Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 10
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
Schließen

Navigation:
23 Ganz heimlich ward er mir mit jedem Tage lieber;
Die Prüfungszeit war lang, allein sie ging vorüber;
Ich ward ihm angetraut, – und kurz, schon sahen wir
Ins Brautgemach zusammen uns verschlossen:
Auf einmahl flog im Sturm die Kammerthür
Erdonnernd auf, der Riese kam geschossen,
Ergriff mich, floh, und sieben Monden schier
Sind, seit mich dieser Thurm gefangen hält, verflossen.
24 Zu wissen, ob der Ries' es mir so leicht gemacht
Ihm Stürme ohne Zahl beständig abzuschlagen,
Müßt ihr ihn selber sehn. Mein Herr, was soll ich sagen?
Stets angefochten, stets den Sieg davon zu tragen,
Ist schwer. Einst, da er mich in einer Mondscheinsnacht
(Noch schaudert's mich!) aufs äußerste gebracht,
Fiel ich auf meine Knie, rief mit gerungnen Händen
Die Mutter Gottes an, mir Hülfe zuzusenden.
25 Die holde Himmelskönigin
Erhörte mich, die Jungfrau voller Gnaden.
Getroffen wie vom Blitz sank der Verruchet hin,
Und lag, ohnmächtig mir zu schaden,
Sechs ganzer Stunden lang. So oft, seit dieser Zeit,
Er den verhaßten Kampf erneut,
Erneut das Wunder sich; stracks muß sein Trotz sich legen,
Und nichts vermag sein Zauberring dagegen.
26 Dieß war erst heute noch der Fall; und nach Verlauf
Der sechsten Stunde (vier sind schon davon verloffen)
Steht er zu neuem Leben auf,
So frisch und stark, als hätt' ihn nichts betroffen.
Des Ringes Werk ist dieß. So lang' ihn der beschützt,
Kann ihm am Leben nichts geschehen.
Ihr glaubt nicht was der Ring für Tugenden besitzt!
Allein, was hält euch, selbst das alles anzusehen?
27 Nun ging's dem Ritter just wie euch.
Er hatte sich, nach Angulaffers Nahmen,
Ein Unthier vorgestellt aus Titans rohem Samen,
Den wilden Erdensöhnen gleich,
Die einst, den Göttersitz zu stürmen,
Den hohen Pelion zusammt den Wurzeln aus
Der Erde rissen, um ihn dem Ossa aufzuthürmen:
Nun ward ein Mann von sieben Fuß daraus.
28 Habt ihr das Götterwerk von Glykon je gesehen,
Den großen Sohn der langen Wundernacht,
Im Urbild, oder nur in Gypse nachgemacht,
So denkt, ihr seht den Mann leibhaftig vor euch stehen,
Der in der schönen Mondscheinsnacht
Die arme Angela aufs äußerste gebracht.
Ihn hätte, wie er lag, von unsern neuern Alten
Der Schlauste für ein Bild vom Herkules gehalten;
29 Für einen Herkules in Ruh,
Als er dem Augias den Marmorstall gemistet;
So breit geschultert, hoch gebrüstet
Lag Angulaffer da; auch traf die Kleidung zu.
Der Ritter stutzt: denn in den Alterthümern
Lag seine Stärke nicht; und so, vorm keuschen Blick
Des Tages, im Kostum der Heldenzeit zu schimmern,
Däucht ihm ein wahres Heidenstück.
30 Nun, flüstert ihm die Jungfrau, edler Ritter,
Was zögert ihr? Er schläft. Den Ring, und einen Hieb,
So ist's gethan! – »Dazu ist mir mein Ruhm zu lieb.
Ein Feind, der schlafend liegt, und nackter als ein Splitter,
Schläft sicher neben mir: erst wecken will ich ihn.«
So macht euch wenigstens zuvor des Ringes Meister,
Spricht sie. Der Ritter naht, den Reif ihm abzuziehn,
Und macht, unwissend, sich zum Oberherrn der Geister.
31 Der Ring hat, außer mancher Kraft
Die Hüon noch nicht kennt, auch diese Eigenschaft,
An jeden Finger stracks sich biegsam anzufügen;
Klein oder groß, er wird sich dehnen oder schmiegen
Wie's nöthig ist. Der Paladin begafft
Den wundervollen Reif mit schauerlichem Vergnügen,
Faßt drauf des Riesen Arm, und schüttelt ihn mit Macht
So lang' und stark, bis er zuletzt erwacht.
32 Kaum fängt der Riese sich zu regen an, so fliehet
Die Tochter Balazins mit einem lauten Schrey.
Herr Hüon, seinem Muth und Ritterstande treu,
Bleibt ruhig stehn. Wie ihn der Heide siehet,
Schreyt er ihn grimmig an: Wer bist du, kleiner Wicht,
Der meinen Morgenschlaf so tollkühn unterbricht?
Dein Köpfchen muß, weil du's von freyen Stücken
Mir vor die Füße legst, dich unerträglich jücken?
33 Steh auf und waffne dich, versetzt der Paladin,
Dann, Prahler, soll mein Schwert dir Antwort geben!
Der Himmel sendet mich zur Strafe dich zu ziehn;
Das Ende naht von deinem Sündenleben.
Der Riese, da er ihn so reden hört, erschrickt
Indem er seinen Ring an Hüons Hand erblickt.
Geh, spricht er, eh' mein Blut beginnt zu sieden,
Gieb mir den Ring zurück und ziehe hin in Frieden.
34 Ich nahm dir nur was du gestohlen ab,
Und dem er angehört werd' ich ihn wieder geben,
Spricht Hüon; ich verschmäh' ein so geschenktes Leben;
Steh' auf und rüste dich, und komm mit mir herab!
