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Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard

Anatole France: Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard - Kapitel 2
Quellenangabe
typeaphorism
authorAnatole France
titleNützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard
publisherMusarion Verlag
addressMünchen
printrun4
year1924
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Abbé Jérôme Coignard

Der Herr Abbé Jérôme Coignard war Professor der Beredsamkeit am Colleg von Beauvais, Bibliothekar des Herrn Bischofs von Séez, Sagiensis episcopi bibliothecarius solertissimus, wie seine Grabschrift besagt, später Schreiber am Beinhaus Saint-Innocent und zuletzt Konservator der Astaraciana, jener Königin der Bibliotheken, deren Untergang ewig zu beklagen ist. Er wurde auf der Straße nach Lyon von einem kabbalistischen Juden namens Mosaides ermordet (Judaea manu nefandissima) und hinterließ mehrere unvollendete Werke und die Erinnerung an schöne vertraute Gespräche. Ich brauche sein Leben hier nicht von neuem zu schildern. Alle Umstände seines eigenartigen Daseins und seines tragischen Todes sind uns berichtet von seinem Schüler Jacques Ménétrier mit dem Beinamen Tournebroche, das ist »Bratenwender«, denn er war der Sohn eines Garkochs in der Rue Saint-Jacques. Dieser Tournebroche, der ihn seinen teuren Lehrer zu nennen pflegte, bezeigte ihm lebhafte und zärtliche Bewunderung. »Er war«, sagte er, »der liebenswürdigste Geist, der je auf Erden erblüht ist." Mit Treue und Bescheidenheit verfaßte er die Memoiren des Herrn Abbé Coignard, der in diesem Werke weiterlebt, wie Sokrates in den Memorabilien des Xenophon.

Aufmerksam, gewissenhaft und wohlmeinend, entwarf er ein lebensvolles Bild von ihm, das von liebender Treue erfüllt ist, ein Werk, bei dem man an die Bilder des Erasmus von Holbein denkt, die sich im Louvre, im Museum von Basel und in Hampton-Court befinden und deren Feinheit man nie müde wird zu bewundern. Kurz, er hinterließ uns ein Meisterwerk.

Man wird sicher überrascht sein, daß er nicht für dessen Drucklegung sorgte, obwohl er selbst Buchhändler in der Rue Saint-Jacques geworden war, im Laden »Zur Heiligen Katharina«, den er von Herrn Blaizot übernahm. Vielleicht fürchtete er, der unter Büchern lebte, dem furchtbaren Haufen geschwärzten Papiers, der bei den Buchhändlern im Dunkeln verschimmelt, auch nur ein paar Blättchen hinzuzufügen. Wir teilen seine Abneigung, wenn wir auf den Seinequais an den Ständen der Antiquare vorübergehen, wo Sonne und Regen langsam die Werke verzehren, die für die Ewigkeit geschrieben waren. Wie die ergreifenden Totenköpfe, die Bossuet dem Abt von La Trappe zur Unterhaltung in seine Einsamkeit sandte, ist auch dieser Umstand geeignet, einem Schriftsteller die Eitelkeit aller Schreiberei nahezulegen. Ich wenigstens wage zu behaupten, daß ich auf dem Quai zwischen dem Pont-Neuf und dem Pont-Royal diese Eitelkeit in vollstem Maße verspürt habe. Ich bin versucht zu glauben, daß der Jünger des Abbé Coignard sein Werk nicht drucken ließ, weil er als Schüler eines so guten Lehrers den Schriftstellerruhm richtig einschätzte, das heißt als so gut wie nichts. Er kannte ihn als ungewiß, launisch, allen Wechselfällen unterworfen und von Umständen abhängig, die selbst klein und kläglich sind. In der Einsicht, daß seine Zeitgenossen dumm, verleumderisch und mittelmäßig waren, fand er keinen Grund zu der Hoffnung, daß ihre Nachkommen urplötzlich weise, gerecht und zuverlässig sein würden. Er sah nur das eine voraus, daß die Zukunft, unsern Kämpfen entrückt, uns in Ermangelung von Gerechtigkeit ihre Gleichgültigkeit schenken würde. Wir sind fast sicher, daß sie uns, Große wie Kleine, in das gleiche Vergessen einschließen und über uns alle die friedliche Gleichheit des Schweigens breiten wird. Sollte diese Aussicht uns jedoch durch ein Wunder des Zufalls täuschen, sollten kommende Geschlechter einige Erinnerung an unsern Namen oder unsre Schriften bewahren, so ist vorauszusehen, daß sie unserm Denken nur infolge des segensreichen Mißverstehens und der falschen Auslegung Geschmack abgewinnen werden, wodurch allein die Werke der Genies die Zeiten überdauern. Das lange Leben der Meisterwerke beruht auf höchst kläglichen geistigen Prozeduren, wobei das Gefasel der Schulfüchse mit den treuherzigen Narrenspossen der Künstlerseelen Hand in Hand geht. Ich wage zu behaupten, daß wir zurzeit keinen Vers der Ilias oder der göttlichen Komödie in dem Sinne verstehen, wie er ursprünglich gemeint war. Leben heißt sich wandeln; und das Nachleben unsrer geschriebenen Gedanken ist von diesem Gesetze nicht frei; sie werden nur um den Preis weiterleben, daß sie von dem ursprünglichen Sinn, den sie beim Verlassen unsrer Seele hatten, immer mehr abkommen. Was man künftig an uns bewundern wird, das wird uns ganz fremd sein.

