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Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard

Anatole France: Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard - Kapitel 8
Quellenangabe
typeaphorism
authorAnatole France
titleNützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard
publisherMusarion Verlag
addressMünchen
printrun4
year1924
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060512
projectidf98f2de3
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Das neue Ministerium

Mister Shippen, der in Greenwich als Schlosser lebte, speiste während seines Pariser Aufenthalts täglich in der »Bratküche zur Königin Gänsefuß« in Gesellschaft meines Vaters, des Wirtes, und meines guten Lehrers, des Herrn Abbé Jerôme Coignard. Zum Nachtisch verlangte er wie stets eine Flasche Wein, steckte sich die Pfeife an, zog die »Londoner Zeitung« aus seiner Tasche und begann seelenruhig zu trinken, zu rauchen und zu lesen. Dann faltete er seine Zeitung wieder zusammen, legte seine Pfeife auf den Tischrand und sagte:

»Meine Herren, das Ministerium ist gestürzt.«

»Oh!« machte mein guter Lehrer, »das hat nicht viel zu sagen.«

»Pardon,« erwiderte Mr. Shippen, »es hat sehr viel zu sagen. Denn da das letzte Ministerium ein Toryministerium war, so wird das neue ein Wighministerium sein; überdies ist alles, was in England geschieht, wichtig.«

»Mister Shippen,« entgegnete mein guter Lehrer, »wir haben in Frankreich größere Veränderungen erlebt als diese. Wir haben es erlebt, daß die vier Staatssekretäre durch sechs bis sieben Kollegien von je zehn Mitgliedern ersetzt wurden, so daß man die Herren Staatssekretäre also in zehn Stücke zerteilte, um sie nachher in ursprünglicher Form wieder herzustellen. Bei jeder dieser Veränderungen schwuren die einen, daß alles verloren, und die ändern, daß alles gewonnen sei. Und man machte Spottlieder. Was mich betrifft, so kümmre ich mich wenig um die Vorgänge in den Kabinetten, denn ich habe bemerkt, daß die Lebensgestaltung dadurch nicht verändert wird und daß die Menschen vor wie nach den Reformen selbstsüchtig, geizig, feig und grausam und abwechselnd stumpf oder wütend sind, und daß die Zahl der Geburten, Eheschließungen, Ehebrüche und Hinrichtungen sich wenig verändert, worin sich die schöne Ordnung der Gesellschaft erweist. Diese Ordnung ist beständig, mein Herr, und läßt sich durch nichts stören, denn sie beruht auf dem Elend und der Dummheit der Menschen, und diese Grundlagen werden nie erschüttert werden. Durch sie erhält der Gesellschaftsbau eine Festigkeit, welche dem Wüten der ärgsten Fürsten und dem ganzen Schwarm unwissender Beamten, die ihnen als Handlanger dienen, Widerstand leistet.«

Mein Vater lauschte dieser Rede mit dem Bratspieß in der Hand; dann erhob er höflich aber bestimmt den Einwand, daß es auch gute Minister geben könne. Er besonders dächte an einen von ihnen, der kürzlich verstorben sei und der eine sehr weise Verordnung zugunsten der Bratköche gegen die erdrückende Konkurrenz der Schlächter und Bäcker erlassen hätte.

»Schon möglich, Herr Tournebroche,« erwiderte mein guter Lehrer, »in der Sache müßte man freilich auch die Bäcker hören. Aber der springende Punkt ist dieser, daß die Staaten nicht durch die Weisheit einiger Staatssekretäre, sondern durch das Lebensbedürfnis mehrerer Millionen Menschen bestehen, die allerlei niedrigen und verachteten Künsten obliegen, als da sind Gewerbefleiß, Handel, Ackerbau, Krieg und Schiffahrt. All dieses private Elend macht die sogenannte Größe der Völker aus, und weder Fürsten noch Minister haben daran Teil.«

»Sie irren sich, Herr Abbé,« sagte der Engländer, »die Minister beteiligen sich wohl daran; sie machen Gesetze, von denen ein einziges das Volk reich machen oder ruinieren kann.«

