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Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard

Anatole France: Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard - Kapitel 17
Quellenangabe
typeaphorism
authorAnatole France
titleNützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard
publisherMusarion Verlag
addressMünchen
printrun4
year1924
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060512
projectidf98f2de3
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Der Tugendbund

Dieweil mein guter Lehrer im Buchladen »Zur heiligen Katharina« auf der höchsten Leitersprosse saß und mit Wonne im Cassiodor las, trat ein alter Mann mit hochmütiger Miene und strengem Blick ein. Er ging stracks auf Herrn Blaizot los, der seinen Kopf hinter dem Kassenpult lächelnd hervorreckte.

»Mein Herr,« sprach er zu ihm, »Sie sind vereidigter Buchhändler, und ich muß Sie für einen Mann von guten Sitten halten. Trotzdem liegt in Ihrem Schaufenster ein Band der Werke von Ronsard aus, dessen aufgeschlagenes Titelblatt ein nacktes Weib darstellt. Und das ist ein Anblick, dem man nicht ins Gesicht schauen kann.«

»Verzeihen Sie mir, mein Herr,« antwortete Herr Blaizot sanft; »dieses Titelblatt stammt von Leonard Gautier, der zu seiner Zeit für einen recht geschickten Kupferstecher galt.«

»Mir liegt wenig daran,« antwortete der Greis, »ob der Kupferstecher geschickt ist. Ich sehe nur, daß er Nacktheiten dargestellt hat. Diese Gestalt ist nur mit ihren Haaren bekleidet, und ich bin, mein Herr, schmerzlich überrascht, zu sehen, daß ein Mann, bejahrt und verständig, wie Sie es anscheinend sind, vor den Blicken der jungen Leute, die durch die Rue Saint-Jacques gehen, so etwas zur Schau stellt. Sie täten gut, es zu verbrennen und dem Beispiel des Paters Grasse zu folgen, welcher seine Habe zum Ankauf zahlreicher Bücher wider die guten Sitten und die Gesellschaft Jesu verwandte, die er alsdann ins Feuer warf. Zum mindesten wäre es ehrbar, dergleichen an der geheimsten Stelle Ihres Ladens zu verstecken, die, wie ich fürchte, manches Buch birgt, das sowohl seinem Inhalt wie seinen Figuren nach geeignet ist, die Seelen zum Laster zu verleiten.«

Herr Blaizot erwiderte errötend, daß ein solcher Verdacht ungerecht wäre und daß er ihn betrübte, da er von einem Ehrenmann käme.

»Ich muß Ihnen sagen,« erwiderte der Greis, »wer ich bin. Sie sehen vor sich Herrn Nikodemus, den Vorsitzenden der Sittlichkeitskommission. Mein Ziel ist, die Sittlichkeit strenger zu fassen, als die Vorschriften des Herrn Polizeileutnants es tun. Unterstützt von einem Dutzend Parlamentsräten und zweihundert Kirchenschreibern der größten Gemeinden, bemühe ich mich, aus den öffentlichen Orten, als da sind Plätze, Boulevards, Straßen, Gassen, Kais, Sackgassen und Gärten, alle zur Schau gestellten Nuditäten zu entfernen. Und nicht genug, den Anstand auf offener Straße zu fördern, trachte ich danach, ihn auch in die Salons, Wohn- und Schlafzimmer, aus denen man ihn nur zu oft verbannt hat, einzuführen. Vernehmen Sie, daß die von mir gegründete Gesellschaft Aussteuern für Hochzeitspaare besorgt. Dazu gehören lange, weite Hemden mit einem kleinen Schlitz, der dem jungen Paar die Ausübung von Gottes Gebot: ›Seid fruchtbar und mehret euch‹, in keuscher Weise gestattet. Doch um das Strenge mit dem Zarten zu paaren, wenn ich so sagen darf, so sind diese Öffnungen mit hübschen Stickereien verziert. Ich schmeichle mir, auf diese Weise intime Kleidungsstücke erfunden zu haben, die in höchstem Maße geeignet sind, aus jedem neuen Paar einen Tobias und eine Sarah zu machen und so das Sakrament der Ehe von der Unreinheit, die ihm leider anhaftet, zu läutern.«

Mein guter Lehrer, der bei seiner Lektüre im Cassiodor diese Rede vernahm, antwortete von seiner Leiter herab mit allertiefstem Ernst, daß er diese Erfindung schön und lobenswert fände, jedoch eine noch trefflichere im Sinn hätte.