Möglich, daß Jacques Tournebroche, dessen schlichte Einfalt man kennt, sich angesichts des Büchleins, das aus seinen Händen hervorging, nicht alle diese Fragen stellte. Es hieße ihn kränken, wenn man ihm irgendwelche Selbstüberschätzung zutraute.

Ich glaube ihn zu kennen. Ich habe über sein Buch nachgedacht. Alles, was er sagt, und alles, was er verschweigt, verrät die hervorragende Einfalt seiner Seele. Wenn er trotzdem wußte, daß er Talent besaß, so wußte er auch, daß dieses am allerwenigsten verziehen wird. Gern sieht man hervorragenden Menschen niedrige Gesinnung und Erbärmlichkeit des Herzens nach. Man duldet es, daß sie feig oder boshaft waren, und selbst ihr Glück schafft ihnen nicht allzuviel Neider, wofern man nur erkennt, daß es unverdient war.

Die Mittelmäßigen dagegen werden von der umgebenden Mittelmäßigkeit, die sich in ihnen selbst ehrt, sofort emporgehoben und getragen. Der Ruhm eines Durchschnittsmenschen verletzt niemand. Er ist vielmehr eine geheime Schmeichelei für die große Masse. Im Talent jedoch liegt eine Unverschämtheit, die nur durch dumpfen Haß und abgründige Verleumdungen gesühnt wird. Wenn Jaques Tournebroche weislich auf die schmerzliche Ehre verzichtete, die Menge der Dummen und Boshaften durch eine beredte Schrift zu reizen, so kann man seinen gesunden Verstand nur bewundern und ihn für den würdigen Schüler seines Lehrers halten, der die Menschen kannte. Wie dem aber auch sei: das Manuskript des Jacques Tournebroche blieb unveröffentlicht und war über ein Jahrhundert verloren. Ich hatte das seltene Glück, es bei einem Althändler auf dem Boulevard Montparnasse wiederzufinden, der hinter seinen schmutzigen Ladenfenstern Orden aus dem ancien regime, napoleonische Medaillen und Auszeichnungen der Julimonarchie feilhält, ohne sich klarzumachen, daß er der Menschheit auf diese Weise eine schwermütige Lehre der Resignation gibt. Dieses Manuskript habe ich im Jahre 1893 unter dem Titel: »Die Bratküche zur Königin Gänsefuß« veröffentlicht und verweise den Leser darauf. Er wird hier mehr Neuigkeiten finden, als man insgemein in einem alten Buche sucht. Doch es handelt sich hier nicht um dieses Werk.

Jacques Tournebroche begnügte sich nicht damit, die Taten und Meinungen seines Lehrers in einer fortlaufenden Erzählung niederzulegen. Er befliß sich auch, verschiedene Reden und Unterhaltungen des Herrn Abbé Coignard zu sammeln, die in den Memoiren (denn dies ist der wahre Name, welcher der »Bratküche zur Königin Gänsefuß« gebührt) keinen Platz gefunden hatten, und er vereinigte sie zu einem kleinen Hefte, das mir mit seinen Papieren in die Hände fiel.

Dieses Heft veröffentliche ich heute unter dem Titel: »Meinungen des Herrn Jerome Coignard«. Die gute und freundliche Aufnahme, die das Publikum dem früheren Werke des Jacques Tournebroche bereitet hat, ermutigt mich, ihm diese Dialoge folgen zu lassen, welche den einstigen Bibliothekar des Bischofs von Séez von neuem in seiner nachsichtigen Weisheit und in jener Art von großmütigem Skeptizismus zeigen, welche seine Betrachtungen über die Menschen, dieses Gemisch von Verachtung und Wohlwollen, auszeichnen. Für die Gedanken dieses Philosophen über verschiedene politische und moralische Fragen kann ich keine Verantwortung übernehmen. Meine Pflicht als Herausgeber nötigt mich nur, die Gedanken meines Autors ins günstigste Licht zu stellen. Sein unabhängiges Denken trat die vulgären Anschauungen mit Füßen und pflichtete der landläufigen Meinung nie vorurteilslos bei, ausgenommen in Dingen des katholischen Glaubens, dem er unerschütterlich anhing. Im übrigen scheute er sich nicht, seinem Jahrhundert die Stirn zu bieten. Und das allein sichert ihm unsere Achtung. Den Geistern, welche die Vorurteile bekämpft haben, sind wir Dank schuldig. Aber es ist leichter, sie zu loben, als es ihnen nachzutun. Die Vorurteile bilden sich und verändern sich unaufhörlich, mit der ewigen Beweglichkeit der Wolken. Es liegt in ihrer Natur, erhaben zu scheinen, bevor sie der Verachtung verfallen; und selten findet man Menschen, die den Aberglauben ihrer Zeit nicht teilen und dem, was die große Masse nicht zu sehen wagt, ins Gesicht blicken. Der Herr Abbé Coignard war in seiner bescheidenen Lage ein freier Mann, und das reicht nach meiner Meinung hin, um ihn weit über Bossuet und all die großen Gestalten zu stellen, die im herkömmlichen Aufzuge der Sitten und Glaubensmeinungen an ihrem Platze glänzen.

