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Novellen und Terzinen. Siebente Sammlung der Novellen

Paul Heyse: Novellen und Terzinen. Siebente Sammlung der Novellen - Kapitel 3
Quellenangabe
authorPaul Heyse
titleNovellen und Terzinen. Siebente Sammlung der Novellen
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
year1868
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180313
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Mutter und Kind.

(1866)

 

Einem jungen Förster im Badischen nahe bei Kehl war seine liebe Frau im ersten Wochenbette gestorben und hatte bald darauf das Kind sich nachgezogen. Nun saß der Wittwer wieder mit seinen Dienstleuten allein in der schmucken, für das junge Ehepaar neu ausgebauten Försterei, und das Leben war ihm verleidet. Als ein stattlicher Mann im Anfang der Dreißiger, dem das krause braune Haar eine offne Stirn und der Vollbart kräftig gebräunte Wangen umrahmten, hätte er wohl an keiner Thür vergebens angeklopft. Aber trotz alles Zuredens guter Freunde und wohlmeinender Freundinnen, die ihn gern wieder versorgt gesehen hätten, trieb er sein einsames Wesen schon ins dritte Jahr so fort und wies endlich die versteckten oder offenen Kuppelversuche mit einer Heftigkeit ab, von der überhaupt durch seine sonst so heitere und gleichmäßige Natur eine Ader mit unterlief. Nun geschah es an einem der warmen Oktobertage, die den Weinbauern so willkommen sind, daß der Herr Hubert, wie unser Waidmann genannt wurde, in Kehl Geschäfte hatte, die sich über Erwarten rasch erledigten. Da es ein Sonntag war, wollten ihn seine Bekannten in ihrem Hause festhalten, um den ersten Most zu versuchen. Er lehnte aber entschieden ab, weil ihm die Luft in dem Städtchen, wo er einst Hochzeit gehalten, das Herz schwer zu machen pflegte, und wanderte, in seine schmerzlichen Gedanken vertieft, über die Rheinbrücke dem alten Straßburg zu, das er längst einmal wiederzusehen gewünscht hatte.

Er fand darin Alles so ziemlich auf dem alten Fleck, und das muntere sonntägliche Leben in den sauberen Straßen that ihm wohl, nach der langen, kummervollen Abgeschiedenheit, in der er eigensinnig nur mit Thieren und Bäumen verkehrt hatte. Die Wanderstimmung seiner Jugend, wo er die Münsterstadt zuerst gesehen, kehrte ihm zurück, und der große Hühnerhund, der ihn stets begleitete, verwunderte sich nicht wenig, seinen Herrn plötzlich ein Liedchen pfeifen zu hören. So schlenderten sie im schönsten Herbstsonnenschein zum Judenthor hinaus durch die Park-Anlagen, die von geputzten Menschen wimmelten, und nachdem sie lange genug die französischen Offiziere mit ihren Damen und die übrige gute Gesellschaft in schönen Karossen, zu Pferde oder zu Fuß, beschaut hatten, ohne sich etwas Anderes dabei zu denken, als wie viel verschiedene Spielarten die Gattung Mensch aufzuweisen hat, traten sie in einen der Kaffeegärten etwas abseits von den Hauptanlagen, aus dem Militärmusik herüberklang, und vor dessen Thür ein beständiges Ab- und Zuströmen, besonders aus den unteren Klassen des Volkes, Statt fand.

Drinnen aber war es so voll, daß der Fremde, nachdem er eine Weile, ohne Platz zu finden, um die dichtbesetzten Tische herumgeirrt war, sich schon wieder dem Ausgang näherte, um in einem der vornehmeren jardins publics einen Rastort aufzusuchen. Da bemerkte er an einem runden Tisch, der um den Stamm einer Akazie gezimmert war, einen leeren Stuhl, und da die andern beiden von einer ältlichen Frau in geringer Kleidung und einem Knäbchen eingenommen waren, die beide in ihre großen Kaffeetassen vertieft schienen, glaubte er ohne Umstände sich hinzugesellen zu dürfen. – Pardon, Monsieur! sagte die Frau, der Stuhl ist besetzt. Aber wenn Sie sich einen andern verschaffen können, – am Tische ist noch ein Plätzle frei.

Sofort winkte Hubert einem Kellner, der ihm zu einem Sitz und einem Schoppen Wein verhalf, und war nun froh, nach so langem Treiben sich endlich niederlassen zu können

Ihr habt da einen schmucken Buben, Frau, sagte er freundlich, während er seine kleine Pfeife anzündete. Wie alt ist der junge Herr?

Eben fünf Jahr, Monsieur, erwiederte die Frau in schlechtem elsässischem Deutsch, das sie dann und wann mit französischen Redensarten durchflocht. Komm, Fritzle, putz dir den Mund ab, wenn du fertig bist, und prends garde, du hast dir schon einen Flecken auf dein Habitle gemacht. – Er ist nicht mein, fuhr sie gegen Hubert gewendet fort, dem Knaben sein Jäckchen abwischend. Ich hab' ihn aber so lieb, wie wenn er's wäre, wenn er brav ist. Gelt, Fritzle? Und wenn Mama dich straft, die Tante giebt dir immer Guts, daß du zu weinen aufhörst.

Das Knäbchen nickte, war aber in der Betrachtung des Hundes zu tief versunken, um viel Acht zu geben auf die Reden seiner Gönnerin.

Wer sind denn die Eltern? fragte Hubert, dem das Kind mit dem Lockenkopf und den aufmerksamen – braunen Augen sehr gefiel.

Seine Mutter ist mit hier; sie ist nur eben einmal nach dem Saal gegangen, um dem Tanzen zuzusehen. Wo der Vater ist, fügte sie, mitleidig die Achseln zuckend, hinzu, das mag Gott wissen!

Ich hab' keinen Papa, fing der Knabe plötzlich an. Mama sagt, ich brauch' auch keinen. Sie giebt mir schon Alles, was ich haben will. Gelt, Tante?

Die Frau warf dem Fremden einen bedeutungsvollen Blick zu, als ob sie sagen wollte: Die arme Unschuld versteht's eben noch nicht besser! – dann sagte sie: Mama hat Recht, Fritzle. Und wenn sie dir nichts mehr zu geben hat, kommst du zur Tante Bärbele, die theilt ihren letzten Bissen mit dir.

Das Kind war schon wieder mit dem Hunde beschäftigt, der seinen klugen Kopf sanft auf das kleine Knie gelegt hatte und sich von dem dreisten Händchen gemüthlich streicheln ließ.

Vous comprenez, Monsieur, fuhr die Alte fort, ce cher papa ist ein mauvais sujet, wie es leider Gottes viele giebt. Aber nicht alle kommen an ein so braves Mädele, wie das Mariannele ist. Wir sind nämlich Landsmänninnen, beide aus demselben Städtle in der Pfalz, und ich hab' sie ganz gut gekannt schon vor funfzehn Jahren, bis ich fortzog nach Straßburg, wo mein seliger Mann sich niederließ als Schuhmacher. Damals war sie noch ein kleinwinzig Dingele, Niemand hätte gedacht, daß sie so ein Staatsmädele werden würde, war auch erst zehn Jahr alt, und ihre Eltern, was ganz reputirliche Bürgersleut' sind, hielten sie streng zur Arbeit und zum Einsitzen, und da war sie blaß und dürr wie ein Zaunstecken. Ich bin um zwanzig Jahre älter, und als eine Geschwisterstochter zu ihrer Mutter kam ich oft ins Haus, und da hielt sie sich gern zu mir, und ich staunte nur immer, was das halbwüchsig Kind zu schwätzen wußte, wenn wir allein waren. Wie mich dann mein Seliger freite – und Alles wunderte sich, daß er mich nicht sitzen ließ, weil ich ein paar Jährle älter war, als er, und auch die Schönste nicht, aber er hatte nun einmal den Narren an mir gefressen – da weiß ich noch, daß das Mariannele gern mit zur Hochzeit gekommen wäre; aber der Vater, der ein sehr rauher Mann ist und immer von Kinderzucht predigte, litt es partu nicht, und da nahm ich im Haus von ihr Abschied und sagte noch: Mariannele, sagt' ich, wenn du nicht auf meine Hochzeit darfst, zu deiner komm' ich gewiß, und wenn es hundert Meilen wären. – Da ward das Kind roth, daß ich mich noch wunderte, weil es so jung war, und ich sagte: Nun, nun, es hat wohl noch Zeit! Und so kamen wir aus einander, und ein paar Jahr hört' ich nichts mehr von den Tischlersleuten, als hin und wieder einen Gruß; denn zum Schreiben war nicht viel Zeit, weil ich meinem Mann im Geschäft helfen mußte. Aber wenn einmal ein Landsmann bei uns durchpassirte, wußte er nicht genug zu sagen, wie das Mariannele zusehends schöner werde und so groß und stark, daß man's gar nicht für dasselbe Mädle halten sollt', während ihr Bruder, der erst rasch aufgeschossen war, wieder hinter sich wuchs. Und lustig sei sie und könne lachen und singen, als ob sie beständig Most getrunken hätt'. Was man nicht alles an einem Menschen erlebt! dacht' ich. Nun, dann wird's nicht lange hergehn, so mahnt sie mich an mein Versprechen, daß ich auf ihrer Hochzeit tanzen wollte. Ach du mein Heiland, das hat nun gute Wege!

Die gute Frau seufzte ein wenig, nahm ihr Strickzeug wieder auf und fing eifrig an zu stricken, während der Knabe sich auf die Erde gesetzt hatte und den Hund von seinem Wecken fütterte.

Und wie lange seid Ihr schon verwittwet, liebe Frau? fragte Hubert, den die harmlose Redseligkeit seiner neuen Bekanntschaft ergötzte.

Zu Weihnachten werden's gerade sechs Jahr, sagte die Frau, und mein armer Veit hatte noch ein Paar schöne rindslederne Schuhe, roth ausgenäht und wie für eine Gräfin, heimlich für mich gemacht, die sollt' ich zum Christkindle haben; statt dessen legt er sich hin und stirbt mir vor der Nase weg, mir nichts dir nichts; der Arzt meinte, er habe den französischen Wein nicht vertragen, und er hab's ihm oft gesagt, ein Schlägle werd' einmal anklopfen und ihm nicht Zeit lassen, »herein« zu rufen, und richtig, da lag er, und da hatt' ich nun die Bescherung. Und zuerst dacht' ich, ich sollt' wieder in mein' Heimath gehen, und wollt' nur das Frühjahr abwarten, und inzwischen half ich mir durch, mit Schuheinfassen bei fremden Meistern. Aber zu Ostern, wer kommt eines Abends in meine Thür gegangen? Ein großes schönes fremdes Frauenzimmer, und bleibt an der Schwelle stehen, als getraue sie sich nicht herein, und ich sage: Que cherchez – vous, Madame? – denn ich erkannte gleich ihren Zustand, und: prenez place, s'il vous plait! und was man so sagt. Sie aber, ohne ein Wort zu erwiedern, fängt plötzlich an zu weinen, fällt mir um den Hals und sagt: Ach, kennst du mich denn nimmer, Bas? Ich bin ja das Mariannele! – Ja so, sagt', ich, und nun erkannt' ich sie freilich an ihren schwarzen Augen, denn so Augen hat gar kein Weibsbildle außer ihr, und wie ich mich erst vom Schrecken erholt hatte, ließ ich mir Alles erzählen. Die Nacht haben wir beide kein Auge zugethan; aber geweint nicht viel. Denn sie war schon damals resolut und stolz und dachte: Es ist geschehen, man kann nichts mehr dazu und davon! Ja, so ist sie heute noch, und darum ist gut mit ihr leben. Geh, Fritzle, mußt dem Thier nicht dein ganz Händle ins Maul stecken; wer weiß, er schnappt einmal zu.

Habt keine Sorge, sagte Hubert. Ich seh' schon, der Bub ist gutartig und maltraitirt den Hund nicht; da läßt er sich denn viel gefallen.

Gutartig? Das ist der Fritzle wohl, und ich sag' immer, 's ist kein ungleich Fäsle an ihm, grad wie an seiner Mutter. Aber übermüthig ist er doch auch, der Spitzbub, und so kommt man zu Schaden. Hätt' das Mariannele das bedacht – aber nein, dann wär' das Bubele eben nicht auf der Welt, und das wär' mir leid und dem Mariannele am leidesten, trotz aller Plag' und Nachred'. Gelt, du Unkräutle, wenn wir dich nicht hätten, was fingen wir dann mit unseren Feiertagen an, zwei einschichtige Frauenzimmer wie wir sind? Denn Sie müssen wissen, Monsieur, in der Woche ist der Bub nicht bei uns, weil seine Mutter zum Nähen und Schneidern ausgeht und ich zu meinem Meister. Da haben wir ihn bei einem alten Pärle in Kost gethan, denen ihre Kinder alle gestorben sind, und die unsern Fritzle nun hüten wie ihr eigenes Nesthäkele. Aber Sonntag holt ihn seine Mutter schon ganz früh zu uns, und dann haben wir den ganzen Tag unsern Scherz und Spaß mit dem Nichtsnutz, und ich sag' immer: Der Bub ist unser Braten und unser Wein und unser Kuchen, und dann lacht das Mariannele und sagt: Wo du ihn mir auffrißt, nehm' ich's Messer und schneid' dir den Leib auf, daß ich mein Bubele noch lebendig wieder heraushol', wie's Rothkäpple. – So haben wir unseren Spaß mit einander.

Sie ließ ihr Gestrick ein wenig ruhen und warf einen zärtlichen Blick auf den Knaben, der sich eben abmühte, seinem geduldigen Spielkameraden auf den Rücken zu steigen. Der aber glitt ihm, ohne es übel zu nehmen, nur immer gelassen zwischen den kleinen Beinchen durch.