»Du hättest mich im Schlaf ermorden können,
Versetzt der Reck' in immer sanfterm Muth;
Du bist ein Biedermann; mich dau'rt dein junges Blut;
Gieb mir den Ring, den Kopf will ich dir gönnen.«
35 Feigherziger, ruft Hüon, schäme dich!
Vergebens bettelst du! Stirb, oder, wenn du Leben
Verdienst, verdien' es ritterlich!
Jetzt springt der Unhold auf, daß selbst die Mauern beben;
Sein Auge flammet wie der offne Höllenschlund,
Die Nase schnaubt, Dampf fährt aus seinem Mund;
Er eilt hinweg den Panzer anzulegen,
Der undurchdringlich ist selbst einem Zauberdegen.
36 Der Ritter steigt herab, und ungesäumt erscheint
Ganz in verlupptem Stahl sein trotzig sichrer Feind,
Der in der Wuth vergaß, daß vor des Ringes Blitzen
Ihn keine Zauberwaffen schützen.
Allein der erste Stoß, den Hüons gutes Schwert
Auf seinen Harnisch führt, giebt ihm die Todeswunde;
Das Blut schießt wie ein Strom den Hals empor, und sperrt
Des Athems Weg in seinem weiten Schlunde.
37 Er fällt, wie auf der Stirn des Taurus eine Fichte
Im Donner stürzt; der Thurm, das Feld umher
Erbebt von seinem Fall; er fühlt sich selbst nicht mehr,
Sein starrend Auge schließt auf ewig sich dem Lichte,
Und den verruchten Geist, von Frevelthaten schwer,
Schon schleppen Teufel ihn zum schrecklichen Gerichte.
Der Sieger wischt vom blutbefleckten Stahl
Das schwarze Gift, und eilt zur Jungfrau in den Sahl.
38 Heil euch, mein edler Herr! ihr habt mich wohl gerochen,
Ruft Angela, indem sie sich entzückt
Zu seinen Füßen wirft, so bald sie ihn erblickt:
Und dir, die ihn zum Retter mir geschickt,
O Himmelskönigin, sey es hiermit versprochen,
Der erste Sohn, mit dem ich in die Wochen
Einst komme, werd', in klarem dichtem Gold,
So schwer er ist, zum Opfer dir gezollt!
39 Herr Hüon, als er sie gar ehrbar aufgehoben,
Erwiedert ihren Dank mit aller Höflichkeit
Der guten alten Ritterzeit,
Die zwar so fein, wie unsre, nicht gewoben,
Doch desto derber war, und besser Farbe hielt.
Des Ritters große Pflicht war Jungfrau'n zu beschützen,
Und, wenn sein Herz sich gleich unangemuthet fühlt,
Auf jeden Ruf sein Blut für jede zu verspritzen.
40 Die Dame hatte noch nicht Zeit und Ruh genug
Gehabt, den jungen Mann genauer zu erwägen;
Itzt, da sie ihn erbat die Waffen abzulegen,
Itzt hätte sie sich gleich mehr Augen wünschen mögen
Als Junons Pfau in seinem Schweife trug,
So sehr däucht ihr der Ritter, Zug für Zug,
Von Kopf zu Fuß, an Bildung und Geberden,
An Großheit und an Reitz, der erste Mann auf Erden.
41 Nicht, daß sie just mit jemand ihn verglich
Der zwischen ihm und ihrem Herzen stünde;
Ganz arglos überließ sie ihren Augen sich,
Und bloßes Sehn ist freylich keine Sünde.
Kein Skrupel störte sie in dieser Augenlust,
So sanft spielt noch um ihre junge Brust
Der süße Trug; denn, was sie sicher machte
War, daß ihr Herz nicht an Alexis dachte.
42 Ein Glück für dich, unschuldige Angela,
Daß keiner deiner Blick' in Hüons Busen Zunder
Zum Fangen fand. Und freylich war's kein Wunder:
Denn, kam ihr auch, wie dann und wann geschah,
Der seinige auf halbem Weg entgegen,
So war's der Blick von einem Haubenkopf;
Er hätt' auf einen Blumentopf,
Auf ein Tapetenbild, nicht kälter fallen mögen.
43 Ein unbekanntes Was, das ihn wie ein Magnet
Nach Bagdad zieht, scheint allen seinen Blicken
Die scharfe Spitze abzuknicken,
Und macht, daß jeder Reitz an ihm verloren geht.
Vergebens ist ihr Wuchs wie eine schöne Vase
Von Amors eigner Hand gedreht;
Vergebens schließt die sanft erhobne Nase
Sich an die glatte Stirn in stolzer Majestät;
44 Umsonst hebt ihre Brust, gleich einem Doppelhügel
Von frischem Schnee, um den ein Nebel graut,
Den dünnen weißen Flor; umsonst ist ihre Haut
So rein und glatt als wie ein Wasserspiegel,
Worin im Rosenschmuck Aurora sich beschaut;
Vergebens hat ihr königliches Siegel
Die Schönheit jedem Theil so sichtbar aufgedrückt,
Daß ihr Gewand sie weder deckt noch schmückt.
45 Kurz, Angela mit allen ihren Reitzen
Ist ihm vergebens schön und jung;
Und, ferne nach Verlängerung
Der holden Gegenwart zu geitzen,
Wünscht er mit jedem Augenblick
In ihres Bräut'gams Arm recht herzlich sie zurück,
Und kann zuletzt sich nicht entbrechen,
Da Sie nichts sagt, ihr selbst davon zu sprechen.
 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.