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Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard

Anatole France: Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard - Kapitel 9
Quellenangabe
typeaphorism
authorAnatole France
titleNützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard
publisherMusarion Verlag
addressMünchen
printrun4
year1924
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060512
projectidf98f2de3
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Die Stadtväter

An jenem Abend ging mein teurer Lehrer mit mir in den »Bacchusknaben«, wo wir uns unter das Rebendach setzten. Wir fanden dort meinen Erzeuger, den lahmen Messerschmied und Katharina, die Spitzenklöpplerin. Sie saßen zu dritt an einem Tische beim Kruge Wein, von dem sie genug getrunken hatten, um fröhlich und gesellig zu sein.

Es waren zwei neue Ratsherren ernannt worden, und mein Vater erörterte dies Ereignis, wie es seinem Stande und seiner Denkart entsprach.

»Das Schlimmste ist,« sagte er, »daß die Ratsherren Juristen und keine Bratköche sind wie ich und daß sie ihr Amt vom König und nicht von den Kaufleuten haben, insbesondere nicht von der Zunft der Pariser Bratköche, deren Bannerträger ich bin. Hätte ich sie gewählt, so würden sie den Zehnten und die Salzsteuern abschaffen, und wir wären alle glücklich. Doch wenn die Welt nicht im Krebsgange weitergeht, so wird ein Tag kommen, wo die Ratsherren von den Kaufleuten gewählt werden.«

»Daran ist kein Zweifel,« sagte der Herr Abbé Coignard. »Die Ratsherren werden eines Tages von den Meistern und Gesellen gewählt werden.«

»Achten Sie auf Ihre Worte, Herr Abbé,« erwiderte mein Vater ungeduldig und runzelte die Stirn. »Wenn die Gesellen sich an der Wahl beteiligen, dann geht alles drunter und drüber. Als ich noch Geselle war, hatt' ich nichts im Sinne, als meinen Meister an Hab und Weib zu schädigen. Doch seit ich selbst Weib und Laden habe, verstehe ich was von der öffentlichen Wohlfahrt, die mit der meinen zusammenhängt.«

Lesturgeon, der Wirt, kam mit einem neuen Kruge Wein. Er war ein rothaariges Männlein, lebhaft und grob.

»Sie reden von den neuen Ratsherren,« sagte er, die Fäuste in die Hüften stemmend. »Ich wünschte nur, sie verstünden soviel wie die alten, obwohl die von der öffentlichen Wohlfahrt nicht viel verstanden. Aber sie fingen doch an, ihr Geschäft zu lernen. Wie Ihr wißt, Meister Leonhard,« sagte er zu meinem Vater, »ist die Volksschule für die Kinder der Rue Saint-Jacques ein Holzbau; ein Funke und ein Hobelspan genügen, um das schönste Johannisfeuer anzubrennen. Ich habe die Herren Stadtväter darauf aufmerksam gemacht. Mein Brief war tadellos, denn ich hatte ihn von einem Schreiber im Val-de-Grace für sechs Weißpfennige aufsetzen lassen. Ich stellte den Herrn Stadtvätern darin vor, daß alle Buben des Stadtviertels täglich Gefahr liefen, wie die Leberwürste gebraten zu werden, was in Ansehung des Kummers der Mütter zu bedenken sei. Der Ratsherr, der die Schulen unter sich hat, antwortete mir nach einem Jahre sehr höflich, daß die Gefahr, in der die Buben der Rue Saint-Jacques schwebten, ihm große Sorge bereite und daß er eifrig bestrebt sei, ihr abzuhelfen; aus diesem Grunde schickte er den genannten Schülern eine Feuerspritze.

»Da der König«, so schloß er, »die Gnade gehabt hat, zweihundert Schritt von der Schule einen Springbrunnen zum Gedächtnis seiner Siege zu errichten, so ist an Wasser kein Mangel, und die Schüler werden die Bedienung der Spritze, welche die Stadt ihnen liefert, binnen wenigen Tagen erlernen.«

Als ich diesen Brief las, sprang ich bis an die Decke. Ich ging abermals zu dem Schreiber im Val-de-Grace und diktierte ihm folgende Erwiderung:

»Edler Herr Rat! Ew. Hochgeborenl Im Schulhause der Rue Saint-Jacques sitzen zweihundert Knaben, von denen der älteste sieben Jahre ist. Das sind schöne Spritzenmänner, Ew. Hochgeboren, zur Bedienung von Dero Feuerspritze! Nehmen sie selbige zurück und lassen Sie ein steinernes Schulhaus bauen!«