Doch wenn man es schon achten muß, daß der Herr Abbé Coignard frei und unabhängig von den allgemeinen Irrtümern lebte und daß die Gespenster unserer Leidenschaften und Befürchtungen keine Macht über ihn hatten, so muß man erst recht anerkennen, daß dieser erlesene Geist eigne Ansichten über Natur und Gesellschaft besaß, und daß ihm nur eines fehlte, um die Menschen durch ein schönes und mächtiges Gedankengebäude in Erstaunen und Entzücken zu versetzen: nämlich die Geschicklichkeit oder der Wille, die großen Lücken zwischen den Wahrheiten mit Sophismen zu verkitten. Denn nur so erbaut man die großen philosophischen Systeme, die bloß durch den Mörtel der Sophistik zusammenhalten. Ihm fehlte der systematische Sinn oder, wenn man will, die Kunst der symmetrischen Anordnung. Ohne diese erscheint er als das, was er ist, nämlich als der weiseste der Moralisten, als eine wunderbare Mischung von Epikur und dem heiligen Franz von Assisi.

Diese beiden sind ja, wie ich meine, die besten Freunde, welche die leidende Menschheit auf ihrem Irrwege noch getroffen hat. Epikur befreite die Seelen von den nichtigen Ängsten und lehrte sie ihre Glücksvorstellung ihrer kläglichen Natur und ihren schwachen Kräften anpassen. Der gute heilige Franz, zärtlicher und sinnlicher, führte sie zum Glück durch träumerisches Sinnen und wollte, daß die Seelen sich nach seinem Vorbild fröhlich in die Abgründe einer zaubervollen Einsamkeit versenkten. Sie waren alle beide gut, der eine, weil er trügerische Illusionen zerstörte, der andere, weil er Illusionen erweckte, aus denen man nicht mehr erwacht.

Doch man soll nichts übertreiben. Der Herr Abbé Coignard kam sicherlich weder in seinem Tun noch selbst in seinem Denken dem Kühnsten aller Weisen und dem Glühendsten aller Heiligen gleich. Er verstand es nicht, sich in die Wahrheiten, die er entdeckte, wie in einen Abgrund zu stürzen. Auch in seinen verwegensten Gedankengängen bewahrte er die Haltung eines friedlichen Spaziergängers. Von der allgemeinen Geringschätzung, die ihm die Menschen einflößten, nahm er sich selbst nicht genügend aus. Ihm fehlte jene wertvolle Selbsttäuschung, durch die sich Baco und Descartes hochhielten, der Glaube an sich selbst, verbunden mit dem Unglauben an alle ändern. Er zweifelte an der Wahrheit, die er in sich trug, und verstreute die Schätze seines Geistes ohne jede Feierlichkeit. Ihm fehlte jenes Selbstvertrauen, das allen Gedankenfabrikanten gemein ist: sich selbst für mehr zu halten als die größten Genies. Das ist ein Mangel, der nie verziehen wird, denn der Ruhm wird nur denen zuteil, die sich darum bewerben. Bei dem Herrn Abbé Coignard war es zudem eine Schwäche und eine Inkonsequenz. Da er die philosophische Kühnheit bis zu ihren letzten Grenzen trieb, so hätte er keine Bedenken tragen dürfen, sich für den größten Menschen zu erklären. Doch sein Herz blieb einfältig und seine Seele lauter, und der Mangel an geistiger Überhebung über die Welt setzte ihn für immer in Nachteil. Trotzdem muß ich gestehen, daß er mir so lieber ist.

Ich stehe nicht an zu behaupten, daß der Herr Abbé Coignard, Philosoph und Christ zugleich, das Epikuräertum, das uns vor Schmerz bewahrt, mit der heiligen Einfalt, die uns zur Freude führt, unvergleichlich zu vereinen wußte.

Es ist beachtenswert, daß er den Gottesgedanken, so wie der katholische Glaube ihn darbot, nicht nur hinnahm, sondern auch versuchte, ihn durch Vernunftgründe zu stützen. Nie ahmte er die Fingerfertigkeit der berufsmäßigen Deiisten nach, die sich einen moralischen, philanthropischen und schamhaften Gott nach ihren Bedürfnissen zurechtmachen, einen Gott, mit dem sie zu ihrer Genugtuung in völligem Einvernehmen stehen. Die engen Beziehungen, die sie zu ihm herstellen, verleihen ihren Schriften viel Ansehen und ihrer Person große Bedeutung beim Publikum. Und dieser gouvernementale, gemäßigte, ernste, weltmännische Gott, dem jeder Fanatismus fernliegt, empfiehlt sie in den Versammlungen, Salons und Akademien. Der Herr Abbé Coignard stellte sich keinen so nützlichen Herrgott her. Doch da es nun einmal unmöglich ist, die Welt anders als denkend zu erfassen, und man den Kosmos für gedanklich erfaßbar halten muß, und wäre es auch, um seine Sinnlosigkeit zu beweisen, so nahm er als erste Ursache einen Geist an, den er Gott nannte, indem er diesem Ausdruck seine unendliche Unbestimmtheit ließ und sich im übrigen an die Theologie hielt, die bekanntlich das Unerkennbare mit peinlichster Genauigkeit erörtert.

