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Ob er wohl Fiekchen heirathen kann?

Marie von Olfers: Ob er wohl Fiekchen heirathen kann? - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNeue Novellen
authorMarie von Olfers
year1876
firstpub1876
publisherWilhelm Hertz
addressBerlin
titleOb er wohl Fiekchen heirathen kann?
pages82
created20140513
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es war einmal ein reizendes Kind, das heißt, ein Mädchen, dunkle Gazellenaugen, silberblondes Haar, das ihm, weil sich's halbkraus aus allen Banden befreite, verführerisch verwirrt in die Stirn hing, Oval und Mund lieblich streng und doch der Schalk im Grübchen – Anmuth ihr Besitz, Frische ihr Reichthum – Aber dies Mädchen, dieser Inbegriff alles Reizenden, hieß Fiekchen Fips und war die Tochter des verstorbenen Kleinkrämers Leonor Fips im Städtchen Krähhubel.

An und für sich ist das nun kein Unglück, aber unter Umständen kann es doch unbequem sein, daß man wie eine Prinzeß aussieht und doch nicht dafür kann gerechnet werden, nicht einmal wenn man sogar zur Hälfte blaues Blut in den Adern hat. Fiekchens Mutter, Seraphine von Lilienstern, aus dem Hause Lilienstern von Lilienstern hatte, zum Entsetzen der ganzen Familie, als alterndes Fräulein dem hübschen Kaufmannssohn im Nachbarstädtchen, Leonor Fips, ihre hochadelige Hand gegeben. Sogar ganz Krähhubel war erstarrt über dies Ereigniß – Einige vor Wunder, daß sie ihn – Andere vor Wunder, daß er sie nahm. Da es aber auf der Welt wirklich nur die Beiden anging, so gab es viel Geschrei und weiter nichts.

Seraphine stieg von ihrer Höh' herunter und wurde 4 mit allen Zeichen des Abscheus in den Bann gethan. Keiner der Verwandten sah sich je wieder nach ihr um und schnell schloß sich die Lücke, wo die sanfte bleiche Gestalt gestanden, die nie etwas forderte, nie etwas bekam, die wie ein armer lebloser Geist im alten Schloß umging, um als unfruchtbarer Zweig am Stammbaum der Lilienstern zu verwelken.

Wo sich die Bekanntschaft gemacht, konnte man kaum verfolgen, stumm hatte Seraphine neben den glänzenden Verwandten gestanden, die ab und zu gleich lichttragenden Kometen in dem Städtchen erschienen, aber solche stille Existenzen strömen wie verborgene Blüthen wohlthuenden Duft aus – werden gesucht und gefunden.

Es braucht ja so wenig Worte, um sich zu lieben und als der hübsche Leonor Seraphine nur ein einzig Mal sprach, war Alles in Ordnung. Ihrem demüthigen Herzen erschien er wie der Prinz im Märchen. Wenn man in reichem Haus nichts ist, nichts hat, nichts kann, ist es wol der Platz, um Demuth zu lernen. Sie waren selig mit einander, sich brauchend, sich ergänzend. Ihre sanfte, vornehm stille Weise, sein Stolz. Krähhubel ärgerte sich erst, daß er diese kleine verhungerte Gestalt, verhungert nach Freude und Liebe, wie eine Art Königin einführte, aber ihre bescheidene Veilchennatur entwaffnete einen Jeden, man vergaß ihr gram zu sein und so ward ihr bald wonnig heimathlich, wie noch nie, an der Seite ihres Leonor in dem kleinen freundlichen Städtchen.

»Wie aus dem Herbarium!« hatte die dicke Butterfrau, eine Größe Krähhubels, gesagt, als Seraphine ankam; aber das vertrocknete Blümchen entfaltete sich zusehends und über's 5 Jahr gab's wieder etwas zu reden, da lag das prächtigste, rosigste Kindchen in der Wiege.

»Was der liebe Gott sich nur dabei denkt«, sagte wieder die dicke Butterfrau; »mir giebt er nichts als elende Würmer und der solch ein Prachtstück!« Fiekchen Fips war auch wirklich schon im Wickel ein Wunder an Schönheit; ein Gipfelpunkt der Glückseligkeit für Leonor und Seraphine; aber oben angekommen, geht es meist zurück. Der Tod hat eine Neigung Menschen zu trennen, die zusammen gehören, als wollt' er sagen. Die finden sich schon wieder, aber die Anderen, die sollen erst lernen überhaupt mit einander gehen.

Als der geliebte Mann noch in den jungen Jahren starb, ging auch ihre Blüthe zu Grabe; sie schrumpfte in ihren vorigen Zustand zurück, wie die Pflanze, der man das Wasser entzieht. Aeußerlich blieb Alles Wohlstand, innerlich ein Mangel, den nichts mehr füllte. Der Laden wurde verkauft an den nächsten Stammhalter der Fipse. Leonor hatte seiner kleinen Frau mit der Sorge, die über den Tod hinausreicht, ein hübsches Häuschen angeschafft, dicht am Fluß, klein und bürgerlich, aber so behaglich. Hätte er nicht noch im letzten Jahr seiner Krankheit Alles geordnet, sie wäre lieber auf dem alten Fleck geblieben, wo seine Gestalt ihr wie gebannt schien in der Erinnerung. Jetzt ging ihr etwas von dem Sinn auf, der in Schloß Lilienstern sich so an das Alte klammerte, verkörpert in dem Lieben konnte sie sich's schon denken. Ist Einem doch, als wäre die ganze Umgebung eine Hülle der abgeschiedenen Seele, ein Abdruck, wie ihn die Verschütteten Pompeji's in der Asche zurücklassen. Sie sammelte um sich, was sie irgend von 6 Andenken und Reliquien des vergangenen Glücks bergen konnte und zog mit Fiekchen in das Häuschen am Fluß.

Ihr Töchterchen, noch zu klein, um solchen Kummer zu messen, sang bald darin herum wie eine lustige Haidelerche; für sie enthielt diese Heimat Alles, was ein Herz begehren konnte.

Niemand dachte mehr an die hohe Verwandtschaft, welche nicht einmal im Tode die versöhnende Hand gereicht hatte.

Zwei Meilen von dort lag das Majorat Derer von Lilienstern, verlassen, verfallen, vereinsamt – die reiche Linie besaß andere Güter. Hier hatte ein menschenfeindlicher alter Kauz gehaust, der viel Geld verthan hatte, man wußte nicht wohin, sicher nicht zur Verbesserung des Guts. Manche Leute haben das Talent viel aus wenig zu machen, andere, wie er, wenig aus viel.

Das alte graue Schloß stand da, als zürne es mit der Welt; wie ein majestätischer Vorwurf für die moderne Zeit, die sich ringsum allerlei nützliche, aber durchaus nicht schöne Gebäude aufgeführt hatte.

Oben in den Thurmzimmer (es war sicherer, sich wegen Ratten und Feuchtigkeit hoch hinaufzuquartiren) lebte noch eine alte Dame Lilienstern. Sie war bald zur Sage geworden, denn in dem Städtchen sah man sie nie; auch schon lange nicht mehr in der altmodischen Carosse – an der Alles alt war, Gespann, Diener, Kutsche – ihre Umfahrt in der Gegend halten.

So wenig Seraphine ihrem Geschlecht ähnlich war, Fiekchen wurde, wie zum Hohn, das treueste Abbild einer Lilienstern – Alles, schlanke Hände, kleine Füße; ihr 7 Bild hätte vollständig in den Ahnensaal gepaßt. Die Natur macht sich öfter solche Späße am unrechten Ort.

Krähhubel sah mit Staunen das Wunder sich vollenden, fast regte sich wieder ein Mißtrauen gegen die fremde Kaste, gegen diesen Schwan auf dem Entenhof; aber Fiekchen hatte nur die äußere Form, innerlich war sie wie die Mutter, zu jedem Dienst bereit, hülfreich, gütig, wo etwas fiel hob sie's auf, wo etwas fehlte suchte sie's, man mußte nur steuern, sonst machte sie sich gleich zur Magd des Andern. Daraus entstand nun eine Verehrung im Städtchen, die an Anbetung grenzte. Wo Fiekchen ging und stand begegneten ihr freundliche Blicke, zärtliche Grüße. In dieser sonnigen Atmosphäre wuchs sie auf und kein Wunder, wenn sie meinte, die ganze Welt gehöre ihr. Was ihr nah kam, blieb an ihr hangen wie die Biene an der Blüthe; was sie wünschte kam ihr entgegen wie der Stahl dem Magnet. Es ist alles gegenseitig hier auf Erden. Verehrer hatte sie an jeder Ecke, stille, laute, kluge, dumme, drei treten aber nur in den Vordergrund dieser Geschichte, drei, die mit in der Frage verfangen sind: »Ob er wohl Fiekchen heirathen kann?« Der Hausbesitzer und Rentier Philemon Sacht, Blumen- und Bienenzüchter, fein und zart außen und innen. Nie hätte er geglaubt, daß ihn etwas mehr interessiren könne, als daß seine Lieblingsrose blühe, oder der junge Bienenschwarm gedeihe; und nun kam dies holde Mädchengesicht dazwischen und sagte ihm alle Tage: »Ich bin mehr als sie; wenn Du mich nicht hast, hast Du nichts.«

Sanft wie er war, hatte er sich in sein Geschick ergeben, kam alle Tage und wenn er auch selbst für sie – er 8 hätte es einem Mord gleichgeachtet – sich nicht überwinden konnte, seine Rosen abzuschneiden, brachte er doch ab und zu eine oder die andere im Topf und bat, sie dort ausblühen zu lassen. Philemon zählte zu den Honoratioren des Städtchens und Jede hätte sich glücklich geschätzt seine Baucis zu werden.

Der zweite Verehrer genoß keines so guten Rufs bei den Krähhublern. Es war Jan Fips, des Schulmeisters Hiob Fips Sohn – und Plage, setzen die Leute hinzu. All' die Söhne fremder Eltern hatte das milde Schulmeisterlein zurecht ziehen können, die wildesten Schlingel waren durch diese feste Güte zahm geworden, nur dieser sein Sohn nicht. Auf dem Grund aller dummen Streiche der Umgegend, er der dicke Grund, denn dick war er von jeher, ein stämmiger Kerl, von dem die Welt etwas Tüchtigeres erwarten konnte als all' diesen Unsinn. Trotz seiner Jugend hatte er sich schon fast in allen Arten versucht, ohne zu etwas zu kommen. Sein letztes Wagniß als Matrose eine Reise um die Welt. – Als er aber auch davon zurückkam, ohne etwas Anderes mitzubringen als ein boshaftes Thier von Kakadu, welches dem Vater Alles zerbiß und zerfraß, gab ihn das gute Krähhubel auf und sprach das Anathema »unverbesserlich« über ihn aus. Nur sein Engel von Vater stand zu ihm, ließ Glauben und Hoffnung nicht fahren, sondern sagte, »er wird sich doch noch zurechtfinden, denn Eins ist an ihm gesund, das ist das Herz und wer das auf dem rechten Fleck hat, der wird doch noch einmal brauchbar, – sei's hier oder dort.«

Jan hatte an seinem Hals geheult wie ein großes Kind, welches er auch war, und Besserung versprochen.

9 Seit einem Jahr etwa arbeitete er in der Landwirthschaft bei einem Amtmann, einige Meilen vom Städtchen. Dies Mal schien Alles herrlich zu gehen, er bekam die besten Zeugnisse. Seine Arbeitskraft, seine Treue, seine Gewissenhaftigkeit wurden auf das Höchste gerühmt.

Eines Morgens aber – ein Zufall, daß es nicht früher geschehen – sah er Fiekchen Fips wieder, die er als Kind verlassen. Er kam gerade mit Aufträgen nach der Stadt.

Auch ihn erfaßte der Zauber ihrer reizenden Gestalt, denn obgleich er selbst aus derbem Holz war, hatte er Sinn für diese feine Schönheit. – Stumm guckte er ihr nach – dann Alles vergessend warf er dem Knecht die Zügel zu und folgte ihr in das Häuschen.

Sie hatte ihn längst dort erwartet, sich nur gewundert, daß er so lange ausblieb und als er seine weitläufige Vetterschaft wieder geltend machte, wurde sie ihm gern gewährt. Lange konnte er nicht los von den schönen Augen, die ihn so freundlich betrachteten; all die tollkühnen Streiche, die man von ihm erzählte, schadeten ihm nicht, sie schaden selten den Männern bei den Mädchen.

An diesem Tag gab es die erste Klage über Jan in seiner dienstlichen Stellung. Krähhubel frohlockte, denn es ist doch immerhin gut, wenn man Recht bekommt; die Klagen mehrten sich und zuletzt kam eine, die den Verlust der Stelle mit sich führte.

Fiekchen hatte ihren Ritter umsonst beschworen, seine Zeit besser als in ihrem Dienst zuzubringen; das letzte Mal freilich, das Mal, welches ihm seine Stelle kostete, war sie 10 es selbst gewesen, die ihn mit ihrer kleinen Hand, die doch so eisern fassen konnte, festgehalten – festgeklammert hatte sie sich an ihn, als sei er ihre Rettung. Es war ein Tag, an dem die Mutter auf den Tod gelegen und Jan bald nach dem Doctor gejagt, bald sanft wie ein Mädchen geholfen hatte, die Kranke bewegen. Die dicke Suse aus der Küche wäre ganz eben so gut dazu gewesen, sagte ganz Krähhubel; aber in dem kleinen Häuschen fiel es damals Niemand ein.

Zu seiner Vertheidigung hätte Jan allerlei anführen können, er that es nicht, beugte den Kopf und gab dem Herrn Amtmann Recht. »Ich bin einmal wieder unnütz gewesen.« Fiekchen fühlte seit der Zeit eine Art Recht an ihn. »Wenn ich nicht wüßte«, meinte sie, »daß Du nicht anders konntest, weil Du zu uns gehörst, würde ich mir rechte Vorwürfe machen.«

»In keinem Fall,« antwortete Jan halsstarrig, »hätte ich Dich in der Noth stecken lassen.«

Vater Hiob wurde beredet nur noch dies einzige Mal Geduld mit ihm zu haben, er sähe jetzt Licht, hoffe auf rechtem Wege zu sein und ihm endlich Freude zu machen. Der gute Mann, dem die Tugend der Geduld auf seinem Lebenswege zur zweiten Natur geworden, versprach gern noch das Glück ein Weilchen hinauszuschieben, wenn es nur in Sicht bliebe.

Während Jan nun eine neue Stellung suchte, verdiente er sich sein Brod durch hier und da geleistete Dienste und lag fast Tag auf Tag ein wie ein treuer Hund zu Schön-Fiekchens Füßen.

11 Der glänzendste Stern an diesem Himmel sollte aber erst aufgehen in der Gestalt des Junker Donat von Lilienstern. Dazu mußte aber der alte Majoratsherr sterben. Er machte, wenn auch sehr ungraziös, Platz. Krähhubel meinte, es sei Zeit gewesen, sonst hätten die Ratten das ganze Nest aufgefressen. Ihnen war's ein Dorn im Auge, denn »wo ein Schloß ist,« sagte die dicke Butterfrau, »muß es doch auch was vorstellen; dort aber würde alles Brod trocken gegessen.« Der junge Herr Donatus hielt an einem thaufrischen Sommermorgen Einzug in die Burg seiner Ahnen, um die Majoratsgüter zu übernehmen – Güter waren's auch, aber irdische Güter sind sehr verschieden und diese waren wörtlich auf Sand gebaut – ausgenommen das Schloß, für welches wiederum ein thörichter Besitzer die einzige feuchte Stelle gesucht – dem Süden abgewandt, umringt von schwarzdunklen Tannen und Kastanien, alt in Nadeln und Laub.

Zimmer fand er wie alternde Coketten, Felder mit antiker Cultur – Hecken voll Dornen und Unkraut, als sei dahinter Dornröschen verborgen; statt dessen wohnte oben die alte Tante.

Eine Veteranenversammlung unbrauchbarer Dienstboten, Ueberreste der Vergangenheit, dem Majorat verknüpft durch diesen oder jenen Besitzer.

Der fröhliche Junker strich sich den blonden Bart und meinte, das solle bald in Ordnung kommen; aber nach Jahr und Tag war Alles noch beim Alten und nur er verändert durch die Bekanntschaft mit Fiekchen. Solch ein Gut ist eine zähe Wirthschaft – zäh und conservativ, das ändert 12 man nicht so leicht, am wenigsten wenn man Junker Donatus Lilienstern ist. Die Aussicht auf dieses Majorat hatte ihn wie eine Art Hintergrund, Goldgrund begleitet, es gab ihm Glanz und Halt; Respect vor sich selbst und bei den Leuten, ein gewiß stolzes Gefühl, mit seiner edlen Persönlichkeit und Familie vorsichtig umzugehen.

Von all' dem entkleidet, wär' er sich als sehr arme Seele vorgekommen; in dichter Menschenmenge steht man gern hoch, es ist unter allen Umständen bequemer. Wenn auch die Erscheinung dieses Besitzes eine verblichene war, ihm dünkte sie ehrwürdig gleich der alten Fahne.

