Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Anatole France >

Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard

Anatole France: Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard - Kapitel 7
Quellenangabe
typeaphorism
authorAnatole France
titleNützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard
publisherMusarion Verlag
addressMünchen
printrun4
year1924
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060512
projectidf98f2de3
Schließen

Navigation:

Die Ostereier

Mein Vater hatte eine Bratküche in der Rue Saint-Jacques gegenüber der Kirche Saint-Benoît Ich behaupte nicht, daß er die Fastenzeit liebte; dieses Gefühl wäre bei einem Bratkoch unnatürlich gewesen. Doch er beobachtete die Fastenregeln als guter Christ, der er war. Da er zu arm war, um sich im erzbischöflichen Palast Dispense zu kaufen, so aß er an Fasttagen zum Abendbrot Stockfisch mitsamt seiner Frau, seinem Sohn, seinem, Hund und seinen Stammgästen, deren treuster mein teurer Lehrer, der Herr Abbé Coignard war. Meine fromme Mutter hätte es nicht gelitten, daß Miraut, unser Wachhund, am Karfreitag einen Knochen benagte. An diesem Tage gab sie dem armen Tier weder Fleisch noch Fett in seinen Brei. Umsonst stellte der Herr Abbé Coignard ihr vor, daß dies unrecht wäre und daß Miraut, der an den heiligsten Mysterien der Erlösung keinen Anteil hätte, seine Portion gerechterweise nicht geschmälert werden dürfte.

»Meine gute Frau,« sagte der große Mann, »für uns Glieder der Kirche ziemt es sich, Stockfisch zu essen; doch es liegt ein wenig Aberglaube, Gottlosigkeit, Vermessenheit, ja Lästerung darin, einen Hund in dieser Weise an Kasteiungen teilnehmen zu lassen, die nur deshalb von unendlichem Werte sind, weil Gott sie will, und die sonst verächtlich und lächerlich wären. Es ist dies ein Mißbrauch, den Ihre Einfalt entschuldigt, der aber bei einem Doktor der Theologie oder bei einem einfachen Christen von verständigem Geiste frevelhaft wäre. Ein solcher Brauch, meine teure Frau, führt gradenwegs zur fürchterlichsten Ketzerei. Er zielt auf nichts Geringeres ab als auf die Behauptung, daß Jesus Christus nicht nur für die Kinder Adams, sondern auch für die Hunde gestorben sei. Und nichts ist der Hl. Schrift mehr zuwider.«

»Mag sein,« antwortete meine Mutter. »Aber wenn Miraut am Karfreitag nicht fastete, so würde ich ihn für einen Juden halten und ihn verabscheuen. Heißt das eine Sünde begehen, Herr Abbé?«

Mein teurer Lehrer erwiderte sanftmütig, indem er einen Schluck Wein trank:

»Ach, teures Wesen, ich will nicht entscheiden, ob Sie sündigen oder nicht; ich sage Ihnen nur, daß Sie wahrlich ohne Arg sind und daß ich an Ihr ewiges Heil fester glaube, als an das von fünf bis sechs Bischöfen und Kardinälen, die ich kenne und die doch so schöne Abhandlungen über kanonisches Recht verfaßt haben.«

Miraut verschlang schnuppernd seinen Brei, und mein Vater machte mit dem Herrn Abbé Coignard einen kleinen Abstecher nach der Schenke »Zum Bacchusknaben«.

Also verbrachten wir die heilige Fastenzeit in der Bratküche »Zur Königin Gänsefuß«. Doch mit dem ersten Ostermorgen, wenn die Glocken von Saint-Benoît die Freude der Auferstehung verkündeten, steckte mein Vater Hühner, Enten und Tauben zu Dutzenden auf den Bratspieß, und Miraut, der im Winkel des hellodernden Herdes hockte, schnupperte den lieblichen Duft des Fettes und wedelte in stiller und nachdenklicher Heiterkeit mit dem Schwanze. Alt, müde und fast blind, genoß er doch noch die Freuden dieses Lebens, indem er seine Leiden mit einer Entsagung hinnahm, die sie ihm weniger schmerzlich machte. Er war ein Weiser; und es verwundert mich nicht, daß meine Mutter eine so vernünftige Kreatur an ihren frommen Werken teilnehmen ließ.