Diese Zurückhaltung, welche die Grenzen seines Geistes bezeichnet, war glücklich; sie ersparte ihm, wie ich glaube, die Versuchung, auf irgendein leckeres philosophisches System anzubeißen, und bewahrte ihn davor, in eine jener Mausefallen zu geraten, in denen die freien Geister sich voreilig zu fangen pflegen. In der großen alten Rattenfalle heimisch, fand er mehr als einen Ausschlupf, um die Welt zu entdecken und die Natur zu beobachten. Ich teile seine religiösen Ansichten nicht und meine, daß sie ihn täuschten, wie sie die Menschen so manches Jahrhundert lang zu ihrem Glück oder Unglück getäuscht haben. Doch es scheint, als wären die alten Irrtümer weniger ärgerlich als die neuen und als wäre es – da wir ja doch irren müssen – das Klügste, uns an die abgenutzten Irrtümer zu halten.

Zum mindesten steht eines fest: wenn der Herr Abbé Coignard die Grundsätze des katholischen Christentums auch vertrat, so erlaubte er sich doch die eigenartigsten Schlüsse daraus zu ziehen. In der Orthodoxie wurzelnd, blühte seine üppig wuchernde Seele in Epikuräertum und Demut. Wie ich schon sagte, trachtete er stets danach, die nächtlichen Spukgestalten und die eitlen Schrecknisse zu verscheuchen, oder wie er sie nannte, die gotischen Teufeleien, die das religiöse Leben des schlichten Bürgersmannes zu einer Art von täglichem und kläglichem Hexensabbath machen. Moderne Theologen haben ihn bezichtigt, daß er übermäßige, ja ausschweifende Hoffnungen auf die göttliche Gnade setzte. Diesen Vorwurf finde ich auch in der Feder eines hervorragenden Philosophen wieder. Herr Jean Lacoste schreibt in der »Gazette de France«20. Mai 1893: »Der Herr Abbé Coignard ist ein Priester voller Gelehrsamkeit, Demut und Glauben. Ich behaupte freilich nicht, daß sein Wandel stets seine Bäffchen geehrt habe und daß seine Soutane nicht manchmal hängengeblieben sei ... Doch wenn er der Versuchung unterliegt, wenn der Teufel in ihm eine leichte Beute findet, so verliert er doch nie das Vertrauen; er hofft durch Gottes Gnade nicht wieder zu fallen und in die Herrlichkeit des Paradieses einzugehen. Und in der Tat bietet er uns das Schauspiel eines erbaulichen Todes. So verschönt denn ein Fünkchen des Glaubens das Leben, und die christliche Demut steht den menschlichen Schwächen wohl an ... Der Herr Abbé Coignard ist kein Heiliger; er verdiente vielleicht das Fegefeuer. Er verdiente es sogar sehr lange und er hat Gefahr gelaufen, in die Hölle zu kommen. Denn zu seinen Akten der Demut trat fast nie die Reue. Er baute zu sehr auf Gottes Gnade und gab sich nicht die geringste Mühe, ihr den Boden zu bereiten. Deshalb fiel er auch stets in seine Sünden zurück. So diente ihm der Glaube zu nichts, und er war fast ein Ketzer, denn das hl. Konzil von Trient hat in den Kanons VI und IX seiner sechsten Session den Bannfluch über alle verhängt, welche behaupten, ›daß es nicht in der Macht des Menschen stehe, seinen schlechten Wandel aufzugeben‹, und die solches Vertrauen auf die Gnade Gottes haben, daß sie sich einbilden, sie allein könne den Menschen retten, ›ohne jegliche menschliche Willensregung‹. Darum ist die Ausdehnung der göttlichen Gnade auf den Herrn Abbé Coignard wahrhaft wunderbar und liegt außerhalb des gewöhnlichen Heilsweges.«

Ich weiß nun freilich nicht, ob der Herr Abbé Coignard allzusehr auf die göttliche Gnade baute. Doch es steht fest, daß er die Gnade in weitem und natürlichem Sinne faßte und daß die Welt in seinen Augen weniger den Einöden der Thebaïs als den Gärten Epikurs glich. Und er lustwandelte in ihr mit der kecken Harmlosigkeit, die der Hauptzug seines Charakters und der Grundsatz seiner Lehre war.

Nie war ein Geist von gleicher Kühnheit so friedfertig und dämpfte seine Menschenverachtung mit gleicher Milde. Seine Moral vereinigte die Geistesfreiheit der zynischen Philosophen mit der Lauterkeit der ersten Mönche des heiligen Franziskus. Er verachtete die Menschen mit Zärtlichkeit. Er versuchte ihnen beizubringen, daß sie nur etwas einigermaßen Großes besäßen, nämlich ihre Leidfähigkeit, und daß sie sich folglich nichts so Nützliches und Schönes zulegen können als das Mitleid; daß sie nur groß seien im Wünschen und Leiden und daß sie sich folglich nachsichtige und freudenbringende Tugenden aneignen müßten. So gelangte er dahin, den Stolz als Quelle der größten Übel und als einziges widernatürliches Laster anzusehen.

