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Novellen und Erzählungen

Franz Freiherr von Gaudy: Novellen und Erzählungen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFranz von Gaudy
titleNovellen und Erzählungen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeVierter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100825
projectid31f4dc0c
status1
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V.

Ludwiga.

Es war an einem himmelklaren Morgen des Junimondes, als der schwerfällige Tritt zweier Mietsgäule einen mit leinener Decke überspannten Wagen von dem Bergrücken in die Thalsenkungen hinabführte. Aus dem gelüfteten Vorhange schaute ein junger Mann, dessen frühzeitig gereifte körperliche Ausbildung auf ein vorgerückteres Alter, als er in der That zählte, zu schließen berechtigte. Eine hohe, von schlichtem, weichem, nicht eben allzu füllreichem Haar bedeckte Stirn, deren scharf hervortretende Wölbungen auf Entschlossenheit, Scharfsinn und schöpferische Kraft deuteten; tief liegende, trotz ihrer Bläue lebendig glänzende Augen; das runde, derbe Kinn und der fast trotzige, von dichtem, blondem Bart beschattete Mund, in dessen Winkeln ein kurzes, wetterleuchtendes Lächeln zuckte – lauter Herolde eines heitern, klaren Sinnes und unerschütterlicher Zuverlässigkeit – sie bildeten im Verein mit der kräftigen Gestalt eine jene Erscheinungen, denen die Herzen der Männer wohlwollend entgegen zu schlagen pflegen, während das schöne Geschlecht, mindestens die größere Halbscheid desselben, sich scheu und mißtrauisch vor ihrem Stolz und fest ausgesprochener Eigentümlichkeit zurückzieht.

Das von der Sonne gebräunte Antlitz bald zur rechten, bald zur linken Seite des Wagens hinausbiegend, überflog der junge Mann mit vor ungeduldiger Erwartung blitzenden Augen das freundliche, von Bergzügen umstellte Thal, in dessen Umengung er jetzt hinabrollte, schweifte bergaufwärts über die sonnenbeglänzten Birkenwälder nach dem Kirchturm, welcher die Tannenwaldungen überragte, nach dem aus dem Waldesdunkel hervorlauschenden weißen Försterhause, nach der alten, auf einem kahlen Hügel des Vorgebirges zerfallenden Warte, während seine Lippen die Namen der rings verstreuten Ortschaften halblaut aussprachen. Ein heimliches Lächeln verriet die Selbstzufriedenheit darüber, daß die seit so langen Jahren nicht vernommenen, kaum in der Erinnerung aufgetauchten Laute ihm noch so geläufig waren.

Die Landschaft, welche sich vor den Blicken des jungen Mannes aufthat, trug den Charakter der von der Natur bevorzugten Gegenden des nördlichen Deutschlands, Sie durfte nicht auf romantische Schönheiten Ansprüche machen, besaß auch nicht einen der hervorstechenden, den Landschaftsmaler fesselnden Züge, und dennoch fühlte sich jedes Auge von der glücklichen Verschmelzung an und für sich alltäglicher Motive geschmeichelt, fühlte sich jedes Herz von der friedlichen Ruhe, von der behaglichen Wohlhäbigkeit und Wohnlichkeit, welche über diesem Thale schwebten, durch den Mangel aller der den Naturgenuß störenden Gegenstände wohlthuend berührt.

Der junge Mann schien jedoch, obwohl selber Maler, in diesem Augenblick weniger als je geneigt, die Gegend mit künstlerischem Auge umfassen und eine Sonderling der nachbildsamen Stoffe zu dereinstiger Reproduktion vornehmen zu wollen, und durchschaute nur mit der sehnsüchtigen Hast eines dem längst erhofften Ziele Zueilenden, das Gitter der monotonen Pappelwände, welche die Chaussee zu beiden Seiten einengten. Wie an dem eignen Gedächtnis irre werdend, begehrte er Auskunft von dem Fuhrmanne, erhob sich von seinem Sitze, um in der mit dem Peitschenstiel angegebenen Richtung das ungeduldig herbeigewünschte Schloß entdecken zu können, sank enttäuscht und mißmutig auf das Polster zurück, trieb wiederholt zur Eile und ließ endlich, nachdem er es aufgegeben, den Rosselenker aus seiner Apathie zu wecken, den Wagen halten, um einen kürzern, durch das Dickicht leitenden Fußpfad einzuschlagen.

Mit freudiger Hast schritt der junge Maler durch den jungen Anflug, welcher die Berglehne umgürtete, durch höher und höher sich emporringende Gesträuche, welche zu Bäumen aufwuchsen, je tiefer sie ins Thal hinabstiegen, durch die Vorhallen in den feierlichen, schweigsamen Waldtempel, welcher schon seit Jahrhunderten auf den Riesensäulen der Eichen ruhte. Von keinem wuchernden Gestrüpp gehemmt, durchirrte das Auge die heiligen Hallen, durch deren hellgrüne Kuppeln die Sonne ihre goldnen Ringel auf den frischen Rasen und das schlanke Farrenkraut verstreute. Vom Boden aufgeschreckt, schlüpfte das Eichhorn, den gigantischen Stamm umkreisend, in das dichte Blätterversteck zurück. Gesteckte Damhirsche lagerten unfern des Wegs und verfolgten den rasch vorübereilenden Wanderer mit neugierig großem Auge und der Biegung des schlanken Halses; dann sanken sie wieder in träger Sicherheit auf ihr weiches Mooslager. Hoch aus den Wolken gellte der einsilbige Klageruf des über die Eichen langsam ziehenden Aares – sonst war Alles still und die süßen Zauber der Waldeinsamkeit umwogten das Herz des Jünglings. Rascher und rascher eilte der Fuß über den tauglitzernden Teppich der Waldwiesen, und das Zeitmaß zum flüchtigen Schritt angebend, entströmten der Brust freudselige Liedestöne, schnell aufkeimende Sangesblüten, deren Worte und Melodieen der Augenblick gebar, die nur der lyrische Taumel untereinander verknüpfte – ein rhythmisches Jauchzen des übervollen Herzens.

Nach vierzehn Jahren kehrte der Maler in seine zweite Heimat zurück, und betrat den Boden, auf welchem die Keime des Bewußtseins sich zur Blüte entfaltet hatten, den Schauplatz seiner Kinderspiele und Jugendträume – er, ein durch wissenschaftliche und künstlerische Ausbildung, im vielfach bewegten Treiben der Welt schnell gereifter Mann,

Vierzehn Lebensjahre! Ein Quartblatt grauen Zeitungspapiers erschöpft ihre Chronik, verziffern sie die Begebnisse desjenigen, welcher das erstrebte Ziel bereits erreichte, der in des Tageslaufs gleichförmiger Wirksamkeit sich nur auf das Erhalten des bereits Erworbenen beschränkt. Ein Bilderbuch voll phantastischer Traumgestalten, mutwillig kecker Capricci, bezauberter und bezaubernder Rosen mit bluttriefenden Dornen, rauchender Trümmer und heimlicher Stillleben, Paläste und Sennhütten, Vulkane und Wiesenthäler, Schlachten und Museen, ein Orbis pictus, zu welchem jede Stunde, jeder Augenblick ein grellbuntes Bild liefert – dies sind die vierzehn Jahre, die der sein Vaterhaus verlassende Knabe, der von Stufe zu Stufe anklimmende, in bedeutsamer Entwickelung um sich schauende, der in den ersten Konflikt mit der Welt tretende, siegreich aus dem Kampf hervorgehende erlebt.

Im Fluge gaukelten die schmetterlingbeflügelten Freudestunden der Kindheit an dem Geiste des Wanderers vorüber; ihre schillernden Farben verschmolzen aber zum duftigen Blütenregen, unaufhaltsam entschwebend, jedes Fesseln, jedes Sondern der einzelnen Glanzflittern verwehrend. Wenn er wiederum die Heimat seines Taumels betreten habe, dann werden, so hoffte er, die buntverworrenen Gebilde in all' ihrer Holdseligkeit und Jugendfrische ihm entgegentreten; dort nur, wähnte er, könne es ihm gelingen, die Säulen des spröde entweichenden Regenbogens zu umarmen.

Eine feine, von Draht gewebte Gitterwand tauchte mit ihren vergoldeten Kugeln und Lanzenspitzen aus dem Walddunkel, und verlockte den Maler, um einige Schritte dem Fußpfad untreu zu werden und durch die Maschen des eisernen Netzes zu spähen.

Unter den Ästen der durch Alter und königlichen Wuchs hervorragenden Eichen lag eine freundliche, rohrgedeckte, mit Rinden bekleidete Kottage. Buntfarbige Glasscheiben der gothisch zugespitzten Fenster bekundeten, ebenso wie die geschmackvolle Form der Möbeln, die in der Vorhalle standen, daß nicht Bedürfnis, sondern nur Laune des Begüterten die Nachbildung jener naiven Baukunst veranlaßt habe. Hirschgeweihe, welche über dem Eingang und den Giebeln prangten, ein weißes, auf dem Bowlinggreen weidendes Reh, Gold- und Silberfasane, die ihr schimmerndes Gefieder in der Sonne spreizten, eine Voliere, in welcher eine riesige Ohreule regungslos und vom Tageslicht geblendet auf der Stange saß, ein vergeblich an der Eisenkette zerrender Fuchs – waren ebenso viel Verräter der leidenschaftlichen Jagdliebhaberei des Besitzers, welcher sich in der Mitte des Forstes eine heitere Ruhestätte gegründet und Alles, was seiner Neigung schmeichelte, um sich versammelt hatte. Dagegen bewogen wiederum die üppigen Blumenparketts, welche in anmutiger Farbengruppierung das Haus umgaben, die seltnen exotischen Pflanzen, die von sorgsamer Pflege zeugten, der kleine, mit Hortensien und Pelargonien umstellte Wasserfall, den das über bemostes Gestein plätschernde Waldbächlein bildete, die stilllauschige Heimlichkeit und Sauberkeit des ganzen Waldsitzes, – auf die freundliche Schöpfung, auf das Walten einer anmutigen Fee zu schließen. Des Bewohners, welcher des Wanderers Zweifel hätte lösen können, schien jedoch die liebliche Siedelei zu entbehren.

Der Maler lauschte, an das Gitter gelehnt, dem Stimmengewirr der hierher gebannten Tierwelt, den wunderlichen Tönen und Lauten, die den Zweigen und Büschen entquollen, dem Girren der Tauben, welche sich auf dem moosbekleideten Gebälk drehten, dem dumpfen Rauschen des Baches. Schläfrig schlug die Eule ihre glänzenden Flammenangen auf; die Libellen gaukelten über den murmelnden Wellen; die Blüten wiegten ihre Kronen hin und her, als wollten sie ihre Kelche dem Kuß der genäschigen Tagesfalter entziehen. Dem Beschauer war es, als schlösse die Märchenwelt ihre Wunderthore weit vor ihm auf. Die losen, duftigen Traumwellen wallten über ihm zusammen, und tiefer und tiefer versank er in ihren azurnen Abgrund.

 

Schon als siebenjähriger Knabe hatte der Künstler das Schloß des Grafen Altaich, in welchem dem Verwaisten Pflege und Bildung zu teil geworden war, verlassen und es mit der Fremde vertauscht. Aus frühzeitigen Wanderungen mit Feld und Wald vertraut, war er sich wohl bewußt, daß er das Gebiet des Grafen betreten habe. Nie hatte er jedoch eine Ahnung von dem Dasein jenes zauberhaften Waldschlosses gehabt – es mußte während seiner Entfernung entstanden sein. Aufs neue ließ der junge Mann die Glieder des Familienkreises, zu welchem er sich vordem zählen durfte, an seinem Geiste vorübergleiten. Keiner der Züge des ernsten, verschlossenen Grafen, so viel ihrer die Erinnerung bewahrt hatte, berechtigte, in ihm den Gründer dieser reizenden Kottage zu vermuten. Bald wandte er sich von der kalten, unbeugsamen Gestalt, aus deren Mund dem verschüchterten Knaben niemals ein liebkosendes Wort geworden war, in dessen Gegenwart er jederzeit blöde verstummte, auf dessen weiche, schwärmerisch zärtliche Gattin. Seinem Ahnenstolz schmeichelnd, hatte Graf Altaich die einem armen Fürstenhause entsprossene, zarte, schlanke Liane seinem Stammbaum verflochten, und das Schicksal schien sich, grausam mit ihrem Namen spielend, gefallen zu haben, im Mißbündnis der Ehe das von der Notwendigkeit geknüpfte Band der Pflanzen abspiegeln zu wollen: in dem schroff emporstrebenden Stamm der Eiche den Grafen, in der furchtsam sich anschmiegenden, scheu emporblickenden, kalt geduldeten Schlingpflanze dessen Gattin.

Der Künstler sah sich wiederum als Kind auf dem Schoße der schönen, blassen Frau, lächelnd nach seinem Spiegelbilde in ihren tiefblauen Augen spähend, während ihre feinen Finger seine blonden Locken scheitelten und ihr Mund süße Schmeichellaute sprach. Er sah sich teils von nebelhaften Erinnerungen geleitet, sicherer durch die Nachbildungen, welche seine Phantasie von dem oftmals Gehörten entwarf, an einem Herbstmorgen als fünfjähriger Knabe auf einem Steinhaufen an der Landstraße sitzend und Thränen vergießend, welche sowohl dem Hunger galten, als auch dem dunkeln Mitgefühl mit denen eines ärmlich gekleideten Mannes, welcher zur Seite eines mit Lumpen überspannten zweirädrigen Karrens niederkniete. Jener Mann war sein Vater, ein pfälzischer Auswanderer, welcher, von reichen Verheißungen gelockt, die Heimat mit Weib und Kind verlassen hatte, um in einer der Kolonnen des südlichen Rußlands das versprochene Eldorado zu finden. In dem niedrigen Bretterkarren aber ruhte die Leiche seiner in der verwichenen Nacht gestorbenen Mutter. – Dann aber war eine hohe, schöne Frau an den doppelt verarmten Vater getreten, mildtröstliche Worte sprechend und mit reichlich gespendeter Hilfe das Elend lindernd. Und jetzt war ihm der mächtige Eindruck, welchen die schlanke, in schwarzen Samt gekleidete Gestalt auf den kindischen Sinn ausübte, lebendig geblieben. Noch erinnerte er sich, wie seine Thränen im Anstaunen der schönen, fremdartigen Erscheinung versiegten, wie seine Klagen verstummten, als er mit dem Goldkreuze an ihrem Busen spielen durfte. Dann sah er sich in das reiche Grafenschloß versetzt, von seinem Vater getrennt und ihn bald über dem zärtlichen Schmeicheln der jungen Edeldame vergessend; er sah sich als das Kind ihrer Pflege, als das einzige Wesen, welchem sie ihr vor Liebe und Zärtlichkeit überquellendes Herz weihen durfte, welches ihre Liebe mit Liebe vergalt. Dann erinnerte er sich der kleinen Ludwiga, der späten und einzigen Blüte, welche die Ehe der Gräfin trug. Er sah sich die Wiege der kleinen, holdseligen Halbschwester schaukeln, als ihr getreuer Wächter und Spielgefährte, und wie er ihr mit Rotstift Vögel und Hasen und Damen vorzeichnete und ausschnitt, und wie ihre hellen Guckäuglein im Lächeln gestrahlt, so oft er ihr ein neues Bild schenkte.

Einer der letzten Abende, welche er im Schlosse verbrachte, tauchte am hellsten aus der Vergangenheit hervor. Er saß am runden, von der Astrallampe beleuchteten Tisch in dem gewaltigen Saale, dessen Wände mit den kolossalen Gestalten der Ritter und Ahnfrauen des Grafengeschlechts verziert waren, und zeichnete einen schönen Reitersmann für sein schlafendes Schwesterlein. Die Gräfin las in einem ihrer blau eingebundenen Lieblingsbücher, zu denen sie trotz des leisen Spottes des Grafen stets wieder zurückkehrte. Der Graf ging schweigend, mit auf den Rücken verschränkten Händen im Saal auf und nieder. Zuletzt hemmte er vor der Gruppe den Schritt, warf einen Blick auf die Versuche des zeichnenden Knaben und begann hierauf, zur Gräfin gewandt, mit der vollen, klangreichen Stimme, die ihm eigen war: »Welchen Plan haben Sie für die Zukunft Ihres stummen Träumers dort gemacht? Sie haben mich jederzeit bereitwillig gefunden, Ihren Wünschen, ja Ihren Grillen sogar nachzugeben. Ich gestattete Ihnen, den mutterlosen Knaben dem Elend zu entreißen; ich fügte mich um so williger Ihrer Bitte, als die ersten Jahre unserer Verbindung dem Mutterherzen keine Befriedigung gewährten. Jetzt hingegen, wo Ihre Liebe und Sorge einen würdigern Gegenstand gefunden und jener Knabe den Kinderjahren allmählich entwächst, jetzt wünsche ich aus Ihrem Munde zu vernehmen, welche Bestimmung Sie ihm zugedacht haben?«

Die Gräfin warf einen vollen Blick der Liebe auf die Waise, über deren Schicksal so kalt und schonungslos in ihrer Gegenwart verhandelt wurde, und erwiderte zögernd: »Lassen Sie die Zeit walten, lieber Graf, sie wird uns den richtigen Weg anweisen, den wir zum Heil dieses mir überaus teuren Kindes einzuschlagen haben.«

»Nicht also, Frau Gräfin. Meiner Ihnen bekannten Denkungsweise widerstrebt dies weibliche Temporisieren. Klarheit in allen Lebensverhältnissen verlangend, wünsche ich es auch, das Besprochene in der kürzesten Frist in seine bestimmten Schranken zurückzuführen. Gedenken Sie den jungen Eduard zu einem jener unglücklichen Geschöpfe zu bilden, welche mit Gewohnheiten und Ansprüchen an das Leben aufwachsen, ohne je die Aussicht zu haben, diese realisieren zu können? Zu einem Mitteldinge zwischen dem verhätschelten Sohn des Hauses und dem Lakaien? Zu einem Pagen, welcher das Theezeug servieren muß, und dessen Maulen mit über die Schulter zugestecktem Stück Zucker begütigt wird?«

Die Gräfin verstummte, von dem herben, aber wahren Ausspruche getroffen, in Vorahnung des unabwendbaren Trennungsschmerzes.

»Sie schweigen, Madame? Wohlan denn, so erlaube ich mir handelnd, und, wie ich hoffen darf, Ihren wohlwollenden Absichten gemäß einzugreifen. In drei Tagen verläßt Eduard Schloß Altaich. Ich glaube in seinen kindischen Versuchen Spuren von Talent zu erblicken – unter den Augen eines wackern Künstlers möge er es ausbilden.«

Stumm und zitternd hatte der Knabe der Entscheidung seines Schicksals gelauscht; kaum aber vernahm er, daß er aus den Armen seiner zärtlichen Mutter gerissen und aus seiner Heimat verstoßen werden solle, als er mit lautem Weinen in die geöffneten Arme der Gräfin stürzte, sich krampfhaft um ihren Hals klammerte und seine Thränen mit den ihrigen vermischte. Der Graf verließ schweigend mit festen, hallenden Schritten den Saal.

Vierzehn Jahre waren verflossen, seitdem die Gräfin den Scheidekuß auf die Stirn des zweimal Verwaisten gedrückt, seitdem ihr Tuch vom Söller dem im Walde verschwindenden Wagen zugewinkt hatte – vierzehn schöne, jugendfreudige Jahre. Nur eine Wolke war während dieses langen Zeitraums über seinen von Glück, Jugendkraft und Reiselust leuchtenden Himmel gezogen – es war dies der völlige Mangel an Kunde von Schloß Altaich, das Verstummen auf alle Anfragen, Mitteilungen, Danksagungen, zu welchen Erkenntlichkeit dem Jüngling die Feder führte. Pünktlich und mit verschwenderischer Freigebigkeit sich nach den jedesmaligen Bedürfnissen steigernd, waren die Summen, welche Eduards Lebensunterhalt erheischte, eingegangen. Der Künstler, unter dessen Augen die ersten Lehrjahre verflossen, beantwortete die häufigen dringenden Fragen des Knaben nur ausweichend mit Gemeinsprüchen und Vertröstungen – Unwissenheit über die engeren Verhältnisse heuchelnd, vielleicht auch sie teilend. Eine kurze gebieterische Anweisung von seiten des Grafen hatte den Jüngling einige Zeit darauf nach einer entfernten Akademie gesandt und ihn in eine selbständige Lage versetzt; ein gleich wortkarges Geheiß ihn eine Kunstreise nach Italien und Frankreich antreten lassen und ihm die erforderlichen Mittel verliehen.

