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Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard

Anatole France: Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard - Kapitel 11
Quellenangabe
typeaphorism
authorAnatole France
titleNützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard
publisherMusarion Verlag
addressMünchen
printrun4
year1924
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060512
projectidf98f2de3
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Das Heer

I

Als wir so auf dem Pont-Neuf standen, hörten wir Trommelwirbel. Es war das Aufgebot eines Werbe-Unteroffiziers, der, die Faust in die Hüfte gestemmt, breitspurig auf dem Uferdamm stand, gefolgt von einem Dutzend Soldaten, die Brote und Würste auf ihre Bajonette aufgespießt trugen. Ein Kreis von Bettlern und Gassenbuben glotzte ihn offnen Mundes an.

Er drehte sich den Schnurrbart hoch und ließ seinen Aufruf erschallen.

»Hören wir gar nicht hin,« sagte mein guter Lehrer. »Das wäre verlorene Zeit. Dieser Sergeant redet im Namen des Königs; es kann nichts Vernünftiges sein. Willst du über dieses Thema etwas Gescheites hören, so mußt du in eine der Werbestuben am Quai de la Ferraille gehen, wo die Werber die Lakaien und Bauern beschwatzen. Diese Leute sind Halunken und müssen beredt sein. Ich entsinne mich, in jungen Jahren, zur Zeit des verstorbenen Königs, die wunderbarste Rede aus dem Munde eines dieser Menschenhändler gehört zu haben; er hatte seinen Laden im Vallée-de-Misère, das du von hier siehst, mein Sohn. Er warb Leute für die Kolonien an. ›Ihr jungen Leute, die ihr mich umsteht,‹ sagte er zu ihnen, ›ihr habt gewiß schon vom Schlaraffenland gehört; nach Indien müßt ihr, um dieses gesegnete Land zu finden; dort hat man alles in Hülle und Fülle. Wünscht ihr euch Gold, Perlen, Diamanten? Die Straßen sind damit gepflastert; man braucht sich nur zu bücken, um sie aufzuheben. Doch ihr braucht euch nicht mal zu bücken: die Eingeborenen werden es für euch tun. Ich rede nicht von dem Kaffee, den Apfelsinen, Granatäpfeln und Zitronen, den Ananas und den abertausend köstlichen Früchten, die da wild wachsen, wie im irdischen Paradiese. Hätte ich mit Weibern und Kindern zu tun, ich priese ihnen alle diese Leckereien; aber ich rede zu Männern.‹

