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Nutzlose Schönheit

Guy de Maupassant: Nutzlose Schönheit - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleNutzlose Schönheit
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume15
printrunViertes Tausend
year1910
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid3155151c
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Der Krüppel

Die Geschichte ist mir gegen das Jahr 1882 passiert.

Ich hatte mich eben in die Ecke eines leeren Wagenabteils gesetzt, hatte die Thür geschlossen, in der Hoffnung, allein zu bleiben. Da öffnete sie sich plötzlich, und ich hörte eine Stimme sagen:

– Nehmen Sie sich in Acht, gnädiger Herr. Der Tritt ist sehr hoch.

Eine andere Stimme antwortete:

– Keine Angst, ich halte mich schon fest.

Dann erschien ein Kopf, mit einem runden Hut darauf, und zwei Hände hielten sich an die beiden Leder- und Tuchschlingen, die rechts und links der Eisenbahnwagenthür hingen, und zogen langsam einen dicken Leib herauf, dessen Füße auf dem Tritt ein Geräusch verursachten, wie ein Stock, der auf den Boden trifft.

Als dann der Mann seinen Leib hineingeschoben hatte, sah ich in dem lose flatternden Stoff der Hose den schwarzen Fuß eines Holzbeines, dem bald ein zweites folgte.

Hinter dem Einsteigenden erschien ein Kopf und fragte:

– Brauchen Sie noch etwas, gnädiger Herr?

– Nein, mein Junge.

– So, hier sind Ihre Packete und die Krücken.

Und ein Diener, der wie ein Soldat aussah, stieg seinerseits hinauf, im Arm eine Menge Sachen, in schwarzes und gelbes Papier eingewickelt, sorgsam zugebunden, und legte sie, eines nach dem anderen in das Netz über dem Kopf seines Herrn. Dann sagte er:

– So, das ist alles. Es sind fünf: die Bonbons, die Puppe, die Trommel, das Gewehr und die Gänseleberpastete.

– Gut, mein Junge.

– Glückliche Reise, gnädiger Herr!

– Danke. Bleib' gesund.

Der Mann ging davon, schloß die Thür, und ich betrachtete meinen Reisegefährten.

Er mochte fünfunddreißig Jahre zählen, obgleich sein Haar fast weiß geworden war. Er trug ein Ordensband, einen kräftigen Schnurrbart, war sehr dick, fettleibig, wie thatkräftige Leute, die durch ein körperliches Leiden zur Bewegungslosigkeit verdammt sind.

Er wischte sich die Stirn, prustete und blickte mich an, indem er fragte:

– Stört es Sie, wenn ich rauche?

– Nein. Bitte sehr.

Ich kannte doch dieses Auge, diese Stimme, dieses Gesicht. Aber woher? Wann? Ich hatte den Menschen sicherlich irgendwo einmal getroffen, hatte mit ihm gesprochen, hatte ihm die Hand gedrückt. Das mußte lange her sein, sehr lange her und hatte sich in jenem Nebel verloren, in dem der Geist nach Erinnerungen zu tasten scheint und sie sucht wie fliehende Gespenster, ohne sie erreichen zu können. Jetzt blickte auch er mich beharrlich und starr an, wie jemand, der eine Ahnung hat und doch seiner Sache nicht sicher ist.

Endlich wendeten sich unsere Augen, verlegen durch das fortwährende Anstarren, von einander ab. Aber nach ein paar Sekunden trafen sie sich von neuem durch den dunklen, beharrlichen Willen des arbeitenden Gedächtnisses. Und ich begann:

– Sagen Sie mal, wäre es nicht besser, statt daß wir uns anstarren, uns zusammen zu überlegen, woher wir uns eigentlich kennen?

Mein Nachbar antwortete guter Laune:

– Sie haben ganz recht.

Ich nannte meinen Namen:

– Ich heiße Heinrich Bonclair und bin Beamter.

Er zögerte ein paar Sekunden, dann sagte er mit jener Unbestimmtheit im Blick und Ton wie bei scharfem Nachdenken:

– O, wir haben uns früher bei den Poincel getroffen, vor dem Krieg. Das ist schon zwölf Jahre her.

– Jawohl. Ach so, Sie sind Leutnant Revalière.

– Ja. Ich war sogar Hauptmann Revalière, bis ich beide Beine verloren habe, beide auf einmal durch einen Schuß.

Wir blickten uns wieder an, nun, wo wir uns kannten.

