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Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard

Anatole France: Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard - Kapitel 15
Quellenangabe
typeaphorism
authorAnatole France
titleNützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard
publisherMusarion Verlag
addressMünchen
printrun4
year1924
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060512
projectidf98f2de3
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Die Staatsstreiche

Mister Rockstrong grollte meinem teuren Lehrer nicht länger für seine Aufrichtigkeit, denn er war ein Mann von Verstand. Als der Wirt vom »Bacchusknaben« einen Krug Wein hereingebracht hatte, erhob der Pamphletist seinen Becher auf die Gesundheit des Herrn Abbé Coignard und nannte ihn mit äußerst jovialer Miene einen Schuft und Banditenfreund, eine Stütze der Tyrannei und einen alten Hundsfott. Mein teurer Lehrer erwiderte diese Höflichkeit freundlich und beglückwünschte sich dazu, daß er auf das Wohl eines Mannes tränke, den nie ein Hauch von Philosophie berührt habe.

»Was mich betrifft,« fuhr er fort, »so merke ich wohl, daß mein Geist durch Nachdenken total verdorben ist. Und da es nicht in der menschlichen Natur liegt, etwas tiefer zu denken, so bekenne ich, daß mein Hang zum Nachsinnen eine wunderliche und höchst unbequeme Schrulle ist. Er macht mich erstlich ungeeignet zu allen Unternehmungen; denn man handelt nur mit beschränkten Ansichten und engen Gedanken. Sie würden sogar erstaunen, Herr Rockstrong, wenn Sie sich der armseligen Einfalt der Genies bewußt würden, welche die Welt bewegt haben. Die Eroberer und Staatsmänner, die das Antlitz der Erde veränderten, haben über das Wesen derer, die sie so hart anfaßten, nie nachgedacht. Sie schlossen sich völlig in die Enge ihrer großen Pläne ein, und die Weisesten faßten nur sehr wenige Gegenstände zugleich ins Auge. So wie Sie mich sehen, Herr Rockstrong, wäre es mir unmöglich, die Eroberung Indiens zu betreiben, wie Alexander, noch ein Reich zu gründen und zu regieren, noch ganz allgemein mich in eine der gewaltigen Unternehmungen zu stürzen, die den Stolz einer ungestümen Seele reizen. Das Nachdenken würde mich schon bei den ersten Schritten daran hindern, und bei jeder meiner Bewegungen würde ich Gründe zum Haltmachen entdecken.«

Dann wandte mein teurer Lehrer sich zu mir und sagte seufzend:

»Das Denken ist eine große Schwäche. Gott beschütze dich davor, Tournebroche, mein Sohn, wie er seine größten Heiligen davor bewahrt hat und die Seelen, die er mit seltsamer Vorliebe für die ewige Seligkeit bestimmt. Die, welche wenig oder gar nicht denken, erledigen ihre Geschäfte in dieser und in jener Welt gleich gut, wohingegen den Nachdenklichen unablässig ewiges und zeitliches Verderben droht. Soviel Bosheit liegt im Denken! Erwäge schaudernd, mein Sohn, daß die Schlange im Paradiese der älteste der Philosophen und ihr ewiger Fürst ist!«

Der Herr Abbé Coignard trank einen starken Schluck Wein und fuhr mit gesenkter Stimme fort:

»Daher habe ich auch zu meinem Heile mein Denken wenigstens an einem Gegenstande nicht geübt. Ich habe meine Vernunft nicht an den Wahrheiten des Glaubens erprobt. Leider habe ich über die Taten der Menschen und die Sitten der Staaten nachgesonnen; darum bin ich nicht mehr würdig, eine Insel zu regieren wie Sancho Pansa.«

»Das ist auch sehr segensreich,« erwiderte Mister Rockstrong lachend, »denn Ihre Insel würde ein Schlupfwinkel für Banditen und Gauner sein, wo die Frevler die Unschuldigen verurteilten, wenn solche zufällig vorhanden wären.«

