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Novellen und Erzählungen

Franz Freiherr von Gaudy: Novellen und Erzählungen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFranz von Gaudy
titleNovellen und Erzählungen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeVierter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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VI.

Die bayerische Kellnerin.

Vor etwa vierzig Jahren saß zu München in der vierten Nachmittagsstunde eines sonnighellen Juni-Sonntages an einem der Tafelzimmer-Fenster des alten bekannte» Gasthofes zum goldenen Hirsch der junge Graf Rodrich Amberg. Erst seit kurzem hatte er, nach dem Tode des Vaters, den Besitz seiner diesseit und jenseit des Riesengebirges gelegenen Majoratsgüter angetreten, und war nunmehr, nach mehrmonatlicher Reise durch die kaiserlichen Erbstaaten und Bayern, im Begriff auf seine Besitzungen zurückzukehren.

Wer jetzt München auch nur nach jähriger Abwesenheit wiedersieht, wird irre an Ort und Zeit, so schnell steigen fürstliche Paläste ehrfurchtgebietende Tempel, gigantische Denkmäler aus dem Boden, so schnell wächst die Zahl der Gemälde, welche Altäre und öffentliche Hallen schmücken, und die der Kunstschätze in den Museen, Überfluß an Zeit ist das letzte, worüber der Reisende sich jetzt beklagen darf, und er wird sich wohl eher bei beschränktem Aufenthalt, von dem Überreichtum der Sehenswürdigkeiten und der Unmöglichkeit, ihnen die gebührende Aufmerksamkeit widmen zu können, bedrückt fühlen. Anders war es vor vierzig Jahren, wo München nicht viel mehr als den Anblick einer unregelmäßigen, düstern, weniger altertümlichen als antiquierten Stadt in einer flachen alltäglichen Gegend darbot. Die stiefmütterliche Natur über die verschwenderisch emporblühende Kunst vergessen zu machen, war die Aufgabe, welche erst die letzten entschwundenen Jahrzehnte siegreich lösten.

Zu den peinlichsten, bedrückendsten Lagen des Lebens gehört der zwecklose Aufenthalt an einem fremden Ort, zumal wenn ein Festtag alles Volk aus den Häusern lockt, und die bunten fröhlichlauten Gruppen zu den Thoren hinausströmen, und dann der Fremdling einsam in der öden Gaststube hinter dem schal gewordenen Wein und dem zehnmal durchlesenen Zeitungblatt sitzt, so gern mit den Frohen froh sein möchte, und keine Seele kennt, an die er sich anschließen darf, keine, die sich seiner in der Verlassenheit annimmt. Dann empfindet er trotz all' seines Geldes recht bitter, wie wehmütig es dem Armen, dem Dienstboten ums Herz sein muß, wenn diesem die wochenlang erharrte Festtagslust durch ungerechten Machtspruch verkümmert wird, und er als verbitterter Bodensatz zurücksinkt, während die übrige freudesprudelnde Bewohnerschaft des Hauses überschäumen und ausschwärmen darf.

Dieses widrige Gefühl war es, welches an jenem Tage den jungen Grafen Rodrich bewältigte. Nach wenigen Gängen hatte er die damals noch spärlichen Denkwürdigkeiten Münchens gemustert. Einsame Spazierfahrten nach den fürstlichen, aber eisigkalten Anlagen Nymphenburgs und dem Park voll allzuzahmen Wildes, oder nach dem Lustschloß zu Schleißheim und dessen Bilderschätzen, lockten ihn, eben weil er sie hatte allein unternehmen müssen, nicht sonderlich zur Wiederholung. Von Bekannten hatte er seines Wissens niemanden in München, und seine Abreise stand zu nah, als daß er hätte versuchen mögen, aufs ungefähr hin neue Verbindungen anzuknüpfen. Sich in das Volksgewühl zu stürzen, und an dessen Freude sorglos teil zu nehmen, verhinderte ihn eine, teils in seiner aristokratischen Erziehung, teils in den norddeutschen Vorurteilen wurzelnde Scheu. Der heimliche Verdruß aber, diese nicht bewältigen zu können, und am fremden Orte die alten Fesseln mitschleppen zu müssen, vollendete sein Mißbehagen. – Er machte einige rasche Gänge durch das Zimmer, gedankenlos bald das Billard-Reglement, bald die banalen Wirtsstubenbilder der französierten Modepuppen, wie die vier Jahreszeiten, die fünf Weltteile anstarrend, bald den Theaterzettel und die Gasthofs-Adressen am Spiegel; nahm dann wieder den alten Sitz in der Fensterbrüstung ein, und schaute auf das vorüberziehende, wohlhäbige Bürgervolk, auf die gähnenden Hartschiere der Wache. Seine Verstimmung wuchs von Augenblick zu Augenblick. Tausendmal verwünschte er seine Fahrlässigkeit, nicht schon am verwichenen Tage das benötigte Reisegeld beim Bankier erhoben zu haben, um ohne Verzug Extrapost-Pferde bestellen zu können – plötzlich sprang er auf und pochte hastig ans Fenster. Ein vorübergehender junger Mann blickte auf, erwiderte freudig den ihm zugewinkten Gruß, und stürmte mit dem herzlichen Ruf: Willkommen in meiner Vaterstadt! ins Zimmer. Es war Baron Max von Hardy, dessen Bekanntschaft Graf Rodrich vor kurzem in Wien erneuert hatte.

Gleichheit des Standes, Vermögens und Alters hatten die jungen Männer schneller genähert, als die ziemlich divergierenden Lebensansichten – nichtsdestoweniger war die Freude des Wiedersehens von beiden Teilen eine aufrichtige, lebendiger freilich gefühlt und geäußert von seiten des Teilnahme bedürftigen Grafen.

»Durfte ich Sie denn, bester Hardy, nach unserer letzten Verabredung schon jetzt in München erwarten?« rief Amberg, als der Baron ihm Vorwürfe machte, weshalb er ihn nicht augenblicklich aufgesucht habe. »Wie können Sie denken, daß ich gesäumt haben würde, Ihrer freundlichen Einladung Folge zu leisten, gesetzt auch, ich hätte mich minder isoliert gefühlt, und weniger an Überschwang der Zeit zu leiden gehabt, als gerade hier.«

»Die kritische Wendung eines Prozesses, von welchem ein Teil meines Vermögens abhing, machte meine beschleunigte Rückkehr notwendig,« antwortete der Baron. »Seitdem hat ein zu rechter Zeit produziertes Dokument eine günstige Entscheidung herbeigeführt, und ich freue mich dieser um so mehr, da mir dadurch Muße wird, mich Ihnen völlig widmen zu können. Aber soll ich nicht mit Ihnen hadern, Rodrich, daß Sie die Freude des Wiederbegegnens auf Kosten meiner Vaterstadt übertreiben? Sie, ein junger lebensfroher Mann fühlen sich hier verlassen, fühlen sich von Langeweile erdrückt, hier in München, der fröhlichsten, gemütlichsten Stadt Deutschlands. Ich fasse Sie nicht. Und an einem der sonnigsten Sonntage kauern Sie melancholisch wie der Vogel der Minerva in dem dumpfigen Tafelzimmer, trommeln an den Fensterscheiben, zählen die der gegenüberstehenden Häuser – wahrhaftig, Amberg, ich verkenne Sie.«

Der Graf lächelte gezwungen, und versuchte es, sich mit gänzlicher Unkenntnis der hiesigen Verhältnisse zu entschuldigen.

»Ach, gehen Sie,« lachte Hardy, »ich wette, was Sie wollen, der Grund Ihres Zuhausebleibens, Ihres vornehmen Isolements ist kein anderer, als jene unselige norddeutsche Prüderie, wegen welcher ich Sie schon in Wien so häufig ausgeschmählt habe. Werden Sie uns Süddeutsche denn niemals begreifen, niemals mit uns leben lernen, niemals die Kunst, sich zu geben, wie Sie sind, und andre zu nehmen, wie sie sich geben? Kommen Sie, kommen Sie. Hinaus vor das Thor. Mischen wir uns unter das Volk.«

»Wohin führen Sie mich, Max?«

»Wohin? Gleichviel. Frohe Gesichter treffen wir überall. Es fragt sich nur, wo die meisten beisammen sind. Die Menge verlangt immer nach der Menge. Sonntag ist heute – wohlan, lassen Sie uns nach Neuberghausen gehen. In einer halben Stunde sind wir dort, und finden die schmucksten Mädchengesichter, das trefflichste Bier –«

»Bier?« erwiderte der Graf gedehnt.

