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Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard

Anatole France: Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard - Kapitel 13
Quellenangabe
typeaphorism
authorAnatole France
titleNützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard
publisherMusarion Verlag
addressMünchen
printrun4
year1924
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060512
projectidf98f2de3
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Die Akademiker

Wir erfuhren, daß der Bischof von Séez in die französische Akademie gewählt worden sei. Vor zwanzig Jahren hatte er eine schöne Lobrede auf den heiligen Maclou gehalten, die für eine gute Leistung galt; und ich will es gern glauben, daß sie schöne Sitten enthielt: hatte doch mein teurer Lehrer, der Herr Abbé Coignard, selbst Hand daran gelegt, bevor er den erzbischöflichen Palast in Gesellschaft der Kammerzofe der Frau Amtmännin verließ. Herr von Séez war vom besten normannischen Adel. Seine Frömmigkeit, sein Weinkeller und sein Stall waren im ganzen Königreiche berühmt, und sein eigner Neffe hatte die Verwaltung der Pfründen. Seine Wahl verwunderte also niemand. Sie ward allgemein gebilligt, ausgenommen von den Schöngeistern des Café Procope, die ja stets unzufrieden sind. Das sind Rebellen.

Mein teurer Lehrer tadelte sie sanft ob ihres Widerspruchsgeistes.

»Worüber beklagt sich Herr DuclosCharles Duclos (1704 – 1772), seit 1755 Sekretär der französischen Akademie, Moralist und Historiker, auch Romanschriftsteller (»Confessions du Gomte de ***«, 1742). Hauptwerk: »Mémoires secrets sur le Règne de Louis XIV, la Régence et Louis XV« (1791). Seine »Voyage en Italie en 1762« (Paris 1791) war ein Lieblingswerk Beyle-Stendhals.?« sagte er. »Seit gestern ist Herr von Séez seinesgleichen; und er hat doch das schönste Bistum und die schönste Meute im Königreich. Denn die Akademiker sind kraft ihrer Statuten GleichstehendeDer Herr Abbé Coignard lebte im ancien régime. Damals sagte man, daß die Akademie ihren Mitgliedern eine Gleichheit verliehe, die sie vor dem Gesetz nicht hätten. Trotzdem wurde sie 1793 »als letzter Schlupfwinkel der Aristokratie« vernichtet – Vgl. auch Saint-Evremont, »Die Akademiker«:

Godeau: Wie geht's, mein Lieber?

Colletet: (niederkniend): Herr Bischof von Grasse,
Was soll ich tun? Beliebt's der Eminenz,
Daß ich den heil'gen Fuß ihr küsse?

Godeau: Wir
Sind alle gleich als Jünger in Apoll.
Stehen Sie auf.

Colletet: Will Eure Eminenz
Mir solche Freiheit huldvoll zugestehn?

Godeau: Nichts kann die Art, wie wir verkehren, ändern.
Bischof in Grasse, für Sie bin ich Godeau.

! Allerdings ist diese Gleichheit die freche Gleichheit der Saturnalien, die nach der Sitzung ein Ende hat, wenn der Herr Bischof seine Equipage besteigt und Herr Duclos in seinen Leinenstrümpfen durch die Gosse patscht. Aber wenn er sich dem Herrn Bischof in dieser Weise nicht gleichstellen will, warum verkehrt er dann mit den DiätenempfängernDie Akademiker empfangen Diäten für jede Sitzung.? Warum setzt er sich nicht in eine Tonne, wie Diogenes, oder wie ich in eine Schreiberbude am Beinhaus Saint-Innocent? Nur in einer Tonne oder in einer Bude steht man über den Größen dieser Welt. Nur da ist man wirklich Fürst und einziger Herr. Glücklich, wer seine Hoffnung nicht auf die Akademie gebaut hat! Glücklich, wer ohne Furcht und Wünsche lebt und die Nichtigkeit aller Dinge erkennt! Glücklich, wer da weiß, daß es gleich eitel ist, Akademiker zu sein und es nicht zu sein! Er führt ein dunkles und verborgenes Leben voller Seelenfrieden. Die schöne Freiheit folgt ihm überall. Im Schatten der Vergessenheit feiert er die stillen Orgien der Weisheit, und alle Musen lächeln ihm als ihrem Jünger zu.«

Also sprach mein teurer Lehrer, und ich bewunderte die keusche Begeisterung, die seine Stimme schwellte und in seinen Augen glänzte. Doch das Ungestüm der Jugend riß mich fort. Ich wollte mich in den Kampf stürzen, wollte für oder gegen die Akademie Partei nehmen.