»Oh, was das anbetrifft,« entgegnete der Abbé, »so ist das Glückssache. Die Geschäfte eines Staates sind so umfangreich, daß ein Menschengeist sie nicht umspannt; man muß es den Ministern also zugute halten, daß sie sie blindlings führen. Man darf ihnen weder das Gute noch das Böse nachtragen, das sie vollbringen, und muß einsehen, daß sie Blindekuh spielen. Überdies dürfte uns dieses Gute und Böse gering erscheinen, wenn wir es ohne Aberglauben abschätzen; und ich zweifle, mein Herr, ob ein Gesetz oder eine königliche Verordnung die von Ihnen behauptete Wirkung haben kann. Ich schließe dies aus den Freudenmädchen, die allein in einem Jahre mit mehr Edikten bedacht werden, als alle anderen Korporationen des Königreiches seit hundert Jahren; und doch liegen sie ihrem Gewerbe mit einer Zuverlässigkeit ob, die an die Naturkräfte gemahnt. Sie spotten der keuschen Ränke, die ein Beamter, namens Nikodemus, gegen sie schmiedet, und lachen über den Bürgermeister Baiselance, der mit mehreren Fiskalen und Staatsanwälten ein ohnmächtiges Bündnis zu ihrem Verderben geschlossen hat. Ich kann Ihnen versichern, daß Katharina, die Spitzenklöpplerin, nicht mal den Namen dieses Baiselance kennt, und sie wird ihn bis an ihr hoffentlich christliches Ende nicht kennen. Und daraus schließe ich, daß all die Gesetze, mit denen ein Minister sein Portefeuille vollstopft, wertloses Papier sind, das uns weder das Leben geben, noch es nehmen kann.«

»Herr Coignard,« sagte der Greenwicher Schlosser, »man merkt es an der Niedrigkeit Ihrer Sprache, daß Sie in Knechtschaft geboren sind. Sie redeten von den Ministern und Gesetzen anders, wenn Sie das Glück hätten, eine freie Regierung zu besitzen wie ich.«

»Mister Shippen,« sagte der Abbé, »die wahre Freiheit ist die Freiheit einer Seele, welche die Eitelkeiten dieser Welt abgetan hat. Was die öffentlichen Freiheiten betrifft, so lache ich darüber wie über ein Kinderspiel. Das sind Illusionen und Köder für die Eitelkeit der Dummköpfe.«

Mister Shippen erwiderte: »Sie bestärken mich in der Meinung, daß die Franzosen Affen sind.«

»Verzeihen Sie,« rief mein Vater dazwischen, seinen Bratspieß schwingend. »Es gibt unter ihnen auch Löwen.«

»So fehlen also nur die Staatsbürger,« entgegnete Mr. Shippen. »Im Tuileriengarten politisiert zwar alle Welt, aber bei diesem Gezänk kommt doch kein vernünftiger Gedanke heraus. Ihr Volk ist nichts als eine geräuschvolle Menagerie.«

»Mister Shippen,« fiel mein guter Lehrer ein, »es ist wahr, daß die menschlichen Gesellschaften auf einer bestimmten Stufe der Gesittung zu Menagerien werden. Der Fortschritt der Sitten besteht darin, daß sie im Käfig leben, statt elend in den Wäldern herumzuirren. Und dieser Zustand ist allen Völkern Europas gemeinsam.«

»Herr Abbé,« entgegnete der Greenwicher Schlosser, »England ist keine Menagerie, denn es hat ein Parlament, von dem die Minister abhängen.«

»Mister Shippen,« sagte der Abbé, »es kann sein, daß auch Frankreich eines Tages ein Parlament hat, dem die Minister unterstehen. Mehr noch. Die Zeit bringt den Staatsverfassungen große Veränderungen; und man kann sich denken, daß Frankreich in ein- – zweihundert Jahren zur Volksherrschaft gelangt. Dann, mein Herr, werden die Staatssekretäre, die heute wenig bedeuten, vollends in Nichts versinken. Denn anstatt vom Monarchen abzuhängen, von dem sie Macht und Dauer empfangen, werden sie der Meinung des Volkes untertan sein und an dessen Unbestand teilnehmen. Es ist zu beachten, daß die Minister nur in absoluten Monarchien kraftvoll regieren, wie z.B. Joseph, Jakobs Sohn, welcher Pharaos Minister war, und Aman, der Minister des Assuerus, die beide großen Anteil an der Regierung hatten, der erste in Ägypten, der andere bei den Persern. Es bedurfte eines starken Königtums und eines schwachen Königs, um Richelieus Arm in Frankreich zu waffnen. Im Volksstaate dagegen werden die Minister so schwach sein, daß weder ihre Bosheit noch ihre Dummheit Schaden tun kann.