Ich will nicht wiederholen, mein Sohn, was er alles vom Ruhme geredet hat; aber glaube mir: er kam Demosthenes an Energie und Cicero an Wortschwall gleich. Durch diese Rede verlockte er fünf bis sechs Unglückliche zur Fahrt nach den Sümpfen, wo sie am gelben Fieber starben. Wahrlich, die Beredsamkeit ist eine gefährliche Waffe, und der Geist der Künste zeigte seine unwiderstehliche Macht im Guten wie im Bösen. Danke Gott dafür, Tournebroche, daß er dir keinerlei Gaben verliehen hat und daß du folglich nicht Gefahr läufst, eines Tages eine Geißel der Völker zu werden. Gottes Lieblinge, mein Sohn, erkennt man daran, daß sie keinerlei Geist besitzen; und ich habe es an mir selbst erfahren, daß der lebhafte Verstand, den der Himmel mir verliehen, mir ein unaufhörlicher Anlaß zur Gefährdung meines irdischen und himmlischen Friedens ward. Was würde geschehen, wenn Herz und Denken Cäsars in meinem Kopf und Busen wohnten? Meine Gelüste würden kein Geschlecht achten, und ich wäre dem Mitleid verschlossen. Ich würde unauslöschliche innere und äußere Kriege entzünden. Und der große Cäsar besaß doch eine feingebildete Seele und eine Art von Milde. Sittsam starb er unter den Dolchstößen seiner tugendhaften Mörder. Oh ihr Iden des März, ewig verhängnisvoller Tag, wo brutale Tugendhelden dieses reizende Ungeheuer umbrachten! Ich bin würdig, den göttlichen Julius an der Seite der Venus, seiner Stammmutter, zu beweinen, und wenn ich ihn Ungeheuer nenne, so geschieht es aus Zärtlichkeit; denn in seiner harmonischen Seele war nichts übermäßig als der Wille zur Macht. Er besaß natürliches Gefühl für Maß und Rhythmus. In seiner Jugend ergötzte er sich ebenso an der Völlerei wie an der Grammatik. Er war ein Redner, und gewiß zierte seine Schönheit die gewollte Nüchternheit seiner Reden. Er liebte Kleopatra mit der gleichen mathematischen Genauigkeit, die er bei all seinen Plänen offenbarte. In seinen Schriften wie in seinen Taten waltet der Geist der Klarheit. Bis in den Krieg hinein war er ein Freund der Ordnung und des Friedens, empfänglich für Harmonie und so geschickt im Gesetzemachen, daß wir noch heute, bei all unsrer Barbarei, unter der Majestät seiner Herrschaft leben, welche die Welt so gemacht hat, wie sie jetzt ist. Du siehst, mein Sohn, ich versage ihm weder Lob noch Liebe. Feldherr, Diktator und Hohepriester in einer Person, hat er die Welt mit seinen schönen Händen geknetet. Ich für mein Teil war Professor der Beredsamkeit am Kolleg von Beauvais, Sekretär einer Opernsängerin, Bibliothekar des Herrn Bischofs von Séez, öffentlicher Schreiber am Beinhaus Saint-Innocent und Lehrer von deines Vaters Sohn in der Bratküche ›Zur Königin Gänsefuß‹. Ich habe einen schönen Katalog wertvoller Manuskripte verfaßt, etliche Broschüren geschrieben, von denen wir lieber nicht reden wollen, und ein paar Betrachtungen auf Fließpapier hingeworfen, von denen die Verleger nichts wissen wollten. Trotzdem möchte ich mein Dasein nicht mit dem des großen Cäsar vertauschen. Meine Unschuld litte zu sehr darunter. Und ich will lieber ein armer, obskurer, verachteter Mann sein, wie ich es in Wahrheit bin, als jenen Gipfel zu erklimmen, von dem man der Menschheit neue Geschicke auf blutigen Bahnen vorschreibt.

Jener Werbe-Unteroffizier dort, der den Bettlern, wie du hörst, täglich einen Sou nebst Brot und Fleisch verspricht, bringt mich, mein Sohn, auf tiefe Gedanken über Heer und Krieg. Ich habe alle Berufe ausgeübt, außer dem des Soldaten, welcher mir stets Abscheu und Schrecken einflößte, wegen der Knechtschaft, des falschen Ruhmes und der Grausamkeit, die von ihm unzertrennlich sind und denen meine friedliche Natur und meine wilde Freiheitsliebe ebenso widerstrebt wie mein Geist, der den Ruhm der Flinte in gerechter Erkenntnis nicht überschätzt. Ganz zu geschweigen von meinem unbezwinglichen Hange zum Sinnen, der durch den Gebrauch von Säbel und Flinte zu sehr gelitten hätte. Da mir nichts daran liegt, Cäsar zu sein, so kannst du dir denken, daß ich noch weniger ein Bramarbas sein will. Und ich gestehe dir, mein Sohn, daß der Militärdienst mir als die schrecklichste Pestilenz der Kulturmenschheit erscheint.

Dies Gefühl ist philosophischer Art. Es ist also wenig wahrscheinlich, daß es je von einer größeren Anzahl von Menschen geteilt wird. Und in der Tat werden die Könige und Republiken stets so viele Soldaten finden, als sie zu ihren Paraden und Kriegen beanspruchen. Ich las bei Herrn Blaizot im Laden ›Zur Heiligen Katharina‹ die Traktate von Macchiavell, die sich dort in prächtigen Pergamentbänden vollzählig vorfinden. Das verdienen sie, mein Sohn, und ich für mein Teil schätze jenen Florentiner Sekretär sehr hoch: war er doch der erste, der den Handlungen der Politiker jenen Nimbus der Gerechtigkeit nahm, unter dessen Schutze sie stets nur ehrenvolle Verbrechen begingen. Dieser Florentiner, der sein Vaterland in der Abhängigkeit der Söldner sah, die es verteidigen sollten, kam zuerst auf den Gedanken eines Volksheeres. Irgendwo in seinen Büchern sagt er, es sei gerecht, daß alle Bürger zur Sicherung ihres Vaterlandes beitrügen und daß sie alle Soldaten würden. Ein Gleiches hörte ich bei Herrn Blaizot von Herrn Roman, der, wie du weißt, voller Eifer für die Rechte des Staates ist. Ihm liegt nichts so am Herzen wie die Allgemeinheit, und er wird erst dann zufrieden sein, wenn alle Privatinteressen den öffentlichen geopfert sein werden. Macchiavell und Herr Roman wollen also, daß wir alle Soldaten werden, da wir alle Staatsbürger sind. Ich will ihnen nicht beipflichten und sagen, daß dies gerecht sei, aber auch nicht, daß es unrecht sei, aus dem einfachen Grunde, weil Recht und Unrecht eine Sache des Denkens sind und über dieses Thema nur die Sophisten entscheiden.«