Es scheint in der Tat, daß die Menschen durch die übertriebene Vorstellung, die sie von sich und ihresgleichen hegen, sich unglücklich machen, und daß sie bei einer bescheidneren und wahreren Auffassung der menschlichen Natur milder gegen sich wie gegen ihre Mitmenschen wären. Sein Wohlwollen also war es, das ihn dazu trieb, seine Nächsten in ihrem Empfinden, ihrem Wissen, ihrer Philosophie und ihren Einrichtungen zu demütigen. Es lag ihm am Herzen, ihnen zu zeigen, daß ihre blöde Natur nichts ersonnen noch erbaut hat, was sich kräftig zu verteidigen oder anzugreifen verlohnte, und daß sie bei einiger Einsicht in die gebrechliche Dürftigkeit ihrer größten Schöpfungen, als da sind Gesetze und Staaten, sich um ihretwillen nie ernstlich bekämpfen würden, sondern nur zum Spiel und zum Spaß, wie Kinder, die am Meeresstrande Schlösser von Sand bauen.

Man sollte sich deshalb auch weder wundern, noch daran Anstoß nehmen, daß er alle jene Vorstellungen herabsetzte, auf welche der Mensch seinen Ruhm und seine Ehre auf Kosten seiner Ruhe begründet. Die Majestät der Gesetze imponierte seinem klarblickenden Geiste nicht, und er beklagte die Unglücklichen, die so vielen Pflichten unterworfen seien, deren Sinn und Ursprung sich zumeist nicht ergründen läßt. Alle Grundsätze schienen ihm gleich anfechtbar. Er war daher zu der Annahme gelangt, daß die Staatsbürger eine so große Anzahl von ihresgleichen nur deshalb zur Ehrlosigkeit verdammen, um die Freuden der Achtung als Gegensatz zu genießen. Infolge dieser Ansicht zog er die schlechte Gesellschaft der guten vor, nach dem Vorbilde dessen, der unter Zöllnern und Buhlerinnen gelebt hat. Er bewahrte sich dabei die Reinheit des Herzens, die Gabe des Mitgefühls und die Schätze des Erbarmens. Ich rede hier nicht von seinen Handlungen, die in der »Bratküche zur Königin Gänsefuß« verbucht sind. Ich frage nicht danach, ob er besser war als sein Leben, wie man es von Madame de Mouchy gesagt hat. Unsre Handlungen sind nicht ganz unser; sie hängen weniger von uns als vom Zufall ab. Sie werden uns mit vollen Händen gegeben. Wir verdienen sie nicht immer. Unser unfassliches Denken ist alles, was wir wirklich besitzen. Daher die Nichtigkeit der Urteile der Welt. Immerhin stelle ich mit Genugtuung fest, daß alle geistreichen Menschen den Herrn Abbé Coignard ausnahmslos liebenswürdig und scherzhaft gefunden haben. Man müßte denn auch ein Pharisäer sein, wollte man in ihm nicht ein schönes Geschöpf Gottes sehen. Nachdem dies gesagt ist, kehre ich unverzüglich zu seinen Lehren zurück, auf die es hier allein ankommt.

Was er am wenigsten besaß, das war der Sinn für Verehrung. Den hatte die Natur ihm versagt, und er tat nichts, um ihn zu erwecken. Er fürchtete, indem er die einen zu hoch stellte, die andern herabzusetzen, und sein allgemeines Mitleid erstreckte sich ebensosehr auf die Niedrigstehenden wie auf die Stolzen. Den Opfern wandte er sich besonders liebevoll zu; doch auch die Henker erschienen ihm zu mitleidswürdig, um Haß zu verdienen. Er wünschte ihnen nichts Schlimmes und beklagte sie nur, daß sie böse seien.

Er glaubte nicht, daß die Gegenrache, gesetzliche oder persönliche, etwas andres täte, als Böses zum Bösen fügen. Ihm gefiel weder die pikante Schlagfertigkeit der Privatrache, noch die majestätische Grausamkeit der Gesetze, und wenn er gelegentlich lachte, weil man die Polizei durchprügelte, so war dies eine rein instinktive Regung angeborener Gutmütigkeit.

Das macht: er hatte sich vom Bösen eine einfache und greifbare Vorstellung gebildet. Er ging dabei lediglich von den Organen des Menschen und seinen natürlichen Empfindungen aus, ohne sie mit all den Vorurteilen zu verquicken, die in den Gesetzbüchern eine künstliche Wesenheit annehmen. Wie ich sagte, hatte er sich kein System gebildet, da er wenig geneigt war, Schwierigkeiten durch Sophismen zu lösen. Offenbar hemmte sogleich eine Schwierigkeit den Lauf seiner Gedanken über die Mittel, das Glück oder auch nur den Frieden auf Erden zu begründen. Er war überzeugt, daß der Mensch von Natur ein sehr boshaftes Tier sei und daß die Gesellschaften nur deshalb abscheulich wären, weil er sie aus seinem eignen Geiste geschaffen hat. Folglich erwartete er sich von einer Rückkehr zur Natur kein Heil. Ich zweifle, ob sein Empfinden sich geändert hätte, wenn er lange genug gelebt hätte, um Rousseaus »Emile« zu lesen. Als er starb, hatte Jean Jacques die Welt noch nicht durch die wahrste Empfindsamkeit und die falscheste Logik in Aufruhr versetzt. Er war damals erst ein kleiner Landstreicher, der zu seinem Unglück andere Abbés als den Herrn Jérôme Coignard auf den Bänken der menschenleeren Promenaden von Lyon traf. Man kann es bedauern, daß Herr Coignard, der alle Arten von Menschen kannte, dem jungen Freunde der Frau von WarensFrau v. Warens war die erste Beschützerin Rousseaus. nicht zufällig begegnet ist. Doch das hätte nur eine amüsante Szene, ein romanhaftes Bild gegeben. Jean Jacques hätte an der enttäuschten Weisheit unsres Philosophen wenig Gefallen gefunden. Nichts gleicht der Philosophie Rousseaus weniger als die des Herrn Abbé Coignard. Die letztere ist durchtränkt mit wohlwollender Ironie. Sie ist nachsichtig und heiter. Auf die menschliche Schwäche begründet, hat sie eine solide Grundlage. Der Rousseaus fehlt der glückliche Zweifel und das leichte Lächeln. Da sie auf der imaginären Grundlage der natürlichen Güte unsres Geschlechtes fußt, so befindet sie sich in einer peinlichen Lage, deren ganze Komik sie selbst nicht empfindet. Sie ist eine Lehre von Menschen, die nie gelacht haben. Ihre Verlegenheit verrät sich durch schlechte Laune. Sie ist ohne Anmut. Das hätte freilich noch nichts auf sich; doch sie führt den Menschen zum Affen zurück und entrüstet sich über Gebühr, sobald sie sieht, daß der Affe nicht tugendhaft ist. Und darin ist sie widersinnig und grausam. Man erfuhr es bald, als die Staatsmänner den »Contrat social« auf die beste der Republiken anwenden wollten.