»Das glaube ich, Herr Rockstrong,« erwiderte mein teurer Lehrer, »das glaube ich. Wenn ich eine andere Insel von Barataria zu verwalten hätte, so würden die Sitten dort wahrscheinlich so sein, wie Sie sagen. Sie haben da mit einem Zuge alle Reiche der Welt geschildert. Ich fühle, das meine würde nicht besser sein als die andern. Ich hege keine Illusionen über die Menschen; und um sie nicht zu hassen, verachte ich sie. Herr Rockstrong, ich verachte sie mit Zärtlichkeit. Doch sie wissen mir dafür keinen Dank. Man ärgert sie, wenn man ihnen das sanfteste, nachsichtigste, barmherzigste, anmutigste und menschlichste Gefühl zeigt, das sie einflößen können: die Mißachtung. Trotzdem wäre die gegenseitige Mißachtung der Friede auf Erden; und wenn die Menschen sich untereinander ehrlich verachteten, so täten sie sich nichts Böses mehr an und lebten in holder Eintracht. Alle Übel der zivilisierten Gesellschaften stammen daher, daß die Bürger sich übermäßig achten und daß sie die Ehre als etwas Ungeheures über das Elend des Fleisches und Geistes erheben. Dieses Gefühl macht sie stolz und grausam, und ich verabscheue den Hochmut, der sich und andre ehren will, als ob irgendwer von Adams Geschlecht Ehre verdiente! Ein Tier, das ißt und trinkt (geben Sie mir zu trinken!) und liebt, ist erbarmenswürdig; vielleicht ist es interessant, bisweilen sogar erfreulich. Ehrenwert ist es nur durch das widersinnigste und wüsteste Vorurteil. Dieses Vorurteil ist die Quelle aller Übel, an denen wir leiden. Es ist eine abscheuliche Art von Abgötterei, und um den Menschen ein sanfteres Dasein zu sichern, müßte man damit anfangen, daß man sie zu ihrer natürlichen Demut zurückführt. Sie werden glücklich sein, wenn sie, zum wahren Gefühl ihrer Stellung zurückgeführt, einander verachten, ohne daß irgendwer sich von dieser trefflichen Verachtung ausnähme.«

Mister Rockstrong zuckte die Achseln.

»Mein dicker Abbé,« sprach er, »Sie sind ein Schwein.«

»Sie schmeicheln mir,« antwortete mein teurer Lehrer; »ich bin nur ein Mensch, und ich spüre in mir selbst die Keime dieses bittren Hochmuts, den ich verabscheue, und dieses Stolzes, der das Menschengeschlecht zu Kriegen und Zweikämpfen treibt. Es gibt Augenblicke, Herr Rockstrong, wo ich mir für meine Meinungen die Gurgel durchschneiden ließe, und das wäre eine große Narrheit. Denn schließlich: wer beweist mir, daß ich besser schlußfolgere als Sie, der äußerst schlecht schlußfolgert? Geben Sie mir zu trinken!«

Mister Rockstrong füllte den Becher meines teuren Lehrers in zuvorkommender Weise.

»Abbé,« sagte er zu ihm, »Sie sind von Sinnen, doch ich liebe Sie, und ich möchte gern wissen, was sie an meinem öffentlichen Auftreten tadeln und warum Sie gegen mich die Partei der Tyrannen, der Fälscher, Diebe und pflichtvergessenen Richter ergreifen.«

»Herr Rockstrong,« antwortete mein teurer Lehrer, »gestatten Sie zunächst, daß ich über Sie, Ihre Freunde und Feinde, mit milder Gleichgültigkeit jenes holde Gefühl ausgieße, das allein den Zwistigkeiten ein Ende setzt und Beruhigung gibt. Gestatten Sie, daß ich weder die einen noch die andern hoch genug schätze, um sie der Rache der Gesetze zu empfehlen und Strafen auf ihr Haupt herabzurufen. Die Menschen sind, was sie auch tun mögen, höchst unschuldig; und ich überlasse dem Lordkanzler, der Sie verurteilen ließ, die schönen Reden frei nach Cicero über die Staatsverbrechen. Ich habe wenig Geschmack an den Catilinariern, von welcher Seite sie auch kommen mögen. Ich bin nur betrübt, einen Mann wie Sie damit beschäftigt zu sehen, die Regierungsform zu ändern. Es ist dies der leichtfertigste und eitelste Gebrauch, den man von seinem Geiste machen kann; und die Machthaber zu bekämpfen, ist nur eine Albernheit, wofern es nicht ein Mittel, zu leben und Karriere zu machen, ist. Schenken Sie mir ein! Bedenken Sie, Herr Rockstrong, daß die plötzlichen Staatsumwälzungen, die Sie vorhaben, bloße Vertauschungen von Menschen sind, und daß die Menschen, im ganzen betrachtet, alle gleich sind, ebenso mittelmäßig im Guten wie im Bösen. Wenn Sie also zwei- bis dreihundert Minister, Provinz-Gouverneure, Intendanturbeamte und Oberpräsidenten durch zwei- oder dreihundert andre ersetzen, so heißt das soviel wie nichts tun und nur Philipp und Barnabas an Stelle von Paul und Xavier setzen. Was aber die Änderung der Lebenslage, der einzelnen Menschen betrifft, die Sie erhoffen, so ist das ganz unmöglich; denn diese Lage hängt nicht von den Ministern ab, die nichts sind, sondern von der Erde und ihren Früchten, vom Gewerbefleiß und Handel, von den Reichtümern, die im Staat aufgehäuft sind, vom Geschick der Bürger in Handel und Wandel – lauter Dingen, die weder vom Fürsten noch von den Beamten der Krone abhängen.«