Hatte Liebe zu ihrer Tochter das einst so feste Gewebe gelockert, welches die Gräfin dem Knaben verknüpfte? Hatte es das Gebot ihres Gatten gewaltsam gelöst? Wollte der Graf, indem er allen Mitteilungen der Herzen wehrte und nur Gold und aber Gold statt der Liebe spendete, Eduard zwingen, auf die unwillkommenen Wohlthaten zu verzichten, und dergestalt das letzte Band lösen? Die Folterpein der Ungewißheit, die Qual, täglich und stündlich von seinem Herzen an diese Rätsel gemahnt zu werden, vereinigte sich mit der Überzeugung, wie unedel es sei, jetzt, wo seine geliebte Kunst ihm reichlich die verwandte Mühe lohne, von den Entfremdeten sich noch fernerhin Wohlthaten aufzwingen zu lassen. So kehrte denn der junge Maler nach Beendigung seiner Lehr- und Wanderjahre nach dem Schlosse zurück. Die erkalteten Pflegeeltern wieder zu sehen, den so oft verschmähten Dank mündlich auszusprechen, die begabende Hand aber abzudrängen, dies waren die Entschlüsse, die Hoffnungen des Heimkehrenden, die sich mit erneuter Lebendigkeit geltend machten und den der Vergangenheit Nachsinnenden aus seinen Träumereien aufschreckten und dem Ziele zutrieben.

 

Rüstig durchschritt Eduard den Eichenwald, die Wiesen, die von Halmen teilweis entblößten Felder. Er spähte vergeblich unter den arbeitenden Landleuten nach befreundeten Gesichtern, nach dem Gruß des Wiedererkennens; er begegnete nur Blicken der Befremdung und stumpfem Anstarren seiner leichten, fremdartigen Sommertracht.

Den Pilger wird das Bild seiner Heimat, so wie er es in der Scheidestunde mit thränendem Auge auffaßte, getreulich auf seinen Wanderungen begleiten – und dieses ist es, zu welchem der Heimkehrende sehnsüchtig aufsieht, dessen Ähnlichkeit er um so viel mehr missen wird, als sein Auge eine jugendliche Färbung festhielt. Er wähnt in jedem Gesicht die eigene Freudseligkeit abgespiegelt zu sehen, und wendet sich schmerzlich enttäuscht von den Blicken kalter, roher Neugier. Die verletzenden Dornen am Kranze des Wiedersehens machen ihre Rechte früher, als dessen duftende Blüten geltend.

Höher schlug Eduards Herz, als er vom Schloßturm die schwarz- und gelbgestreifte Fahne, das wohlbekannte Zeichen des unter ihren Farben weilenden Grafen, im Winde flattern sah, als die alte Burg mit ihren Erkern, Strebepfeilern und steilen Satteldächern ihm vom schroffen Felsabhang zuwinkte, als er den neuern, im Geschmack des vorigen Jahrhunderts angebauten Flügel erblickte, der mit seinen schwerfälligen Balkonen und Pilastern, die einer grünen Trabantenschar gleichenden, von allen Seiten dem Herrenhause zueilenden Pappeln überragte. Steil führte der gewundene Weg über das aus blauem Basalt gefügte Pflaster aus dem Thale nach der Burg über den kühnen Bogen der Brücke, welche den tiefen, in den Fels gesprengten Graben überflog. Eduard trat an die Steinblende mit dem verwitternden Nepomukbilde und blickte erinnerungsfreudig in den Abgrund, an dessen Wänden Wachholdersträuche und Ebereschenbäume auf kärglichem Boden wurzelten und dessen Tiefe das ineinander gedrängte Gezweig der in der Schlucht wachsenden Tannen dem Auge entzog. Die alte Sage von Bären, welche die Schloßherren vordem im Zwinger gehegt, sowohl als Wächter gegen nächtliche Überfälle, als auch als Vollstrecker grausamer Todesurteile, tauchte mit aller der geheimen schauerlichen Lust, mit der das Kind das Entsetzliche faßt, vor seiner Seele auf. Er gedachte der gebleichten, angeblich Menschen zugehörigen Gebeine, welche man noch vorgefunden haben wollte, und der Drohungen, in den Zwinger hinabgestürzt zu werden, mit welchen die Wärterin den unfolgsamen Knaben zu schrecken strebte. Noch hatte der Turm über dem Thore sein altertümliches Gepräge bewahrt, seine Schießscharten und kleinen, an den Ecken hervorspringenden Klebtürmchen. Nur der Epheu hatte sein grünes Panzerhemd in dichteren Maschen über dem grünen Harnisch der grauen Quadersteine zusammengezogen und drohte mit seinen glänzigen Helmdecken das alte, in Sandstein gemeißelte Geschlechtswappen dem Auge des Eintretenden allgemach zu entziehen.

Mit leisem, schonendem Flug schienen vier Jahrhunderte über Burg Altaich gezogen zu sein: keines hatte die Geburten des vorhergehenden verdrängt und nur die eigenen den bereits vorhandenen zur Seite gestellt. Und so bildete denn das Schloß in seinen verschiedenen Teilen eine Chronik des Grafengeschlechts: es verkündete den Wachstum seiner Macht, seines Reichtums, und wie nach den jedesmaligen Bedürfnissen der Zeit die zu Schutz und Trutz bestimmte Ritterveste sich in die Prunkgemächer stolzer Magnaten verwandelte. Noch stand der von Quadern erbaute Rundturm mit seiner Wendeltreppe und den verschobenen Parallelogrammen der Fenster in dem Winkel des alten Gebäudes, dessen rohe von Feldsteinen getürmte Mauern und Pfeiler in den Graben hinabstiegen und sich mit dem Urgestein verschwisterten. Innerhalb des Hofraumes sproßten, wie unter dem Schirm der unbezwinglichen Außenwände und mühsam auf rauhem Boden Wurzel fassend, einige sparsame, vom Auslande nach dem Norden verpflanzte Blüten der Baukunst; Arkaden auf kurzen, gedrängten Säulen, aus deren Kapitälern seltsame Tiere und Zerrbilder hervorlauschten, unterwölbten die alten Bogen. Hier und dort öffneten breite, in Spitzbogen ausgehende und mit Steinblumen umrankte Fenster die Aussicht in den Hof aus dem Riesensaal, der fast ausschließlich die Länge des einen Stockwerks einnahm. Kleine Steinsöller hingen unregelmäßig verteilt an der Wand, und ebenso unsymmetrisch die vielfache Wiederholung des Geschlechtswappens, gepaart mit fremden, durch Ehebündnisse an den Stamm geketteten.

Im wunderlichen Kontrast trat dem alten Gebäude, dem Spiegel mittelalterlicher Roheit und Kraft, die vierte den unregelmäßigen Hofraum schließende Seite entgegen, welche der Großvater des jetzigen Grafen, dem verwilderten Geschmack seiner Zeit huldigend, mit aller der geist- und herzlosen Prunksucht des verwichenen Jahrhunderts hatte aufführen lassen. Widersinnig gehäufte Säulen mit weitschweifigen Blumengewinden, ungefällige Schnörkel, verzerrte Karyatiden und frostige Tugenden von Sandstein verunzierten diesen neuern Teil, und das verletzte Auge des Beschauers eilte, sich von der schwülstigen Nüchternheit jener Afterkunst zu der schlichten Rauhigkeit der eisenfesten Vorzeit zurückzuwenden.

Eduard widmete jedoch nur wenige Augenblicke der Vergleichung jener Kontraste, und durchschritt, von dem alten Raben mit den wohlbekannten Schmähgrüßen angekrächzt, den öden Hof, um die zu dem bewohnten Teile führende Wendeltreppe zu ersteigen. Er trat in die räumige Vorhalle, den Schauplatz seiner lärmenden Kinderspiele. Sie war unverändert, wie er sie verlassen hatte. Keins der Möbel hatte gewechselt, ja nur seine Stelle verändert. Der runde Tisch mit der schwarzen Schieferplatte stand noch auf seinen gewundenen Säulenfüßen in der Mitte des Saales, die Stühle, auf denen Messingnägel das genarbte Leder einfaßten, in gleicher Entfernung von einander. Die bis zur Decke reichende Wanduhr tickte ebenso schläfrig und pedantisch, als vor vierzehn Jahren. An den Wänden hingen noch die alten Bären- und Schweinsjagden, die Abbildungen seltener Schnepfenarten, die Konterfeie zottiger Wachtelhunde oder schneeweißer Lieblingswindspiele in ihren braunen Rahmen, und nur bestaubter, gebräunter, unkenntlicher als je.

An einem mit Wachstuch überzogenen Tischchen saß in einer der breiten Fensterbrüstungen, deren jede ein Gemach im Gemache abgab, neben der abgelaufenen Sanduhr ein kleiner hagerer Greis, welcher durch eine große messinggefaßte Brille mit lautloser Bewegung der Lippen in einem abgegriffenen Buche las. Beim Eintritt des Wanderers legte er die Brille als Zeichen, wo er in der Lektüre stehen geblieben, ein, ging dem Fremden um wenige Schritte entgegen und befragte ihn mit kaum merklicher Neigung des mit spärlichen Silberhaaren bestreuten Hauptes nach seinem Anliegen.

Eduard säumte einen Augenblick, die Frage zu beantworten und weidete sich lächelnd an der Verlegenheit des alten, im Dienste auf dem Schlosse Ergrauten. Wem in gleichförmiger Wiederkehr jeder Tag nur ein Spiegel des entschwundenen ist, in dessen Dasein kein Ereignis seine Einschnitte kerbt, der fühlt sich nur zu leicht versucht, die Zeit zu vergessen, ebenso wie er wieder von ihr vergessen zu werden scheint. Nur um weniges hatte sie während der Jahre, welche Eduard in der Fremde verlebte, den Nacken des greisen Kammerdieners gebeugt, sonst aber schien sie sich mit der Runenschrift, welche sie schon früherhin auf das Pergament seines Antlitzes gekritzelt hatte, begnügen zu wollen. Gleich einer im Sprudel inkrustierten Blüte stand der Alte unverändert vor dem Heimkehrenden. Schienen doch sogar die mit peinlicher Ängstlichkeit geschonte Livree, das braune Kleid mit schmaler Goldtresse, die vergilbten Seidenstrümpfe, die Stahlvignette der Schuhschnallen, die schon früher erschauten zu sein, zum mindesten täuschende Kopieen der alten Originale,

»Bin ich Euch denn so ganz fremd geworden, alter Seelmann?« fragte Eduard, nachdem er seine Züge von dem vergeblich Sinnenden hatte durchmustern lassen.

Der Greis zuckte betroffen, sich beim Namen und im vertraulichen Tone des alten Bekannten angeredet zu hören. »Wie gesagt, natürlicherweise,« hüstelte er, »habe ich das Vergnügen, die Ehre, Sie zu kennen – besinne mich ganz genau – allerdings – aber halten zu Gnaden – die Namen zu behalten, das kommt einem alten Manne schon sauer an – wie gesagt, ...«

»Alter Freund,« unterbrach der Maler das verlegene Stottern, »gedenkst Du denn nicht mehr des kalekutischen Hahns, aus dessen Krallen und Flügelschlägen Du den Knaben erlöstest, als sein rotes Polröckchen den Zorn des Kollernden erregt hatte? Denkst Du nicht mehr des Krähennestes, welches Du so mühselig für denselben Knaben ausnahmst, und vom Kieferbaume mit einem Loch in der Livree und den Taschen voll Eidotter zurückkehrtest? Hast Du das Aprikosenspalier vergessen, von dem sämtliche Früchte eines schönen Tages verschwanden, und wo Du, alte treue Seele, nachher hoch und teuer beschwurst, Du habest einen fremden Landstreicher in einer zerrissenen Soldatenjacke über die Mauern klettern sehen, einen Kerl mit pechschwarzem Bart, obgleich Dir nur zu wohl bewußt war, daß dem wirklichen Frevler damals so wenig Bart ums Kinn wuchs, als späterhin ihm in der flachen Hand. Seelmann, sprich, ist alles rein von Deiner Gedächtnistafel verlöscht?«

»Wie denn – was denn? Ach nein – aber sagen Sie mir um der Male Jesu willen, woher wissen Sie – Sie sind doch nicht – und doch – sprechen Sie wahr und wahrhaftig – Sie sind das Edchen, der kleine Eduard –«

»Wie gesagt,« lachte der junge Mann, die stereotype Redensart des Alten nachdruckend, »der bin ich ganz natürlicherweise, in meiner leibhaftesten Person,«

»Nun so seien Sie mir viel tausendmal auf Schloß Altaich willkommen, Sie herzliebes Edchen – nein, nein, das schickt sich wohl nicht mehr. Wo ist das blonde, wilde und doch so kindgute Edchen geblieben? Herr meiner armen Seele! Was das für ein statiöses Mannsbild geworden ist! Und der verwegene Bart, der Ihnen da gewachsen ist! Ja, wie gesagt, natürlicherweise das ist in die Höhe geschossen, in die Länge und in die Breite, wird auch einmal wieder zusammenfallen. Ja, ja, man wird alt, liebes Edchen – aber nein doch, so darf man Sie nicht mehr nennen. Jetzt sind Sie der Herr Eduard oder der Herr Hunter, wie sich's wohl besser läßt. Na, mögen Sie sich nennen, wie Sie wollen, der alte Seelmann ist doch der alte geblieben –«

»Und ich Dein Edchen,« fügte der junge Mann hinzu, indem er die Hand des Greises herzlich schüttelte. »Doch nun verkünde mir, wie steht's auf dem Schlosse? Seit meiner Entfernung bin ich ohne alle Nachricht von der Heimat geblieben, ich vermochte nicht länger diese Ungewißheit zu ertragen. Ich eilte hierher.«

»Der gnädige Herr Graf sind aber doch natürlicherweise von Ihrer Ankunft im voraus benachrichtigt worden?«

»Natürlicherweise hatte dies wohl kaum geschehen können. Ich habe keinem Menschen ein Wort gesagt – und weshalb auch?«

Der alte Kammerdiener krächzte verlegen und schien mit der eigenmächtigen Handlungsweise seines Schützlings nicht eben besonders einverstanden zu sein, »Wie gesagt, da dürfte, es denn wohl am geratensten sein, wenn ich des Herrn Grafen Exzellenz unverzüglich von ihrem Eintreffen benachrichtigte – und das will ich natürlicherweise auch in selbiger Minute ins Werk stellen.«

»Ei, was bedarf ich denn eines Heroldes, alter Freund? Den Weg in das blaue Kabinett werde ich denn wohl noch allein zu finden wissen.«

»Hm – ja – hm! – Wie gesagt, Herr Eduard, natürlicherweise werden des Herrn Erblandmundschenks Exzellenz nach meinem geringfügigen Ermessen ausnehmend erfreut sein. Sie nach so langer Abwesenheit hübsch frisch und gesund und stark wiederzusehen, indessen – nichts desto weniger – Sie müssen sich noch erinnern, mein englisches Edchen, daß jetzt noch nicht die Stunde sei, wo Exzellenz die Aufwartung anzunehmen geruhen. Sie sehen« – indem er an langer Stahlkette eine dreidoppelt in Schildpatt und Silber eingeschachtelte Uhr aus der Tasche haspelte – »wie noch fünf voller Minuten an Zehn fehlen. Mit der elften Stunde beginnt erst die Toilette und vorher sind Exzellenz für niemanden, als für ihren alten Kammerdiener zu sprechen. Das haben Sie wohl auf Ihren Reisen verschwitzt, Herr Hunter, wie das so geht, ja, ja. Aber wie gesagt, auf unserem Schlosse geht alles seinen alten ruhigen Gang und daran darf so wenig gerückt und gerüttelt werden, als wie an meiner Uhr. Dafür ist aber auch der ganze Hausstand wohl bestellt, just wie mein alter Zeiger, der, seitdem ihn mir der selige Herr Graf zu schenken geruhten, auch noch nicht eine Sekunde vor- oder nachgegangen ist. Und dann noch eins, lieber junger Herr, halten Sie einem alten Mann etwas zu Gute – werden eine Art von Wink nicht ungütig aufnehmen –.«

»Nun, Seelmann, was wäre das? Du machst mich stutzig.«

»Wie gesagt, natürlicherweise, es ist jetzt Sommerszeit und Sie sind ein junger, aufgeweckter Herr und kommen jetzt von der Reise; da giebt man eben nicht viel auf Eleganz, und da ist auch wohl das gestreifte Hemde, welches Sie übergeworfen haben, ganz schön und praktikabel. Auch der gelbe Strohhut ist eine ganz kuriose und zweckdienliche Erfindung, bin aber doch meiner Sache nicht so recht gewiß, ob selbiges Kostüm so recht geeignet wär, Sr. Exzellenz das devoteste Kompliment – halten zu Gnaden einem alten Manne, der es mit Ihnen gut meint. Der Herr Erblandmundschenk belieben vielleicht etwas genau auf was man so das Exterieur zu nennen pflegt, zu halten, wie Ihnen gewiß noch aus der Junkerszeit her erinnerlich. Sofort aber will ich, wie gesagt, mir die Ehre geben, Sie anzumelden, um einen kleinen Verzug von wenigen Minuten ganz gehorsamst bittend,«

Der Alte verschwand, ohne eine Antwort abzuwarten, freundlich kopfnickend mit kurzen, geschäftigen Schritten. Eduard blickte ihm mit einem Gemisch von Rührung und Mitleiden nach.

Dies einer fremden Persönlichkeit gebrachte Opfer eines ganzen Menschenlebens, dachte er, diese kindliche Verehrung des gebietenden Herrn, dessen Nimbus nach einem in der nächsten Umgebung verlebten Jahrhundert noch keinen seiner Strahlen in den Augen des Dienenden eingebüßt hat, diese Pietät gegen die Ausbrüche der Willkür und Laune – wie so fremd ist diese Erscheinung der Jetztwelt geworden! Und wer erkennt dieses Aufopfern der Freiheit, dieses Verleugnen seiner selbst, dieses schüchterne Anschmiegen des Armen an den hoch über ihm Stehenden? Welcher Lohn wird dieser lebenswierigen, unwandelbaren Treue? Der Gebieter meint, in der Hingebung nur das alltägliche zu finden; er wähnt, sein Rang, sein Gold seien die Zauberformeln, welche ihm dies Herz fesselten; er ahnt wohl kaum einmal die Möglichkeit einer von Eigennutz freien Anhänglichkeit. Kaum daß der Tod dieses Leib- und Seeleneignen ihn den Verlust gewahren läßt, und dann glaubt der Große durch einen Leichenstein, mit dem er noch im Grabe den Verkannten belastet, das Verdienst überreich abgelohnt zu haben. Die Ruhestätte des Leibwindspiels wird freilich eine Marmorplatte mit goldenen Lettern bezeichnen – bleibt der Mensch doch jederzeit trotz seiner hündischen Natur nur Kopie und hinter seinem Originale zurück.