»Wie, mein guter Lehrer!« rief ich schmerzlich überrascht aus, »Sie behaupten, die Gerechtigkeit hinge von den Gründen eines Sophisten ab, und unsre Taten wären recht oder unrecht, je nach den Argumenten eines geschickten Mannes? Dieser Grundsatz verblüfft mich mehr, als ich sagen kann.«

»Tournebroche, mein Sohn,« erwiderte der Abbé Coignard, »bedenke, daß ich von der irdischen Gerechtigkeit rede, die von der göttlichen verschieden ist, ja ihr zumeist widerspricht. Die Menschen haben den Begriff von Recht und Unrecht immer nur mit ihrer Beredsamkeit verfochten, die dem Für und Wider unterliegt. Vielleicht, mein Sohn, willst du die Gerechtigkeit auf das Gefühl begründen, aber sieh dich vor; du wirst auf diesem Fundament nur eine schlichte Hütte erbauen, die Hütte des alten Evander, die Hütte, in der Philemon und Baucis lebten. Der Palast der Gesetze, der Turm der Staatseinrichtungen erheischt andre Grundfesten, deren ungerechte Last die harmlose Natur nicht allein zu tragen vermöchte; und so erheben diese uralten Mauern sich denn auf einem Grunde uralter Lügen, kraft der feinen und doch so brutalen Kunst der Gesetzgeber, Beamten und Fürsten.

Tournebroche, mein Sohn, es ist eine Albernheit, ergründen zu wollen, ob ein Gesetz gerecht oder ungerecht sei; und mit dem Kriegsdienste steht es nicht anders als mit den andern Institutionen, von denen man nicht sagen kann, ob sie im Grunde gut oder schlecht sind, denn es gibt keinen andren Grund als Gott, aus dem alles hervorgeht. Du mußt dich, mein Sohn, aus der Knechtschaft der Worte befreien, welcher die Menschen sich am willigsten fügen. Vernimm denn, daß das Wort Gerechtigkeit keine andere Bedeutung hat als die theologische, und da ist es furchtbar bedeutungsvoll. Vernimm, daß Herr Roman nur ein Sophist ist, wenn er dir beweist, daß man dem Fürsten Kriegsdienste schulde. Trotzdem glaube ich, wenn der Fürst je alle Bürger zu den Waffen riefe, so würden sie seinem Rufe nicht nur willfährig, sondern freudig folgen. Ich habe beobachtet, daß das natürlichste menschliche Handwerk das Kriegshandwerk ist; zu ihm zieht es den Menschen am ersten, dank seinen Instinkten und seinem Geschmack, welcher nicht immer der beste ist. Von einigen seltnen Ausnahmen, wie ich bin, abgesehen, kann man den Menschen als flintentragendes Tier bezeichnen. Man gebe ihm eine schmucke Uniform und die Aussicht auf eine Schlacht, und er ist zufrieden. Deshalb machen wir den Soldatenstand auch zum vornehmsten Stande, und das trifft auch insofern zu, als er der urälteste ist, da schon die ersten Menschen Krieger waren. Auch darin paßt der Soldatenstand zur Menschennatur, daß man als Soldat nie denkt; und es ist klar, daß wir nicht zum Denken gemacht sind.