Mister Rockstrong unterbrach meinen teuren Lehrer heftig.

»Wer erkennt nicht, mein dicker Abbé,« rief er aus, »daß die Lage von Handel und Gewerbefleiß von der Regierung abhängt und daß nur unter einer freien Regierung die Finanzen gut sind!«

»Die Freiheit,« erwiderte der Herr Abbé Coignard, »ist nur eine Folge des Wohlstandes der Bürger, die sich frei machen, sobald sie mächtig genug sind, um frei zu sein. Die Völker nehmen sich soviel Freiheit wie sie brauchen, oder besser gesagt: sie fordern gebieterisch Institutionen als Anerkennung und Gewähr für die Rechte, die sie durch ihren Gewerbefleiß errungen haben.

Alle Freiheit kommt von ihnen und ihren eignen Bewegungen. Ihre unwillkürlichsten Gebärden erweitern die Form des Staates, die sich über ihnen bildet.Zur Zeit des Herrn Abbé Coignard hielten die Franzosen sich bereits für frei: Im Jahre 1670 schrieb Herr von Alquié: »Drei Dinge machen einen Menschen auf Erden glücklich, das sind: die Sanftmut der Unterhaltung, die schmackhaften Speisen und die ganze und völlige Freiheit. Wir haben gesehen, wie unser erhabenes Königreich die beiden ersten völlig befriedigt hat; also daß jetzt nur noch zu zeigen bleibt, daß die dritte ihm nicht mangelt und daß die Freiheit darin nicht minder herrscht als die beiden genannten Vorzüge. Die Sache wird euch zunächst wahrhaftig scheinen, wenn ihr den Namen unsres Staates, den Anlaß seiner Gründung und seinen Brauch aufmerksam betrachtet; denn erstlich bemerkt man, daß der Name Frankreich nichts andres bedeutet als Freiheit und Unabhängigkeit; also wollten es die Gründer dieser Monarchie, welche, mit einer edlen und hochherzigen Seele begabt, weder Sklaverei noch die geringste Knechtschaft leiden konnten und sich also entschlossen, das Joch jeglicher Gefangenschaft abzuschütteln und so frei zu sein, wie die Menschen es sein können: darum kamen sie nach Gallien, welches ein Land war, dessen Völker nicht weniger kriegerisch, noch weniger eifersüchtig auf ihre Freiheit waren, als sie es vermochten. Was den zweiten Punkt betrifft, so wissen wir, daß sie, abgesehen von den sonstigen Neigungen und Absichten, die sie bei der Gründung dieses Staates hatten, stets Herren ihrer Selbst zu bleiben wünschten; denn sie gaben ihren Herrschern Gesetze, die deren Macht begrenzten und ihnen ihre Privilegien erhielten: also daß sie, wenn man sie ihnen nehmen will, wütend werden und so geschwind zu den Waffen greifen, daß nichts sie zurückhalten kann, wenn es sich um diesen Punkt handelt. Drittens sage ich, daß Frankreich die Freiheit so sehr liebt, daß es keinen Sklaven duldet, also daß die Türken und Mohren, noch gar die christlichen Völker nie Eisen tragen noch in Ketten gehen dürfen, so lange sie in diesem Lande weilen. Daher geschieht es auch, daß Sklaven, wenn sie in Frankreich sind, noch nicht den Fuß an Land gesetzt haben und schon voller Freude ausrufen: Es lebe Frankreich mit seiner holden Freiheit!« (»Les Délices de la France«, par François Savinien d'Alquié, Amsterdam, 1670; Kapitel 16, betitelt: »Frankreich ist ein Land der Freiheit für alle möglichen Personen,« S. 245 f.) Man kann also sagen: so verabscheuungswürdig die Tyrannei ist, so gibt es doch nur notwendige Tyrannei, und die despotischen Regierungen sind nur die enge Hülle eines blöden und allzu schmächtigen Körpers. Und wer sähe nicht, daß die äußeren Regierungsformen wie die Haut sind, die die Struktur eines Tieres offenbart, ohne deren Ursache zu sein?