Mit gehobenem Gefühl fuhr er durch das Thor, dessen graue, grimmig aussehende Steinlöwen sein Wappen hielten. So manchen seines Stammes hatten sie zum ersten und letzten Mal ein- und ausgelassen. Gleich einer Geisterschaar, die Gewalt über ihn hatte, fuhren seine Vorfahren mit ihm ein. Schon auf der Schwelle fühlte er sich ein Anderer als der lustige, vollständig freie Jüngling unter den Gefährten, von denen keiner viel Gedanken für Zukunft und Vergangenheit übrig hatte. Andächtig betrat er den großen Ahnensaal heut'; anders wie sonst, da sie ihn jetzt als Träger ihrer Würden unter sich aufnahmen. Ihr Verdienst wurde sein's; wie viel er eigentlich selbst galt, verschwand unter ihren Sternen und Ordensbändern. Tante Severa, eine ehrfurchtgebietende alte Dame, bei der er als Kind viel gewesen, führte ihn herum. Mit ihren edlen, vornehmen Zügen glich sie einem Schutzgeist des Schlosses, bestimmt, alles Niedere, Gemeine fern zu halten. Sie galt als Märtyrerin in der Familie, als Beispiel und Gegensatz der schwachen, schuldigen 13 Seraphine. Das Opfer ihrer Liebe, von ihr war es gebracht worden. Opfer aber bringt der Mensch selten umsonst, irgendwo schlägt er es wieder heraus und deshalb sind sie meist so viel weniger werth als das kleinste Stückchen Selbstvergessen. Ihr wuchs daran der Werth des Namens zu einer gespenstischen Größe; um wenig, oder gar umsonst, wollte sie doch nicht gelitten haben.

Ganze Kasten voll – Familienpapiere, Familienportraits, Andenken speicherte sie auf, unbekümmert, ob schön, ob werthvoll, ob grausig oder humoristisch verwittert. – Ihr galt Alles heilig, was zusammenhing mit dem Ort, in dem für sie die Welt begann und aufhörte. Politik, Kunst, Wissenschaft drangen nur wie durch einen Nebel zu ihr heran. – Deutlich, sicher allein schwamm auf dieser Sündfluth von Zweifeln, durch welche die jetzige Welt überschwemmt wurde, die Größe ihrer unstreitbar altadligen Geburt.

Den Junker hatte der Sturm moderner Begriffe doch schon anders umweht; dennoch war er fest überzeugt, daß er etwas Höheres, Besseres sei wie die Menge; freilich »durch Gottes Gnaden,« setzte er hinzu – aber doch!

Oftmals hatte der Junker in seinen Kinderjahren eine Art Andacht vor der Tante Reliquienkasten halten müssen; damals war es ihm interessant – jetzt wurde er es bei aller Liebe zu diesen alten Dingen müde. Er streckte seine Fühlfäden weiter aus und entdeckte im Städtchen die Geschichte der Frau Seraphine und die Existenz Schön-Fiekchen's. Besorgniß, daß ihm das Gefühl seines Standes abhanden kommen könne, hatte er nicht; es gehörte zu ihm, wie sein Herz ihm gehörte.

14 Eine schöne Frühlingsnacht brachte den Entschluß zur Reife, Frau Fips in Ermangelung von etwas Besserm aufzusuchen. Ländliche Einsamkeit und Langeweile bringen viel zu Wege. Der Name schon vergnügte ihn. Gespenstischer Mondschein hatte ihn nicht schlafen lassen, er schlich um ihn her, bald in dieser, bald in jener Ecke trügerische Gebilde schaffend. Er fühlte, daß er einer fröhlichen Zerstreuung bedürfe und wo konnte er die besser finden? Als die Sonne leuchtend den bleichen Gesellen überwand und strahlende Lichtblicke hineinschickte, stand er auf – ließ anspannen und fuhr sich selbst in das Städtchen. Auf den Feldern tanzten die Lämmerchen und die Heerden zogen fröhlich brüllend auf Genuß aus. In dem frischen Leben umher erschienen ihm plötzlich seine verlassenen Säle auch verwittert und vergraut.

Das Städtchen glitzerte und blitzte wie eine Schöne in der Morgentoilette. An den laufenden Brünnchen standen die Mägde mit blanken Eimern und weißen Hemdsärmeln. Als Bild war es wirklich hübsch anzusehen. Ganz Krähhubel kam vor die Thür gelaufen, grüßte, knixte, nickte, denn der Junker war doch nun einmal ihr höchstes Haupt in der Nähe und Jemand muß man doch seine Devotion erweisen.

Dem Junker gefiel's, kam er sich doch wie ein kleiner Fürst vor. In der großen Stadt, wo immer Einer höher und wieder Einer höher bis zur höchsten Spitze ist, wird einem solche Krone noch leichter streitig gemacht, als manche andere irdische Krone. Wie nun gar des Junkers Wagen vor dem schmucken Fipshäuschen hielt, war des Flüsterns und Prophezeiens kein Ende.

15 Junker Donatus aber schritt mit selbstbewußter Grazie und angeborener Hoheit, nichtsahnend über die Schwelle seines Verhängnisses. Der steinerne Vorplatz war verlassen, aber auf dem Altan, der den Fluß überhing, fand er es. – Seraphine, aus aller Ruhe geschreckt, verlor, aufstehend, den Salat, an dem sie eben putzte.

Fiekchen stand dagegen, liebreizend lächelnd wie eine verzauberte Märchenprinzeß, zwischen ihnen; ohne Verlegenheit, in der natürlichsten Freude, weil ihr der Junker so ausnehmend gefiel.

Jan aber erhob sich der Dogge gleich, wenn ein Windspiel wagt auf den Hof zu kommen, drohend, unheilverheißend. Philemon Sacht, überhaupt eine Mimose, zog sich in sich selbst zurück. Junker Donat, entzückt von Fiekchen, wie Fiekchen von ihm, benutzte die Gelegenheit, seine angenehme Persönlichkeit in das beste Licht zu setzen; es wurde ihm eben so leicht als Jan heut' schwer, und zufrieden mit sich und der Welt, beglückt ein harmloses Vergnügen in der Nähe zu wissen, kehrte er heim.

Tante Severa erfuhr nicht, wo er gewesen; ein Gefühl, halb Schonung, halb schlechtes Gewissen, hielt ihn davon ab es ihr mitzutheilen.

Es wurde nicht viel verhandelt an diesem denkwürdigen Tage, aber in ihm lag der Anfang. – Klein wie Manches im Leben und doch der Keim zum Großen, wenn man überhaupt ein Menschenleben groß nennen will. Jan hatte das Schlimmste davon, denn Fiekchen, unschuldig bezaubert durch die feine, vornehme Manier, verlangte das Unmögliche von ihm – er solle doch lieber Handschuh 16 tragen von wegen der rothen Hände. – Haar, Bart, Rock, nichts saß mehr recht, verglichen mit diesem Junker.

Jan ließ Alles über sich ergehen, aber ein wilder Grimm, von dem er nie geahnt, daß er in ihm läge, wachte gleich einer bösen Bestie in ihm auf. Das sah er genau, daß er gegen Donat nicht aufkam. Was wollte der Vornehme hier? Was wollte der Junker hier? – darüber zerbrach sich Krähhubel schon alle Tage den Kopf – denn alle Tage kam er von nun an.

Die größte Aufregung herrschte im Städtchen.

»Ob er wohl Fieckchen heirathen kann?« – Ihr denkt am End', will das Mädchen, kann in dem Fall ein Mann, was er will. – Ein Mann wol – aber kein Junker, am wenigsten einer, der wie Junker Donat ist und nebenbei noch so und so viel Junker hinter sich hat, die selbst im Grabe keine Ruh' halten, sondern mit eiserner Klammer das Lebendige umfassen; Vormünder, die, selbst wenn sie nicht mehr unsere Sprache sprechen, ihr Wort mit hineinrufen – bis hier her und nicht weiter!

»Mein Himmel«, sagte die dicke Butterfrau, welche als Mädchen im Schloß gedient hatte, »die alten Herrschaften würden sich im Grabe umdrehen!«

»Na«, antwortete ihr Mann, »das wär' noch das Beste an der Sache; bei der Hochzeit der Frau Seraphine haben sie sich schon einmal umgedreht, nun kämen sie wieder auf die rechte Seite.«

»Ein todter Kaufmann ist freilich bequemer«, meinte das Fräulein aus der Lesebibliothek; »aber wo bleibt die Romantik?«

17 »Wo all' das dichterische Zeug bleiben sollte,« entgegnete Einer, der sogenannte Finanzrath des Städtchens. »Wir haben jetzt die Kinderschuhe ausgetreten und lassen uns nicht mehr mit Märchen schrecken. Positives verlangt die Zeit, – Geld – der Geldpunkt ist's, woran es hängt. – Es ist ein Geschäft, wie ein anderes: so und so viel Ahnen, so und so viel Einkommen; einige fehlen, so und so viel Deficit.«

»Alles käuflich,« seufzte die poetische Seele.

»Im Gegentheil,« antwortete der kleine Geldmann, »Alles zu theuer.«

Unterdessen ging die Liebesgeschichte ihren Weg, gerade wie eine Rose sich entfaltet, sie weiß es am Tag nicht voraus; wie kann sie auf den Sonnenstrahl rechnen, der plötzlich ihre Purpurgluth erschließt? Unschuldige Liebesgedanken mögen wol ihre Seele umflattert haben, als sie so wonnig neben einander gingen, die Sterne geheimnißvoll flimmerten und von der schlafenden Natur in süßen Düften, schwärmerische Kinderträume wie Spielereien an ihr kindisches Herz schlugen. Junker Donatus dagegen ahnte nicht, daß er auf der Station war, die Viele hier ihr Paradies nennen. Er fühlte sich nur außerordentlich behaglich und wohl, wie ein Fisch im Wasser. Selbst das Kleine, Enge der Häuslichkeit gefiel ihm. – Nicht etwa als seine Häuslichkeit, sondern wie auf Reisen eine Hütte in den Alpen, wegen der frischen Luft. – Frische Luft gegenüber seiner etwas dumpfigen, ehrwürdigen Schloßluft. Hier Alles neu, blank, bürgerlich, dort Alles alt, rostig, aber vornehm. Schon der Abwechselung wegen interessant und nun noch geschmückt mit der lockenden 18 Gestalt eines reizenden Mädchens, für deren Seele und Körper kein Platz zu gut schien.

Sein mit Vorurtheilen wohlgepanzertes Herz wehrte sich nicht einmal gegen die Gefahr, blind lockt uns das Schicksal, Schritt für Schritt, bis wir stehen wo wir nicht mehr zurück können, verloren – in seiner Macht.

Mütterchen Seraphine sah voll Schrecken der Geschichte zu; starr, gebannt, gleich dem Vögelchen vor der Klapperschlange. Was konnte sie thun? – Bescheidene Menschen gleich ihr, die sich nichts zutrauen, verfallen oft in solche Hülflosigkeit. Hätten ihre Thränen die Beiden auseinander halten können, der Strom hätte genügt; aber heimliche Thränen sind das wirkungsloseste Vertheidigungsmittel.

Jeder Abend sah das dreiblätterige Kleeblatt auf dem Altan. Dunkle, träumerische Sommerabende waren es, ab und zu durchleuchtet von einem verstohlenen Mond. Der Junker hatte eine einschmeichelnde Art Volkslieder zu singen, sich begleitend auf einem wunderlichen Nationalinstrument, welches er von seinen Reisen mitgebracht. In Liedern läßt sich viel sagen, was in Prosa verfänglich wäre; man macht Sonne, Mond und Sternen den Hof und meint doch nur die Geliebte. Der Junker sang:

»Leuchtend im Himmelsmeer
Stolz zieht ein Stern daher,
Drunten am niedern Reis
Blüht Blüthensternchen weiß.

Spricht, schick' mir Gruß und Kuß,
Weil ich hier blühen muß; 19
Strahlende Brücke bau,
Ueber die Erde grau.

Kommst Du herab zu mir
Oeffn' ich die Blättchen Dir,
Schließe Dich ganz allein
Heimlich in's Herz hinein.«

»Ich beneide die Sterne nicht«, sagte Fiekchen, »es muß hart sein, dort oben so einsam zu funkeln und kalt gewiß noch dazu. Für unser Eins dagegen ist's gar zu schön, sie hoch über sich zu wissen«.

»Ab und zu fällt doch Einer«, bemerkte Jan barsch.

»Man sagt's«, rief Fiekchen lustig, »aber es hat sie noch Keiner aufgelesen.«

»Es soll auch nicht der Mühe werth sein«, brummte Jan in sich hinein.

Meistens saßen Fiekchen und Donat auf den Seiten der kleinen Treppe, die zum Fluß führte. Sonst war ihr gegenüber Jan's Platz gewesen, jetzt saß selbstverständlich der Junker dort. Obgleich der Altan nur drei Schritte höher war, schienen sich die Beiden selig allein, wie auf hohem Meer.

In tausend Zungen gab die schwärmerische Sommernacht ihren Gefühlen Ausdruck, aus des Junkers Augen war es zu sehen, aber das Wort fehlte. Wie ein Geheimniß, ihnen selbst ein Räthsel, lag es zwischen ihnen. Wenn Fiekchen Donat freundlich fragend ansah, wußte er eigentlich nur eine Antwort; aber so viel vermochte doch noch die alte Zeit über ihn, daß sie ihn bei Besinnung erhielt und er 20 der Verlockung widerstand, die Zauberformel zu sprechen, die diesem Märchen ein Ende machen und sie Beide der Wirklichkeit wiedergeben würde. Wie der Funken im Stein, schlief noch in ihm die Alles vergessende Leidenschaft.

Trotzdem fühlte das Mädchen ein heimliches Feuer in ihrer Nähe, wenn auch nur als wohlige Wärme die Seele überströmend, die sich geliebt fühlt.

Ihre Augen glänzten wie droben die Sterne. Jan benutzte die Gelegenheit seines Alleinseins mit Philemon zu einem Kriegszug gegen den Junker.

»Was hat dieser Wappenhalter hier zu suchen?« brummte er; »bleibe doch Jeder wo er hingehört.«

»Sie haben Recht«, flüsterte Sacht, »es ist eine Species Lilien, die hier nicht am Ort ist, die hier nicht gedeihen kann.«

»Woll'n Alles haben«, schalt Jan, »unsere Gemüthlichkeit – ihre Hoheit – denken, wenn's ihnen beliebt, überall ihre Rolle zu spielen. – Dem aber will ich den Standpunkt schon klar machen! Unten auf der Erde und plötzlich wieder oben als Stern – das geht nicht. Ein Ding, das man in Händen gehabt, kennt man und weiß genau, was daran ist. Hier scheint es mir bitter wenig zu sein.«

»Für die Blume unserer Gedanken«, bedauerte Sacht, »ein böser Käfer oder vielmehr ein gar zu hübscher Schmetterling. – Was sind wir dagegen?«

»Ehrliche Leute«, entgegnete Jan scharf.

»Die aber leider nichts helfen können«, meinte der sanfte Blumenfreund niedergeschlagen.

21 »Herzen wie Pflanzen lassen sich nicht zwingen. Gewalt ist ihr Tod.«

Am Abend spät, es war ganz dunkel, als Alles Abschied genommen, fühlte der Junker eine Hand auf seiner Schulter.

»Ich habe noch ein Wort mit Ihnen zu reden«, sagte Jan.

Verwundert und etwas abgekühlt ging Donat mit ihm hinab in das Gärtchen; oben erschien eben der einzig helle Schein, ein Licht hinter Fiekchen's Fenster.

Der Junker stand und sah hinaus, gelehnt an den Stamm eines wunderlich gewachsenen Baumes, dessen dürre Aeste Bank und Lehne bildeten. Er vergaß fast Jan und dachte nur an sie.

Es war gut, daß in der Dunkelheit die flammende Gluth verschwand, die dessen Gesicht übergoß, als er ohne viel Vorreden sagte: »Herr Junker, ich liebe Fiekchen.«

Wenngleich Donat es lange wußte, lag in dem klar gesprochenen Wort Etwas, das jäh wie eine wilde Flamme ihm in leuchtender Helle das eigene Herz offenbarte. Wie einen körperlichen Schmerz empfand er es. – Er erschrak ordentlich vor der Heftigkeit dieses Gefühls, aber es war da, herausgefordert durch Jan, und ließ sich nicht wegleugnen.

War nicht Fiekchen sein – – und doch wieder, durfte sie es je werden?

»Wie komme ich zu der Ehre dieses Vertrauens?« frug er höflich; »man pflegt dergleichen andern Orts zu sagen.«

»Sie sollten es wissen, Junker Donat – durch mich sollten Sie es erfahren – es macht Manches klar für 22 künftig. – Sie ahnt nichts davon – Ihnen aber muß ich sagen, daß sie Jemand in der Nähe hat, der nichts scheut, wenn es ihr Wohl gilt. Fiekchen«, fuhr er fort, zum Fensterchen hinaufweisend, »gönne ich alles Gute, verstehen Sie, Alles – bliebe mir auch nur das Nachsehen.«

Mit diesen Worten verschwand er in der Dunkelheit.

Oben in seiner Kammer hielt sich Jan aber diese Predigt:

»Pfui, Jan, ungeschlachter Mensch, was stellst Du Dich vor ihre Sonne? Willst Du ihrem Glück im Wege stehen? Vergleich' Dich doch, hanebüchner Klotz, mit diesem feinen Edelstein. – Wenn ich nur wüßte, ob er echt ist. Falsch wär' er nichts werth. – Was bist Du denn werth, Jan? Fauler, nichtsnutziger Schlingel, der nichts besitzt, als ein paar große Fäuste, die er noch nie im Ernst zum Wohl der Menschheit gebraucht hat. – Wenn ich ihm nur traute! Von mir ist ja gar nicht die Rede. Weiß ich doch am besten selbst, was solch' ein Gefühl aus Einem macht, man ahnt nicht mehr, was rechts, links, oben, unten ist – oder ob das bei solchen Leuten auch Alles anders ist? Blaues Blut, Jan, davon verstehst Du nichts. Hast es doch erfahren, wie sie mit der Tante umgingen; im Moment kommt's auf den Gefrierpunkt. Aufpassen, Jan, aber zart, nicht wie der große Bullenbeißer, der Du bist. Verletz' nicht. Hättest lieber schweigen sollen, man kann viel Unheil bringen über Die, die man liebt. – O, Jan, Du bist wieder auf schlimmem Weg, würde mein Vater sagen, und er hätte am Ende Recht.«

Dem Junker war unbehaglich zu Muthe, als er das 23 Gärtchen verließ, ernüchtert wachte er aus dem schönen Traum auf, den er so gern noch ein Weilchen fortgeträumt. Er sollte sich also entscheiden und Jan war sein Mitbewerber, der Ritter, der mit ihm in die Schranken trat. Er lachte ordentlich, wenn er daran dachte, und was wol seine Kameraden in der großen Stadt sagen würden, wenn sie es sähen.