Robespierre verehrte das Andenken Rousseaus. Den Abbé Coignard hätte er für einen bösen Menschen gehalten. Ich erwähnte diesen nicht, wenn Robespierre ein Ungeheuer wäre. Doch für den Weisen gibt es keine wirklichen Ungeheuer. Robespierre war ein Optimist, der an die Tugend glaubte. Staatsmänner von dieser Gemütsart tun so viel Böses wie möglich. Wenn man es unternimmt, die Menschen zu lenken, so darf man nicht aus den Augen verlieren, daß sie boshafte Affen sind. Nur unter dieser Bedingung ist man ein menschlicher und wohlwollender Politiker. Der Wahnsinn der Revolution bestand darin, daß sie die Tugend auf Erden begründen wollte. Wenn man die Menschen gut und weise, frei, maßvoll und hochherzig machen will, so kommt man notwendigerweise dahin, sie alle zu töten. Robespierre glaubte an die Tugend: er führte die Schreckensherrschaft ein. Marat glaubte an die Gerechtigkeit: er forderte zweihunderttausend Köpfe. Von allen Geistern des 18. Jahrhunderts ist der Abbé Coignard vielleicht der, dessen Grundsätze denen der Revolution am meisten zuwiderlaufen. Er hätte keine Zeile von der Erklärung der Menschenrechte unterschrieben, und zwar wegen der übertriebenen und ungerechten Trennung, die darin zwischen dem Menschen und dem Gorilla vollzogen wird.

Vergangene Woche empfing ich den Besuch eines Anarchisten, der mich mit seiner Freundschaft beehrt und den ich liebe, weil er an der Regierung seines Landes noch keinen Anteil nimmt und sich daher viel Unschuld bewahrt hat. Er will nur deshalb alles in die Luft sprengen, weil er glaubt, daß die Menschen von Natur gut und tugendhaft seien. Er glaubt, wenn sie erst von ihrem Eigentum befreit, von den Gesetzen erlöst sind, so würden sie ihre Selbstsucht und ihre Bosheit abtun. So hat ihn der zärtlichste Optimismus zur brutalsten Wildheit geführt. Sein ganzes Unglück und Verbrechen besteht darin, daß er zum Berufe des Kochs, zu dem er verdammt war, eine paradiesische Seele mitbrachte, die für das goldene Alter gemacht war. Er ist ein sehr schlichter und ehrbarer Jean Jacques, der sich weder durch den Anblick einer Frau von Houdetot irreführen, noch durch die Herzenshöflichkeit eines Herzogs von Luxemburg erweichen ließe. Seine Lauterkeit überantwortet ihn seiner Logik und macht ihn blutdürstig. Er versteht das Beweisen besser als ein Minister, doch er geht von einem unsinnigen Prinzip aus. Er glaubt nicht an die Erbsünde, und doch ist dieses Dogma eine so feste und beständige Wahrheit, daß man darauf alles bauen konnte, was man wollte.

Warum waren Sie mit ihm nicht in meinem Arbeitszimmer, Herr Abbé Coignard, um ihm die Verkehrtheit seiner Doktrin begreiflich zu machen? Sie hätten mit diesem hochherzigen Utopisten nicht von den Wohltaten der Kultur und von den Staatsinteressen gesprochen. Sie wußten, daß dies Scherze sind, die man mit Unglücklichen anständigerweise nicht machen darf. Sie wußten, daß die öffentliche Ordnung nichts ist als die organisierte Gewalt und daß ein jeder den Anteil, den er daran nehmen soll, selbst zu bestimmen hat. Doch Sie hätten ihm ein wahres und furchtbares Bild von der Ordnung der Natur entworfen, die er wiederherstellen will; Sie hätten ihm statt des Idylls, das er träumt, eine Unmenge von blutigen Tragödien gezeigt und seine glückverheißende Anarchie als den Anfang einer furchtbaren Tyrannei offenbart.