Komm, kleiner Mann, sagte Hubert. Reiten läßt er sich nicht. Ich weiß dir einen andern Gaul, der trabt ganz sanft und wird dich nicht abwerfen.

Damit hob er den Knaben, der sich ihm zutraulich näherte, auf sein Knie und fing an ihn reiten zu lassen, erst sacht im Schritt, dann immer wilder und lustiger, daß der Knabe, der sich mit den Beinchen festklammerte, übers ganze Gesicht strahlte und endlich mit hellem Jauchzen dem fremden Mann in den Bart griff, wie ein Neuling im Reiten sich an der Mähne festhält. Die Nähersitzenden wurden auf die kindliche Lustbarkeit aufmerksam und zeigten einander den munteren Knaben, der endlich so keck wurde, daß er seinem großen Spielgefährten die kaltgewordene Pfeife aus dem Munde nahm und sie nun selbst mit drolligem Ernst in sein kleines Mäulchen steckte, während er im tollsten Galopp an- und abflog.

Halt! sagte Hubert plötzlich und setzte den einbeinigen Gaul in Ruhe. Nun kommt der Reiter vor ein Wirthshaus und läßt sich eins einschenken. Darf er Wein trinken? fragte er die Taute, die mit Stolz dem Spiele zugeschaut hatte.

Der! erwiederte die Frau. Wo er eine Flasche findet, ist er drüber her, wie ein Alter. Dafür könnt' er meinen eigenen seligen Mann zum Vater haben, so ein liederlichs Weinsäuferle ist er schon jetzt.

Wohl bekomm's, Fritzle! sagte Hubert und reichte ihm sein Glas, das der Kleine schon vorher mit begierigen Augen angesehen hatte. Nun trank er, über und über glühend von dem heftigen Ritt und seine braunen Locken schüttelnd, auf die die Alte nicht wenig eitel zu sein schien, denn sie streichelte sie alle Augenblick. Aber während er trank, sah er durch das Glas nach dem Hause hinüber, von wo die Tanzmusik herkam, und plötzlich setzte er das halbgeleerte Glas wieder auf den Tisch und glitt vom Knie herunter. Mama, rief er mit seiner hellen Stimme, schau' nur, Mama, wer da ist! – Und damit lief er vom Tische fort mitten ins Menschengewühl hinein, durch das ich eben ein großer französischer Corporal mit einem martialischen Knebelbart à la Louis Napoleon hindurchdrängte, um seiner Begleiterin Platz zu verschaffen.

Letztere, an der der Knabe fröhlich hinaufsprang, war eine prachtvolle Brünette, vom schönsten Wuchs, und von ihren Augen hatte ihre Landsmännin nicht zu viel gesagt. Sie blitzten so wundersam unter den dicken schwärzen Wimpern hervor, halb herausfordernd, halb verächtlich, daß Niemand, den sie zufällig streiften, sich nicht getroffen gefühlt hätte. Aber wie das Knäbchen auf ihren Arm hinaufkletterte, war's, als ob alle anderen Funken und Strahlen auslöschten und nur der mütterliche Stolz in einer großen Flamme aufleuchtete Sie war ganz unscheinbar, fast ärmlich gekleidet, um den Kopf und die dicken Flechten ihres braunen Haars nur ein leichter alter Spitzenschleier geknüpft, und ein verblichenes Tuch hing ihr lose um die kräftigen Schultern. Dagegen trug der Knabe ein sehr zierliches Habit mit blanken Knöpfen, so daß man auf den ersten Blick vermuthet hätte, die junge Person sei sein Kindsmädchen, nicht seine Mutter. Nun blieb sie, während er sich an ihren Hals gehängt hatte, mitten im Gewühl mit ihm stehen und hielt das Ohr dicht an seinen kleinen Mund, mit der Linken seine Locken glättend. Dazu lachte sie und schien den schmucken Begleiter, der sich schnurrbartstreichend neben ihr hielt, völlig vergessen zu haben. Wenigstens sah sie ihn, als er sie wieder anredete, ganz fremd und vornehm an, machte ihm eine höfliche Verbeugung und trug den Knaben rasch auf ihrem Arm an den Tisch zurück. Der Verabschiedete sah ihr erst betroffen nach. Dann, als er Hubert bemerkte, schien er sich's zurechtzulegen, daß schon ein Anderer ältere Rechte auf die schöne Person habe, und schob sich verdrießlich wieder nach dem Tanzsaale zurück.

Wer ist das? fragte die Tante, als Mutter und Kind wieder am Tisch saßen.

Weiß ich's? sagte das Mädchen. Er stellte sich neben mich, als ich dem Tanzen zusah, und wollte mich zu einem Walzer engagiren. Als ich ihm antwortete, ich tanze nicht, fing er an mir schöne Sachen zu sagen. Je ne parle pas français, sagt' ich, aber er hörte nicht auf. Endlich hat er mich fortgetrieben. Aber wie sieht der Fritzle aus? Ganz zerzaus't, und Wein hat er getrunken, ich merkt's gleich, als er mir ein Küßchen gab. Man darf euch Zwei doch kein Viertelstündle allein lassen, gleich treibt ihr so leichtfertige Sachen.

Ha nu, sagte die Taute, das hat der Herr da zu verantworten, und ich denk', seine schwerste Sünde wird's nicht sein.

Der Herr ist brav, sagte Fritzle ernsthaft; du mußt ihm nicht bös sein, Mama.

Behüte, lachte das Mädchen. Aber dir sollt' ich bös sein, du schlimmes Bubele du, daß du dich gleich an jeden Fremden heranmachst. Er kommt wenig unter Leute, fügte sie, gegen Hubert gewendet, hinzu. Er lernt halt keine Lebensart, und so ein keckes Wichtle, wie er ist, ist ihm Jeder gleich gut genug zum Spielkameraden. Werden Sie's glauben, mein Herr? Vorigen Sonntag, wie ich mit ihm über den Münsterplatz gehe, kommt ein Bataillon Soldaten dahermarschirt und der Tambourmajor voran mit der Bärenmütze und dem großen Stock. Was thut der klein vorwitzig Lump? Läuft mir von der Seite weg, eh ich mich's verseh', und hin zu dem bärtigen Mann, vor dem sich ein anderes Kind gefürchtet hätte, und marschirt neben ihm, daß Alles lacht, bis der Tambourmajor selbst an zu lachen fängt und ihn aufhebt und an seinen Stock mit anfassen läßt. Und ich hatte gut rufen und winken, er kam mir nicht eher wieder, als bis sie vor der Kommandantur Halt machten, und da setzt ihn der Tambourmajor auf den Boden und giebt ihm mit dem Stock noch einen Klaps mit auf den Weg, und da Alles umher seinen Spaß daran hatte, konnt' ich doch nicht ihm geben, was er verdient hatte, der Aufreißer, der gottlose Spitzbub! Und so vergeht kein Tag, wo er nicht was Uebermüthiges anstellt, und wenn er erst groß sein wird, mag ich gar nimmer hinschauen, der wird so viel Schaden anstiften, daß ihm alle Leut' eine Meile weit aus dem Weg gehen. Gelt, Fritzle?

Ich will Soldat werden, sagte der Kleine, dann kann ich todtschießen, wen ich will, dazu giebt mir der Kaiser selbst eine Flinte.

Nun da höre einer den Mordsbuben! lachte seine Mutter, und je eifriger sie schalt, desto zärtlicher glänzten ihr die Augen. Am Ende schießt er seine eigene Mutter über den Haufen, wenn sie nicht gleich thut, was der Gewaltsbub verlangt.

Dich schieß' ich nicht todt, Mama, sagte das Kind. Aber wenn dir einer was thun will, und wenn der garstige Mann noch einmal wiederkommt, von dem du der Tante Bärbele erzählt hast, der uns auf der Straße begegnet ist, den will ich schon nicht fehlen, wenn ich auf ihn ziele.

Sei still, Fritzle, sagte die Mutter, plötzlich erblassend, und wechselte mit ihrer alten Vertrauten einen bedeutungsvollen Blick. Mußt du deine Mausohren überall haben? Komm, setz dein Kappele auf. Es wird schon dämmerig, und hier ist auch nichts mehr zu suchen. Wir wollen lieber noch spazieren gehen.

Während all dieser Reden hatte sich Hubert still verhalten und beständig, mit einem träumerischen Wohlgefallen, das schöne Gesicht ihm gegenüber betrachtet. Es war etwas Derbes, fast Herbes in ihren Zügen, das manchmal, wenn sie lachend den nicht zu kleinen Mund mit den blanken Zähnen öffnete, sich fast bis zum Wilden steigerte. Ihm gefiel das aber, und da es nichts Niedriges ankündigte, sondern nur einen gewissen Trotz, der aus dem Gefühl von Kraft hervorging, so hätte er hier stundenlang sitzen mögen und Mutter und Kind beobachten. Nun aber, da die Frauen aufstanden, erhob auch er sich und bat, da er fremd sei, um die Erlaubniß, auf ihrem Spaziergang sich ihnen anschließen zu dürfen. – Warum nicht? sagte das Mariannele. Wenn wir Ihnen nicht zu schlecht sind, Sie sind uns gut genug, und Sie sehen auch nicht aus, wie wenn Sie außer Courmacherei nichts zu schwätzen wüßten; also kommen Sie nur mit! Es ist gar schön auf den Wällen um diese Zeit.

Dann, als sie eben den Garten verlassen hatten, fragte sie plötzlich: Sind Sie verheirathet, oder noch ein Junggesell?

Ein Wittwer, sagte er und erzählte kurz, wie das Schicksal ihn getroffen, wo her er sei und wie er nun wieder einsam in seinem Walde hause.

Das hörten die Frauen theilnehmend jede auf ihre Art, die Tante mit lebhaften Ausrufungen, das Mariannele, indem es stiller wurde und einmal sogar seufzte. Aber gleich brach es eine Gelegenheit zum Lachen vom Zaun und wies auf den Knaben, der mit dem Hunde vorangesprungen war und jetzt stand und sich bemühte, dem geduldigen Thier seine kleine Mütze aufzusetzen und unterm Halse festzubinden. Sie waren schon wieder durch das Thor zurück und auf die Wälle gelangt, von wo man die weite Rheinebene im klarsten Gold und Purpur des Herbstabends übersah. Als sie aber nach einiger Zeit zu einer Bank kamen, wo die Tante ein wenig zu rasten vorschlug, setzte sich das Mädchen so, daß sie der Abendsonne den Rücken zukehrte. Hubert fragte, ob es ihr an den Augen weh thue. Nein, sagte sie. Aber ich seh' nicht gern so weit hinaus; was soll man sich dabei denken? Und am Ende werde ich traurig. Dagegen wenn ich so in die Stadt hineingucke, all die Häuser und Dächer und der großmächtig Thurm drüber hinaus, und seh' die Störch' nach ihren Nestern fliegen hoch oben auf dem Schlot, gleich wird mir heimelig, und ich weiß, ob's arm' oder reiche Leut' sind, wenigstens sind sie unter Dach, und wo's raucht, wird auch gekocht, und wenn ein arm Würmle schreit und die Mutter ist grad nicht zu Hause, so hört's die Nachbarin.

Während sie das sagte, warf sie einen Blick auf das Knäbchen, das sich müde gelaufen hatte und auf der Bank ausgestreckt im Handumdrehen eingeschlafen war. Ich denk', wir sollten heim, sagte seine Mutter. Schau, unser Bubele schläft. Ich hab' ein Buch gelesen mit so Gedichte, grad wie die Bauern schwätzen, da steht drin:

Er schloft, er schloft,
Do lit er wie 'ne Grof.

Ist's nicht, wie wenn's apart auf unsern Fritzle gemacht wär'? Aber jetzt komm, Bubele – und sie hob den ruhig fortschlummernden Knaben auf ihren Arm – das Bett hier ist kein Grafenbett, und wenn deine Mutter auch nur ein armes Mädele ist, du sollst doch schlafen, wie ein Prinz.

Geben Sie mir doch den Buben, sagte der Förster, als sie sich anschickte, ihn den weiten Weg nach Haus auf ihrem Arm zu tragen. Mir ist's gar keine Last.

Ich dank' schön, sagte sie; mir auch nicht. Was einem beschert ist, muß man auch tragen. Dafür wird er einmal sich mit mir schleppen, wenn ich ein alt krummbucklig Weible bin und kein Glied mehr rühren kann. Gelt, Fritzle! – und sie stupfte leise, doch ohne ihn zu küssen, die Wange des Kindes, die an ihrem Hals lehnte, mit der Spitze ihrer schönen geraden Nase. – Die ganze Woche, fuhr sie fort, kann ich nichts von ihm haben. Da will ich am Sonntag mir alle Freud' und Last auf einmal aufpacken.

Hubert schwieg und blieb immer um ein Weniges hinter ihr, um sie verstohlen ansehen zu können. Er wußte selbst noch nicht recht, wie sehr sie ihm gefiel; aber wenn Leute stehen blieben und dem großen starken Mädchen nachschauten, das den schönen Knaben so ruhig dahintrug, ihren Kopf etwas zurückgeneigt, um dicht an den seinigen zu rühren, fühlte er ein gewisses Gefühl von Befriedigung darüber, daß er auch dazu gehörte. Die Tante plauderte beständig fort, er hörte nur zerstreut, was sie sagte, und nur wenn das Mariannele dann und wann mit ihrem wunderlichen kurzen Lachen zustimmte, sagte er auch etwas ganz Gleichgültiges und streichelte sacht die kleine Hand des Knaben, die über die Schulter seiner Mutter herabhing.