Nachdem wir dem Hochamt beigewohnt hatten, speisten wir in der duftenden Küche zu Mittag. Mein Vater brachte zu dieser Mahlzeit eine religiöse Freude mit. Er hatte zumeist ein paar Gerichtsschreiber und stets meinen teuren Lehrer, den Herrn Abbé Coignard zu Gaste. Zu Ostern im Jahre des Heils 1725 entsinne ich mich, daß mein teurer Lehrer uns Herrn Nikolaus Cerise mitbrachte, den er aus einem Hängeboden in der Rue des Maçons geholt hatte, allwo dieser gelahrte Mann Tag und Nacht für holländische Verleger Nachrichten aus der Gelehrten-Republik schrieb. Auf dem Tische erhob sich ein Berg roter Eier in einem Drahtkorbe. Und als der Herr Abbé Coignard das Tischgebet gesprochen, lieferten diese Eier den Gesprächsstoff.

»Man liest bei Aelius Lampridius,« begann Nikolaus Cerise, »daß ein Huhn, welches dem Vater des Alexander Severus gehörte, an dem Tage, da dieser künftige Kaiser geboren ward, ein rotes Ei legte.«

»Dieser Lampridius, der nicht sehr bei Verstand war,« erwiderte mein teurer Lehrer, »hätte solch eine Geschichte den Klatschbasen lassen sollen, die sie verbreiteten. Sie besitzen zuviel Urteilskraft, mein Herr, um aus diesem unsinnigen Märchen den christlichen Brauch abzuleiten, daß man am Ostertag rote Eier aufträgt.«

»Allerdings«, entgegnete Herr Nikolaus Cerise, »glaube ich nicht, daß dieser Brauch vom Ei des Alexander Severus stammt. Der einzige Schluß, den ich aus der von Lampridius berichteten Tatsache ziehen möchte, ist der, daß ein rotes Ei bei den Heiden eine Vorbedeutung der höchsten Macht war. Übrigens«, schloß er, »muß dieses Ei irgendwie gefärbt worden sein, denn die Hühner legen keine roten Eier.«

»Verzeihen Sie,« sagte meine Mutter, die am Herde stand und die Schüsseln garnierte, »in meiner Kindheit sah ich ein schwarzes Huhn, das bräunliche Eier legte. Ich glaube daher gern, daß es Hühner gibt, deren Eier rot oder von rötlicher Farbe sind, wie z. B. die Ziegelsteine.«

»Das ist wohl möglich,« sagte mein teurer Lehrer, »und die Natur ist in ihren Hervorbringungen viel mannigfacher und abwechslungsreicher, als wir insgemein wähnen. In der Erzeugung der Tiere gibt es Wunderlichkeiten aller Art, und man sieht in den Naturalien-Kabinetten seltsamere Mißgeburten als ein rotes Ei.«

»So gibt es«, fiel Herr Nikolaus Cerise ein, »im Kabinett des Königs ein fünffüßiges Kalb und ein Kind mit zwei Köpfen.«

»Ich sah noch was Besseres in Auneau bei Chartres,« sagte meine Mutter, indem sie ein Dutzend Ellen Wurst mit Kohl auf den Tisch stellte, dessen lieblicher Duft bis an die Deckenbalken stieg. »Ich sah, meine Herren, ein neugeborenes Kind mit Gänsefüßen und einem Schlangenkopfe. Die Wehemutter, die das Kind entband, entsetzte sich so, daß sie es ins Feuer warf.«

»Sehen Sie sich vor,« rief der Herr Abbé Coignard aus, »sehen Sie sich vor! Der Mensch wird vom Weibe geboren, um Gott zu dienen, und es ist unbegreiflich, daß er ihm mit einem Schlangenkopf dienen kann; und folglich gibt es keine Kinder der Art, und Ihre Wehemutter träumte oder hatte Sie zum besten.«

»Herr Abbé,« sagte Herr Nikolaus Cerise mit flüchtigem Lächeln, »Sie sahen so gut wie ich im Kabinett des Königs einen Fötus mit vier Beinen und zwei Geschlechtern, der in einem Glasgefäß mit Spiritus aufbewahrt wird, und in einem andern Glasgefäß ein Kind ohne Kopf mit einem Auge über dem Nabel. Konnten diese Mißgeburten Gott besser dienen als das Kind mit dem Schlangenkopf, von dem unsre Wirtin spricht? Und was sagen Sie zu denen mit zwei Köpfen, von denen man nicht weiß, ob sie auch zwei Seelen haben? Gestehen Sie zu, Herr Abbé, daß die Natur, die an solchen grausamen Spielen Gefallen findet, die Theologen etwas in die Enge treibt?«

Mein teurer Lehrer öffnete bereits den Mund zur Antwort, und ohne Zweifel hätte er den Einwand des Herrn Nikolaus Cerise völlig entkräftet, als meine Mutter, die, wenn sie redselig wurde, sich durch nichts hemmen ließ, ihm zuvorkam und mit lauter Stimme sagte, das Kind aus Auneau sei keine menschliche Kreatur gewesen und der Teufel hätte es mit einer Bäckersfrau gezeugt.