Sie werden vom Parlament nur eine unsichere und schwankende Macht erhalten, werden sich weder der langen Hoffnungen, noch großen Plänen hingeben können und ihr Eintagsdasein in kläglichen Machenschaften verzetteln. Sie werden dahinsiechen in dem traurigen Bemühen, auf den fünfhundert Gesichtern einer Volksversammlung Befehle zum Handeln zu lesen; sie werden umsonst ihre eignen Gedanken in denen einer unwissenden und geteilten Menge suchen und in ruheloser Ohnmacht dahinwelken. Sie werden die Gewohnheit verlernen, irgend etwas vorzubereiten und vorherzusehen, werden sich nur noch in Lügen und Ränken ausbilden. Sie werden aus so geringer Höhe herabstürzen, daß sie dabei nicht zu Schaden kommen; die Schulbuben werden ihre Namen mit Kohle an die Wände malen und das Volk wird darüber lachen.«

Bei dieser Rede zuckte Mr. Shippen die Achseln.

»Möglich,« sprach er; »und ich stelle mir die Franzosen ohne Mühe in diesem Zustand vor.«

»Oh!« fuhr mein guter Lehrer fort, »auch in diesem Zustand wird die Welt weitergehen. Die Menschen wollen essen. Das ist die große Notwendigkeit, die alle andren erzeugt.«

»Inzwischen«, erwiderte Mr. Shippen, seine Pfeife ausklopfend, »steht uns ein Minister bevor, der die Agrarier begünstigen, aber den Handel zugrunde richten wird, wenn man ihn schalten läßt. Doch dem werde ich schon vorbeugen, denn ich bin Schlosser in Greenwich. Ich werde die Schlosser versammeln und ihnen eine Rede halten.«

Damit steckte er seine Pfeife in die Tasche und ging, ohne uns Guten Abend zu sagen.

 

Da der Abend schön war, so machte der Herr Abbé Coignard nach der Mahlzeit einen kleinen Gang durch die Rue Saint-Jacques, in der just die Laternen angesteckt wurden; und ich hatte die Ehre, ihn zu begleiten. An der Vorhalle von Saint- Benoît blieb er stehen; dann wies er mit seiner schönen fleischigen Hand, die sowohl für belehrende Gebärden wie für zärtliche Liebkosungen geschaffen schien, auf eine der Steinbänke, die beiderseits unter den gotischen, von Bubenhand beschmierten Steinbildern standen.

»Tournebroche, mein Sohn,« sprach er zu mir, »wenn's dir recht ist, so setzen wir uns ein wenig ins Freie auf diese alten abgescheuerten Steine, auf denen so viele Bettler vor uns in ihrem Elend Ruhe fanden. Vielleicht haben zwei, drei von diesen zahllosen Unglücklichen dort treffliche Reden gewechselt. Vielleicht kriegen wir dort auch Flöhe. Doch da du im Alter der Liebe stehst, mein Sohn, so wirst du dir einbilden, sie kämen von Jeannette. der Leierfrau, oder von Katharina, der Spitzenklöpplerin, die ihre Liebhaber zur Dämmerstunde dort hinzulocken pflegen, und ihre Stiche werden dir hold dünken. Das ist eine Täuschung, die deiner Jugend gestattet ist. Ich, der das Alter des holden Wahns hinter sich hat, werde mir sagen, daß man sein Zartgefühl nicht zu weit treiben darf und daß der Philosoph von den Flöhen kein Aufhebens machen soll, denn sie sind, wie die übrige Welt, ein großes Mysterium Gottes.«

Mit diesen Worten setzte er sich und vermied es vorsichtig, einen kleinen Savoyarden mit seinem Murmeltier aufzustören, die auf der alten Steinbank den Schlaf der Unschuld schliefen. Ich nahm neben ihm Platz, und da mein Geist noch voll von der Unterhaltung war, die bei Tische geführt worden, so fragte ich meinen teuren Lehrer:

»Herr Abbe, Sie sprachen vorhin von den Staatssekretären. Die Minister des Königs imponierten Ihrem Geiste weder durch ihr Staatskleid, noch durch ihre Equipage, noch durch ihre Talente; und Sie urteilten über sie mit der Freiheit eines Geistes, den nichts in Erstaunen setzt. Denn als Sie das Los dieser Beamten im Volksstaate erörterten (falls es je dazu kommt), stellten Sie sie uns als höchst jämmerlich und nicht sowohl lobenswert als erbarmungswürdig dar. Sollten Sie ein Feind der freien Regierungen sein, die eine Erneuerung der antiken Republiken sind?«

»Mein Sohn,« antwortete mein teurer Lehrer, »ich neige von Natur zur Volksherrschaft. Die Niedrigkeit meines Standes und die Lektüre der Bibel, in der ich ein wenig Bescheid weiß, haben mich in dieser Vorliebe bestärkt, denn der Herr sagt im Buche Ramatha: ›Die Ältesten Israels wollen einen König, auf daß ich nicht allein über sie herrsche. Aber siehe, solches wird das Recht des Königs sein, der über euch herrschen wird. Er wird eure Kinder vor seine Wagen spannen und wird sie vor seinen Streitwagen laufen lassen. Er wird eure Töchter zu seinen Weihrauchbereiterinnen, Köchinnen und Bäckerinnen machen‹. Filias quoque vestras faciet sibi unguentarias et focarias et panificas.

So heißt es ausdrücklich im Buche der Könige, wo man weiterhin sieht, daß der König seinen Untertanen noch zwei verderbliche Gaben bringt: den Krieg und den Zehnten. Und wenn es wahr ist, daß die Monarchien göttliche Einrichtungen sind, so ist es nicht minder wahr, daß sie alle Merkmale menschlicher Dummheit und Bosheit tragen. Und man kann glauben, daß der Himmel sie den Völkern zur Strafe gegeben hat: Et tribuit eis petitionem eorum.

»Oft nimmt er unsre Opfer an im Groll
Und seine Gaben sind der Sünde Sold.«

Ich könnte dir, mein Sohn, mehrere schöne Stellen aus den alten Schriftstellern zitieren, welche den Tyrannenhaß mit wunderbarer Kraft ausdrücken. Schließlich glaube ich auch stets einige Seelenstärke bewiesen zu haben, indem ich die weltliche Größe verachtete, desgleichen die Soldatenfratzen, worin es mir der Jansenist Blaise Pascal zuvortat. Alle diese Gründe machen mein Herz und Hirn der Volksherrschaft geneigt. Ich habe Betrachtungen über dies Thema angestellt, die ich eines Tages in einem Buche herausgeben werde, auf welches das Wort paßt: >Man muß den Knochen zerschlagen, um das Mark zu finden.< Ich will dir gestehen, daß ich ein neues >Lob der Torheit< plane, welches den Spöttern frivol dünken wird; aber die Weisen werden darin die Weisheit entdecken, die sich klüglich unter der Schelmenkappe verbirgt. Kurz, ich werde ein neuer Erasmus sein; nach seinem Vorbild werde ich die Völker durch gelehrte und scharf sinnige Kurzweil belehren. Und in einem Kapitel dieses Buches, mein Sohn, sollst du Aufklärung über den Gegenstand finden, der dir am Herzen liegt. Du sollst die Abhängigkeit der Minister von den Volksregierungen erfahren.«

»Ach, Herr Abbé,« rief ich aus, »wie drängt es mich, dieses Buch zu lesen. Wann denken Sie, daß es fertig sein wird?«

»Ich weiß es nicht,« erwiderte mein guter Lehrer. »Und offen gesagt glaube ich, daß ich es nie schreiben werde. Die Pläne der Menschen werden oft durchkreuzt. Wir verfügen nicht über den kleinsten Teil der Zukunft, und diese Ungewißheit, die allen Adamskindern gemein ist, steigert sich bei mir durch eine lange Verkettung von Mißgeschicken ins Grenzenlose. Daher glaube ich, mein Sohn, daß ich diese ehrbare Kurzweil nie schreiben werde. Doch ohne dir auf dieser Bank einen politischen Vortrag zu halten, will ich dir nur sagen, wie ich dazu kam, in mein erträumtes Buch ein Kapitel über die Schwäche und Bosheit derer aufzunehmen, welche dem biedren Demos dienen werden, wofern es dazu kommt, daß er Herr wird, was ich nicht entscheiden will; denn ich bin kein Prophet und überlasse diese Sorge den Jungfrauen, welche nach Art der Sibyllen orakeln, als da sind die kumäische, tiburtinische und persische Sibylle, quarum insigne virgintas est et virginitatis praemium divinatio. Kehren wir also zu unsrer Sache zurück. Vor etwa zwanzig Jahren wohnte ich in der lieblichen Stadt Séez, woselbst ich Bibliothekar des Herrn Bischofs war.