»Ich möchte,« sprach er, »daß die Neuvermählten vor ihrer Vereinigung von oben bis unten dick mit pechschwarzem Wachs überzogen würden, so daß ihre Haut wie Stiefelleder aussähe. Das täte den sündigen Wonnen und den gleißnerischen Verlockungen des Fleisches großen Abbruch und wäre ein peinliches Hindernis für die Küsse, Zärtlichkeiten und Liebkosungen, welche die Liebenden insgemein zwischen ihren Betttüchern vollbringen.«

Bei diesen Worten blickte Herr Nikodemus auf, sah meinen teuren Lehrer auf seiner Leiter und erkannte an seiner Miene, daß er sich lustig machte.

»Herr Abbé,« antwortete er ärgerlich und betrübt, »ich würde Ihnen verzeihen, wenn Sie mich allein lächerlich machten. Doch in mir verspotten Sie zugleich den Anstand und die guten Sitten, und damit begehen Sie eine große Sünde. Trotz Ihrer schlechten Scherze hat die von mir gegründete Gesellschaft bereits Großes und Nützliches geleistet. Spotten Sie nur, mein Herr! Wir haben sechshundert Wein- und Feigenblätter an den Statuen in den königlichen Gärten angebracht.«

»Das ist bewundernswert, mein Herr,« antwortete mein teurer Lehrer, sich seine Brille zurechtsetzend; »und wenn Sie so weiter machen, werden bald alle Statuen beblättert sein. Doch – da die Dinge für uns nur insofern Sinn haben, als sie Gedanken in uns auslösen – so heften Sie, indem Sie die Statuen mit Wein- und Feigenblättern begaben, diesen Blättern den Charakter des Unanständigen an, so daß man künftig keinen Weinstock und keinen Feigenbaum auf dem Felde wird ansehen können, ohne ihn mit etwas Unzüchtigem in Verbindung zu bringen; und das ist eine große Sünde, mein Herr, harmlose Sträucher derart mit Unzüchtigkeit zu beladen. Gestatten Sie noch ein Wort: es ist gefährlich, in der Weise, wie Sie es tun, gegen alles vorzugehen, was die Sinne verwirren und beunruhigen kann. Wenn auch manches Bild geeignet sein mag, Anstoß bei den Seelen zu erregen, so trägt doch ein jeder von uns das Urbild davon in sich und müßte also Anstoß bei sich selbst erregen, wofern er nicht ein Eunuch ist, was ein entsetzlicher Gedanke wäre.«

»Mein Herr,« entgegnete der alte Nikodemus etwas erregt, »ich erkenne an Ihrer Sprache, daß Sie ein Freigeist und ein lasterhafter Mensch sind.«

»Mein Herr,« sagte mein teurer Lehrer, »ich bin ein Christ; und was das lasterhafte Leben betrifft, so kann ich keines führen, dieweil ich Mühe genug habe, mir das tägliche Brot samt Wein und Tabak zu verdienen. Wie Sie mich hier sehen, mein Herr, kenne ich keine andren Orgien als die stillen Orgien des Nachsinnens, und die einzige Tafel, an die ich mich setzte, ist die der Musen. Doch da ich verständig bin, halte ich es für schlimm, in Dingen der Sittlichkeit über die Lehren des katholischen Glaubens hinauszugehen, der in dieser Hinsicht manche Freiheit verstattetEs ist ein Rokoko-Abbé, der über die Sittlichkeit so frei denkt! Der Übersetzer und gern den Sitten und Vorurteilen der Völker nachgibt. Ich glaube, mein Herr, Sie sind mit Kalvinismus befleckt und neigen zur Ketzerei der Bilderstürmer. Denn man weiß schließlich nicht, ob Ihre Wut nicht so weit gehen wird, die Bilder Gottes und der Heiligen zu verbrennen – aus Haß gegen das Menschliche, das in ihnen zutage tritt. Die Worte Anstand, Sittlichkeit und Schicklichkeit, mit denen Sie den Mund voll nehmen, haben in der Tat keinen bestimmten, bleibenden Sinn. Die Gewohnheit und das Gefühl allein können sie mit Maß und Wahrheit bestimmen. In diesen heiklen Dingen erkenne ich als Richter nur die Dichter, die Künstler und die schönen Frauen an. Welch seltsamer Gedanke, eine Schar von Juristen als Richter über Anmut und Wollust einzusetzen!«