Dieser Brief nebst Siegel kostete mir abermals sechs Weißpfennige, genau wie der erste. Doch mein Geld war nicht umsonst vertan, denn nach einunddreiviertel Jahren erhielt ich ein Antwortschreiben, worin der Herr Rat mir versicherte, daß die Buben der Rue Saint-Jacques der Fürsorge des Pariser Stadtrates würdig seien, und daß dieser für ihre Sicherheit sorgen werde. So weit bin ich nun. Kommt ein neuer Ratsherr an seine Stelle, so muß ich von vorn anfangen und dem Schreiber im Val-de-Grace wieder zwölf Weißpfennige zahlen. Deshalb, Meister Leonhard, hege ich gar kein Verlangen, neue Gesichter ins Rathaus einziehen zu sehen, – obwohl ich sicher bin, daß manche, die man dort erblickt, sich besser als dummer August auf dem Jahrmarkt ausnähmen; – und so möchte ich denn den Herrn mit der Feuerspritze behalten.«

»Ich«, sagte Katharina, »bin auf die Sittenpolizei böse. Sie duldet, daß Jeannette, die Leierkastenfrau, sich täglich zur Dämmerstunde in der Vorhalle von Saint-Benoit herumtreibt. Das ist eine Schande. Sie trägt sich wie ein Gassenmädel und schlampt in Röcken herum, die sie durch alle Gossen geschleift hat. An den öffentlichen Orten sollte man nur Mädchen dulden, die so nett gekleidet sind, daß sie sich mit Anstand sehen lassen können.«

»Oho!« warf der lahme Messerschmied dazwischen, »ich meine, die Straße ist doch für jedermann da; und ich werde eines schönen Tages nach dem Vorbild unsres Wirtes Lesturgeon zu dem Schreiber im Val-de-Grace gehen und mir eine schöne Bittschrift zugunsten der armen Straßenhändler aufsetzen lassen. Kann ich doch mit meinem Wagen nie in gute Gegenden fahren, ohne von der Polizei schikaniert zu werden. Kaum daß ein Lakai oder ein paar Dienstmädchen vor meinen Waren stehenbleiben, gleich ist so ein langer schwarzer Halunke da und befiehlt mir im Namen des Gesetzes, meinen Kram wo anders feilzuhalten. Bald gerate ich in den Bezirk, den die Marktleute für sich haben, bald in die Nähe von Herrn Leborgne, der zünftiger Messerschmied ist. Ein andermal muß ich dem Staatswagen eines Bischofs oder Prinzen Platz machen. Dann lege ich mich ins Geschirr und bin heilsfroh, wenn die Lakaien und Dienstmädchen sich meine Verlegenheit nicht zunutze gemacht und mir nicht eine Nadelbüchse, eine Schere oder ein schönes Messer mit Holzgriff und Solinger Klinge stibitzt haben. Ich hab es satt, unter der Tyrannei zu leiden; ich hab es satt, unter der Ungerechtigkeit der Rechtsvertreter zu leiden. Ich habe ein tiefes Bedürfnis nach Empörung.«

»Daran merke ich,« sagte mein guter Lehrer, »daß Ihr ein hochherziger Messerschmied seid.«

»Ich bin gar nicht hochherzig, Herr Abbé,« antwortete der Lahme bescheidentlich, »sondern ich bin rachsüchtig; und aus Rachsucht verkaufe ich insgeheim Spottlieder auf den König, seine Mätressen und seine Minister. Ich hab 'ne feine Sammlung davon in der Plandecke meines Wagens. Verraten Sie mich nur nicht. Das von den zwölf Perücken ist famos.«

»Ich werde Euch nicht verraten,« entgegnete mein Vater; »mir gilt ein gutes Lied gleichviel wie ein Glas Wein, ja noch mehr. Auch gegen die Messer habe ich nichts; und es freut mich, alter Junge, daß Ihr die Euren los werdet; denn schließlich will doch jeder leben. Aber das müßt Ihr mir zugeben: es kann nicht geduldet werden, daß die Straßenhändler den Kaufleuten, die einen Laden haben und Steuer zahlen, Konkurrenz machen. Nichts geht mehr gegen Ordnung und Gerechtigkeit. Die Dreistigkeit dieser Hungerleider ist unerhört. Wie weit gingen sie erst, wenn man sie nicht unterdrückte! Verwichenes Jahr war ein Bauer von Montrouge so frech, sich mit einem Karren voller Tauben just vor meiner Bratküche aufzupflanzen und die gebratenen Tauben für zwei Heller feilzubieten, – einen Sou billiger, als ich sie verkaufe. Und der Bauernkerl brüllte, daß meine Ladenfenster barsten: ›Schöne Tauben, fünf Sous das Stück!‹ Zwanzigmal drohte ich ihm mit meinem Bratspieß; er antwortete mir ganz dreist, die Straße wäre für jedermann da. Ich zeigte ihn bei der Polizei an und bekam recht, denn man schaffte mir den Schurken vom Halse. Was mit ihm geschehen ist, weiß ich nicht; jedenfalls hab ich einen Haß auf ihn, denn er hat mich geschädigt. Als ich so sah, wie meine alten Kunden ihm die Tauben paarweise, ja zu halben Dutzenden abkauften, kriegte ich die Gallsucht und blieb lange Zeit schwermütig. Ich wollte, man striche ihn mit Leim an und klebte ihm so viele Federn an den Leib, als er den gebratenen Tauben ausgerupft hat, die er mir vor der Nase verkaufte; und so vom Kopf bis zu den Füßen befiedert, führe man ihn auf seinem Karren durch die Straßen.«