»Und der Beweis ist,« setzte sie hinzu, »daß kein Mensch daran dachte, es zu taufen, und daß man es am Ende des Gartens, in ein Laken gehüllt, begrub. Wäre es eine menschliche Kreatur gewesen, so hätte man es in geweihtem Boden bestattet. Wenn der Teufel einer Frau ein Kind macht, so tut er es in Tieresgestalt.«

»Meine liebe Frau,« antwortete ihr der Herr Abbé Coignard, »es ist seltsam, daß eine Bäuerin besser über den Teufel Bescheid weiß als ein Doktor der Theologie, und ich bewundere es, daß Sie sich in der Frage, ob die Leibesfrucht einer Frau der durch Gottes Blut erlösten Menschheit angehört oder nicht, auf die Alte aus Auneau berufen. Glauben Sie mir: diese Teufeleien sind nichts als schmutzige Wahnbilder, von denen Sie Ihren Geist säubern sollten. Bei den Kirchenvätern steht nichts davon geschrieben, daß der Teufel mit den Frauen Kinder zeugt. Alle diese Geschichten von teuflischer Buhlschaft sind widerwärtige Hirngespinste, und es ist eine Schmach, daß die Jesuiten und Dominikaner Abhandlungen darüber verfaßt haben.«

»Wohlgesprochen, Abbé,« sagte Herr Nikolaus Cerise, indem er eine Wurst von der Schüssel aufspießte. »Aber Sie antworten mir nicht auf das, was ich sagte: daß die Kinder, die ohne Kopf zur Welt kommen, nicht sehr dem Daseinszweck des Menschen entsprechen, der nach der Lehre der Kirche darin besteht, Gott zu erkennen, zu lieben und ihm zu dienen, und daß hierin wie in der Unzahl von Keimen, die verloren gehen, die Natur offen gesagt nicht theologisch und christlich genug ist. Ich möchte hinzusetzen, daß sie in keinem ihrer Akte irgendwie religiös ist und daß sie ihren Gott nicht zu kennen scheint. Das ist es, was mich erschreckt, Abbé.«

»Oh!« rief mein Vater, während er auf der Spitze seiner Gabel eine Geflügelkeule schwenkte, die er eben zerlegte, »oh, was sind das für finstere, garstige und wenig passende Reden am heutigen Feiertag! Die Schuld daran trägt meine Frau, die uns ein Kind mit Schlangenkopf auftischt, als wäre dieses Gericht für ehrbare Gäste erquicklich. Müssen denn aus meinen schönen roten Eiern so viele teuflische Geschichten auskriechen?«

»Ja, lieber Wirt,« sagte der Herr Abbé Coignard, »in der Tat entstehen alle Dinge aus dem Ei. Über diesen Gedanken haben die Heiden sehr philosophische Fabeln ersonnen. Doch daß aus so christlichen Eiern in antikem Purpurgewand, wie wir sie eben verzehrt haben, ein solcher Schwarm wüster Gottlosigkeiten auskriecht, das nimmt mich Wunder.«

Herr Nikolaus Cerise blinzelte meinen teuren Lehrer an und sagte zu ihm mit verkniffenem Lächeln:

»Herr Abbé Coignard, diese Eier, deren Schalen, mit roten Rüben gefärbt, unter unsern Füßen auf dem Boden herumliegen, sind ihrem Wesen nach weder so christlich noch so katholisch, wie Sie anzunehmen belieben. Die Ostereier sind im Gegenteil heidnischen Ursprungs und erinnern zur Zeit der Frühlingsnachtgleiche an das geheimnisvolle Aufblühen des Lebens. Es ist ein altes Symbol, das sich in der christlichen Religion erhielt«