Denken ist eine besondre Krankheit gewisser Individuen, die, wenn sie sich ausdehnte, das Ende unsrer Art herbeiführen müßte. Die Soldaten leben in Herden, und der Mensch ist ein geselliges Tier. Sie tragen zweierlei Tuch, Bänder, Federn und Kokarden, die ihnen den Weibern gegenüber das Vorrecht des Hahns vor der Henne sichern. Sie ziehen auf Krieg und Raub aus, und der Mensch ist von Natur räuberisch, gierig, zerstörerisch und ruhmsüchtig. Namentlich wir Franzosen lassen uns durch den Ruhm bestimmen, zu den Waffen zu greifen. In der öffentlichen Meinung ist der Kriegsruhm fraglos der einzig glänzende. Um das zu erkennen, braucht man nur in der Geschichte zu lesen. Man verzeiht es La Tulipe, daß er kein besserer Philosoph war als Titus Livius.«

Und mein teurer Lehrer schloß mit diesen Worten:

»Man muß bedenken, mein Sohn, daß die Menschen durch die Flucht der Zeiten eine Kette bilden, von der sie selbst nur wenige Ringe sehen. Daher verknüpfen sie den Gedanken der Vornehmheit mit Gewohnheiten, deren Ursprung bescheiden und barbarisch war. Ihre Unwissenheit leistet ihrer Eitelkeit Vorschub. Sie gründen ihren Ruhm auf uraltes Elend; und das Ansehen der Waffen stammt lediglich aus der Wildheit der Urzeit, deren Andenken die Bibel und die Dichter bewahrt haben. Ja, was ist dieses säbelrasselnde Junkertum, das sich so hochmütig über uns erhebt, in Wirklichkeit anders als das entartete Überbleibsel jener unglücklichen, in den Wäldern hausenden Jäger, die der Dichter Lukrez derart schildert, daß man nicht recht weiß, ob er Menschen oder Tiere meint? Es ist erstaunlich, Tournebroche, mein Sohn, daß Krieg und Jagd, deren bloße Vorstellung uns mit Scham und Reue erfüllen sollte, indem sie uns an die elenden Notwendigkeiten unsrer Natur und unsre uralte Schlechtigkeit gemahnt, im Gegenteil den Hochmut der Menschen befördert, daß die christlichen Völker fortfahren, das Handwerk des Schlächters und Mörders zu ehren, wenn es nur altangestammt ist, ja daß man das bürgerliche Ansehen der gesitteten Völker nach der Anzahl der Morde und Metzeleien bemißt, die sie sozusagen im Leibe haben.«

»Herr Abbé,« fragte ich meinen guten Lehrer, »glauben Sie nicht, daß das Waffenhandwerk für vornehm gilt, weil es voller Gefahren ist und Mut erfordert?«

»Mein Sohn,« erwiderte mein guter Lehrer, »wenn ein Stand in dem Maße vornehm ist, als er Gefahren mit sich bringt, so stehe ich nicht an zu behaupten, daß die Bauern und Arbeiter die Edelsten der Nation sind, denn sie laufen täglich Gefahr, vor Erschöpfung und Hunger zu sterben. Die Gefahren, denen sich die Soldaten und ihre Führer aussetzen, sind an Zahl wie an Dauer geringer; sie währen nur wenige Stunden im ganzen Leben und bestehen darin, den Kanonen- und Musketenkugeln Trotz zu bieten, welche nicht so todbringend sind wie das Elend. Die Menschen müssen recht eitel und leichtfertig sein, mein Sohn, daß sie das Kriegshandwerk für rühmlicher halten als die Künste des Friedens.«

»Herr Abbé,« sagte ich weiter, »glauben Sie nicht, daß die Soldaten zur Sicherheit des Staates nötig sind, und daß wir sie wegen ihrer Nützlichkeit ehren sollen?«

