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Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard

Anatole France: Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard - Kapitel 10
Quellenangabe
typeaphorism
authorAnatole France
titleNützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard
publisherMusarion Verlag
addressMünchen
printrun4
year1924
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060512
projectidf98f2de3
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Die Wissenschaft

Eines Tages ging ich mit meinem guten Lehrer nach dem Pont-Neuf, dessen Nischen voller Büchergestelle waren, auf denen die Straßenantiquare Romane und Erbauungsschriften nebeneinander zur Schau stellen. Man findet dort für zwei Sous die ganze »Asträa« und den »Großen Cyrus«; fettig und abgegriffen von den Händen der Provinzleser, daneben »Mittel gegen Brandwunden« und verschiedene Werke der Jesuiten. Mein guter Lehrer pflegte im Vorbeigehen ein paar Seiten in diesen Büchern zu lesen, ohne sie zu kaufen; denn er war mittellos und hob sich die sechs Weißpfennige, die er von ungefähr in seiner Hosentasche fand, klüglich für die Zeche im »Bacchusknaben« auf. Im übrigen gelüstete ihn wenig nach den Schätzen dieser Welt, und die besten Bücher lockten ihn nicht zum Kauf, wenn er nur die schönsten Stellen herausklauben konnte, um sie nachher mit bewundernswerter Weisheit zu erörtern. Was ihm an den Büchern auf dem Pont-Neuf besonders gefiel, das war, daß sie durch die Nähe der Pfannenbäcker nach gebacknen Fischen dufteten, so daß der große Mann dort zugleich die holden Düfte der Küche und der Wissenschaft einschlürfen konnte.

Er setzte seine Brille zurecht und betrachtete die Auslage eines Althändlers mit der Zufriedenheit einer glücklichen Seele, der alles anmutig erscheint, weil alles sich mit Anmut in ihr spiegelt.

