgeistert vor Entzücken,
Sein Leben ganz in seinen Blicken,
Im Boden eingewurzelt stand,
Sie noch zu sehen glaubt, nachdem sie schon verschwand,
Und, da der süße Wahn zuletzt vor ihm zerfließet,
Nichts mehr zu sehn die Augen sterbend schließet.
60 Betäubt, in fühlbar'm Tod, lag er am Ufer da
In seinem Traum: als ihn bedünkt, er spüre
Daß eine warme Hand sein starres Herz berühre.
Und, wie vom Tod erweckt, erhob er sich und sah
Die Schöne abermahl zu seiner Seite stehen,
Die keiner Sterblichen in seinen Augen gleicht,
Und dreymahl schöner, wie ihm däucht,
Und holder als er sie zum ersten Mahl gesehen.
61 Stillschweigend schauten sie einander beide an,
Mit Blicken, die sich das unendlich stärker sagten,
Was ihre Lippen noch nicht auszusprechen wagten.
Ihm ward in ihrem Aug' ein Himmel aufgethan,
Wo sich in eine See von Liebe
Die Seele taucht. Bald wird das Übermaß der Lust
Zum Schmerz: er sinkt im Drang der unaufhaltbar'n Triebe
In ihren Arm, und drückt sein Herz an ihre Brust.
62 Er fühlt der Nymfe Herz an seinem Busen schlagen,
Der Glückliche! wie schnell, wie stark, wie warm!
Und – plötzlich hört es auf zu tagen,
Auf schwarzen Wolken rollt des Donners Feuerwagen,
Laut heulend bebt der Stürme wilder Schwarm;
Von unsichtbarer Macht wird schnell aus seinem Arm
Im Wirbelwind die Nymfe fortgerissen
Und in die Flut des nahen Stroms geschmissen.
63 Er hört ihr ängstlich Schrey'n, will nach – o Höllenpein!
Und kann nicht! steht, entseelt vor Schrecken,
Starr wie ein Bild auf einem Leichenstein.
Vergebens strebt er, keicht, und ficht mit Arm und Bein;
Er glaubt in Eis bis an den Hals zu stecken,
Sieht aus den Wellen sie die Arme bittend strecken,
Und kann nicht schreyn, nicht, wie der Liebe Wuth
Ihn spornt, ihr nach sich stürzen in die Flut.
64 Herr! ruft ihm Scherasmin, da er sein banges Schnauben
Vernimmt, erwacht, erwacht! ein böser Traum
Schnürt euch die Kehle zu. – Fort, Geister, macht mir Raum,
Schreyt Hüon, wollt ihr mir auch ihren Schatten rauben?
Und wüthend fährt er auf aus seinem Traumgesicht;
Noch klopft von Todesangst umfangen
Sein stockend Herz, er starrt ins Tageslicht
Hinaus, und kalter Schweiß liegt auf den bleichen Wangen.
65 Das war ein schwerer Traum, ruft ihm der Alte zu:
Ihr lagt vermuthlich wohl zu lange auf dem Rücken?
Ein Traum? seufzt Siegwins Sohn mit minder wilden Blicken,
Das war's! allein ein Traum, der meines Herzens Ruh
Auf ewig raubt! – »Das wolle Gott verwehren,
Mein bester Herr!- Sag' mir im Ernste, (spricht
Der Ritter ernstvoll) glaubst du nicht
Daß Träume dann und wann der Zukunft uns belehren?
66 Man hat Exempel, Herr, – und wahrlich, seit ich euch
Begleite, läugn' ich nichts, erwiedert ihm der Alte.
Doch, wenn ich euch die reine Wahrheit gleich
Gestehen soll, so sag' ich frey, ich halte
Nicht viel von Träumen. Fleisch und Blut
Hat, wenigstens bey mir, sein Spiel so oft ich träume:
Dieß wußten unsre Alten gut,
Und lehrten's uns im wohl bekannten Reime.
67 Inzwischen, wenn ihr mir den Inhalt eures Traums
Vertrautet, könnt' ich euch vielleicht was bessers reimen.
Das will ich auch, spricht Hüon, ohne Säumen.
Kaum röthet noch den Gipfel jenes Baums
Der Morgenstrahl. Wir haben Zeit zum Werke.
Nur reiche mir zuvor den Becher her,
Damit ich meine Geister stärke:
Es liegt mir auf der Brust noch immer zentnerschwer.
68 Indeß der wundervolle Becher
Den Ritter labt, sieht ihn der Alte, still,
Als einer an, dem's nicht gefallen will,
Den wackern Sohn des braven Siegwins schwächer,
Als einem Manne ziemt, zu sehn.
Ey (denkt er bey sich selbst, kopfschüttelnd) im Erwachen
Noch so viel Werks aus einem Traum zu machen!
Doch, weil's nun so ist, mag's zum Frühstück immer gehn!
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