Sie halten sich an die Haut, ohne sich um die Eingeweide zu kümmern. Und darin zeigen Sie, Herr Rockstrong, wenig angeborene Philosophie.«

»Also Sie machen keinen Unterschied zwischen einem freien Staate und einer tyrannischen Regierung, und das alles ist für Sie, dicker Abbé, nur das Fell des Tieres? Und Sie sehen gar nicht, daß die Ausgaben des Herrschers und die Räubereien der Minister die Auflagen erhöhen und so den Ackerbau zugrunde richten und den Handel erschöpfen können?«

»Herr Rockstrong, für ein Land ist in einem bestimmten Zeitalter nur eine bestimmte Regierungsform möglich, wie ein Tier zu gleicher Zeit nur ein einziges Fell haben kann. Woraus sich ergibt, daß man der Zeit, welche ein galantes Frauenzimmer ist, die Sorge überlassen muß, die Staaten umzuwandeln und die Gesetze zu erneuern. Sie arbeitet daran mit unermüdlicher und milder Langsamkeit«.Herr Hugues Rebell hat in der »Ermitage« (April 1893) ganz ähnliche Gedanken entwickelt, deren Autorschaft ich hier in Anspruch nehmen möchte. Sie entstammen zwar nicht den »Meinungen des Herrn Abbé Coignard«, wohl aber einigen andern Schriften aus dem gleichen Gedankenkreise. Ein paar davon seien hier wiedergegeben:

  1. Die Organisation einer Gesellschaft hängt nicht von dem Einzelwillen ab, sondern vom Willen der Natur oder einfacher: von der Summe der intelligenten Minderheiten, die diese Gesellschaft bilden und die notwendig die angenehmste Lebensform wählen.
  2. Die Menschen einer Epoche, die den gleichen Organismus und die gleichen Leidenschaften haben, wie die Menschen einer andren Epoche, können nicht völlig verschiedene Institutionen haben. Daraus folgt, daß eine politische Revolution nur eine Kreisbewegung des Volkes um seine alten Gewohnheiten ist, um zu seinem Ausgangspunkte zurückzukehren; sie ist also eine Krankheit, eine Unterbrechung der Entwicklung der Menschheit. Aus diesen Gesetzen ergibt sich auch, daß alle Gesellschaften in gleicher Weise leben und sterben.

»Und Sie glauben nicht, mein dicker Abbé, daß man dem Greise, der mit der Sichel bewehrt auf den Uhrgehäusen sitzt, nachhelfen müsse? Sie meinen nicht, daß eine Revolution wie die englische oder niederländische für den Zustand der Völker etwas bedeutet? Nein? Sie verdienten, alter Tor, daß man Ihnen eine Narrenkappe aufsetzte!«

»Die Revolutionen«, erwiderte mein teurer Lehrer, »finden statt, um die erworbenen Güter zu erhalten, und nicht, um neue zu gewinnen. Es ist der Wahnsinn der Völker und der Ihre, Herr Rockstrong, auf den Sturz eines Fürsten gewaltige Hoffnungen zu setzen. Die Völker sichern sich von Zeit zu Zeit durch Aufstände ihre bedrohten Freiheiten. Sie erwerben sich auf diesem Wege aber niemals neue Freiheiten. Doch sie entschädigen sich durch Worte. Es ist bemerkenswert, Herr Rockstrong, daß die Menschen sich gerne für sinnlose Worte umbringen lassen. Schon Ajax hat diese Wahrnehmung gemacht. ›In meiner Jugend‹, läßt der Dichter ihn sprechen, ›glaubte ich, daß die Tat mächtiger sei als das Wort. Doch heute sehe ich, daß das Wort stärker ist.‹ Also sprach Ajax, des Oileus Sohn. Herr Rockstrong, ich habe großen Durst!«

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