»Bier, freilich Bier,« entgegnete lachend der um einige Jahre jüngere Max. »Unsere Äcker tragen nicht die Rebe von Tokay, die umliegenden Hügel nicht Johannisbergs Traube, wohl aber den besten Hopfen von der Welt. Und seit den Zeiten des Königs Gambrinus von Brabant, des famosen Erfinders des Gerstensaftes, dessen Porträt Sie in der Putzstube jedes rechtschaffenen Bayern sehen können, ist unser Land als die Heimat des edlen schäumenden Getränks weit und breit bekannt. Ich aber bin ein zu echtes Landeskind, um nicht gleich allen meinen Mitbürgern bei Erwähnung eines vortrefflichen Gebräus mit verklärten Augen die Lippen zu spitzen, um nicht eine mißratene Hopfenernte für die entsetzlichste Kalamität zu erachten. Kommen Sie hurtig, Amberg, ich hoffe, es soll mir gelingen, Sie mit unserm schönen Getränk zu versöhnen, Sie im kurzem zum Münchner zu machen.«

»Es ist mir ein völlig unbekanntes Land,« erwiderte Graf Amberg verlegen, »welches ich da an Ihrer Hand betreten soll. Zürnen Sie mir jedoch nicht, guter Max, wenn ich mich Ihrer Leitung diesmal nicht so freudig wie sonst wohl überlasse. Sie wissen wohl, bei uns Norddeutschen haftet einmal an dem Worte Bier ein gewisser Makel, ein Nebenbegriff von Widrigem, fast möchte ich sagen, von Unedlem. Jeder den höheren Ständen Entsproßene wird sich scheuen, zu jenem Getränk sich zu bekennen. Wir sehen da gleich bei dem Worte den Herbergsvater, die wilde, tobende Wirtschaft, den zügellosen Taumel des Pöbels im Geiste. »Dies Fiedeln, Schreien, Kegelschieben ist mir ein gar verhaßter Klang,« um mit Fausts Famulus zu sprechen. Wir mögen unrecht haben, ich räume es ein, aber es ist einmal nicht anders. Doch sei's drum, ich begleite Sie. Wenn auch an einem öffentlichen Orte, wir werden darum nicht minder unerkannt bleiben.«

Herr von Hardy hatte sich während der Rede seines Freundes eines spöttischen Mundwinkelzuges nicht erwehren können. »Mit der Härte solcher Ansichten,« antwortete er, »darf ich Ihnen nicht sonderliche Genüsse in und um München versprechen. Doch kommen Sie nur, und empfangen Sie vorläufig die Versicherung, daß Sie wenigstens in der Versammlung nicht der einzige stiftsmäßig geborene sein werden, dessen Stammbaum unter dem Aufguß jenes von Ihnen so angefeindeten Getränks frische Blüten treibt. Kommen Sie rasch.«

Ungeduldig riß er den heimlich Widerstrebenden mit fort, und schloß sich mit ihm dem durch die Arkaden nach dem englischen Garten ziehenden Menschenstrome an.

Dem anmutigen Weg durch die Schatten-Alleen des sinnig angelegten Parks, den fröhlichen Gesprächen Hardys, sowie dem beiderseitigen Austausch von Reminiscenzen gelang es, den Anflug von böser Laune, welcher des Grafen Stirn umdüstert hatte, wieder zu verscheuchen. Nur vermochte er sich einer gewissen, ihm sonst fremden Befangenheit nicht zu erwehren, als er durch das Thor des Neuberghäuser Gartens schritt, und die zahllose durcheinander irrende, an langen Tafeln sitzende Menge überblickte, als er das Schwirren der Stimmen und Geigen, das Dröhnen der Pauken und anderer Janitscharen-Instrumente vernahm.

Hardy drängte sich rasch durch das Gewühl und seinen Freund auf einen mühsam erspähten Platz. Die Nachbarn rückten freundlich zusammen – es wurde noch Raum genug für die Freunde. Rodrich musterte mit mißtrauischen Blicken die Tischgenossen. Die goldenen und silbernen Ringelhauben und schweren Ohrgehänge der Frauen, die roten, mit Silberknöpfen gepanzerten Westen und dreieckigen Hüte der Männer, welche die Mehrzahl als zum Handwerker- oder gar zum Bauernstände gehörige bezeichneten, versetzte ihn in sehr ungemütliche Stimmung. Um keinen Preis wär' er imstande gewesen, mit den Nachbarn ein Gespräch anzuknüpfen. Sein Freund war fortgegangen, um die Ankunft des bestellten Biers zu beschleunigen. Die stämmigen Küferburschen, die flinken Kellnerinnen, welche durch die Reihen huschten, waren kaum imstande, den Anforderungen der überall rufenden und mit den Zinndeckeln klappernden Menge zu genügen. An den benachbarten Tischen gewahrte Amberg gewähltere Kleidungen, elegant kostümierte Damen, reizende Gesichter, an denen bekanntlich München zu keiner Zeit Mangel litt, und was ihn wohl am meisten beruhigte, einige Offizier-Uniformen, deren Träger, dem Alter und den Dekorationen nach zu schließen, den höhern zuzuzählen waren. Er atmete freier, war er doch nunmehr gewiß, sich seinesgleichen nah zu wissen.

Ambergs Beobachtungen setzte die Rückkehr des Barons Hardy für den Augenblick Schranken. Ihm folgte eine allerliebste Kellnerin, welche die gläsernen Krüge mit freundlichem: »Wohl zu bekommen!« vor den neuen Gästen auf den Tisch schob und wieder verschwand. »Schau'n Sie unserer niedlichen Hebe nicht zu tief ins Auge, lieber Graf, wenn Sie sich nicht eben mit dem Anschauen begnügen wollen. Der Glückspilz, welcher sich mehr als eines freundlichen Blicks von dem Blitzmädel rühmen darf, soll noch erscheinen.«

»Wäre sie wirklich so schön?« versetzte Rodrich, »Ich blickte nicht auf und freute mich nur der reichen, kleidsamen Tracht, des schmucken Samtmieders mit goldener Borte, der silbernen Kettenschnüre mit den schweren Schaumünzen, und nachblickend an dem seinen Wuchs, dem Ringelhäubchen, der ganzen behenden, leichten Erscheinung.«

»Nun, sie wird wohl wiederkehren, und dann mögen Sie sie näher ins Auge fassen und selber urteilen, ob sie den Namen der schönen Marie mit Recht führt. Ach, dort naht Graf Strahlenberg, und der Domherr von Ryßlinger, und dort Baron Landrer mit seiner schönen Frau und Schwägerin. Wollen Sie vorgestellt sein? Späterhin? Ganz nach Belieben. Für jetzt stoßen Sie an, willkommen in München!«

Graf Amberg erhob das Glas gegen das Licht und belobte wohlgefällig die helle schimmernde Farbe dieses dem Goldtopase gleichenden Nasses, auf welchem der von seinen ätherischen Stoffen gewebte Silberschaum schaukelte. Er kostete, und gestand, anfänglich wohl mehr aus Gefälligkeit, bald aber aus Überzeugung, wie er nun begreife, daß man sich leicht an die verlieblichle Bitterkeit, an den würzigen und doch so reinen Geschmack eines solchen Getränks gewöhnen könne. Mit Ablegung dieses Glaubensbekenntnisses überkam den Proselyten allmählich auch der bei dem neuen Kultus zu beobachtende Ritus. Schnell genug hatte er aufgefaßt, wie der echte Trinker den Zinndeckel des Glases behutsam mit dem Daumen lüfte und an den Henkel zurücklehne, wie er ihn nach vollbrachtem Trunk leise zurücksinken lasse, wie dem mehr Verlangenden nach geleertem Becher das rasche taktmäßige Aufschlagen des Zinns gezieme. Schon nach Leerung des ersten Glases schwenkte er es so tapfer als nur einer klappernd, und schaute erwartungsvoll nach dem folgenden, vielleicht mehr noch nach der schonen Überbringerin, durch das Gedränge.