Mechanisch griff Eduard nach der vergilbten Scharteke, der Lektüre des Greises. Es war einer jener längst bis auf den Namen verklungenen Romane, in denen altersgraue, auf der Trommel ihr Pfeifchen schmauchende Könige, üppigstolze Amazonen auf unbändigen Berberhengsten, stereotypdiabolische Präsidenten spuken, in denen ein lahmer Wachtelpeter zum Angelstern der Monarchie wird. Die naive Romantik des vorigen Jahrhunderts, welche in unerschütterlicher Legitimität noch auf Schloß Altaich herrschte, verursachte Hunter ein unsägliches Wohlbehagen, Alle Blüten, welche ihm in seiner Jugend beim verstohlenen Genuß jener von Kraftfluchen und leeren Humpen zusammengestellten Herbarien gesproßt, entfalteten aufs neue ihre tabak- und bierfußelnden Kelche und erweckten in ihm eine wunderliche, aus Spottlust und Wehmut gemischte Stimmung, Er beschloß, der gesamten Bibliothek seine besondere Aufmerksamkeit zu widmen und sie mit rechter Muße und Andacht wieder vorzunehmen.

Ihr Eigentümer kehrte von seiner Mission zurück. Mit festlich verklärten Mienen überbrachte er dem jungen Manne weitschweifige Grüße des Willkommens von seiten des Grafen und die Einladung, längere Zeit auf dem Schlosse zu verweilen, »Und nun, mein Herzens-Edchen,« schloß der Greis, in die alte Vertraulichkeit zurückfallend, so wie er aufhörte, das Organ seines Gebieters zu sein, »nun folgen Sie mir rasch auf Ihr Zimmer. Die grüne Eckstube nach dem Garten zu – Sie müssen sie ja noch kennen – die mit den drei heidnischen Jungfern an der Decke und dem Schafknecht, der den Apfel hält, die sollen Sie bewohnen. Kommen Sie, kommen Sie. Ich kann's Ihnen gar nicht sagen, wie leicht mir's ums Herz ist, seitdem ich, wie gesagt, Sie wieder habe, natürlicherweise seit ich weiß, daß Exzellenz noch so überaus gnädig gegen Sie gesonnen sind.«

Das gewichtige Schlüsselbund in den Händen, schritt der Alte hastig durch die langen, hallenden Gänge, begann in freudiger Geschwätzigkeit hunderterlei Geschichten, ohne je eine zum Schluß zu führen. Er erwähnte der jungen Komtesse Ludwiga, wie wunderbar schön sie geworden, wie ihr Vetter, Graf Arthur, in den ersten Tagen des Augusts eintreffen werde, raunte Eduard geheimnisvoll zu, wie der Erwartete so gut als versprochen mit der Gräfin sei, und ließ dergestalt im schnellen Wechsel die Namen einer Menge teils fremder, teils gleichgiltiger Personen an dem achtlosen Ohr seines Zuhörers vorübergleiten. Hunter konnte gar nicht dazu gelangen, über das, was ihn am meisten interessierte, Auskunft zu erhalten, und resignierte sich zu erwarten, bis der erste Freudentaumel seines alten Freundes einigermaßen verflogen sei.

Mit zitternden Händen sperrte der Kammerdiener die geschnitzte Nußbaumthür des Gemachs auf, zog die schweren Seidenhänge zurück, fächelte die vertrockneten Fliegen vom Fensterbrett und den Staub von dem Rohrgeflecht des Kanapees, ließ seinen prüfenden Kennerblick die Runde durch das altfränkische Zimmer machen und schickte sich an zu gehen, indem er bemerkte: daß er nicht ermangeln werde, sein Edchen zu benachrichtigen, wenn es an der Zeit sei, Sr. Exzellenz die Aufwartung zu machen.

Hunter hielt den Abgehenden zurück: »Aber, Seelmann, darf ich denn nicht früher zu meiner Mutter? Kann ich's doch kaum erwarten, die Herrliche wiederzusehen.«

Der Befragte starrte ihn mit großen Augen an. »Zu Ihrer Frau Mutter?« erwiderte er langsam und gedehnt. »Wen meinen Sie denn eigentlich damit – doch nicht etwa - I nicht doch – Sie meinen doch nicht etwa die Frau Gräfin?«

»Und wen denn sonst? Welche Frage!«

»Ach du mein lieber Heiland! Sie armes Jungchen! So wissen Sie denn nicht? Und woher sollten Sie auch! – Ach, das ist doch gar zu hart,«

»Um Gottes willen, Seelmann, was ist es, Du erschreckst mich,«

Der Alte schüttelte traurig den Kopf und wischte mit verwandter Hand eine Thräne ab; dann ergriff er die Hand des Jünglings, führte ihn an das Fenster und deutete auf den Kirchturm, dessen schwarzes Schieferdach hinter den Bäumen des Dorfes hervorragte. »Dort, mein Sohn,« sagte er, »dort mußt Du Deine Wohltäterin suchen. Dort schläft sie schon an die dreizehn Jahre den Schlaf der Gerechten, die liebe, fromme, gnädige Frau,«

Eduard taumelte erbleichend zurück. Die Thränen entstürzten dem Auge. Er sank auf einen Sessel, lehnte das Gesicht auf den Tisch und schluchzte überlaut. Mit leisem Händedruck entfernte sich der alte Diener. Er erkannte, wie so tiefer Schmerz, so lange er noch mit voller Gewalt das Herz bestürme, am liebsten der Zeugen entbehre.

Wie dem Schiffer in der Nacht, wenn ihm plötzlich die leitende Flamme des Leuchtturms verlischt, so war dem Jüngling zu Mute. Jetzt stand er völlig verwaist. Ein halbes Menschenalter hindurch war er von der Heimat entfernt gewesen; kein Zeichen der Liebe war ihm von dort aus zugekommen; seine Umgebungen waren ihm bei dem stets wechselnden Leben jederzeit fremd geblieben – aber in seinem Herzen hatte das stillselige Bewußtsein geknospt, wie er doch einen Ort wisse, wo er sich zu Haus fühlen dürfe, und doch eine Seele kenne, die ihm mit voller Zärtlichkeit zugethan sei. Trennung und Entfernung hatten der Glorie, mit welcher Erinnerung das Haupt der milden Pflegerin umgab, nur noch leuchtendere Strahlen hinzugefügt. Jahrelang hatte er sich mit schmeichelnden Träumen getragen, wie er als gereifter Mann der Verehrten mit herzlichem Wort, mit inniger Hingebung entgegentreten und zu ihren Füßen die lang zurückgehaltenen Gefühle ausströmen lassen wolle. Seine Träume hatten einer Toten gegolten – sie sollte es nie vernehmen, wie heiß sie geliebt worden sei. Mit heimlicher Bitterkeit gedachte er jetzt des Grafen und dessen grausamer Nichtachtung. Niemals hatte er die Kluft zwischen dem stolzen Adligen und dem abhängigen Findling so deutlich erkannt; und nur um so schmerzlicher empfand er, daß jenes gepreßte Verhältnis doch nicht so leicht zu lösen sei, wenn er nicht den Vorwurf der Undankbarkeit auf sich wälzen wolle.

Er stieg vom Schlosse, eilte nach der Kirche, ließ sich die Gruft, in welcher seine Wohlthäterin schlummerte, weisen und sank vor dem Eisengitter, hinter welchem die eichenen und bleiernen Särge in langen Reihen standen, auf das Knie. Mit stummer Verwunderung belauschte der Küster den betenden, heftig bewegten Jüngling. Eduard war ihm fremd. Er mochte ihn wohl für einen nahen Verwandten der Verstorbenen, für ein Glied ihrer fürstlichen Verwandtschaft halten. Der Maler erhob sich und fragte, auf den Kirchhof tretend, nach dem Grabe einer hier vor einigen zwanzig Jahren beerdigten pfälzischen Bäuerin, welche auf ihrer Wanderung in diesem Dorfe gestorben.

»Bin in Verzweiflung, gnädiger Herr,« erwiderte achselzuckend der Kirchendiener, »Ew. fürstlichen Gnaden nicht dienen zu können. Sehen Sie, unsereiner führt über dergleichen hergelaufenes Gesindel kein ordentliches Register. Weiß Gott, wo die quästionierte Person liegen mag. Solch einer setzen sie eben kein marmornes Epitaphium. Ein Haufen lockerer Erde wird aufgeschüttet, der Totengräber drückt den Spaten kreuzweis darauf und damit holla! Halten zu Gnaden, Durchlaucht, daß ich darin so ganz und gar unwissend bin.«

Eduard hatte sich langst schaudernd abgewandt. Beide Mütter tot – und sie, in deren Schoß er geruht, vielleicht schon von Fremden aus ihrer Schlummerstätte verdrängt. Voll schmerzlicher Wehmut gedachte er seines Vaters und schalt sich, mit der Ungerechtigkeit des Schmerzes, undankbar und entartet, daß er noch gar nichts gethan, um von dem Aufenthaltsorte des Verschollenen Kunde einzuziehen. Noch niemals hatte er sich so unglücklich, so gänzlich verlassen gefühlt.

 

Mit dem Gefühl erlittener Kränkung, mit dem Stolz des Künstlers, dem kecken Trotz der Jugend bewaffnet, ging Eduard zum Grafen. Alles, was er ihm zu sagen habe, stand klar vor seinem Geiste. Er gedachte mit wenigen schlagenden Worten dem gepreßten Herzen Luft zu machen, eine feste, selbständige Stellung seinem Patron gegenüber einzunehmen. Die mannigfachen Verhältnisse eines bunten Lebens hatten den Künstler schon frühzeitig mit allen Ständen in Berührung gebracht und Schüchternheit gegen den höher Gestellten war ihm fremd geblieben. Um so peinlicher war ihm die Befangenheit, welche ihn wider Willen beschlich, als er dem gravitätisch voranschreitenden Seelmann über die mit Teppichen belegten Gänge durch die Reihe der Gemächer folgte. Vergebens erwehrte er sich dieses unbehaglichen Gefühls – es ließ sich nicht niederkämpfen. Ohne noch die ihm eigene Ruhe und Klarheit gewonnen zu haben, trat er vor den Grafen. Mit kalten prüfenden Blicken musterte der Erblandmundschenk den Eintretenden eine geraume Weile. Eduard wollte das ihm peinliche Schweigen brechen, doch schon nach den ersten Worten fiel ihm der Graf in die Rede, als beeile er sich, den Ton, welchen er fortan gehalten wissen wolle, anzugeben,

»Es ist mir sehr angenehm. Sie nach Beendigung Ihrer Lehrjahre bei mir zu sehen. Ihre frühere Ankunft stimmt vollkommen mit meinen Wünschen überein und kommt einer Anweisung, welche ich ohnehin in kurzem an Sie erlassen haben würde, zuvor. Sie haben Ihre Zeit und die Ihnen zustehenden Mittel wohl benutzt. Sie haben sich der Gunst, welche Ihnen meine verewigte Gemahlin zuwandte, nicht unwürdig bewiesen. Ich bin mit Ihnen zufrieden, Herr Hunter. Schreiten Sie auf diesem Wege fort und Sie können sich meines ferneren Wohlwollens gesichert halten,«

Der Graf hatte dies in dem leichten, affektlosen Ton gesprochen, welchen der Höhere gegen den tiefer Stehenden anzunehmen sich berechtigt glaubt, hatte die innere Bewegung des jungen Mannes bei der anscheinend kalten Erwähnung seiner Pflegemutter keiner Aufmerksamkeit gewürdigt und fiel, als dieser sein Dankgefühl auszusprechen strebte, gleich als ahne er, wie dieses Wort ferneren Erörterungen als Einleitung dienen solle, rasch ein: »Lassen wir das, mein Herr. Auf Dank habe ich niemals gerechnet. Was ich that, geschah lediglich, um mein gegebenes Wort zu lösen. Ich finde dies in der Ordnung – nichts weiter davon,«

Mit weltmännischer Gewandtheit lenkte der Graf das Gespräch nunmehr auf die Kunst. Auch hierin schien er festen Fuß gefaßt zu haben und Eduard war gezwungen, der Richtigkeit und Schärfe der ausgesprochenen Ansichten vollkommene Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sich mit Befremdung zu fragen, wie es dem Grafen in seiner Abgeschiedenheit möglich geworden sei, von allen bedeutenden neuem Erscheinungen unterrichtet zu sein und sie geistig reproduzieren zu können. Eduard erkannte nun wohl, daß er das Instrument sei, welches der Graf spiele, anstatt daß er jugendlich vorschnell das Gegenteil gehofft hatte. Das Gefühl, von dem Edelmann dominiert zu werden, erzeugte in ihm eine ans Feindselige grenzende Stimmung, und dennoch konnte er sich, der hohen, edlen Gestalt, dem echt vornehmen Wesen der ganzen Erscheinung gegenüber, einer gewissen Ehrfurcht nicht entwehren. Die lichten, durchdringenden, geistvollen Augen, der seine Mund, die auffallend schön gebildeten Hände übten eine unerklärliche Anziehungskraft auf den jungen Künstler. Er konnte nicht mit sich aufs reine kommen, was er von dem Grafen zu halten, noch weniger, wie er ihn zu nehmen habe. Und so entfernte er sich denn, nur unvollkommen mit sich und dieser ersten Unterredung zufrieden und fest entschlossen, den Aufenthalt in Altaich nach Kräften abzukürzen.

 

Der wohlbekannte Klang der Schloßglocke rief den Gast zur Tafel. Die Gesellschaft reihte sich um einen kleinen, runden Tisch und bestand außer ihm nur noch aus dem Grafen und der Tante Josefe, einem alternden, schweigsamen Fräulein.

Fast jede adlige Familie hat eine jener Allerweltstanten aufzuweisen, jener von Herd zu Herd ziehenden Wandertauben, welchen im Herbst ihres Lebens außer ihrem Stammbaum kein anderer Baum geblieben ist, auf welchem sie sich niederlassen könnten. Auf diesem flattern sie nun aber rastlos von Ast zu Ast, und teilen ihre Muße zwischen speziellste Chronikenführung über die zahllosen Sippen, der Vertretung von Mutterstelle bei erwachsenen Mädchen auf Bällen und – Frömmelei; ein trauriges, nur geduldetes Geschlecht, welches gemeinhin freundlichere Blicke beim Scheiden als beim Kommen zu teil wird, und das sogar in der Novelle der allgemeinen Vernachlässigung nicht entgehen kann.

Die Tafel trug noch ein viertes Gedeck, welches des Gastes entbehrte. Der Graf wandte sich mit leiser Frage: Ob Komtesse Ludwiga benachrichtigt sei? an den Kammerdiener, empfing zur Antwort: die Gräfin sei noch auf der Jagd, und schien mit diesem Ausbleiben bereits versöhnt zu sein, wenigstens nichts Befremdendes darin zu finden. Eduard hingegen war durch die heutigen Erlebnisse, durch die ihm gewordenen schmerzlichen Mitteilungen und durch das rätselhafte Wesen des Grafen allzusehr zerstreut worden, um die Tochter des Hauses sonderlich zu missen.

Seltsam kontrastierte die gediegene Pracht des Tischgeräts mit der fast affektierten Einfachheit der Speisen. Von jeher hatte der Graf die Freuden der Tafel als seiner unwürdig verschmäht, und den Grundsatz aufgestellt: nur ein Parvenü könne in dem bisher ungewohnten Genuß Befriedigung finden, niemals der in Rang und Wohlhabenheit Erwachsene. Er machte dem Gast keine Entschuldigung wegen der auffallenden Simplizität. Er fühlte sich zu sehr von der Richtigkeit seiner Ansicht, von dem Gefühl seiner Unabhängigkeit durchdrungen, als daß er eine fremde Sanktion für notwendig erachtet hätte. – Ebenso leitete der Graf ausschließlich das Gespräch, Eduard mußte sich gestehen, selten ein anziehenderes gehört zu haben. Das Leben, des Grafen Altaich war reich an Erinnerungen. Er war in seiner Jugend Page bei der unglücklichen Marie Antoinette gewesen und Zeuge des Sturzes der Monarchie, Durch die spätere Stellung am Hofe des Fürsten war er mit den bedeutendsten Männern seiner Zeit in Verbindung getreten und wenigstens brieflich geblieben. Eine leichte lebendige Darstellungsgabe wurde von seinem treuen Gedächtnis auf das glücklichste unterstützt, Er war sehr anziehend, und dessenungeachtet konnte Eduard sich nicht verhehlen, daß sein Wirt weniger aus Rücksichten für den Gast, als wohl mehr nur um seiner selbst willen die Kosten der Konversation trage, daß er die Tafelstunde als eine der Erholung gewidmete betrachte und sich in ihr gefalle, das Album seines Lebens zu durchblättern, daß er wenigstens nicht minder geistvoll und anziehend gesprochen haben würde, selbst wenn er keine andern Zuhörer als Fräulein Josefe gehabt hätte.

Gegen das Ende der Mahlzeit entstand auf dem Schloßhofe ein gewaltiger Lärm, Das Pflaster dröhnte vom Hufschlag der Rosse, die Mauern hallten vom Gebelle der Hunde, vom Peitschenknall und Hörnerruf. Da sprang die Thür auf. Ein junges, feines Bürschchen trat mit einiger Hast ins Zimmer, warf Fräulein Josefe eine flüchtige Kußhand zu und sich an den Hals des Grafen, dessen Wange er mit Küssen bedeckte.

Der Eingetretene war unter der gewöhnlichen Größe, aber überaus schlank und zierlich gebaut. Ein enger, kurzer Jagdrock, welcher die svelte Taille knapp umspannte, ein lose um den Hals geschlungenes buntes Seidentuch, weite Pantalons und die niedlichsten Spornstiefelchen bildeten seinen Anzug. Aus dem weißen Halskragen lachte das lieblichste Oval eines von braunen Locken umranktes Köpfchens. Dunkle, glänzende Augen, feingewölbte Brauen, die sich fast zu sehr begegneten, ein frisches, keckes Lippenpaar, ein blühendes Inkarnat, dessen jugendliche Röte durch rasche Bewegung oder den Einfluß der Luft gesteigert wurden war, vollendeten das liebliche Bild einer Gestalt, deren weiche Formen und reizende Fülle dem Beobachter nur allzufrüh verrieten, wie das dem stärkeren Geschlecht zugehörige Kostüm nur ein abgeborgtes sei.

»Komtesse Ludwiga, meine Tochter,« stellte sie der Graf dem überraschten Eduard vor, »Maler Hunter, ein Freund des Hauses.«

Mit flüchtigem, achtlosem Kopfnicken begrüßte die reizende Amazone den längst vergessenen Jugendgespielen, indem sie sich gleich wieder zu ihrem Vater wandte: »Sei nicht bös',« schmeichelte sie, »daß ich heut wieder so spät komme. Die Jagd zog sich bis zur Brandschonung. Schon zweimal ging der Fuchs über das Moor, und dann war er spurlos verschwunden; heute aber rahmte ihn mein Apoll auf dem Brachfelde. Heda, Kasimir!« rief sie zur Thür hinaus, nahm dem eintretenden Jäger die erlegte Beute ab, und hielt sie waidgerecht an der Fahne empor. »Da hätten wir den Weislingen, der uns in Atem erhalten!«

»Englische Kousine,« seufzte Fräulein Josefe, »das Tier macht Blutflecken auf das Parkett,«

»Blut!« lachte das wilde Kind. »O, über diese unverbesserliche Sprachverderberin! Hast Du denn seit Jahren noch nicht einmal so viel von mir gelernt, daß das Wild niemals blute und nur schweiße? Trag' ihn nur wieder heraus, Kasimir, und vergiß nicht, den Falben mit Branntwein zu waschen. Und was wäre denn noch? Ach, vor allen Dingen den Braten! Väterchen wurde zwar hier wiederum sein altes Sprüchlein: »sero venientibus ossa« anwenden können – ich denke aber doch: der Koch läßt noch einmal Gnade für Recht ergehen und erbarmt sich eines armen, schmachtenden Waidmanns.«

Schweigend und mit steigender Befremdung maß der Maler diese seltsame Erscheinung. Er konnte sich nicht satt sehen an dem beweglichen, siebzehnjährigen Mädchen, an ihrer eigentümlichen Schöne, an dem verführerischen Männergewand, welches ihre Reize in das hellste Licht hob, vor allem an der kecken Lebendigkeit, dem frischen, petulanten, von Jugendfreudigkeit überquellenden Wesen. Er vergegenwärtigte sich das Bild der verstorbenen Gräfin, ihre stille Demut und zarte Weiblichkeit; er blickte dann auf den strengen, kalten Grafen, den Repräsentanten des vorigen Jahrhunderts, auf den berechnenden Verstandesmenschen, den Hohenpriester der Konvenienz, Auch nicht den leisesten Zug weder körperlicher, noch geistiger Ähnlichkeit zwischen Eltern und Tochter vermochte er aufzufinden – Alles an ihr war eigentümlich, selbständig. Und wie darf, so fragte er sich, der ernste Vater, der Anhänger des alten Hergebrachten, diese überall von ihm angefeindete Exzentrizität an dem einzigen Kinde dulden? Er verlor sich in ein Labyrinth von Widersprüchen. Der Graf war allzusehr an Nichtachtung fremder Urteile gewöhnt, als daß er es der Mühe hätte wert halten sollen, seinem überraschten Gast den Schlüssel zu diesen Rätseln in die Hand zu geben. Ihm schien der eigene Wille zu genügen, um das Außergewöhnliche zum Herkömmlichen zu stempeln, und als müsse das stolze monarchische »tel est notre, bon plaisir« die einzige Richtschnur seiner Handlungen, auch der Umgebung als vollkommen hinreichender Grund dienen. Die unruhige junge Gräfin hatte bald nach dem Essen das Schloß wiederum verlassen. Wie wenn ein Wasservogel sich flatternd aus dem Teich erhebt, und in kurzer Zeit die Wellenkreise auszittern und die umengte Wasserfläche regungslos, bleiern erstarrt, also kehrte auch mit Ludwigas Entfernung die alte Ruhe, die fast unheimliche Schweigsamkeit in dass graue, weitläuftige Gebäude zurück.