Als sie dann, auf dem weiten Umweg über die Festungswälle, zum Austerlitzthor gelangten, wachte das Kind vom Wagengerassel auf. – Willst wieder reiten, Fritzle? fragte Hubert. Und da der Kleine mit großen Augen ihm zunickte, hob er ihn ohne Umstände dem Mariannele vom Arm und setzte ihn hoch auf seine Schultern, daß das Kind mit hellem Jubeln sich an seinem Kraushaar festhielt und ihm die kleinen Fersen tapfer in die Seiten stemmte.

Sehen Sie? sagte die Mutter. So muß man ihm immer seinen Willen lassen, dem Nichtsnutzle. Aber nun setzen Sie ihn nur herunter. Er kann schon laufen, und es muß Sie ja geniren, so durch die Stadt zu gehen.

Nicht im Geringsten, erwiederte er, und wenn wir galoppiren sollten. Ich bin hier in Straßburg ganz fremd, und wenn mich die Leut' für seinen Vater hielten, so würd' ich mir's gern gefallen lassen. Oder hast du was dagegen, Fritzle?

Ich brauch' keinen Papa, wiederholte der Knabe sein Sprüchlein. Papa's sind böse Leut'. Ich brauch' nur meine Mama.

Hast Recht, Fritzle, sagte die Mutter. Wenn wir beide uns nur haben, so fragen wir nach Niemand was. Nur noch die Tante Bärbele und den Herrgott und unsere gesunden Glieder. Aber jetzt sag' dem Herrn schön Dank und steig ab, Reitersmännle. Denn hier wohnt der Herr Pathe und die Frau Pathin, die mein Bubele in der Pflege haben, erklärte sie dem Fremden. Schau, da hast du dem guten Herrn seinen Rock garstig zugerichtet. Erlauben Sie! – und sie klopfte mit ihrem Tuch die Spuren der kleinen Schuhe von Hubert's schmuckem Jägerrock. So, und nun gieb ein Händele und sag': ich empfehl' mich schön! – Ich muß ihn nämlich noch zu Bett bringen, anders thut er's nicht und ich auch nicht. Geht Ihr nur immer voraus, Bas. Ich komme bald nach.

Damit verabschiedete sie sich von den Beiden und führte das Kind in die Thür eines bescheidenen Häuschens in der Austerlitzstraße, und die draußen blieben, konnten hören, wie das Kind mit lebhafter Freude begrüßt wurde.

Sie haben ihn gar zu gern, den herzigen Narren, sagte die Frau zu Hubert. Es sind brave Leut', der Mann hat, mir zu Lieb, damals Gevatter gestanden, und weil er sein Geschäft aufgegeben hat – er war Gerbermeister und es ging ihm sehr gut – ist's ihm nun langweilig, so die Hände in den Schooß zu legen. Da hat er nun seine Lust an dem Bubele. Mon ami est fou de Fritzle, sagt seine eigene Frau. Als ob sie 's nicht eben auch wär'! Kommen Sie noch weiter mit, Monsieur? Nun denn, bon soir, Monsieur! Ich muß nach Haus, unser Süpple kochen.

So ging sie von ihm, im Stillen verwundert, daß er erst so gesprächig und hernach so wortkarg gewesen war. Er aber trat bei einem Restaurant ein, der dem Häuschen gegenüber wohnte, stieg in das obere Zimmer hinauf, wo noch ein Tisch am Fenster frei war, und bestellte ein Gericht, das erste beste, das ihm auf der Karte in die Augen fiel. Auch als es aufgetragen wurde, ließ er es unberührt. Denn seine Waidmannslist, sich hier auf den Anstand zu setzen, glückte ganz nach Wunsch. Er konnte von dem Fenster aus in die Kammer gegenüber sehen und beobachten, wie der Kleine erst noch ein wenig Milch und Brod zu essen bekam und dann von seiner Mutter ausgezogen wurde, wobei ein ältliches Paar zugegen war, das aber nicht mit Hand anlegen durfte. Dann trug das Mädchen ihr Kind in sein Bettchen und schien ihm ein . Gebet vorzusprechen; worauf der Kleine noch Jedem eine Hand und seiner Mutter das Mündchen hinreichte, und nun wurde das Licht hinausgetragen, und mit dem Hinüberspähen war's vorbei.

Als ein kluger Forstmann, der jedem Wild auf seinen richtigen Wechsel nachgeht, hielt sich auch Hubert nicht mehr droben auf, legte Geld neben das ungekostete Essen und eilte wieder auf die Straße. Da hatte es inzwischen stark genachtet; die letzten Spaziergänger strömten vorbei, in ihre Mäntel gewickelt, denn die sonnenlose Luft war plötzlich rauh geworden. Hubert dachte nicht einmal daran, seinen losen Tuchrock zuzuknöpfen. Es war ihm seltsam warm und wohlig auf der windigen Gasse.

Aber erst nach einer starken halben Stunde sah er das Mädchen wieder heraustreten, in eifrigem Gespräch mit der Pathe. Er wartete ungeduldig, daß sie endlich Abschied nehmen sollten, und ging dann dem Mariannele nach, die einen Zipfel ihres Umschlagetuchs über den Kopf zog, um sich gegen den Wind zu verwahren. So überhörte sie auch erst seine Anrede, bis er ihren Namen nannte.

Was? sagte sie und blieb verwundert stehen. Sie sind noch hier? Ich dachte, Sie wären längst auf dem Weg nach Kehl.

Ich habe keine Eile, erwiederte er möglichst unbefangen. Wissen Sie aber, wo ich inzwischen gesteckt habe?

Das mag Gott wissen, sagte sie; es geht mich auch nichts an.

Nun machte sie große Augen, als er ihr beichtete, wie er sie belauscht hatte.

Sie sind aber doch ein Schlimmer, sagte sie und drohte mit dem Finger. Sie können so ehrlich dreinschauen, daß man meint, Sie trübten kein Wässerle, und hernach ist man seines Lebens nicht vor Ihnen sicher. Nun, was Sie da gesehen haben, kann die ganze Welt sehen. Und weil Sie das Bubele gern haben, will ich's Ihnen vergeben, daß Sie so heimtückisch in fremde Fenster gucken.

Es thut mir gar leid um ihn und um Sie, sagte er, daß Sie das Kind nicht immer bei sich haben.

Mir auch, Herr, erwiederte sie mit einem Seufzer. Aber was will ich machen? Es ist doch besser für ihn. Denn zu Hause wäre er ohne Aufsicht, da ich oft Wochenlang nicht vor Nacht heimkomme, wenn eilige Arbeit ist, etwa eine Aussteuer, wie gerade jetzt. – Und sie nannte das Brauthaus. – Man kann sich eben sein Glück nicht anrichten, wie eine Leibspeise, grade mit dem Gewürz, das einem am besten schmeckt. Genug, wenn man's überhaupt hat.

Freilich. Aber warum sollt's nicht noch besser werden? Etwa wenn Sie heiratheten und könnten den Knaben zu sich nehmen?

Sie schüttelte den Kopf. Damit ist's nichts, ein für alle Mal. Die guten Tröpf' sind nicht dicht gesä't, die ein arms Mädle heimführen möchten und gleich statt des Brautschatzes ein ellenhohes Bubele mit ins Haus. Und wann sich einer fände – und ich muß selbst sagen, ich hätt' schon die Wahl gehabt, und keine schlechten Leut' waren's – ich weiß am besten, was ich dem Kinde schuldig bin; denn was Stiefväter sind, weiß ich auch.

Ist wohl wahr, sagte er treuherzig. Es giebt ihrer, die so ein armes Kind am liebsten umbrächten. Aber auch Ehemänner hat's gegeben, die sich an ihrer eigenen Frau vergriffen haben, und wenn das ein Grund sein sollte, dürfte kein Mädele mehr einen Mann nehmen.

Ja wohl, aber es ist doch ein Unterschied. Was ich thu' als ein lediges Frauenzimmer, das thu' ich auf meine Gefahr, und die Schläg', die er mir vielleicht giebt, die thun nur mir weh. Hingegen, wenn sich wer an dem Bubele vergriffe – bloß daran zu denken, macht mich schon fast toll, und ich fühl', wie sich mir die Fäuste ballen, daß ich über ihn herfallen möchte, ihm das Würmle aus den Händen zu reißen. Ich hab' so was mal mit angesehen, auf einem Platz, wo ich genäht hab'. Da hat die Frau auch dem Mann so ein Jungfernkind zugebracht, ihm auch nachher ein rechtes geboren, das ganz wohl gerathen ist, und ich kann schwören, sie ist beiden gleich gut und gerecht, wie eine Mutter sein soll. Aber wenn das erste Kind krank ist und sie bemitleidet's, gleich fährt der Mann sie an: Kannst nichts als ächzen und wehklagen um den Bankert? – und so wüste Reden mehr, daß mir grad immer das Herz still steht. Nein, Fritzle, so sollst's nicht haben, da schieben wir schon einen Riegel vor!

Aber eben Fritzle's wegen, daß er doch einen Versorger und Erzieher hätte, der ihn auch, so lebhaft wie er ist, auf die rechten Wege leitete –

Wissen Sie wohl, sagte sie und blieb plötzlich wieder stehen, daß mir das auch als zu denken giebt? Nicht wegen des Versorgens. Ich bin jung und stark und Zeit meines Lebens nie krank gewesen, als da ich das Bubele zur Welt brachte, und ich verdiene täglich anderthalb Francs, auch wohl drüber, und meine Mutter fragt manchmal an, ob sie mir was schicken soll, heimlich, da der Vater mir noch nicht verziehen hat. Aber ich nehme nichts an. Sie haben mich verstoßen, so will ich kein Almosen. Und wenn mir was abgeht, da ist die Bas, das Bärbele, die hilft aus und vermacht ihr bisle Erspartes Niemand sonst, als dem Fritzle. Aber was Sie da von der Erziehung sagen, sehen Sie, das ist gar nicht so dumm. Der alte Herr Pathe ist schon fast kindisch; wir Frauenzimmer verstehen nicht immer, was Buben Noth thut, und haben sie auch nicht so in der Hand, weil wir in sie verliebt sind; und da denk' ich oft, wenn Alles wäre, wie es sein sollte und der schlechte Mensch, der sein Vater ist, hätte gethan, was er vor Gott und Menschen schuldig wär' – aber nein, von Dem hätt' er auch nichts Gescheites gelernt, und am Ende ist's besser so, daß er sich ganz allein durchschlägt und immer nur daran denkt, seinem Mutterle keine Schande zu machen. Und nun wünsch' ich Ihnen gute Nacht, Herr, denn hier bin ich an meinem Haus, und die Bas wird schon warten. Ich dank auch schön dafür, daß Sie sich mit dem Kind so geschleppt haben. Gute Nacht!

Sie war ins Haus hinein, ehe er noch den Gruß erwiedern konnte. Da stand er und betrachtete sich die Thür und zählte die Fenster und las mechanisch die Hausnummer von dem kleinen Schilde ab und wußte selbst nicht, wie ihm war. Gegenüber war leider kein Restaurant, um sich wieder auf den Anstand zu begeben. Also mußte er endlich gehen, rief seinem Hunde, steckte die kleine Pfeife wieder an und wanderte zum Thor hinaus in den Herbstnebel hinein, der immer dichter wurde, je mehr er sich dem Rhein näherte. Das focht ihn aber nicht an. Vielmehr machte es ihm heimlich Vergnügen, so gleichsam unsichtbar wie in der Tarnkappe dahinzuschreiten und selbst nichts zu erblicken, als auf der weißen Nebeldecke gemalt die herrliche Gestalt des Mädchens, wie sie den Kopf halb trotzig halb lustig in den Nacken zu werfen pflegte, dazu den Mund öffnete, wie zum Einbeißen, und dann das kurze Auflachen und die Blitze, die ihr aus den Augen schossen, und plötzlich wieder der aufleuchtende Mutterstolz, wenn sie den Knaben an sich zog. – –

Ein Glück, daß er Weg und Steg von Amtswegen so genau kannte; er wäre sonst schwerlich nach Hause gelangt. Und auch so wurde es spät genug. Seine Leute wunderten sich, da es das erste Mal war, seit dem Tode der Frau, daß er um Mitternacht noch nicht zu Hause war. Die Wirthschafterin hatte den Tisch mit dem Nachtessen noch nicht abgeräumt; so setzte er sich noch hin, denn die lange Wanderung hatte ihm Hunger gemacht. Er schickte aber Alle zu Bett und blieb mit seinem Hunde allein; dem er die besten Bissen zuwarf. Dann, eh er schlafen ging, nahm er noch das Licht und trat in die Wohnstube vor ein kleines Oelbilds seiner Frau, das sie als Braut darstellte. Alle Güte und Sanftmuth, die ihn so glücklich gemacht hatte, blickte ihn aus den jugendlichen Augen an. Aber heut zum ersten Mal schienen sie ihm blaß und die dichten blonden Locken fast grau, und wie er sich abwendete, um in seine Schlafkammer zu gehn, fühlte er eine tiefe Verstimmung, die ihn auch die folgenden Tage nicht verließ. Er war barsch zu seinen Leuten, züchtigte die Hunde strenger, als nöthig war, und ließ sogar ein paar alte Bäume fällen, die er sonst, obwohl sie mitten im Schlag standen, um alter Erinnerungen willen noch immer geschont hatte. Als er nun vollends am Samstag Nachmittag seinen besten Dienstrock anzog und davonging, ohne ein Wort zu sagen, stand es bei der Wirthschafterin, dem Forstgehülfen und den beiden Knechten fest, daß der Herr in Kehl etwas angebändelt habe, und daß bald wieder eine junge Forstmeisterin das Regiment im Hause führen werde. Einer der Knechte ging ihm sogar nach, um zu spioniren, was es wohl sein möchte, kam aber kopfschüttelnd zurück: es sei doch am Ende eine falsche Fährte, der Herr habe sich stracks nach der-Rheinbrücke gewendet, und eine Straßburgerin werd' es doch nicht dein, er sei ja nicht gut auf die Franzosen zu sprechen.