Wohl so mancher meiner norddeutschen Leser mag Rodrichs Förmlichkeit, mit der er das Unverfängliche behandelte, belächeln, nicht aber noch die ihm so spät gewordene Erkenntnis des uns bereits Alltäglichen. Diesem bringe ich nochmals in Erinnerung, daß seitdem mehr als ein Menschenalter verstoß, und daß wir uns zu jener Zeit an den täglichen, unaufhaltsamen Siegen, welche der König Gambrinus über seinen und unsern Erbfeind, den After- Bacchus, davonträgt, noch keine Silbe träumen ließen, zuletzt aber nur noch, daß Rodrich ein norddeutscher, in allen Vorurteilen seines Standes erzogener Grafensohn war.

Ambergs Hoffnung ging in Erfüllung. Abermals war es die schöne Marie, welche ihm das Getränk kredenzte. Unverwandt hing sein Auge an dem lieblichen Gebild bis zum letzten Augenblick, wo es wieder im Gewühl versank.

»Nun, habe ich zuviel gesagt?« fragte der Baron.

»Beim ewigen Gott,« erwiderte der Graf ernsthaft, »sie ist schön, mehr noch als dies – sie ist reizend. Dies Ebenmaß der Glieder, diese unbewußte Harmonie ihrer Bewegungen, das nußbraune, stillsinnende treue Auge, die füllreichen blonden Locken, – und dieser magdliche Jugendreiz, die Glorie, welche das blühende Antlitz umfließt. – – Sie nannten, wenn ich nicht irre, Marie spröde, streng, unzugänglich den Schmeicheleien wie der Verlockung. Teilen Sie denn auch diesen Glauben wahrhaft, Max?«

Herr von Hardy blickte überrascht auf den Grafen: »Ei nun,« erwiderte er, »ich glaube ja; nein wirklich, ich pflichte der allgemeinen Stimme bei. Aber Ihre Frage klang so ernst, so feierlich – Ja doch, es ist meine feste Überzeugung. Ein Mädchen, wie dieses da, welches einmal die Augen der ganzen Stadt auf sich gelenkt hat, welches durch ihre Schönheit und Stellung so tausendfältiger Versuchung ausgesetzt ist, findet eben in jener allgemeinen Aufmerksamkeit den sichersten Wächter. Ein Blatt aus der Rose, und der Kelch löst sich entblättert. Ein Schatten nur auf ihre Reinheit, ja nur der Schatten eines Schattens, und der Nimbus, der bisher auch den rohsten Wüstling in Schranken hielt, wäre erblindet. Ein Mädchen, wie die schöne Marie, kann nicht einmal im Verborgenen fehlen. Nicht nur ihre Handlungen, auch ihre Gedanken schon werden von Tausenden von Spähern bewacht. Ich bin überzeugt, daß sie makellos rein sei.«

»Wunderbar genug,« erwiderte sinnend der Graf, »aber doch möglich – glaublich – wahrscheinlich. Den niedern Ständen wohnt häufig noch eine Sittlichkeit, vor allem aber eine Willenskraft inne. die uns schon in Träumen fremd geworden ist. Sie ist schön – sehr schön. Kommen Sie, und lassen Sie uns einen Gang durch den Garten machen.«

Die Schatten begannen sich bereits zu verlängern. Hier und dort brannten schon Lampen in den Zelten und Lauben; alle waren noch überfüllt mit fröhlich schwatzenden und lachenden Gruppen. In einem der Pavillons drehten sich die hölzernen Gäule mit ihren ehrenfesten Sonntagsrittern um, die kleinen Wägelchen voll jubelnder Dirnen, die mit der Lanze in der Hand sich mühten, den eisernen Ring zu heben. In einem andern räumigen Saale schwenkten die Paare sich im Tanz. Ueberall herrschte Lust, Leben und Freudigkeit, nirgends jene widrige übersättigte Rohheit sinnloser Völlerei. Die höheren Stände mischten sich sorglos unter die Haufen der Proletarier, und freuten sich mit den Freuenden. Rodrichs Auge stieß nirgends auf die tückische Feindseligkeit, mit welcher in seiner Heimat der Niedre in dem Augenblick der Freilassung sich so gern gegen den höher Gestellten für die erlittenen Demütigungen zu rächen liebt, nirgends auf die knechtische Deferenz des Gebeugten, ebensowenig aber auch auf das hochmütige und verletzend zur Schau getragene Bewußtsein des Ranges und Reichtums, Von Augenblick zu Augenblick fühlte Amberg sich wohler, freier, heimischer in diesen Kreisen. Lächelnd drückte er seines Freundes Hand und zog ihn dann wieder in das dichteste Gedränge mit sich fort. Die schöne Marie vermochte er bei einbrechender Dunkelheit nicht mehr in dem lauten Schwärm ausfindig zu machen.

»Und morgen wollen Sie München schon wieder verlassen?« fragte Baron von Hardy den Grafen unter dem Thor des Gasthofes. –

»Morgen?« entgegnete Rodrich stutzend – »sagte ich so? Nicht doch – in zwei, drei Tagen – heut über acht Tage – vielleicht –«

»Schon recht so,« lachte Max, »und bis dahin wollen wir die Zeit nutzen. Auf morgen denn.«

Unruhig warf sich der Graf aufs Lager. Die buntverworrenen Farbentöne des erlebten Nachmittags schwammen nebelhaft verfließend vor seinen Augen. Nur ein Bild tauchte lilienrein aus dem chaotischen Wirbel – es war das der schönen Marie. Vergeblich mühte er sich, den eigentümlichen Eindruck, den die flüchtige Erscheinung auf ihn ausgeübt hatte, zu analysieren, durch Beilegung der nüchternsten Namen den Zauber zu lösen. Er nannte sich Marie ein ganz hübsches Mädchen, ein recht anmutiges Bild, eine interessante Erscheinung – keine von den Verkleinerungen, die ihm der Verstand einflüsterte, wollte so recht zu Herzen gehen. Er schalt sich kindisch, thöricht, daß er sich vom sinnlichen Eindruck des Augenblicks habe hinreißen fassen, Interesse für ein niedrig stehendes, kaum gesehenes Mädchen zu fassen – aber auch diese Kunstgriffe wollten nicht verfangen. Er überraschte seine Lippen bei dem willenlosen Ausruf: Marie, schöne Marie! Er schloß die Augen, aber das schlanke, jungfräuliche Gebild mit der süßen, demütigen Geberde leuchtete dem geistigen Blick vor, und nur noch duftiger, noch verklärter,

Graf Amberg hatte bereits das fünfundzwanzigste Jahr zurückgelegt, aber wahrhaft in Liebe war er noch niemals gewesen. Er war eine von jenen kalten, besonnenen Naturen, welche als Kinder allzeit belobt, als Jünglinge den andern als Muster vorgestellt weiden, und im Mannesalter ohne Kampfe und vom Glück geleitet den Versuchungen ans dem Wege gehen, von denen Lockungen wie Quecksilberkügelchen spurlos abrollen. Wohl geschieht es oftmals, daß jene vielgerühmte Klugheit einem solchen bis in das spätere Alter und bis zum naturgemäßen Erlöschen der Leidenschaften zur Seite steht – nicht selten aber auch, daß die so lange schlummernden Sturme in späteren Jahren mit erneuerter Gewalt zurückkehren, und den Unvorbereiteten, durch lange Ruhe Verweichlichten, erfassen und in den Abgrund stürzen. Dann kommen aber die Leute und schütteln die Köpfe und wundern sich, wie ein sonst so besonnener, kluger Mensch noch in seinen alten Tagen so dumme Streiche machen könne. Sie hätten's nun und nimmer von ihm gedacht. Im vorliegenden Falle hatte die Welt aber schwerlich anders geurteilt, denn der Graf war auf dem besten Wege, sich von Herzen in die schöne Marie zu verlieben.