Eduard suchte den greisen Kammerdiener auf seinem gewöhnlichen Sitze im Vorzimmer auf. Es war ein leichtes, den gesprächigen Alten zur Mitteilung zu bewegen. Er betrachtete den Maler als ein Glied der Familie, welchen, gegenüber er es ohne Verletzung seines Gewissens wagen dürfe, von seinem Gebieter und dessen Familie zu reden. Schon der bloße Name seiner jungen Herrin versetzte ihn in eine freudige Begeisterung. Er konnte nicht genug sagen, wie lieb und gut sie sei, wie sie ihr ganzes Taschengeld unter die Armen verteile und deren unermüdliche Fürsprecherin bei dem Vater sei. »Sie geht Ihnen,« fuhr er fort, »von einem Kranken zum andern, und pflegt und wartet, als wäre sie nur armer Leute Kind. Nur auf ihre Bitte hat meine Exzellenz das Siechhaus im Dorfe gestiftet; dort aber ist die Komtesse mehr zu Haus, als wie in ihren eigenen vier Wänden, Dabei bleibt sie immer fröhlich und guter Dinge, ist wohl, wie gesagt, natürlicherweise oft auch ein klein bischen ausgelassen, und giebt auf alle ihre Samariterwerke eben nichts weiter. Wer sie zum ersten Male sieht, der denkt sich wohl auch kaum, welch' ein leibhaftiger Engel die Gräfin sei.«

Eduard lauschte mit steigendem Anteil den Worten des Greises. Ludwigas wunderbarer Liebreiz hatte zwar auf sein künstlerisches Auge einen tiefen Eindruck gemacht, nichtsdestoweniger konnte er sich nicht verschweigen, daß das Wohlgefallen an dem schönen Kinde kein unbedingt reines gewesen sein, Das wilde, rücksichtslose Wesen hatte als ein der Weiblichkeit widerstrebendes erkältend auf ihn eingewirkt. Das Mädchen war ihm bisher wie ein buntschillernder Paradiesvogel, bei welchem er den Wohllaut der Kehle vermisse, erschienen. Jetzt gestaltete sich aus den flüchtig hingeworfenen Zügen des Alten ein völlig verschiedenes Bild. Diese Milde des Gemüts, gepaart mit leichtem, fröhlichem Sinn, die zarte, wohlthuende Wirksamkeit neben der flatterhaft gaukelnden Rede erschien ihm überaus anziehend. Er vergegenwärtigte sich Ludwigas dunkle, seelenvolle Augen, und begriff in diesem Moment nicht, wie er ihre Tiefe und Bedeutsamkeit über den mutwilligen Mund und die leicht entstehenden, leicht zerspringenden Blasen der Rede habe übersehen können. Ludwiga gemahnte ihn wie ein Shakespearesches Trauerspiel, in welchem der Clown lustig neben dem Helden agiert, und der ergötzlichste Humor neben dem tiefsten tragischen Elemente; und dann wunderte er sich wieder, wie er just auf dieses Gleichnis kommen könne, da er doch nur den ausgelassenen Grazioso habe reden hören, und gewiß nur dunkel ahnen konnte, daß, wenn dereinst einmal ein überaus ernstes Verhängnis diese Wunderblüte berührte, sich die Herrlichkeit des Weibes in ihrer höchsten Entfaltung zeigen werde. In Nachsinnen verloren, hörte er das Geschwätz nur mit halbem Ohr an.

»Nun sehen Sie, lieber Herr Eduard,« fuhr Seelmann fort, »da starb die gnädige Frau Gräfin. Das war Ihnen ein Elend und Jammer, wie ich es in meinen alten Tagen noch nimmer erlebt habe, und auch nicht wieder erleben werde. Wenn ich wieder daran denke, wie sie die Selige nach der Gruft abführten und die ganze Herrschaft heulend und schluchzend hinterdrein zog, und nun das kleine, damals vierjährige Komteßchen aus dem Arm der Wärterin lustig in die Händchen patschte und über die flimmernden Kerzen und die silbernen Wappenschilder des Sarges aufjubelte – das Herz im Leibe hätte einem vor Wehmut brechen mögen. Wie gesagt, da hatten sie vielerlei von unglücklichen Ehen gemunkelt, und wie Seine Exzellenz die Selige nur aus Stolz geheiratet habe, weil sie eine geborene Prinzessin sei und was nun dergleichen mehr. Was aber der Herr Erbmundschenk bei dem Verlust erlitten, das weiß Ihnen keiner besser zu sagen als der Seelmann, der kennt, wie gesagt, natürlicherweise seine Herrschaft besser. Die grüßte Sorge des Herrn Papa war nur, wie sie am besten für die kleine Gräfin sorgen sollten. Da kam aber so recht wie ein Rettungsengel der Herr Oberlandforstmeister von Hardteber, der Vetter unseres Herrn, und nahm die Kleine mit sich nach Leunertsdorf. Ein Dutzend Kinder lärmten dort schon herum – da kam's auf eins mehr oder weniger auch nicht an, und die Frau Oberlandforstmeisterin ist eine liebe, prächtige Frau und eine Mutter, wie sie im Buch steht, das weiß Ihnen, wie gesagt, jedes Kind. Da wuchs und gedieh nun unser Komteßchen, daß es eine wahre Freude war. Der Herr von Hardteber liebte sie wie sein eigenes Kind und konnte gar nicht ohne sie sein. Da mußte die Kleine mit hinaus auf den Vogelherd, in die Dohnen und späterhin auch auf den Anstand. Er kaufte ihr ein klein Litauisch Pferdchen und das lernte sie bald wie ein kleiner Husar tummeln, ihren Hasen auf achtzig Schritt zu schießen und was nun dergleichen Junkertalente und Gaben mehr sind. Meine Exzellenz reiste, wie gesagt, natürlicherweise von Zeit zu Zeit hin, und kam jedesmal munterer und aufgeräumter zurück, mußte demnach mit dieser etwas absonderlichen Erziehungsmethode einverstanden sein. Wenn er die Gräfin so lustig einher galoppieren sah, daß die braunen Locken im Winde nur so pfiffen, dann mochte er sich wohl einbilden, einen so frischen, rüstigen Sohn zu erblicken. Und so gefiel er sich denn auch in dieser Täuschung, mochte sie auch gar nicht wieder aufgeben, als die Komtesse heranwuchs und nach Altaich zurückkehrte. Denn, wie gesagt, natürlicherweise, das ist der größte Gram des gnädigen Herrn, daß er keinen Sohn hat und die schöne Herrschaft nach seinem Tode auf die jüngere Linie übergehen muß, ich meine auf den Kammerherrn Grafen Arthur.«

»Nanntest Du mir nicht diesen Vetter als Ludwigas Verlobten, Seelmann? Oder hab' ich es geträumt, oder . . . «

»Es ist schon recht so, liebes Edchen, aber – sehen Sie – das heißt – ich muß Ihnen nur sagen, die Sache ist nicht so ganz bestimmt und abgemacht. Der Herr Graf sprechen sich zwar über dergleichen Angelegenheiten nicht viel aus, auch nicht einmal gegen ihren alten treuen Kammerdiener – aber man hört doch Dies und Jenes und macht sich nachher seinen Vers daraus. Und am Ende, die Komtesse könnte doch keine bessere Partie machen, als just den Herrn Kammerherrn. Da bliebe sie doch noch auf dem Schlosse, und es wäre im Grunde die alte Herrschaft. Und dann, daß sich Graf Arthur auf vier Wochen zum Besuch hat anmelden lassen, und ich die boisierten Zimmer für ihn habe in Bereitschaft setzen müssen, das geschieht, wie gesagt, natürlicherweise auch nicht so für nichts und wieder nichts.«

Eduard kannte den jüngeren Grafen nur dem Rufe nach, und dieser nannte ihn einen verlebten, herzlosen Roué. Vergebens hielt er sich vor, wie wenig man in der Regel dem vagen Gerede zu glauben habe, wie übrigens die Verbindung Ludwigas mit ihrem Vetter nur bloße Mutmaßung sei – schon der Gedanke berührte ihn unangenehm. Er mußte sich heimlich sagen, daß er das liebe Mädchen dem Grafen nicht gönne, ohne daß er jemanden wußte, dem er sie lieber zugewandt hätte, und so entfernte er sich verstimmt und von peinlichen Gefühlen bedrückt.

 

Mehrere Tage waren seitdem verflossen. Hunter, welcher sich leicht in alle Lagen zu finden wußte, hatte sich binnen kurzem der stillen, einförmigen Lebensweise auf dem Schlosse angeschmiegt. Mit heimlicher Lust durchlief er die auf langer Wanderschaft gesammelten Skizzen – getrocknete Blüten, welche vom Tau der Erinnerung befeuchtet, immer aufs neue knospen und duften – und entwarf Pläne zu künftigen, größern Arbeiten. Die seit langer Zeit entbehrte Ruhe that ihm außerordentlich wohl. Er hatte es aufgegeben, dem Grafen näher zu treten, und auch wohl erkannt, daß seine Stellung als Künstler ihm gegenüber die gemessenste sei und ihm zugleich auch die größte Freiheit sichere. Ludwiga sah er selten anders als beim gemeinschaftlichen Mahle. Er konnte sich in diesem sonderbaren, schillernden Wesen gar nicht zurechtfinden. Mit dem lebhaftesten Interesse konnte sie seinen Erzählungen von fremden Ländern, von den ihm zugestoßenen Begebenheiten, seinen Gesprächen über Kunstgegenstände lauschen. Nicht selten verriet ein feuchtes Auge den innigen Anteil an einem schmerzlichen Ereignisse, oder wenn Eduard ein schöne, vom Herzen kommende, zum Herzen gehende Stelle eines seiner Lieblingsdichter mit klarer, herzlicher Stimme anführte – und dann konnte sie ihn schnell wieder mit einem leichtsinnigen Wort unterbrechen und mit launischem Mutwillen das Gespräch in die niedere Region der täglichen Ereignisse hinabziehen. Nur der preisende Ausspruch des alten Seelmann, in welchen jeder ihrer Umgebung begeistert einstimmte, nur der Hinblick auf das schöne, geistvolle und doch so treuherzige Auge des Mädchens konnte bei Hunter den keimenden Verdacht, ob sie wohl von Gefallsucht so ganz frei zu sprechen sei, ersticken.

Der Graf hatte dem Maler den Auftrag gegeben, Ludwigas Bildnis in Lebensgröße für den Ahnensaal, welcher sämtliche Glieder des Geschlechts von der frühesten Zeit an in sich schloß, auszuführen. Sie hatte darauf bestanden, im Amazonenkleide gemalt zu werden, aber sich noch nicht entschließen können, die erste Sitzung anzuberaumen. Oftmals schlug sie es dem Maler rund ab, weil sie sich der erforderlichen Geduld unfähig fühle, dann vertröstete sie ihn wieder auf den nächsten Tag und wußte den Mißmut mit freundlichen Worten wieder zu beschwichtigen. Auf einen Machtspruch von seiten des Vaters durfte Eduard nicht rechnen; er kannte die uneingeschränkte Nachsicht, welche der Graf dem verzogenen Kinde angedeihen ließ.

Gewitter hatten die schwülen Luftwellen gebrochen. Der Himmel war unbewölkt und prangte in lichter, fast italienisch-durchsichtiger Bläue, während die Bäume ihre vom Regen erfrischten Blätter wollüstig zu dehnen schienen. Die fünfte Nachmittagsstunde war herangerückt, als Hunter Palette und Malerstock beiseite warf, und unfähig, länger dem Winken der Baumwipfel, dem leisen Säuseln der Lüfte zu widerstehen, in den Garten hinuntereilte. Er hatte ihn seit seiner Kindheit nicht wieder betreten, verwechselte die ähnlichen Eingänge und kam statt in die neue englische Parkanlage, die Schöpfung der Gräfin Liane, in den altfränkischen, vor einem Jahrhundert im damals allgemein herrschenden Zopfstil geschaffenen.

Die wunderlichen Verirrungen des Geschmacks, das Zerrbild, zu welchem die Natur umgeformt worden, waren für Eduard anfänglich nicht ohne Interesse. Er träumte sich in die längst verklungene Zeit hinüber, während er unter dem von Eisenstäben gebildeten Boskett oder den regelrecht beschnittenen, mit strenger Pietät im früheren Zustand gehaltenen Alleen einherschritt, wenn er die von dickverwachsenem Buchsbaum geformten Reifrockdamen und Ungeheuer anstaunte, und die Stein-Nymphen, welche mit gespitztem Mündchen und zierlichen Fingern aus dem Gebüsch hervorlauschten. Nur zu bald aber ward er des seelenlosen Einerleis von Herzen überdrüssig. Die mit bunten Glaskorallen ausgelegten Parkette, die rot und blau gemalten Zweigstämme, die verwitterten Flußgötter, aus deren Urnen ein schlammiges Wasser tröpfelte, das mit Entengrütze beschuppte Bassin däuchte ihm auf die Länge unerträglich. Er eilte, was er konnte, der heillosen Verknöcherung der Natur zu entfliehen, stürzte in einen künstlichen Irrgarten, durchrannte keuchend dessen gleichförmige Schneckengänge, ohne den Ausweg finden zu können, durchbrach dann wütend die Hecken und Sträucher und gelangte nach unsäglicher Mühe und atemlos in den angrenzenden Park. Dort ward ihm wieder wohl. Freien Herzens durchwandelte er die räumigen Buchenalleen, deren Äste sich zum Laubengange verschränkten und durch deren Blättergewimmel nur sparsam das Himmelsblau lachte. Er schritt den plaudernden Bach mit dem von zierlich schlanken Wasserpflanzen bekränzten Ufer entlang. – Da ertönte aus einer der Baumgipfeln, deren Zweige mit phantastischen, fremdartigen Gewächsen durchflochten waren, ein schüchterner, selbstvergessener Gesang. Manchmal klang auch die Guitarre dazwischen, dann aber schien die spielende Hand lose von den Saiten herabzugleiten. Bald erstarb auch die Stimme, und nur das Gemurmel des Bachs, das eintönige Zirpen der Amsel unterbrachen das Schweigen.

Eduard bog um die Ecke und erkannte in der Sängerin Ludwiga. Sie, trug die jungfräulich-weiße Kleidung ihres Geschlechts; die dunkeln Locken ringelten sich in lieblicher Kunstlosigkeit um das sinnend gesenkte Köpfchen. Sie sah unbeschreiblich reizend aus. Das dumpfe Knurren der englischen Dogge, welche die Gräfin auf ihren einsamen Spaziergängen zu begleiten pflegte, verriet den Kommenden. Ludwiga schreckte verwirrt auf, schüttelte die Locken aus der errötenden Stirn und schien sich nur ungern bei ihren Träumereien überrascht zu wissen. Ihre Befangenheit verschwand aber schneller als Wolkenschatten, wenn sie über die Wiesen ziehen. Sie begrüßte ihn herzlich und forderte ihn auf, in der kühlen Dämmerung ihres Lieblingsplatzes zu rasten, »Wider meinen Willen,« fuhr sie fort, »sind Sie Ohrenzeuge meiner Stümpereien geworden. Ich falle meiner Umgebung nicht gern mit meiner Ungeschicklichkeit zur Last, und so suche ich mir dann das versteckteste Plätzchen aus, um meine Grillen hinweg zu summen. Im Grunde ist es aber doch ein dummes Ding, so eine Guitarre. Hätte mir der Lehrer nicht voraus gelobt, daß ich in vier, höchstens fünf Stunden die nötigsten Griffe erlernen müsse, ich hätte mich nun und nimmer zum Unterricht verstanden.« Sie schob dabei das Instrument hastig von sich, daß die Saiten des herabgleitend dumpfzürnend dröhnten.

»Wozu diese Verstellung?« fragte Eduard ernst. »Schon längst glaube ich nicht mehr daran.« ,

»Wie denn?« fragte das Mädchen betroffen.

»Ich kenne Sie besser. Mich vermag diese Maske nicht zu täuschen. Diese Flüchtigkeit, diese Wildheit – vergeben Sie mir das freie, aufrichtige Wort – sie ist Ihrem edleren Selbst fremd.«

»Bin ich denn wirklich so wild?« fragte Ludwiga überraschend weich und fast demütig. »Doch, woher glauben Sie, der Fremde, mich durchschaut zu haben? Wie kommen Sie dazu, mir einen Vorwurf zu machen, den ich noch nicht einmal aus meines Vaters Munde vernahm? Gehen Sie. Ihr Argwohn hat mich tief getränkt Und doch – Sie meinen es wohl gut und treu.«

Sie sann einen Augenblick nach und setzte dann sanfter hinzu: »Bleiben Sie doch. Erst vor kurzem erfuhr ich, wie so nahe Sie unserm Hause stehen, wie Sie das Kind der Pflege meiner Mutter waren. Ich habe die Herrliche kaum noch gekannt,« seufzte sie schmerzlich, »kann mich kaum noch ihrer erinnern. Ich war noch ein hiflos-unverständiges Kind, als sie starb. Nur in Träumen steigt noch ihr liebes mildes Bild auf und neigt sich segnend zu mir hernieder. Ach, wenn sie noch lebte, ja dann . . . . Und auch von Ihnen, Hunter, ist mir keine Erinnerung zurückgeblieben. Seelmann erzählte mir erst gestern, wie freundlich Sie an meiner Wiege gewartet und mit mir gespielt hätten. Kommt denn mein Dank für Ihre Sorgfalt und brüderliche Freundschaft nicht jetzt zu spät?« – Ihr Auge ruhte treu und seelenvoll auf dem Jüngling. »Ich will Ihnen auch morgen zum Bilde sitzen und so oft Sie es wünschen. Gewiß, ich thue es recht gern. Aber nun erzählen Sie mir von Ihrer Kindheit, von Ihrem Leben auf dem Schloß, von meiner lieben Mutter. Ich weiß von allem so wenig, und wen hätte ich auch darum befragen sollen?«

»Jetzt sind Sie die wahre Ludwiga,« erwiderte Eduard gerührt, »und weshalb nicht immer? Wie so gern will ich mich Ihren Wünschen fügen. Vorher aber noch eine Bitte: Sie waren ungerecht gegen Ihr Saitenspiel. Machen Sie es wieder gut. Singen Sie mir das Lied, bei welchem ich Sie unterbrach!«

»Haben Sie mich dabei belauscht?« fragte das Mädchen hocherrötend. »Das ist unrecht von Ihnen, sehr unrecht.«

Der junge Mann schüttelte ernsthaft das Haupt.