»Meister Leonhard,« sagte der lahme Messerschmied, »Ihr seid hart gegen die armen Leute. Auf die Weise treibt man die Mittellosen zur Verzweiflung.«

»Herr Messerschmied,« lachte mein guter Lehrer, »ich rate Euch, laßt Euch von irgendeinem Lohnschreiber ein Spottgedicht auf Meister Leonhard verfassen und verkauft es mit Euren Liedern auf die zwölf Perücken des Königs Ludwig. Freilich müßt Ihr unsrem Freunde dann ein kleines Wappen zulegen, dieweil er als schlichter Handwerksmeister nicht nach Freiheit, sondern nach Tyrannei trachtet. Ich ersehe jedoch aus all euren Reden, ihr Herren, daß die Stadtverwaltung eine schwierige Kunst ist, die allerlei widerstreitende Interessen unter einen Hut bringen muß; ferner, daß die öffentliche Wohlfahrt aus einer Unzahl privater Unbilden besteht und daß es im Grunde schon ein Wunder ist, wenn die Menschen, die in einem Mauerkreise zusammen hausen, sich nicht gegenseitig auffressen. Das ist ein Segen, den man ihrer Kleinmütigkeit zugute rechnen muß. Der öffentliche Friede beruht lediglich auf der Zaghaftigkeit der Bürger, die sich durch die einander eingeflößte Angst gegenseitig im Zaume halten. Und der Fürst, der ihnen allen Schrecken einflößt, sichert ihnen dadurch die unschätzbare Wohltat des Friedens. Was aber eure Ratsherren betrifft, deren Macht gering ist und die euch weder ernstlich schaden noch nützen können, ja deren Verdienst vornehmlich in ihrem langen Stock und in ihrer Perücke besteht, so klagt nicht zu sehr über ihre Ernennung durch den König, der sie neuerdings zu seinen Beamten gemacht hat. Als Fürstenfreunde sind sie allen Bürgern unterschiedslos gleich feind, und diese Feindschaft wird durch ihre völlig gleichmäßige Verteilung für jedermann erträglich. Sie ist wie ein Regen, von dem wir alle nur wenige Tropfen abkriegen. Dereinst, wenn sie wieder vom Volke gewählt werden (wie es in den ersten Zeiten des Königtums geschehen sein soll), werden die Stadtväter in der Stadt selbst Freunde und Feinde haben. Von den Kaufleuten gewählt, die Miete und Steuern entrichten, werden sie die Hausierer drücken. Von den Hausierern gewählt, werden sie die Kaufleute schuriegeln. Von den Handwerkern gewählt, werden sie gegen deren Meister und Brotherren vorgehen. Auf diese Weise wird ewig Streit und Zank herrschen. Im Stadtrate wird es dann wild hergehen, und jeder wird die Interessen und Leidenschaften seiner Wähler verfechten. Trotzdem glaube ich nicht, daß man sich dann nach unsren jetzigen Ratsherren zurücksehnen wird, die nur vom König abhängen. Die geräuschvolle Eitelkeit der von den Bürgern Erwählten wird diese belustigen, und sie werden in ihnen ihr eigenes Ebenbild wie in einem Vergrößerungsspiegel sehen. Sie werden ihre beschränkte Macht beschränkt ausüben. Dem Volke entstiegen, werden sie gleich ohnmächtig sein, es zu zähmen und es höher zu bilden. Die Reichen werden sich über ihre Dreistigkeit entsetzen, und die Armen werden sie der Zaghaftigkeit zeihen, wo doch nur ihre geräuschvolle Ohnmacht Anerkennung verdiente. Im übrigen werden sie zu mäßigen Aufgaben befähigt sein und für die öffentliche Wohlfahrt mit der wichtigen Nichtigkeit sorgen, die man stets erreicht und über die man nie hinauskommt.«

»Uff!« machte mein Vater. »Sie haben schön geredet, Herr Abbé. Nun trinken Sie mal!«

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