Das lügenhafteste aller Sprichwörter »guter Rat kommt über Nacht!« bewährte sich bei Rodrich so wenig als bei irgend einem Sterblichen. Aus dem Kampf der gespaltenen Seelenhälften war für ihn nur der dürftige Lorbeer der Unschlüssigen abgefallen; der Entschluß nämlich, der Folgezeit die Entscheidung zu überlassen. Mit frühem Morgen schon eilte Rodrich zum Bankier, um den Rest seines Kreditbriefes zu erheben. Gleich der Mehrzahl der unerfahrenen Reisenden hatte er aber bei der Einzahlung nur eben auf das Bedürftige, nicht auf das Außergewöhnliche, welches in der Fremde erst recht zum Gewöhnlichen wird, gerechnet. Die ausgezahlte Summe war deshalb, im Verhältnis zu seinen Mitteln und Bedürfnissen, nur unbedeutend zu nennen, reichte jedoch hin, um den Aufenthalt in München um einige Wochen verlängern zu können. Vor allem eilte der Graf, seine Dienerschaft, und namentlich den vom Vater ererbten und mehr zum Rat als zum Dienst bestimmten Graukopf mit seinem sämtlichen Gepäck vorauszusenden. Er atmete frei auf, als er Troß und Pack im Postwagen zum Thor hinaus rasseln hörte; kam er sich doch selber frischer, jünger, lebenskräftiger ohne jene lästige Anhängsel seines Standes vor, getrennt von jenen stummen Mahnern an die Heimat und deren konventionelle Rücksichten.

Ein unleugbarer Vorzug der jetzigen Zeit gegen die früheren Jahrhunderte ist, daß der Teufel nicht mehr jeder Beschwörung so zugänglich und folgsam als vordem ist. Gehorchte er noch bis dato jedem unmutigen Geheiß, diesen oder jenen zu holen, so gab's zwar weder schlechte Zahler noch hartnäckige Gläubiger, weder zähe Schwiegerväter noch unsterbliche Tanten, nicht langweilige Autoren, eingebildete Rezensenten, pinselhafte Vorgesetzte, räsonnierende Untergebene, keine zudringliche Judenbengel und lästige gute Freunde mehr – zu gleicher Zeit stände aber auch eine möblierte Erde zu vermieten, denn das gesamte Menschengeschlecht hätte sich alternierend holen lassen, briete in pleno in der Unterwelt, und müßte sich, weil ihm auch diese wieder zu eng würde, wiederum in den Himmel verwünschen. Unter den kräftigen Beschwörern zu der Zeit, wo diese Geschichte spielt, gehörte unbezweifelt Graf Amberg, zu den am nachdrücklichsten dem Bösen Empfohlenen Herr von Hardy. Seinen teilnehmenden Besuchen ward ein gezwungenes Willkommen, den freundlichsten Einladungen widerstrebende Zusage, verlegne Ablehnung zu teil. Es giebt solcher Perioden im Leben, wo auch der gutherzigste, liebenswürdigste Mensch sich und Andern echt unleidlich werden kann – die der ersten Liebe sind es vor allen. Rodrich fühlte sich überall unheimisch, bedrückt, gequält. Zum Freunde frei von der Leber zu sprechen: »Geliebter, ich habe mich in das bildhübsche Mädel vergafft – ich langweile mich im Theater, auf den Spazierfahrten, bei den Kunstreitern, in Deiner Gesellschaft – kurz überall, wo ich sie nicht sehen kann. Habe daher die himmlische Güte und laß mich ungeschoren, bis ich weiß, woran ich mit ihr bin« –: dies hätte wohl Jeder zu stande gebracht, bis gerade auf Den, der sich jemals in gleicher Lage mit dem Grafen befunden hat. Gleichen wir nicht allzusammen dem Affen, der sich vom Jäger mit der geballten Faust in der Flasche fangen ließ? Wir brauchten bloß die Hand zu öffnen, den armseligen Mais fahren zu lassen, und wären frei, vogelfrei. Ja, aber wofür wären wir denn Menschen – – Affen!

So ließ Rodrich sich denn wortkarg, schmollend, blasiert von Ort zu Ort schleppen, dachte nur daran, seinem Führer mit guter Manier zu entschlüpfen, oder sich für den nächsten Tag ein paar unbeobachtete Freistunden erschwindeln zu können, Waren ihm diese endlich zu teil geworden, so eilte er jauchzend, wie ein hinter die Schule gehender Knabe nach dem Dörfchen hinaus – nur aber, um an dem erhofften Rosenkranz Blüte um Blüte abfallen und die verletzenden Dornen länger und länger wachsen zu sehen. Da überfiel ihn denn zuerst die Angst, daß er doch wohl zu frühzeitig wiederkehre, und es ihm ja jeder Mensch anmerken müsse, weshalb er komme; nächstdem kamen die Vorwürfe, das Mädchen mit seinen Blicken allzu unbescheiden verfolgt zu haben, oder aus übergroßer Delikatesse ihr Vorbeischlüpfen verpaßt, oder gar ihren Gruß nicht herzlich erwidert zu haben; dann schmollte er mit sich, daß er's ihr nicht schon längst gesagt habe, was er alles für sie fühle – es war nur das Unglück, daß es sich niemals so machen ließ. Tausende von neugierigen, lauernden, lüsternen, mißgünstigen Augen blitzten ihr auf jedem Schritt und Tritt nach. Ach, Hardy hatte mir zu wahr bemerkt, daß die Simultan-Geliebte einer ganzen Männerwelt unzugänglich sei. Einer Kaiserin vor versammeltem Hofe die Liebeserklärung machen, ist Kinderei gegen die Aufgabe, einer hübschen Kellnerin zehn unbewachte Worte ins Ohr zu flüstern. Brachte Robrich die Zudringlichkeit eines albernen Laffen, der das Mädchen bestürmte, zur Raserei, so war es im nächsten Augenblick der freundliche Gruß, den sie dem Nachbarn zollte, die Freundlichkeit, mit welcher sie Jedem begegnete. Das ganze Pandämonium der unerwiderten Liebeshölle schien es auf ihn abgesehen zu haben. Es ist schon ein Elend mit einem Verliebten!

Acht, neun Tage waren bereits verstrichen, seitdem Amberg die schöne Marie zum erstenmale gesehen hatte, acht, neun solcher zum mindesten 48 Stunden langer Tage, welche aus kontinuierlichen Promenaden aus dem Regen in die Traufe, und aus dem Fegefeuer in die Hölle bestehen, Tage, wie wir sie dem ärgsten Feinde nicht wünschen mögen. Seine Abreise rückte näher und näher – er durfte sie nicht weiter hinausschieben – und hatte sich doch seinem Ziele noch um keinen Schritt genähert. Er fühlte sich recht von Herzen unglücklich.

Die Morgensonne zitterte durch die Kronen der Lindenbäume und glänzte ihre goldenen, schwankenden Ringel auf dem lockern Boden ab. Die Buchfinken schmetterten lustig in den Zweigen oder hüpften, nach Futter suchend, in den frisch geharkten Gängen bis dicht vor die Laube, in welcher Graf Amberg einsam harrend saß. Der Garten war leer. Tische und Stühle standen des Nachttaus halber pyramidisch zusammengelehnt. In langen Reihen lagen die leeren Bierkannen auf den Gestellen nebeneinander, und ließen, Durst lechzenden Zungen gleich, die blank gescheuerten Deckel hängen. Das Gesinde rumorte in der Wirtschaft. Rodrichs Auge hing unverwandt an der Thür des Wirtshauses – endlich öffnete sie sich. Marie trat hervor, morgenfrisch und anmutiger denn je. Freundlich bewillkommnend setzte sie das Frühstück auf den Lattentisch und wollte wieder hinwegschlüpfen, da schlang Rodrich den Arm um ihre schöne Taille: »Du willst schon wieder gehen, Marie, liebe Marie. Nicht doch, bleibe – ich bitte Dich so innig. Ich reise morgen schon ab – wir sehen uns wohl niemals wieder.«

Das Mädchen wand sich schüchtern aus dem sie umschlingende Arm, ihre zuckende Hand aber ließ sie in der seinigen ruhen, »Morgen reisen Sie schon? Auch ich gehe von München fort und kehre heim.«

»Nach Hause? Wohin?«

»Zurück nach Nürnberg. Die Mutter ist krank und schon bei Jahren, und jetzt steht sie ganz allein.«

»Marie, mein süßes Mädchen, einen Kuß, einen einzigen. Nur Deinetwegen kam ich ja so oft. Ich liebe Dich so sehr, so sehr –«

»Ach, ich hab's wohl gemerkt,« erwiderte Marie kaum hörbar in träumerischer Selbstvergessenheit. »Nein, lassen Sie mich. Ich bin ja nur ein armes Mädchen. Was kann ich Ihnen sein? –«