»In der Tat, mein Sohn, gehört der Krieg zu den Notwendigkeiten der Menschennatur, und man kann sich keine Völker vorstellen, die nicht morden, plündern und brennen. Ebensowenig kann man sich einen Fürsten vorstellen, der nicht Macht vor Recht gehen ließe. Man würde ihm sonst Vorwürfe machen und ihn verachten, weil er den Ruhm zu wenig liebt Der Krieg ist also eine Notwendigkeit des Menschenlebens; er liegt den Menschen näher als der Friede, der nur eine Ruhepause ist. Daher sieht man die Fürsten denn auch ihre Heere aus den schlechtesten Vorwänden, aus den nichtigsten Gründen gegeneinander loslassen. Sie berufen sich auf ihre Ehre, die äußerst empfindlich ist. Ein Hauch kann sie beflecken, und sie läßt sich nur mit dem Blute von zehn-, zwanzig-, dreißig-, ja hunderttausend Menschen reinwaschen, je nach der Größe ihres Staates. Freilich sieht man nicht recht ein, wieso die Ehre des Fürsten durch das Blut dieser Unglücklichen reingewaschen werden kann; oder man sieht vielmehr ein, daß dies alles nur Worte ohne Sinn sind; aber die Menschen lassen sich für Worte ja gern totschlagen. Eins aber ist noch wunderbarer, daß ein Fürst durch den Raub einer Provinz viel Ehre gewinnt und daß ein Verbrechen, das bei einem schlichten Bürgersmann mit dem Tode bestraft würde, löblich wird, wenn ein Fürst es durch seine Söldner mit wütendster Grausamkeit ausführen läßt.«

Nachdem mein guter Lehrer also gesprochen, zog er seine Schnupftabaksdose und schnupfte die paar Körner Tabak, die noch darin waren.

»Herr Abbé,« fragte ich ihn, »gibt es keine gerechten Kriege für eine gute Sache?«

»Tournebroche, mein Sohn,« antwortete er mir, »die gesitteten Völker haben die Ungerechtigkeit des Krieges zu weit getrieben und das Kriegführen ebenso unbillig wie grausam gemacht. Die ersten Kriege wurden geführt, um Volksstämme auf fruchtbarem Ackerland anzusiedeln. So eroberten die Kinder Israel, vom Hunger getrieben, das Heilige Land. Doch seit dem Fortschreiten der Kultur hat man den Krieg zur Eroberung von Kolonien und Handelsplätzen benutzt, wie man es an Spanien und Holland, an England und Frankreich sehen kann. Schließlich hat man gesehen, wie Könige und Kaiser Provinzen ohne zwingendes Bedürfnis raubten und sie verödeten, ohne Nutzen für sich und ohne andern Vorteil als den, Triumphbögen und Denkmäler darin zu errichten. Und dieser Mißbrauch des Krieges ist der abscheulichste, so daß man entweder glauben muß, daß die Völker mit dem Fortschritt der Kultur immer schlechter werden, oder daß man, da Kriegführen eine Notwendigkeit der Menschennatur ist, die Kriege um ihrer selbst willen führt, ohne jeden vernünftigen Grund.

Diese Betrachtung betrübt mich tief, denn Beruf und Neigung führen mich zur Menschenliebe. Und was mich vollends betrübt, Tournebroche, mein Sohn, das ist die Beobachtung, daß meine Tabaksdose leer ist, und der Tabak ist die Stelle, wo ich meine Armut am empfindlichsten spüre.«

Sowohl um seine Gedanken von diesem persönlichen Ungemach abzulenken, wie um mich belehren zu lassen, fragte ich ihn, ob der Bürgerkrieg ihm nicht als die abscheulichste Form des Krieges erschiene.

»Er ist«, antwortete er, »recht verwerflich, aber nicht allzu töricht, denn wenn die Bürger miteinander handgemein werden, so wissen sie meist besser, warum sie dies tun, als wenn sie gegen fremde Völker ins Feld ziehen. Aufruhr und heimische Zwistigkeiten entstehen meist aus dem großen Elend der Völker. Sie sind die Folge von Verzweiflung und der einzige Ausweg, der den Unglücklichen bleibt, um ein besseres Leben und wohl gar ein Stückchen Herrschaft zu gewinnen. Aber man muß eins beachten, mein Sohn: je mehr die Aufrührer vom Elend getrieben und somit entschuldbar sind, um so geringer ist ihre Aussicht auf Erfolg. Verhungert und blöde, nur von Wut gestachelt, sind sie zu großen Plänen und klugen Maßregeln unfähig, so daß der Fürst sie ohne Mühe zu Paaren treibt. Schwerer ist es, den Aufstand der Großen niederzuwerfen, der verabscheuungswürdig ist, da die Not ihn nicht entschuldigt.

Kurz und gut, mein Sohn, ob Bürgerkrieg oder auswärtiger Krieg, der Krieg ist immer verwerflich und von einer Schändlichkeit, die ich verabscheue.«

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