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Nutzlose Schönheit

Guy de Maupassant: Nutzlose Schönheit - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleNutzlose Schönheit
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume15
printrunViertes Tausend
year1910
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid3155151c
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Die Fliege

Er sagte zu uns:

Na, ich sage euch, ich habe mal verrückte Geschichten erlebt und komische Mädel gesehen damals, als ich noch ruderte. So und so oft war ich drauf und dran, ein Buch herauszugeben mit dem Titel »Auf der Seine«, um darin dieses sorglose muskelstärkende Leben voll Frohsinn und Anspruchslosigkeit, voll lärmender derber Feste zu beschreiben, das ich zwischen zwanzig und dreißig führte.

Ich war Beamter und besaß keinen Pfennig. Nun bin ich ein Mann in Amt und Würden, der irgend einer flüchtigen Laune große Summen opfern kann. Tausend bescheidene, nicht erreichbare Wünsche schlummerten mir im Herzen, die mein Dasein mit allen möglichen Hoffnungen von Glück verschönten. Heute weiß ich wirklich nicht, was mich bewegen könnte, auch nur vom Stuhle aufzustehen, in dem ich hier sitze. Das war alles so einfach, so köstlich und so schwierig, so zu leben halb zwischen dem Bureau in Paris, halb zwischen dem Fluß in Argenteuil. Meine große, meine einzige, meine alles verzehrende Leidenschaft war zehn Jahre lang die Seine. O der schöne ruhige, immer verschiedenartige, übel duftende Strom, voll köstlicher Wunder und Schmutz. Ich glaube, ich habe ihn so geliebt, weil er mir, wie es scheint, gewissermaßen das Symbol des Lebens gewesen ist. O diese Spaziergänge längs der blühenden Ufer. Meine Freunde, die Frösche, träumten da und sonnten sich auf einem Seerosenblatt. Und die zarten, zierlichen Wasserlilien mitten unter seinen hohen Gräsern, die plötzlich hinter einem Weidenstamm sich mir zeigten, wie ein Bild in einem japanischen Album, und der Eisvogel, der vor mir auffloh wie eine blaue Flamme. Mit instinktiver Liebe liebte ich das Alles, betrachtete es mit einem Blick, der mir tiefe Glückseligkeit ins Herz zauberte.

Wie andere sich süßer Liebesnächte erinnern, denke ich an Sonnenaufgänge im morgendlichen Nebel, die hin- und herzogen als irrende Dämpfe, weiß wie Tote, im Morgengrau. Und wie dann der erste Sonnenstrahl über die Wiesen glitt, rosig alles anhauchend, daß einem das Herz im Leibe lachte. Und ich denke an silbernen Mondschein auf zitterndem, fließendem Wasser, einem Schein, daß Träume auf Träume in uns aufsteigen.

Und alles das, als Symbol der ewigen Illusion des Lebens, entstand für mich auf schmutzigem Gewässer, das allen Unrat von Paris zum Meere wälzt.

Und dann dies köstliche Leben mit den Kameraden. Wir waren eine Bande von fünf, heute alles gesetzte Leute. Und da wir alle arm waren, hatten wir in einer gräßlichen Kneipe in Argenteuil einen unglaublichen Klub gegründet, der nur ein gemeinsames Schlafzimmer besaß, wo ich die tollsten Nächte meines Lebens verbracht habe. Wir wollten nichts, als uns amüsieren und rudern. Denn für uns alle, abgesehen von einem, war das Rudern zum wahren Kultus geworden. Ich erinnere mich so seltsamer Abenteuer, so unglaublicher Schwänke, von uns fünfen ausgeführt, daß das heutzutage gar keiner glauben würde. So was giebts heute gar nicht mehr, auch nicht auf der Seine. Denn in den Seelen der jungen Menschen von heute ist diese zügellose tolle Phantasie, die uns trieb, erstorben.