Aber sie entriß sich ihm nicht, sie legte ihre Hände leis auf Rodrichs schmachtend emporblickende Augen, als sollten diese nicht Zeuge sein ihres Errötens, ihres Einwilligens, und dann senkte sie das lockige Haupt, und die Lippen begegneten sich im schmachtenden Kuß. Plötzlich aufschreckend riß sich das Mädchen los. Sie zitterte vor innerer Bewegung an allen Gliedern, Sie verhüllte ihr Gesicht, und ein schmerzlich leises Ach! verriet ihre Erschütterung, –

»Marie, verlaß mich nicht,« flehte Amberg, »liebes Mädchen, bleib. –«

»Es ist recht unrecht von Ihnen,« stammelte Marie, »es ist noch weit größeres von meiner Seite – ich kenne Sie ja gar nicht –«

»Du kennst mich nicht,« erwiderte Robrich, »und sagtest eben doch, Du habest es wohl gemerkt, wie ich nur Deinetwegen gekommen sei.«

Das Mädchen schwieg verwirrt. Daß sie den wohlgebildeten, gewählt gekleideten Fremden und dessen stets auf sie gehefteten Blicke bemerkt habe, war wohl eben kein Wunder: gleicht doch der Liebesblick dem kaum hörbaren Seufzer am Eingang des Dionysius- Ohr zu Shrakus; er schwingt sich weiter und weiter, lauter und lauter durch die Schlangengänge des weiblichen Herzens und wächst im heimlichsten Grunde zum lauten, hallenden Ruf. – Rodrich schob einen Goldreifen an Mariens Finger und sprach: »Gedenke meiner und dieser Stunde.« – Sie ließ es schweigend und mit gesenkten Augen geschehen. Ihr Busen wogte stürmisch bewegt. Abermals wollte sie Rodrich an seine Brust ziehen – aber sie wehrte sich entschieden: »Nein laßt, Herr, es ist nicht wohlgethan, laßt, ich bitte Euch sehr.« – Dann aber küßte sie mit heimlichem Entzücken den eben empfangenen Ring. Amberg stand stumm und mit gefalteten Händen in den Anblick des holden Naturkindes versunken –- er wagte nicht mehr sie zu berühren, wagte nicht das Schweigen zu unterbrechen, aus Furcht die schmeichelnden Traumwellen, die sie beide märchenhaft umflossen, gewaltsam zu zerreißen.

Es giebt solcher Augenblicke für das weibliche Herz, wo auch das kältere sich von weicher, träumerischer Sehnsucht beschleichen läßt, wo jeder Ton harmonischen Anklang findet und gleichtönenden Anklang entlockt. Wem das Glück wird, die unbelauschte Geliebte in solcher lyrischen Stimmung anzutreten, wer den Moment ergreift, um ihr das längst gehegte Gefühl zu gestehen, wird der Gewährung sicher sein dürfen. So oft fragen wir uns, wie es geist- und mittellosen Männern möglich geworden sei, das begabte Weib gefesselt zu haben? Nicht dem eigenen Wert danken sie ihr Glück – nur der Gunst der Stunde, So war es denn auch hier weniger die Jugendschönheit, die flehende Liebesbitte Rodrichs gewesen, als die Allmacht des Augenblicks, welche ihm Marie in die Arme gelegt hatte.

»Und auch Sie verlassen München?« fragte sie, »War's nicht so? Auch Sie kehren heim? Sie sind kein Landskind, sind weit her – gelt? Ich hör's an der Sprache.«

»Ich bin in Böhmen geboren, halte mich aber jetzt in Schlesien auf.«

»'S trifft sich wunderbar genug,« erwiderte das Mädchen nachdenklich, »halb kaiserlich, halb königlich, »ein Bissel böhmisch und ein Bissel deutsch«, wie sie's singen. Just so'n zweiländisch Kind bin auch ich. Die Mutter stammt aus Böhmen her, der Vater war ein Ansbach-Bayreuther – ein Preuße mit Leib und Seel'. Er stand zuletzt als Wachtmeister bei den Bayreuth-Dragonern. Dort ist er erschossen worden.«

»Erschossen?« fuhr der Graf auf – »geblieben willst Du sagen, auf dem Schlachtfeld«.«

»Nicht doch, Herr. Im Frieden erschossen – das ist Euch aber eine gar traurige Geschichte. Seht nur, da waren ihrer Zwei mit Pferd und Waffen desertiert. Der Vater setzte ihnen selb dreien nach und holte sie eine Meile von der Stadt ein. Sie hatten sich auf einen Hügel retiriert und schrieen mit lauter Stimme hinab: es soll es keiner wagen, näher zu kommen, es sei denn auf Gefahr des eigenen Lebens, Da redete ihnen aber mein Vater ernstlich zu: sie möchten Gewehr und Waffen ablegen und sich gutwillig geben – 's helfe doch zu weiter nichts, durchkommen könnten sie nicht. Der Eine aber riß den Karabiner an die Backe und drückte ab, die Kugel fuhr dem Vater mitten durch die Brust. Noch einmal stöhnte er schmerzlich – dann war's vorbei. Er starb einen ehrlichen Reiterstod. Ich war noch ein kleines, dummes Ding, als uns das Unglück traf. Von dem Schmerz, der die arme Mutter traf, mag ich gar nicht reden. Ach, sie hatte wohl ein besser Glück verdient, so gut, so lieb, wie sie war. Ich sah noch den Leichenzug, wie die Trompeter langsam voranschritten, und das Trauerlied: »Jesus meine Zuversicht« bliesen, und dann kam der Sarg, auf den der Hut genagelt war, und kreuzweis die schweren Sporenstiefeln und der blanke Pallasch, Ich weinte laut, wußte aber noch nicht weshalb – ich war noch allzu unverständig. Dann kamen böse, böse Tage für die arme Soldatenwitwe. Ihre vornehmen Verwandten wollten nichts mehr von ihr wissen, seit sie unter dem Stande geheirathet. Doch was schwatze ich von allen dem – Euch macht's nur Langeweil' – und ich weiß noch nicht, wie ich Euch nennen soll?«

»Ich heiße Rodrich,« antwortete zögernd der Graf.

»Rodrich,« widerholte sinnend das Mädchen, »ich werde den Namen nicht vergessen, werde immerfort an heut denken. Schaut mir noch einmal recht treu ins Auge, auf daß ich mir Euer Gesicht recht einprägen möge – so. Und nun lebt wohl – wir sehen uns nicht wieder.«

»O doch, doch!« beteuerte Amberg, »in Nürnberg.«

Das Mädchen schüttelte elegisch den Lockenkopf, riß sich los, und schlüpfte davon, Rodrichs sehnsüchtigen Nachruf unbeachtet lassend. Sie kehrte nicht wieder.

In einer wunderlich gemischten Stimmung, schwankend zwischen Entzücken und Befangenheit blickte der Graf dem Mädchen nach und senkte dann träumerisch den Bick auf die zierlichen Spuren ihrer Anwesenheit, auf die dem Boden eingeprägten Fußstapfen. Du herziges Mädchen, rief er leise und warf der längst Entschwundenen Küsse nach. Er sah sich am Ziele seiner Wünsche und empfand doch nicht alle Herzensfreudigkeit, die er seiner eignen Meinung zufolge hätte fühlen sollen. Er wußte nichts, was er noch weiter hätte wünschen mögen: hatte er ihr doch gesagt, wie er ihr von Herzen gut sei, hatte er ihr doch das scheue, zarte Gegengeständnis entlockt, und es hatte nur ihm, mir seiner Persönlichkeit gegolten. Die magdlich Widerstrebende hatte sich ihm, dem Unbekannten, geistig zu eigen gegeben – er konnte, er wollte nicht mehr verlangen – und doch fühlte er sich so recht eigentlich befriedigt noch bei weitem nicht. Er wollte sich erkräftigen und sich in den frivolen Ton hineinscherzen; er sagte sich vor: wie nunmehr das Romänchen harmlos genug abgesponnen sei, und er jetzt mit dem wohlthuenden Bewußtsein, seinen Zweck erreicht zu haben, abreisen könne. Dann aber fühlte er nur allzudeutlich, daß er zum Roué verdorben und sein Herz doch ganz ernstlich mit im Spiele gewesen sei. Von der einen Seite wünschte er sich Glück, daß dies wunderliche Verhältnis ziemend gelöst sei, bald darauf aber machte er sich Vorwürfe, den Frieden des lieben Mädchens gestört zu haben, und dann that es ihm wieder leid, daß jener Sonnenblick nur eben einen Augenblick gewährt habe. Amberg war zu sehr Neuling in der Liebe, um den rastlos wütenden Wurm, Gewissen genannt, mit Gemeinsprüchen und Leichtfertigkeiten beschwichtigen zu können. Außerdem konnte er sich nicht verhehlen, daß in dem letzten Moment bei Erwähnung des verstorbenen Wachtmeisters die Glorie, welche das liebe Bild bisher umzirkelt hatte, um etwas erblaßt sei. Er war gewohnt gewesen, das schöne Mädchen immer als eine ganz eigentümliche, selbständige Erscheinung zu betrachten und frei von allem störenden Anhang – da tauchte nun aber der selige Schwiegerpapa mit seinem verbrannten, grundehrlichen Kommißgesicht und dem steifgewichsten Schnurrbart recht zur Unzeit hervor. Der Graf mochte sich noch so häufig vorhalten, wie er es ja längst habe wissen können, daß die Schenkmädels nicht aus stiftsfähigen Fräuleins rekrutiert würden – das ernüchternde Bild des alten Haudegens wollte nicht wanken und weichen, und die mit der Muttermilch eingesogenen, aristokratischen Vorurteile erwachten aus ihrem momentanen Schlummer mit erneuerter Lebendigkeit.