Indessen schritt Hubert so kräftig aus, als gälte es ein Wettlaufen. Noch war es völlig hell auf den Straßen, als er wieder an dem Hause stand, wo die Frauen wohnten. Wieder las er die Hausnummer und stand eine Weile, um seine Gedanken zu sammeln. Dann trat er in den schmalen Flur und klopfte an die Thür, an der er den Namen der Tante Bärbele las. Während er wartete, hörte er drinnen eine nicht sehr starke aber wohlklingende Stimme ein Liedchen singen:

Vor etlichen Jahren,
Da ich noch jünger war,
Da führt' man mich zum Tanze
Mit gebundenem Haar.

Was hat sie verdienet
Bei dem Tanzen zum Lohn?
Daß sie nun mußte tragen
Auf dem Arm einen jungen Sohn . . . .

Indem ging die Thür auf und die Bas fragte, wer da sei, und als sie Hubert erkannte, schien sie sich nicht übermäßig zu wundern. C'est vous, Monsieur? sagte sie. Donnez vous la peine d'entrer. Was giebt's denn Neues? Das Mariannele ist auch gerade zu Haus, Sie können sie singen hören; heut hat sie den ganzen Tag für das Kind genäht, weil gestern die Aussteuer fertig geworden ist. Guck, Mariannele, wen ich da bring'!

Was Tausend! sagte das Mädchen und sah heiter von ihrer Arbeit auf. Hat sich ein Rehböckle nach Straßburg verlaufen, daß der Herr Forstmeister uns die Ehre giebt?

Er erwiederte scherzend, so gut es ging, sagte, daß er sein neuliches Geschäft über dem Spazierengehen nur zur Hälfte erledigt habe und darum heut den Weg noch einmal machen müsse – , und da er gerade vorbeigekommen –, und dergleichen. Dabei sah er sich in dem kahlen, einfach geweißten Kämmerchen um, wo zwei Betten, ein paar Stühle, Tisch und Schrank eng genug beisammen standen, aber Alles von musterhafter Sauberkeit. Das Mädchen saß in dem Kleide, worin er sie neulich gesehen hatte, und das ihr bestes und geringstes zugleich zu sein schien. Dabei hatte sie ein Manchesterjäckchen auf dem Schooß, an dem sie während des Geplauders emsig fortnähte.

Sehen Sie nur, sagte sie, während die Base sich in der kleinen Küche nebenan zu schaffen machte, das schöne Stück Sammet habe ich der Frau Baronin abgebettelt, bei der ich gearbeitet hab'. Morgen, wenn wir spazieren gehn, soll's der Fritzle tragen. Er macht sich freilich nichts draus, wenn ich ihn anputze, und wenn er Hösle von Goldstoff anhätt', er kletterte doch auf alle Zäune. Aber ich hab' doch meinen Spaß daran, zu hören, wie die Leute sagen: Schau den schönen Buben, und wie schmuck er gekleidet ist! Der muß vornehme Eltern haben. – Dann lach' ich so für mich, daß er doch nur mein Kind ist, und es ihm doch an nichts fehlt. Aber ich fang' schon wieder an, Sie mit meinen Narrheiten zu langweilen.

Im Gegentheil, sagte er, ich wollt' auch gerade von meinem kleinen Freunde reden. Mein Forstgehülfe nämlich hat ein Eichhörnchen gefangen, weil es lahm war; vielleicht hat ihm eine wilde Katze ins Bein gebissen. Nun ist es ganz zahm geworden und springt im Zimmer ohne seine Kette herum, wie ein Hausthier. Da hab' ich gedacht, ob ich's dem Fritzle bringen sollte, daß er doch einen Spielkameraden hätt'. Aber ich mocht' es nicht thun, ohne erst bei Ihnen anzufragen. Denn vielleicht ist's den alten Leuten nicht gelegen.

Sie besann sich einen Augenblick. Ich dank' Ihnen, sagte sie dann. Aber obwohl er eine Weltsfreude dran haben würde, es ist doch besser, Sie bringen's ihm nicht. Nicht wegen seiner Pathen. Die nähmen einen Elephanten in Kost, wenn's dem Fritzle zu Liebe wär'. Aber der Bub ist ohnedies wild und gefährlich genug, und wenn er gar einen Gesellen hätt', der vom Klettern Métier macht, da wär' kein Halten. Ich glaub', er klettert' ihm bis auf die Münsterspitz' nach, wenn sein Meister im rothen Röckle vortanzte. Also lassen Sie es nur im Wald, wo es hingehört.

Man könnt' ihm aber auch ein Häuschen zimmern mit einer vergitterten Walze, daß es gar keine Gefahr hätte, sagte Hubert.

Behüte! so dürft' er's noch weniger haben. Er soll sich nicht an so was Schändliches gewöhnen, ein armes Thierle wie nicht klug herumtanzen zu sehn hinter seinem Käfich. Er hat noch ein gar mitleidiges Herz und thut keinem Käfer was zu Leide. Mit der Zeit wird's schon härter werden, dafür sorgt die Welt, und sollt' mich auch wundern, wenn gar nichts von seinem Vater an ihm wär'. Aber ich will nicht noch Schuld daran haben. Behüte!

Darauf schwiegen sie ein wenig, und das Mädchen nähte mit fast zornigem Eifer fort.

Mariannele, sagte Hubert plötzlich, – ich darf Sie doch so nennen?

Warum nicht? Heiß' ich doch so, erwiederte sie ruhig.

Nun wohl, Marianne, wollen Sie mir einmal ganz ehrlich sagen –

Und was? Lügen hab' ich nicht einmal in der Schule gelernt.

Ich möchte nur eben wissen, obwohl es mich nichts angeht: wenn jetzt dem Fritzle sein Vater auf einmal in sich ginge und Alles wieder gut machen wollte, ob Sie ihm dann sich und den Knaben verweigern würden?

Sie ließ die Arbeit sinken und sah ihn groß an. Wieder gut machen? sagte sie. Das ist nicht möglich. Es giebt Dinge, die so schlecht sind, daß sie so wenig wieder gut gemacht werden können, wie man einen Mohren weiß wäscht.

Je nun, wenn er Sie heirathen wollte und das Kind wie seinen Sohn halten –

Zum Heirathen gehören Zwei, erwiederte sie rasch. Lieber nähm' ich mein Kind auf den Arm und spräng' mit ihm in den Rhein, als daß ich uns in die Gefahr begäbe. Denn es wär' doch Alles nur eine Komödie und das Elend hernach desto größer. Wenn Sie ihn kennten, wie ich – und freilich, so kennt ihn Keiner, außer unserm Herrgott – so würden Sie mir's auch nicht rathen. Nicht daß er mich zum Narren gehalten hat – wofür war ich der Narr, mich fangen zu lassen? Obwohl ich's freilich besser um ihn verdient hätt', weil ich so blutjung war und mein Leben für ihn gelassen hätt'; – aber so an dem Bubele zu thun, an diesem, das mancher Wildfremde sich gern wünschen möcht', und er – der eigne Vater – nein, das ist so himmelschreiend, daß ihm kein höllisches Feuer den Flecken wieder weiß brennt!

Hat er das Kind denn gesehen?

Freilich, und noch vor nicht gar langer Zeit, als es schon so schön und gescheidt war wie jetzt. Denken Sie, nachdem er mir auf all meine Briefe nicht geantwortet hatte, und im letzten hatt' ich dem Fritzle die Hand geführt, daß er selbst einen Gruß an den Papa schreiben sollte, er verstand noch nicht, was er that – und ich dachte immer: wenn er ihn nur einmal sieht, den Goldbuben, so wird plötzlich noch Alles gut, und was er mir angethan, wollt' ich dann gern vergeben, – da geh' ich, es war in diesem Frühjahr, eines Abends mit dem Fritzle über den Theaterplatz, den sie hier den Broglie heißen, und seh' einen Fremden auf uns zu kommen, den ich erst wirklich nicht erkenne, denn er ging in Civil, und ich hatte ihn sonst immer nur in der Uniform gesehn. Aber wie er an mich herantritt, um mich nach dem Weg ins Hotel zu fragen – noch eh er den Mund aufthat, wußt ich, wer es war, und sage auf Deutsch, obwohl er mich auf Französisch angesprochen hatte: Ich will wohl ein Stückle mitgehen, der Herr findet sich sonst doch nicht zurecht. – Was? sagt er und erkannte mich noch immer nicht. Sie sind aus der Pfalz, mein schönes Kind? Und aus welchem Ort? – Ich sagt's, und er drauf: Kennt Ihr da wohl ein Mädle, das Mariannele geheißen, und wie geht's ihr? – Der? sag' ich, und zieh' dabei heimlich meinem Kind das Käpple über die Ohren, daß es nicht zuhören sollt', wie soll's der gehen? Die hat ein Kind. – So! sagt er, wie wenn man ihm Neuigkeiten aus der Türkei erzählte, und kennt man den Vaters – Freilich wohl, sag' ich, und nenne seinen Namen und setz' hinzu: die Leut' sagen, er habe wie ein rechter Lump an dem Mädle gethan, und daß er vollends von dem Kind nichts wissen wolle – – Wie ich das sag', gehn ihm plötzlich die Augen auf. Herrgott! sagt er und bleibt stehn, als wenn er ein Gespenst zu sehen bekäme, du bist's! – Dich hätt' ich wahrlich nicht wiedererkannt. – Ist kein Wunder, sag' ich, nach Allem, was ich durchgemacht. Sechs Jahr' machen schon mürb, wenn man Kummer hat und allein ist. – Indem wird er den Fritzle gewahr und erschrickt noch mehr und sagt: Ist das –? – und weiter bringt er nichts heraus. – Ja wohl, sag' ich, das ist der Fritzle. Ist er nicht groß und schön? Es fehlt ihm auch freilich nichts. Der liebe Gott hat schon gesorgt, daß die Kinder wenigstens ein Mutterle haben, wenn auch der Vater sich aus dem Staube macht. Komm, Bubele, sag' ich, gieb dem Herrn eine Hand und schau ihm recht brav ins Gesicht. Das that mein Kind, und streckte sein Patschele hin. Er aber – grad wie dem ersten besten Bettlerskind, wo man sich noch fürchtet, ob's auch gewaschen ist, nimmt er die kleine Hand, sieht ihn so von oben an und sagt: Das Kind sieht gesund aus. Es ist rechtschaffen, Mariannele, daß du es so gut hältst. Glaub, ich thät' auch mehr, aber ich hab's selbst nicht übrig. Wenn mein Vater stirbt und ich erst zu meinem Vermögen komme, so verlaß dich drauf, ich denk' auch an dich und das Kind. Jetzt muß ich hier hinein; ich hab' eine Verabredung mit einem Kameraden. Behüt' Gott, Mariannele; und sei fein brav, Fritzle! Wie gesagt, es eilt mir heut, und morgen früh muß ich wieder fort zu meinem Regiment. – Dann nickte er mit dem Kopf und ließ uns stehn. Mama, sagte Fritzle, wer war der Mann? – Ich weiß nicht, sagt' ich. Der liebe Gott aber wird ihn schon kennen. Und so bracht' ich mein Kind nach Haus, und es hatte Gottlob gar nichts gemerkt. Wie es aber eingeschlafen war, konnt' ich's doch nicht lassen und ging in der Dunkelheit an dem Hotel vorbei, wo er wohnte. Da sah ich ihn durchs Fenster unten im Gastzimmer sitzen mit ein paar Offizieren, und sie tranken Champagner, und er mußte wohl lustige Geschichten erzählen, denn sie lachten, daß man's bis auf die Gasse hörte. Und wie ich so stand, merkt' ich was in meinem Herzen, wie wenn plötzlich was eingefroren wär', was sich da noch immer geregt hatte; es muß wohl die Lieb' zu ihm gewesen sein, denn von der Stund' an konnt' ich an ihn denken, wie an den Kaiser von China. Nicht einmal hassen that ich ihn. Wenn er das Bubele nicht gern hat, ist's sein eigner Schade, dacht' ich, und er kann mich nur dauern, und von jetzt an gehört das Kind nur mir allein, und ich darf's lieb haben für Zwei.

Und das war das Letzte? fragte Hubert und spielte mit dem Aermel des Sammetjäckchens, wie wenn ein kleiner Arm darin steckte.

Ja, sagte sie. Nur daß er nach vier Wochen einen Brief an mich schrieb, mit lauter windigen Redensarten, so langweilig und höflich wie an einen Schneider, dem man eine alte Rechnung bezahlt. In dem Brief lagen zehn Gulden. Die packt' ich gleich wieder ein und schrieb zurück, der Fritzle bedank' sich schön, er hab' gar nichts nöthig, und das Geld möchte der Herr Hauptmann (was er inzwischen geworden war) in Champagner vertrinken. – Seitdem hatt' ich Ruh' vor solchen Briefen. Er denkt wohl: sie will's ja nicht besser! Da kann ich die Tinte sparen und mein Geld obendrein! – Freilich, so will ich auch Nichts, und von ihm überhaupt gar nichts, und wenn er mir ein Fäßle voll Ducaten vors Haus fahren ließe, – mein Kind kauft man mir nicht ab. Wer's nicht lieb hat, dem gönn' ich noch kein Härle von seinem Kopf, und lieber soll's gar keinen Vater haben, als so einen! –

Sie hatte sich in eine Heftigkeit hineingesprochen, die ihr Gesicht über und über glühen machte. Nun nahm sie ihre Arbeit wieder auf, obwohl es fast zu dunkel geworden war. Die Bas machte Licht in der Küche nebenan und klapperte mit Pfannen und Töpfen, indessen man draußen die Münsterglocken hörte, die den Sonntag einläuteten. Erst als sie ausgeklungen hatten, sagte Hubert:

Er muß früher doch nicht so schlecht gewesen sein, oder hat sich gut zu verstellen gewußt, daß Sie ihm Ihr Herz haben schenken können.