»Aber mein Herr,« erwiderte der alte Nikodemus, »es handelt sich hier weder um Anmut noch um Freuden und noch weniger um die Bilder Gottes und der Heiligen; und Sie suchen in unschöner Weise Streit mit uns. Wir sind Ehrenmänner, die den Augen ihrer Söhne unzüchtige Anblicke entziehen wollen; und man weiß sehr wohl, was anständig ist und was nicht. Ist es denn Ihr Wunsch, Herr Abbé, daß unsere Jugend auf der Straße allen Versuchungen ausgesetzt werde?«

»Ja, mein Herr,« rief mein teurer Lehrer aus, »man muß versucht werden! Das ist das Los des Menschen und Christen auf Erden. Und die furchtbarste Versuchung kommt von innen und nicht von außen. Sie gäben sich nicht solche Mühe, ein paar Zeichnungen von nackten Weibern aus den Schaufenstern entfernen zu lassen, hätten Sie wie ich über das Leben der Wüstenheiligen nachgedacht. Sie hätten dann gesehen, daß die Anachoreten in furchtbarer Einsamkeit, fern von jeder gemalten oder gemeißelten Figur, vom Büßerhemd gepeinigt, von der Buße zermürbt, vom Fasten erschöpft und sich auf einem Lager von Dornen wälzend, vom Stachel der Fleischeslust bis aufs Mark durchbohrt wurden. In ihrer armseligen Zelle erblickten sie tausendfach wollüstigere Bilder als die Allegorie dort im Schaufenster des Herrn Blaizot, die Sie beleidigt. Der Teufel (die Freidenker sagen ›die Natur‹) ist ein größerer Maler lüsterner Szenen als Giulio Romano. Er übertrifft alle italienischen und flandrischen Meister in Stellungen, Bewegung und Farben. Ach! gegen seine glühenden Gemälde vermögen Sie nichts. Die, welche Ihr Ärgernis erregen, sind im Vergleich dazu wenig; und das Klügste wäre, Sie überließen dem Herrn Polizeileutnant die Sorge für die öffentliche Sittlichkeit, so wie es die Bürgerschaft wünscht. Wahrlich, Ihre Sittenstrenge setzt mich in Erstaunen! Sie haben wenig Begriff davon, was der Mensch ist, was die Gesellschaft ist und wie das Fleisch in einer Großstadt siedet. Ha! die harmlosen Graubärte! Inmitten aller Laster Babels, wo die Vorhänge sich überall lüften, um Augen und Arme der Buhlerinnen zu zeigen, wo die Leiber, eng anein- andergeschmiegt, sich auf den öffentlichen Plätzen pressen und erhitzen, – klagen und seufzen Sie über ein paar schlimme Bilder, die in den Buchläden aushängen, und bis ins Parlament des Königreichs tragen Sie Ihre Jeremiaden, wenn ein Mädchen auf dem Balle den jungen Burschen ihre Beine zeigt, die für sie doch die geläufigsten Dinge sind!«

Also sprach mein teurer Lehrer, auf seiner Leiter stehend. Doch Herr Nikodemus hielt sich die Ohren zu, um nicht zuhören zu müssen, und wehklagte über seinen Zynismus.

»Himmel!« seufzte er, »was ist abstoßender als ein nacktes Weib, und welche Schmach, sich wie dieser Abbé der Unsittlichkeit anzubequemen, die das Ende eines Landes ist, denn die Völker erhalten sich nur durch die Reinheit ihrer Sitten!«

»Allerdings, mein Herr,« entgegnete mein teurer Lehrer, »sind die Völker nur dann stark, wenn sie sittlich sind; aber das bezieht sich auf die Allgemeinheit der Grundsätze, Gefühle und Leidenschaften und auf eine Art hochherzigen Gehorsams gegen die Gesetze, und nicht auf die Kleinigkeiten, mit denen Sie sich abgeben. Sehen Sie sich vor, daß die Scham, wenn sie nicht anmutvoll ist, nicht tölpelhaft wird, und daß die finstere Sittenstrenge Ihrer Entrüstung nicht lächerlich wirkt, Herr Nikodemus, und auch etwas unanständig.«

Doch Herr Nikodemus hatte schon das Lokal verlassen.

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