Als er durch sein wappenverziertes Thor fuhr, erröthete er beinah' in dem Gedanken, die steinernen Löwen wüßten, wie er sich benommen. Glücklicherweise bedachte er sich, daß er ja eigentlich nichts gesagt habe. Morgen werde er Alles klar überdenken und der Sache nüchtern in das Gesicht sehen. Es giebt ja doch nicht nur dies eine schöne Mädchen in der Welt und warum muß es nun g'rad dies sein, welches Fiekchen Fips heißt, Jan Fips zum Vetter hat, zur Tante den Butterladen, zum Onkel den Tabakshändler? Es that ihm ordentlich weh', wie er es in Gedanken aussprach, als hätte er gesagt, zur Tante die Diebin, zum Onkel den Mörder. Sein ganzes hochadeliges Gefühl bäumte sich dagegen auf wie ein Racepferd. Er dachte Alles durch, um an ihr selbst einen Mangel zu entdecken; aber da war nichts, es blieb eben Fiekchen, das Fiekchen, welches er liebte, ihm sogar verwandt – edel an Gemüth und Gestalt. Seine Phantasie war ganz erfüllt und beunruhigt, er schlief schlecht und schob es auf die Mäuseschlachten hinter den Boiserien. In seinen Träumen gab er ein großes Fest. – Pomphaft, mit glänzenden Schleppen und Ordenssternen, stieg sein edles Geschlecht aus den Rahmen, er steckte dabei in einer Buttertonne und bot 24 umsonst der hehren Versammmlung Onkel Fipsens Cigarren an; ab und zu wurde durch die Thür von einem galonnirten Diener ein Fips nach dem andern mit Hinzufügung seiner Stellung in den Saal gerufen.

Froh, daß er noch rein von all' diesen Verlegenheiten sei, erwachte er am nächsten Morgen. Jede Dissonanz klingt schlecht für Den, der nicht die Kraft in sich fühlt, sie aufzulösen. Wenn es nicht durchaus sein mußte, sollte Fiekchen nicht in den genealogischen Kalender – er schwur es all' den edlen Gesichtern im Ahnensaal, die auch aussahen, als ob ihnen das nicht im Entferntesten einfiele. Die Lerchen zwar, die an dem glanzvollen Morgen emporstiegen mit ihrem jubelnden Gesang, schienen über ihn zu spotten, indem sie immerfort »Fiekchen, Fiekchen, Fiekchen« schmetterten und immer wieder »Fiekchen« bis in den Himmel hinein.

Die beste Hülfe gab ihm das Schicksal in Gestalt einer allerliebsten kleinen Gräfin, verwandt mit ihm, welche er auf Besuch bei der Tante Severa fand. Sie sollte ein paar Wochen dort bleiben, um, wie der Bruder schrieb, Vernunft zu lernen und Respect vor alten Sitten; denn diese abscheuliche Zeit, so ledern sie aussähe, erzeuge oft bei der Jugend einen romantischen Rückschlag, der zu den schlimmsten Dingen führe. Im Hintergrund lag noch der Wunsch, den Junker und die kleine Gräfin, deren Güter Nachbarsgüter waren, auf die practische Idee zu bringen, sich zu heirathen. Es war so passend, so erwünscht, so in aller Hinsicht das Natürlichste.

Also mein Junker fand am feierlichen Frühstückstisch 25 der Tante, bei der der alte Diener servirte, als sei sie eine Majestät, ein wunderhübsches, junges Ding, nicht älter als Fiekchen, und wenn auch ihr Widerspiel, da von mütterlicher Seite französische Abkunft der Physiognomie Charakter gab, wol des beifälligen Blickes werth, den der Junker ihr gönnte. Eine geborene Königin der Gesellschaft, er sah schon die Schaar der Bewunderer ihr zu Füßen liegen.

Verlegenheit schien ihr unbekannt; von der ersten Minute war sie mit ihm vertraut, wie mit einem alten Bekannten. Tante Severa blieb ganz erstarrt über die Eile, mit der das ging.

»Alles die Eisenbahn«, sagte sie sich in Gedanken, »Alles gleich familiär. Zu unserer Zeit hätte man Jahre dazu gebracht – will vornehm sein und kann sich nicht geistig und körperlich g'rad halten, hat kaum die Würde eines Fräuleins.«

Wie ein Sturmwind durchfegte die kleine Gräfin das Haus, stöberte als neckischer Kobold die seltsamsten Dinge auf, Erinnerungen, die in mumienhafter Ruhe geschlummert hatten. Den alten Dienstboten standen die Haare zu Berge. Endlich brachte sie heraus, daß der falbe, ältliche Pony zum Reiten noch allenfalls tauge; umsonst versicherte Tante Severa, es schicke sich nicht, daß sie mit dem Junker reite; sie schmeichelte wie ein Kätzchen und wiederholte so oft, zu Haus thue sie all' dergleichen, thue Alles, was sie wolle, daß Tante Severa vor dem verwöhnten Prinzeßchen, um nur endlich Ruhe zu haben, die 26 Segel strich und die Beiden, die sie fast für Verlobte hielt, mit einander reiten ließ.

Der Junker und Gräfin Beda ritten lustig querfeldein, die grauen, düsteren Mauern hinter sich lassend, um sich und dem frischen Morgen zu leben. Die übermüthige kleine Gräfin veranlaßte den alten Gaul zu den jugendlichsten Luftsprüngen und blitzte ab und zu Donatus aus ihren schelmisch schwärmerischen Augen sehr verführerisch an. Er aber mußte sich ordentlich zusammennehmen, um auf all' ihre kühnen Reden, die gleich ihrem Pferdchen hin und her sprangen, gute Antwort zu geben.

Beda schwatzte lustig und unermüdlich wie die Vögel im Wald, durch den sie ritten, legte eine Generalbeichte ab, in der sie gestand, daß sie nichts von diesem Ahnen- und Familiencultus halte, weshalb sie auch bei dem Bruder in Ungnade sei. Jetzt habe man es entdeckt; sie sei aber nie besser gewesen, denn schon als Kind habe sie der ganzen Bildergalerie ihrer steifen Ur-Ur-Groß-Großmütter und Tanten heimlich Schnurrbärte gemacht. Was sollten ihr diese Fetische?

»Müssen Sie hier etwa auch zu bestimmter Zeit alle Mumien im Grabgewölbe mit neuem Sammet und Gold versehen? Und immer das flicken, was nicht mehr halten will – halten kann? Vergeht Ihnen nicht aller Respect vor diesen aufgeputzten Häufchen Asche, vor diesem Memento irdischer Vergänglichkeit? Um keinen Preis möcht' ich dort liegen – ›In Gras und Blumen lieg' ich gern‹ – selbst nach dem Tode«.

Donat hörte etwas mißbilligend diese echte Tochter der 27 Zeit reden, die aller Pietät solcher Art spottete, aber mit einer Grazie, die immer um Verzeihung bat. Ehrfurcht war ein wesentlicher Theil seines Charakters; ein schöner, edler Zug der Vergangenheit, gepflegt, genährt in ihm durch Severa und nur in seinem Innersten erschüttert durch die Frage: »Ob ich wol Fiekchen heirathen kann?«

An einem grünen Platz im Walde stiegen sie ab und ließen die Pferde grasen. Es lag ein Abhang vor ihnen, überstreut mit Waldkräutern und zierlichen blauen Glocken. Roth schimmerten weiße, gebirgige Wolken, angeglüht durch die Sonne, als wären's Alpen. Unten zogen über die grüne Flur Heerden und Wagen heim. Aus den Hütten stieg, bläulich, ein sanfter Rauch empor. Hier und da flog schon ein Vogel zum Nest. Das Laub zitterte im Abendwind.

Die kleine Gräfin stand dicht am Rand, über die zierliche Gestalt strich noch der goldene Glanz, der nun begann sich auf Feld und Wald zu lagern.

»Donat!« rief sie, und der schwärmerische Ausdruck gewann Oberhand in den dunklen Augen. »Hier fühlt man sich wie der Sclave, dem endlich einmal alle Fesseln abgenommen sind. Nur Mensch will man sein. – Nichts mehr als der Andere, nur nehmen direct aus Gottes Hand, was er Allen bietet, ohne Redensarten, ohne Ceremoniell. – Keinem zu viel, Keinem zu wenig, Jedem, nach dem seine Seele durstig ist, nach Abendsonnenschein, nach Himmelsblau, nach dieser köstlichen Freiheit!«

»Ich wüßte nicht, Gräfin Beda, was Sie an diesem unschuldigen, billigen Communismus hindern könnte!«

28 »Alles«, antwortete sie mit komischer Verzweiflung;»ich komme ja fast nie zu diesem Gefühl – und Gefühle kann man weder kaufen, noch erben, ich wenigstens nicht. Wie ein eingezäuntes Reh gehe ich umher im herrlichen Park, golden eingezäunt, aber immer eingezäunt. – Artig geh' ich darin spazieren, stolz sogar: draußen sind noch andere Thiere, jede Sorte apart und so eigen auf das Stückchen Kraut, das ihnen zukommt. – Wissen Sie, Donat«, fuhr sie heimlich fort, »ich habe schon ein Loch gemacht in den bewußten Zaun – bald bin ich hindurch.«

»Es wird Ihnen draußen nicht besser gefallen, wenn Sie damit kleinbürgerliche Verhältnisse meinen, Gräfin Beda.«

Sie schlug ein lustiges Gelächter auf. – »Ach, Donat!« rief sie, auf das Höchste vergnügt, »Sie glauben doch nicht, ich bangte mich nach Krämerseelen oder bedauerte, nicht als einfache Tochter dieses einfachen Landmannes, der da unten die Ochsen treibt, geboren zu sein? Wer mag vom Pferd auf den Esel? O nein, höher will ich hinaus, etwas fliegen, Donat, wenigstens dann und wann. – So aber hält man mich am Faden.«

»Ich habe noch nicht gemerkt, daß Sie irgend ein Hemmniß in irgend einem Vorhaben gestört hätte«, meinte der Junker.

»O doch«, sagte sie melancholisch, »man hat mich schon oft von der Höhe heruntergeholt. – Sie sind auch angebunden, Donat, spüren's nur nicht, weil Sie am Boden bleiben; wenn Sie auch einmal die Flügel lüften und in 29 die Wolken wollen, werden Sie's schon merken und verstehen.«

»In die Wolken kann man eben nicht«, antwortete er, »man bleibt deshalb lieber hier.«

Schweigend bestieg sie wieder ihren Falben und ritt mit übermüthiger Wildheit voraus, nahm Hecken und Gräben, welche Donat nie dem alten Gaul zugetraut, und kam zerzaust, ihr Kleidersaum tropfend wie der einer Wasserfee, glücklich nach Haus.

In den nächsten Wochen versuchte Donat mit aller Gewalt, sein Herz an die kleine Gräfin zu hängen.

Da sie ihm ausnehmend gefiel, mußte es keine Schwierigkeiten haben; aber der Dichter sagt mit Recht:

»Amor's Pfeil hat Widerspitzen,
Wen er trifft, der laß ihn sitzen!«

Er gab der Gräfin alle Vorzüge, gestand sich, daß er ihr gut sei, daß es g'rad eine Frau für ihn sei und dennoch – Fiekchen war es nicht.

Gerade an Beda's Seite ergriff ihn eine Art Heimweh nach der Geliebten, welches wie eine Macht diese unberechtigte Liebe nährte. Alles um ihn her wurde grau und farblos, eine tiefe Melancholie überkam ihn. Wie ein Schatten, der umgeht, kam er sich vor gegen die frische Wirklichkeit, die ihn lockte, seine Krone eine Art Flitterkrone, deren jetzt geforderte Macht, Reichthum, ihr fehle. Weshalb schien ihm jeder Gedanke an Fiekchen in diesen Mauern wie ein Treubruch gegen alte Verbündete?

Stumm, gesenkten Hauptes hörte er die Pläne, welche Tante Severa für sein künftiges Glück schmiedete. Es 30 hätte eines großen moralischen Heldenmuths bedurft, um an dieser Stelle, Angesichts dieser alten Insignien zu rufen: »Ich liebe Fiekchen Fips, die Tochter des Kleinkrämers Fips!« – Wär's ein großer Kaufherr gewesen, Bankier, das sieht man alle Tage, wenngleich Tante Severa es nicht weniger verachtet hätte.

Wie sah es aber in Krähhubel und dem Fipshäuschen in der langen Abwesenheit des Junkers aus?

Natürlich war die Gräfin Stadtgespräch.

»Also kann er Fiekchen doch nicht heirathen«, meinte Krähhubel. Fiekchen sagte nichts, man merkte kaum, daß sie den Kopf hing. – Jan aber, der froh sein sollte, ist wüthend. Ihr Lächeln macht ihn auch nicht vergnügter, es ist etwas darin, was ihm nicht gefällt. Um den Preis will er selbst seinen Platz ihr gegenüber auf dem Treppchen nicht. – So Eins fühlte er sich mit ihr, daß ihm manchmal ist, als schaue er auch nach etwas aus – sehne sich – sehne sich, er auch, nach dem Junker – und dann, wäre er hier, möcht' er ihm den Hals umdrehen. Aber der Junker kam nicht.

Philemon Sacht hatte die Rede wohl zwanzig Mal auswendig gelernt, mit der er Fiekchen sagte: »Nehmen Sie mit mir vorlieb, ich weiß mit zarten Blumen umzugehen und Blumen sind ähnlich den Frauen, ich verlange nichts als sie lieben und pflegen zu dürfen« – aber wenn er in ihre Augen sah, verstummte er.

»Sie gehört uns nicht mehr«, klagte er Jan, »er hat unsere Blüthe abgebrochen.«

31 »Dummes Zeug«, antwortete Jan, »so treibt sie andere Knospen, wenn man nur der rechte Gärtner wär'.«

»Eben – eben«, wiederholte Sacht, »wenn man es wär'.«

Die dicke Bauerfrau meinte: »Da ist auch die Sahne vom Leben abgeschöpft.«

Das romantische Fräulein: »Wenn man die glückliche Liebe nicht haben kann, ist eine unglückliche doch besser als keine.«

Und der kleine Geldmann rief: »Es hat sich schon Mancher verrechnet im Leben.«

Weite Wanderungen machte Fiekchen, auf denen sie Jan begleitete. »Es ist mir so eng' im Haus,« sagte sie und dachte dabei: »Wenn ich ihn doch nur ein einzig Mal wiedersehen könnte, würde mir, glaub' ich, besser.« – Wundervoll warme Herbsttage setzten ein, wie am entlaubten Zweig plötzlich noch eine Blüthe entsteht, man glaubt ihn todt und auf einmal steht er geschmückt zum zweiten Mal.

Sie gingen ihren alten Gang, dem Walde, dem Schlosse zu, schweigend. Fiekchen war jetzt stiller als sonst und Jan sagte überhaupt nur das Nothwendigste. So wanderten sie stumm mit einander und nahmen noch von warmen Strahlen in sich auf, was ihnen gegönnt war. Ganz in Gedanken gingen sie, daß Keines merkte, wie sie den rechten Weg zur Rückkehr verfehlten und plötzlich, wollten sie vor Nacht zu Haus sein, nur die Wahl hatten über des Junkers Schloßhof oder einen Bach zu kreuzen, der Frühjahr und Herbst bedenklich anschwoll.

Bestürzt blieb Fiekchen stehen.

32 »Dahinaus nicht«, sagte sie, den zierlichen Kopf schüttelnd und mit flehender, hülfloser Geberde zu Jan aufblickend. »Nein, über den Schloßhof nicht« – das verstand er wol. Sie wandten sich und standen bald vor dem verhängnißvollen Bach, der, als wär' es zum Trotz, schäumend, wild, in nie gesehener Breite über die Steine sprang. Zweifelhaft sah sie sich wieder um nach Jan.

»Wir müssen hindurch«, sagte sie, »die Mutter würde sich halb todt ängsten. O Jan, ich hätte Dich für verständiger gehalten.«

Jan entwickelte eben, scheu sie zu berühren, seine großen Arme, um sie, als letztes, verzweifeltes Mittel, hinüberzutragen. – Da stand, wie aus dem Boden gewachsen, Junker Donat vor ihnen. Er warf seine Flinte in das Gras und ohne zu fragen, ohne zu zaudern, ohne ein Wort der Erklärung ergriff er Fiekchen und trug sie, sorgsam die Steine aussuchend, hinüber an das andere Ufer. Um sie her eine Wolke von stäubendem, glänzendem Wasser, glitzernde Sonnenstrahlen lauschend durch grüngoldene Zweige.

Sie sah gar zu reizend aus, als er sie niederließ. Das blonde Haar halbverwirrt und etwas verwirrt auch der Blick, den sie unschuldig erfreut zu ihm aufschlug. In diesem Augenblick ging Alles rundum mit ihm; was ihn von ihr trennte, versank wie verschlungen von dem einen Gefühl. Es waren nur wenig Worte, die er ihr zuflüsterte, als sie am grünen Rand des Baches anlangten, aber es waren genug.