Ich weiß nicht, erwiederte sie. Er war eben bildschön und ich ein blitzdummes Mädele von siebzehn Jahren. Damals war er noch Leutnant und schon Jahr und Tag in unserm Städtle in Garnison, und all meine Kamerädinnen waren in ihn verliebt. Ich aber kam nie aus, etwa zum Tanz oder Spazierengehn, denn mein Vater, der ein bürgerlicher Schreinermeister ist, hielt mich unter Verschluß wie einen neuen Thaler. Nur in die Kirche durft' ich, weil da die losen Vögel nicht Nester bauen Aber ich war ihm doch ein paar Mal auf der Gasse begegnet und hatte wohl gemerkt, wie er mich ansah. Eines Sonntags find' ich ihn unversehens bei uns im Haus, der Vater war gerade fort, um Bretter zu kaufen, da sitzt er in der Wohnstub und schwatzt mit der Mutter, über einen Schrank, den er haben wollt', und findet kein Ende, ihr immer noch was Apartes aufzutragen, und mich schaut er kaum an, als wenn ich eben nur ein Stück Holz wär'. Hernach konnte die Mutter nicht genug von ihm sagen, wie schön er sei und wie vornehm und ehrbar und was noch Alles. Und so kam er noch öfter, immer wenn er wußte, daß der Meister fort war, und die Mutter verschwieg's dem Vater, auch wie er schon viel zutraulicher geworden war und mir schöne Sachen sagte. Denn sie war stolz auf ihr Mädle, daß es so einem Herrn gefallen konnte. Aber einmal, wie er grad wieder da ist und sitzt ganz wie zu Hause auf dem Sopha, kommt der Vater plötzlich herein, es muß es ihm wohl ein Nachbar gesteckt haben, und verbietet dem Herrn Leutnant ganz kurzweg das Haus; und wie der aufbegehren will, da er so grobe Manieren nicht gewohnt war, packt ihn der Vater ohne Umstände vor der Brust und schreit: Hinaus mit dem Schleckerbuben, dem Jungfernverführer! – und wie sich der Herr Leutnant wehren will, hat er einen Schlag ins Gesicht weg und fliegt zur Thür hinaus, eh eins von uns dazwischenspringen kann. Dann ging über uns das Ungewitter los bei verschlossener Thür; aber ich spürte das Wenigste davon, denn ich sah nur immer, wie mein heimlich Geliebter erblaßt war und nach dem Degen griff und den Blick, den er mir zuwarf, und das Herz wollte mir springen vor Mitleiden. Den Tag mußten wir freilich so hingehen lassen. Aber am folgenden, ganz spät, schlich ich auf die Gasse hinaus, da fand er sich ein, wie bestellt, und verschwor sich, er wolle den Schimpf mit Blut abwaschen, und ich, in meiner kindischen Angst, that Alles, was ich nur wußte und konnte, ihn wieder gut zu machen, – und so ging das Unglück seinen Gang.

Armes Kind! sagte er; und was magst du Alles ausgestanden haben, wie der Vater dahinterkam!

Er war lange Zeit wie blind, als schon andern Leuten die Augen aufgingen. Meine Mutter mußt's ihm endlich selbst sagen, damit er's nicht von den Nachbarn hörte. In der Nacht, wo sie sich ein Herz dazu faßte, kam er in meine Kammer, das Gesicht ganz verwandelt, als hätt er zu viel getrunken, die Augen wie von Glas; aber was das Schrecklichste war, er tobte gar nicht, sondern sagte ganz leise: Du stehst augenblicklich auf und gehst wohin du magst. Mein Kind bist nimmer! – Dann ließ er mich wieder allein, und dann kam die Mutter und weinte gottserbärmlich, und da wir ihn kannten, blieb nichts übrig, ich mußt', wie ich war, in die kalte Nacht hinaus, und er selbst packte ein Kofferle voll mit meinen Kleidern und schob mirs durch die Thür auf die Gasse nach, und dann hört' ich, wie er hinter mir zuriegelte. Ich meinte vor Schreck und Jammer, ich sollt' gleich auf dem Fleck des Todes sein, und nur der Gedanke an das unschuldige Kind erhielt mich, und eine gute Bekannte nahm mich noch um Mitternacht aus Erbarmen auf. Zu meinem Geliebten konnt' ich nicht. Der war so gescheidt gewesen, sich versetzen zu lassen, so bald er merkte, es sei nicht richtig. Und dann fiel mir die Bas ein hier in Straßburg, und seitdem hab' ich das Angesicht meines Vaters nicht wieder gesehn, so wenig wie seine Handschrift.

Mariannele, sagte Hubert, der aufgestanden war und dicht an sie herantrat, und dabei faßte er eine ihrer Hände, würde der Vater dir wohl verzeihn und dich wieder als seine Tochter ansehn, wenn du ihm schriebest, es habe sich ein rechtschaffner Mann für dich gefunden, der auch dem Fritzle ein guter Vater sein wolle?

Sie sah ohne Verwunderung, aber auch ohne Bewegung zu ihm auf, zog sacht ihre Hand zurück und erwiederte: Mag wohl sein; ich hab' noch nie darüber nachgedacht. Denn daß ich nie heirathen werde, hab' ich Ihnen ja schon neulich gesagt.

Der Mensch denkt und Gott lenkt, sagte er und legte seine Hand schüchtern auf ihre Schulter. Wenn ich nun so einen wüßte, für den ich einstehen könnte, daß es dich nicht gereuen sollt', und der auch das Kind lieb hätt' und es und dich ohne Aufschub zu sich nähm' und euch beide ansehn würde, wie wenn ihr grad nur aus dem Mond gefallen wäret und hättet keine Vergangenheit –

Er stockte. Die Aufregung schnürte ihm die Kehle zu. Aber das Mädchen besann sich nicht lange.

Sie sind am Ende selbst der gute Freund, sagte sie, und ich muß ehrlich sagen, daß ich so was schon von Weitem hab' kommen sehn. Aber ich muß mich dennoch der Ehr' bedanken. Denn Sie wissen selbst nicht, ob Sie das halten können, was Sie versprechen. Jetzt mögen Sie in mich verliebt sein, was mich wundern würde, wenn mir's nicht öfter passirte. Aber das vergeht einmal, und dann haben Sie die Last mit uns, und wer's am ersten entgelten muß, ist der Fritzle. Sie kennen meine Gedanken darüber; und weil ich möcht', daß wir gute Freunde blieben, so schlagen Sie sich's nur aus dem Sinn. Ich seh' schon, Sie haben ein gutes Herz, und es dauert Sie, zu sehn, wie ein armes Mädle so nichtswürdig ist um seine Ehr' und Reputation gebracht worden. Aber so schlimm, wie Sie denken, ist mir gar nicht zu Muth. Ich hab' mein Bubele, und wenn er einmal groß wird und erfährt, wie Alles hat kommen müssen, damit er auf der Welt sei, wird er sein altes Mutterle darum nicht verachten; und wenn er mich in Ehren halt, was frag' ich nach dem Gered' der ganzen Welt?

Auch sie war aufgestanden und sah ihn nun plötzlich mit einer lachenden Freundlichkeit an, die ihm vollends das Herz stahl. Was haben wir da Alles zusammengeschwätzt! sagte sie. Die Bas muß denken, ich wollt' Unterricht nehmen in der Forstwirthschaft. Nun, da es das erst' und letzte Mal gewesen, mag's hingehn. Denn ich muß Ihnen nur sagen, ich bin's nicht gewohnt, daß ich so Herrenvisit' annehme, die Nachbarsleut' können Ihnen das bezeugen. Und weil ich's auch nicht gewohnt werden will, bitt' ich Sie gar schön, Herr Hubert, daß Sie nicht wiederkommen; ich ließe Sie nicht herein, auf Ehr' und Seligkeit. Nehmen Sie mir das nicht übel; ich weiß, was ich dem Fritzle schuldig bin.

Mariannele, sagte er und ergriff wieder ihre Hand.

Nicht doch, sagte sie, dabei bleibt's nun einmal, ich lass' mir nichts abbetteln. Und jetzt leben Sie wohl! Ich merk', daß unser Suppele fertig ist. Gelt, Bärbele? rief sie in die Küche hinein.

Ladst den Herrn nicht einmal ein, mitzuhalten? rief die Base, die sich aber nicht sehen ließ.

Wir können keine Soupers geben, lachte das Mädchen, und der Herr Forstmeister würde sich auch schön bedanken. Gehn Sie nur und denken Sie darum nicht ungleich von mir. Jeder muß eben wissen, was er thut, und Niemand steckt in seines Nachbarn Haut. Für all Ihre Gutheit bin ich Ihnen ja gewiß dankbar, aber es geht eben nicht.

Sie hatte ihn während dieser Reden sanft nach der Thür geschoben und legte die Hand auf die Klinke. Wie er sie so vor sich stehen sah, die herrliche große Gestalt mit dem schönen Kopf auf den kräftigen Schultern, schien es ihm unmöglich, sich für immer von ihr trennen zu sollen. Es übermannte ihn so unwiderstehlich, daß er plötzlich den Arm um sie schlang und sie auf den Mund küßte. Sie entzog sich ihm sogleich, aber nicht unfreundlich. Zum Abschied für immer mag es Ihnen hingehn, sagte sie. Aber hab' ich nun nicht Recht, daß ich Ihnen das Haus verbiete? Wenn der gute Freund schon heute so keck wird, was würde er erst über acht Tag sich herausnehmen? Nein, mein Herr Forstmeister, bleiben Sie fein in Ihrem Revier; das Wildern ist verboten.

Er zauderte noch einen Augenblick in der geöffneten Thür. Du wirst dich besinnen, sagte er hastig, und wenn du dir's anders überlegst, schreib mir sogleich. Es ist mein heiliger Ernst.

Meiner auch, sagte sie. Da beißt kein Mäusle kein Fädle ab. Und auch kein Eichkätzle, daß Sie's nur wissen, und damit gute Nacht!

Sie schloß die Thür hinter ihm, und er verließ in seltsamer Trunkenheit das Haus, halb schwermüthig aber ihr standhaftes Nein, halb von dem Nachgefühl des ihr entrissenen Kusses beseligt. Er konnte nach Allem nicht wohl glauben, daß er ihr zuwider sei. Und wenn er sich darin nicht betrog, warum hätte er nicht hoffen sollen, daß sie mit der Zeit ihren Sinn ändern werde, wenn sie seine redliche Beharrlichkeit wahrnähme? Ueber die Festigkeit seiner eignen Gesinnung war er, so rasch sich Alles gefügt hatte, keinen Augenblick mehr im Zweifel.

Die Nacht blieb er in Kehl und auch den Sonntag, der darauf folgte, und seine Bekannten, die ihn lange vermißt hatten, freuten sich, ihn wieder so lustig und aufgeräumt zu sehn, und machten allerlei Anspielungen, auf die er mit geheimnißvollem Humor antwortete. Als er aber wieder in den Wald zurück mußte und den Münsterthurm aus dem Gesicht verlor, fiel alle Munterkeit von ihm, und er ging die ganze Woche schweigsam und zerstreut seinen Geschäften nach. Je mehr er es überlegte, je schwieriger schien es ihm, einen Weg zu ersinnen, um den abgeschnittenen Verkehr auf unverdächtige Art fortzuspinnen. Es war etwas in dem Ton und Blick, mit dem er seinen Abschied bekommen, das ihm Respekt einflößte, als ob es dem Mädchen voller Ernst mit ihrem Entschlusse und ohne besondere Ereignisse an eine Umstimmung nicht zu denken sei.

Einmal hatte er schon eine Adresse geschrieben zu einem schönen Hasen, den er selbst geschossen und ihr durch die Post anonym ins Haus zu schicken dachte. Aber dann fiel ihm ein, daß sie bei ihrer stolzen Sinnesart sich vielleicht durch ein Geschenk, dessen Herkunft sie sofort errathen mußte, beleidigt fühlen könnte, und ihn darum nur strenger von sich fern halten. So zerriß er das Blatt wieder und verbrannte die Stücke sorgfältig im Ofen, daß keiner seiner Leute den Namen lesen sollte.

Endlich glaubte er einen gescheidteren Einfall zu haben. Der Forstgehülfe hatte am Samstag Feldhühner geschossen. Davon suchte Hubert das ansehnlichste Paar heraus, steckte sie in seine Jagdtasche und wanderte am Sonntag in aller Frühe wieder den weiten Weg über die Grenze. Es schien ihm eine Ewigkeit, daß er den Rhein nicht mehr gesehn hatte.

Es war ein grauer Novembertag, die Straßen menschenleer, da der Wind scharf über die Ebene fegte und einen feinen Schnee herniederwirbelte. Aber Hubert ging mit so sonniger Miene seines Wegs, wie im schönsten Frühlingswetter, und überholte die kleinen Bauernwägen, die ebenfalls nach Straßburg zogen. Es war ihm wie in seinen jüngsten Jahren, wo er zum allerersten Mal um ein Paar schöner Augen willen von der Forstakademie aus am Feiertag über Berg und Thal gewandert war.

Als er endlich in das Haus trat, hörte er durch die Thür, daß der Knabe drinnen bei der Mutter war, und konnte es nicht lassen, eine Weile zu horchen. Sie lehrte ihn buchstabiren und beantwortete dazwischen seine Fragen über die Bilder, die neben den Buchstaben in der Fibel standen. Er konnte nicht satt werden, zuzuhören, und klopfte endlich an, aus Furcht, man möchte ihn beim Lauschen ertappen

Wer ist da? fragte das Mariannele, ohne zu öffnen, als ob sie schon ahnte, daß es nicht geheuer sei.