Wir besaßen zu fünf ein einziges Boot, das wir mit großer Mühe gekauft hatten und auf dem wir gelacht haben, wie wir nie wieder lachen werden. Es war ein breites Boot, etwas schwerfällig aber fest, geräumig und bequem. Ich will meine Kameraden nicht einzeln genau beschreiben. Der eine war klein, ein gerissener Kerl, Petit bleu genannt; dann ein großer, wüst aussehender Kerl mit grauen Augen, schwarzem Haar, Tomahawk genannt. Ein anderer geistreicher, fauler Mensch La Toque geheißen, der einzige von uns, der nie ein Ruder anrührte, unter dem Vorwand, daß das Boot dann kippen müßte. Endlich ein hagerer, eleganter, gut angezogener Junge, den wir »Einauge« nannten, in Erinnerung an einen damals gelesenen Roman von Cladel und weil er ein Monocle trug. Endlich ich, den man Josef Prunier getauft hatte. Wir lebten in vollkommener Übereinstimmung und bedauerten nur, kein Mädchen dabei zu haben. Ein Mädchen ist absolut nötig für ein Boot, unentbehrlich, weil sie Geist und Herz aufrappelt, belebt, unterhält, zerstreut und mit ihrem roten Sonnenschirm, der an den grünen Uferhangen hinfährt, dekorativ wirkt. Aber wir konnten keine gewöhnliche Rudrerin gebrauchen, wir fünf, die ganz anders waren, wie die übrigen Menschen. Wir mußten etwas ganz Verrücktes, Komisches haben, eine, die zu allem fähig gewesen wäre, kurz eben garnicht zu finden. Wir hatten eine Menge ohne Erfolg durchprobiert, Bootsmädchen aber keine Rudrerinnen, blödsinnige Matrosenmädel, die dem fließenden Wasser, das das Boot trägt, den Landwein vorzogen, um sich einen Schwipps anzutrinken. Einen Sonntag behielten wir sie, und dann wurden sie mit Ekel weggeschickt.

Da führte uns eines Sonnabends abends Einauge ein kleines, lebhaftes, schlankes, frisches, ulkiges Geschöpf zu, eine echte Pariser Pflanze. Sie war nett, nicht hübsch, – eines jener Weiber, in denen alles vereinigt ist, ein Gesicht, das man mit drei Strichen auf das Papier wirft nach Tisch beim Kaffee zwischen Schnaps und Cigarette. Die Natur bringt manchmal so was zu Stande.

Am ersten Abend setzte sie uns in Erstaunen, amüsierte uns. Aber wir wußten nicht recht, was wir von ihr halten sollten, so viel Unerwartetes steckte in ihr. Sie, die in diese Clique hineingeschneit war, die zu allen Dummheiten aufgelegt schien, war bald Herrin der Lage und hatte uns am nächsten Tag alle gewonnen. Übrigens war sie ein ganz verrücktes Frauenzimmer, förmlich mit Absinth in den Adern geboren, den ihre Mutter offenbar bei ihrer Geburt getrunken. Seitdem war sie nie wieder nüchtern geworden, denn, wie sie erzählte, hatte ihre Amme tüchtig einen hinter die Binde gegossen. Sie nannte auch die Schnapsflaschen, die auf dem Büffet in der Kneipe standen, nie anders als: »meine lieben Geschwister.«

Ich weiß nicht, wer von uns sie eigentlich »Fliege« taufte, noch warum ihr der Name gegeben ward, aber er paßte gut und blieb ihr. Und unser Boot das »Deckblatt« trug jede Woche auf der Seine zwischen Asnières und Maisons-Lafitte fünf kräftige, lustige Burschen, gesteuert von einem, unter einem buntpapiernen Sonnenschirm sitzenden, nervösen Persönchen, das sie wie Sklaven behandelte, die sie spazieren rudern mußten und die sie alle gern mochten.

Wir hatten sie gern aus tausend Gründen und vor allen Dingen aus einem. Hinten in unserm Boot saß sie da wie eine kleine Sprechmühle, die immerfort plapperte, wenn der Wind über das Wasser strich. Sie schwatzte ohne Ende mit jenem unausgesetzten Klappern der Windmühlenflügel, die sich im Winde drehen. Und sie sagte die unglaublichsten, unerwartetsten, unerhörtesten Dinge. In diesem Geist, dessen Bestandteile die verschiedenartigsten und verschiedenfarbigsten Lumpen waren, die nicht zusammengenäht sondern nur zusammengeheftet schienen, lebte eine märchenhafte Phantasie, Gassenwitz, Unverschämtheit, Schamlosigkeit, Ulk, Komik, Lüge, Luft, Landschaft, wie wenn man in einem Ballon fährt.

Wir stellten ihr Fragen, um Antworten herauszulocken, die sie weiß der Teufel woher hatte. Am, meisten quälte man sie mit der Frage:

– Warum heißt Du eigentlich Fliege?

Sie fand so wahnsinnige Gründe, daß wir vor Lachen aufhören mußten zu rudern.

Sie gefiel uns auch als Weib. Und La Toque, der nie ruderte und die ganze Zeit neben ihr am Steuer saß, antwortete auf die gewöhnliche Frage: warum heißt Du eigentlich Fliege? – Weil sie eine kleine Cantharide ist.