Ich erinnerte mich genau des schlanken, hübschen Menschen, der mit graziöser Lebhaftigkeit vortanzte und dem man, glaube ich, den Spitzmann »der Wirbelwind« gegeben hatte. Aber hinter jenem Bild, das mir ganz klar wurde, blieb noch irgend etwas in der Erinnerung, worauf ich nicht gleich kam, eine Geschichte, die ich gewußt und vergessen hatte, eine jener Geschichten, an die man nur kurze Zeit denkt und die in unserm Gedächtnis nur einen leichten Eindruck hinterlassen.

Es war irgend etwas von Liebe dabei. Das ahnte ich noch, mehr konnte ich nicht finden, eine Spur, wie der Geruch, den das Wild für die Nase des Hundes auf seiner Fährte hinter sich läßt.

Aber allmählich wich die Dunkelheit, und ein Mädchengesicht stieg vor meinen Augen auf. Dann plötzlich wie eine Bombe, die platzt, wußte ich den Namen:

Fräulein de Mandal. Und jetzt fiel mir alles ein. Es war allerdings eine, wenn auch banale, Liebesgeschichte. Dieses junge Mädchen liebte den jungen Mann, als ich sie damals kannte, und man redete davon, daß sie sich heiraten würden. Er schien sehr verliebt und glücklich zu sein.

Ich blickte zum Netz auf, in dem die Packete, die der Diener meines Nachbars gebracht hatte, lagen und bei den Schwankungen des Zuges zitterten. Und die Stimme des Dieners klang mir wieder in den Ohren, als ob er eben erst gesprochen hätte.

Er hatte gesagt:

– Da, gnädiger Herr, das ist alles. Es sind fünf Stück: die Bonbons, die Puppe, die Trommel, das Gewehr und die Gänseleberpastete.

Da erstand in einer Sekunde in meinem Kopf ein Roman und entwickelte sich. Er ähnelte übrigens allen, die ich einst gelesen hatte, in denen bald der junge Mann, bald das junge Mädchen den Bräutigam oder die Braut nach einer Katastrophe, sei sie körperlich, sei sie finanziell, heiratet. Der Offizier, der während des Krieges verstümmelt worden war, hatte nach dem Feldzug das junge Mädchen wiedergetroffen, das ihm ihr Jawort gegeben. Und sie war dabei geblieben und seine Frau geworden.

Ich fand das schön, einfach, wie man jede Hingebung und jeden guten Schluß in Büchern und auf dem Theater findet. Es scheint einem immer, wenn man von diesen Zügen von Großherzigkeit liest oder hört, als hatte man sich selbst mit Enthusiasmus, mit Hingebung geopfert. Aber am anderen Tag ist man verflucht schlechter Laune, wenn ein armer Freund einen anpumpen will.

Dann kam mir plötzlich ein weniger poetischer und realistischerer Gedanke: Vielleicht hatte er sich vor dem Kriege verheiratet, vor dem furchtbaren Unglück, das ihn getroffen, als ihm die Kugel die Beine wegriß. Sie mußte verzweifelt gewesen sein, hatte in Ergebung ihren Mann empfangen, gepflegt, getröstet, aufgerichtet, der schön und kräftig in den Krieg gezogen und nun mit abgesäbelten Gliedern zur Unbeweglichkeit verurteilt, zum ohnmächtigen Zorn und zum entsetzlichen Dickwerden, wiedergekommen war.

War er glücklich oder unglücklich? Nun packte mich zuerst die leise Lust, die aber immer mehr wuchs und bald unwiderstehlich wurde, zu wissen, wie es ihm gegangen, wenigstens die Hauptsache, so daß ich erraten könnte, was er mir nicht sagen konnte oder wollte.

Während ich daran dachte, unterhielt ich mich mit ihm. Wir hatten ein paar banale Redensarten gewechselt, und ich dachte, indem ich in das Netz hinaufblickte: er hat also drei Kinder. Die Bonbons sind für die Frau, die Puppe für das kleine Mädchen, Trommel und Gewehr für seine Söhne und die Gänseleberpastete ist für ihn selbst.

Darum fragte ich ihn:

– Haben Sie Kinder?

Er antwortete:

– Nein, doch nicht.

Ich fühlte mich plötzlich verlegen, als ob ich eine große Taktlosigkeit begangen hätte und fuhr fort:

– Entschuldigen Sie, ich hatte es nämlich vermutet, als der Diener das Spielzeug brachte. Ohne es zu wollen, hört man zu und denkt sich etwas.