Ich bin's, Hubert, und wollte nur fragen, ob ich den Fritzle nicht auf einen Augenblick sehen könnte.

Der Fritzle hat keine Zeit, er muß lernen, kam sogleich die Antwort.

Am Sonntag?

Freilich! in der Woche hat seine Lehrmeisterin keine Zeit. Was ist es denn, das Sie ihm zu sagen hätten?

O nichts Besonderes. Ich hab' nur grad ein paar Feldhühner geschossen und dabei gedacht, das möcht' ein Braten für meinen kleinen Freund sein, wenn die Tante sie ihm rupfen und ins Pfännle thun wollt'. Darf er nicht einmal herauskommen, daß ich sie ihm gebe?

Darauf war's einen Augenblick stille. Das Kind schien etwas sagen zu wollen, worauf ihm die Mutter den Mund verschloß und es in die Küche schickte.

Erst als die Thür hinter ihm zugemacht war, kam eine Antwort: Der Fritzle bedankt sich schön, aber solchen Braten ist er nicht gewohnt, und hernach möcht' ihm seine Kost nicht mehr schmecken.

Ich kann aber doch die Hühner nicht wieder den weiten Weg zurücktragen, sagte er bittend.

So sehen Sie zu, wie Sie sie los werden. Es giebt ja wohl Liebhaber genug dazu, hier in der Stadt, für die sie kein zu vornehmes Essen sind.

Mariannele, sagte er mit leiserer Stimme, Sie weisen mich wirklich hier an der Thür ab? Ich hätte Ihnen so viel zu sagen!

Und ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen, da Sie mir nicht glauben wollen. Es bleibt dabei, und damit Gott befohlen! Ich muß zu meinem Kind.

Glauben Sie mir, rief er, und seine Stimme bebte vor Aufregung, es wird Sie noch einst gereuen, daß Sie mich so weggeschickt haben; des Kindes wegen wird es Sie gereuen, und Sie werden an diese Stunde zurückdenken und wünschen, Sie hätten anders an mir gehandelt. Aber freilich, Sie sind Herrin, zu thun, wie's Ihnen gut scheint. Und wenn es wirklich das letzte Wort sein soll, daß wir zusammen reden –

Er stockte und wartete, was sie erwiedern würde. Als sie aber ganz stumm blieb, rief er in heftigem Unmuth: Leben Sie wohl! Sie sollen sehn, daß ich zu stolz bin, mich ferner noch aufzudrängen. Aber Gott weiß, daß Sie Unrecht thun, wahrhaftig, das thun Sie, Marianne, an mir und an dem Kinde, und so – leben Sie wohl, für immer!

Er riß sich gewaltsam von der Thüre los und verließ stürmisch das Haus. Sein Blut kochte, Zorn und Aerger und verschmähte Liebe schürten es um die Wette; er hatte das doch nicht erwartet, daß er sie nicht einmal sehen sollte, und ihr Verstummen zuletzt kränkte ihn heftiger, als die schlimmsten Worte. Dem nächsten besten armen Kinde, das ihn anbettelte, warf er die Feldhühner zu, mit einem so grimmigen Gesicht, daß der beschenkte Kleine seinen Wohlthäter für verrückt hielt und sich eilig ohne Dank aus dem Staube machte. Die Leute auf der Straße standen still und schüttelten den Kopf über den verwunderlichen Menschen, der bald trotzig vor sich hinlachte, bald still stand und mit tiefem Kummer zu Boden starrte, als ob er etwas verloren hätte. Endlich trat er in ein Weinhaus und leerte rasch eine Flasche; er hoffte, seinen Verdruß hinwegzuspülen, aber es wollte nicht gelingen. Dann verließ er die Stadt. Unter dem Thor blieb er noch einmal stehen; er konnte es wieder nicht glauben, daß er jetzt für immer seinen Hoffnungen den Rücken kehren sollte. Endlich biß er die Zähne zusammen und schritt entschlossen ins ebene Land hinaus. Wenn es aus ist, murmelte er für sich hin, will ich auch damit fertig werden. Ich müßte mich ja schämen, wenn dieses hochmüthige Gesicht mir das Leben verderben könnte. Wär' ich mit meinen einunddreißig Jahren noch so ein Kindskopf, so geschähe mir ganz recht!

Mit diesen und ähnlichen Standreden half er sich so weit wieder zur Vernunft, wie ein Schlaftrunkner sich dadurch munter erhält, daß er sich selbst in den Arm zwickt, oder in die Seite schlägt. Dann, als er in seinem Forsthause wieder angekommen war, machte er sich sogleich an einige aufgeschobene Arbeiten und sah mit Erschrecken, daß in den letzten vierzehn Tagen hie und da schon eine merkliche Unordnung eingerissen war, die er nun kräftig wieder abstellte. Da es auch draußen gerade viel zu thun gab, kam er, indem er sich körperlich bis zur Erschöpfung abmüdete, über den Rest des Novembers und die ersten Decemberwochen leidlich hinüber. Nur wie ihm sein Kalender sagte, daß Weihnachten in der Nähe sei, fiel ihn das Fieber mit erneuerter Heftigkeit wieder an. Er dachte an das eine und einzige Weihnachtsfest zurück, das er mit seiner jungen Frau hier in der verschneiten Einsamkeit gefeiert hatte, in frohen Hoffnungen, übers Jahr den Baum mit den Lichtern in ein paar Kinderaugen sich spiegeln zu sehn. Dann waren die zwei traurigen Advente gefolgt, wo seine Erinnerungen ihn an dem öden heiligen Abend wie böse Gespenster heimgesucht hatten. Diesmal hätte es wieder festlich sein können; das war nun zerstört. Aber nein! sagte er bei sich selbst, ich will dennoch Weihnachten feiern, und müßt' ich's dem Himmel abtrotzen. –

So ging er in den Wald, hieb sich selbst ein schlankes Christbäumchen ab und trug es in sein größtes Zimmer, wo das zahme Eichkätzchen sogleich lustig an den Zweigen auf- und abzuklettern begann. Die alte Wirthschafterin machte verwunderte Augen, als sie den Herrn so beschäftigt sah. Sie hatte die Gedanken an seine Freiwerberei wieder aufgegeben, seitdem er wie sonst das Haus hütete. Nun war's ihr doch wieder verdächtig, als er ihr auftrug, für Kerzen und vergoldete Aepfel und Nüsse zu sorgen. Dabei sah er zum ersten Mal nach langen trübsinnigen Wochen wieder lustig aus, ging auch andern Tags nach Kehl und kehrte mit einem großen Pack Spielsachen zurück, die er dort eingekauft hatte. – Die Alte wagte schüchtern zu fragen, für wen das solle? – Für meinen kleinen Freund, sagte er heiter. Er heißt Fritzle, und wenn er kommt, sollt Ihr für ihn sorgen, Kathrin, daß es ihm an nichts fehlt, und macht ihm ein gutes Bett zurecht, vielleicht bleibt er ein paar Tage.

Das war Alles, was er ihr mitzutheilen für gut fand. Dann machte er sich selbst wieder auf den Weg, miethete aber in Kehl einen leichten Einspänner und rollte am schönsten Wintertag – nur wenige Tage vor Weihnachten – wieder einmal über die Grenze.

Als er in die Straße kam, wo die alten Eheleute, die Pflegeeltern des Knaben wohnten, sah er diesen schon von weitem an der Spitze seines Rudels kleiner Spielkameraden über eine spiegelglatte Schleifbahn hinsausen, daß ihm die Locken flogen und das runde Gesichtchen glühte. Er trug das wohlbekannte Sammetjäckchen, dem man es freilich nicht anmerkte, daß es noch vor sechs Wochen nagelneu gewesen war. Aber man mußte zugeben, er sah darin aus wie ein kleiner Prinz.

Auf den Ruf des Mannes im Einspänner schaute er sich verwundert um, erkannte Hubert aber sogleich wieder und kam zutraulich herangesprungen, ihm ein Hündchen hinaufzureichen. Möchtst du mitfahren, Fritzle? fragte der Waidmann. Ich zeige dir den Wald und eine Menge Hirschgeweihe und lehre dich, wie man eine Büchse losschießt. Und mit einem Eichkätzle sollst du spielen und ihm Nüsse aufzubeißen geben.

Das Kind nickte mit großen Augen, als wenn man ihm Märchen vorerzählte. Ich darf aber nicht, sagte er dann. Mama weiß es nicht.

Wart nur, sagte Hubert indem er ausstieg, ich will einmal mit deinem Pathen sprechen, ich denk' schon, daß er nichts dagegen hat.

Ist Niemand zu Haus, sagte der Knabe. Der Onkel und die Tante sind ausgegangen, und ich weiß nicht, wann sie heimkommen. Ich darf nicht weg von der Thür. Es könnten böse Leut' kommen und Alles wegtragen.

Hubert stand einen Augenblick betroffen. Sein ganzer Plan drohte zu scheitern. Er hatte sich's nicht schwer gedacht, sich den alten Leuten als einen guten Bekannten der Marianne vorzustellen, dem sie den Knaben ohne Gefahr aus einen Tag anvertrauen könnten. Nun hier warten zu müssen, war ihm unerträglich. Er wußte wohl: wenn sie selbst etwa dazukäme, wäre Alles umsonst.

Komm, Fritzle, sagte er endlich, führe mich hinein, wir wollen's schon so einrichten, daß die Mama nicht böse sein kann, und die Pathen sich nicht ängstigen. – Damit gab er einem Knaben das Pferd zu halten und ging ins Haus. Eine Bürgersfrau kam neugierig die Treppe herunter, um zu sehn, wer sich mit dem Fritzle unterhalte. Der übergab er ein Blatt Papier aus seinem Notizbuche, worauf er, im Flur stehend, hastig mit Bleistift geschrieben hatte, er sei ein guter Bekannter der Familie und gekommen, sich den Knaben für ein paar Tage auszubitten, um ihm eine kleine Weihnachtsfreude zu machen. Am Morgen vor dem Fest werde er ihn wohlbehalten wieder abliefern, und es solle aufs Beste für ihn gesorgt werden. Darunter schrieb er seinen Namen und Wohnort und bat die Frau, den Pflegeeltern das Blatt sogleich einzuhändigen und so lange den Schlüssel ihrer Wohnung aufzubewahren. Dann hob er seinen kleinen Freund, nachdem er ihm sein Mäntelchen sorglich umgethan. in den Wagen hinaus, gab ihm, was seine muntern Augen vor Stolz leuchten machte, die Peitsche und das Ende der Zügel in die Hände und nun wendete das leichte Gefährt rechts um und rollte wie vom Winde gejagt den Weg zurück, den es gekommen war. – –

Am späten Abend dieses Tages kam, wie es selten einen Tag unterblieb, das Mariannele, um nach ihrem Kinde zu sehn. Sie hatte sich müde gearbeitet, um noch ein Uebriges zu verdienen, da sie in dieser Zeit nicht viel Anderes im Kopf hatte, als wie sie ihrem Buben eine recht prinzliche Bescherung machen könnte. Eine Flinte hatte er sich vor Allem gewünscht, eine mit einem ordentlichen Hahn, um Zündhütchen aufzuknallen. Nun überlegte sie, ob ihre laufenden Einnahmen dazu reichten, oder ob sie von ihren paar geringen Schmucksachen dies oder jenes verkaufen müsse. In solchen Gedanken trat sie bei den alten Leuten ein, und ihr erster Blick fiel auf das leere Bettchen. Was? sagte sie, ist der Bub noch auf? Und wo steckt er denn? – Der Alte saß im Großvaterstuhl am Ofen und sah mit einem kindischen Lächeln vor sich hin. Seine Frau aber kam eilig aus dem Nebenzimmer herein und erzählte, – unter vielen Betheuerungen, daß sie ganz unschuldig seien, – wie Alles zugegangen. Sie habe mit ihrem Alten zum Notar müssen, wegen eines Testaments, da er oft nicht mehr recht bei sich sei, und kaum eine halbe Stunde seien sie weg gewesen und des Todes erschrocken, als sie bei der Heimkehr statt des Fritzle nur das Blatt Papier vorgefunden hätten. Sie sei auch gleich zu der Frau Bas gesprungen, um das Mariannele selbst zu befragen, aber die Bas habe sie beruhigt: wenn der Bub bei dem Herrn Forstmeister sei, so sei er gut aufgehoben, und habe nicht genug sagen können, was das für ein honneter, braver und reputirlicher Mann sei, und wie er sich mit Fritzle abzugeben wisse.

Während dieser Aufklärungen stand die Mutter, ohne sich zu regen, mit einem todtblassen Gesicht am Tisch und sah starr auf das Blatt, das die Pathe ihr hingereicht hatte. Der fiel ihr sonderbares Wesen auf, und sie fragte, ob ihr nicht wohl sei, oder ob sie es ihnen so schwer übelnähme, daß sie den Knaben, der ja ans Haus gewöhnt sei, nur einmal und nur auf eine halbe Stunde allein gelassen hätten. Aber das Mädchen schien nicht einmal zu hören, daß Jemand mit ihr sprach. Sie fragte endlich nur, wie viel Uhr es sei, und als sie hörte, schon acht Uhr, sagte sie vor sich hin: Dann ist es für heut schon zu spät! faltete das Blatt zusammen, steckte es in die Tasche und ging mit einem gleichgültigen »gute Nacht!« aus der Thür.

