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Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard

Anatole France: Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard - Kapitel 16
Quellenangabe
typeaphorism
authorAnatole France
titleNützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard
publisherMusarion Verlag
addressMünchen
printrun4
year1924
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060512
projectidf98f2de3
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Die Historie

Herr Roman legte ein halbes Dutzend Bände auf den Ladentisch. »Ich bitte Sie, Herr Blaizot,« sagte er zu dem Buchhändler, »mir diese Bücher zuzuschicken. Es sind unter andern »Mutter und Sohn«, die »Memoiren des französischen Hofes« und das »Testament Richelieus«. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie die historischen Neuerscheinungen, die Sie bekommen, hinzufügen wollten, besonders alles über Frankreich seit dem Tode Heinrichs IV. Auf solche Werke bin ich äußerst begierig.«

»Sie haben recht,« sagte mein teurer Lehrer. »Die Geschichtsbücher sind voll von Kleinigkeiten, die zur Zerstreuung eines Ehrenmannes ausgezeichnet sind; und man kann sicher sein, eine Unmenge angenehmer Erzählungen darin zu finden.«

»Herr Abbé,« antwortete Herr Roman, »was ich bei den Historikern suche, ist keine leichtfertige Zerstreuung, sondern ernstes Studium; und ich bin in Verzweiflung, wenn ich die Wahrheit mit Irrtum vermischt finde. Ich studiere die menschlichen Handlungen in Hinsicht auf die Leitung der Völker und suche in der Geschichte nach Regeln für die Regierung.«

»Das ist mir wohl bewußt, mein Herr,« erwiderte mein teurer Lehrer. »Ihre Abhandlung über die Monarchie ist bekannt genug, daß man weiß, daß Sie Ihre Politik aus der Geschichte genommen haben.«

»Ja,« sagte Herr Roman, »ich habe als Erster den Fürsten und den Ministern Grundlinien gezogen, die sie nicht ohne Gefahr übertreten dürfen.«

»Deshalb auch sieht man Sie, mein Herr, auf dem Titelblatt Ihres Buches in Gestalt der Minerva, wie Sie einem jugendlichen König den Spiegel vorhalten, den Ihnen die Muse Clio, über Ihrem Haupte schwebend, darreicht, und dies in einem mit Büsten und Gemälden geschmückten Arbeitszimmer. Doch gestatten Sie, mein Herr, daß ich Ihnen sage: diese Muse ist eine Lügnerin und sie reicht Ihnen einen trügerischen Spiegel. Es gibt wenig Wahrheiten in der Geschichte; und die einzigen Tatsachen, in denen man übereinstimmt, sind die, welche aus einer einzigen Quelle stammen. Die Historiker widersprechen sich jedesmal, wenn sie sich begegnen. Mehr noch! Wir sehen, daß Flavius Josephus, der dieselben Ereignisse in seinen ›Antiquitäten‹ und in seinem ›jüdischen Krieg« berichtet, sie in beiden Werken verschieden darstellt. Titus Livius ist nur ein Sammler von Fabeln; und Tacitus, Ihr Orakel, macht mir ganz den Eindruck eines starken Lügners, der sich mit ernster Miene über die Welt lustig macht. Thukydides, Polybius und Guicciardini achte ich ziemlich hoch. Was unsern Mezeray betrifft, so weiß er nicht, was er sagt, desgleichen Villaret und der Abbé Vely. Doch ich gehe mit den Geschichtsschreibern ins Gericht und ich muß es mit der Geschichte selbst tun.

Was ist die Geschichte? Eine Sammlung von moralischen Erzählungen oder vielmehr ein beredter Mischmasch von Erzählungen und Reden, je nachdem der Historiker Redner oder Philosoph ist. Man kann schöne Proben von Beredsamkeit darin finden, aber man soll keine Wahrheit darin suchen; denn die Wahrheit hat die notwendigen Beziehungen zwischen den Dingen aufzuzeigen; und der Historiker kann diese Beziehungen nicht aufdecken, weil er die Kette der Ursachen und Wirkungen nicht verfolgen kann. Bedenken Sie, daß jedesmal, wo die Ursache eines historischen Faktums in einem nichthistorischen Faktum liegt, die Geschichte nicht wahrnehmbar ist. Und da die historischen Fakta eng mit den nichthistorischen Fakten verknüpft sind, so ergibt sich, daß die Ereignisse in den historischen Werken sich nicht natürlich verketten, sondern durch bloße rhetorische Kunstgriffe. Bedenken Sie auch, daß die Unterscheidung zwischen historischen und nichthistorischen Fakten rein willkürlich ist. Woraus sich ergibt, daß die Geschichte, weit entfernt, eine Wissenschaft zu sein, durch ein angebornes Laster zur Unbestimmtheit der Lüge verdammt ist. Stets wird ihr der Zusammenhang und die Folgerichtigkeit fehlen, ohne die es kein wirkliches Wissen gibt. Und so sehen Sie auch, daß man aus den Annalen eines Volkes keine Vorhersage auf seine Zukunft ziehen kann. Die Eigenart der Wissenschaften besteht darin, daß sie prophetisch sind, wie man es auf den Tabellen sieht, wo die Mondphasen, die Ebbe und Flut und die Mondfinsternisse im voraus berechnet sind, während die Kriege und Revolutionen der Rechnung entgehen.«

Herr Roman stellte dem Herrn Abbé Coignard vor, daß er von der Historie nur verworrne, ja, unsichre und mit Irrtum durchsetzte Wahrheiten verlangte, die aber durch ihren Gegenstand, den Menschen, unendlich wertvoll seien.