»Nun, ich will Ihnen glauben. Aber das Lied verlangen Sie nicht von mir. Es ist nichts Böses – ein einfältiges Ammenlied, trauen Sie mir – ein alberner Reim. Ich könnte Ihnen ein anderes singen und dann beteuern, es wäre dasselbe. Ich kann aber nicht falsch sein. Dringen Sie nicht in mich. Sie sollten erzählen. Bitte, bitte, fangen Sie an.«

Zweifelnd betrachtete Hunter das schöne, rätselhafte Wesen, dann begann er: »Das erste Bild, welches klar vor meiner Seele steht, ist das der väterlichen Hütte in der Pfalz. Es ist mir, als sähe ich noch das kleine Häuschen mit dem Weinspalier, mit den Taubennestern über der Thür und den mit heiliger Scheu aus der Ferne betrachteten Bienenkörben im Gärtchen. Mein Vater war sehr arm. Eines Abends lehrte er bleich und zitternd zurück. Ich saß bei der spinnenden Mutter in der Thür und spielte mit einem geringelten Holzspan,« »Es ist richtig,« seufzte er dumpf, »das Haus ist angeschlagen!« und schlug dabei mit der geballten Faust wider die Stirn. »In acht Tagen treiben sie uns mit dem weißen Stab über die Schwelle.« »Jesus!« schrie die Mutter und brach in Thränen aus. Als ich die Mutter so betrübt sah, fing ich mit an zu weinen, obgleich ich nicht wußte weshalb. Ein paar Tage später zogen wir weg. Die wenige gerettete Habe barg ein zweirädriger Karren, den der Vater zog. Die Mutter trug mich anfangs, bald aber wurde sie zu schwach, und mußte sich in das Wäglein legen. So zogen wir durch Städte und Dörfer. Ich fühlte das Elend der Eltern nur wenig, und freute mich nur, wenn ich einen Kirchturm in der Entfernung zu sehen bekam, denn selten verließ ich einen Ort, wo mich die Leute nicht in die Stuben riefen, mich auf den Schoß nahmen und mich mit Äpfeln und Weck beschenkten. So haben wir viel gute Leute auf unsrer Wanderung gefunden. Wo das Wäglein hielt, wollten die Leute wissen, was uns vertrieben. Und wenn dann der Vater erzählte, wie die unerschwinglichen Steuern den Rest von dem, was der Krieg gelassen, verschlungen, und er nun, wer weiß wie viel hundert Meilen weit nach Odessa ziehe; wenn sie ihm in das kummerblasse Gesicht und in die großen, treuherzigen Augen sahen, da erkannten sie wohl, daß er Wahrheit rede, und sie priesen ihr gutes Geschick, das ihnen in der Heimat bei den Ihrigen zu bleiben vergönne, und legten reichlich in die abgezehrte Hand der mit schwacher Stimme segnenden Mutter. Die wurde aber von Tag zu Tage schwächer und drückte mich oft unter heißen Thränen an ihre Brust. Allgemach schwand der Sommer und ich erwachte oft frostschauernd in der Nacht. An einem nebeligen Novembermorgen erwachte ich früher als meine Mutter. Sonst war sie es immer, welche mich geweckt hatte und die Haube falten und den Morgensegen sprechen ließ –- an jenem Tage harrte ich vergebens auf ihr Erwachen – sie war tot ...« Eduard verstummte. Die Wipfel der Buchen rauschten vom frischen Winde durchweht, der Bach drängte sich murmelnd über die Blöcke, und die breiten Blätter der Wasserpflanzen zitterten unter den Flocken des Schaums.

Hastige Tritte hallten aus der Ferne. Ein Fasan, welcher gravitätisch über den Weg geschritten, flog knatternd auf und ließ sich lockend auf einem der Zweige nieder. Der Herbeieilende war Seelmann, Er suchte seine junge Herrin und flüsterte ihr eifrig einige Worte ins Ohr, von denen Eduard nur: im Siechhause – in den letzten Zügen – verstehen konnte. Ludwiga war aufgesprungen und schickte sich an, nach flüchtiger Entschuldigung den Maler zu verlassen – plötzlich aber von einer streitenden Empfindung bewältigt, forderte sie ihn mild zur Begleitung auf, Sie mochte wohl seiner früheren Worte eingedenk sein.

So durchschritten sie stumm und nachdenklich das Dorf. Aus einem freundlichen, neu erbauten Hause, dessen Giebel die Inschrift: »dem Andenken Lianens« trug, trat ihnen der Prediger des Orts, ein junger einnehmender Mann, entgegen. »Ist er noch zu retten?« fragte die Gräfin rasch. Der Geistliche schüttelte verneinend: »die Lebenskräfte des Greises sind erschöpft. Schon in den nächsten Minuten sehe ich seinem Tode entgegen.«

Der Sterbende ruhte mit geschlossenen Augen. Die gequälte Psyche strebte ängstlich, dem morschen Kerker zu entfliehen. Oft verstummte er, und die Anwesenden glaubten, er habe bereits ausgelitten, dann aber begann das schmerzlich-bange Stöhnen von neuem. Eduard heftete tief erschüttert den Blick auf das auffallend edle Profil des Greises, welches sogar der Todeskampf nicht zu entstellen vermochte. Man hörte den matter und matter werdenden Atemzug, sonst keinen andern Laut im weiten Gemach.

Gegen die von der Abendsonne durchstrahlten Fenster stieß ein eingesperrter Schmetterling. Hunter überlief ein eigner Schauer. Die Erinnerung an den Volksglauben von der entfesselten Seele, die nach der Freiheit bange, und durch kein irdisches Hindernis zurückgehalten werden wolle, schwebte ihm dunkel vor. Er öffnete das Fenster und entließ den Gefangenen. Es war einer jener Momente, in denen auch dem stärkeren Mann jedes ruhige Reflektieren als Impietät erscheint, und er sich willig den Bewegungen des Gefühls und dem auf dieses gegründeten Glauben hingiebt.

Während dessen hatte der Geistliche Ludwiga einige Worte zugeflüstert. Das Mädchen fuhr erschrocken auf, trat an Eduard und sagte ihm mit belegter Stimme: »Ahnen Sie nicht, wer der Sterbende sei? Sagt Ihnen die inn're Stimme nichts? Ihr Vater, Ihr eigner Vater ist es, der aus der Fremde heimkehrt, der sein einziges Kind aufsuchte.«

»Barmherziger Himmel!« schrie Eduard in die Kniee sinkend, indem er des Vaters erkaltende Hände mit Thränen netzte. »Noch ein einziges Mal schlage die Augen auf, Vater! Vater! Nur ein einziges Wort Deinem Sohne,«

Da war es, als ob der Angstruf nach die fliehende Seele trotz der herniedersinkenden Schatten des Todes erreiche. Der Alte öffnete die großen, starren, tief in der Höhle liegenden Augen, während seine Lippen vergebens nach Worten rangen. Ludwiga war im tiefsten Mitgefühl zur Seite ihres Pflegebruders niedergekniet. Da legte der Greis die zitternde Hand auf beider Stirn und flüsterte mit erlöschender Stimme: »Segne Euch Gott, meine Kinder!« Es waren seine letzten Worte. Die Sonne ging hinter dem Walde unter und die Feierabendglocke tönte vom Kirchturm in einzelnen Schlägen,

 

Im Schlosse ging alles seinen gewohnten feierlichen Gang. Der Graf schien keine Kenntnis von Eduards Verlust zu haben, und dieser vermied es, seinen Schmerz durch Klage oder veränderte Tracht zur Schau zu tragen, eine Sitte, welche ihm von je widerwärtig erschienen war. Die Trauer diente nach seinem Gefühl nur dazu, das Leben der Umgebung zu verdüstern, und sei dieser eine lästige Aufforderung, die nur langsam verharrschende Wunde des Leidtragenden durch banale Anfragen wieder aufzureißen, durch kahle Gemeinsprüche zu vereitern. Mit regem Eifer wandte er sich wieder der Kunst zu: seine Palette hatte sich ja schon oftmals als das einzige Tourniquet bewährt, welches das hervorquellende Herzblut zu stillen vermöge.

Schon war das Bild Ludwigas untermalt. Die Motive hatte er der reizenden Kottage entlehnt, an der er am Morgen seiner Ankunft vorüberstreifte, und von welcher er wußte, daß sie die Schöpfung und der Lieblingsaufenthalt Ludwigas sei. Das schöne Kind stand in ihrer schlanken Jagdkleidung mit losgeringeltem Haar an einer Eiche, und streichelte das zahme weiße Reh, welches mit den sanften, verständigen Augen wie bittend zu ihr aufsah. In den von einzelnen Sonnenstreifen durchblitzten Zweigen gaukelten bunte Singvögel und im Hintergrunde tanzten Libellen über dem schäumenden Silberbach, Süße, träumerische Waldeinsamkeit durchwehte das ganze freundliche Bild. Es schritt rasch vorwärts. Kopf und Hände waren nur erst flüchtig angelegt. Ludwiga hatte die längst versprochene Sitzung noch immer nicht gewährt.

Es war übrigens seit jenem Aufkeimen des Vertrauens dem Mädchen ein ganz seltsames Wesen überkommen. Häufiger denn je weilte sie in ihrer Waldeinsiedelei, zu der jedermann der Zutritt versagt blieb. Gegen Eduard war sie verschüchtert, oft fremd und kalt. Und dennoch schien die frühere, frische Sorglosigkeit verschwunden, ihr Mutwille gebrochen. In seiner Einsamkeit konnte Eduard nicht ermüden, sich jenen so schön beginnenden, so schmerzlich endenden Abend zu vergegenwärtigen. Jedes Wort, jede Gebärde spiegelte sein treues Gedächtnis ihm zurück. Unmittelbar nach dem lieblichsten, längst geahnten Entfalten jener vergebens verhehlten Weiblichkeit, – ein befangenes, scheues, abgemessenes Benehmen. Zürnte sie dem jungen Manne, daß er ihr eigentliches Selbst durchschaut? War es der Irrtum seines sterbenden Vaters, als er in der vor ihm Knieenden die Verlobte des Sohnes zu sehen wähnte, welcher die Scheue verletzt hatte? Aber, fuhr er dann wieder auf, was grämt dich denn dieses launische, wunderliche Kind? Du wirst dich doch nicht in sie verlieben wollen?

Es kommt oft nur darauf an, einem unklaren, nebelhaften Gefühl einen Namen zu verleihen, um wie durch einen Zauberschlag zu dessen klarem Bewußtsein zu gelangen und es zu einem unauflöslichen Bestandteile unsers Daseins zu machen. So wurde denn Hunter durch diese laute Selbstfrage recht betroffen, und er durfte sich nicht verschweigen, daß das lebendige Interesse, welches er an dem schönen Mädchen nahm, doch wohl mehr als bloßes Wohlgefallen an der eigentümlichen Erscheinung sei. Er fühlte sich bei diesem Selbstbekenntnis erröten. Vorbeistürmenden Wolken gleich, flog an seinem Geiste die ganze Gedankenreihe vorüber: wie thöricht die Leidenschaft zu einem kaum der Kindheit entwachsenen Mädchen, die Liebe der niedriggeborenen Waise zu der Tochter des adelsstolzen Magnaten sei. Nein, rief er kräftig, dieses Elend willst du dir nicht aufbürden. Noch ist es Zeit, diese träumerische Grille zu bekämpfen, zu besiegen.

Mit ernstem, redlichem Willen wandte Hunter seine Sinne wieder der Arbeit zu. Die schmeichelnden Bilder der Phantasie aber gleichen Mücken, die nur um so zudringlicher wieder nahen, je eifriger sie verscheucht werden. Ludwigas Lockenkopf lauschte ihm hinter den seidenen Vorhängen, hinter den Bosketts hervor; ihre klare Stimme klang fortwährend in das Ohr des Träumenden. Nur zu oft überraschte er sich, wie er das Bild jenes Nachmittags ganz leise und heimlich, einem köstlichen Heiligenbilde gleich, aus dem geheimsten Schrein seines Herzens hob und mit gefalteten Händen davor stand. »Segne Euch Gott, meine Kinder!« sprach sein sterbender Vater. Er sah in Ludwiga die geheiligte Wahl des reinen Herzens. Er verlor sich in Träumereien, wie in einem grünen Irrgarten voll glühender, phantastischer Blumendolden, ohne den Ausgang finden zu können. – Ländliche Abgeschiedenheit, eine jugendlich–feurige, unverdorbene Phantasie als einzige Gefährtin, ein mit stummem Sinnen und Brüten verknüpfter Beruf – bedarf es wohl mehr der Bannsprüche, um den Zaubergürtel um einen zum erstenmale Liebenden zu schlingen, um ihn zuletzt unauflöslich in ihr Gewebe zu verflechten?

Die Anwesenheit Hunters war binnen kurzem in der Umgebung ruchbar geworden; viele Familien eilten, sie zur Verwirklichung längst genährter Pläne und Wünsche zu benutzen, um alte Bilder renovieren, neue anfertigen zu lassen. Und wenn Goethe mit Recht bemerkt, daß das Konzert eines gepriesenen Meisters dem eben vernommenen Instrument jederzeit einige neue Schüler zuführt, so kann man auch mit Gewißheit annehmen, daß ein gelungenes Porträt der Stammvater eines Dutzend anderer abspiegelungslustiger Dutzendmenschen wird. Sind doch Nachahmungssucht und Eitelkeit die Hebel, welche beim Menschen nie ohne Erfolg angesetzt werden.

So hatte denn Eduard iu kurzer Frist genug der Bekanntschaften angeknüpft. Obwohl in allen ritterlichen Übungen wohl erfahren, war er dennoch kein besonderer Freund der Jagd, insofern sie des poetischen Interesses entbehrte, und ebenso ließen die beiden anderen Pivots, um welche ländliche Erholungsstunden sich zu drehen pflegen, die Flasche und das Spiel, ihn nur kalt. So vermochten denn auch jene Rumpelkammern gothischer Begriffe, in denen verrostete Krautjunker, spröde, spitznäsige Fräulein, langweilige Dorfpastoren und doppelkinnige Amtleute wie vermauert hockten, die Leere seines Herzens nicht auszufüllen. Schloß Altaich war ihm der Magnetberg, welcher das willenlos einherstürmende Schiff an sich riß. Er fühlte, daß er an der Klippe scheitern müsse, und konnte es doch nicht ändern.

 

Der erwartete Graf Arthur war denn endlich in Begleitung eines sogenannten guten Freundes, des Assessors Baron von Kroming, eingetroffen. Er war ein wütender Jäger, sein Wild aber die ihm stets entschwindende Lebensfreudigkeit, der er wieder auf seinem von Langeweile und Überdruß gepeitschten Lebensrosse durch ein halbes Dutzend Bäder nachgeeilt war. Schloß Altaich erschien dem Erschöpften der schicklichste Ruhepunkt, wenigstens so lange, bis die Luft wiederum ihr gellendes Tajaut erheben werde.

Graf Arthur glich einem erlöschenden Vulkan, welcher aber nicht mehr Flammen und glühende Schlacken, sondern nur noch Schlamm auswarf. Sein gekniffenes, frühzeitig gealtertes Gesicht, das matte, blaßblaue Auge, das böse Zucken der Lippen verrieten ihn als blasierten Roué, in dessen Herzen das Gefühl für Freude, Teilnahme oder Wohlwollen bis auf das letzte Fünkchen erloschen sei. Stolz war ein Hauptzug seines Charakters, doch ein Stolz, der sich nur auf Verachtung der Nebenmenschen, nicht auf edles Selbstbewußtsein gründet; war es der alte Graf auf seine altadlige Abstammung, auf seinen Rang, so war es der Kammerherr auf seine Persönlichkeit. Jener war wohlwollend, mildthätig und verbindlich gegen Jedermann, welcher ihm gegenüber in den angegebenen Schranken verharrte; er war ein Repräsentant der Urbanität des entschwundenen Jahrhunderts, ein vollendeter grand seigneur. Dieser verschmolz in sich die Laster der gegenwärtigen Zeit mit denen der vergangenen, die Adels-Arroganz des achtzehnten mit der herzlosesten Ichsucht des neunzehnten Jahrhunderts, die Depravation beider, Der Erblandmundschenk glich seinem alten Rittersitz, der Stammburg eines ehrenfesten Geschlechts – der Kammerherr einer künstlichen Parkruine, welche mit ihrem altertümelnden Namen nur den Idioten blenden kann.

Der Begleiter des Grafen, der Baron Kroming, war einer von den nach dem Löwentum jagenden Schafen, einer der an goldene Cylinderuhr und Augenglasketten geschmiedeten Sträflinge, einer jener um zwei Tagereisen der Mode vorausjagenden Kuriere, wie sie in den Foyers und Konditoreien der Residenzen gleich Blattläusen schockweise hocken. Ihr Hirnkasten ist wie ein Stieglitzkäfig mit drei Sprossen versehen – sie heißen Mädchen, Mode und Theater – und auf diesen hüpfen ihre Gedanken mit unverwüstlichem Eifer hin und her. Wer einen dieser geistigen Hämmlinge gesehen hat, kennt sie alle. Dieser Allerweltsmensch hatte in Baden- Baden den Grafen getroffen, und Arthur, welcher alle Menschen als Nullen, sich als die einzige, Bedeutung verleihende Ziffer betrachtete, hatte den allzeit Müßigen leicht vermocht, ihm bei seinem projektierten Besuch Gesellschaft zu leisten: er nahm ihn nach Altaich wie einen Leibaffen, als ein Plastron seiner, guten oder üblen Laune.

Wer, selber Fremdling, sich einige Zeit hindurch einem Familienkreise angeschlossen hat und sich daselbst einzubürgern begann, wird jederzeit das Hinzutreten neuer Glieder mit einer gewissen Unbehaglichkeit empfinden. Man muß diesen Ankömmlingen gegenüber ein neues Studium beginnen, dessen man bei momentanen Gästen überhoben ist und fühlt die Besorgnis, daß jene späteren Hausfreunde in die bestehenden Verhältnisse störend eingreifen möchten, den eigenen endlich errungenen Standpunkt verrücken, die gewohnte Ruhe trüben dürften.