Ja, sie war eine kleine, fieberhaft summende, brummende Cantharide, nicht das bekannte Heilmittel, sondern eine richtige kleine spanische Fliege, mit roten Flügelchen, die anfing die ganze Bemannung des Bootes »Deckblatt« verrückt zu machen.

Wieviel thörichte Witze wurden losgelassen über dieses Blatt, auf dem sich die Fliege niedergelassen.

Einauge hatte seit Ankunft der Fliege im Boot eine Vorzugsrolle unter uns angenommen, die des Mannes, der glücklicher Besitzer eines Mädchens ist, während die anderen vier keines haben. Er nützte diesen Vorteil so aus, daß wir manchmal ganz empört waren, indem er die Fliege vor uns allen küßte, sie sich am Ende der Mahlzeiten auf den Schoß setzte, kurz alle möglichen Vorrechte in Anspruch nahm, die uns sowohl demütigten, wie aufregten.

Im Schlafzimmer waren sie durch einen Vorhang von uns getrennt worden.

Aber bald merkte ich, daß meine Kameraden und ich, jeder in seinem Hirn für sich, zum selben Schluß kamen: »Welches Ausnahmegesetz, welch unannehmbares Prinzip erlaubte es, daß die Fliege, die von keinem Vorurteil befangen war, ihrem Liebhaber treubleiben sollte, da doch die Damen der besten Gesellschaft es ihren Männern nicht sind,«

Unsere Überlegung war ganz richtig, davon waren wir bald vollkommen überzeugt. Nur hätten wir früher daran denken sollen, denn es war schade um die verlorene Zeit. Die Fliege betrog Einauge mit der gesamten Mannschaft des »Deckblattes«,

Sie betrog ihn ohne Schwierigkeit, ohne Widerstand, bei der ersten Bitte jedes einzelnen.

Mein Gott, Tugendbolde werden sich darüber sehr entrüsten. Warum? Welche bekannte Halbweltlerin hat nicht ein Dutzend Liebhaber und wer von denen ist so dumm, das nicht zu ahnen? Ist es nicht genau so Mode, seinen bestimmten Tag bei einer bekannten Dame zu haben, wie seinen Abend in der Oper, im Theâtre-Français oder im Odeon. Zehn Leute thun sich zusammen, um eine Halbweltsdame zu unterhalten, die ihre Zeit mit großer Schwierigkeit einteilt, genau so, wie sich zehn zusammenthun, um ein Rennpferd zu halten, das bloß ein Jockey reitet, das richtige Symbol für den einzigen wirklichen Geliebten.

Aus Zartgefühl überließ man die Fliege dem Einauge von Sonnabend abend bis Montag früh. Die Tage, wo wir ruderten, gehörten ihm. Wir betrogen ihn bloß die Woche hindurch in Paris, fern von der Seine, was für Bootsleute, wie wir, eigentlich gar kein Betrug mehr war.

Eigentümlich war nur, daß die vier Nassauer diese Teilung genau kannten, davon untereinander sprachen und sogar mit ihr durch versteckte Anspielungen, die sie immer herzlich lachen machten. Einauge allein schien nichts zu ahnen. Und diese Sonderstellung verursachte bald eine Art Verlegenheit zwischen ihm und uns, so daß er gewißermaßen vereinsamte und sich eine Schranke erhob gegenüber unserer früheren Vertraulichkeit und Freundschaft. Dadurch bekam er für uns eine schiefe Stellung, ein ganz klein wenig lächerlich, die des betrogenen Liebhabers, fast des Ehemannes.

Da er sehr schlau war, ein gerissener Hund, so fragten wir uns manchmal mit einiger Unruhe, ob er denn auch wirklich nichts ahnte.

Er gab uns darüber Klarheit auf eine für uns recht peinliche Art. Wir wollten in Bougival frühstücken und ruderten mit aller Anstrengung. Da ließ uns La Toque – er machte an diesem Morgen das triumphierende Gesicht eines befriedigten Menschen, der Seite an Seite neben der Bootsfrau sich, nach unserer Ansicht etwas zu frei, an sie schmiegte – aufhören zu rudern, indem er rief: »Stop!«

Die acht Ruder hoben sich aus dem Wasser.

Nun wendete er sich zu seiner Nachbarin und fragte:

– Warum heißt Du Fliege?

Ehe sie antworten konnte, rief Einauge, der vorn saß, in trockenem Ton:

– Weil sie sich auf jedes Aas setzt.

Zuerst war tiefes Schweigen, eine Art Verlegenheit. Dann kam die Lachluft. Die Fliege war wie auf den Mund geschlagen.

Da befahl La Toque:

– Eins! zwei! Los!

Das Boot setzte sich wieder in Bewegung.

