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Nutzlose Schönheit

Guy de Maupassant: Nutzlose Schönheit - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleNutzlose Schönheit
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume15
printrunViertes Tausend
year1910
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid3155151c
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Die fünfundzwanzig Franken der Oberin

Ein komischer Kerl war er gewiß, der alte Pavilly, mit seinen langen Spinnenbeinen und dem kleinen Leib, den langen Armen und dem spitzen Kopf, auf dem eine Flamme roter Haare oben auf dem Scheitel brannte.

Er war eine Art Clown, ein bäuerlicher Spaßmacher, geradezu geboren, um allerlei Ulk zu machen, um die Leute zum Lachen zu bringen, um Komödie zu spielen, ganz einfach, denn er war ein Bauernsohn und selbst ein Bauer, der kaum lesen konnte. Ja, der liebe Gott hatte ihn geschaffen, um seine Mitmenschen zu amüsieren, die armen Kerls auf dem Lande, die kein Theater und keine Festlichkeiten haben. Und er amüsierte sie wirklich. Im Wirtshaus hielt man ihn frei, damit er ja dableiben sollte. Und er soff wie ein Loch, lachte, riß Witze, ulkte alle Leute an, ohne doch jemand zu verletzen, während sich alles um ihn herum nur so vor Lachen wälzte.

Er war so komisch, das sogar die Mädchen ihm nicht widerstanden, so sehr sie über ihn lachten, und obgleich er sehr häßlich war. Er verschleppte sie, ulkend und witzelnd hinter eine Mauer, in einen Graben oder in einen Stall, dann krabbelte er sie und knutschte sie ab mit so komischen Redensarten, daß sie sich die Seiten halten mußten, indem sie ihn von sich stießen. Dann that er so, als wollte er sich sofort aufhängen und dann lachten sie wieder, Thränen in den Augen. Da nahm er den Moment wahr und warf sie hin auf so geschickte Weise, daß sie alle daran glauben mußten, sogar die, die ihm Trotz geboten. Das war ein Spaß!

Genug, gegen Ende Juni verdingte er sich zur Ernte beim Bauer Le Harivau in der Nähe von Rouville. Drei Wochen lang unterhielt er die Erntearbeiter, Männer und Frauen, durch seine Scherze Tag und Nacht. Tags über stand er auf dem Feld mitten zwischen dem gemähten Getreide, einen alten Strohhut auf dem Kopf, der seinen rötlichen Schopf verbarg und raffte mit den langen mageren Armen das gelbe Getreide zusammen und band es in Garben. Dann blieb er stehen und machte irgend eine komische Bewegung, so daß auf dem ganzen Felde die Arbeiter, die immer nach ihm guckten, zu lachen anfingen. Nachts glitt er, wie ein schleichendes Tier, in das Stroh auf dem Boden, wo die Mädchen schliefen, tastete herum, daß sie kreischten und oft Skandal entstand. Man jagte ihn fort durch Fußtritte, auf allen vieren riß er aus wie ein phantastischer Affe, von unauslöschlichem Gelächter der ganzen Gesellschaft begleitet.

Am letzten Tage, als der Erntewagen mit Bändern geschmückt unter Pfeifenklang und Geschrei, Gesang und trunkener Freude auf der großen weißen Straße, langsam, von sechs Apfelschimmeln gezogen, dahinfuhr, durch einen jungen Burschen in einer Bluse, der an der Mütze eine Kokarde trug, geführt, tanzte Pavilly mitten unter den dahinziehenden Frauen wie ein trunkener Satyr herum, so daß an den Grenzgräbern der Bauernhäuser die kleinen Jungen stehen blieben und die Bauern, über sein verrücktes Gebahren ganz erschrocken, ihm nachsahen.

Als sie an das Thor des Gutshofes des Bauern Le Harivau kamen, that er einen Satz mit emporgehobenen Armen. Aber unglücklicherweise fiel er, als er niedersprang, gegen den Wagen, überschlug sich und verfing sich im Rade, das ihn auf den Weg schleuderte.

Die anderen stürzten herbei. Er regte sich nicht, hatte ein Auge geschlossen, das andere offen, war aschfahl vor Schreck und lag da, die langen Beine im Staub ausgestreckt.

Als man ihn anfaßte, begann er zu schreien, und als man ihn aufrichten wollte, fiel er wieder hin.

– Der wird wohl das Bein gebrochen haben, – sagte ein Mann.

In der That, er hatte ein Bein gebrochen.

Der Bauer Le Harivau ließ ihn auf einen Tisch legen, und ein Reiter wurde nach Rouville geschickt, um den Arzt zu holen, der eine Stunde später eintraf.

Der Bauer benahm sich sehr anständig und sagte, daß er für die Krankenkosten aufkommen wolle.