Umherziehende Komödianten, die der Zufall dorthin verschlug, spielten in einer Scheune ein ganz gutes Trauerspiel, das ich mir ansah. Ich erblickte dort einen römischen Kaiser, dessen Perücke mit mehr Lorbeeren geziert war als ein Jahrmarktsschinken. Er setzte sich in einen Chorstuhl; seine beiden Minister, im Hofkleid mit großen Ordensbändern, ließen sich rechts und links auf Sesseln nieder, und alle drei bildeten einen Staatsrat angesichts der Rampenlichter, welche abscheulich stanken. Im Verlauf ihrer Beratung entwarf einer der Räte ein satirisches Bild der Konsuln in den letzten Zeiten der Republik. Sie konnten es nicht abwarten, ihre vergängliche Macht zu brauchen und zu mißbrauchen; sie waren Feinde der öffentlichen Wohlfahrt, eifersüchtig auf ihre Nachfolger, mit denen sie nichts verband als die Mitschuld bei ihren Räubereien und Unterschlagungen. Dies waren seine Worte:

»Die kleinen Könige auf Jahresfrist,
Deren Gewalt so kurz bemessen ist,
Die schönsten Pläne bringen sie zu Falle,
Damit die Frucht dem Nächsten nicht zufalle.
Da klein ihr Teil am öffentlichen Gut,
So wuchern sie es aus bis auf das Blut.
Auf andrer Nachsicht bau'n sie mit Bedacht,
Da jeder sich die gleiche Hoffnung macht«

Diese Verse, mein Sohn, mit ihrer pointierten Schärfe sind, was den Sinn angeht, weit besser als der Rest des Trauerspiels, das gar zu sehr an die prunkhaften Frivolitäten der Frondezeit gemahnt und gänzlich verunstaltet ist durch heroische Galanterien im Stil der Herzogin von Longueville, die darin als Emilie auftritt. Ich habe diese Verse auswendig gelernt, um recht darüber nachzusinnen. Denn selbst in Theaterstücken findet man schöne Lebensregeln. Was der Poet in diesen acht Versen von den Konsuln der römischen Republik sagt, das paßt ebenso auf die Minister der Demokratien und ihre unsichre Macht.

Sie sind schwach, mein Sohn, weil sie von einer Volksversammlung abhängen, die ebenso unfähig ist zu den großen und tiefen Plänen eines Politikers, wie zu der harmlosen Blödigkeit eines nichtstuenden Königs. Minister sind nur dann groß, wenn sie, wie Sully, einen klugen Fürsten unterstützen oder wenn sie, wie Richelieu, an Stelle des Monarchen treten. Und wer sähe nicht ein, daß der biedre Demos weder die zähe Klugheit eines Heinrich IV., noch die vorteilhafte Trägheit eines Ludwig XIII. besitzen kann? Angenommen, er weiß, was er will, so weiß er doch nie, wie sein Wille ausgeführt werden soll, noch ob er ausführbar ist. Da er schlecht befiehlt, so wird ihm schlecht gehorcht, und er hält sich stets für verraten. Die Deputierten, die er ins Parlament schickt, werden ihm Sand in die Augen streuen, bis zu dem Augenblick, wo sein ungerechter oder berechtigter Argwohn sie stürzt. Das Parlament aber, aus der verworrenen Mittelmäßigkeit der Volksmassen hervorgegangen, wird sein wie sie. Es wird obskure und verwickelte Fragen erörtern. Es wird den Häuptern der Regierung aufgeben, unbestimmte Strebungen zu vollstrecken, über die es sich selbst nicht klar ist, und seine Minister werden, minder glücklich als Ödipus, von der hundertköpfigen Sphinx vertilgt werden, weil sie das Rätsel nicht errieten, dessen Lösung die Sphinx selbst nicht kennt. Ihr größtes Elend aber wird darin bestehen, daß sie zur Ohnmacht verdammt sind und reden müssen, statt zu handeln. Sie werden Volksredner werden, und herzlich schlechte, denn das Talent, dem einige Klarheit eignet, würde sie stürzen. Sie werden lernen müssen zu reden, um nichts zu sagen, und je weniger einfältig sie sind, desto mehr werden sie zum Lügen verdammt sein, so daß also die Gescheitesten am verächtlichsten sein werden. Und wenn sich unter ihnen noch solche finden, die befähigt sind, Verträge abzuschließen, die Finanzen zu ordnen und die Staatsgeschäfte zu führen, so werden ihre Kenntnisse ihnen nichts nützen, denn sie werden keine Zeit haben, und die Zeit ist der Stoff, aus dem die großen Unternehmungen gemacht werden.