Dies führt mich zur näheren Beleuchtung der Stellung, die der Herr Abbé Coignard in der Schenke »Zum Bacchusknaben« den Regierungen und Völkern gegenüber einnahm. Er achtete weder die Grundlagen der Gesellschaft, noch die Arche des Staates. Selbst die Kraft des heiligen Salbgefäßes zu Rheims, das zu seiner Zeit oberstes Staatsprinzip war, wie es heutzutage das allgemeine Stimmrecht ist, war für ihn dem Zweifel unterworfen und ein strittiger Gegenstand. Diese Freiheit des Denkens, die damals alle Franzosen verletzt hätte, erregt bei uns keinen Anstoß mehr. Doch es hieße unsern Philosophen mißverstehen, wollte man die Heftigkeit seiner Kritiken über die Mißstände im ancien régime entschuldigen. Der Herr Abbé Coignard machte keinen großen Unterschied zwischen den sogenannten absolutistischen und den sogenannten freien Regierungen; und hätte er in unsern Tagen gelebt, so dürfen wir annehmen, daß er auch in ihnen eine starke Dosis jener hochherzigen Unzufriedenheit bewahrt hätte, deren sein Herz voll war.

Da er auf die Prinzipien zurückging, so hätte er ohne Zweifel die Eitelkeit der unsrigen entdeckt. Ich folgere dies aus einer seiner Bemerkungen: »In einer Demokratie«, sagte er, »ist das Volk seinem eigenen Willen unterworfen, und das ist eine harte Knechtschaft. In der Tat ist ihm sein eigner Wille ebenso fremd und zuwider wie der des Fürsten. Denn der Wille der Gesamtheit ist im einzelnen Menschen wenig oder gar nicht vorhanden, und doch muß sich der einzelne seinem Zwange voll und ganz fügen. Und das allgemeine Stimmrecht ist nur ein Köder für Dumme, genau wie das heilige Salbgefäß von Rheims, das eine Taube im Schnabel vom Himmel herabtrug. Die Volksherrschaft beruht ebenso wie die Monarchie auf Fiktionen und lebt von Kunstgriffen. Es kommt lediglich darauf an, ob die Fiktionen anerkannt werden und ob die Kunstgriffe gelingen.«

Dieser Grundsatz genügt uns zu der Annahme, daß der Abbé auch in unsern Tagen jene lachende, stolze Freiheit bewahrt hätte, die seine Seele zur Zeit der Königsherrschaft zierte. Trotzdem wäre er nie zum Revolutionär geworden. Dazu besaß er zu wenig Illusionen, und er glaubte nicht, daß die Regierungen durch etwas andres als durch die blinden und tauben, langsamen und unwiderstehlichen Kräfte zerstört werden sollen, die alles mit sich fortreißen.

Er war der Meinung, daß ein Volk zu einer bestimmten Zeit nur eine bestimmte Regierungsform haben kann, und zwar deshalb, weil die Völker Körper sind und ihre Funktionen somit vom Bau ihrer Glieder und der Struktur ihrer Organe abhängen, d.h. vom Boden und von der Rasse, aber nicht von den Regierungen, die dem Volk angezogen sind wie die Kleider dem Menschen.

»Das Unglück«, setzte er hinzu, »liegt darin, daß es mit den Völkern geht wie mit dem Hanswurst auf dem Jahrmarkt. Sein Kleid ist zumeist zu weit oder zu eng, unbequem, lächerlich, milbig, voller Flecken und Ungeziefer. Man kann dem abhelfen, indem man es vorsichtig ausschüttelt und hier und da die Nadel und im Notfall auch die Schere anwendet, doch sehr behutsam, um nicht ein andres, ebenso schäbiges, anschaffen zu müssen. Andrerseits soll man das alte auch nicht um jeden Preis retten wollen, nachdem der Körper mit den Jahren seine Form verändert hat.«

Man ersieht hieraus, daß der Herr Abbé Coignard Ordnung und Fortschritt zu vereinen wußte und daß er im ganzen kein schlechter Staatsbürger war. Er stachelte niemand zur Empörung auf und wünschte mehr, daß die staatlichen Einrichtungen sich durch steten Gebrauch abnutzten und abrieben, als daß sie umgestürzt und mit groben Schlägen zertrümmert würden. Unaufhörlich wies er seine Schüler darauf hin, daß die rauhsten Gesetze sich durch den Gebrauch wundersam glätten und daß auf die Gnade der Zeit mehr Verlaß ist als auf die der Menschen. Weder hoffte noch wünschte er, daß das plumpe Corpus juris mit einem Schlage erneuert würde, denn er erwartete wenig von den Wohltaten einer plötzlichen Gesetzgebung. Bisweilen fragte ihn Jacques Tournebroche, ob er nicht fürchtete, daß seine philosophische Kritik gegen notwendige und von ihm selbst als notwendig anerkannte Institutionen nicht das unerwünschte Ergebnis hätte, das zu erschüttern, was erhalten werden muß.

