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Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard

Anatole France: Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard - Kapitel 14
Quellenangabe
typeaphorism
authorAnatole France
titleNützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard
publisherMusarion Verlag
addressMünchen
printrun4
year1924
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060512
projectidf98f2de3
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Die Empörer

An jenem Tage machten wir, mein teurer Lehrer und ich, unsern gewohnten Besuch im Buchladen »Zur heiligen Katharina«, wo wir den berühmten Mister Rockstrong trafen. Er stand oben auf einer Leiter und zog Bücher, auf die er begierig war, aus den Regalen. Denn bekanntlich macht er sich in seinem bewegten Leben das Vergnügen, kostbare Druckwerke und schöne Stiche zu sammeln.

Vom englischen Parlament zu lebenslänglichem Kerker verurteilt, weil er am Anschlag von Monmouth teilgenommen»Ich finde diesen Mister Rockstrong in den Memoiren über den Anschlag von Monmouth nirgends erwähnt«, setzt Anatole France als Fußnote hinzu. Mit andern Worten, er ist seine freie Erfindung. – Der Herzog von Monmouth (1649 bis 1685), ein natürlicher Sohn Karls II. von England, erhob als Gegner Jakobs II. Anspruch auf die Thronfolge von England, landete 1685 mit Emigranten in England, wurde gefangen genommen und enthauptet. – D. Übers. , wohnt er in Frankreich, von wo er ununterbrochen Aufsätze an die Zeitungen seines Vaterlands schickt. Mein teurer Lehrer, der Herr Abbé Coignard, ließ sich nach seiner Gewohnheit auf einen Schemel sinken; dann erhob er die Augen zu der Leiter, auf der Mister Rockstrong sich mit der eichkätzchenhaften Behendigkeit regte, die er bis in sein vorgerücktes Alter bewahrt hat.

»Gott sei Dank!« sprach er, »ich sehe, Herr Rebell, daß es Ihnen gut geht und daß Sie immer noch jung sind.«

Mister Rockstrong blickte meinen teuren Lehrer mit Glutaugen an, die in einem galligen Gesicht glänzten.

»Warum, dicker Abbé,« fragte er, »nennen Sie mich Rebell?«

»Ich nenne Sie Rebell, Herr Rockstrong, weil Sie keinen Erfolg hatten. Rebell ist man, wenn man unterliegt. Die Sieger sind nie Rebellen.«

»Abbé, Sie reden mit widerlichem Zynismus.«

»Sehen Sie sich vor, Herr Rockstrong, dieser Grundsatz stammt nicht von mir, sondern von einem sehr großen Manne. Ich fand ihn in den Schriften von Julius Cäsar Scaliger.«

»Nun, das sind schändliche Schriften, Abbé; und dieses Wort ist ruchlos. Unser Mißerfolg kam von der Unschlüssigkeit unsres Führers und seiner Schlaffheit, die er mit dem Tode bezahlte. Er ändert nichts an der Güte unsrer Sache. Und Ehrenmänner, die von Schuften besiegt werden, bleiben Ehrenmänner.«

»Herr Rockstrong, es ist mir peinlich, daß Sie in politischen Geschäften von Ehrenmännern und von Schuften reden. Diese einfachen Ausdrücke reichen vielleicht hin, um die gute und die böse Partei bei den Kämpfen der Engel zu bezeichnen, die im Himmel stattfanden und die Ihr Landsmann Milton mit außerordentlicher Barbarei besungen hat. Doch auf diesem Erdenball sind die Lager nicht im entferntesten so scharf geteilt, daß man das Heer der Guten vom Heer der Bösen ohne Vorurteil noch Beschönigung scheiden könnte, ja nicht einmal die Seite, auf der das Recht und das Unrecht steht. Somit kann es nicht anders sein, als daß der Erfolg der einzige Richter über die Güte einer Sache ist. Ich erzürne Sie, Herr Rockstrong, indem ich sage, daß man Rebell ist, wenn man unterliegt. Trotzdem duldeten Sie die Rebellion nicht, als Sie selbst zur Macht aufstiegen.«

»Abbé, Sie wissen nicht, was Sie sagen. Ich habe mich stets beeilt, auf die Seite der Unterlegenen zu treten.«

»Allerdings, Herr Rockstrong, sind Sie ein geborener und beständiger Feind des Staates, verhärtet in Ihrer Feindseligkeit durch die Kraft Ihres Geistes, der an Trümmern Gefallen hat und gern zerstört.«

»Abbé, machen Sie mir ein Verbrechen daraus?«

»Herr Rockstrong, wäre ich ein Staatsmann und Fürstenfreund nach Art des Herrn Roman, so hielte ich Sie für einen illustren Verbrecher. Doch ich bekenne die Religion der Politiker nicht so inbrünstig, daß mich der Glanz Ihrer Schandtaten und Anschläge sehr erschreckt, welche mehr Lärm als Böses hervorrufen.«

»Abbé, Sie sind unsittlich.«

»Tadeln Sie mich dafür nicht zu hart, Herr Rockstrong, wenn anders man nur um diesen Preis nachsichtig sein kann.«

»Mir liegt wenig an einer Nachsicht, dicker Abbé, die Sie zwischen mir, dem Opfer, und den Frevlern des Parlaments teilen, die mich mit empörender Ungerechtigkeit verurteilten.«

»Sie sind scherzhaft, Herr Rockstrong, von der Ungerechtigkeit der Lords zu sprechen!«