»Man kann mit gleichem Rechte behaupten,« erwiderte mein teurer Lehrer, »daß es ein Symbol der Auferstehung Christi sei. Ich für mein Teil neige nicht dazu, die Religion mit symbolischen Spitzfindigkeiten zu belasten, und ich glaube daher gern, daß die Freude, Eier zu essen, die uns während der Fastenzeit verwehrt war, der einzige Grund ist, weswegen sie am heutigen Tage mit Ehren bei Tische erscheinen und mit dem Königspurpur angetan sind. Doch das ist einerlei, und dies alles sind Nichtigkeiten, mit denen die Gelehrten und Bibliothekare sich die Zeit vertreiben. Was in Ihren Reden von Bedeutung ist, Herr Nikolaus Cerise, das ist, daß Sie die Natur der Religion entgegensetzen und sie beide zu Feindinnen machen wollen. Das ist eine so furchtbare Gottlosigkeit, Herr Nikolaus Cerise, daß selbst dieser biedere Bratkoch erschaudert, ohne sie zu begreifen! Doch mich verwirrt sie nicht, und derartige Argumente können einen Geist, der sich des rechten Wegs bewußt ist, nicht einen Augenblick irreführen.

Sie, Herr Nikolaus Cerise, sind freilich auf dem Wege der Vernunft und Wissenschaft vorgegangen, welcher nur eine enge, kurze und schmutzige Sackgasse ist, an deren Ende man sich ruhmlos die Nase einrennt. Sie urteilten wie ein philosophischer Apotheker, der die Natur zu kennen wähnt, weil er einige ihrer Äußerlichkeiten wittert Und Sie behaupteten, die natürliche Zeugung, welche Mißgeburten hervorbringt, gehöre nicht zu den Geheimnissen Gottes, der die Menschen erschaffen hat, um seinen Ruhm zu künden. Pulcher hymnus Dei homo immortalis. Sie waren so großmütig, nicht von den Neugeborenen zu reden, die noch am selben Tage sterben, von den Irrsinnigen, Blöden und allen denen, die Ihnen nicht – nach dem Ausdruck des Lactantius – als schönes Loblied Gottes, pulcher hymnus Dei, erscheinen. Aber was wissen Sie davon, und was wissen wir davon, Herr Nikolaus Cerise? Sie halten mich für einen Ihrer Amsterdamer oder Haager Leser, wenn Sie mir beibringen wollen, daß die Unbegreiflichkeit der Natur ein Einwand gegen unsern heiligen christlichen Glauben sei. Die Natur, mein Herr, ist in unsern Augen nur eine Abfolge unzusammenhängender Bilder, deren Sinn wir nicht zu enträtseln vermögen; und ich gebe Ihnen zu, daß ich, von ihr allein ausgehend und ihrer Spur folgend, in dem werdenden Kinde weder den Christen noch den Menschen, noch bloß das Individuum erkennen kann und daß der Leib eine völlig unentzifferbare Hieroglyphe ist. Doch das besagt nichts, und wir sehen nur die eine Seite des Gewebes. Hängen wir uns nicht daran und seien wir uns bewußt, daß wir von dieser Seite nichts erkennen können. Wenden wir uns ganz dem Intelligiblen zu, das ist die menschliche Seele in ihrer Vereinigung mit Gott.

Sie sind spaßig, Herr Nikolaus Cerise, mit der Natur und der Zeugung. Sie machen mir den Eindruck eines Bürgersmannes, der die Geheimnisse des Königs zu kennen wähnt, weil er die Malereien sah, die den Sitzungssaal des Staatsrates zieren. Wie die Geheimnisse in den Reden des Monarchen und der Minister liegen, ebenso liegt das Schicksal des Menschen im Denken, das sowohl vom Geschöpf wie vom Schöpfer ausgeht Der Rest ist Kurzweil und Allotria zur Unterhaltung der Maulaffen, deren manche man in den Akademien sieht. Reden Sie mir nicht von der Natur, es sei denn von dem, was man davon im ›Bacchusknaben‹; sieht, in der Person von Katharina, der Spitzenklöpplerin, die rundlich und wohlgestaltet ist.«

»Und Sie, lieber Wirt,« schloß der Herr Abbé Coignard, »geben Sie mir zu trinken, denn ich habe den Pips dank dem Herrn Nikolaus Cerise, der glaubt, daß die Natur gottlos sei. Ja, bei allen Teufeln, sie ist es und muß es gewissermaßen auch sein, Herr Nikolaus Cerise; und wenn sie trotzdem Gottes Ruhm kündet, so tut sie es unbewußt, denn es gibt kein Bewußtsein außer im Geiste des Menschen, der allein dem Endlichen und dem Unendlichen angehört. Zu trinken!«

Mein Vater schenkte meinem teuren Lehrer, dem Herrn Abbé Coignard, ein volles Glas Rotwein ein, desgleichen dem Herrn Nikolaus Cerise und nötigte sie, anzustoßen, was sie gern taten, denn sie waren ehrbare Leute.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.