Der Doktor nahm also Pavilly in seinem Wagen gleich mit und brachte ihn in einen getünchten Schlafsaal, wo sein Bein eingerichtet wurde.

Sobald Pavilly merkte, daß er nicht daran sterben würde, daß man ihn pflegen, ihn heilen und aufpäppeln wollte, ihm zu essen gab, ohne daß er etwas zu thun brauchte und daß er so im Bett auf dem Rücken gemütlich liegen konnte, packte ihn unbändige Freude, und er fing an zu lachen, still in sich hinein, ununterbrochen, wobei er nur die verdorbenen Zähne zeigte.

Sobald eine der Schwestern sich seinem Bett näherte, grinste er sie voll Behagen an, klappte mit den Augen, verzog den Mund, wackelte mit der langen und beweglichen Nase. Seine Nachbarn im Schlafsaal konnten, so krank sie auch waren, nicht mehr vor Lachen, und die Oberin kam oft an sein Bett, um sich eine Viertelstunde über ihn zu amüsieren. Und für sie erfand er noch größeren Blödsinn, ganz neuen Ulk. Und da er zu allem Unsinn bereit war, that er jetzt plötzlich ganz fromm, sprach, wie ein gesetzter Mann, der wohl weiß, wann der Spaß aufhört, vom lieben Gott.

Eines Tages kam er darauf, er wolle ihr vorsingen. Sie war sehr erfreut und kam nun öfters. Und um seine Stimme zu bilden, brachte sie ihm ein Gesangbuch. Da saß er in seinem Bett, denn er konnte sich wieder etwas bewegen, und stimmte mit falscher Stimme Loblieder an zum Preise Gottes, der Jungfrau Maria und des heiligen Geistes, wahrend die dicke Schwester am Fußende des Bettes stand, ihm den Einsatz angab und mit den Fingern den Takt schlug. Sobald er gehen konnte, bot ihm die Oberin an, ihn einige Zeit zu behalten, damit er in der Kapelle beim Gottesdienst singen, und zugleich Meß- und Sakristandienste leisten könne. Er nahm an, und vier Wochen lang stimmte er, im weißen Chorhemd herumhumpelnd, Psalmen und Responsorien an, mit so komischer Kopfhaltung, daß die Zahl der Gläubigen sichtlich wuchs und daß man zur Vesper statt in die Gemeindekirche in die Hospitalkapelle kam.

Aber wie alles auf der Welt ein Ende nimmt, so mußte er, als er ganz geheilt war, entlassen werden. Und die Oberin machte ihm, als Dank, ein Geschenk von fünfundzwanzig Franken.

Sobald Pavilly auf der Straße stand mit dem Geld in der Tasche, fragte er sich, was er nun anfangen solle. Sollte er ins Dorf zurückkehren? Nein, erst wurde unbedingt noch einer geschmettert. Er hatte lange genug entbehren müssen. Und er ging in die nächste Kneipe. Öfters wie ein oder zwei Mal jährlich kam er nicht in die Stadt. Und von einem dieser Besuche war ihm eine unbestimmte Erinnerung von einer trunkenen Orgie geblieben.

Er verlangte also ein Glas feinen Schnaps, den er heruntergoß, um die Kehle zu schmieren, dann schüttete er einen zweiten hinunter, um wirklich Genuß davon zu haben.

Sobald der scharfe, starke Schnaps Gaumen und Zunge benetzt hatte, wobei in ihm nach so langem Fasten der geliebte und begehrte Geschmack am Alkohol erwacht war, der beißt, aromatistert, den Mund verbrennt, merkte er schon, daß er die Flasche austrinken würde, und fragte gleich, was sie kosten sollte, um sie ganz billig zu bekommen. Er mußte drei Franken zahlen, die er gleich erlegte. Und dann begann er, sich in aller Ruhe zu besaufen.

Aber er machte es doch mit Methode, denn er wollte auch noch für andere Freuden etwas Besinnung übrig behalten. Sobald er also fühlte, daß die Möbel anfingen zu wackeln, stand er auf und ging schwankend fort, die Flasche unter dem Arm, um ein öffentliches Haus zu suchen.

Nicht ohne Mühe fand er es, nachdem er zuerst einen Fuhrmann gefragt, der keines wußte, dann einen Briefträger, der ihm den falschen Weg angab, darauf einen Bäcker, der anfing zu schimpfen und ihn ein altes Schwein nannte, endlich einen Soldaten, der ihn sofort bereitwillig hinführte und ihm besonders die »Fürschtin« empfahl.