Alles war fertig, als Jan wie Zeus aus der Donnerwolke ihnen nachgestiegen kam durch das Wasser.

33 Donat ging freimüthig auf ihn zu. »Gönnen Sie es uns«, sagte er, »wir gehören einander, nicht wahr, Fiekchen?«

Sie nickte und sah mit strahlenden Blicken zu ihm auf. Jan aber schwieg. – »Nun«, frug sie endlich, »hast Du kein Wörtchen für uns?«

»Was soll ich wol sagen?« stotterte der arme Mensch, »es ist ja hier nichts mehr zu helfen. Hoffentlich entsteht kein Unheil daraus«, fuhr er, treuherzig Donat die Hand reichend, fort, »es mußte ja so kommen, und da es nicht anders ist, sollen Sie auch einen redlichen Freund und Vetter an mir haben.«

Vetter! Dies Wort klang dem Junker unharmonisch, als nähme sich Jan eine Freiheit heraus. Er schlug dennoch ein und machte seine verbindlichste Verbeugung.

Wer rechnet mit dem Geliebten, wenn er wieder da ist? – Ein Wort macht Alles wieder gut, ein Blick entschädigt. Ueber der Liebe liegt schon etwas Gold der Ewigkeit, etwas von der Fülle, die augenblicklich jeden Mangel deckt. Alles wurde ihnen zur Wonne; plaudernd, scherzend gingen sie voraus wie Kinder, keine Blume, keine Beere vorbeilassend. Jan ging hinterdrein – ein Eckchen hinterdrein, sogar die Flinte hatte er noch aufgelesen und mitgenommen. Sein ehrliches Gesicht das wunderbarste Gemisch von Groll, Zufriedenheit und Verzweiflung.

Fiekchen und Donat suchten zu Haus ihren Lieblingsplatz, den Baum mit den dürren Aesten. Jan dagegen steuerte zu Frau Seraphine in die Küche, setzte sich dort 34 auf den Hauklotz, sie waren Beide allein, und sagte: »Petz ist wieder da.«

Sie verstand ihn gleich, fuhr erschreckt auf wie das Reh, das den Jäger hört. Eine Weile knisterte und schwatzte nur das Feuer zwischen ihnen.

»Was soll daraus werden?« seufzte sie endlich.

»Das wollte ich eben fragen«, sagte Jan; »ein Ende könnte man schon machen, es ist nur die Frage, ob Fräulein Fiekchen dabei zu ihrem Theil käme. Wenn zwei Bäume miteinander verschlungen sind, hat man schlecht einen abhauen.«

»O, daß die Lilienstern'schen Spukgeister uns keine Ruhe lassen können! Oder, soll Fiekchen ihnen gleichen, warum hat sie nicht ihren Stolz mitbekommen?« klagte Frau Seraphine.

»In diesem Fall, ich meine Liebesfall, hilft auch das nicht«, antwortete Jan muthlos; »ich dachte auch, ich hätte meinen Stolz, aber so etwas vergeht wie Butter an der Sonne.«

Frau Seraphine wußte am besten, daß er Recht hatte. »Vielleicht«, meinte sie schüchtern, »gilt das bei ihm auch; ich will ja gar nicht an mich und meine Empfindungen dabei denken. Wenn das Kind nur glücklich wird. Aber daß es g'rad dieser sein mußte!«

»Ja, warum es dieser Junker sein mußte«, wiederholte Jan, »ein Mensch ohne Charakter, Frau Fips, ein Mensch ohne Knochen, ich könnt' sie ihm nicht einmal zerbrechen, wenn ich wollt' – glatt, schlüpfig wie ein Aal; ich glaub', man nennt es liebenswürdig, höflich, abgeschliffen, 35 Politur mit einem Wort, und auf so Einem rutscht Recht und Unrecht herum, man weiß zuletzt nicht mehr wo's ist. Sein Majorat – – hohl wie eine Nuß. Seinen Schafheerden, Kuhheerden mag er nachsehen, ich begegnete ihnen neulich; deren Stammbaum ist durchaus nicht so aristokratisch wie es zu erwarten wär' vom Lilienstern'schen adeligen Vieh.«

Als Jan diese für ihn endlose Rede sich vom Herzen gesprochen, stand er auf, schüttelte sich und sagte düster: »Einen Spaß soll er sich nicht mit uns machen, da mag er zusehen.«

»O Jan«, rief das kleine Frauchen. »Laß die Hand davon, Du bist zu derb für dergleichen, es geht Alles entzwei!«

»Ich spar's mir auch bis auf die Letzt«, entgegnete Jan, mit dem Beil eine sehr kühne Wendung machend, »erst warten wir's ab. Fiekchen werd' ich nicht unnütz weh' thun, das versteht sich von selbst.«

Damit ging er hinaus, setzte sich auf den Altan und starrte in das Wasser – er konnte die Beiden nicht sehen, wol aber hören, was sie sagten.

»Nennt man das verlobt?« frug Fiekchen schüchtern.

»Ja«, erwiederte Donat erregt, »mit diesem Kuß bist Du mein – keinem Andern kannst Du mehr gehören, die Stelle würde Dich brennen wie eine Schuld. Ich konnte nicht länger ohne Dich sein und so ist jetzt Alles fest und entschieden. Laß uns vergessen, was vielleicht noch Schweres zu überwinden ist – Du bist mein und ich Dein, alles Uebrige zählt nicht mit.«

36 »Was sollte noch Schweres sein?« sagte sie lächelnd, »das Schwerste, die lange Zeit, in der ich Dich entbehrt habe, ist ja nun vorüber.«

Mütterchen Seraphine, dem Fiekchen unter Wonne und Seligkeit die Lage klar machte, gerieth ganz außer sich, sie war von Denen, die immer fürchten und auch immer wieder hoffen, zum Schlimmsten käme es nicht. Mit schneidiger Schärfe stand der Tag vor ihrem Gemüth, an welchem sie vor versammeltem Lilienstern'schen Familientribunal erklärt: »Ich heirathe Leonor, komme was da komme!«

Ihre Glückwünsche gingen unter in Thränen. Fiekchen wurde ganz stutzig darüber.

»Was haben sie Alle?« frug sie Donat.

»Sie denken an Einiges, was uns hindern könnte, äußerliche Bedenken, und vergessen unsere Liebe.«

»Glaubst Du«, meinte sie nachdenklich; »mein Mütterchen müßte sich wol darauf verstehen, hat sie doch den Vater nur aus Liebe geheirathet. Es ist wol noch etwas Anderes dabei.«

»Laß es sein, was da wolle. Wir gehören einander, genügt das nicht?«

»Gewiß«, sagte sie zu ihm aufsehend. »Vom ersten Augenblick, da ich Dich sah, hab ich es empfunden, erst dunkel, nun hell wie Sonnenlicht.«

Hier, in der Nähe der Geliebten, kam auch kein Schatten an ihn heran. In seinem Schloß freilich war andere Luft. – Alle Menschen haben etwa vom Chamäleon an sich, sie nehmen die Farbe ihrer Umgebung an. In Lilienstern hatten andere Geister Gewalt über ihn, 37 wußten sich in die schönsten Gewänder kindlicher Ehrfurcht und adeliger Treue zu kleiden. Schlich er doch mit schlechtem Gewissen dies Mal am Jahrestag in die Gruft und legte zaghaft den Kranz auf den Sarg der Mutter. Vor seiner Seele stand die hohe Gestalt, wahrhaft vornehm, gütig gegen niedrig Geborene, aber doch geschieden von ihnen wie Erde und Himmel, unschuldig in ihrem Hochmuth, von dem sie keine Ahnung hatte. Er mußte nicht ihr Sohn sein, wenn ihn nicht ein elendes Gefühl beschlichen hätte bei dem Gedanken an seine Verbindung mit dem Geschlecht der Fipse. An dieser Stelle that es ihm fast leid. Könnte er doch auf irgend eine Art die Geliebte befreien von diesem lächerlichen Stamm und von dieser unaristokratischen Verwandtschaft! Sie war ja Alles, was seine Seele sich je in ihren kühnsten Wünschen ausgemalt hatte. Trüb und unbehaglich strich er an den Ahnenbildern vorbei. Weshalb ängsteten sie ihn mit eingebildeten Vorwürfen? Warum hörte er auf sie? War er nicht lebendig, sie todt? – Und doch konnte er sich ihrer Macht nicht entziehen. Der Geist ist mächtig weit über seine Zeit hinaus, Jeden umgiebt hier eine Art Schattenwelt – helfend, schadend, zerstörend, erbauend; der Einzelne muß sich mit streng rechtlicher Seele seinen Weg hindurch suchen.

Im Fipshäuschen war auch nicht Alles golden und süß, wie es an solch' einem Tag sein sollte. Philemon Sacht hatte Fiekchen dies Mal wirklich eine abgeschnittene Rose gebracht. Sie wußte, was das hieß, und es drückte einen Dorn in ihr gütiges Gemüth.

38 »Sie hätten sie leben lassen sollen«, sagte sie, »ich war es nicht werth, und es ist auch gar eine Knospe daran, die Ihnen zur Freude hätte aufblühen können.«

»Der Winter ist vor der Thür«, antwortete er, »da blüht nichts mehr auf; aber kränken Sie sich nicht darum. Im Garten weckt das Frühjahr genug Blumen wieder auf – nur im Leben nicht – dort ist es anders. Einem fällt die Blüthe zu, dem Andern nicht – Keiner kann etwas dafür – Jeder findet seinen Theil Freude in der Welt, wenn er nur will; meine muß wol in der Pflege der Pflanzen liegen und ich wäre undankbar, wollte ich mir daran nicht genügen lassen. Ihnen aber wünsch' ich eine Blüthe wie diese Rose, doch besser gegründet, mit festen Wurzeln in die Erde gesenkt, unverwelkliche Schönheit im purpurnen Kelch.«

Als Fiekchen zum Schlafen hinauf ging, fand sie Frau Seraphine in eine Ecke des Zimmers gedrückt, in welchem sie, wie Tante Severa, ihre Heiligthümer aufbewahrte; denn welch' Herz etwas geliebt hat, der behält solche Trümmer eines zerstörten Glückes in Händen.

Sie sah ihr Kind nicht kommen, so vertieft war sie; hielt fest gefaßt das Bild des Vaters Leonor, küßte es, weinte – um sie her seine Briefe. So aufgeregt hatte Fiekchen die stille Mutter noch nie gesehen. Sie setzte sich der Trauernden auf den Schooß, als wäre sie noch klein, schlang die Arme fest um sie, legte ihre weiche Wange an die verwelkte und frug: »Hab' ich Unrecht gethan?«

»Nein, nein, mein Kind«, schluchzte die kleine alte 39 Frau und scheute sich, mit der Bitterkeit, die in ihr aufwallte bei dem Gedanken an all' die Kränkung, Mißachtung, die dem Geliebten von dem Haus, dem sie die Tochter geben sollte, widerfahren, dies fröhliche unschuldige Herz zu vergiften. »Nein, nein, mein Kind, es wird ja Alles gut werden, wenn Ihr Euch lieb habt. Was mich betrübt, sind Erinnerungen, man wird sie nicht los, mein Kind, plötzlich erwachen sie wieder und kommen wie die Fluth zurück.«

»Warst Du nicht glücklich?« frug das Mädchen erschüttert.

»Manches war mir herb und traurig im Leben – von ihm aber, von Deinem Vater«, sagte sie, das Bild mit zärtlichem Blick betrachtend, bis die Thränen ihr Auge überschwemmten, »von ihm kam mir nur Glück. Möchte es Dir auch so gehen, dann kannst Du alles Andere getrost hinnehmen.«

Fiekchen hatte erst Lust zu fragen, was dies Andere sei, das wie eine gespenstische Wolke über ihrem Glück hing, aber heut' fehlte ihr der Muth, und wenn die Mutter es für nichts achtete gegenüber ihrer Liebe, so konnte sie es ja auch wol thun.

Dennoch löste sie gedankenschwer die blonden Flechten, als sie sich zur Ruhe legte, setzte sich oft auf in der Nacht, spähte nach der Mutter durch die halbgeöffnete Thür. Immer noch brannte flackernd das Lämpchen und raschelte das Blatt des Briefes, in dem sie las.

Der Junker lieferte unterdeß viel Geisterschlachten. Wer übrigens nie gekannt, was es heißt, Vorurtheile 40 überwinden, der werfe keinen Stein auf ihn. Alle Schutzengel seiner Kindheit drangen auf ihn ein, um den Platz zu wahren. Eins stand nur fest wie ein Fels in dieser ihn umfluthenden Strömung, die Unmöglichkeit, seinem Wort untreu zu werden. Mit echt adeliger Ehrenhaftigkeit würde er es unter allen Umständen erfüllen. Der erste Schritt war, es Tante Severa mitzutheilen.

Unruhig wanderte er, noch eh' die Sonne hervorbrach, durch die schattigen Bogengänge. Um ihn her fiel, eine Saat zur Verwesung, Blatt um Blatt welk vom Zweig, den frischen im kommenden Jahr Platz zu machen.

Warum zögerte er noch lang', als die Fenster der alten Dame zeigten, daß sie wach sei? Zu fragen brauchte er Niemand. Die Ankündigung war nur eine Form vor der Welt – aber eine schwere That für ihn.

Wenigstens war die kleine Gräfin wieder zurück auf ihr Schloß, nachdem die Tante umsonst den Augenblick erwartet hatte, in dem Donat seine Liebe bekennen würde und den ersehnten Heirathsantrag machen.

Tante Severa saß umringt von ihrer Atmosphäre wie die versteinerte Fliege im Bernstein. Ob es draußen Frühjahr, Sommer, Winter wurde, ihr war Alles gleich, ihr Baum, an dem sie Knospen und Blätter zählte, der Stammbaum, unter dem sie erwuchs. Nichts Lebendigeres, nichts Sprechenderes für sie, als diese todten Dinge; alte Bilder ihr Umgang, alte Sachen ihre Gesellschaft. Mit einer Zärtlichkeit voll Rührung ließ sie die Andenken vergangener Herrlichkeit durch ihre Finger gleiten. Kinderbilder, Kinderlocken, Riechdöschen, Stickereien, Wachssachen, genug, 41 tausenderlei Dinge, die eigentlich nichts sind, bis ihnen der Gedanke Werth giebt. Tante Severa war so zu sagen das Familienarchiv.

Donatus hatte eine große Scheu, ihr weh' zu thun, oft merkte er es nicht, wenn es ihm geschah, dies aber traf ihn im eigenen Fleisch und da wird jeder Mensch zartfühlend. Noch dazu ist es sehr schwer, Jemand, der nicht verliebt ist, eine Sache klar zu machen, die nur Verliebtheit entschuldigt. Es kam ja heutzutage oft vor, daß Vornehm und Bürgerlich sich verband – freilich meist unter anderen Aussichten – irgendwo stellte sich das Gleichgewicht her – auf der einen Seite Name und Stellung, auf der andern das Geld. Was konnte er aber anführen? Erschien er sich doch selbst wie durch einen Zauber gehalten. Hier und da enthüllten sich seinem Blick die Folgen – Fiekchen's Verwandtschaft im schlimmen Lichte der Wahrheit, Jan im Frack, eine fast undenkbare Sache, die Hand schüttelnd mit einem gewissen eleganten Vetter; Jan hatte eine so treuherzige Art den Arm fast mit auszureißen – Oder Seraphine knixend, und wieder knixend wo es gar nicht nöthig war, ihr krankhaft schüchternes Gesicht, als bäte sie um Entschuldigung, daß sie überhaupt existire. Könnte er ihnen einen Funken seines Stolzes einblasen, würde Alles besser gehen. All' diese Gedanken kreuzten sich in seinem Gehirn, als er sich neben die alte Tante setzte, um seine Verlobung anzuzeigen.

»Ich will heut' viel von Dir fordern«, sagte er, ihre Hand küssend.

»Nicht mehr als ich Dir gern gebe, wenn ich es kann.«

42 »Du kannst es schon«, fuhr er fort – »aber schwer ist's zu fordern und zu gewähren!«

Sie setzte sich, aus ihrer Ruhe gestört, auf und die feine Spitzenhaube zitterte ein wenig.