Noch an demselben Tage verließ der Graf München. Wenige Meilen vor Nürnberg warf der Wagen um – die Achse war zerbrochen. Der Postillion spannte fluchend und wetternd einen Gaul aus und sprengte nach der nächsten Ortschaft, um Beistand zu holen. Es war Nacht und der Regen goß in Strömen hernieder. Erst nach Stundenfrist kamen die Bauern herbeigeschlendert, und dann dauerte es wieder eine geraume Weile, bis nach gemächlichbreitem Diskurs, nach dem Austausch der verschiedenen Meinungen und Aufzählung aller seit Großvaters Zeiten zerbrochenen Achsen und Räder, der Schaden notdürftig wieder hergestellt worden war, und der Graf die Reise fortsetzen konnte, Mitternacht war längst vorüber, als er in Nürnberg anlangte. Eine Ewigkeit verging, eh' die Hausglocke den verschlafenen Hausknecht ermuntert halte, eh' dieser Licht angezündet, eh' wiederum der Kellner geweckt worden, eh' der durchnäßte, frostschauernde Gast eine Unzahl von Treppen und Stiegen hinauf, hölzerne Korridore entlang geleitet worden war, eh' das Lager für ihn in Bereitschaft stand. Er fühlte sich recht ernstlich unwohl. Die ungewohnten Anstrengungen der Reise, die geistige Aufregung der letzten Zeit hatten sein Nervensystem gewaltsam erschlittert, die nächtliche Erkältung die Zerrüttung vollendet. Der am folgenden Morgen herbeigerufene Arzt wirbelte einen fünf Minuten langen Triller auf der goldenen Spanioldose, und eröffnete dann freundlich schmunzelnd, wie ein ganz scharmantes Nervenfieberchen im Anzuge sei. Er hatte sich nicht geirrt. Schon nach einigen Tagen waren der erschlafften Hand des Kranken die lenkenden Zügel der Vernunft entglitten und die Phantasie stürmte, dem toll gewordenen Roß vergleichbar, ungebändigt durch die glühenden Steppen des Irrwahns einher; fieberschwüle Wochen vergingen, eh' sie von der rasenden Jagd ermattete, eh' der dämonische Spuk der Träume den Kreis eröffnete und das bewußtlose Opfer wieder frei gab.

Die Strahlen der Frühsonne blitzten durch die Kattunblumen der dicht zusammengezogenen Vorhänge auf den Erwachenden. Er riß die Gardine zurück und erblickte sich staunend in einem niedrigen, ihm fremden Bodenstübchen. Dem altfränkischen Gerät sah man es an, daß es schon seit langer Zeit aus den Putzstuben verwiesen worden, und sich weiter und weiter in die entlegenen Kammern habe flüchten müssen. Die bleigefaßten Scheiben der niedrigen Fenster schillerten in allen Farben des Regenbogens. Am Fuß des Bettes nickte ein verschlafener Mann in liederlichem Nachtkostüm. Rodrich strich sich verwirrt die Haare aus der feuchten Stirn; er strebte vergeblich, sich über die Vergangenheit Rechenschaft abzulegen. Der gegenüberhängende Spiegel zeigte ihm ein bleiches, verstörtes Gesicht, tief in den Höhlen liegende Augen. Der erschrockene Blick fiel auf die Hände – sie waren fahl und abgemagert. Über dem Bette hing seine Uhr: Minuten- und Stundenweiser waren langst abgelaufen, der Datumzeiger gleichfalls. Er riß an der Schelle – der Krankenwärter taumelte schlaftrunken auf und rieb sich gähnend die Augen.

»Um des Himmels willen,« rief Amberg, »sagt mir, Mensch, wo ich bin und wie ich hierher gekommen, und wer seid Ihr?«

»Wo Sie sind, Herr Rodrich,« erwiderte faul und schleppend der Kerl, »nun ich denke, das kann Ihnen ziemlich gleichgiltig sein, wenn Sie nur gut aufgehoben sind; und für die paar lumpigen Gulden sind Sie's noch viel zu gut. S' wird aber wieder einmal Zeit sein, einzunehmen,« Damit rüttelte er die Flasche um und reichte dem Grafen den vollen Eßlöffel.

Rodrich drängte ihm die Hand ab, »Was soll dieser impertinente Ton heißen!« rief er gereizt. »Ich will wissen, wo ich mich befinde, und was Ihr hier zu schaffen habt? Noch einmal, wer seid Ihr, Mensch?«

»Der Wärter,« erwiderte dieser phlegmatisch, »und dem muß Ordre pariert werden, Herr, Also hurtig die Medizin geschluckt und keine Flausen gemacht, Herr Rodrich.«

Amberg fügte sich fast willenlos der rauhen Mahnung: er glaubte zu träumen. »Nur das Eine sagt mir, weshalb ruft Ihr mich beim Vornamen, woher kennt Ihr mich?«

»Ach was Vor- und Hinternamen,« knurrte der Grobian. »Die Kellnerin hat gesagt: Sie heißen Rodrich und damit holla; und wenn die den Herrn nicht bei Namen genannt, so läg' er schon längst im Sebaldus-Spittel und unsereiner hätte nicht die Scheererei gehabt.«

Der Graf verlor sich immer tiefer in ein Labyrinth von Rätseln. Von dem mürrischen Krankenwärter war keine Auskunft zu erlangen – er hatte sich schon längst wieder die Zipfelmütze über die Ohren gezogen und im Großvaterstuhl zum Schlaf zurecht gelegt.

Da knarrte die Thür. Eine weibliche Stimme rief durch die Spalte: »Thoms, Thoms! Wie steht's mit dem Herrn? Da schläft der fahrlässige Mensch schon wieder.« – Ein feines, schönes Mädchen in Nürnberger Bürgertracht trat schüchtern ein und spähte nach dem Krankenlager. Da ertönte von dorther der Ausruf: »Marie, meine herzliebe Marie! Wie kommst Du hierher?« Und fast gleichzeitig rief auch das Mädchen, indem es auf das Bett zuflog und die Hand des kranken Freundes mit Küssen bedeckte: »Gott sei ewig gedankt, so kennen Sie mich wieder, Herr Rodrich! Ach, welche Angst habe ich Ihretwegen ausgestanden. Aber nun wird auch alles gut werden.«

Marie schwärmte in ihrem Freudentaumel. Ausrufungen, Schmeichelworte, angefangene und nie zum Schluß gebrachte Berichte quollen über ihre Lippen, dann unterbrach sie sich wieder, um mit liebender Geschäftigkeit für die Bequemlichkeit ihres Freundes zu sorgen, klatschte vor Freuden in die Hände wie ein Kind, kniete wieder als demütige Magd vor dem Bette nieder und duldete mit stillseligem Lächeln, wie ihr der Geliebte streichelnd die Locken scheitelte. Sie war überaus liebenswürdig. Nur nach wiederholten Fragen erfuhr Amberg von dem Mädchen, wie er fast schon zwei Wochen krank gelegen, wie ihn der Arzt aufgegeben, wie sie selber bei ihrer Ankunft die Mutter auf der Totenbahre gefunden und sich hierher in Dienst gegeben habe.