Mit diesen Empfindungen betrachtete Eduard auch die beiden Edelleute. Obwohl diese sich zu hochgestellt dünkte, um einem reisenden Künstler eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen, so blieb doch ihr Eintreffen für Hunter nicht ohne belästigende Folgen. Das schwermütige Schweigen, die dem Träumer so lieb gewordene Einsamkeit wurden durch vielfache Besuche mannigfach unterbrochen. Die Säle des Schlosses sahen seit langer Zeit wiederum ihre Räume mit Gästen gefüllt. Der Landadel strömte auf die erste Einladung des Erblandmundschenken herbei, begierig jede Abwechselung in der Einförmigkeit seiner Existenz ergreifend. Das bisher streng bewahrte, oft besprochene Isolement des reichsten und vornehmsten ihrer Standesgenossen verlieh dem Besuch einen höhern Reiz. Man staunte mit Verwunderung den feinen, weltmännischen Grafen an, wie so gewandt und zuvorkommend er die Honneurs des Hauses zu machen wußte. Jeder hatte sich ein anderes Bild entworfen. Wenn er jedoch für jeden seiner Gäste eine Aufmerksamkeit in Bereitschaft hatte, für jeden Tag den Reiz einer Überraschung, so war er dennoch weit entfernt, die Gefälligkeit weiter auszudehnen, als sie mit seinen festbegründeten Grundsätzen vereinbar war. Er wich nicht von seiner gewohnten Lebensweise in allem, was auf die eigene Persönlichkeit Bezug hatte, blieb verbindlich, aber kalt, und jeder Fremdling mußte sich eingestehen, wie er selber unwillkürlich die Rolle des huldigenden Höflings dem herablassenden Souverain gegenüber einnehmen müsse. Keine der vielfachen Gegeneinladungen nahm der Graf an: ihm genügte zu verpflichten, ohne sich eine Verpflichtung aufbürden lassen zu wollen,

Ludwiga fühlte sich in dem fremden Wirbel, dessen Mittelpunkt sie zum ersten Male war, recht unbehaglich. Alle diese abgeflachten Konversationen, dieses Auf- und Niederrollen auf den Chausseen der Gemeinplätze, die verkümmerten Senkreiser städtischer Lustparke, so wie die teils albernen, teils boshaften Mystifikationen, mit denen Arthur und sein stets bereitwilliger Gehilfe, Herr von Kroming, schwerfällige Krautjunker und blöde Landgänschen aufeinander Zu Hetzen beliebte, hatten für das frische unverdorbene Naturkind etwas ungemein Widriges. Unwillkürlich fand sie sich wieder zu Hunter gedrängt. Er war der Einzige, dessen klares, gerades Wesen sie in dem wirren Treiben wohlthuend ansprach, auf dessen treue Teilnahme sie rechnen durfte. Oft sandte sie fast wehmütig bittende Blicke aus der hohlen Wortbrandung nach dem Fernstehenden. – »Ich sehne mich unaussprechlich wieder nach meiner lieben Waldeinsamkeit, nach meiner Freiheit!« flüsterte sie ihm eines Tages zu, »Und wenn ich nun gar in der Stadt leben sollte, jahraus, jahrein jene starren Larven mit unheimlichen blitzenden Augen um mich sehen müßte – ich stürbe. Und auch Sie, Hunter, sind nicht froh!« – Ein neuer Strom riß die Gräfin mit sich fort und jede vertrauliche Mitteilung ward wieder auf längere Zeit gestört.

Häufiger denn je gedachte Eduard der Andeutungen Seelmanns über die Bestimmung der Gräfin. Sein von Anfang an gegen Arthur gehegter Widerwille steigerte sich zum entschiedenen Haß, so oft er sich vergegenwärtigte: wie es doch wohl möglich sein könne, daß jene frische, ihm so liebe Waldblume in jene Sahara- Wüste verpflanzt werde und in ihr verschmachten müsse. Dann prüfte er wieder mit von Eifersucht geschärftem Blick das Benehmen Arthurs gegen seine Kousine, Es blieb kalt, fast apathisch. Wie einer riesigen Klapperschlange schien es ihm zu genügen, die Beute anzustarren, als wisse er, sie könne ihm doch nicht entgehen, und es bedürfe nur eines Gifthauches, um sie zu sich herabzuziehen. Ludwiga aber flatterte mit ängstlicher Hast, so weit sie es vermochte, aus seinem Bann. Es war bei ihr wohl mehr Ahnung als klares Bewußtsein, wie todesbringend ihre Nachbarschaft sei. Das Fragment eines an ihre Kousine Klara von Hardteber gerichteten Briefes ist am geeignetsten, einiges Licht über die damaligen Seelenzustände des geängstigten Mädchens zu verbreiten.

»– – Wenn ich so in frühern Zeiten, der langweiligen Familienchronik der Tante Josefe überdrüssig, auf den Ballon hinaustrat und in den stillen Schloßhof schaute, über welchen der alte Seelmann leise, behutsam trippelte, und höchstens das Schimpfen des ebenso alten Raben vernahm – dann ward mir oft ganz angst und bange in meiner Einsamkeit, und ich ließ mir den Falben satteln und jagte mit Pikören und Hunden wie toll und blind über die Schloßbrücke. Die Leute mögen uns wohl oft genug für das wilde Heer angesehen haben, und mich für Frau Holle – ich kann's ihnen nicht verdenken. Die armen Häschen, oder was sonst gangbares Wild war, mußten meinen Unmut entgelten. Ja, apropos, sage doch Deinem Vater, daß ich im Frühjahr eine Schnepfen-Doublette machte – er wird sich über seine wohlgeratene Schülerin freuen. Du weißt, wie wenig der Vater sich mitteilt und wie er außer den Tafelstunden fast unsichtbar ist. Tantchen Josefe ist, mit aller Ehrfurcht vor ihrer Herzensgüte und sonstigen trefflichen Eigenschaften gesagt, doch verzweifelt eintönig. Unser Prediger ist klug und wacker, und seine Frau ein gar liebes, herziges Weibchen – aber das lebt nun so vor sich hin – da kann noch von keiner Herzlichkeit, von keinem Anschließen die Rede sein. Niemand, der die mächtige Leere ausfülle. Ich war oft recht verstimmt und dachte, es könne mir niemals verdrießlicher gehen. Und jetzt gäbe ich vieles darum, wenn ich die schöne Zeit meiner Freiheit zurück hätte. Da führt mein böser Dämon des Vaterbruders Sohn, den Kammerherrn, mit einem gewissen Baron Kroming, einer fleur de pois aus der Residenz hierher, und, weiß der Himmel aus welchen Rücksichten, mein Vater fühlte mit einemmale die Verpflichtung, den beiden irrenden Rittern Schloß Altaich in seiner vollen Pracht und Glorie zu zeigen. Es erging ein vollständiges Aufgebot an den gesamten Adel des Kreises, und der hungrige Rokosz ermangelt denn auch nicht, sich einzustellen und Tag für Tag unsern alten, verwöhnten Koch zur Verzweiflung zu bringen. Ach, liebe Klara, es wird mir immer ganz weh ums Herz, wenn ich die alten Kutschen, welche seit Jahren den Hühnern und Puten als Nachtquartier gedient haben, heranrumpeln höre; und wenn nun vollends die Arche Noah ihr Eingeweide ausschüttet und der dicke Baron, welchen die wohlgeschonte Jagduniform verherrlicht, die Doppelflinte seiner Komplimente wie bei einem Kesseltreiben blitzschnell auf mich abfeuert, und ich Feldflüchtige in die Lappen seiner Frau Gemahlin und der sieben Töchterlein, vom siebzehnten bis zum siebenunddreißigsten, gerate. Oh weh! Dann erscheint wohl noch Herr von Funk, der, obgleich jedermann weiß, daß er früher hin Kammerdiener war, doch niemals ermangelt, mit freudeseligen Blicken den Kreis zu mustern und auszurufen: Gott sei Dank, jetzt sind wir doch unter uns; oder der alte Moczewski aus dem Dorfe, en qualité de gentillâtre, welcher uns von seinem Remontekommando nach der Türkei unterhält – und Gott weiß, was Alles noch. Ich komme mir oft wie Thekla vor, wenn sie das Schloß mit Gespenstern sich füllen sieht, und seufze nach Luft und möchte hinaus ins Freie – aber daran ist nicht zu deuten. Deine arme Ludwiga muß in dem Gewirr und Geschwirr lammsgeduldig ausharren, holdselig lächelnd antike wie moderne Bêtisen hinunter würgen, muß mit dem Schafzüchter über Elektoralwolle, mit seinem eheleiblichen Schäfchen über Tüllhauben reden, sie muß Gesellschaftsspiele ( heart! heart!) angeben, das Zieren und Minaudieren beim Auslösen der Pfänder mit anhören, oder die Lebensläufe der Operntänzerinnen ans dem Munde ihres unermüdlichen Historiographen Kroming; sie darf nicht einmal dem mephistophelischen Vetter so recht aus Herzensgrunde sagen, wie odiös er ihr sei! Ach, Klara, das ist ein Mensch, recht wie eine vom Raupenfraß zerstörte Kiefer, welk an Körper, noch welker an Herz! Wenn ich seine salpeterkalten Reden, das ihm zum dritten Wort gewordene »ich wüßte nicht, was mir gleichgiltiger wäre« mit anhöre, wenn ich sehe, wie jeder Ausspruch nur darauf geht, irgend einem recht bitter weh zu thun, und wie er mit dem gläsernen, dreischneidigen Dolch so kalt und bedächtig zielt, bis er die lebensgefährliche Stelle gefunden – und dann zugestoßen und abgebrochen – sieh, dann überläuft mich ein Schauder. Das blaßblaue, zwinkernde Auge, die schmale Unterlippe, das vergiftende Lächeln – Brr! Vergebens halte ich mir den Faustschen Spruch: Es muß auch solche Käuze geben! vor; –- ich sehe die Notwendigkeit davon nicht ein. Ein unheimlicher Mensch – wär' er nur wieder fort; ich kann nicht frei Atem schöpfen. Seit vierzehn Tagen bin ich nicht mehr nach meiner lieben Kottage gekommen – die wird einmal recht verwildert sein. Dieser Tage soll eine große Jagd stattfinden – Kasimir hat Schwarzwild im Hochwalde gespürt. Benachrichtige doch Deinen Vater und komm mit ihm. Ich bin begierig, wie Mephisto und seine Adjutantin, Fräulein Kroming, sich dabei anstellen werden. Ach liebe, gute Klara, mir ist das Herz mitunter recht schwer. Komm nur ja recht bald zu Deiner

Ludwiga.

N.S. Das Eine hab' ich Dir wohl noch gar nicht geschrieben, daß wir einen Maler, Namens Eduard Hunter, jetzt auf dem Schlosse haben. Er soll Dein wildes Mädchen in Lebensgröße porträtieren. Bis jetzt habe ich ihm noch nicht dazu gesessen. Was ist das für ein wunderlicher Mensch! Einmal ernst und schweigsam – und dann spricht er wieder wie ein Buch – man möchte ihm Tag und Nacht zuhören; und alles, was er sagt, ist wahr und ehrlich gemeint und kommt so recht vom Herzen. Dabei hat er die frömmsten, zuverlässigsten Augen von der Welt. Wenn er mich manchmal so nachdenklich und forschend ansieht, dann ist mir, als könne er meine Gedanken lesen; es wäre mir nicht möglich, auch nur im Scherz eine Unwahrheit gegen ihn vorzubringen. Neulich sagte der sonderbare Mann mir auf den Kopf zu: meine Wildheit sei nur angenommene Maske, ein mir ganz fremdes Wesen. Ich war ganz verschüchtert und mußte es im Anfang glauben. Meinst Du, daß er recht habe? Hübsch ist er gar nicht – ei bewahre – und doch, wenn er unter dem tollen, welken, falschen Gesindel wie ein König dasteht, dann beschleicht mich oft eine gewisse Ehrfurcht – doch das ist nicht das richtige Wort, und ich weiß doch kein anderes, und nur daß ich ihm manchmal aus Herzensgründe sagen möchte, wie ich ihn für brav und edel halte. Das ist wohl recht albernes Zeug, was ich Dir hier schreibe! Komm nur, komm! –

 

Die altertümlichen Erker und Säulengänge des Schlosshofes schimmerten von dem rötlichen Scheine der Fackeln, welche den heimkehrenden Gästen nach ihren entfernten Edelsitzen leuchten sollten; verworren tönte das Rufen nach der Dienerschaft, das Schnaube» der Rosse hinauf. Eine Karosse rollte nach der andern durch das hallende Schloßthor – in kurzem senkte sich das eiserne Schweigen wieder auf die Burg,

Graf Arthur und der Baron hatten sich bereits auf ihre Zimmer zurückgezogen. Ersterer schritt schweigend das Zimmer auf und nieder, und blieb endlich vor dem vernehmlich gähnenden und im Sofa sich dehnenden Reisegefährten stehen. »Sie langweilen sich auf Schloß Altaich, mein sehr edler Freiherr, wie es scheint,« redete er den Assessor spöttisch an,

»Bitte recht sehr,« war die Erwiderung. »Sie können es doch aber keinem Menschen verargen, wenn er die ländlich schändliche Manier, mit dem Glockenschlage Zehn den Tag zu schließen, heillos chokant finde. Um die Stunde, wo man in polizierten Ländern erst Toilette zum Souper oder Rout zu machen pflegt, stülpt man sich hier die Nachtmütze über die Ohren. Ungeheuer perfide!«

»Ja wohl! Und eben weil ich diese Perfidie voraussah, lockte ich Sie von Baden-Baden, um doch einen Lebensgefährten zu haben, um nicht allein gähnen und Trou-Madame spielen zu müssen,«

»In der That, cher Comte! Sie sind doch mitunter verzweifelt naiv.«

»Pure, ungeschminkte Wahrheit, Verehrter! Ein Anderer würde eine gelinde Verzweiflung simulieren, sich die bittersten Vorwürfe machen, die Blüte der Gentlemen auf diesen steinigen Boden verpflanzt zu haben, würde unverzüglich anspannen lassen, um sie wieder in ihr tropisches Theeklima zurück zu versetzen. Ersteres wäre Heuchelei, das Zweite eine einfältige Kompläsanze – Beides meiner unwürdig. Gedulden Sie sich, mein süßer Löwe, nur noch eine kurze Woche oder zwei. Die Saison ist ja ohnehin noch in weiter Ferne,«

»Mir geschieht schon recht,« lachte Herr von Kroming. »Que diable allais-je faire dans cette maudite galère? Aber nun im furchtbarsten Ernst gesprochen, was beginnen wir jetzt? Wie töten wir wenigstens diesen Abend? Provonieren Sie nicht vielleicht eine Partie Schach, dies mausfadeste aller Spiele, welches nur geldlose Leutnants in der Kaserne, oder jüdische Doktoren im Klub mit Eifer zu spielen berechtigt sind, Oder wollen Sie die Rolle der Scheherasade übernehmen und mir eine von den schönen Geschichten, die Sie wissen, vortragen?«

Der Graf betrachtete den Verschmachtenden mit sardonischem Lächeln, und klingelte dann nach Burgunder und Karten. »Eine Partie Ecarté?«

» Soit! Es ist doch Etwas, rief neubelebt der Assessor.

Das Spiel begann, und die banalen Phrasen: je propose – j'accepte –combien? – trois – je marque le roi – flogen monoton hinüber und herüber. Plötzlich schob der schnell degoutierte Graf die Karten von sich und seinem Gegner die verlorenen Goldstücke zu. »Sagen Sie einmal aufrichtig, so aufrichtig wenigstens, als Sie nur irgend sein können, was halten Sie von meiner Kousine?«

» Eh mais,« erwiderte der Überraschte, »darüber, dachte ich, wären wir an fait. Die Komtesse ist hübsch, ganz allerliebst, eine höchst pikante Schönheit,«

»Hm! Und was würden Sie sagen, wenn ich diese pikante Schönheit zu meiner Gemahlin erköre?«

»Sie, Graf Altaich,« rief der Assessor staunend aus, und begann zugleich die ersten Takte einer Kavatine zu singen, wobei er die Pianofortebegleitung auf dem Tische trommelte. »Sie – heiraten?« wiederholte er. »Ach, die arme Gräfin Anastasia, und das noch beklagenswertere Fräulein Lindow, und die allerärmste Viktorine und ...«

»Ich weiß, was Sie sagen wollen und könnte Ihnen noch zwei Dutzend Närrinnen nennen. qui au seront, au désespoir de jocrisse. Ich wüßte auch nichts, was mir gleichgiltiger wäre. Mais il ne s'agit, pas de cela. Meinen Sie nicht, daß die Gräfin die erste Rolle bei Hofe spielen müsse?«

»Wer zweifelt daran, daß solche jugendlich frische Erscheinung, von dem Doppel-Nimbus eines bedeutenden Vermögens und großen Namens umgeben, in den Jahrbüchern der Exklusiven Epoche machen werde. Aber, de grace, haben Sie auch die Originalität, um nicht zu sagen Exzentrizität der Gräfin erwogen? Sie, welche jetzt den dragon de Vincennes aus Boully contes à ma fille oder Diana Vernon aus Robin dem Roten zu spielen beliebt, wird sie nicht mit gleicher Leichtigkeit, wie jetzt über Hecken und Gräben, über alle Schranken der Etikette setzen?«

»Sie vergessen die weibliche Bildsamkeit, Baron, und daß Ludwiga vollkommen Novize in allen Lebensverhältnissen ist, ein noch nicht berührtes Instrument, bei welchem es nur von dem Künstler abhängt, welche Töne er ihm entlocken werde. Was ist denn überhaupt diese soi-disante Liebe? Sie lernen ein Mädchen auf dem Ball, in der Oper kennen – Sie interessieren sich für sie, nachdem Ihnen die Schöne, wu M das von selber versteht, die gehörigen Avancen gemacht hat, Sie tragen nunmehr die Damen in die Listen ein, unbeschadet des bereits mit Liebesbriefen patentierten Korps – präsidiert doch ein rechtschaffener Löwe wie ein guter Wirt an der Table d'Hote seines Herzens und schneidet jedem Gast die ihm gebührende Portion vor. Sein Herz ist, um ein anderes Gleichnis zu borgen, ein Miltonsches Pandämonium, im welchem Millionen kleiner weiblicher Teufelchen nebeneinander Platz haben. Er liebt alle, die einigermaßen auf Liebenswürdigkeit Anspruch machen dürfen – er ist Simultan-Liebhaber. Ist er ein gewissenhafter, so wird er im Anfang wie ein wütender Malaiischer Muckläufer durch die Gassen rennen oder reiten und nach den Fenstern seiner zwanzig Einzigen die Dolche seiner Blicke schleudern – bis er kalmiert im Café-royal die Speisekarte von Alpha bis Omega verspeist – denn solch ein Mucklauf zehrt. Habe ich es mir doch selber in früheren Zeiten, als ich mit meinem Magen brouilliert war, zur diätetischen Pflicht gemacht, recht entfernt aus einander wohnende Schönheiten zu verehren. Endlich willigt die Holde, von dieser überirdischen Beständigkeit gerührt, in das erste Rendezvous, und nun spielen sich nach jener ziemlich langweiligen Ouvertüre die fünf Akte der Farce spielend ab: Versicherungen, Schwüre, Küsse – alles Münzen, welche sich niemals erschöpfen lassen, bis . . . .«

»Entschuldigen Sie einen Einwurf, Graf. Oft aber sah ich mich bereits auf der ersten Station gezwungen, faux bond zu machen, indem die Masse der Frauen mit der fatalen Manie, Locken zu begehren, behaftet ist. Wer aber läßt sich gern seine Coiffüre derangieren. Ich für meinen Teil passe.«

» Poverello,« entgegnete Arthur achselzuckend, »wie kann man sich an solche Elendigkeiten stoßen? Glauben Sie denn, daß ich jener Extravaganz zu Liebe nur eine Haarspitze jemals opferte? Man beglückt die Nachfolgerin mit der Locke der Vorgängerin.«

»Und war diese blond?«

»Dann schwört man, das Haar stamme noch aus unserer zartesten Kindheit. So etwas rührt.«

» Diantre! je ne m´enserais jamais avisé! Empfangen Sie meinen Dank für diesen höchst praktischen Fingerzeig.«

»Doch, was soll ich Ihnen,« fuhr Arthur fort, »die aus Sinnlichkeit, Eitelkeit, Müßiggang und Interesse gedrehten Fäden des Seiles, an welchem wir unsere besten Lebensjahre hindurch wie ein Pferd an der Longe traben, zerfasern? Wozu mit Ihnen die sämtlichen Züge jenes Schachspiels, bei dem der Leidenschaftslose allein gewinnen kann, wo man entweder der Düpierte ist, oder, wie ich und jeder Kluge pflegen, selber düpiert, durchgehen? Lassen Sie mich einen flüchtigen Blick auf den revers de la médaille, auf die Ehe meine ich, werfen, von welcher ich, der modernen Doktrin zum Trotz, behaupte, sie sei eine ganz vernünftige Institution, in so fern man sich ihr auf eine vernunftgemäße Weise anschließt. Denken Sie sich das Ehepaar als einen Kreis, welcher bekanntlich in 360 Grade geteilt wird, und nehmen Sie den fast unglaublichen Fall an, daß beide Teile 180 Grad hielten, so wird die Ehe eine wohl assortierte sein. Auf jeden Fall muß das Weib, das Komplement des Gatten bilden. Der Mann, welcher 60 Grad Geburtsadel in die Wagschale wirft, suche nach 300 Vermögen; wer Beides besitzt, nach der egalisierenden Zahl in Schönheit, Bildung und dergleichen,«

»Und Sie meinen, Herr Graf, in dem Sektor Ludwiga das Komplement Ihrer unläugbaren Verdienste entdeckt zu haben? Den Beweis. Schäfer, den Beweis!« ruft Probstein.