»Donatus, Du weißt, ich hasse alle Scenen, hasse es, wenn Jemand neben mir sitzt als wolle er eine Pistole losschießen, es bringt Einen um alle Würde; sag' es doch heraus – wir haben uns in dieser Familie noch stets zu fassen gewußt. Nur niedrige Naturen machen Geschrei. Hast Du Schulden gemacht? Das ist's ja, worin die vornehme Jugend jetzt excellirt.«

»Nein«, rief er, »ich verachte diese Art der Erpressung, der Bettelei wie Du. – Vom Geld anderer Leute leben, das überlass' ich gemeinen Seelen.«

»Was wird es denn sonst sein?« sagte sie, sich wieder beruhigt in die Kissen lehnend. »Daß Du Beda nicht heirathen willst, sehr schade, Ihr hättet Euch eigentlich conveniren müssen. Nun, es wird sich eine Andere finden.«

»Sie hat sich gefunden«, antwortete er scheu – »ich liebe Jemand.«

Tante Severa sah ihn scharf an. »Nun?« frug sie, »wer könnte das sein? In L. warst Du nicht, sie sind auch zu alt für Dich – in B . . zu klein – M . . hat vier Söhne.«

»Von Allen, an die Du denken könntest, ist es Niemand«, fiel Donat schnell ein – »suche sie nicht in den alten Familien.«

»Nicht!« rief Tante Severa – »Donat! nicht ebenbürtig! Bei Pferden wißt Ihr Männer doch gleich, was 43 Vollblut vor Halbblut voraus hat – das Geld demoralisirt alle Verhältnisse. Soll es auch hier die Hauptrolle spielen?«

»Nein«, sagte er, »das Geld spielt gar keine hierbei – nicht Geld, nicht Adel. Reichthum an Anmuth, Adel der Seele.«

»Bürgerlich!« fuhr sie auf – »eine Tänzerin oder dergleichen? Du bist ja ganz in der Mode. Die Zeiten sind auch wahrhaftig danach – aber glaube mir, gewisse Grenzen überspringt der Mensch nicht ungestraft. Es waren doch nicht lauter Dummköpfe, die sie gezogen haben. Sie hielten ein ganzes Weilchen, während Eure neue Sitte noch keinerlei Probe bestanden hat. Ihr werdet die Welt auf eine andere Stelle rücken. Nehmt Euch in Acht, daß sie dabei nicht zu unterst zu oberst kommt.«

»Unser Blut fließt in ihren Adern!« rief er; »es ist die Tochter der Seraphine.«

Die alte Dame zitterte bei Nennung dieses Namens vom Kopf bis zu den Füßen. Dann lachte sie gezwungen. »Nun«, sagte sie, »mich hast Du ja nicht zu fragen; aber dies ist originell, man könnte es fast für eine Rache des Schicksals halten. Denn Deine Mutter war die Erste, die rief: selbst wenn es mein Kind wär', ich sagte mich los, was könnt' ich mit ihr noch zu theilen haben? Ihr freilich geht jetzt mit Creti und Pleti um, Euch macht es keinen Unterschied.«

»Wol!« rief er, »ich mache einen Unterschied! Wie Dir, wie der Mutter widerstrebt Alles in mir dieser modernen Richtung, diesem Zusammenwürfeln von unpassenden Zuständen, 44 von unpassenden Leuten. Jeder in seiner Art vielleicht vortrefflich – zusammengebracht ein ewiger unabänderlicher Mißklang. Wenn ich trotzdem aus solchem Stande die Geliebte mir wählen mußte – mußte, Tante Severa, ich konnte nicht anders – so komme ich heut' nicht in blinder verliebter Wonne, sondern schweren Schritts; wissend, was ich thue – mit peinlichem Gefühl verausahnend, wie die Familie sich stellen wird. Sähest Du das Mädchen, Du würdest mich begreifen!«

»Nie!« sagte sie kurz. »Daß sie schön sein muß, hab' ich gleich verstanden. Ihr Vater war ja ein stattlicher Mann.«

»Nein«, rief Donat, »dem Vater gleicht sie nicht, sie ist eine echte Lilienstern, nur der Name fehlt! Sie paßt zu uns, gehört zu uns, an all' diese Bilder könnte sie herantreten und einen Platz für sich verlangen.«

»Sie hat nichts zu verlangen. Den Platz hat ihr Seraphine verscherzt. Geborene Fips – das im Stammbaum!«

»Tante Severa«, rief er mit warmem Gefühl, »wenn Du sie hier neben Dir hast, wirst Du nicht anders können als sie lieben!«

»Ich werde sie nicht sehen, Donat«, antwortete sie scharf. »Denkst Du, ich bliebe auch nur einen Tag unter demselben Dach mit Seraphinen's Tochter? Von ihr rührt alle Noth her. Jede Andere würde ich eher empfangen. Zu solcher Demüthigung bin ich zu alt, Donat. Ich gehe fort – fort von hier, ohne mich umzusehen.«

Bei diesen Worten stand sie auf; aber die gepriesene 45 Lilienstern'sche Fassung verließ sie und lange stand Donat bei dem Sessel, in dem sie zitternd lag.

»Umsonst – umsonst, Alles umsonst, Du hast mein Leben heut' zu nichte gemacht. Nie bringst Du mich aber dazu, mein Panier als einen verbrauchten, veralteten Fetzen anzusehen. Werft Alles nieder – Mauern, Schlösser, Gesetze – die Ueberzeugungen könnt ihr nicht austilgen; wo noch ein Stückchen davon lebt, wird es immer wieder irgendwo emporwachsen und blühen. O Donat, daß Du es sein mußtest, der mir diesen Schmerz macht! Beda's Bruder hat mich oft zu sich eingeladen – ich lachte sonst darüber, wie konnte ich denken, je von hier fort zu können? War ich doch festgewachsen wie die alten Bäume im Park.«

Donat hatte die Schwere seiner Aufgabe nicht zu hoch angeschlagen. Hülflos stand er dabei. Seine Seele gab ihren Klagen Recht und hing doch auch wieder fest an der Geliebten. Streit war in ihm, von dem er, wo auch der Sieg sei, keinen Frieden für sich zu erwarten hatte. Schon nach ein paar Tagen wurde die staubbedeckte Carosse hervorgezogen. Starr und steinern stieg die alte Dame ein. Donat stand dabei. All' seine Ueberredungskünste hatte er erschöpft. Die alte Pflegerin folgte, jeder sah ihn mit vorwurfsvollem Blick an, Alles so alt, so verfallen, daß man kaum begriff, wie sie den Muth hatten, ein neues Leben anzufangen. Sogar den alten blinden Hund nahmen sie mit. Donat hätte sich eigentlich befreit fühlen müssen, daß er diese Gesellschaft los wurde, aber er that es nicht, im Gegentheil, ihm war als ob mit ihnen die häuslichen Laren auf immer seinen Heerd verließen. Alte, 46 liebe Gewohnheit, sagt man, und wenn es nicht etwas gar zu Unangenehmes ist, wird Einem alles lang Gewohnte lieb.

Er strich allein in den Sälen herum und fühlte sich trotz seines Glücks unbehaglich. Bei Fiekchen wollte er wieder in das Gleichgewicht kommen, noch nie war er von dort ohne fröhliches, frisches Herz zurückgekommen. Schon als er dem Städtchen zufuhr, wurde ihm wohlgemuth.

Krähhubel war ganz in Verlegenheit um ein Gesprächsthema, da die Frage, kann er Fiekchen heirathen, gelöst schien.

»Sagt' ich's nicht,« meinte die Butterfrau, »Die schöpfen von Allem das Fett ab – ein Anderer buttert sein Lebenlang und bringt es zu nichts. Mein Fiekchen auf dem Schloß; na, die Alte wird Augen machen.«

»Schade, daß die Sache schon aus ist«, seufzte das Lesefräulein;»es ist bekannt, daß die Glücklichen keine Geschichte haben.«

»Hoffentlich findet Jeder sein Conto dabei«, meinte der Geldmann.

Fiekchen gewiß – sie war selig. Da sie den Junker nur in ihrem Hause sah, blieben ihr seine schweren Stunden verborgen. Frau Seraphine hatte sich auch etwas beruhigt. Wenn ihr Kind glücklich wurde, kam es auch auf den Preis, den sie zahlte, nicht an.

»Sie ist ja doch nicht mehr mein«, sagte sie sich in ihren Thränen. »Donat's ist sie, ich fühl's. Manche Mutter erfährt wohl Aehnliches mit mir.«

Philemon Sacht kam nicht mehr. Jan verhielt sich 47 ganz still, immer da wie ein treuer Wächterhund, aber kein Kläffer, der um jede Kleinigkeit Lärm schlägt.

Es war wieder eine Stelle für ihn in Sicht, die er antreten sollte im Frühjahr – nach Fiekchens Hochzeit.

»Nicht als ob ich nöthig dabei wäre, Frau Seraphine, aber ich hoffe, wenn ich's gesehen habe, wird mir doch endlich klar werden, daß es wirklich wahr ist und daß ich mich darein finden muß.«

Es ging schon gegen das Frühjahr, da ritt der Junker wie täglich dem Städtchen zu. Die Saaten regten sich eben – ständen die grünen Wellen als Meer da, müßte Fiekchen mit ihm sein. O, wenn er das ganz rein, ohne Beigeschmack empfinden könnte. Wie würde sein düsteres Schloß sich mit dieser lichten Gestalt erhellen!

Als er so in Gedanken ritt, hörte er plötzlich Pferde hinter sich und neben ihm auf buschigem, eigenwilligem Pony, hielt die kleine Gräfin.

»Guten Abend, Vetter!« rief sie, »ich hatte zu große Sehnsucht, Sie wiederzusehen nach Ihrem großen Sprung über den goldenen Zaun. Bravo, ich hätt' es Ihnen nicht zugetraut. Sehen Sie sich nur nicht so besorgt nach meiner Begleitung um, ich habe eine unserer Dienstmumien beritten gemacht – Alter ist ja eine große Hauptsache bei solchem Schutz – darin läßt er nichts zu wünschen übrig, er kann nur nicht recht nach. Sehen Sie, da biegt er eben um die Ecke.«

»Sie sollten überhaupt um diese Zeit nicht so allein auf der Landstraße sein, Gräfin Beda«, sagte Donat, indem 48 er nicht umhin konnte die kühne, kleine Reiterin zu bewundern.

»Ich sollte nicht, aber ich wollte – das zählt bei mir und da sie mich doch nicht grad' hinter Schloß und Riegel halten können, so haben sie keine Gewalt über mich.

»Ich«, sagte sie, und wies mit der Gerte auf eine zwitschernde Schwalbe, die den blauen Himmel durchschnitt, »ich bin so frei wie die da, wird mir's hier zu kalt, zieh' ich, wenn's Winter wird, gen Süden.«

»Wenn man Flügel hätte, um aus allen Verwickelungen heraus zu kommen«, entgegnete Donat.

»Nun, Sie haben's doch leicht, ein Mann. Zerreißen Sie doch die bösen Fäden, der Anfang ist ja gemacht. Ihre Tante ist wohl bei uns aufgehoben; der Bruder sagt zwar, sie stirbt daran, aber glauben Sie es nicht, an so etwas stirbt man nicht. Wissen Sie, weshalb ich gekommen bin? Um das Wunder zu sehn, das diese Umwälzung zuwege gebracht hat – beichten Sie, Donat.«

»Für's Erste beichte ich, daß ich nicht gern mit Ihnen durch Krähhubel ritte.«

Beda lachte hell auf –»Sie Unglückseliger!« rief sie, »selbst was Krähhubel sagt, ist Ihnen nicht gleichgültig und sie wollen Fiekchen Fips heirathen und unter die Liliensterne versetzen, mit ihrem ganzen gewiß nicht strahlenden Kometenschwanz von Vettern, Onkeln, Tanten?«

Er wurde roth. »Dies Mal dachte ich an Sie.«

»An mich! Das ist ja viel für Einen in Ihrer Lage. Straßenjungen sind zwar eine schwere Prüfung, aber ich unterziehe mich ihr, um Fiekchen zu sehen. – O, Donat, 49 schade, daß wir uns nicht heirathen konnten, ich hätte Ihnen so Manches gelehrt.«

Jan nahm den vornehmen Besuch gradezu übel; ihn ärgerte die Dreistigkeit, das Haus der Fipse zu stürmen, welches, wie er meinte, ein eben so heiliges Familienverließ sei, als ihre Schlösser. Die kleine Gräfin war sehr leutselig und zuvorkommend, durchforschte alle Räumlichkeiten wie ein Museum und konnte nicht fertig werden, sich über die Kleinheit und Enge zu erstaunen.

Fiekchen und sie gefielen sich gegenseitig. »Wenn wir Dich erst hier heraushaben«, sagte sie, »will ich Dir zeigen, was Leben heißt. Hier kriecht ihr ja nur so herum, wie die Ameise am Blatt krabbelt.«

Als sie wieder mit Donat vor den Thoren war, athmete sie hoch auf. »Dem Himmel sei Dank, daß ich nicht in dieser Mausefalle leben muß!« rief sie. »Wie eng all' ihre Verhältnisse, geistig und körperlich. Weit schlimmer noch als bei uns. Dazu dieser formidable Jan, dieser Eckpfeiler der Fips'schen Familie, vor dem ich wahre Angst bekam, so grimmig sah er mich an. Hier muß man noch mehr Acht auf sein Wort haben, als es zu Hause von mir verlangt wird. Jetzt versteh' ich Sie, Donat, und sage noch einmal, zerreißen Sie alle Fäden, auch diese; nehmen Sie Fiekchen heraus und fliegen mit ihr davon. Ich werde Ihnen zur Zeit ein gutes Beispiel geben.«

Damit verschwand sie im Wald, seine Begleitung ablehnend. Donat wußte nicht, sollte er wünschen ihr gleich zu sein, oder war diese Schwerfälligkeit in ihm doch etwas Besseres?

50 Gar zu gern hätte er sein Schloß dem Städtchen fern abgerückt, wenn das nur gegangen wäre. Die Nähe war das Schlimme. Tante Severa, nach der er sich fast bangte, würde ihm eher geholfen haben dagegen ankämpfen. Sie konnte ohne jegliche Grobheit, die sie plebejisch nannte, so kühl abweisend sein. Jan wäre gewiß nicht zum zweiten Mal gekommen. Als er sich noch so hin und her mit seinen Sorgen herumschlug, hielt eines Abends die alte Carosse vor dem Thor. Der blinde, alte Hund stieß ein fröhliches Gewinsel aus als er die Heimat spürte. Donat stand auf der Treppe und auch ihn durchzuckte ein freudiges Gefühl, als er die alten Kisten der Tante erkannte. Sie kehrte zurück – freilich nicht dieselbe, man mußte sie die Treppen hinauftragen. »Ich konnte es nicht länger dort aushalten«, sagte sie, »Alles so fremd, selbst der Hund wurde krank. Wenn mir aber nicht der Arzt auf meine Frage gesagt, wie es mit mir steht, ich wäre doch nicht hier«, fuhr sie mit einem alten Anflug von Stolz fort. »Ihr seid ja jung. Ein Weilchen kannst Du wol noch mir zu Liebe warten. Am besten wär's, ich räumte bald den Platz – ich passe nicht mehr in Eure Welt, wo sich Alles verwirrt wie in einem zerzausten Knäuel. Wär' ich nur erst todt.«

»O, Tante Severa!« sagte Donat, die Kranke behutsam inmitten all' ihrer Schätze auf den großen Lehnstuhl niederlassend, »kannst Du das hier sagen? Mir, von dem Du weißt, daß ich fühle wie Du, treu unseren Ueberzeugungen! Fiekchen soll Dich und Alles, was Dir angehört, heilig halten, wie ich es thue.«

51 »Wem es nicht angeboren ist, versteht nichts davon«, sagte sie kopfschüttelnd. »Sie kann nichts dafür. Wer kann überhaupt jetzt für die Jugend stehen! Tollkühnes Gesindel – ohne Ehrfurcht, ohne Manier. Man sieht, wohin es führt. Beda ist fort.«

»Fort!« wiederholte Donat erschreckt, »das Mädchen hatte eine wilde Art.«

»Fort! Heimlich dem jungen Künstler nachgereist, den sie liebte. Die alten Geschlechter vernichten sich selbst, eins früher, eins später – gut, daß ich es nicht mehr zu sehen brauche. Zerstören können sie, ob aber aufbauen? – Das Zimmer der Mutter läßt Du doch wie es ist, ich habe es gehütet die ganze Zeit.«

Er versprach Alles und verließ sie trotz der warmen Luft fröstelnd am Kamin, um sie her die verblichenen Andenken vergangener Zeit, zu ihren Füßen der blinde Hund.

Ihm war, als müsse er über eine Leiche zur Geliebten. Seine Hochzeit verschob er bis zum Herbst, wegen der Kranken. Fiekchen verstand das sehr gut – schickte ihr oft Grüße, die er nie bestellte. Frau Seraphine und Jan verhielten sich abwartend. Das Ende der alten Dame war abzusehen. wenn es hoch kam, ging es bis zum Winter. Spätsommer mit seinen verdorrten Blumen und fortziehenden Vögeln trat ein. Da ließ sich eines Tages mühevoll die Kranke im Bett aufsetzen, Tinte, Feder und Papier geben. Sie hatte in all' den schlaflosen Nächten tausendmal überlegt, wie sie dieser Verbindung eine bessere Form geben könne. Donat und die Familie war ihr Alles, was sie auf der 52 Welt hatte. Der Brief, den sie mit vielen Unterbrechungen schrieb, galt Seraphine und hieß also:

»Wir glaubten mit einander fertig zu sein, aber das Leben bringt uns noch einmal nah' . . . Dir wie mir kann es nur schmerzlich sein . . . Was Du angefangen, vollendet sich – der faule Fleck frißt weiter – droht zu zerstören, was mir mehr als Leben gilt. Ich will nicht untersuchen, durch welchen Zauber Deine Tochter Dem, den ich wie einen Sohn liebe, das Herz umgewendet hat, so daß er all' seinen Ueberzeugungen untreu geworden ist; genug, es ist geschehen, wahrhaftig nicht zu Beider Glück.

»Jemand, der wie Du die Verhältnisse kennt, weiß am besten, welchen Platz sie bei uns einnehmen wird, sie wie Alles, was ihr angehört. Es könnte mir gleich sein, da ich voraussichtlich bald aus der Welt muß, aber die Ehre, der Glanz der Familie, bleibt mir das Höchste auch über den Tod hinaus und wo ich das Geringste dazu beitragen kann, rechnet mein einzelnes Dasein nicht mit. Du wirst das nach Deiner Sinnesart schwerlich verstehen, laß Dich wenigstens das Glück Deines Kindes bewegen, ein Opfer zu bringen. Ich will ihr eine Stellung machen. In meinem Testament werde ich sie als meine Erbin einsetzen, unter der Bedingung, daß sie vor der Heirath mit Donat den Namen einer Lilienstern annimmt. Höhern Orts weiß ich mir die Erlaubniß zu verschaffen. Es versteht sich von selbst, daß sie damit der Familie Deines Mannes entsagt. Was Dich anbetrifft, überlass' ich Dir, was Du thun willst, eine Mutter werd' ich nicht 53 vom Kinde scheiden – Du scheidest Dich selbst von ihr durch diese unglückselige Verbindung.«

Die kleine schüchterne Frau saß und las, als sie den Brief empfangen, und konnte die Fülle der darin enthaltenen Beleidigungen mit ihrer bescheidenen Seele nicht fassen. »Mein Fiekchen! mein Fiekchen! ich möchte nur thun, was Dir frommt!« In diesem Schrei ihres Herzens ging all' ihre Ueberlegung unter.