Obgleich es kaum Mittag war, trat Pavilly in diesen Ort der Freuden ein, wurde von einem Mädchen empfangen, das ihn sofort wieder hinausbefördern wollte. Aber durch ein Gesicht, das er schnitt, brachte er sie zum Lachen, zeigte drei Franken, den Normalpreis für die besonderen Genüsse des Ortes, und folgte ihr mit Mühe eine dunkle Treppe hinauf, die in den ersten Stock führte.

Als er in das Zimmer trat, verlangte er die »Fürschtin« zu sehen und wartete, indem er wieder einen Schluck aus seiner Flasche trank.

Die Thür öffnete sich, ein Mädchen erschien. Sie war groß, dick, rot, riesig. Mit sicherem Auge und dem Blick des Kenners maß sie den Trunkenbold, der auf einem Stuhl hockte, und sagte:

– Schämst Du Dich nicht, um die Zeit schon?

Er stammelte:

– Weshalb denn, Fürschtin?

– Eine Dame zu stören, ehe sie noch gegessen hat.

Er wollte lachen:

– Dem Glücklichen schlägt keine Stunde.

– Ja, keine Stunde, um sich zu besaufen, olle Pulle.

Pavilly wurde böse:

– Erstens bin ich keine Pulle, und dann bin ich auch nicht besoffen.

– Nicht besoffen?

– Nee, ich bin nicht besoffen.

– Nicht besoffen! Du kannst ja garnicht mehr stehen.

Sie sah ihn mit der Wut eines Weibes an, das weiß, daß die anderen jetzt beim Essen sind.

Er richtete sich auf:

– Ich? Ich sage Dir, ich tanze gleich eine Polka.

Und um es zu beweisen, stieg er auf den Stuhl, machte einen Luftsprung auf das Bett, auf dem seine groben schmutzigen Stiefel zwei entsetzliche Spuren hinterließen.

– Du Schwein, – schrie das Mädchen.

Sie stürzte auf ihn los, gab ihm einen Fauststoß in den Bauch, so stark, daß Pavilly das Gleichgewicht verlor, auf das Fußende des Lagers schlug, einen Salto mortale machte, auf die Kommode stürzte, indem er dabei Waschschale und Wasserkrug mit sich riß, dann zu Boden fiel und laut brüllte.

Er machte einen solchen Lärm und schrie so durchdringend, daß das ganze Haus herbeilief, der Besitzer, die Madame, das Dienstmädchen und das Personal.

Der Besitzer wollte erst den Menschen aufrichten; aber sobald er ihn in die Höhe bekommen hatte, verlor der Kerl wieder das Gleichgewicht und begann laut zu brüllen, er habe das Bein gebrochen, das andere, sein gutes, sein gutes.

Es war so. Man schickte sofort nach einem Arzt, und es war gerade derselbe, der Pavilly bei dem Bauer in Kur genommen hatte.

– Was, da sind Sie wieder? – sagte er.

– Ja, Herr Doktor.

– Was haben Sie denn?

– Jetzt haben sie mir das andere Bein zerschmissen, Herr Doktor.

– Wer hat denn das fertig gekriegt, mein Alter?

– Das Weibsbild da.

Alle hörten zu. Die Mädchen in Frisiermänteln, langen Haaren, den Mund noch fettig vom unterbrochenen Essen, die Madame wütend, der Besitzer sehr beunruhigt.

– Das wird eine böse Geschichte werden, – sagte der Arzt. – Sie wissen, daß der Stadtrat Ihnen nicht wohl will. Sie sollten das geheimhalten, daß über die dumme Geschichte nicht geredet wird.

– Wie soll ich das machen? – fragte der Besitzer.

– Nun, am besten schicken Sie den Mann ins Hospital, wo er eben herkommt. Und Sie müßten die Kurkosten zahlen.

Der Besitzer antwortete: – Das ist mir noch lieber, wie Unannehmlichkeiten kriegen.

Eine halbe Stunde später kehrte Pavilly also betrunken und jammernd in den Schlafsaal zurück, den er eine Stunde zuvor verlassen.

Die Oberin schlug betrübt die Hände zusammen, denn sie mochte ihn gern, und lächelte, denn sie war garnicht böse, ihn wiederzusehen.

– Nun, Verehrtester, was fehlt Ihnen denn?

– Nu, Frau Schwester, das andere Been ist kaput.

– Sind Sie denn wieder auf einen Strohwagen gestiegen, Sie alter Spaßmacher?

Pavilly war ganz verdutzt und verlegen und stammelte:

– Nee, nee, diesmal nicht. Nee, nee, ich kann nischt dafür, kann nischt dafür. Ja Stroh, 'n Strohsack is dran schuld.

Mehr konnte sie nicht aus ihm herausbekommen und sie erfuhr niemals, daß diesen Rückfall ihre fünfundzwanzig Franken verschuldet.

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