So stumm und versteinert kam sie auch in ihre Wohnung zurück, daß Bärbele, die sich auf einen Sturm gefaßt gemacht hatte, nicht wußte, was sie denken sollte. Sie selbst fing nicht davon an. Der Forstmeister war ein Kapitel, über das sie nicht mehr sprach, denn sie war ganz anderer Meinung, als das Mariannele, und die Art, wie man ihm den Laufpaß gegeben, mißfiel ihr höchlich. Wußte die Mutter nun, wo der Fritzle war, oder wußte sie's nicht? Sie konnte den ganzen Abend über nicht klug daraus werden. Denn das Mädchen pflegte überhaupt zu schweigen, wenn ihr etwas Sorge oder Kummer machte, und wer konnte wissen, was ihr sonst etwa über Tag begegnet war.

Nachts merkte sie wohl, daß das Mariannele wenig schlief, und wie sie am Morgen noch vor der gewöhnlichen Zeit aufstand und statt des Frühstücks nur ein Stück Brod in die Tasche steckte, zweifelte sie nicht mehr, daß sie ihrem Kinde nachgehn wollte. Zieh dich nur warm an, sagte sie, und höre, verdirb ihm nicht seine Freude. Du weißt, ich sage nichts mehr über gewisse Dinge, aber allzuscharf macht schartig, und was sein soll, geschieht doch, wenn man sich auch mit Händen und Füßen dagegen wehrt. – Worauf das Mädchen sagte, sie wisse schon selbst, was sie zu thun habe, und so kurzangebunden ihre alte Freundin verließ.

Der Tag, der noch graute, als sie aus dem Thor wanderte, kam langsam hinter den Nebeln herauf, und nach einigen Stunden war der Himmel von der reinsten Bläue. In dem verschneiten Walde glitzerten alle Aeste in der prachtvollen Decembersonne. Kein Wind bewegte sich, doch war eine scharfe Kälte, die den Schnee unter den Füßen knirschen ließ. Im Försterhause, wo man das Holz nicht zu sparen hatte, war's desto wärmer und heimlicher. Die Knechte und der Forstgehülfe hatten im Walde zu thun, die Wirthschafterin stand in der Küche und ließ Apfelküchlein in der Pfanne brotzeln, daß ein süßer Duft durchs Haus zog; in der großen Stube, wo gestern Abend der Weihnachtsbaum gebrannt hatte, lag auf Tisch und Stühlen die bunte Bescherung durcheinander; eine kleine Festung war auf dem Fußboden aufgestellt und mit Soldaten und Kanonen besetzt, die, wie es schien, so eben ein Bombardement mit Erbsenkugeln ausgehalten hatten, jetzt aber feierten, da der kleine Commandant sich selbst im Schießen übte. Hubert hatte die Thür zum Nebenzimmer geöffnet und eine kleine Scheibe drinnen an die Wand geheftet, so daß ein ziemlich weiter Schußraum entstanden war. Nun zeigte er dem Knaben, wie er die Armbrust spannen, die spitzen Bolzenpfeile darauf legen und dann zielen müsse. Er hatte sich halb knieend neben ihn geduckt und verfolgte, sein Gesicht dicht an den Lockenkopf seines Schülers lehnend, die Richtung des Schusses. Beiden schien dies Exercitium so wichtig, daß sie kaum ein Wort sprachen, während das zahme Eichkätzchen in aller Bequemlichkeit auf dem Tisch unter dem Tannenbaum saß und von den vergoldeten Nüssen eine nach der andern aufbiß.

Plötzlich fuhr das kleine Thier erschrocken aus seiner Ruhe auf, warf eine Nußschale gegen das Fenster, daß die Scheibe klirrte, und kletterte in großer Eile bis in den obersten Wipfel des Christbäumchens hinauf, wo es sich hinter dem goldnen Weihnachtsstern ängstlich zu verstecken suchte. Der Knabe hatte eben abgeschossen und spannte die Sehne von Neuem. Schau, sagte er, wie der Hansel klettert. Er ist auf einmal droben im Baum. Was hat er nur?

Ein fremdes Gesicht muß durchs Fenster hereingesehn haben, sagte Hubert. Gegen uns ist er ganz zahm, aber wenn einer kommt, den er nicht kennt, möcht' er am liebsten hinaus und auf den höchsten Baum flüchten.

Mich hat er gleich gekannt, sagte der Knabe und lockte das Thierchen, das aber nicht herunterkam. Denn in diesem Augenblick klopfte es an der Thür, und ehe noch »herein!« gesagt war, trat das Mariannele ins Zimmer.

Mit einem Freudenschrei hing ihr der Fritzle am Hals. Die Mama ist's! rief er. Da braucht sich der Hansel ja nicht zu fürchten. Die Mama wird ihm nichts thun. Nein, sieh nur, Mama, wie das Närrle da oben sitzt und zittert, als ob du es umbringen wolltest. Komm herunter, Hansel, es ist ja die Mama, und sieh nur, Mama, was ich Alles hab'!

Damit lief er zu seinen Schätzen und schleppte eins nach dem andern der Mutter zu,die in den ersten Augenblicken sprachlos zu Boden sah. Auch Hubert sagte kein Wort. Er hatte es nicht anders erwartet, und doch, wie er sie hereintreten sah, zum ersten Mal wieder nach der langen Entbehrung das schöne Gesicht betrachtete, von der strengen Winterlust geröthet und mit der finstern Falte zwischen den halbgesenkten Augen, schlug ihm das Herz bis in den Hals hinauf, daß er sich an einen Schrank lehnte und mit der Armbrust zu schaffen machte, um sich erst zu fassen. Aber sie kam ihm zuvor.

Fritzle, sagte sie, es thut mir leid, aber du mußt gleich dein Mäntele umthun und mit mir kommen. Mama kann sich nicht aufhalten, weil sie heut Abend wieder zu Hause sein muß, und die Tage sind kurz, wie du weißt. Also sei ein braves Kind, gieb dem Herrn die Hand und bedank dich, und dann wollen wir gehn.

Der Knabe sah sie mit großen Augen an. Ich will nicht fort, Mama, sagte er. Es ist schöner hier bei Onkel Hubert, als in der Stadt, und der Hansel ginge auch nicht mit, und da hätt' ich auch Keinen, der mir das Schießen zeigte. Ich mag nicht wieder in die Stadt. Bleib du auch hier. Im Wald ist's viel lustiger.

Du wirst mir gehorchen, Fritzle, sagte das Mädchen, und ihre Wangen wurden blaß trotz der Winterlust. Jetzt verstehst du's noch nicht, aber du weißt, daß deine Mama dir nur befiehlt, was dir gut ist.

Der Knabe ließ traurig den Kopf hängen. Aber die schönen Sachen darf ich doch mitnehmen? sagte er kleinlaut.

Nein, Fritzle, die gehören dir nicht. Was du haben sollst, schenkt dir dein Mutterle, und weil sie arm ist, und sich ihr Brod verdienen muß: so viel hat sie noch, um ihrem Buben ein Christkindle zu kaufen, da braucht kein Fremder zu kommen und zu meinen, er müsse den Wohlthäter machen, und wer weiß, ob er dabei nicht mehr an sich denkt, als an dich, setzte sie leiser hinzu, und ihre Stimme zitterte. Komm, und mach dich fertig. Der Tag vergeht.

Indem kam die Wirtschafterin, die jetzt erst durch das Prasseln des Feuers hindurch die fremde Stimme im Wohnzimmer gehört hatte, mit der hölzernen Schöpfkelle herein, sah das Mariannele betroffen an, und als sie merkte, daß der Knabe das Gesicht zum Weinen verzog, lief sie auf ihn zu, nahm ihn auf den Arm und trug ihn, unter dem Versprechen, daß er die Apfelkücheln kosten solle, in die Küche hinaus.

Die beiden Andern blieben allein zurück, sahen sich nicht an und schwiegen eine Zeitlang so trutzig, daß man das Knistern der Nadeln am Tannenbaum hörte, auf dem das Eichhörnchen sich wiegte.

Marianne, sagte endlich der junge Mann, Sie thun bei Gott, was Sie nicht verantworten können. Was habe ich gegen Sie verbrochen, daß Sie es auch das Kind entgelten lassen? Ich würde ihn morgen schon, wie ich versprochen, zurückgebracht haben, und daß auch ich meine Freude daran hatte, ihm eine kleine Bescherung zu veranstalten, ist das ein so großes Verbrechen? Sie wissen, wie ich's meine, ich will es nicht wiederholen, und wenn Sie mir nicht glauben wollen –

Was glaube ich nicht? unterbrach sie ihn mit scheinbarer Fassung. Daß Sie mich gern haben und mich heirathen wollen? Warum sollt' ich daran zweifeln? Und daß Sie es noch nicht ganz aufgegeben haben, obwohl Sie meine Gründe wissen, seh' ich auch hinlänglich. Aber daß Sie sich hinter das Kind stecken und es erst mir abspenstig machen wollen und glauben, wenn sie's dem Bubele nur erst eingeredet hätten, daß Sie's gut mit ihm meinten, so müßt' ich endlich mich geben und mich nachlocken lassen, das – das –

Sie stockte, als fände sie keinen Ausdruck, ihre Entrüstung in Worte zu fassen. Er aber warf die Armbrust heftig zu Boden und sagte nun seinerseits in unverhohlenem Zorn: Marianne – aber nein, was verschwend' ich noch meine Worte! Wenn ich's hundertmal sagte, daß ich das Kind ins Herz geschlossen hab' und hier, einsam wie ich bin, mit ihm Weihnachten halten wollt', gleichviel was seine Mutter in ihrem Trotz und Hochmuth von mir denkt – nein, es ist doch umsonst, und ich war ein Narr, mir das herauszunehmen, und hier bitt' ich tausendmal um Verzeihung, und nun nehmen Sie Ihr Kind mit fort, und Gott verzeih' Ihnen Marianne, was Sie thun!

Das wird er, sagte sie unerschüttert und sah ihn fast feindlich an. Ich bin ein armes Weib und habe Nichts auf Erden, als das Kind, und wer heimlich wie ein Dieb hingeht und will mir das Herz meines Kindes stehlen mit schönen Redensarten und bunten Jahrmarktssächle, der soll mir nicht einreden, daß er mich wirklich lieb hätt', dem bin ich grade recht, weil ich noch jung und hübsch genug aussehe, und da läßt er sich Geld und Mühe nicht reuen, und wenn er später den Handel bei Licht beschaut, wundert er sich über sich selbst, und Mutter und Kind sind ihm dann desto mehr zur Last, je mehr er zuerst gemeint hat, er müsse sie haben. Nein, ich bin Einmal angeführt worden und nicht wieder. Damals schien's auch, als ob man schier aus der Welt müsse, wenn man das Mariannele nicht hätt'. Und hernach? Wir wollen nicht weiter davon reden, und sei dies das letzt' Wort, und für allen guten Willen und die schöne Bescherung großen Dank, und damit – gehorsame Dienerin!

Sie warf ihm noch einen Blick zu, der trotz aller heftigen Worte nicht unfreundlich war, dann drehte sie sich kurz auf dem Absatz um und ging aus der Thür. Er hörte, wie sie den Knaben, der sie wieder anlachte, aus der Küche holte, der Wirthschafterin, die sich entschieden weigerte, ein Stück Geld auf die Bank hinlegte und dann mit dem Fritzle das Haus verließ. Da stürzte er ans Fenster und sah ihnen nach. Sie trug ihren Knaben auf beiden Armen, als hätte sie ihn einem Räuber abgejagt, und ging mit so großen Schritten, daß sie schon nach wenigen Minuten ihm aus den Augen waren. Da kam es gewaltsam über ihn. Er weinte, die ersten Thränen seit seinem Verlust. Aber es war nicht Trauer allein. Zorn und Grimm schluchzten aus ihm, und die starke Leidenschaft legte sich nicht eher, bis er sie in voller Wuth ausgetobt hatte. Mit noch überströmenden Augen sah er umher, hob dann das Tannenbäumchen vom Tische, und Zweig auf Zweig davon abbrechend schob er es in den Ofen, daß es laut aufprasselte. Dann ließ er alle die hölzernen Herrlichkeiten vom gestrigen Aufbau folgen, und als das letzte Schanzenwerk der Festung in der Gluth verflackerte, sah er mit einem Blick ihm nach, als wäre nun erst Alles zu Ende und sein Leben leer. Nur die Armbrust zu zerstören, konnte er sich nicht entschließen. Er legte sie noch einmal an, als sei der Hauch der frischen Knabenwange noch daran zu spüren. Dann verschloß er sie in einem großen Schrank, der auf dem Flur stand, hing die Büchse über die Schulter und ging in den Forst hinaus.

——————

Der Schnee war längst weggeschmolzen, nach einem strengen Winter, während dessen sich selten ein fremdes Gesicht in der Försterei hatte blicken lassen. Noch seltener war Hubert in Kehl oder einer der umliegenden Ortschaften aufgetaucht, hatte dann nur einsilbig seine Geschäfte besorgt und die ältesten Freunde vermieden. Es hieß, er habe eine unglückliche Liebschaft mit einer Wittwe gehabt, die ihm einen Korb gegeben. So viel hatte die Wirthschafterin sich zusammengereimt. Wer es sei, und aus welchen Gründen sie den stattlichen Freier abgewiesen, darüber zerbrach man sich vergebens den Kopf.

Als der Wald wieder wegsam wurde, wanderte dann und wann ein guter Bekannter hinaus, um dem Geheimniß vielleicht auf die Spur zu kommen, kehrte aber nicht klüger nach Hause. Der junge Förster empfing Jeden mit einem stillen gleichmüthigen Wesen, schützte Geschäfte vor, wenn man ihn einlud, und blieb gegen jede feinere oder gröbere Anspielung taub.