Der Tochter sagte sie wieder nichts; sie hatte eine unüberwindliche Scheu, den reinen Spiegel ihrer Seele mit so unlauterm Hauch zu trüben. Vor dem Bilde des geliebten Mannes frug sie immer wieder: »Wird er ihr sein, was Du mir warst? Dann«, gab ihr Herz Antwort »dann ist Alles gut.« Sie schrieb in diesem Sinne eine Zusage. Tante Severa war befriedigt. Ihre Kräfte sanken und als die ersten rauhen Tage kamen, nahm sie der Herbst wie ein welkes Blatt mit hinweg. Donat hatte sie noch von ihrem Brief und der Antwort unterrichtet.

»Wenn späte Enkel einmal mein Bild sehen, werden sie sagen, ich habe nicht umsonst gelebt«, fügte sie hinzu.

Mit allem Prunk und Ehren, im Paradeanzug, den sie selbst bestimmt, wurde sie zur Gruft gebracht.

Das Schloß war auf kurze Zeit belebt durch ferne und nahe Verwandte. Keinem wagte Donat zu sagen, daß er mit Fiekchen verlobt sei. Immer wieder dankte er der Tante, daß sie für später ihm die Sache erleichtert. Sähe man Fiekchen dann als seine Frau, würde ihr Liebreiz, davon war er überzeugt, Alle besiegen.

Das Wappen am Sarg glänzte funkelnd in der kalten 54 Sonne, er brach einen kleinen Zweig vom grünen Kranz, der ihn schmückte und brachte ihn Fiekchen.

»Das hilft mir nichts mehr«, sagte sie, »ich habe mich recht von Dir verlassen gefühlt; lieber will ich von Deinen Freuden, als von Deinem Kummer ausgeschlossen sein.«

»Später sollst Du Alles mit mir theilen«, antwortete er »und um die gute Tante magst Du immer trauern, Du verdankst ihr mehr als Du denkst.«

»Was sollte das sein?« frug sie scheu. »Sie ist mir ganz fremd, ich mag nur Menschen etwas verdanken, die ich sehr lieb habe – Dir zum Beispiel – Dir gern Alles.«

Donat suchte in den nächsten Tagen umsonst in seinen Gedanken Jemand, der für das Kommende und die Vorbereitungen im Schloß Fiekchen ein Schutz und eine Hülfe sein konnte. Die Mutter, sonst das natürlichste, hier ging es nicht. All' die alten Wunden würden auf's Neue bluten. Die Stelle, an der geliebte Verstorbene beleidigt und gekränkt wurden, bleibt ein unheilvoller, düsterer, schattenumschwebter Platz.

Seine Verwandten! Er ließ eine nach der andern von den stolzen Gestalten ziehen. Keine schien ihm denkbar in solcher Lage, in der Berührung mit solchen Verhältnissen. In dieser Noth erschien wie ein hülfreicher Geist Gräfin Beda, die er über alle Berge glaubte. Sie stand an einem Mondscheinabend kurz vor dem fraglichen Tag neben ihm auf der Terrasse, reizend wie immer in einer phantastischen Tracht, die ihr besonders gut stand. Die Kapuze 55 zurückgeworfen von den glänzenden Haaren, die dunklen Augen voll Lebensmuth und Muthwillen.

»Sie finden wol, ich komme recht störend«, sagte sie scherzend, »im Gegentheil, Donat, ich komme, um Ihnen zu Ihrer Frau zu verhelfen, nachdem ich auf die glänzendste Weise vorerst mir selbst geholfen habe.«

»Wie unüberlegt, Gräfin Beda!« rief der Junker »und –«

»Wie compromettant, wollen Sie sagen! Nun das schadet mir nichts mehr und was das Andere anbetrifft, so ist es die überlegteste Handlung, die noch je meinem Gehirn entsprungen ist. – Wen glauben Sie vor sich zu sehen? Was wollen Sie überhaupt immer mit Ihrer Gräfin? Seit zwei Tagen bin ich die Frau eines berühmten Mannes. Sie kennen ihn. O, Donat, ich bin stolz – so stolz – weit stolzer als vorher, als irgend einer von Euch und das will viel sagen. Doch«, setzte sie schelmisch hinzu, »nicht zu stolz, um Ihnen zu ähnlichem Glück zu verhelfen – Ihnen, Donat, für den ich bei einem Haar Feuer gefangen, wenn unsere Herzen nicht schon so gut damit versorgt gewesen wären. Ich will Ihrem hinreißenden Fiekchen über die schlimme Stelle weghelfen, ich kenne Tante Severa's Testament.«

Der Junker schüttelte den Kopf. »Und Ihr Bruder?« sagte er. »Ich fürchte, Sie werden selbst genug zu thun haben, um sich über Wasser zu halten, Gräfin Beda.«

»Ach was!« rief sie, »ich verlasse dies lecke Schiff, für mich ist nichts zu besorgen. Mich geht Euer Fahrwasser mit allen Klippen nichts mehr an. Der Bruder 56 hat sich mit meiner Mesalliance, wie er es nennt, versöhnt, in so fern er nun die Güter behält und mich, das Werthvollste, meinem Rafael überläßt mit der Weisung, daß wir uns als vollständig getrennt und abgefunden betrachten.«

»O, Gräfin Beda, wie konnten Sie das sich und Ihrer Familie anthun!«

»Das frag' ich mich oft selbst, aber ich konnte es, oder vielmehr ich konnte nicht anders. O, ich bin glücklich, so selig, ich möchte die ganze Welt glücklich wissen. Glücklich sein verbessert den Charakter, es macht großmüthig. Wir gehen über die Alpen, hinter denen steckt ja eine Oase in dieser Weltwüste für Leute wie wir es sind. Wenn Sie irgend vernünftig wären, würde ich ein Rendezvous mit Ihnen und Fiekchen verabreden, aber«, setzte sie seufzend hinzu, »nach meiner Façon können Sie wol nicht selig werden, Sie haben nicht die Natur dazu.«

Man kann nicht sagen, daß diese kleine Feuerfliege Donat Vertrauen einflößte. Doch ihm blieb nicht die Wahl und sieht man keinen andern Weg, versucht man selbst auf schwankendem Bret über den Abgrund zu kommen. Er dankte für ihre bereitwillige Güte und legte Alles in ihre Hand. Dort in dem kleinen Häuschen, erfüllt von den Erinnerungen Leonor's, Seraphine und Jan zur Seite, hatte er keinen Muth die Sache zur Sprache zu bringen. Versetzen wollte er sie erst, hiesige Luft sollte sie athmen, wie man eine Pflanze in anderes Erdreich bringt – erst hängt sie den Kopf, dann aber blüht sie desto voller und frischer empor. Der Tag der Testamentseröffnung kam. Jan, der nichts davon wußte, sah der ganzen Verzögerung zu wie 57 ein Tiger, der sich zum Sprunge bereit hält, sobald der Feind eine Schwäche zeigen sollte. Frühmorgens, als Fiekchen noch im Bett lag, kam die Mutter herauf und setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Sie fing ihr an vom Vater zu erzählen, entfaltete ihr das ganze Bild häuslicher Glückseligkeit, dann berührte sie zum ersten Mal den Tag ihrer Verheirathung – wie sie einsam zum Altar getreten, schonend aber doch wahr zeigte sie ihr, was sie gelitten.

Das Mädchen saß und horchte auf mit erbleichenden Wangen. – »Verachtet!« sagte sie, »sie haben Dich verachtet!«

»Das wol nicht«, antwortete die bescheidene Seele, »ich trat nur mit dem Tag ganz aus ihrem Kreise, es war ja natürlich. Dir wird es ähnlich gehen.«

»Mir ist Angst«, sagte das Mädchen und drückte sich fest an die Mutter – »von Dir lass' ich nicht! – nie.«

Die welken Wangen der alten Frau rötheten sich, die Augen leuchteten in jugendlichem Feuer.

»Und wenn ich Dich selbst fortdränge«, sagte sie; »hast Du ihn lieb, so fragst Du nach Niemand mehr. Vergiß Alles, selbst mich, Fiekchen. Im Andenken Deines Vaters sag' ich das, mein Kind. Im Andenken, daß er mir Alles und Alles war. Ich gönne Dir's, Fiekchen – ich gönne es Dir.« Sie half ihr ankleiden, wie sie gethan, als das Töchterchen noch klein war, versorglich, zärtlich, und dann nahm sie Abschied unter Thränen. Jan kam und fing an zu begreifen, daß etwas vorging, wozu er noch nicht ganz den Schlüssel hatte.

58 »Warum nehmt Ihr Alle so feierlich Abschied von mir?« rief das Mädchen. »Was sollte mich von Euch trennen können?«

Bald darauf hatte Krähhubel die wundervolle Zerstreuung, Fiekchen und die kleine Gräfin in der Lilienstern'schen Familienkutsche durch das Städtchen fahren zu sehen.

»Was jetzt nicht Alles geschieht!« sagte die Butterfrau, »ich würde mich nicht wundern, wenn der Mond vom Himmel käme und sagte: »Ich habe jetzt lange genug droben geschienen, nehmen Sie für eine Weile meine Stelle.«

»Alles durcheinander«, flüsterte das Bücherfräulein, »es lohnt kaum noch, etwas Besseres zu sein.«

Fiekchen hatte das Schloß oft von Weitem gesehen, aber als sie in das große Thor fuhr, war ihr, als käme sie in eine neue Welt – die mächtigen Verhältnisse imponirten ihr. Mit fast andächtigen Blicken sah sie zu all' diesen Thürmchen und Erkern, zu den grauen, ehrwürdigen Mauern empor. Fest, massig stand es da, ungeschickt für die Jetztzeit, wie ein vorsündfluthliches Mammuth.

Den alten Dienern auf der Schloßtreppe reichte Fiekchen ehrerbietig die Hand. Ihr Schritt, der geisterhaft in den Hallen nachklang, ließ sie fast verstummen, flüsternd meinte sie, es sei wie in einer Kirche.

Donat ergötzte sich an ihrem übermäßigen Erstaunen, es schmeichelte ihm. – Die kleine Gräfin aber dachte mit einer Art Geringschätzung: »Niedere Verhältnisse, niedere Begriffe, aus Der wird im Leben keine vornehme Dame, mag sie nun so oder so heißen.«

Immer stiller wurde Fiekchen, um keinen Preis hätte 59 sie dort ihre lustigen Scherze machen können, wie sie sie zu Haus mit Jan und ihrer Freundschaft trieb.

Feierlich gestimmt ging sie umher. Im Thurmzimmer der Tante seufzte sie sogar, als läg' ihr etwas auf der Brust. – Die kleine Gräfin öffnete weit das Fenster, aber auch von dorther kam schwere Luft, aufgehalten durch dunkellaubige Bäume.

»Das ist der dumpfige Geruch der meisten alten Schlösser«, sagte sie, »wenigstens aller derer, welche die geliebten Vorfahren auf Stellen ohne Luft und Licht gebaut. Bäume davor, deren Wachsthum sie nicht berechnet – Alles zum Ersticken – aber Keiner wagt Hand daran zu legen. Es ist so zu sagen der vornehme Geruch vergangener Zeit, ein Patschouli, an den Du Dich hier wirst gewöhnen müssen, liebes Kind, und gar noch schwören, es sei der einzige gute Geruch. – Für mich ist es nichts«, schloß sie und machte weit zum Fenster hinausgekehrt eine sehr gelungene Cadenz, »ich habe mir an reiner Himmelsluft den Geschmack für comprimirte verdorben.«

»Es ließe sich schon heimlicher machen, wenn ich nur erst mein Vögelchen hier habe und der Sonne ein Eckchen geöffnet wird zum Hereinscheinen«, sagte Fiekchen schüchtern. »Die Mutter versteht's besser als irgend Jemand, es behaglich zu machen, sie wird schon etwas aussinnen.«

In den langen Ahnensälen verfiel Fiekchen zu Donat's Freude aber wieder in die bewundernde Ehrfurcht. Selbst Tante Severa hätte müssen zufrieden sein.

Wie gefielen dem schönen Mädchen die edlen Gestalten, die mit ihr verwandtschaftliches Blut hatten. Diese 60 prachtvolle Reihe, der sich der Geliebte anschloß. Die Männer charaktervoll, die Frauen fein und voller Grazie.

»Ich freue mich, ihnen später anzugehören«, sagte sie, »und bin froh, daß ich mich auch nicht meiner Familie zu schämen habe. Es ist ja nicht unser Verdienst, aber ein großes Glück, wenn man von ehrenwerther Abstammung ist, mit Stolz zurücksehen kann, wie sich Glied an Glied schließt, hindurchgehend der rothe Faden echter Tüchtigkeit. – Bei der Mutter liegt die große Familienbibel – darin stehen wir Alle eine lange Reihe, Jeder mit seinem Segensspruch aus dem Gesangbuch oder sonst einem frommen Buch. Alle Vorfahren meines Vaters sind Krämer im Städtchen gewesen, so lange man nur denken kann, daß es steht. Alle haben sich redlich durchgeschlagen, haben mit Ehren gelebt, sind in Ehren gestorben. Ist es nicht gut, daß ich darin Dir ebenbürtig bin?«

Die kleine Gräfin ließ Donat nicht zur Antwort kommen, sie schlug ein lautes Gelächter auf und rief:

»O, ihr stolzen Leute! Ihr seid einander werth. – Sie hat Recht, Donat, sie ist Dir ebenbürtig. Zählt Eure Ahnen nur zusammen und lebt davon.«

Draußen in den hohen Alleen, wo die goldenen Blätter lautlos ab und zu ihnen zu Füßen sanken, überkam Fiekchen wieder die Traurigkeit.

»Giebt es keine Blumen hier?« frug sie.

»Wie sollte das wol zugehen?« antwortete Gräfin Beda, »die brauchen Licht. Kaum Grün kann unter diesen Tannen empor. Mir kommt es immer wie ein großes Sterben vor in diesem Park.«

61 Dunkelheit war wirklich, trotz dem lichtenden Herbst, der Hauptcharakter darin. Französische Bogengänge, dicht verflochten, niedrig, so dicht, daß man kein Fleckchen blauen Himmel durchsah. Aus dem feuchten Boden schoß hier und da gigantisches Unkraut empor, das Allem trotzte. Weiße Nebel schlichen zwischen den grauen Steingestalten umher, aus deren zerbrochenen Urnen glitzerndes Wasser sickerte, moosartige Kräuter entlang, die lichtdurstig zarte Köpfchen aufreckten. Die Schleiereule fand dort gute Wohnung und die Fledermäuse umkreisten die alten Mauern wie Hausgeister.

Fiekchen konnte sich nicht damit befreunden.

»Das versteht Du nicht«, sagte die kleine Gräfin. »Schön ist das wol, es müßte nur etwas mehr Licht und Luft geschafft werden. Dieser Tannengang muß freundlicheren Bäumen Platz machen. An einer Stelle muß das Auge die Ferne suchen können in dieser Welt der Gefangenschaft, wo jeder freie Athemzug wie ein Gruß vom Jenseit ist.«

»Ob es schön ist, weiß ich nicht«, rief Donat verstimmt, »ich habe nie darüber nachgedacht – lieb ist es mir – altgewohnt. An jedem Busch, an jedem Zweig hängt für mich eine Erinnerung. – Nicht den verkrüppeltsten Stamm lass' ich hier wegnehmen. Nicht eine Tanne. So habe ich es empfangen und so gebe ich es wieder in die Hände Dessen, der nach mir kommt. Ich bin ein Feind der Neuerung, die über die Orte hinweggeht, daß man bald an keiner Stelle mehr die Existenz alter Familientraditionen erkennt.«

62 »O, das versteh' ich!« fiel Fiekchen ein, »da bin ich ganz Deiner Ansicht.«

»Ich nicht«, fuhr die Gräfin fort. »Soll hier Alles mit Pilzen bewachsen vermodern? Darf keine Sonne in diese Schatten dringen? Wollt fortexistiren und schließt die Lebensluft aus, die in steter Bewegung schafft und erhält? Nur in der Verjüngung kann man die Zeit scheinbar hier festhalten. Aber ich seh' schon, Ihr werdet die Dornenhecken um Euch zuwachsen lassen und in einen Schlaf verfallen, aus dem Euch nichts wecken kann.«

Als sie zur Nacht auseinandergingen, blieb Beda noch bei Fiekchen sitzen.

»'S ist graulich hier, nicht wahr?« sagte sie, als das Mädchen scheu umschaute nach der mächtigen gekrönten Bettstelle mit den schweren, verwitterten Vorhängen. »Gesteh' es mir nur. Grausig schön kannst Du es ja nennen. Heimisch kannst du dich hier unmöglich fühlen, nachdem ich Dein lichtes Stübchen gesehen mit dem weißen Vorhang und Fenstergarten. Verwandle es hier doch später. Es wird ja Alles Dein. Staube die alte Geschichte tüchtig aus, wirf weg, was nicht mehr brauchbar ist. Ich hätte hier schön aufgeräumt. In so fern ist's schad', daß ich nicht die Herrin bin.«

»Es fehlt mir an Muth dazu«, antwortete Fiekchen. »Darf ich denn zerstören, was ihm lieb ist? Ich werde mich einfügen müssen – so gut ich kann. Das wird wohl das Schwere sein, von dem die Mutter sagte.«

»Schwer wird es nur, wenn Du es dir schwer machst. Nimm Dein Leben in die Hand, wie ich es gethan.«

»Glücklicherweise bin ich noch nicht an solchen 63 schlimmen Kreuzweg vom Schicksal gestellt worden. In der Hauptsache geht ja Alles nach meinem Herzen«, erwiederte Fiekchen.