»Schreit sie nicht gen Himmel?«

»Allerdings, Herr Rockstrong, wurden Sie auf eine lächerliche Anklage des Lordkanzlers hin verurteilt, wegen einer Reihe von Pamphleten, deren keines, für sich genommen, unter die englischen Gesetze fiel. Allerdings wurden Sie in einem Lande, wo man alles schreiben kann, für ein paar witzige Schriften verurteilt; allerdings wurden Sie in ungewohnten und eigentümlichen Formen bestraft, deren majestätische Heuchelei umsonst die Unmöglichkeit zu verdecken suchte, Sie mit gesetzlichen Waffen zu treffen; allerdings hatten die Milords, die Sie verurteilten, ein Interesse an Ihrem Sturze, denn Monmouths und Ihr Erfolg hätte sie unweigerlich von ihren Stühlen gestoßen. Allerdings war Ihr Untergang eine beschlossene Sache im Kronrat; allerdings entgingen Sie durch die Flucht einem, wenn auch mäßigen, so doch peinlichen Martyrium. Denn lebenslänglicher Kerker ist eine Pein, selbst wenn man vernünftigerweise hoffen kann, ihm bald zu entrinnen. Doch in alledem liegt weder Recht noch Unrecht. Sie wurden aus Staatsrücksichten verurteilt, was äußerst ehrenhaft ist. Mehr als einer der Lords, die über Sie zu Gericht saßen, hat vor zwanzig Jahren selbst konspiriert. Ihr Verbrechen bestand darin, den Machthabern Angst einzuflößen, und das ist etwas Unverzeihliches. Die Minister und ihre Freunde berufen sich auf das Staatswohl, wenn ihr Glück und ihr Amt bedroht ist. Und sie halten sich gern für unentbehrlich zur Erhaltung der Staaten, denn sie haben zumeist selbst ein Interesse daran, und nicht nur ein philosophisches. Deswegen sind sie noch keine Schurken. Sie sind Menschen, und das genügt, um ihre klägliche Mittelmäßigkeit, ihre Einfalt und ihren Geiz zu erklären. Doch wen stellten Sie ihnen entgegen, Herr Rockstrong? Andre Menschen, gleich mittelmäßig und noch habgieriger, weil noch hungriger. Das Volk von London hätte sie ertragen, wie es jene ertrug. Es wartete Ihren Sieg oder Untergang ab, worin es eine seltsame Klugheit bewies. Das Volk weiß Bescheid, wenn es meint, daß es beim Wechsel seiner Herren nichts zu gewinnen noch zu verlieren hat.«

Also sprach der Abbé Coignard, und Mister Rockstrong stand mit glühendem Gesicht, brennenden Augen und flammender Perücke oben auf seiner Leiter und rief mit großen Gebärden herab:

»Abbé, ich begreife die Diebe und alle Sorten von Schuften im Parlament und in der Staatskanzlei. Doch ich verstehe Sie nicht, Sie, der ohne sichtliches Interesse, aus reiner Bosheit, Grundsätze verficht, die jene nur zu ihrem Vorteil bekennen. Sie müssen boshafter sein als jene, denn Sie sind dabei selbstlos. Sie übersteigen meinen Verstand.«

»Das beweist, daß ich Philosoph bin,« antwortete mein teurer Lehrer sanft. »Es liegt in der Natur der wahren Weisen, die übrige Menschheit zu empören. Anaxogoras ist ein berühmtes Beispiel dafür. Von Sokrates rede ich nicht, denn er war nur ein Sophist. Doch wir sehen, daß zu jeder Zeit und in allen Landen das Denken der beschaulichen Seelen Ärgernis erregte. Sie halten sich, Herr Rockstrong, für sehr verschieden von Ihren Feinden und für ebenso liebenswert, als jene hassenswert sind. Gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß dies lediglich die Folge Ihres Hochmutes und Ihres stolzen Sinnes ist. In Wahrheit teilen Sie mit denen, die Sie verurteilt haben, alle menschlichen Schwächen und Leidenschaften. Wenn Sie rechtschaffener sind als viele unter ihnen und einen Geist von unvergleichlicher Lebhaftigkeit besitzen, so sind Sie dafür in einer Weise von Haß und Zwietracht beseelt, die Sie in einem Kulturstaat sehr unbequem macht. Der Stand des Zeitungsschreibers, in dem Sie hervorragen, hat die wunderbare Parteilichkeit Ihres Geistes bis zur höchsten Vollendung gedeihen lassen, und als Opfer der Ungerechtigkeit sind Sie doch kein Gerechter. Was ich da sage, entzweit mich sowohl mit Ihnen wie mit Ihren Feinden, und ich bin gewiß, daß ich vom Pfründenbischof nie eine fette Sinekure bekommen werde. Doch ich schätze die Freiheit des Denkens höher als eine gute Abtei oder ein großes Priorat. Ich habe schließlich alle Welt geärgert, aber mein Herz befriedigt und ich werde ruhig sterben.«

»Abbé,« erwiderte Mister Rockstrong halb lachend, »ich vergebe Ihnen, da ich Sie für etwas verrückt halte. Sie machen keinen Unterschied zwischen Ehrenmännern und Schurken und Sie ziehen einen freien Staat nicht einer despotischen und pflichtvergessenen Regierung vor. Sie sind ein Narr von besondrer Art.«

»Herr Rockstrong,« sagte mein teurer Lehrer, »wir wollen gehen und einen Krug Wein im ,Bac- chusknaben' leeren. Beim Bechern werde ich Ihnen erklären, warum ich gegen die Regierungsform ganz gleichgültig bin und aus welchen Gründen ich mich nicht darum bemühe, den Herrn zu wechseln.«

»Gern,« sprach Mister Rockstrong; »ich bin begierig, mit einem so argen Klugredner zu zechen.«

Damit sprang er behend von der Leiter herab, und wir gingen alle drei ins Wirtshaus.

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