»Es ist ein leicht zu führender. Mein ohnehin nicht unbedeutendes Vermögen würde mich, auch ohne die Erbschaft des Majorats, welches mir nach dem Tode meines Oheims Don Quixote blüht, der Notwendigkeit überheben, dem Töchterlein eines alttestamentarischen Barons die Grafenkrone in die Locken zu drücken, de fumer mes terres wie sich der französische Adel höchst naiv auszudrücken pflegte. Ich darf daher ohne Bedenken das echt tüdeske Steckenpferd der Stiftsmäßigkeit nach Herzenslust tummeln, und meine Hand nach der lieblichsten Blüte eines altadeligen Stammbaums ausstrecken, nach einer . . . lachen Sie über meine Marotte, wenn Sie wollen . . . . von keinem Hauch getrübten Unschuld, einer Perle, welche noch nicht das Tageslicht, erblickte. Je veux que ma femme soit neuve dans toute la force du terme. Dies ist wenig, und doch viel, sehr viel bei uns verlangt. Die Franzosen, Baron, sind uns auch in dieser Beziehung voraus. Sie senden die Töchter in ihrer frühesten Kindheit in das Kloster. Dort sind sie vollkommen geschieden von der Welt und betreten diese erst, um in die Arme ihres von den Eltern gewählten Gatten überzugehen. Der erste Mann, den die Französin sieht, ihre erste Liebe ist ihr Gemahl. Unsere Mädchen liebäugeln als Pennalträgerinnen mit Sekundanern, als Konfirmandinnen mit Studenten, als Ballfähige mit Husarenleutnants, bis sie dann endlich, um mit Jean Paul zu reden, nach der zwanzigsten, vierundzwanzigsten Seelenehe vor den Altar treten und als transzendente Witwen mit transzendenten Witwern die Ringe wechseln – und wohl den letztern, wenn es noch bei der Transzendentalität geblieben ist. Meine Erfahrungen zum wenigsten geben mir nicht den Beweis vom Gegenteil an die Hand. Und so fiel denn meine Wahl auf die unter den Mauern unserer Stammburg in tiefster Verborgenheit knospende Waldrose Ludwiga.«

»Wohl ausersonnen, Pater Lamormain!« entgegnete der Assessor. »Doch Ihre hochbelobten Französinnen nach den Honigwochen – wie dann?«

Arthur zuckte mit überlegenem Lächeln die Achseln und antwortete:

» Quand on l'ignore ce n'est rien,
Quand on le sait c'est peu de chose.

Ich aber glaube sicher zu gehen,«

»Allgemeiner Wahn, mein Herr Graf! Aber halten Sie daran fest. Sie thun wohl!«

 

Ein kleines halbzerfallenes Häuschen war Hunter, eben weil es so grell gegen die Wohlhäbigkeit der anderen Wohnungen abstach, schon seit längerer Zeit aufgefallen. Er glaubte in der Baufälligkeit der Hütte, in der Verwilderung ihrer Umgebungen malerische Motive zu finden, und so zog er denn auf einem seiner Spaziergänge Skizzenbuch und Bleistift hervor, um die Baracke zu kopieren.

Aus dem mit Moos und dickblätterigem Hauswurz bewachsenen Strohdach ragte ein der Länge nach geborstener Schornstein, aus dessen Spalten sich spärliche Rauchwirbel emporschlängelten. Auf dem einen Giebel des Hauses thronte ein Wagenrad, bestimmt, einer Storchkolonie zum Stützpunkt zu dienen und deren geräumiges Reisiggeflecht zu basieren. Am Dach und an den Balken des Hausflurs klebten zahllose Schwalbennester, deren Bewohner zirpend im raschen Fluge dicht über die Erde schossen und ein nahes Regenwetter verkündeten. Das Haus selbst zerfiel, wie die meisten Wohnungen auf dem Lande, in zwei Hälften. Die rechte diente zum Stall, während die linke den verräucherten Herd und die Stube des Besitzers umschloß. Ein verwitterter Zaun umgab ein paar Schritte Landes, welche den stolzen Namen Garten führten. Außer einem gewaltigen Holzbirnbaum, aus dessen Zweigen ein Meisenkasten schimmerte, außer einer Sonnenblume, einem Dutzend Tabakspflanzen und der trefflich gedeihenden Nesselplantage konnte man jedoch nichts entdecken, was jene Bezeichnung hätte rechtfertigen können, wenn nicht eine lumptengeflickte Vogelscheuche, welche beim leisesten Windhauche ihre Fetzen, weniger zum Grauen der Sperlinge, als dem des harmlosen Wanderers schüttelte, darauf hindeuten sollte. Einzelne Regentropfen fielen vom Himmel. Der Wind wirbelte den Staub des Weges im Kreise, und der Beobachter wollte sich zur schleunigen Heimkehr wenden. –

»Indem schallt aus dem Bauch der Grotte ein donnernd Halt!
Und plötzlich stand vor ihm ein Mann in rauher Gestalt,
Mit einem Mantel bedeckt von rauhen Katzenfellen,
Der grob zusammengeflickt die nackten Schenkel schlug.
Ein graulich schwarzer Bart hing ihm in krausen Wellen
Bis auf den Magen herab . . . .«

Bei näherer Betrachtung wurde nun zwar der Mantel von Katzenfellen zum abgetragenen Flausrock, und wenn der Bart auch nicht wie dem Scherasmin bis auf die Hüfte reichte, so war er doch immer lang genug, um die Sehnsucht zweier Dutzend nach den männlichen Staubfäden verschmachtender Fähnriche stillen zu können,

»Willkommen in meiner Eremitage, Herr Hunter, wenn ich nicht irre – tönte des Einsiedlers rauher Baß – bitte näher zu treten. Das ist schön von Ihnen, daß Sie mich in meiner Kasematte besuchen. Kommen Sie nur dreist. Der Melak thut Ihnen nichts.« – Der mit Drohungen beschwichtigte Freibeuter kroch knurrend und kettenrasselnd in seine Bretterhütte zurück, und gebückten Hauptes folgte der Maler dem Wirt in dessen Stube.

Der Bewohner des Hauses, der zweiundsechzigjährige verabschiedete Unterleutnant von Moczewski, hatte sich seit dreizehn Jahren in Altaich niedergelassen und den kostspieligen Aufenthalt der Städte mit dieser Lehmhütte vertauscht, nachdem er sie mit dem Nest seines durch Pferde, Liebschaften und Faro beinah auf nichts reduzierten Vermögens erstanden hatte. Hier führte er nun, seinem Ausdruck zufolge, ein Leben wie der Philosoph von Sanssouci, zu dessen Bestreitung eine höchst mäßige Pension nur eben hinreichte.

Während nun der Alte vergeblich bemüht war, aus einem mit braunen Leder ausgeschlagenen Lehnstuhl seine Dachshündin, die dort ihr Wochenbett aufgeschlagen hatte, zu vertreiben, und endlich von diesem Versuch abstehend, einen wackelnden Schemel von den belastenden Töpfen und Tiegeln befreite, hatte Eduard hinlängliche Muße, den Wirt und dessen häusliche Einrichtung zu mustern.

Der Veteran hatte trotz seines vorgerückten Alters eine edle Figur beibehalten, und bot das Bild einer vom Blitz getroffenen Eiche dar, in deren äußersten Zacken noch ein wunderbarer Lebensschimmer grünt. Graue, kurzgeschnittene Haare drängten sich unter dem roten türkischen Käppchen, welches das Haupt bedeckte, hervor. Die fast kolossale Bildung des letzteren, sowie der fleischige, von jeder Hülle befreite Hals, erinnerten an den farnesischen Stier. Die hohe Stirn war durch eine breite, weiße Narbe eines in der Rheinkampagne erhaltenen Pallaschhiebes geteilt.

An der früher weißen Hauptwand des Zimmers stand auf gewundenen Füßen eine Art von Schreibpult. Die geöffnete Klappe zeigte einen bunten Haufen Papiere, auf welchem ein Kavalleriereglement ohne Einband, Anfang und Ende neben der mit Bier getränkten Zeitung lag. Auf dem Pult paradierte die bronzierte Reiterstatue des hochseligen Regenten neben einer weißen Gips- Katze mit wackelndem Haupt. An der Wand war das mit Wasserfarben gemalte Wappen der Herren von Moczewski angenagelt, durch radikale Fliegen aber so unkenntlich gemacht worden, daß auch der gewandteste Heraldiker nicht vermocht hätte, es zu blasonnieren. Neben diesem ein Plan von der Schlacht von Kaiserslautern, und ein Porträt von Friedrich dem Großen, auf welchem der König, den Hut abnehmend sich höflich gegen den Beschauer verneigt. Der Pallasch des Offiziers, eine unendlich lange, rostige Entenflinte und die Hundepeitsche gruppierten sich malerisch neben dem Bilde. Die Breite der zweiten Wand nahm das Feldbett des Alten ein, unter welchem eine bunte Henne im Strohnest brütete. Der gewaltige Ofen, zusammengefügt aus schwarzen und grünen Kacheln, auf denen der Adler mit der stolzen Inschrift: » Non soli cedit« der Sonne zufliegt, türmte sich im Winkel. Von der Decke hingen statt des Kronleuchters die in blaues Papier gewickelten Lichter selber, und über dem Haupte Eduards, dem Schwerte des Damokles gleich, ein mächtiger, schwarzer Schinken. Auf der Erde hüpften krumensuchende Sperlinge mit verschnittenen Flügeln, und ein fliegenschnappendes Rotkehlchen durchflog das Gemach und stieß gegen die geflickten, alle Farben des Regenbogens spielenden Fensterscheiben.

Während der Maler diese Beobachtungen anstellte, war es dem alten Krieger gelungen, seinem Gast einen leidlich gesäuberten Sitz anbieten zu können. Schnell räumte er noch einige Steinpilze, Lorbeerblätter und Salzdüten vom Tisch, rühmte sein Talent, Champignons einzumachen, ging von ihm auf seine im Felde erlernte Kochkunst preisend über, und bot schließlich Halbbier und Pfeife. Für die Güte des Tabaks stehe er ein, da er ihn selber gezogen und mit gedörrten Rosenblättern und Kornblumen veredelt habe, – Eduard fühlte nicht das prinzliche Gelüst nach der gemeinen Kreatur Dünnbier genannt und glimmte, um sich vor den Düften der gepriesenen Kräuter einigermaßen zu sichern, eine Zigarre an.

»Ja, ja, mein bester Herr Hunter,« fuhr der Leutnant fort, »so geht's einem alten Soldaten. Ihr seht, wie ich mich in der Baracke behelfe. Doch, was will man machen? Die Pension reicht zu keinen weiten Sprüngen – da lebe ich nun so à la campagne. Ei, am Ende ist's doch nicht so arg als das Leben in der Champagne Anno 93, oder bei meinem Remonte-Kommando nach der Türkei. Laßt's Euch erzählen, Jungchen, wie mir's da erging.«

Mancherlei hatte Eduard schon auf dem Schlosse in Bezug auf den alten Leutnant gehört, und namentlich war er vor dem berüchtigten Remonte-Kommando, Moczewskis cavall de bataille, seinem Argonauten-Zuge und Luisiade, als einer nimmer versiegenden Märchenquelle gewarnt worden. Erschrocken suchte daher der Maler dem tausend-und-eine-nachtwierigen Novellenkranze zu entschlüpfen, und beteuerte dem Helden, sowohl der Graf als dessen Tochter hätten sich beeilt, ihn au fait, der Lokalmerkwürdigkeiten zu setzen – in diesen aber nehme die Reise des Herrn von Moczewski nach der Türkei wie billig die erste Stelle ein.

Geschmeichelt schmunzelte der Graukopf. Bald aber befiel ihn die Angst, manches Denkwürdige möge wohl durch der Korreferenten Mitteilung verstümmelt oder ausgelassen worden sein. Vielleicht quälte ihn auch das Bedürfnis, einigen neueren Fabeln Luft zu machen; genug, er wollte auch vor Eduards Blicken dieses merkwürdigste Jahr seines Lebens entrollen, und begann mit der tröstlichen Versicherung: »Freundchen, ich will Euch die Geschichte besser und genauer erzählen, als die da oben auf dem Schlosse wissen.« Resigniert starrte Hunter vor sich hin. Alle die peinigenden Gedanken und Sorgen, welche während der Betrachtung der befremdlichen Umgebung einen Moment lang von ihm gewichen, stürmten jetzt von neuem auf ihn ein. Er gedachte der geängsteten Gräfin, er vergegenwärtigte sich ihr auf ihn gerichtetes, wie um Hilfe flehendes Auge. Und was konnte er ihr werden? War ihm doch die bannlösende Formel unbekannt. Er beschloß die quälenden Zweifel zu enden, um jeden Preis eine Unterredung herbeizuführen. Ludwiga von dem Verhaßten zu befreien. Die abenteuerlichsten Pläne kreuzten sich in seinem Gehirn. – Der Regen klatschte während dessen wider die kleinen Fensterscheiben, und die endlose Erzählung des durch so seltene Aufmerksamkeit bestochenen Offiziers summte monoton fort. Im Zimmer war es längst dunkel geworden. Da fuhr der junge Mann mitten in der Aufzählung der Ahnen eines der famosesten türkischen Hengste auf und stürmte nach flüchtigem Gruß zur Thür hinaus. Kopfschüttelnd starrte der Alte ihm nach.

 

Der Septembermorgen war prächtig, sonnenhell. Im Schloßhofe ging es wild her. Die Rosse scharrten ungeduldig mit dem Hufe die Basaltquadern; heulend zerrten die Hunde an den Leinen der Jägerburschen. Treiber und müßiges Volk drängte sich zu Hauf, während kurze Hörnerklänge von Zeit zu Zeit wie fragend und lockend zu den Fenstern hinauftönten.

Endlich stiegen die Jäger die Wendeltreppe hinab; Graf Arthur und von Kroming in modernen, schokoladebraunen Jagdröcken, immer eine Klapptasche über der anderen, und weißen Filzmützen. Ludwiga in ihrer grünen Litewka, ein Barett mit schwanken Federn auf das Lockenköpfchen gedrückt. Sie war heute unwiderstehlich schön, und Eduard vermochte nicht, den Blick von der reizenden Jungfrau zu verwenden. Am verwichenen Abend hatte sie ihn aufgefordert, sich dem Zuge anzuschließen, und er hatte es freudig zugesagt. »Wie oft,« sprach er, »hörte ich nicht schon die Jagd ein Bild des Krieges nennen, die Jagd auf die wehrlosen Bewohner der Feldmarken – ein Jagen ist's, nicht eine Jagd zu nennen. Nur wo die feindlichen Kräfte sich mit den unsrigen messen können, nur wo ein ritterliches Wild zu bekämpfen ist, dann nur heiße ich die Jagd eine ritterliche Lust, dann nur mag ich sie teilen,«

Ludwiga trieb mit ungeduldiger Hast zum Aufbruch. So wenig Eduard dieses wilde, rastlose Wesen liebte, so vermochte er ihr doch heute nicht zu zürnen. Als sein Auge einmal wieder ernst fragend auf ihr ruhte, benutzte sie einen unbewachten Augenblick, um ihm bittend zuzuflüstern: »Üben Sie nur heute mit mir Nachsicht, lieber Eduard; draußen, draußen – da wird mir wieder wohler werden. Fort, nur fort!«

Noch niemals hatte sie ihn mit Vornamen, noch nie mit einem vertraulichen Beiwort angeredet. Sein Herz schlug mächtig. Ihn durchströmte ein eigenes Gefühl von Wonne und Weh. Er hätte zugleich aufjauchzen und weinen mögen. Nun ging es rasch den Schloßberg hinab, und auf dem mit Pappeln bepflanzten Weg, welchen Hunter vor Monaten heraufgekommen, dem Hochwalde zu. Quer über die Stoppeln schritt wie auf Siebenmeilenstiefeln der alte Moczewski mit seiner laugen, spanischen Flinte und der getreuen Dachshündin, und begrüßte die Reitenden mit waidmannischem Halloh! Ludwiga blickte oft, einer Verfolgten gleich, hinter sich, und trieb ihren Falben zur Eil', so oft die beiden Kavaliere Miene machten, sich ihr zu nähern. »Bleiben Sie mir nah, Hunter,« rief sie ängstlich, »Der Kammerherr peinigt mich unsäglich mit seinen unheimlichen, lauernden Blicken, Es ist mir, als stände mir von seiner Seite ein großes Weh bevor. Ich bin so unruhig, wie früher noch nie.« –

Wirklich glich das Mädchen einem gescheuchten Reh. Sie riß den Maler mit sich fort und stand ihm doch nicht Rede. Er hatte sich geschmeichelt, auf der Jagd die längst ersehnte Gelegenheit zu finden, seinem Herzen Luft zu machen. Und wenn er nun zu reden anhob, wenn er nur irgend ein Wort sprach, welches nicht dem alltäglichen Leben angehörte, so sprengte sie ihm um einige Schritte voraus, oder fiel mit einer gleichgiltigen, auf Jagd bezüglichen Rede ein, und dabei sah sie ihn so freundlich, so flehend an. Er sah wohl ein, daß sie einen Seelenkampf kämpfe, der nicht minder gewaltig als der eigene sei; da fühlte er denn tiefes Mitleid mit der armen Gequälten und schwieg zuletzt ganz und gar.

So waren sie bis in die Tiefe des Eichenwaldes gedrungen und hielten auf einer der schmalen, schnurgeraden Linien, welche die Schläge der Forsten bezeichnen. Die klare Bläue des Himmels zog sich wie ein langer dünner Streif durch die grüne Blätternacht. Am Ende der Waldstraße tauchte Schloß Altaich mit seinen Türmen und der wehenden Fahne auf, und durch die Stämme winkten die vergoldeten Gitterstäbe und der Giebel von Ludwigas Einsiedelei. Noch war es im Walde stille, dann und wann brach nur ein morscher Zweig vom Wipfel und glitt leisrauschend durch die Blätter, und dazwischen tickte das Hämmern des Spechts gegen die Rinde der Eichen.

Da erklang das Signal des Hifthornes und zugleich wurde auch das Gekläff der losgelassenen Spürhunde laut – beides noch in weiter Ferne. Ludwiga ließ ihrem Falben die Zügel locker über dem Nacken hängen und starrte vor sich hin – ihre Gedanken schweiften weit von der Jagd ab. Eduard hatte sich vom Pferde geschwungen und sah schweigend zu der Herrin seiner Seele auf. Da bricht mit Pfeilesschnelle ein vorauseilender, flüchtiger Eber aus dem Gestrüpp und schnaubt hart an den Beiden vorüber. Ludwigas Roß steigt scheu auf; die Zügel sind der Reiterin entglitten – sie hascht darnach – ein allzurascher Zug reißt den schwankenden Falben hintenüber – Eduard umfängt die Stürzende mit starkem Arm und reißt sie an sich ... sie ist gerettet. Ihr Renner stürzt, vergeblich gegen die eigene Last ankämpfend, zu Boden, rafft sich wild auf und stürmt mit gewaltigen Sätzen die Waldstraße entlang. Ludwiga liegt bewußtlos in Eduards Armen. Er trägt die süße Last in die nahe Kottage, er lehnt sie auf die Polster der Ottomane.