Sie küßten sich, denn sie hatten sich sehr gern, und trennten sich zur Nacht. Fiekchen kroch wie ein furchtsames Kind in die drohende Lagerstätte der Liliensterns.

Ein wüster Herbststurm umbrüllte das Schloß, geisterhafte Töne weckend. Ein Concert, wie es Fiekchen noch nie gehört, klagende, drohende, wilde Stimmen, Fenster und Thüren rasselten, als wollten sie jeden Augenblick aus den Angeln gehen. Ein schwerer, boisirter Kaminvorsatz, der Mannshöhe hatte, fiel mit Gekrach in das Zimmer; Alles verbündete sich in wilder Romantik gegen das arme, moderne Kind einer bürgerlich-behaglichen Existenz, als wollte er ihr sagen: »Was willst Du hier? Denkst Du mit uns fertig zu werden?«

Sie setzte sich im Bett auf und starrte in die schwarzen Ecken, jeden Moment gewärtig, daß irgend etwas ganz Außergewöhnliches geschehen müßte. Krampfhaft die kleinen Hände verschlungen, das Herz voll Heimweh, stählte sie sich zu dem Kampf, den sie mit diesen Dingen würde zu bestehen haben. Immerfort dachte sie an die Worte der Mutter. Endlich wurde es Morgen. Die alte Dienerin entzündete ein Feuer im Kamin und erzählte ihr dabei, wie die Tante Severa in diesem Zimmer gestorben.

Mit der kleinen Gräfin kam es wie ein Strom Sonnenlicht in das düstere Gemach.

»Nun«, sagte sie, »Du hast etwas von unseren Geistern kennen gelernt diese Nacht. Das war ein wilder Tanz. Nun, die wären mir schon recht, mit denen würd' ich mich 64 schon vertragen. Die sind ausgelassen wie ich. Die schlimmsten sind die steifen Geister, ohne Blut, ohne Herz, ohne Knochen, und die doch mitleben wollen, als wären sie Menschen. Formen, hohles Zeug. Wehr' Dich gegen dergleichen, Fiekchen! Wehr' Dich bei Zeiten, sonst wachsen sie Dir über den Kopf. Donat hat auf eine Stunde fortreiten müssen. Ich habe mir unterdessen den Schlüssel zum Reliquienkästchen der Tante verschafft. Da sollst Du einmal sehen, über welche Schätze Du jetzt als Hüter gesetzt wirst.«

Fiekchen sah verstört und zweifelhaft zu, wie Beda die große wappenverzierte Truhe zum Tisch schob.

Geheimnißvoll, drohend stand das Ding da – eine gigantische Büchse der Pandora.

»Wir wollen es lieber lassen«, sagte sie schüchtern; »wer giebt uns das Recht?«

»Es ist ja Alles Dein!« rief Gräfin Beda, »weißt Du nicht, daß Tante Severa Dir alles Dies hinterlassen hat, und noch mehr als Das; aber ich darf nicht aus der Schule plaudern, obgleich es ein öffentliches Geheimniß ist.«

»Mein«, wiederholte Fiekchen unsicher, »mein?«

»Du hast das Recht und die Pflicht, Dich dieser Dinge fortan anzunehmen.«

Somit breitete die kleine Gräfin, nicht ohne humoristischen Commentar, alle Heiligthümer der Tante Severa auf Tischen und Stühlen umher aus. Eine wunderlich gemischte Gesellschaft, man konnte nicht sagen, daß es trotz Buntheit einen heitern Eindruck machte.

Verblaßt, verwittert, Manches halb zerstört. Eine Soldatenmütze aus den Befreiungskriegen hob sie hervor, 65 ein schwerfälliges Ding von schwarzem Leder mit vertrocknetem Lorbeer daran.

Sie probirte sie sich vor dem Spiegel auf und meinte lachend: »Jetzt ist eine andere Façon Mode – was thut's? Hat es sich nicht gezeigt, daß unter unseren leichten, modernen Dingern eben so viel Kraft und Feuer verborgen war?«

»Thue es ab«, bat Fiekchen ängstlich, »mir ist, als klebe Blut daran. Scherze nicht damit – das Leblose hat oft eine redende, beängstigende Wirklichkeit, ich sehe die Schlacht vor mir. Thue es wieder hinein, Beda.«

»Nun«, sagte die kleine Gräfin, »Du hast, wie ich sehe, den geforderten Respect davor. Haare«, fuhr sie fort, »genug, um ein Kissen damit zu stopfen. Mottenfräßige Stickereien, wären's Gobelins, man könnte ein Zimmer damit tapezieren. Portraits – und was für welche! Schlecht gemalt, halb verfärbt – das gefährliche Blau hat sich überall durchgefressen. Wie jammervoll sie aussehen. O, Fiekchen, nur Eins bitt' ich Dich. Bewahre nie schlechte Portraits auf, es ist eine Sünde am Maler und an der Menschheit. Wird dir nicht ganz weh' zu Muth, wenn Du diese Galerie grau-, blau-, grün-gelber Gesichter siehst? Miniaturen sind besonders gefährlich. Schrecklich, wenn der Mensch wie Gerümpel aussieht – unwürdig. Und wie schlimm ihnen ihr schlimmer Putz steht. Ihr armen Opfer, wer wagt es, Eure Würde durch diese würdige Aufbewahrung zu gefährden; hat man selbst im Grabe nicht Ruhe vor dem Ridicül?«

»Schließ' Alles wieder zu«, bat Fiekchen noch einmal, 66 »zieh' es nicht so unbarmherzig an das Licht, es verträgt es nicht mehr, lass' es doch hier in der Truhe vermodern.«

»Nein«, fuhr Gräfin Beda fort, »jetzt kommt das Beste!«

Damit zog sie einen zweiten doppelten Schrein, mit schwarzem Sammet bedeckt, hervor.

Als sie ihn geöffnet hatte, wurde auch sie einen Augenblick still. – Er enthielt Todtenmasken der Familie, Hände, Füße, Alles abgegossen in Wachs.

Das Entsetzen, welches sich auf Fiekchen's Gesicht malte, erschreckte sie selbst.

»Sind wir denn hier in der Blaubartskammer? Was sollen Dir all' diese fremden Gesichter? Dies zu behalten, Fiekchen, haben wir kein Recht – nicht das Recht, in solch' ein Antlitz zu schauen. – Gleichgiltigkeit wie Schauder ist Entweihung. Das Recht hat nur Der, dem der Verstorbene theuer war – so theuer, daß er, mit selbst stockendem Herzblut, verfolgte, wie das Leben, als wär' es das eigene, aus dem geliebten Herzen entfloh. Lass' es uns vernichten, da vernichtet ward, was dieser todten Form noch ein Recht auf das Dasein gab.« Damit nahm sie den Schrein und warf ihn mit Allem, was darinnen war, in das Feuer – die gierige Flamme leckte sofort hochaufflackernd bis in den Schornstein.

Fiekchen bewegte sich nicht, that nichts dafür, nichts dawider – stand schweigend und starrte in die rothe Gluth.

»Was meinst Du«, rief die kleine Gräfin, »nun kann der ganze übrige Plunder auch nachfolgen. Er wird Dir nur den Sinn beschweren, Ungeziefer in das Haus ziehen, frisch 67 muß hier Alles werden.« Und somit fütterte sie die Flamme, die wie ein gefräßiges Ungeheuer immer mehr zu begehren schien, mit den Schätzen der Tante Severa.

Mitten in ihrer Geschäftigkeit öffnete Junker Donat die Thür. – Er stand sprachlos vor dieser Entweihung.

Die kleine Gräfin ging aber gleich beherzt auf ihn zu und sagte: »Ich habe es Alles angerichtet! Sollen Dinge wie diese in die unrechte Hand kommen? Sie werden doch nicht von Fiekchen erwarten oder verlangen, daß sie ein Herz dafür hat?«

»Gewiß verlange ich das«, antwortete er verletzt, »verlange, daß sie in Ehren hält, was ich hochschätze – mehr, daß sie liebt, was ich liebe.«

»Donat«, rief Fiekchen, »Du sollst Dich nicht in mir geirrt haben – verzeih', daß ich es nicht besser vertheidigte. Wenn ich erst das Gefühl haben werde, es sei mein Recht, will ich es nie wieder aus der Hand geben. Kein Fleckchen soll hier anders werden, als Du es gewohnt bist – ich will der treueste Hüter von allen Dingen sein, an denen Deine Seele hängt, mag's auch vergangen sein, mag's mir auch fremd und unverständlich scheinen, in Dir will ich's ehren und lieben.«

»Euch ist nicht zu helfen«, sagte die kleine Gräfin. »Fiekchen, Du wirst noch an mich denken – umsonst versuch' ich Euch den Weg zu ebnen – Berg und Thal könnten eben so gut zusammenkommen.«

»Berg und Thal«, antwortete Fiekchen, »haben kein Herz.«

Donat gab ihr den Arm und führte sie hinab in den 68 Saal, wo ein Notar ihr das Testament der Tante Severa vorlesen sollte.

Es geschah in ganz geschäftlicher Weise.

Fiekchen hörte alles schweigend mit an, doch ein niegesehenes Feuer leuchtete in ihren Augen, als der Notar mit den Worten schloß: »Sie haben sechs Wochen Bedenkzeit bis zur Annahme, so viel gestattet jedes Testament.«

Sie wartete bis er verabschiedet war, kaum aber hatte er den Saal verlassen, nahm sie das Document und zerriß es mit mehr Kraft, als man den schwachen Händen zugetraut, mitten durch.

»Was thust Du, Fiekchen!« rief der Junker und hielt die kleine Hand, die immer noch ein Mal und noch einmal das unglückliche Testament in Stücke zerfetzte, als wäre es ihr nie genug.

»Du hast nichts Anderes von mir erwartet«, sagte sie erregt und blickte ihn mit glanzvollen Augen siegesgewiß an. »Ich meine Angehörigen aufgeben – auch nur einen Augenblick, Donat!«

»Wenn Du mich heirathest«, antwortete er scharf. »Giebst Du sie da nicht auf?«

»Aber nicht auf diese Weise«, entgegnete sie, mit einer Art Schrecken und Seelenangst ihn betrachtend. »Du, Donatus, mit Deinem Sinn für Familie – Du mußt das doch verstehen. Ich liebte, ehrte es in Dir, fühlte mich darin Dir verwandt.«

»Familie in dem Sinn wie wir – habt Ihr nicht – Heimathsgefühl – Vaterlandsgefühl, Alles ist darin mit einbegriffen.«

69 »Woher wollt Ihr das wissen?« rief sie – »warum stellt Ihr, was wir hochachten, gering? Jedem ist das Seine das Theuerste.«

»Das Theuerste«, wiederholte er, zärtlich ihre Hand fassend, »müssen wir Beide uns sein.«

»Ja«, sagte sie, sich ihm entziehend und ein glühendes schmerzliches Roth überstürzte ihre Wangen. »Müßtest Du mich denn nicht verachten, wenn ich so handelte?«

»Mir zu Liebe!« warf er zögernd ein; »nein! nimm es nicht so schroff, Vieles findet sich von selbst, es sind ja nur Worte.«

»Nennt Ihr das so?« frug sie zurück und ein stolzer Zug, der sie ganz den Bildern der Ahnen gleich machte, wölbte ihre zierliche Lippe – »ich nenn' es anders. Schon der Gedanke wär' zu viel. Ja«, fuhr sie fort und der Zorn einer adeligen Seele flammte in ihrem Auge – »stolzes Blut hab' ich in den Adern – treues, das fest wurzelt auf dem Boden, dem es entstammt. Bin ich deshalb unwürdig, in die Reihe Eurer Ahnen zu treten – so gieb mich auf.«

»Liebe weiß von keinem Stolz«, sagte er wiederum in höchster Bewegung.

»Wer sagt, daß ich sie Dir bewahren kann, wenn Du dies von mir verlangst? O«, rief sie und die ganze Zärtlichkeit ihres anhänglichen Gemüths strebte ihm zu, »verlass' mich nicht. Nimm mich an Dein Herz wie ich bin, mit Allem, was mir zugehört, Du wirst es nicht bereuen. Habe ich denn nichts zu überwinden? Sind denn Deine Verwandten mir näher als Dir die meinen? Vieles müssen wir 70 Beide aufgeben. Beide, hörst Du; aber nichts, was sein Leben hat für alle Zeit, für jedes Geschlecht in dem Gefühl der Ehrfurcht, der Liebe.«

»Der Name ist eine Kleinigkeit«, sagte er starrsinnig, »die erste, die ich von Dir verlange.«

»Nein«, entgegnete sie, »mit ihm stände der erste Schatten zwischen uns auf.«

»Fürchtest Du Gespenster?« frug er und versuchte es in Scherz zu ziehen.

»Ja«, antwortete sie. »Solche gehen um in einer Ehe und saugen das Lebensmark daraus. Ich liebe helles, klares Sonnenlicht! – Für mich keine dunklen Ecken, für mich kein Besitz als der warmer Herzen. Dies die Kette, deren Ahnenfolge ich anerkenne.«

»Ueberlege, was Du sagst«, rief er – »Dein und mein Glück steht auf dem Spiel!«

»Da ist nichts zu überlegen«, antwortete sie muthlos. »Das Unglück ist geschehen – wir sind getrennt. Lassen Sie mich zurück zur Mutter, wir haben uns ineinander geirrt, Junker Donat.«

Zorn, Liebe, Vorurtheile kämpften in ihm. Nach vielen vergeblichen schmerzlichen Worten fuhr Fiekchen in der Abenddämmerung wieder dem Städtchen zu. Ein Glück, daß Krähhubel nicht viel davon sah.

Die kleine Gräfin zog zurück zu ihrem Künstler, ohne den Junker, der sich eingeschlossen, wiederzusehen.

»Eine Schwalbe macht keinen Sommer!« sagte ihr Rafael, dem sie das verunglückte Unternehmen klagte. »Lass' doch die Leute frieren, wenn's ihnen beliebt, Beda; 71 wir wollen über die Alpen, es wird uns nicht schwer scheinen, denn was wir überstiegen, war mehr als das. Aber Jeder«, fuhr er fort und sah sie selig an, »wird es Dir nicht so leicht nachmachen.«

Fiekchen wurde nicht viel gefragt als sie nach Hause kam. Jan murmelte allerlei zwischen den Zähnen, was Keiner verstand. Frau Seraphine schloß sie ohne viel Redensarten in ihre Arme.

Was sie sich oben gesagt, erfuhr Niemand, die Thür blieb verschlossen und Jan lief die ganze Nacht unter den Fenstern hin und her, machte die unsinnigsten Pläne, auch Rachepläne, die aber mehr den Wilden entlehnt schienen, kam erst zur Besinnung, wie eine hehre, stille Dämmerung heraufzog, wurde sich erst klar nichts zu thun, als das erste Sonnenlicht Fiekchens Fenster berührte, und schlich endlich bleich und verwacht nach Hause.

Am andern Morgen kam Fiekchen wie sonst herunter. Wer sie nicht genau kannte, hätte kaum geahnt, welcher schwere Sturm über diese Blüthe gegangen war.

Krähhubel gerieth natürlich in die größte Aufregung, sobald es inne wurde, was eigentlich geschehen.

»Also kann er Fiekchen doch nicht heirathen.«

»Pfui«, sagte die dicke Butterfrau. »Ist das adelige Manier, sich die Waare kommen lassen und dann zurückschicken?«

»Er wird nach vielem Weh und Seufzen, g'rad' noch eh' sie daran gestorben ist, kommen sie zurückholen; so endigt es immer in den Büchern«, sagte das Lesefräulein.

»In den Büchern mag es so kommen«, äußerte der 72 kleine Finanzrath, »in der Welt kommt man jetzt selten zurück. Fortschreitend ist die Bewegung – und dabei der Geldpunkt! Der Geldpunkt, ich sagt' es ja immer.«

Der Altan war tief verschneit, Alles weiß übertüncht, darüber ein Himmel so tiefblau, man hätte ihn für Sommer halten können. Fiekchen saß am Fenster nachdenklich wie jetzt oft. In dem Garten stritten sich die Krähen um den höchsten Platz, auf einer mächtigen Pappel; es war ein Gekreisch und ein Gedräng' und dann saß wieder eine einsam auf der höchsten Spitze. Fiekchen hatte ihre Gedanken dabei; sie merkte nicht, wie die Thür sich öffnete, schrak zusammen als ein Schritt sich näherte. Aber es war nichts zu erschrecken, denn es war Philemon Sacht. Er hielt in den Händen einen Blumenstock mit einer Knospe. »Sie hat sich selbst im Winter nicht abhalten lassen zu kommen«, sagte er entschuldigend; »ein wenig Wärme und man täuscht die armen Dinger in den Sommer hinein. Darf sie bei Ihnen ausblühen kommen, Fräulein Fiekchen? Ich habe immerfort gesonnen, was Ihnen Freude machen könnte. Blumen müssen doch Jedem gefallen.«

Sie nahm sie aus seiner zitternden Hand.