Er lächelte und sagte:

– Nein. Ich bin sogar nicht einmal verheiratet. Ich bin in den Anfangsgründen stecken geblieben.

Ich that, als erinnerte ich mich plötzlich:

– Ach, es ist ja wahr. Sie waren verlobt, als ich Sie kannte. Ich glaube mit Fräulein de Mandal.

– Jawohl. Sie haben ein ausgezeichnetes Gedächtnis.

Da wurde ich kühn und fügte hinzu:

– Ja, ich glaube auch gehört zu haben, daß Fräulein de Mandal geheiratet hat, einen Herrn – Herrn ...

– Herrn de Fleurel.

– Jawohl, jetzt erinnere ich mich. Bei der Gelegenheit wurde sogar von Ihrer Verwundung gesprochen.

Ich sah ihn gerade an, er errötete.

Sein volles aufgeschwemmtes Gesicht, das durch die fortwährende Blutzufuhr schon purpurn geworden war, färbte sich noch mehr.

Er antwortete lebhaft, mit der plötzlichen Erregung eines Menschen, der eine schon von vornherein verlorene Sache verteidigt, in seinem Herzen und in seinem Geist verloren, aber der sie doch rechtfertigen will:

– Es ist aber sehr unrecht, mit meinem Namen den der Frau de Fleurel zu verbinden. Als ich aus dem Krieg zurückkehrte ohne Beine, hätte ich es niemals, niemals angenommen, daß sie meine Frau würde. War denn das möglich? Man heiratet doch nicht, um mit seiner Großmut zu prunken, sondern um täglich, stündlich, alle Minuten, alle Sekunden an der Seite eines Mannes zu leben. Und wenn der Mann, wie ich, ein Krüppel ist, so erleidet man, wenn man ihn heiratet, einen Schmerz, der bis zum Tode anhält. Alle Hingebung, alle Opfer kann ich wohl begreifen und bewundern bis zu gewissen Grenzen. Aber ich kann mich nicht erwärmen dafür, daß eine Frau ihr ganzes Leben, von dem sie doch Glück erhoffte, aufgiebt, alle Freuden, alle ihre Träume, um für ihren Edelmut gelobt zu werden. Wenn ich auf dem Fußboden meines Zimmers meine Holzfüße klappern höre, und meine Krücken diesen Lärm wie eine Mühle bei jedem Schritt verursachen, bin ich so verzweifelt, daß ich meinen Diener erwürgen könnte. Glauben Sie, daß man von einer Frau wünschen könnte, daß sie das leidet, was man selbst nicht ertragen kann. Und dann glauben Sie, daß meine Beinstümpfe sehr schön sind?

Er schwieg. Was sollte ich antworten? Ich fand, er hatte recht. Konnte ich sie tadeln, verachten, ihr unrecht geben? Nein. Und doch entsprach diese Lösung nach Regel, Vernunft und Wahrscheinlichkeit nicht meiner poetischen Phantasie. Ich hätte ein großartiges Opfer gewünscht, das fehlte mir, und ich war etwas enttäuscht.

Da fragte ich plötzlich:

– Hat Frau de Fleurel Kinder?

– Jawohl. Ein Mädchen und zwei Jungen. Ihnen bringe ich das Spielzeug mit. Ihr Mann und sie sind sehr gut gegen mich.

Der Zug eilte den Eisenbahndamm von Saint- Germain hinauf, glitt durch die Tunnel, fuhr in den Bahnhof ein und hielt.

Ich wollte dem verstümmelten Offizier eben meinen Arm zum Aussteigen anbieten, als sich durch die offene Thür ihm zwei Hände entgegenstreckten:

– Guten Tag, mein lieber Revalière.

– Guten Tag, Fleurel!

Hinter dem Mann stand strahlend, lächelnd, noch hübsch die Frau und warf ihm mit der behandschuhten Rechten Grüße zu. Ein kleines Mädchen an ihrer Seite hüpfte vor Freude, und zwei Jungen blickten mit gierigen Augen auf die Trommel und das Gewehr, die ihr Vater aus dem Wagennetz nahm.

Als der Krüppel auf dem Bahnsteig stand, umarmten ihn alle Kinder. Dann setzten sie sich in Bewegung. Das kleine Mädchen hielt freundschaftlich in ihrer kleinen Hand den lackierten Seitenstab der einen Krücke, als ob sie, indem sie an seiner Seite hinschritt, ihren großen Freund am Daumen gepackt hätte.

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