»Tournebroche, mein Sohn,« sagte er zu mir, »unter den Büchern dieses Biedermannes sind einige zu einer Zeit gedruckt, wo die Buchdruckerkunst sozusagen noch in den Windeln lag; und man merkt ihnen die Roheit unsrer Voreltern an. Ich sehe dort eine barbarische Chronik von Monstrelet, der, wie man sagt, beißender ist als ein Topf voll Senf, und zwei oder drei Lebensbeschreibungen der hl. Margarethe, welche die Weiber dereinst in Geburtswehen als Kompresse auf ihren Leib legten. Unfaßlich wäre es, daß die Menschen so blödsinnig gewesen sind, derartige Abgeschmacktheiten zu schreiben, wenn unser heiliger Glaube uns nicht lehrte, daß sie mit einer Anlage zur Blödigkeit auf die Welt kommen. Und da das Licht des Glaubens mich nie verlassen hat, zum Glück nicht einmal in den Verirrungen der Tafel- und Liebesfreuden, so begreife ich ihren früheren Stumpfsinn besser als ihre gegenwärtige Vernunft, die mir, um alles zu sagen, als täuschend und trügerisch erscheint, so wie sie den künftigen Geschlechtern erscheinen wird; denn der Mensch ist seinem Wesen nach ein dummes Tier, und die Fortschritte seines Geistes sind nichts als eitle Sprünge seiner Ungeduld. Darum, mein Sohn, mißtraue ich der sogenannten Wissenschaft und Philosophie, welche nach meinem Gefühl nichts ist als ein Mißbrauch von trügerischen Vorstellungen und Bildern und gewissermaßen die Übermacht des bösen Geistes über die Seelen. Du weißt, daß ich weit entfernt bin, an alle die Teufelsgeschichten zu glauben, vor denen das leichtgläubige Volk sich ängstigt. Ich bin mit den Kirchenvätern der Meinung, daß die Verführung in uns liegt, und daß wir selbst unsre Teufel und Zauberer sind. Aber ich bin auf Herrn Descartes und auf alle die Philosophen böse, die nach seinem Vorbild unsre Lebensregeln und die Grundsätze unsres Erdenwandels in der Natur gesucht haben. Denn, Tournebroche, mein Sohn, was ist schließlich die Natur, wenn nicht eine Phantasmagorie unsrer Sinne? Und ich bitte dich, was bringt ihnen die Wissenschaft, was alle Gelehrten seit Gassendi, der doch kein Esel war, und seit Descartes mitsamt seinen Schülern bis zu dem liebenswürdigen Herrn von Fontenelle? Brillen, mein Sohn, Brillen wie die, welche auf meiner Nase sitzt. Was sind alle Mikroskope und Ferngläser, auf die wir so stolz sind, in Wahrheit anders als Brillen? Sie sind nur schärfer als die meine, die ich vergangenes Jahr beim Brillenhändler auf dem Jahrmarkt gekauft habe, und deren linkes Auge, auf dem ich am besten sehe, im letzten Winter leider zersprungen ist, damals, als der lahme Messerschmied, der mich in Verdacht hatte, Katharina, die Spitzenklöpplerin, zu küssen, mir einen Schemel an den Kopf warf; denn er ist ein Flegel, und die Trugbilder der Begierde verblenden ihn völlig. Ja, Tournebroche, mein Sohn, was sind diese Instrumente, mit denen die Gelehrten und Wißbegierigen ihre Flure und Zimmer vollstopfen? Was tun Fernrohre, Astrolabien und Kompasse anders, als die Sinne in ihren Illusionen zu bestärken und die schicksalsvolle Unwissenheit über die Natur, worin wir uns befinden, zu steigern, indem sie unsre Beziehungen zu ihr mehren? Die Gelehrtesten unterscheiden sich von den Unwissenden lediglich durch das anerworbene Vermögen, sich an vielfältigen und komplizierten Irrtümern zu weiden. Sie sehen die Welt durch einen Topas mit Facettenschliff, statt sie einfach, etwa wie deine Frau Mutter, mit dem bloßen Auge zu sehen, das der liebe Gott ihr gegeben hat. Aber andre Augen bekommen sie durch ihre Brillen nicht; sie werden nicht größer noch kleiner, indem sie den Raum mit Instrumenten messen; sie verändern ihr eignes Gewicht nicht, indem sie mit empfindlichen Wagen hantieren, sie entdecken bloß neue Scheinbarkeiten und werden so zum Spielball neuer Illusionen. Das ist alles! Wäre ich, mein Sohn, nicht von den Heilswahrheiten unsres Glaubens durchdrungen, mir bliebe bei meiner Überzeugung, daß alles menschliche Wissen nichts ist als ein Fortschritt in der Phantasmagorie, nichts übrig, als mich von diesem Geländer in die Seine zu stürzen, die schon manchen Ertrunkenen sah, seit sie in ihrem Bette dahinfließt, oder aber bei Katharina, der Spitzenklöpplerin, jene Art von Vergessen der Irdischen Mängel zu finden, das man in ihren Armen findet und das dort zu suchen meinem Stande und mehr noch meinen Jahren nicht ansteht. Inmitten der Instrumente, deren machtvolle Lügen den Trug meines Blickes ins Maßlose steigern würden, wüßte ich nicht, was ich glauben sollte, und ich würde einen recht kläglichen Akademiker abgeben.«

Also sprach mein teurer Lehrer vor der ersten Nische der Brücke linker Hand, wenn man von der Rue Dauphine kommt, und der Buchhändler erschrak bereits, denn er hielt ihn für einen Teufelsbeschwörer. Mit einem Male ergriff er ein altes Geometriebuch, das von Sebastian Leclerc mit ziemlich häßlichen Figuren geschmückt warDas Buch, von dem Jacques Tournebroche spricht, ist von Sebastian Leclerc mit Figuren geschmückt, deren Feinheit, Eleganz und Präzision ich sehr bewundere. Doch man muß Widerspruch ertragen können (Anatole France)..