»Wenn Sie sich nur nicht täuschen«, sagte sie, »Wärme bei mir! Ich will Ihr Herz nicht irre leiten, Philemon.«

»Es gehört Ihnen ganz«, entgegnete er schüchtern, »das wissen Sie längst – aber Sie können jetzt keinen Gebrauch davon machen, das weiß ich. Lassen wir es ganz beiseit. Nur Eins möcht' ich wieder dürfen – ab und zu kommen, Fräulein Fiekchen, um nach meiner Blume zu sehen. Das gönnen Sie mir – ich bin ein guter Gärtner 73 hier und da find' ich doch wol einen Sonnenstrahl, den ich Ihnen zuführe, oder eine rauhe Luft, die ich Ihnen abwehren kann.«

»Ich weiß, was Freunde wie Sie werth sind«, sagte das Mädchen, »und mit meiner Schuld soll mir keiner verloren gehen. Könnt' ich nur selbst mehr geben für all' die Güte, die mir widerfährt, ich wäre glücklich.«

Als Philemon Sacht hinaus war, rückte sie die Knospe liebevoll in das beste Licht. »O, Donat«, dachte sie, »das sind die Menschen, die Du verachtest, und mich selbst hast Du heimathlos gemacht hier und dort. Wie eine ruhelos flatternde Taube irrt mein Geist von ihnen zu Dir und wieder zurück.«

Die Frage klang jetzt so im Städtchen: »Ob Fiekchen wol überhaupt noch heirathen wird?«

Fiekchen aber versicherte, wer's hören wollte: »Ich will Fiekchen Fips bleiben mein Lebelang.«

Sogar ihr Lächeln erwachte endlich wieder, von Jan und der Mutter sehnsüchtiger erwartet, als bei den Menschen das Frühlingsveilchen, das auch eben die Blättchen hervorstreckte, versuchsweise.

Ihm nach sproßte und regte sich Alles der großen Auferstehung entgegen. Leuchtend brach sie immer mehr und mehr hervor. Erlösend – befreiend. Aus den Tiefen drang unter dem Kuß einer übermächtigen Sonne, die dem Sommer das Feuer entlehnt zu haben schien, ein wildes Blühen, unbekümmert, was daraus werden sollte. Nie hatten die grünen Ranken üppiger die Stämme umklammert, Manches erstickt in gar zu enger Umarmung. – Auch aus 74 den grauen Mauern des Schlosses keimte und arbeitete sich Leben hervor.

Man wußte, Donat war der kleinen Gräfin nach, in Italien, aber dennoch mochte Fiekchen nicht wie früher in die Haide ziehen, seinem Gut nach. Sie blieb still im Gärtchen. Ihr Lieblingsplatz der Baumstamm, auf dem Donat sie geküßt. »Es thut mir so wohl«, sagte sie zu Jan, »es heilt mir die Seele aus, wenn ich seh', wie selbst aus dem dürren Stamm hier ein Blättchen aussproßt – auch bei mir war's Winter und rechter bitterer Frost. Damit kann ich nicht leben, nicht mit der geringsten Spur von Kälte und Haß im Herzen. Manche würden meinen, sie kann nicht recht lieben, da sie nicht hassen kann – aber ich weiß es besser.«

»Ich auch«, sagte Jan, »und deshalb möcht' ich, daß er aus der Welt wär'. Wehe ihm, wenn er sich je wieder in der Höhle des Bären sehen läßt.«

»Wie sollte er das thun«, antwortete das Mädchen träumerisch – »vorbei ist vorbei und kommt nie zurück. Was er mir genommen, kann selbst er mir nicht wieder geben. Es ist nicht, daß er mich verachtet hat, sondern daß er, wie ein ungeschickter Knabe dem Schmetterling, mir den Goldstaub von den Flügeln der Seele gewischt. Keiner mag den Armen mehr – er selbst sich nicht; kriecht nur noch am Boden, während umher der lustige Schwarm fliegt und sein junges Leben genießt.«

»Fiekchen!« rief Jan, »dem Schmetterling ist nicht zu helfen, aber dem Menschen, der ein Herz hat!«

»Du hast Recht«, antwortete sie, »es übersteht viel, 75 ob auch die ungeschickte Hand dazu kam, das Allerinnerste ist es nicht, das treibt, wenn das Glück gut ist, immer wieder hier und da ein Blättchen, sich und anderen zur Freude.«

»Kann ich etwas für Dich thun«, frug er traurig, »Du weißt, wie ich Dir angehöre, und daß, was mich anbetrifft, Dein Schicksal mein Schicksal ist.«

Er versuchte ihren Blick zu haschen, aber sie sah ihn nicht an, sondern hatte das Haupt mit den aschblonden Flechten rückübergelegt und sah hinauf in den wolkenlosen Himmel, durch den mit ihrem eigenthümlichen Klingen die Schwalben schossen.

»Behalte mich lieb«, sagte sie endlich, »wenn Du es kannst; es muß doch nicht so leicht sein, wie ich dachte.«

Sie saß auf demselben Baumstamm, auf dem sie sich mit Donat verlobt. Wie er gesagt – sein Kuß brannte noch, und nicht sie allein, auch Jan.

Wie gezeichnet erschien sie sich und ihm dadurch, so daß er dort nicht wagte sie in seine Arme zu schließen und zu rufen, wie jede Fiber in ihm es that – »Du bist mein!« Sein Groll gegen den Junker wuchs dadurch zu einer Macht, dessen Gewalt ihn beherrschte, und er fühlte, daß er in dieser Sache die Zügel seiner Seele verlor.

»Ob es schwer ist oder leicht, darüber hab' ich nie nachgedacht«, rief er und eine zornige Thräne glänzte in seinem Auge. »Eins nur kann ich nicht, Fiekchen – eins – aufhören, Dich zu lieben!«

Bruder und Schwester konnten sich untereinander nicht mehr helfen, ergänzen, erfreuen; dennoch schien der kleine 76 letzte Schritt, der sie zu Liebenden machte, unübersteiglich. Wie ein böser Geist hielt sie Donat auseinander. Selbst Krähhubel, welches doch dies als die einzig natürliche Lösung betrachtet hatte, gab es auf und Vater Hiob fing an zu seufzen.

»Was so Einer anrichten kann, wenn er gar nicht einmal da ist«, sagte die dicke Butterfrau. »Ja, ja, was der Name nicht thut.«

»Es wäre eine gar zu prosaische Endigung«, murmelte die Büchermamsell.

»Ach was«, sagte der Geldmann. »Hat man keinen andern Schmaus, brät man die Maus.«

Gleich nach dem Gespräch mit Fiekchen im Garten nahm Jan wieder eine Stelle an in der Landwirthschaft. Fleißig, tüchtig griff er von Neuem zu. Er kam seltener, meist nur Abends spät auf ein Stündchen. Das Gut lag dicht am Städtchen, mit einem Ritt durch den Wald zu erreichen.

Eigentlich war es heut' schon zu spät geworden für den Besuch, aber der laue Sommerabend lockte und noch etwas, ein unerklärbares, unnennbares Gefühl trieb ihn wie instinctiv nach dem kleinen Hause. Er hatte ein Stück Landstraße zu durchreiten, begrenzt von Wald, in dem sich viel Gesindel aufhielt. Besonders in letzter Zeit, wegen Arbeitseinstellung mehrerer Fabriken. Tags zuvor war dort ein Unglück geschehen. Er nahm also vom Nagel ein kleines Ding von Pistol, mit dem er gewöhnlich die Spaßen schoß. »Nur zum Erschrecken«, dachte er.

Fiekchen stand unterdessen auf dem Altan und wartete auf ihn. Sie stand über das Geländer gebeugt, unter dem 77 der Fluß dunkel und räthselhaft lag, denn es war kein Stern am Himmel, kein Licht. Nur aus dem erleuchteten Zimmer fiel ein sanfter Schein. Ihr kamen viele Gedanken, als stiegen sie aus den Wellen zu ihr empor. Manche trügerisch und falsch wie die Nixen, die der Sage nach dort hausten. Sie bangte sich nach Jan. Er war wie ein Mittel gegen Gespenster. Seine gesunde, tageshelle Natur verbannte krankhafte Schatten der Vergangenheit, die immer noch hier und da sie ängsteten und verfolgten. Jetzt hörte sie Jemand von der Gartenseite – sie lauschte auf. Jetzt kam er heraus – stand vor ihr – lag ihr zu Füßen. Schreck bemächtigte sich ihrer. Es war Donat. Erst hörte sie nichts von seinen leidenschaftlichen Reden – es war wie ein Brausen des Meers in ihren Ohren. Er schüttete eine Fluth von Liebesworten über sie aus, sich anklagend, nur Eins immer wiederholend: Er könne nicht leben ohne sie. Eine Weile stand das Mädchen verwirrt. Ihrer Seele öffneten sich die Pforten von Neuem, vor denen sie Tage und Nächte gelegen und die ehern widerstanden. Tausend Mal hatte sie diesen Augenblick sich ausgemalt, gefühlt – und nun er da war, schien er ihr unwirklich wie eine Fata Morgana in der Wüste.

»Nein!« sagte sie abwehrend – »wir Zwei passen nicht zusammen, was todt ist kann nicht wieder lebendig werden – für mich nicht – ich glaubt' es, ich habe mich geirrt; für mich ist die Seele unserer Liebe entflohen, der Funke aus, mit aller Anstrengung habe ich selbst Asche darüber gestreut. Haarscharf seh' ich jetzt unsere Lage. Keine der Kränkungen, die uns bevorstehen, könnte ich 78 ertragen. Alles trennt uns. Im Dunkel der Nacht hätten wir über den Strom schwimmen müssen, gleich dann, ob es unser Ende gewesen. Jetzt graut mir davor.«

»Ich trage Dich hindurch«, rief er leidenschaftlich. »Ich komme von Beda, ich habe gesehen, was Zwei vermögen, die nur auf sich gestellt sind – frei – allein.«

»Ich aber«, antwortete sie schmerzlich, »habe doppelt gelernt, was eine Familie werth ist – was Die werth sind, die, ohne etwas zu verlangen, Alles geben. Junker Donat, durch Sie habe ich es gelernt.«

»Fiekchen«, schrie er fast, »reden Sie nicht so – nur noch ein Mal, ein einziges Mal – hören Sie mich.«

Leise in der Dunkelheit herankriechend, hatte Jan die letzten Worte des Junkers vernommen; das Blut schoß ihm wie ein Lavastrom in das Gehirn und beraubte ihn aller klaren Besinnung. Was sie noch sprachen, hörte er nicht mehr.

Er wartete unten, um mit dem Feind abzurechnen, zog den Hahn der Pistole und stellte sich an den Baumstamm, bei dem er vorbei mußte.

Wie lange er gewartet, wußte er nicht; es war ihm schwarz vor den Augen. Als Donat kam, stürzte er wie eine rasende Dogge über ihn her und hielt ihm das Pistol auf die Brust.

Ueberrascht, doch körperlich stark und gewandt, erwehrte sich der Junker des Wüthenden.

»Das ist recht wie Euresgleichen«, sagte er verächtlich, »einen Wehrlosen zu überfallen in der Dunkelheit.«

»Wer sich einschleicht wie ein Dieb, wird danach 79 behandelt!« schrie Jan tonlos vor Bewegung. »Warum scheuen Sie das Tageslicht? Warum fordern Sie nicht die Braut von Denen, die sie zu vergeben haben? Ist das adelige Manier? Uns ist sie zu schlecht, Herr Junker. Und dann, denken Sie, daß es sich ein Mensch gefallen läßt, ein Mensch, der Land gesehen hat, wieder hinabgestoßen zu werden in die Wellen? Er wehrt sich. Ich hatte mich ja schon aufgegeben damals, Sie sind schuld, wenn ich jetzt nicht sterben kann, nicht sterben will. Fortgeworfen haben Sie unser Kleinod, verachtet – nie sollen Sie es, nie mehr in die Hand bekommen, nie – so lang' ich es hindern kann.«

Damit machte er einen neuen Angriff auf den Junker.

»Schwören Sie«, rief er, »bei Ihrem Gespenst von Ehre schwören Sie, daß Sie zum letzten Mal diesen Garten, dies Haus, diese Stadt betreten haben! – Ihre Welt ist ja größer als die unsere. Dies Fleckchen aber will ich vor Ihnen hüten mit allen Mitteln, die mir zu Gebote stehen. Mit allen, auch den schlechtesten!«

»Nichts schwöre ich!« rief der Junker, nun auch in höchstem Zorn. »Ihnen bin ich kein Wort der Rechtfertigung schuldig. Nicht ein einziges Wort, ich verspreche nichts. Hören Sie – Ihnen nichts!«

Ein Ringen begann und plötzlich schreckte ein Schuß die Bewohner des kleinen Häuschens aus ihrer Ruhe. Lichter schwankten hin und her – man lief – man suchte – Fiekchen vorauf, von schlimmer Angst getrieben.

Sie fanden Jan auf den Baumstamm zurückgesunken, 80 vor ihm Donat, bemüht, das Blut zu stillen, das aus einer Wunde am Arm quoll. Die Waffe war bei des Junkers Bemühungen, sie von sich abzuwenden, losgegangen und hatte den Angreifer selbst verletzt.

Fiekchen drängte Donat fort, nahm seinen Platz ein und rief: »Geht – lauft zum Arzt – schnell – was steht Ihr Alle rathlos da?«

Jan, der das tödtliche Erschrecken in ihrem Antlitz sah, richtete sich auf, ihr zulächelnd. »Plag Dich nicht, Fiekchen«, sagte er, »ich bin handfest – dies ist Kinderspiel – der Aderlaß war mir sehr heilsam. Jetzt bin ich wieder klar. Wohin hatt' ich mich verirrt! Am besten wär's, man hätte mich wie einen bösen Stier gleich aus der Welt geschafft. Denn, Junker Donat, wir Beide taugen nicht mehr an einem Ort zusammen.«

»Er hat Recht«, rief Fiekchen, sich dicht zu ihm haltend. »Bringen Sie nicht noch mehr Unheil über uns, Donat. Gehen Sie – ich will Fiekchen Fips bleiben mein Lebelang.«

Jan sah überrascht auf als sie es sagte.

»Ja«, fuhr sie fort. »Fiekchen Fips und doch nicht dasselbe Fiekchen – Dein's, Jan – Dein's. Zu Dir gehör' ich, Dich will ich heirathen, sobald Du magst und kannst.«

Er zog sie fest an sich und über sein ehrliches Gesicht strich eine edle Verklärung.

»Herr Junker, sagte er, »verzeihen Sie mir.«

»Sie sind Sieger geblieben auf dem Feld, wo eigentlich unser Duell war«, entgegnete Donat mit edlem Anstand, 81 »es ist aber adelige Sitte, dem Sieger darum nicht Feind zu sein. Hier ist meine Hand.«

Jan nahm die schlanke, feine Hand in seine derbe Faust. »Weiß der Himmel«, sagte er, »ich könnt's an Ihrer Stelle nicht mit so edler Manier.«

»Schwer ist's wahrhaftig«, antwortete der Junker, Fiekchen's Hand küssend, die ihm glücklich zulächelte, »und deshalb verbann' ich mich lieber, bis ich es besser kann.«

Die Wunde heilte schnell. Jan hat sie immer für sein höchstes Glück gerechnet. Glück und Unglück sieht oft im Leben wunderlich aus. Der Junker reiste in den nächsten Tagen ab. Er ließ die Anordnung zurück, Jan als Wirthschaftsdirector auf seinem Gut sofort anzustellen. Ihm schrieb er:

»Thun Sie es meinetwegen, ich kenne keine treuere Hand.«

In einem kleinen Häuschen nahe dem Schloß siedelten sich Jan und Fiekchen an. Mütterchen Seraphine kam wol heraus – lieber war es ihr, wenn die Kinder in das Städtchen kamen.

Schloß und Garten blieben unangetastet, nur daß immer üppiger und wilder die grüne Natur den todten Stein überwucherte. Fröhliche Kinder, mit lustigen Stimmen, tausend herrliche Verstecke findend, hausten gleich Kobolden darin. Bald hier – bald da sah man blonde Köpfchen auftauchen. Jan und Fiekchen's blühendes Geschlecht nahm in seiner Kraft und Lebensfülle unbewußt Besitz von dem verlassenen Fleck, der ohne sie dunkel und lichtlos erschienen wäre; denn nur um das Gärtchen des kleinen Hauses 82 schaarten sich Blumen in glühenden Farben. Blüthe an Blüthe dicht gedrängt, duftend, – jede Jahreszeit brachte ihren Strauß. Die Jahreszeit? – eigentlich eine treue Hand, die fortfuhr ein Leben zu schmücken, das ihr theuer war, unbekümmert um den Lohn. Vater Hiob ging stolz in Krähhubel umher und freute sich seines Sohnes. Krähhubel beschäftigte sich aber nicht mehr mit ihnen, wol aber mit dem Junker. »Wenn er Fiekchen nicht heirathen konnte, wen kann er denn nun heirathen?«

Er blieb ihnen die Antwort schuldig.

Als er nach vielen Jahren zurückkam, war er noch unverheirathet. Reisemüde blieb er fortan im Schloß. Oftmals ging er zu Fiekchen herüber, ihre Kinder hingen an ihm mit Leib und Seele. Wenn er nun so schön mit ihnen that und sie ihm, nach Art der Glücklichen, unterstützt von Jan, zuredete, sich ein ähnliches Schicksal zu schaffen, sagte er lächelnd:

»Mögen es die alten Liliensterne verantworten, wenn mit mir die Linie ausstirbt; sie sind doch selbst schuld daran, daß ich keine Frau bekam! Denn nicht nur konnt' ich Fiekchen heirathen, sondern sie war die Einzige, die ich überhaupt heirathen konnte.«

 


 

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