Der Zischenfall war erledigt, die Situation geklärt.

Das kleine Abenteuer änderte nichts in unsern Lebensgewohnheiten, es machte uns bloß wieder intim mit Einauge. Er ward jetzt wieder der anerkannte Besitzer der Fliege von Sonnabend abend bis Montag früh, indem sein Vorrang unter uns durch seine Erklärung, die übrigens alle ferneren Anspielungen auf den Namen Fliege abschnitt, vollständig hergestellt war. Im übrigen begnügten wir uns in Zukunft mit der Rolle des dankbaren aufmerksamen Freundes, der im geheimen die Wochentage ausnutzte ohne Widerrede von einem von uns.

Das ging drei Monate lang ausgezeichnet. Aber plötzlich ward die Fliege uns gegenüber sehr eigentümlich. Sie war weniger heiter, nervös, unruhig, beinah reizbar. Man fragte sie immer:

– Was hast Du denn?

Sie antwortete:

– Nichts. Laß mich in Frieden.

Eines Sonnabends abends erklärte uns Einauge die Sache. Wir hatten uns eben in dem kleinen Zimmer, das unser Kneipwirt Varbichon in seiner Spelunke uns überließ, zu Tisch gesetzt, hatten die Suppe gegessen und warteten auf den Fisch, als unser Freund, der nachdenklich zu sein schien, die Hand der Fliege nahm und sprach:

– Meine lieben Kameraden, ich habe euch eine ernste Mitteilung zu machen, der vielleicht lange Auseinandersetzungen folgen werden. Übrigens können wir darüber in den Essenspausen reden.

Die arme Fliege hat mir etwas Entsetzliches anvertraut und mich gebeten, es euch mitzuteilen. Sie ist in anderen Umständen.

Laßt mich nur noch ein paar Worte sagen.

Wir dürfen sie jetzt nicht verlassen, und Nachforschungen nach dem Vater sind untersagt.

Zuerst herrschte allgemeines Entsetzen, wie nach einem fürchterlichen Unglück. Wir blickten uns gegenseitig an, als wollten wir einem von uns die Schuld in die Schuhe schieben. Aber wem? Ja wem? Ich habe niemals so, wie in diesem Moment, die Niederträchtigkeit dieses grausamen Spiels der Natur empfunden, das es keinem Mann möglich ist, mit Bestimmtheit zu wissen, ob er der Vater seines Kindes ist.

Dann überkam uns allmählich eine Art Trost und stärkte uns; das dunkle Gefühl der Solidarität.

Tomahawk, der selten sprach, drückte dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit in folgenden Worten aus:

– Na, meinetwegen. Einigkeit macht stark.

Der Fisch wurde gebracht. Aber man stürzte sich nicht darauf wie gewöhnlich, denn wir waren trotzdem alle verstört.

Einauge meinte:

– Bei dieser Gelegenheit hat sie das Zartgefühl besessen, mir genau alles zu gestehen. Liebe Freunde, wir tragen alle dieselbe Schuld, reichen wir uns die Hände und adoptieren wir das Kind.

Das wurde einstimmig angenommen. Wir hoben die Hände und versprachen: – Wir adoptieren es.

Da rief plötzlich die Fliege, die sich mit einem Male erleichtert fühlte von dem fürchterlichen Gewicht der Ungewißheit, die dieses niedliche kleine arme Geschöpf der Liebe quälte:

– Ach lieben Freunde, lieben Freunde, ihr seid treue Seelen, treue Seelen, treue Seelen! Ich danke euch allen. – Und zum ersten Mal sahen wir bei ihr eine Thräne.

Von nun an sprach man im Boot von dem Kind, als ob es schon geboren wäre. Und jeder von uns interessierte sich mit übergroßer Anteilnahme für die langsame regelmäßige Zunahme des Umfangs unsres Bootsmädchens.

Man hörte auf, zu rudern und fragte:

– Fliege.

Sie antwortete:

– Hier.

– Junge oder Mädel?

– Junge.

– Was soll er werden?

Na ließ sie ihrer Phantasie auf märchenhafte Art die Zügel schießen. Es waren unendliche Auseinandersetzungen, unglaubliche Erfindungen vom Tage der Geburt ab, bis daß das Kind sein Lebensziel erreicht hätte. In den naiven, leidenschaftlich zärtlichen Träumen dieser wunderlichen kleinen Kreatur, die jetzt keusch unter uns fünf, die sie ihre fünf Papas nannte, lebte, bedeutete das Kind alles. Sie sah es schon als Seemann und erzählte, wie es einen neuen Weltteil, größer noch als Amerika, entdeckte, sah es als General, der Frankreich Elsaß und Lothringen zurückeroberte, sah es dann als Kaiser, der eine neue Dynastie von edelmütigen, weisen Herrschern begründete, die unserm Vaterland endlich das Glück brächten, sah es als Gelehrter, der das Geheimnis fand, Gold zu machen, darauf die Kunst, ewig zu leben, sah es als Luftschiffer, dem es gelang ferne Gestirne zu besuchen, sodaß das Weltall ein großer Tummelplatz für die Menschen ward. Die Erfüllung der wunderlichsten, prachtvollsten Träume!