»Vielleicht«, fuhr er fort, »würde ich, statt mich in der Liebe oder im Wasser zu ertränken, – falls ich kein katholischer Christ wäre – mich in die Mathematik stürzen; denn in ihr findet der Geist die Nahrung, nach der er am heftigsten begehrt, nämlich Zusammenhang und Folgerichtigkeit. Und ich gestehe, daß dieses kleine Buch, so gewöhnlich es ist, mir einigen Respekt vor dem Menschengeist beibringt.«

Bei diesen Worten schlug er das Lehrbuch des Sebastian Leclerc an der Stelle, wo die Dreiecke sind, so weit auf, daß es beinahe durchbrach. Doch alsbald warf er es verächtlich wieder hin.

»Ach!« murmelte er, »die Zahlen hängen von der Zeit ab, die Linien vom Raum – auch sie sind menschliche Illusionen. Außerhalb des Menschengeistes gibt es weder Mathematik noch Geometrie; sie ist im Grunde eine Wissenschaft, die uns nicht aus uns herausführt, obwohl sie eine recht anspruchsvolle Objektivität zur Schau trägt.«

Mit diesen Worten drehte er dem aufatmenden Buchhändler den Rücken und schöpfte tief Atem.

»Ach, Tournebroche, mein Sohn,« fuhr er fort, »du siehst mich an einem Übel leiden, das ich mir selbst zugelegt habe, dank dem glühenden Gewande, womit ich mich geflissentlich schmückte und kleidete.«

Er meinte dies aber nur bildlich, denn in Wirklichkeit trug er einen elenden Kittel, der nur noch zwei bis drei Knöpfe besaß, die überdies verkehrt zugeknöpft waren; und wenn man ihn darauf aufmerksam machte, so pflegte er dies lachend einen ehebrecherischen Anzug und ein Abbild der städtischen Sitten zu nennen.

Jetzt redete er voller Eifer.

»Ich hasse die Wissenschaft,« sprach er, »weil ich sie zu sehr geliebt habe, wie die Wollüstigen den Frauen vorwerfen, daß sie den Traum, den sie von ihnen hegten, nicht wahrgemacht hätten. Ich wollte alles wissen, und ich leide heute an diesem sündigen Wahnsinn. Glücklich,« setzte er hinzu, »oh, selig sind die guten Leute, die dort jenen Quacksalber umstehen!«

Und er wies auf die Lakaien, Kammerzofen und Lastträger vom Hafen Saint-Nicolas, die einen Marktschreier umstanden, der mit seinem Knecht eine Schaustellung gab.

»Schau, Tournebroche,« sagte er zu mir, »sie lachen von Herzen, wenn einer der beiden Narren dem andern einen Tritt auf den Hintern gibt. Und das ist in der Tat ein spaßhaftes Schauspiel, das für mich durch das Nachdenken ganz verdorben wird; denn wenn man das Wesen dieses Fußes und des übrigen ergründet, so lacht man nicht mehr. Als Christ hätte ich früher einsehen müssen, wieviel Bosheit in dieser heidnischen Regel liegt: ›Glücklich, wer die Ursachen ergründen kann.‹ Ich hätte mich in die heilige Einfalt wie in einen umfriedeten Garten einschließen und wie die Kinder bleiben sollen. Dann hätte ich mich zwar nicht an den rohen Späßen dieses Mondor erfreut, wohl aber an den Pflanzen in meinem Garten, und ich hätte Gott in den Blumen und Früchten meiner Apfelbäume gepriesen. Maßlose Wißbegier hat mich fortgerissen, mein Sohn; in der Unterhaltung mit Büchern und Gelehrten verlor ich den Frieden des Herzens, die heilige Einfalt und jene Reinheit der Schlichten und Demütigen, die um so bewundernswerter ist, als sie weder in Spelunken noch in Kneipen sich ändert, wie das Beispiel des lahmen Messerschmieds zeigt, oder auch, wenn ich so sagen darf, das deines Vaters, des Garkochs, der sich auch in Trunk und Ausschweifung viel Unschuld bewahrt. Wer aber in den Büchern studiert hat, dem ist sie entschwunden. Ihm bleibt für immerdar ein bitterer Hochmut und eine stolze Schwermut.«

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