»Herr Abbé« fragte ich, »hat die Akademie nicht die Pflicht, die besten Geister des Königsreiches zu berufen, anstatt des Onkels des Pfründenbischofs?«

»Mein Sohn,« entgegnete mein teurer Lehrer mild, »ist Herr von Séez in seinen Verordnungen streng, in seinem Wandel prächtig und galant, kurz die Zierde der Geistlichkeit, und hat er jene Lobrede auf den heiligen Maclou gehalten, deren Anfang, die Heilung der Skrofeln des Königs von Frankreich, sich nobel ausnahm, so kann ihn die Akademie doch nicht aus dem einzigen Grunde beiseiteschieben, weil er einen ebenso mächtigen wie liebenswürdigen Neffen hat! Das hieße mir eine barbarische Tugend und eine unmenschliche Bestrafung des Herrn von Séez für die Größe seiner Familie. Die Akademie hat darüber hinweggesehen. Schon das, mein Sohn, ist hochherzig.«

Ich wagte eine Widerrede auf diese Erklärung, so sehr hatte die jugendliche Hitzigkeit mich fortgerissen.

»Herr Abbé,« sagte ich, »verzeihen Sie, wenn mein Gefühl Ihren Gründen widerspricht. Alle Welt weiß, daß Herr von Séez nur durch die Biegsamkeit seines Charakters hervorragt und daß man an ihm nichts bewundert als die Kunst, sich zwischen den Parteien durchzuwinden. Man hat gesehen, wie er sich zwischen den Jesuiten und Jansenisten sanft hindurchschlängelte und seine bleiche Vorsicht mit den Rosen der christlichen Liebe färbte. Er glaubt genug getan zu haben, wenn er niemandes Verdruß erregt hat, und er benutzt seine Pflicht und Schuldigkeit dazu, seinen Vorteil zu betreiben. Es war also nicht sein großes Herz, was ihm die Stimmen der erlauchten Schützlinge des Königs eingetragen hatDer König war Protektor der Akademie., ebensowenig sein schöner Geist. Denn außer jener Lobrede auf den heiligen Maclou, die er, wie jedermann weiß, nur vorlas, hat dieser friedliche Bischof nichts als die traurigen Verordnungen seiner Vikare vom Stapel gelassen. Hervorgetan hat er sich nur durch die Gefälligkeit seiner Sprache und die Höflichkeit seiner Umgangsformen. Sind das Titel genug für die Unsterblichkeit?«

»Tournebroche,« entgegnete der Herr Abbé Coignard höflich, »du denkst mit jener Schlichtheit, die deine Frau Mutter dir bei deiner Geburt mitgab, und ich sehe, du wirst diese angeborene Treuherzigkeit lange bewahren. Ich beglückwünsche dich dazu. Doch die Unschuld sollte dich nicht ungerecht machen; genug, wenn sie dich unwissend erhält. Zu der Unsterblichkeit, die man Herrn von Séez verliehen hat, ist weder ein Bossuet noch ein Belzunce gelangt; sie ist nicht ins Herz der erstaunten Völker geschrieben, sondern in eine große Liste eingetragen, und du begreifst wohl, daß diese papierenen Lorbeeren nicht so viel wert sind wie die auf Heldenköpfen.

Wenn unter den vierzig Unsterblichen mehr Männer von Höflichkeit als Genie sitzen – was kann es schaden? In der Akademie herrscht die Mittelmäßigkeit. Wo herrschte sie nicht? Siehst du sie weniger mächtig in den Parlamenten oder im Kronrate, wo sie sicherlich weniger am Platze wäre? Muß man denn ein Ausnahmemensch sein, um an einem Wörterbuche zu arbeiten, das den Sprachgebrauch regeln will und ihm nicht einmal zu folgen vermag?