Wie ihm zu Muth war, ahnte Niemand. Er sah nicht froh, nicht traurig aus. Nur ein seltsames Fältchen hatte sich an den Mundwinkel gehängt, das zuweilen, wenn er in Gedanken war, halb bitter halb trotzig sich verzog. Daraus war nicht Viel zu lesen.

Als dann der Mai sich zu Ende neigte und der Wald im ersten Grün stand, kam ein Brief, der ihn nach L. einige Stunden rheinabwärts zu seiner einzigen Schwester einlud, um bei ihrem zweiten Kinde Gevatter zu stehn. Im ersten Augenblick war er Willens, abzuschreiben. Dann aber wurde eine Stimme in ihm laut, die ihn ermahnte, sich herauszureißen und zu versuchen, ob die Heilmittel, die der Verkehr mit den nächsten und liebsten Menschen darbietet, nicht auch an ihm wirksam sein möchten. So setzte er sich an seinen Schreibtisch in dem Wohnzimmer, um der Schwester zu melden, daß er über acht Tage pünktlich eintreffen werde.

Die Sonne schien sanft und frühlingsmäßig herein, die alte Wanduhr tickte, und das Eichhörnchen saß auf dem Schrank und nagte an seinen Bucheckern.

Da kam die Katharine ins Zimmer gestürzt, mit einem Gesicht, das von Ueberraschung ganz verstört war. Sie kommen, Herr Forstmeister, rief sie, denken Sie nur, sie kommen wahrhaftig, sie müssen gleich da sein!

Wer? fragte Hubert und sah arglos vom Schreiben auf.

Der Fritzle und seine Mutter, sehen Sie doch nur aus dem Fenster! Ach Gott, ich bin ordentlich froh, daß ich das herzige Kind einmal wiedersehe.

Hubert war aufgesprungen und ans Fenster getreten. Da sah er auf dem Fahrweg ein Wägelchen heranrollen, in dem wirklich die beiden Gesichter saßen, die er nie wiederzusehn gedacht hatte.

Einen Augenblick stand ihm der Athem still. Dann sagte er: Geht hinaus, Kathrin, und nehmt das Kind in Empfang. Ich will nur eben noch den Brief schließen.

Die treue Person fühlte dunkel, wie es um ihren Herrn stand. Lieber Himmel, sagte sie, wie sieht der Fritzle, der arme Schelm, der noch zu Weihnachten so rothe Bäckchen hatte, schmal und elend aus! Der muß krank sein. Ich will gleich nach ihm schauen.

Damit eilte sie aus dem Zimmer und öffnete die Hausthür. Eben hielt der Wagen, das Mariannele stieg aus und hob den Knaben heraus. Ist der Herr Forstmeister zu Haus? fragte sie. Komm, Bubele, gieb der guten Kathrin ein Händle, dann wollen wir gleich hinein, und der Kutscher soll indessen warten. Sieh, da ist auch der Waidmann, der kennt dich noch. Ist denn das Eichkätzle noch am Leben? fragte sie die Kathrine. Aber ohne die Antwort abzuwarten, nahm sie das Kind bei der Hand und ging ins Haus.

Als sie beide ins Zimmer traten, saß Hubert am Tisch und sah auf, wie wenn der gleichgültigste Besuch erschiene. Er war aber so blaß im Gesicht, wie das Mariannele roth war, und indem er aufstand und in seiner Aufregung einige höfliche Worte vorbrachte, wunderte er sich über das heitere Wesen der Mutter, zumal da der Knabe bleich und abgezehrt aussah.

Verzeihen Sie, sagte das Mariannele, und ihre Wangen glühten immer mehr, daß wir es doch wieder wagen, uns hier sehen zu lassen, nachdem wir so unartig damals auf und davon gegangen sind. Auch würden wir Sie nicht wieder belästigt haben, aber Noth lehrt beten. Sehen Sie, wie mein armes Bubele aussieht. Er hat bald nach Weihnachten lange an den Masern gelegen und sie so heftig gehabt, daß er sich nachher trotz aller Pflege nicht wieder hat erholen wollen. Nun sagt der Doktor, ich müßt' ihn aufs Land thun, in gute Luft, denn in der Stadt würd' er noch lange nicht wieder recht zu Kräften kommen. Und weil er in der Krankheit beständig vom Wald und dem Eichkätzle und der guten Kathrin – und auch von Ihnen geredet hat, hab' ich gedacht, es verlohnte doch einer Anfrage, ob er Ihnen nicht zur Last wäre, nur so auf ein paar Wochen, bis er seine Farbe wieder hat. Denn ich weiß auf der Gotteswelt Niemand sonst, dem ich das schlimme Bürschle anvertrauen könnt'. Wenn wir aber ungeschickt kommen und zur Last fallen –

Der Knabe war während dieser Worte von der Hand der Mutter fortgeschlichen und hatte sogleich sein geliebtes Eichkätzle erspäht, das sich nicht lange bitten ließ, ihm auf die Schulter zu springen. Sie sehen, sagte Hubert, er ist hier noch ganz zu Hause. Es ist recht, daß Sie ihn hieher gebracht haben. Wir wollen ihn schon wieder herauspflegen. Nicht wahr, Kathrin?

Ach das herzige Kind, rief die Alte, die Hände wollen wir ihm unter die Füße legen! Ich will gleich hinaus, ihm ein Süpple zu kochen. – Damit lief sie erst zu dem Knaben, streichelte ihm das Gesicht, zog ihm sein Mäntelchen aus und gab ihm die besten Worte.

Darf ich auch wieder schießen? fragte der Knabe.

Gebt ihm nur die Armbrust, Kathrin, sagte Hubert. Ihr wißt, wo ich sie aufgehoben hab'. Ja, mein Junge, es soll dir an nichts fehlen. Es ist brav von dir, daß du Onkel Hubert nicht ganz vergessen hast.

Die Alte führte das Kind in den Flur hinaus und gab ihm, wonach es nur verlangte. Da sagte die Mutter:

Ich wollt' noch fragen, wie es mit dem Kostgeld gehalten werden soll, ob das genug ist, was ich an den Pathen gegeben hab'?

Hubert schwieg eine Weile. Dann sagte er: Davon kann nicht die Rede sein. Ich hab' kein Hotel. Wer bei mir wohnt, ist mein Gast. Ich denk', Sie können mir glauben, wenn ich versichere, daß der Fritzle mir weder Last noch Kosten verursacht, sondern nur Freude macht.

Wohl, sagte sie; so dank' ich Ihnen denn im Voraus. Aber da ist noch Eins. Ich weiß nicht, ob es Ihnen recht ist, wenn ich ab und zu nach ihm sehe, nicht öfter als alle acht Tage. Aber weil er doch krank war, könnt' ich's sonst nicht überstehn.

Er schwieg wieder. Natürlich! sagte er dann. Es läßt sich ja auch ganz gut einrichten. Sonntag über acht Tage bin ich abwesend, und kann's überhaupt schon machen, daß ich die Sonntage fortgehe. Sie können's dann halten, wie Sie wollen.

Das geht aber nicht, sagte sie zögernd. Ich vertreibe Sie ja dann aus Ihrem eignen Hause. Kann ich denn nicht kommen, auch wenn Sie –

Plötzlich veränderte sie ihren Ton und trat ihm einen Schritt näher, indem sie ihn mit ihren dunklen Augen ganz herzhaft ansah. Nein, sagte sie, so kommen wir nicht vom Fleck. Ich muß nur gerad heraussagen, was ich auf dem Herzen hab'; wenn es mir sauer wird, so geschieht mir schon recht; warum hab' ich's damals verkehrt gemacht. Ich bin nicht allein des Fritzle wegen hier, sondern auch meinetwegen; denn tausendmal hat mich's gereut, wie damals der Trotzkopf mit mir durchgegangen ist, und es läßt mich nicht ruhig werden, bis ich weiß, daß Sie mir nimmer bös sind.

Wenn's weiter nichts ist, erwiederte er mit gleichgültigem Ton, das kann ich ehrlich versichern, ich bin Ihnen wahrhaftig nicht mehr bös.

Ja, aber auch wieder ein bisle gut, sagte sie und streckte ihm mit einer reizenden Geberde, scheu und zuversichtlich zugleich, die Hand entgegen. Es wäre mir gar nicht lieb, fuhr sie fort, ohne darauf zu achten, daß er die Hand nicht annahm, wenn Sie vor mir davonliefen, so oft ich käm', nach dem Fritzle zu schauen. Denn Sie müssen nur wissen, es hat mir mehr gefehlt, als ich selber gedacht hab', daß Sie sich nicht mehr sehn ließen. Erst nachher ist mir's eingefallen, wie gut Sie es doch mit mir meinen, und daß kein falsches Härle an Ihnen ist.

Ich danke für die gute Meinung, sagte er düster. Die Sachen sind aber einmal, wie sie sind.

Müssen sie's aber bleiben? sagte sie und sah zu Boden. Ich sollt' mich schämen, daß ich so red', aber ich denk', es geht jetzt eben in Einem hin. Wenn Sie noch dieselbe Gesinnung haben, wie damals – Sie wissen wohl – als ich das Sammtjäckele genäht hab' und Sie mich fragten und ich so schnell bei der Hand war, Nein zu sagen – –

Da verstummte sie und wagte ihn nicht anzusehn; aber sie hörte an seinem Athmen, wie es in ihm arbeitete.

Es ist besser, wir brechen ab, sagte er endlich. Jetzt ist's doch zu spät; ich sehe zu klar. Und ich weiß auch, was ich mir schuldig bin. Damals bin ich abgewiesen worden des Knaben wegen. Darein hab' ich mich finden müssen. Daß man mich aber jetzt annehmen will, auch wieder nur wegen des Knaben, das läuft mir doch auch gegen meinen Stolz. Ich kann's begreifen, daß es Ihnen schwer wird, gerade jetzt den Fritzle nicht so nah zu haben wie sonst, und daß Sie es deßhalb sogar übers Herz bringen würden, mein Weib zu werden. Aber wie gesagt, dazu bin ich mir doch zu gut. Ich bin einmal glücklich gewesen mit einer Frau, die mich hat lieben können um meinetwillen. Ich will mich nicht verschlechtern; dazu ist mir ihr Andenken zu heilig. Und somit dächte ich, wir ließen es dabei bewenden, und für heut sag' ich Ihnen adieu. Ich habe im Forst zu thun, und Sie werden dem Fritzle helfen wollen, sich's hier bequem zu machen.

Er ergriff die Mütze, die auf dem Tische lag, und wandte sich nach der Thür. Sie blieb unbeweglich stehn.

Muß ich's denn wirklich Alles heraussagen, und wollen Sie mir gar nichts ersparen von meiner Strafe? sagte sie. Wissen Sie denn, warum ich mich so geeilt hab', Nein zu sagen, und warum ich nachher mich wohl gehütet hab', die Thür aufzumachen? Weil ich mich gefürchtet hab', daß ich am Ende doch den Kopf verlieren könnt' und mehr an mein Glück denken, als an das von meinem Kind. Glauben Sie, daß ich mir den Kuß hätte gefallen lassen von irgend einem Andern? Obwohl ich auch Fleisch und Blut hab', wie Andere: so freigebig bin ich sonst nicht gewesen, und die Bas kann mir's bezeugen. Aber daß ich Ihnen nicht böser sein konnte, das zeigte mir, wie gut ich Ihnen schon war, und ich sagte mir: wenn du jetzt nicht gleich Vernunft hast und ein Ende machst, so ist's aus, und ob's dem Fritzle gut ist oder nicht, danach fragst du dann nicht mehr. Und darum – was sehn Sie mich so an? Ist's noch nicht genug? Soll ich's Ihnen noch deutlicher sagen, daß ich in Sie verliebt war wie eine Närrin? – –

Zwei Minuten später öffnete die Wirthschafterin, den Knaben an der Hand, die Thür, zog sie aber geschwind wieder zu.

Warum gehn wir nicht hinein? sagte Fritzle.

Jetzt nicht, Kind, antwortete die betroffene Alte. Aber sei nur ruhig; ich glaub', es dauert nicht mehr so lang, so bekommst du einen Vater. Komm, wir wollen nur immer euren Wagen wegschicken. Heut fährt dein Mütterle einmal gewiß nicht wieder fort. –

Und doch hatte sich die treue Seele getäuscht. Als der Mond in den Wald hereinschien, schritten die Beiden, die sich gefunden hatten, langsam Hand in Hand der Straße zu, die nach Kehl führte. Sie hatten so viel mit einander zu reden, daß sie oft stehn bleiben mußten, um Athem zu schöpfen. Dann sah er wie verzaubert in ihr schönes klares Gesicht, das im Mondschein ihn anlachte. Die eine Frühlingsnacht vergütete reich den langen harten Winter.

Als sie an den ersten Häusern des Städtchens anlangten, sagte das Mariannele: So, nun laß mich allein gehn. Ich bleibe die Nacht hier im Gasthof und geh' erst morgen vollends heim, und wenn du Zeit hast, besuchst du mich dann schon früh in Straßburg. Aber mach jetzt, daß du mir aus den Augen kommst. Sonst kehr' ich wahrhaftig gleich wieder mit dir um, und du wirst mich gar nimmer los, und es muß doch Alles seine Ordnung haben, daß deine Leut' nicht sagen können, eine liederliche Landstreicherin sei dir ins Haus gefallen. Und da – den Kuß bring an mein Kind und noch den und den, und nun keinen mehr!

Doch noch einen, sagte er, indem er die herrliche Gestalt fest in seine Arme schloß, noch einen Kuß, Mariannele, für unser Kind. Oder bekomm' ich den Fritzle nicht in den Kauf, wenn ich dich nehme?

Freilich, sagte sie erröthend und schmiegte sich an ihn; 's ist ja mein ganzer Brautschatz, den ich dir zuzubringen habe!

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