Diese demütigende Bedingung wird die Guten entmutigen und die Schlechten mit Ehrgeiz erfüllen. Von allen Seiten, aus den kleinsten Nestern, werden ehrgeizige Stümper zu den ersten Staatsämtern herandrängen, und da die Redlichkeit keine angeborene Menschentugend ist, sondern nur durch langes Bemühen und stete Nachhilfe anerzogen wird, so werden Scharen von Dieben über die öffentlichen Gelder herfallen. Durch den Ausbruch von Skandalen wird das Übel noch ärger werden, denn bei einer Volksregierung ist es schwierig, irgend etwas zu verheimlichen, und durch die Sünden einiger werden alle verdächtig.

Daraus schließe ich jedoch nicht, mein Sohn, daß die Völker dann unglücklicher sein werden als heutzutage. Wie ich in imsern Gesprächen oft genug betonte, glaube ich nicht, daß das Geschick eines Volkes vom Fürsten und seinen Ministern abhängt; ja man schriebe den Gesetzen zu viel Kraft zu, wenn man sie als die Quellen der öffentlichen Wohlfahrt oder des öffentlichen Elends ansieht. Dessenungeachtet ist eine große Zahl von Gesetzen verderblich, und ich fürchte, die Parlamente werden mit ihrer gesetzgeberischen Macht großen Mißbrauch treiben.

Es ist die Lieblingssünde von Hans und Kunz, Gesetze zu machen, die ihnen nichts kosten, und dabei zu sagen: ›Ja wenn ich König wäre!‹ Wenn Kunz König sein wird, so wird er in einem Jahre mehr Verordnungen erlassen als der Kaiser Justinian in seiner ganzen Regierungszeit. Auch in dieser Hinsicht erscheint mir die Herrschaft von Kunz und Hans bedenklich. Doch die Regierung der Könige und Kaiser war insgemein so schlecht, daß es nicht schlimmer kommen kann, und Kunz wird vermutlich nicht viel mehr Dummheiten und Schlechtigkeiten begehen, als alle die Fürsten mit doppelter oder dreifacher Krone, welche die Welt seit der Sintflut mit Blut und Trümmern bedeckt haben. Ja, just seine quirlige Unfähigkeit hat das Gute, daß sie die sinnreichen Beziehungen zwischen den Staaten vereitelt, welche man Diplomatie nennt und welche nur dazu führen, unnötige und verhängnisvolle Kriege künstlich zu entflammen. Die Minister des biedren Demos werden unausgesetzt mit Füßen getreten, gepufft, gedemütigt, angerempelt, über den Haufen gerannt und mehr mit Bratäpfeln und faulen Eiern beworfen werden, als der schlechteste Harlekin auf dem Jahrmarktstheater; und so werden sie gar keine Zeit finden, am grünen Tisch und im Geheimnis der Kabinette Schlächtereien vorzubereiten, die das sogenannte europäische Gleichgewicht erhalten sollen, in Wahrheit aber nur den Diplomaten zugute kommen. Es wird dann keine auswärtige Politik mehr geben, und das wird für die unglückliche Menschheit ein großes Glück sein.«

Nach diesen Worten stand mein guter Lehrer auf und sagte:

»Es wird Zeit, heimzukehren, mein Sohn; denn ich fühle, wie die Abendkühle mir durch die Kleider dringt, denn sie sind an verschiedenen Stellen durchlöchert. Auch würden wir bei längerem Verweilen in dieser Vorhalle die Liebhaber Jeannettes und Katharinas verscheuchen, welche hier der Schäferstunde harren.«

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