Die Akademie ward, wie du weißt, begründet, um den schönen Stil der Rede festzulegen und die Sprache von allen veralteten und volkstümlichen Schlacken zu säubern, damit kein neuer Rabelais und Montaigne erstünde, der ganz nach Pöbel, Schulfuchserei und Provinz stinkt. Zu diesem Zweck vereinigte man Edelleute, die den guten Sprachgebrauch kannten, und Schriftsteller, denen daran lag, ihn kennen zu lernen. Es stand zu befürchten, daß die Akademie die französische Sprache tyrannisch reformieren würde. Doch bald merkte man, daß diese Befürchtung eitel war und daß die Akademiker dem Sprachgebrauch folgten, statt ihn zu diktieren. Trotz ihres Verbotes sagt man nach wie vor: ›Ich schließe meine TürDie Akademie verwarf diese Redensart tatsächlich.
Siehe Saint-Evremont:

»Der Sprachgebrauch ist mächtig, doch nicht immer
Genau. So sagt man falsch: »Ich schließe meine Tür.«
Um nicht zu frieren, mache man hinfür
Die Türe zu, doch schließe man das Zimmer
‹.

Die Akademie beschränkte sich bald darauf, die Fortschritte des Sprachgebrauches in einem dicken Wörterbuche festzulegen. Das ist die einzige Beschäftigung der Unsterblichen. Haben sie diese vollbracht, so haben sie reichlich Muße, sich miteinander zu ergötzen. Dazu aber bedürfen sie witziger, gewandter, anmutiger Gefährten, liebenswürdiger, verständiger, weltmännischer Kollegen. Bei starken Talenten sind diese Eigenschaften nicht immer zu finden. Das Genie ist oft ungesellig. Ein Ausnahmemensch ist selten ein Gesellschaftsmensch. Die Akademie hat einen Pascal und Descartes übergangen. Wer will behaupten, sie hätte ebensogut Herrn Godeau und Herrn Conrart oder irgendeinen andren von schmiegsamem, geselligem und klugem Geist übergehen können?«

»Ach!« seufzte ich, »so ist sie denn kein Senat göttergleicher Menschen, kein Konzil von Unsterblichen, kein erhabener Areopag der Poesie und Beredsamkeit?«

»Nein, mein Sohn. Sie ist eine Gesellschaft, die sich der Höflichkeit befleißigt; und dadurch steht sie in großem Rufe bei den fremden Völkern, insbesondere bei den Moskowitern. Du hast keine Ahnung, mein Sohn, wie die französische Akademie von den deutschen Baronen, den Obersten des russischen Heeres und den englischen Lords bewundert wird. Diese Ausländer schätzen nichts so sehr wie unsre Akademiker und unsre Balletteusen. Ich kannte eine sarmatische Fürstin von großer Schönheit, die bei ihrer Ankunft in Paris mit Ungeduld auf einen beliebigen Akademiker fahndete, um ihm ihre Scham zu opfern.«

»Wenn es so ist,« rief ich aus, »wie können die Akademiker ihren guten Ruf dann bei Neuwahlen aufs Spiel setzen und Mißgriffe tun, die hier allgemein gerügt werden?«

»Holla, Tournebroche, mein Sohn!« rief mein guter Lehrer, »schimpfen wir nicht auf die Mißgriffe bei den Wahlen. Zunächst muß man, wie bei allen menschlichen Dingen, dem Zufall seinen Anteil lassen, denn er ist im ganzen genommen der Anteil Gottes auf Erden und der einzige, durch den sich die göttliche Vorsehung auf Erden deutlich kundgibt. Denn du begreifst wohl, mein Sohn: was man so die Launen des Schicksals nennt, das ist in Wahrheit nichts andres als die Rache der göttlichen Weisheit an den Plänen der falschen Weisen, mit denen sie ihr Spiel treibt. Zweitens geziemt es sich bei allen Gesellschaften, der Laune und Phantasie einige Zugeständnisse zu machen. Eine durchaus vernünftige Gesellschaft wäre durchaus unerträglich; sie würde unter der kalten Herrschaft der Gerechtigkeit dahinwelken. Sie würde sich weder für mächtig noch selbst für frei halten, wenn sie nicht von Zeit zu Zeit den köstliehen Genuß hätte, der Vernunft und der öffentlichen Meinung ins Gesicht zu schlagen. Es ist die Lieblingssünde der Mächtigen dieser Welt, wunderlichen Launen zu fröhnen. Warum sollte die Akademie keine Schrullen haben, wie der Großtürke oder die hübschen Damen?