»Aber sprich doch,« fuhr Rodrich fort, »wie kam ich auf dieses ärmliche Zimmer?«

Das Mädchen schwieg eine Weile verlegen: »Die Herrschaft ist gar zu genau,« begann sie zaghaft; »ich hab's ihr wohl gesagt, daß Sie ein vermögender Herr aus Böhmen wären, und wie ich Sie schon von München her gekannt – sie wollten's mir aber nicht glauben und sprachen davon, Sie, lieber Herr Rodrich, ins Spittel zu schicken, und wie man nicht wissen könne, wes Geistes Kind Sie wären, ob man nicht noch Ihretwegen Ungelegenheiten haben könne, und was nun solcher herz- und liebloser Reden mehr waren: Da hab' ich oft meine bittere Not gehabt. Doch was thut's? sind Sie ja, Gott sei gelobt! wieder gerettet!«

»Und dennoch begreif' ich nicht,« antwortete kopfschüttelnd der Graf, »weshalb Ihr nicht, als ich hilf- und bewußtlos dalag, meine Börse, mein Taschenbuch genommen habt, um dem nächsten Bedürfnis abzuhelfen. Ich weiß mich gar wohl noch zu erinnern, daß ich nur eine geringe Summe zur Heimreise mit mir führte – aber doch. – – Reiche mir die Brieftasche dort her.«

Marie gehorchte zögernd. Der Graf fand seine Barschaft unversehrt. »Weshalb?« fragte er von neuem.

»Ich litt's nicht,« erwiderte Marie mit niedergeschlagenen Augen. »Lieber Herr, macht Euch keine Sorgen. Ich will doch gleich zum Herrn Doktor schicken.«

Der Wärter hatte sich während der letzten Worte ermuntert und begann sich mit dummdreistem Lächeln in die Konversation zu mischen: »Ja, ja, mein junger Herr, Sie können sich bei der Jungfer nur schönstens bedanken – denn ohne die, wo wären Sie jetzt! Ihre silbernen Ketten hat sie Ihretwegen ins Leihhaus getragen –«

»Schweig doch, Thoms!« unterbrach ihn schamerglühend das Mädchen.

Ohne sich irre machen zu lassen, fuhr aber der plumpe Kerl fort: »Ei, was wahr ist, bleibt wahr! Die Ketten, sag' ich Ihnen, und die Medaillen und Ohrbommeln und das Ringelhäubchen und alles miteinander, nachdem die Münchner Kronthaler zu Rande gekommen waren. Und gewacht hat sie bei Ihnen und Sie gepflegt, mein guter Musje, das kann ich Ihnen nur sagen. Und nun rate ich Ihnen, lassen Sie sich nicht lumpen und bezahlen Sie die Jungfer hier bei Gulden und Kreuzer, und machen Sie ihr ein honettes Extra-Präsent, vor allen Dingen vergessen Sie mich nicht. Verstanden?« – Damit schlenderte er faul aus der Thür. – ,

Der Graf war in die Kissen zurückgesunken und heftete den Blick voll innigster Rührung auf Marie, welche ihr Antlitz mit beiden Händen verdeckte und heiße Thränen verschämter Liebe vergoß.

Das Menschenleben hegt Momente – leider sind es auch eben nur Momente – in welchen der Schutzengel den Kuß der Weihe auf unsere Stirn haucht, Momente, in denen jene raschen, hohen Entschlüsse keimen, blühen und zur Reife gedeihen, in denen der Krystall der Seele von keinem irdischen Anhauch getrübt wird. Ein solcher ging jetzt über Amberg auf, »Alles, alles gabst Du für mich hin, Marie,« sprach er in tiefer Bewegung; »sprich doch, ist beim ein Menschenalter voll Liebe und Treue hinreichend, um Deine Opfer zu belohnen? Sprich, Marie, willst Du die Meine sein, auf ewig die Meinige?«

Marie lächelte schmerzlich vor sich hin. Sie glaubte nicht an die Wahrhaftigkeit ihres Glücks und nahm ihres Rodrichs Worte für Nachzügler der phantastischen Fieberträume, die ihn so lange umschwärmt. Und zum zweitenmale flehte Amberg: »Marie, ich frage Dich beim ewigen Gott, willst Du mein liebes, getreues Weib werden?«

Da vermochte das Mädchen dem Klange der geliebten Stimme nicht zu widerstehen. Sie zeigte ihm den Goldreifen, den sie in München von ihm erhalten hatte, und flüsterte: »Von dem habe ich mich nicht trennen können.« – Da erkannte er wohl, daß sie ihn recht von Herzen liebe und um seiner selbst willen, und der Bund war geschlossen.

Rodrich genas schneller, als er es selber hoffen durfte. Ungeschwächte Jugendkraft, Mariens treue Pflege, vor allem aber jenes wonnige Gefühl vollkommner Befriedigung, diese duftigste Blüte im Kranze beglückter Liebe, sie hatten seine Genesung beschleunigt. Er hatte nach Hanse geschrieben, um seine pekuniären Angelegenheit zu ordnen, und die durch eigne Nachlässigkeit entstandne Verlegenheit zu beseitigen, um demnächst seinem Stande gemäß auftreten zu können. Erst dann wollte er Marie seinen wahren Namen nennen. Für den Augenblick aber war ihm jene ärmliche Verborgenheit lieb und wert geworden; war ihm doch fast, als müsse jener zarte frische Liebesduft im Schimmer des Ranges, wie der Tautropfen vor den Strahlen der Sonne, versiechen. So schob er es denn von Tag zu Tage auf, die ihm vom Zufall zugespielte Maske fallen zu lassen.

Die Briefe aus seiner Heimat waren endlich angelangt; mit ihnen aber auch die seit seiner Entfernung täglich angeschwollne Lawine der Sorgen und Geschäfte. Ein plötzlich erkrankter Oheim hatte ihm einen wichtigen Auftrag, welcher nicht ohne weitschweifige, Zeit raubende Nachforschungen zu lösen war, aufgebürdet. In Nürnberg durfte seines Bleibens nicht länger sein.

Es war ein schöner Sommerabend. Amberg war mit Marie nach dem Sankt Johanniskirchhof, ans welchem ihrer Mutter Grab lag, hinausgewandert. Langsam wandelte das Paar zwischen den Reihen der Grabsteine und musterte deren Bronze-Decken mit den schwer zu entziffernden Inschriften, den Wappenschildern und anderm krausen heraldischen Schuhwerk, welche die Ruhestätte der ehrbaren Geschlechter bezeichnete. Mit geläufiger Zunge nannte das Mädchen ihrem Freunde alle jene uralten patrizischen Namen, welche sich an die Gründung der Stadt knüpften, deren Urenkel den ererbten Adel und Reichtum bis auf diese Stunde behaupten. Sie zeigte ihm die Gräber der Volkamer, der Tucher, der Holzschuher, der Haller und der Imhofe; sie deutete ferner auf den Gedächtnisstein der Freyen, welcher auch Albrecht Dürers Asche deckt, auf den seines edlen Gönners, Willibaldus Pirkhaimer; sie wies ihm den schlichten Stein, unter welchem der Meister Hans Sachs und dessen Eheweib Anna einer fröhlichen Auferstehung entgegenharren – dann aber führte sie Rodrich aus den Linien jener Maler des Hochmuts und und Adelstolzes zu den anspruchslosen Hügeln, deren Haupt nur das schlichte getünchte Kreuz oder die wuchernde Rosmarinstaude bezeichnet. Sie hielt vor einem der neueren; der gepflanzte Rosenstock hatte noch keine Keime getrieben; die grünen Halme des sorglich gepflegten Rasens schimmerten funkelnd von den gesprengten Tropfen im Abendsonnenlicht.