»Ich weiß,« setzte er hinzu, »wie sehr die menschlichen Annalen mit Fabeln vermischt und verstümmelt sind. Doch wenn auch ein strenger Zusammenhang zwischen Ursachen und Wirkungen fehlt, so entdecke ich darin och einen Plan, den man verliert und wiederfindet, wie die Ruinen eines halb im Sande verschütteten Tempels. Dies allein wäre mir von unschätzbarem Wert. Und noch schmeichle ich mir, daß die künftige Geschichtsschreibung bei reicheren Quellen und strengerer Methode mit den exakten Wissenschaften wetteifern wird.«

»Was das betrifft,« sagte mein Lehrer, »so rechnen Sie nicht darauf. Vielmehr neige ich zu dem Glauben, daß die zunehmende Fülle der Memoiren, Korrespondenzen und Archivschätze den künftigen Historikern ihre Aufgabe erschweren wird. Herr Elward, der sein Leben dem Studium der englischen Revolution widmet, versichert, daß ein Menschenleben nicht hinreichte, um die Hälfte von dem zu lesen, was während der Unruhen geschrieben wurde. Mir fällt da ein Märchen ein, das der Herr Abbé Blanchet mir über diesen Gegenstand erzählte, und das ich Ihnen so wiedergeben will, wie es sich in meinem Gedächtnis vorfindet. Es tut mir leid, daß der Herr Abbé nicht anwesend ist, um es selbst zum Besten zu geben, denn er ist geistreich.

Dies ist das Gleichnis:

Als der junge Fürst Zemir seinem Vater auf dem persischen Throne folgte, berief er alle Gelehrten seines Reiches, und nachdem er sie versammelt hatte, sprach er also zu ihnen:

»Der Doktor Zeh, mein Lehrer, hat mich gelehrt, daß die Menschen sich weniger Irrtümern aussetzen würden, wenn sie durch das Beispiel der Vergangenheit erleuchtet wären. Darum will ich die Annalen der Völker studieren. Ich befehle Ihnen, eine Weltgeschichte zu schreiben und nichts zu verabsäumen, um sie vollständig zu machen.«

Die Gelehrten versprachen dem Wunsche des Fürsten zu willfahren, und nachdem sie sich beurlaubt hatten, gingen sie unverzüglich ans Werk. Nach Verlauf von zwanzig Jahren erschienen sie wieder vor dem Hause, gefolgt von einer Karawane von zwölf Kamelen, deren jedes fünfhundert Bände trug. Der Sekretär der Akademie warf sich vor den Stufen des Thrones nieder und sprach also:

»Herr, die Akademiker Eures Reiches beehren sich, die Weltgeschichte, die sie für Eure Majestät geschrieben haben, Euch zu Füßen zu legen. Sie umfaßt sechstausend Bände und enthält alles, was wir über die Sitten der Völker und die Wechselfälle der Königreiche zu ermitteln vermochten. Wir nahmen die alten Chroniken auf, die sich glücklicherweise erhalten haben, und erläuterten sie durch zahlreiche Anmerkungen über die Geographie, die Chronologie und die Urkunden. Die Einleitung allein bildet die Last eines Kamels, und die Nachträge werden nur mit großer Mühe von einem ändern Kamele getragen.«

Der König erwiderte:

»Meine Herren, ich danke Ihnen für die Mühe, die Sie sich gemacht haben. Doch ich bin von Regierungssorgen in Anspruch genommen. Überdies wurde ich während ihrer Arbeit älter. Ich bin, wie der persische Dichter sagt, zur Hälfte des Lebensweges gelangt, und vorausgesetzt auch, daß ich hochbetagt sterbe, so kann ich doch vernünftigerweise nicht hoffen, die Zeit zu finden, eine so lange Geschichte zu lesen. Sie soll in den Archiven des Königreichs niedergelegt werden. Wollen Sie mir bitte einen Auszug davon machen, welcher der Kürze des menschlichen Daseins besser Rechnung trägt.«

Die persischen Akademiker arbeiteten abermals zwanzig Jahre; dann brachten sie dem König fünfzehnhundert Bände auf drei Kamelen.

»Herr,« begann der lebenslängliche Sekretär mit schwächerer Stimme, »hier ist unser neues Werk. Wir glauben, nichts Wesentliches ausgelassen zu haben.«

»Mag sein,« erwiderte der König, »doch ich werde es nicht lesen. Ich bin alt; lange Unternehmungen ziemen meinen Jahren nicht, kürzen Sie noch mehr und zögern Sie nicht.«

Sie zögerten so wenig, daß sie nach Verlauf von zehn Jahren wiederkehrten, gefolgt von einem jungen Elefanten, der fünfhundert Bände trug.

»Ich schmeichle mir, kurz und bündig gewesen zu sein,« sprach der lebenslängliche Sekretär.

»Sie waren es noch nicht genug,« antwortete der König. »Ich stehe am Ende meines Lebens. Kürzen Sie, kürzen Sie, wenn ich vor meinem Tode die Geschichte der Menschen noch kennenlernen soll.«

Nach Verlauf von fünf Jahren erschien der Sekretär auf Lebenszeit abermals vor dem Palaste. Er ging auf Krücken und führte einen kleinen Esel am Zügel, der ein dickes Buch auf seinem Rücken trug.

»Eilen Sie,« sagte ein Offizier, »der König liegt im Sterben.«

In der Tat lag der König auf seinem Sterbebett. Er warf dem Akademiker und seinem dicken Buche einen fast erloschnen Blick zu und seufzte:

»So werde ich denn sterben, ohne die Geschichte der Menschen zu kennen!«

»Herr,« entgegnete der Gelehrte, dem Tode fast ebenso nahe wie der König, »ich will sie Euch in drei Worten zusammenfassen: Sie wurden geboren, sie litten, sie starben.«

Also erfuhr der König von Persien an seinem Lebensende die Weltgeschichte.«

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