Viele gegensätzliche Leidenschaften vereinigen sich zu diesen Mißgriffen bei den Wahlen, über die sich schlichte Gemüter ereifern. Es ist eine Kurzweil für ehrbare Leute, einen Unglücklichen am Wickel zu kriegen und ihn zum Akademiker zu machen. Ebenso erhebt der Gott des Psalmisten den Armen von seinem Misthaufen. Erigens de stercore pauperum, ut collocet eum cum principibus, cum principibus populi sui. Derartige Streiche verblüffen die Völker, und die, welche sie treffen, müssen sich im Besitz einer geheimnisvollen, furchtbaren Macht wähnen. Und welche Freude liegt darin, den Armen im Geiste von seinem Misthaufen zu erheben, während man irgendeinen Despoten im Reiche des Geistes im Dunkeln läßt! Das heißt, in einem Zuge eine seltene und köstliche Mischung von befriedigtem Mitleid und gesättigtem Neid trinken. Das heißt, mit allen Sinnen genießen und den ganzen Menschen befriedigen. Und du willst, daß die Akademiker der Süße eines solchen Trankes widerstehen!

Überdies mußt du bedenken, daß die Akademiker, indem sie sich diese raffinierte Wollust bereiten, in ihrem eigensten Vorteil handeln. Eine Gesellschaft aus lauter großen Männern wäre wenig zahlreich und dürfte trübsinnig ausfallen. Die großen Männer können einander nicht riechen, und sie sind durchaus nicht geistreich. Es ist gut, ihnen kleine Geister beizugesellen. Das macht ihnen Spaß. Die kleinen profitieren von der Nachbarschaft, die großen vom Vergleich; so kommen beide Teile auf ihre Rechnung. Bewundernswert ist es, mit wie sichrem Spiel, durch welchen scharfsinnigen Mechanismus die französische Akademie manchen ihrer Mitglieder die Bedeutung verleiht, die sie den andren entlehnt. Sie ist ein System von Sonnen und Planeten, in dem jedes Gestirn durch eignen oder fremden Glanz leuchtet. Genug. Die Mißgriffe bei der Wahl sind eine Daseinsbedingung dieser erlauchten Körperschaft. Fiele sie bei ihren Wahlen nie in Schwächen und Irrtümer, gäbe sie sich nicht bisweilen den Anschein, aufs Geratewohl zu wählen, so machte sie sich so verhaßt, daß sie nicht mehr existieren könnte. Sie stände in der Gelehrten-Republik wie ein Gerichtshof inmitten von Verurteilten. Wäre sie unfehlbar, so wäre sie hassenswert. Welche Kränkung für die Übergangenen, wenn die Erwählten stets die Trefflichsten wären! Richelieus TochterDie Akademie wurde von Richelieu gegründet. D. Übers. muß sich etwas leichtfertig zeigen, sonst erschiene sie zu anmaßlich. Daß sie Launen hat, ist ihre Rettung. Ihre Ungerechtigkeit entsühnt sie, und weil wir wissen, daß sie launisch ist, so kann sie uns übergehen, ohne uns zu verletzen. Es ist für sie manchmal so vorteilhaft, einen Mißgriff zu tun, daß ich trotz des Augenscheins zu dem Glauben neige, daß sie ihn absichtlich tut. Sie macht bewundernswerte Kunststücke, um die Eigenliebe der Übergangenen zu schonen, und manche ihrer Wahlen entwaffnen den Neid. In ihren scheinbaren Fehlern muß man ihre wirkliche Weisheit bewundern.«

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