Ach Gott, die arme Kleine war bis zu Ende des Sommers reizend und spaßig.

Am zwanzigsten September endete ihr Traum. Wir kamen eben vom Frühstück in Maisons-Lafitte und fuhren bei Saint-Germain vorüber als sie sagte, sie habe Durst, und uns bat, in Pecq anzuhalten.

Seit einiger Zeit wurde sie sehr schwerfällig, worüber sie sehr traurig war. Sie konnte nicht mehr herumspringen wie früher, keinen Satz mehr machen vom Boot ans Land, wie sonst. Sie versuchte es, trotz unserer Rufe und Bemühungen, und zwanzig Mal wäre sie, wenn wir sie nicht in den Armen aufgefangen hätten, gefallen.

An diesem Tag beging sie die Unvorsichtigkeit, an Land springen zu wollen, ehe das Boot hielt, mit einem jener Bravourstücke, dem oft kranke oder erschöpfte Athleten zum Opfer fallen.

Gerade in dem Augenblick, als wir landen wollten, erhob sie sich, ehe wir etwas ahnten oder ihr zuvorkommen konnten, schwang sich ab und versuchte auf den Quai zu springen. Sie war zu schwach und erreichte nur mit der Fußspitze den Steinrand, glitt ab und schlug mit dem Leib auf die scharfe Ecke, schrie laut auf und verschwand im Wasser.

Alle fünf tauchten wir zugleich unter, um ein armes, halb gebrochenes Wesen herauszufischen, das bleich war, wie eine Tote, und schon fürchterliche Qualen litt.

Wir mußten sie schnell in das nächste Gasthaus tragen, und ein Arzt ward gerufen.

Während der zehn Stunden die die vorzeitige Geburt dauerte, hielt sie mit heroischem Mut fürchterliche Qnalen aus. Ganz verzweifelt liefen wir um sie herum in Angst und Fieber.

Sie brachte ein totes Kind zur Welt. Noch ein paar Tage hindurch bangten wir um ihr Leben. Endlich sagte uns der Arzt eines Morgens:

– Ich glaube, sie ist gerettet. Dies Mädchen ist aus Eisen.

Und wir traten zugleich lachenden Sinnes in ihr Zimmer.

Einauge nahm für uns das Wort und sagte:

– Du bist außer Gefahr, kleine Fliege, wir sind glückselig.

Da weinte sie zum zweiten Male in unserer Gegenwart und stammelte, einen Thränenschleier vor den Augen:

– Ach, wenn ihr wüßtet, wenn ihr wüßtet. Es ist zu traurig, zu traurig. Ich werde mich nie trösten können.

– Worüber denn trösten, kleine Fliege?

– Es getötet zu haben. Denn ich habe es getötet, ach, ohne es zu wollen. Es ist zu traurig!

Sie schluchzte. Wir umringten sie, ganz ergriffen, und wußten nicht, was wir ihr sagen sollten.

Sie begann wieder:

– Habt ihr's gesehen? Wir antworteten einmütig:

– Ja.

– Es war ein Junge, nichtwahr?

– Jawohl.

– Nichtwahr, er war hübsch?

Wir zögerten ein wenig.

Petit bleu, der am wenigsten skrupulös -war, entschloß sich, es zuzugeben:

– Sehr hübsch.

Er that Unrecht daran, denn sie fing nun zu stöhnen an und heulte fast vor Verzweiflung.

Da kam Einauge, der sie vielleicht doch am liebsten hatte, auf einen genialen Einfall, um sie zu beruhigen. Er küßte ihre durch vieles Weinen geschwollenen Augenlider und sagte:

– Tröste Dich, kleine Fliege, tröste Dich, wir machen Dir ein anderes.

Der Sinn für den Ulk, der ihr im Blute lag, erwachte plötzlich. Halb überzeugt, halb im Scherze, noch unter Thränen und das Herz vor Leid zusammenkrampft, fragte sie und blickte uns alle an:

– Wahrhaftig?

Und wir beteuerten alle zugleich:

– Ja, wahrhaftig!

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