»Warum,« fragte sein treuer Schüler, »warum denn, o bester aller Lehrer, die Grundlagen von Recht, Gerechtigkeit und Gesetz und allen bürgerlichen und militärischen Einrichtungen in den Staub zerren, da Sie ja doch zugeben, daß Recht und Gerechtigkeit, Heer, Beamte und Polizei nötig sind?« –

»Mein Sohn,« antwortete der Herr Abbé Coignard, »ich habe stets bemerkt, daß die Übel der Menschen aus ihren Vorurteilen stammen, wie die Spinnen und Skorpione aus dem Dunkel der Keller und der Feuchtigkeit der Gärten hervorkriechen. Es ist gut, mit Wischer und Besen in diesen dunklen Winkeln herumzufahren. Es ist sogar gut, hier und da etwas mit der Hacke an die Keller- und Gartenmauern zu klopfen. Das erschreckt das Ungeziefer und bereitet den notwendigen Einsturz vor.« –

»Das gebe ich gern zu,« antwortete der sanfte Tournebroche, »aber wenn Sie alle Grundsätze zerstört haben, o mein Lehrer, was bleibt dann übrig?«

Worauf der Lehrer erwiderte:

»Nach der Zerstörung aller falschen Grundsätze bleibt die Gesellschaft übrig, denn sie ist auf die Notwendigkeit gegründet, deren Gesetze, älter als Saturn, auch dann noch regieren werden, wenn Prometheus den Zeus entthront hat.«

Seit den Tagen, wo der Abbé Coignard also sprach, hat Prometheus den Zeus mehrfach entthront, und die Prophezeiungen des Weisen haben sich so buchstäblich erfüllt, daß man heute zweifelt – so ähnlich ist die neue Weltordnung der alten – ob die Herrschaft nicht dem alten Zeus verblieben ist. Manche leugnen sogar die Heraufkunft des Titanen. »Man sieht ihn, sagen sie, nicht mehr mit der Wunde auf der Brust, durch die ihm der Adler der Ungerechtigkeit das Herz ausriß und die ewig bluten sollte. Er weiß nichts mehr von den Schmerzen und dem Grimm der Verbannung. Er ist nicht der Gott der Arbeit, der uns verheißen ward und den wir erwarteten. Er ist der fette Zeus des alten, lächerlichen Olymp. Wann wird er erscheinen, der kraftstrotzende Menschenfreund, der Entzünder des Feuers, der Titan, der noch an seinen Felsen geschmiedet ist? Ein furchtbares Getöse, das vom Gebirge herschallt, verkündet, daß er seine zerfleischten Schultern von dem ungerechten Felsen erhebt, und wir fühlen über uns die Glut seines fernen Atems.«

Den Geschäften fernstehend, neigte Herr Coignard zu reinen Spekulationen und erging sich gern in allgemeinen Ideen. Diese Geistesrichtung, die ihm bei seinen Zeitgenossen schaden konnte, gibt seinen Gedanken nach anderthalb Jahrhunderten einigen Wert und eine gewisse Nützlichkeit. Wir können an ihnen unsre eignen Sitten besser kennenlernen und das Üble, das sie enthalten, leichter herausfinden.

Ungerechtigkeit, Dummheit und Grausamkeit fallen nur dann in die Augen, wenn sie allgemein sind. Wir sehen die unsrer Vorfahren, aber nicht unsre eigne. Nun aber gibt es keine einzige Epoche der Vergangenheit, wo der Mensch uns nicht unsinnig, ungerecht und roh erschiene; es wäre also wunderbar, wenn unser Zeitalter das besondere Privileg hätte, jeder Dummheit, Bosheit und Roheit bar zu sein. Die Meinungen des Herrn Abbé Coignard könnten uns zu unsrer Gewissensprüfung frommen, wenn wir nicht jenen Götzenbildern glichen, deren Augen nicht sehen und deren Ohren nicht hören. Bei einiger Ehrlichkeit und Selbstlosigkeit sähen wir sehr bald, daß unsre Gesetzbücher noch Brutstätten der Ungerechtigkeit sind, daß wir in unsern Sitten die ererbte Härte des Geizes und des Hochmuts bewahren, daß wir allein den Reichtum schätzen und die Arbeit nicht ehren. Unsre Gesellschaftsordnung erschiene uns als das, was sie wirklich ist: als unsichre und klägliche Ordnung, die, wo nicht durch die menschliche Gerechtigkeit, so doch durch die Gerechtigkeit der Dinge verurteilt wird und die schon zu wanken beginnt. Unsre Reichen erschienen uns ebenso stumpfsinnig wie die Maikäfer, die fortfahren, ein Blatt zu fressen, während der kleine Käfer, der in ihren Körper eingedrungen ist, bereits ihr Inneres zernagt. Wir ließen uns nicht mehr durch die falsche und platte Schönrednerei unsrer Staatsmänner täuschen; wir bemitleideten unsre Volkswirtschaftler, die sich über den Preis des Hausrates in dem brennenden Hause streiten. Die Aussprüche des Herrn Abbé Coignard zeigen uns eine prophetische Verachtung der großen Grundsätze der Revolution und der Volksrechte, auf die wir seit hundert Jahren, unter allen möglichen Gewalttaten und Rechtsbrüchen, eine unzusammenhängende Reihe von revolutionären Regierungen gegründet haben, die mit ernster Miene die Revolution verurteilten. Wenn wir diese scheinbar erhabenen und bisweilen blutigen Torheiten belächeln lernten, wenn wir inne würden, daß die modernen Vorurteile, genau wie die alten, in ihren Wirkungen lächerlich oder verächtlich sind; wenn wir die einen wie die andren in mitleidiger Skepsis richteten, so wären die inneren Kämpfe im schönsten Lande der Welt nicht so heftig und der Herr Abbé Coignard hätte für sein Teil an der allgemeinen Wohlfahrt mitgewirkt.

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