»Hier endeten die Leiden meiner Mutter,« sprach Marie mit vor Schmerz erstickter Stimme, und die Perlen der Wehmut rannen über ihre Wangen, »Ach, weshalb ward ihr, die so vieles um meinetwillen erduldete, nicht vergönnt, des Glücks ihres Kindes teilhaftig zu werden! weshalb lebt sie nicht noch, um uns den Segen erteilen zu können.«

»Sagtest Du mir nicht, Marie, Deine Mutter sei eine Ausländerin gewesen, und aus Böhmen, wenn mir recht ist?«

»Es ist schon recht so. Sie stammt aus einer reichen adeligen Familie, deren Güter unfern der schlesischen Grenze liegen. Es mögen jetzt wohl noch etliche des Stammes leben – ich hab' nie etwas Gewisses darüber erfahren – die adelstolzen Barone mögen sich aber eben nicht viel um die arme Bürgerdirne grämen –«

»Und wie geschah's,« fragte Rodrich, »daß Deine Mutter in die Fremde heiratete, und so – so –«

»Ihr wollt sagen, so tief unter ihrem Stande. Ja freilich war's ihr in der Wiege nicht vorgesungen worden, daß sie als arme Soldatenwitwe in Kummer und Not enden werde, und sie hat auch ein besser Schicksal verdient. Sie war so gut, so lieb, und hat doch für alle ihre Opfer nur Thränen und bittres Herzleid geerntet. Der Vater meines seligen Mütterleins war ein gar stolzer, strenger Mann, Er hatte nur die zwei Kinder, meine Mutter und einen jungen Sohn – der sollte aber, um den Glanz der Familie aufrecht zu erhalten, alles erben, und meine Mutter mit dem siebzehnten Jahre ins Kloster gehen; so hatte der alte Baron gleich bei der Geburt des Knaben bestimmt. Alle Thränen meiner Mutter waren vergeblich gewesen. Zu jener Zeit war der böhmische Erbfolgekrieg ausgebrochen und die preußische Armee in Böhmen eingerückt. Just als mein lieb Mütterlein ihren traurigen siebzehnten Geburtstag begangen hatte, lag das Regiment Bayreuth-Dragoner auf den Gütern des Großvaters in Kantonierung. Am Morgen hatte ihr der Baron kundgethan, wie sie sich anschicken müsse, den folgenden Tag nach Alt-Bunzlau ins Liebfrauenstift abzugehen. Sie hatte sich ihm zu Füßen geworfen, und ihn bei allen Heiligen beschworen, sie nur nicht hinter den trübseligen Klostermauern vom Leben abzusperren; sie wolle ja gern auf das Erbe zu Gunsten des Bruders entsagen. Der Freiherr bestand aber hart auf seinem Willen, und meinte, ein blutarmes adliges Fräulein tauge in der Welt zu nichts als den Schleier zu nehmen. Schluchzend und mit verweinten Augen verließ sie ihres Vaters Zimmer, da fiel ihr Blick auf einen preußischen Dragoner-Unteroffizier, der zur Ordonnanz bei seinem Chef kommandiert war und im Vorsaale stand. Er schaute ihr kopfschüttelnd und mitleidig nach, und rief dabei halblaut: Ach, das arme, gnädige Fräulein! Es war nämlich den Domestiken kein Geheimnis, welches Los der jungen Baronesse bevorstände, und durch diese auch dem fremden Kriegsvolk bekannt geworden. Meine Mutter wandte sich bei diesen Worten rasch um, und blickte dem Dragoner fest ins Auge. Er hatte ein recht treuherziges, biederes Gesicht, und sie sah auch wohl, daß ihm das Mitleid von Herzen komme. Da sprach die Mutter in ihrer Verzweiflung zu ihm: ich kenne Euch nicht, glaub' aber, daß Ihr ein ehrlicher Mann seid. Meiner erbarmt sich niemand auf der weiten Erde. Wollt Ihr mich retten vom Kloster, vom Tode, so reicht mir die Hand als rechtschaffner Gatte. Lieber will ich des Leibeignen sein, als lebendig begraben werden im Stift. Wollt Ihr, so folgt mir unverzüglich nach der Kirche. Der Priester muß uns ohne Aufschub das Sakrament der Ehe erteilen, denn also erheischen es die Satzungen unserer alleinseligmachenden Kirche. Nun sprecht. – Da schlug mein Vater ein; sie gingen selbander nach dem Gotteshause und kehrten als ein Paar zurück. Als die Kunde dieser Heirat zu Ohren des alten Barons gekommen war, lud er mit zitternden Händen seine Pistolen, um die Tochter zu erschießen. Die Neuvermählten waren soeben in das Schloß eingetreten, um sich dem Vater zu Fußen zu werfen, als dieser ihnen auch schon im grimmigsten Zorn entgegenstürzte und die Mordwaffe auf seine Tochter anschlug. Mein Vater warf sich über seine Frau, und rief: »Mich müssen Sie treffen, gnädiger Herr, ich allein bin schuldig.« Da pfiff ihm aber auch schon die Kugel am Kopf vorbei und schlug ins Getäfel. Meine Mutter war in Ohnmacht gefallen, der Baron aber warf das Pistol weit von sich und wandte sich unter entsetzlichen Verwünschungen nach seinen Gemächern zurück. An eine Aussöhnung war nicht zu denken; so verließ denn meine Mutter das elterliche Schloß und folgte ihrem Manne. Der Entbehrungen und Trübsale waren nicht wenige in der Ehe. Die Mutter hat sie aber alle standhaft erduldet, mit keinem Worte dem Vater zu erkennen gegeben, daß sie seinetwegen so mannigfache Not erleide, und wohl vielmehr den Himmel jederzeit gepriesen, daß er sie von dem toten Klosterleben entrissen und ihr einen wackern und gottesfürchtigen Mann beschieden. Nur ihres Vaters dauerndes Zürnen hat sie nimmer verwinden mögen, und jederzeit bei seinem Angedenken viel schmerzliche Thränen vergossen. Das betrübte Ende des meinigen hab' ich Euch wohl schon vordem erzählt,«

Mit steigendem Anteil hatte Rodrich der Erzählung erlauscht. Er war sehr ernst und nachdenkend geworden. »Und wenn nun,« hob er nach einer Pause an, »jene mütterlichen Verwandten in sich gegangen wären, und sich der verstoßenen Waise erbarmten, wenn sie sie zurückberiefen, um ihr die reichen, so lange vorenthaltenen Güter zu erstatten, dann müßtest Du mir doch entsagen, Marie. Das reiche Edelfräulein dürfte dann des armen namenlosen Fremdlings nicht weiter gedenken.«

»Wie Ihr auch wieder sprecht,« erwiderte Marie, »die adligen Sippen wissen wohl kaum, ob ich auf der Welt sei, werden auch die Schmach ihres Stammbaums nicht aufdecken wollen – und was sollte mir Geld und Gut, wenn ich auf Dein liebes Herz verzichten müßte!«

»Marie,« rief Rodrich mit feierlicher Stimme» »bedenk', was Du verheißest. Noch bist Du durch Dein Wort nicht gebunden – Du bist frei. Es ist wahrhaftig so, wie ich sagte. Dein Großvater war der Freiherr Aloys von Harteeg –«

»Mein Gott,« unterbrach ihn das Mädchen erschrocken, »woher wißt Ihr –«

»Er ist schon lange gestorben. Sein Sohn lebt noch, aber in kinderloser Ehe – jetzt ist er krank, bedenklich sogar. Von ihm ward mir der Auftrag, die verschollene Schwestertochter aufzusuchen, sie auf das Schloß ihrer Ahnen zurückzuführen. Kaum kann er es erwarten, die Tochter für alles Weh, welches die Mutter seinetwegen erlitt, zu entschädigen. Du bist jetzt die Erbin seines Namens, seiner Güter. Lies hier in diesem Briefe die Beglaubigung.«

Marie drängte ängstlich das entfaltete Schreiben von sich: »Mein Gott, Rodrich, behalt's! Ich will nichts wissen von den stolzen Verwandten. Ich beschwöre Dich, wenn Du mich liebst, so verlaß mich nicht, verrat mich nicht gegen den Oheim. Lieber arm und unbekannt. Von Dir kann ich einmal nicht lassen, so wenig als die Mutter vom Vater ließ.«

Da umschlang Amberg im heiligsten Entzücken das treue Mädchen: »Nein, Du holdselige Jungfrau, wir wollen auch nicht von einander lassen, bis der Tod uns scheidet. Vergieb, wenn ich an Deinem Herzen zu zweifeln wagte, wenn ich Dir meinen Namen, meinen Rang so lange verschwieg. Ich bin Graf Rodrich Amberg. Dein Oheim ist mit meines Vaters Schwester vermählt. Bist Du doch mein liebes, liebes Mühmchen, Wohl aber dem, der eine solche Muhme sich zur Braut erkoren, der sich die Braut früher noch als die Verwandte errang.«

Die letzten Strahlen der Sonne erblindeten, aber das Antlitz zweier Beglückten erglühte fort und fort in der rosigen Verklärung der Liebe.

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