Dort saß er mit hochschlagendem Herzen zu ihrem Haupte und lauschte, dicht auf sie herabgebeugt, dem leisen Säuseln des Atems. Das Federbarett war ihr im Sturze entglitten, und die langen, dunkeln Locken umflossen das bleiche, doch so schöne Gesicht, Da schlug sie die Augen auf. Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust, »Mein Retter, mein Eduard,« flüsterte das Mädchens »Ach, ich liebe Dich recht herzlich. Länger mag ich es nicht verschweigen,« Und da schlang sie die Arme um den Nacken des Jünglings, zog ihn sanft hernieder und ihre Lippen verschmolzen im schmachtenden Kuß.

So sprich denn, Du liebes, liebes wunderbares Mädchen fragte Eduard, »wie ist es mir gelungen, daß ich Dich gewann, daß ich ein Glück errang, welches ich kaum in meinen Träumen auszudenken wagte?«

»Ach, weiß ich es denn selber zu nennen,« entgegnete Ludwiga, »was mich so mächtig zu Dir zog? Aber, wenn ich Deine Stimme hörte und Dir ins klare, treue Auge blickte, und sah, wie Du so stark und frei über alle hervorragtest und doch wieder so mild und kindfroh warst – – und wenn ich des Segens gedachte, den uns Dein sterbender Vater gab – Sterbende sind ja Seher – er ahnte, daß ich die Deinige werden müsse – –- konnte ich denn anders, als Dich recht von Herzen lieben? Ich that Dir wohl recht oft weh mit meinem wilden, ungestümen Treiben? Anfangs war ich recht böse, daß ich Deine Übermacht anerkennen müsse, und ich zürnte auf alle Männer, auf Euer hartes, stolzes Herrschergeschlecht – noch mehr auf die eigene Schwache, daß ich Dich nicht hassen könne. Ich wollte mich gewaltsam losreißen und verwirrte mich immer tiefer und tiefer, und da wollte ich es Dich entgelten lassen, und sprach wohl manch herbes trotziges Wort – aber meinem Herzen war es fremd. O vergieb, Du Guter! Ich will auch recht sanft und mild werden. Wohl hattest Du so recht, als Du mich an jenem Abend im Garten schaltest.«

So wandeln wir oft, in dichtes Gewölk gehüllt, über das Gebirge. Aus den Schluchten steigen immer neue Nebelsäulen und wälzen ihre feuchten Riesenleiber schwerfällig über die Gipfel hin – da zerreißt plötzlich eine Zauberhand den grauen Schleier und der klare, durchsichtige Himmel lacht auf uns hernieder und die weite Ebene mit ihren Feldern und blinkenden Flüssen, Wiesen und Dörfern liegt hell und frei vor unserm Blick; ein leiser, glänziger Duft schwebt wie eine Freudenzähre über die Gegend hin, und mit stillseeligen Lächeln schauen wir auf Gottes Herrlichkeit. Also mochte es den Liebenden zu Mute sein, nachdem sie sich gefunden und Arm in Arm in das schöne Land der Liebestraum herniederschauten. Das weiße Reh weidete still und friedlich vor der Einsiedelei. Mit gellem Ruf lockte der Silberfasan seine Weiber; der Waldbach plauderte verworren stammelnd fort und fort, und die Sternenkrone der herbstlichen Astern glühte im Strahl der Sonne, welche das Waldgitter durchbrach.

»Sind wir denn in Eden?« fragte Eduard träumerisch vor sich hin. Ja wohl weilte er in paradiesischen Welten, in den von den Strahlen der ersten Liebe verklärten – aber auch die lauernde Schlange war nur allzunah.

Ein heiseres, boshaftes Gelächter schreckte die Liebenden aus ihrem Himmel. Es war der Kammerherr, welcher, mit verschränkten Armen an den Eingang gelehnt, seit, geraumer Weile die alles um sich Vergessenden belauscht hatte. »Komtesse Ludwiga scheinen lebende Bilder probieren zu wollen. Armida im Arm ihres Rinaldo; Emma und Eginhard oder dergleichen!« spottete Arthur und trat frech mit fest an das Auge gedrückter Lorgnette an das bebende Mädchen, welches ihr erglühendes Antlitz mit beiden Händen bedeckte.

» Herr Graf,« rief in die Höhe springend Hunter mit drohender Stimme, »Achtung für diesen Engel.«

»Achtung für das Schätzchen eines hergelaufenen Bettelbuben?« lachte tückisch der Graf, der, ohne das Glas vom Auge zu nehmen, fortfuhr, Ludwiga mit stechenden, giftigen Blicken anzustarren und eine satanische Freude an ihren hervorquellenden Thränen zu haben schien,

»Das fordert Blut!« schrie der erglühende Eduard. »Sie werden sich nicht weigern, mir Genugthuung zu geben!«

Ohne den Zornbebenden eines Blicks zu würdigen, fuhr Arthur eisig kalt und mit unaussprechlicher Verachtung fort: »Satisfaktion? Vraiment! Ich würde dem Patron die Ehre erweisen, ihn tot zu schießen, wenn ich es nicht für unverantwortlich hielte, die Welt eines so ausgezeichneten Pinsels zu berauben,«

Da schlug die flackernde Lohe des Jähzorns riesengroß auf und über dem tötlich beleidigten Jüngling zusammen. »Nun wohlan, Bube, so soll der Maler Dich zeichnen!« schrie er grimmig und hieb dem Grafen mit der drahtgeflochtenen Reitpeitsche quer über die boshafte Fratze. Der Kammerherr ward leichenblaß. Alles Blut schien aus dem verzerrten Gesicht gewichen und in das Feuermal der Entehrung, in den furchtbaren roten Striemen, welchen die Peitsche gerissen hatte, sich zusammengedrängt zu haben. Sein Auge ward starr und gläsern, die Finger zuckten krampfhaft, wie nach einer Mordwaffe haschend, und sanken schlaff herab. Es war ein entsetzlicher Anblick. » Tot! – – tot! – – tot!« stammelte er halb sinnlos –- »morgen – heute – gleich!« – Wie ein Wahnsinniger stürzte er fort.

Eduard umschlang das in Thränen zerfließende Mädchen und versuchte Worte des Trostes, die er selber als lügenhafte verwerfen mußte. Die entfesselten Stürme spotten der beschwörenden Formel und schleudern den erschöpften Schiffer bald bis in die Wolken, reißen ihn bald bis in den Abgrund hinab. Wird das empörte Element ihn verschlingen – wird es ihn frei geben?

 

Flockige Herbstnebel senkten sich träg auf die Erde hernieder. Der Nachtfrost hatte die welkenden Blätter gelöst und sie schwebten jetzt gagelnd auf den feuchten Rasen herab. Es war noch früh am Morgen,

Eduard schritt in ernstes Sinnen verloren und in Erwartung des bevorstehenden Zweikampfs vor der Einsiedelei auf und nieder. Der alte Leutnant Moczewski, welcher sich gen, bereitwillig hatte finden lassen, dem jungen Mann als Sekundant zu dienen, schien überglücklich, noch einmal zu den lang und schmerzlich entbehrten Heldenthaten, wie sie das müßige Garnisonleben bietet, berufen zu sein, und war mit peinlicher Geschäftigkeit bemüht, die Vorbereitungen zu treffen, die Pistolen wieder und immer wieder abzuputzen, die Steine fester zu schrauben, Pulver und sonstigen Schießapparat in seinem auf der Erde liegenden, verblichenen Mantel gegen den Tau zu schützen.

»Du bist aber doch ein verfluchtes Kerlchen, Du hochgräflicher Ledergerber,« begann der Graukopf schmunzelnd und vergnügt die Hände reibend, »Hätt's Dir nun und nimmer zugetraut. Hast aber recht gehabt. Ich gönne dem hochnäsigen Patron das rote Ausrufungszeichen. Hab' selber eine Pique auf ihn. Wollt' ihm neulich auf dem Schloß einige kuriose Fata, die mir auf meinem Remonte-Kommando arrivierten, erzählen – und der Affe dreht sich auf dem Absatz um – fort ist er. Na hatten wir, als ich beim Regiment stand – – es war im Jahre 94 – – nein, daß ich nicht lüge, es war 95 – oder doch – –«

Eduard winkte dem Alten zu schweigen. Für eine Weile verstummte dieser, drehte den grauen Schnurrbart, spähte in die Ferne nach der zögernden Gegenpartei, schimpfte auf den verwetterten Nebel und wie er im Trubel vergessen, ein Hausmittelehen gegen die böse Luft einzunehmen. Länger aber vermochte er das Schweigen nicht zu ertragen. »Nimm's mir nicht übel, Herzensjunge, daß ich Dich in Deinem Simulieren störe. Aber das ist ein böser Kasus – – liegt mir im Magen, wie eine Kartätschkugel – – muß heraus. Wie wird's denn im schlimmsten Fall? He! Wenn Du den Junker auf die Erde setzest, mein' ich? Flüchten müssen wir über die Grenze, das steht fest, wie das Amen in der Kirche. Hast Du – – hm! hm! – Du verstehst mich – – Knöpfe, Spieße, Moneten? Bin in augenblicklicher Verlegenheit – – hab' die Pension im voraus – bin rattenkahl – –«

Eduard legte in die Hand des Alten eine leidlich volle Börse, »Hei!« rief der alte Leutnant, »steht es so? Nun da wollen wir doch dem Kammerherrn zeigen, wo Barthel Most holt. Aber, Hunterchen, halte mir ihm tüchtig auf den Pelz, so auf die kurzen Rippen – ist just der Mittelpunkt des Kadavers. Schone den Laffen nicht. Hier trägt ein Jeder seine Haut zu Markte. Und von ihm hast Du, hol' mich der Böse, keine Liebe zu erwarten. Ob der Patron wohl kommen wird? Ja, mein Söhnchen, das Warten vor dem Duell ist das bitterste bei dem ganzen Spaß – das kennen wir. Hast Dich wohl in Deinem Leben noch nicht geschossen? Nein? Dacht's mir gleich. Ruhe. Kind, Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Laß ihn hübsch herankommen. Behalt' ihn fest im Auge. Gieb Deine Kugel nicht zu früh ab. Hörst Du?«

Der dröhnende Hufschlag der heransprengenden Gegner unterbrach die weiteren Kampfregeln. Graf Arthur und der Assessor schwangen sich von den Rossen, warfen dem Jockey die Zügel zu und empfingen aus dessen Händen das elegante Ebenholzkästchen, welches die Waffen verschloß,

»Wenn's gefällig wäre, die Distanz abzuschreiten, Herr Baron!« hob der geschwätzige Alte an. »Wenn mir recht ist, waren fünf Schritt Barriere und ebenso viel Avancieren bestimmt. Genauigkeit wird bei dergleichen Affairen zur Gewissenssache. Auch nicht ein Zehntel Haarbreite mehr oder minder. 'So, scharmanntissimo. Die Steine markieren hier. Sehr brav. Nun ans Laden. Halten Sie gefälligst das Pulvermaß, wenn ich bitten darf. Verdammt! Da haben der Herr Graf ein Paar exquisiter Pistölchen. Lazarino Comminazzo – daß dich die Pest! Vierzig Louisd'or unter Brüdern – Hab' ich recht?« – Keine Antwort erfolgte. Die Gegner wandten einander den Rücken zu.

»Auf die Mensur, Messieurs!« rief. Baron Kroming. Die Feinde traten hastig auf die bezeichnete Stelle. Aus den Blicken des Grafen funkelte ein tötlicher Haß. Über Eduards Gesicht zuckte eine fliegende Röte, gleich darauf aber nahm es wieder den Charakter eines düsteren Ernstes an.

»Es früge sich noch,« begann Moczewski räuspernd, »ob nicht vielleicht eine friedlichere Ausgleichung möglich – eine réparation d´honneur.«

»Kein Wort weiter, herrschte der Graf ihm zu, »und zur Sache.«

»Nun, nun,« brummte der Leutnant, »'s ist nur so 'ne Redensart, gehört aber doch einmal dazu. – Ruhig, Junge,« flüsterte er seinem Schützling ins Ohr, und laut: »Ich kommandiere eins, zwei, drei. Bei drei treten die Herren an.«

Das Wort erscholl. Auge in Auge schritten die Feinde mit langsamem, festem Schritt aufeinander los, schlugen an, zielten, hoben wieder den Ann. Eduard vermochte seine Ungeduld nicht länger zu bändigen. Er drückte los – – die Kugel zischte an dem Grafen vorüber. – »Verdammter Tollkopf,« murrte der Leutnant, »Hab' ich's nicht gedacht? Nun mag er es ausbaden.« Und: »An die Barriere!« schrie zu gleicher Zeit der Kammerherr mit schneidiger Stimme. Hunter gehorchte der Weisung.

Der Graf stand ihm auf fünf Schritt gegenüber, das Pistol bald nach der Stirn seines Gegners erhebend, bald wieder auf dessen Herz zielend, als schwanke er, welches der sicherste, tötliche Punkt sei, als wolle er sich an der Seelenqual seines Opfers weiden, Endlich schoß er: Eduard stürzte zusammen. Polternd und fluchend sprang der Leutnant herbei, hob den Unglücklichen in die Höhe und riß ihm das Oberkleid ab. »So schlagen doch tausend Tonnen Teufel drein! Mitten durch den Leib« – – – »Er ist tot!« rief der gleichfalls herbeieilende Assessor dem Grafen zu, »Ich wüßte nichts, was mir gleichgiltiger wäre!« war die Erwiderung.

»Pest und Teufel!« brach Moczewski grimmig aus. »Sie haben mir den Jungen wie einen tollen Hund totgeschossen – auf fünf Schritt – und nun wollen Sie noch, Herr –- – heißt das kavaliermäßig handeln? Da schlägt er noch einmal die Augen auf, wohl zum letztenmal. Werden Sie ihm nicht die Hand reichen, Herr? Werden Sie ihm kein Sterbenswort sagen? Gar nichts?«

Der Graf trat an den mit Blut überströmten Jüngling, warf einen dolchscharfen, entsetzlichen Blick des Triumphes auf das bleiche Gesicht, lüftete dann um ein weniges den Hut, sagte kurzweg: Ich empfehle mich Ihnen, und wandte sich zum Gehen, – »Nun so fahre zur Holle, Du eiskalter Teufel!« schrie Moczewski dem sich gelassen auf's Pferd Schwingenden nach, – Der in der Nähe weilende Wundarzt war hinzugetreten und zuckte während der Anlegung des ersten Verbandes die Achseln.

Leise rieselte der Regen hernieder; ein schaurig kalter Wind zog durch die Eichen und trieb die falben Blätter wirbelnd vor sich her. Die Anwesenden fühlten sich von unheimlichem Schauder ergriffen, Sie trugen Hunter in Ludwigas Kottage, Der Verwundete seufzte schmerzlich unter der Sonde des Arztes, schmerzlicher noch bei der Erinnerung des gestrigen Tages, – So wendet das Leben im raschen Wechsel seinen Januskopf, und zeigt uns bald die mit Rosen bekränzte Stirn des hoffnungslächelnden Jünglings, bald das hippokratische Greisengesicht.

 

Der Weiser der Rathausuhr zeigte auf die fünfte Stunde. Mit der weißen Zipfelmütze über den Ohren trat der Türmer gebückt aus dem Pförtchen, blies sein Tromperrstückchen über das Steingeländer hinaus, blickte noch einmal auf das zu seinen Füßen liegende Landstädtchen und die dünnen Rauchwolken, welche sich aus allen Schornsteinen emporringelten, und kroch dann gähnend in sein Stübchen unter dem Glockenstuhl zurück.

An das Fenster eines der um den Marktplatz gereihten Häuser trat, nachdem die Trompetenklänge in den Lüften verweht waren, ein frischer, kräftiger Mann, räumte die großen Papptafeln, mit welchen er die untern Scheiben gegen das falsche Licht versetzt hatte, hinweg, ergriff dann von neuem Pinsel und Palette, und trat zurück an die Staffelei und zu dem Bilde, an welchem er bis vor kurzem gemalt hatte. Mit der Arbeit schien es jedoch für diesen Abend nicht mehr viel werden zu wollen. Die schrägeren Strahlen der Oktobersonne beglänzten nur noch die Schnörkel auf dem Giebel, ihre vergoldeten Wetterfahnen und die Drachenköpfe der blechernen Regentraufen, und so legte denn der Maler, in welchem wir den um drei Jahre gealterten, in einem süddeutschen Landstädtchen angesiedelten Hunter wieder erkennen, gar bald auch sein Werkzeug wieder zur Seite und begnügte sich, auf den langen Malerstock gestützt, das Auge auf die Schilder zu heften und geistig weiter zu schaffen.

Lauge stand der Künstler im Anschauen seiner Schöpfung versunken, bald mit dem Haupt beifällig nickend, bald es zum heimlichen Tadel schüttelnd, bis die Sonne hinter die Häuser sank und der Farbenglanz auf dem Gemälde erblindete. Hunter warf den Stock in den Winkel und schaute träumend auf den Marktplatz hinab. Aus den Thüren der Häuser traten nach und nach die Bürger in ihren gestreiften Schlafröcken mit langen Pfeifen in den Händen, begrüßten sich nachbarlich und traten zum nachdenklichen Gespräch zusammen, oder nahmen unter den Runddogen ihrer Thüren und deren gemeißelten Mohrenköpfen in den Steinnischen Platz. Mitten auf dem Platz kauerte auf mit künstlichen Schnörkeln verziertem Postament ein Triton und blies mit aufgeblasenen Backen den hellen Wasserstrahl in die Luft, und die Fontäne plätscherte mit leisem Gemurmel in das volle Wasserbecken, auf dessen Rand die Bürgertöchter und Mägde ihre Kannen gesetzt hatten und mit untergestemmten Armen schwatzten, bis die Reihe des Füllens an sie käme. Ein alter Lindenbaum überschattete den Springbrunnen und schüttelte, so oft ein leiser Abendwind durch die Zweige strich, sein falbes Laub in die kräuselnden Wellchen. Von den Mauern der Häuser hallte das Geschrei der lärmenden Knaben – allmählich verstummte auch dieses. Die Schatten senkten sich; die flackernden Feuer des Herdes leuchteten durch die bleigefaßten Scheiben der gegenüberstehenden Häuser und zitterten im Widerschein auf den Steinen.

Da pochte es leise an die Thür; ein gebückter Greis trat schüchtern ein, und fragte mit zweifelnder Stimme nach dem Herrn Maler Hunter. Eduard schritt rasch durch das dunkle Zimmer, faßte den Fremden ins Auge und fiel ihm mit dem freudigen Ausrufe: »Alter Seelmann!« um den Hals.

»Ei, nicht doch, nicht doch, lieber Herr Hunter. Was treiben Sie? Ich bin ja nur ein schlechter Kammerdiener!« stammelte der sich sträubende Alte, indem er doch den Befreundeten wieder mit den welken Armen an sich preßte. »Ich bin aber doch gar zu seelenfroh. Sie wieder zu haben. Und Sie sind frisch und gesund und haben, wie gesagt, natürlicherweise die gefährliche Blessur glücklich verwunden. Ach, wie wird sich meine gnädige Komtesse freuen, wenn ich ihr alles erzählen kann, und wie Sie noch immer das alte gute Edchen sind.«

»Wie ergeht es Ludwiga? Und sie gedenkt noch meiner?«

»Du lieber Himmel! daß sich alles so hat fügen müssen! Ja, wie gesagt, die liebe Jugend, die liebe Jugend, die hat keine Tugend – immer oben hinaus. Aber nichts für ungut – müssen schon Nachsicht mit einem alten Mann haben. Na, und ich will Ihnen denn auch weiter nichts vorrücken – am Ende haben Sie wohl nicht anders gekonnt – und wie gesagt, natürlicherweise, was geschehen ist, ist geschehen. Ja, was ich sagen wollte, auf unserem Schlosse, da sieht es jetzt trüb und erbärmlich aus, und war in den letzten drei Jahren auch eben nicht viel Freude dort zu holen. Des Herrn Erblandmundschenks Exzellenz sind zu ihren Vätern versammelt worden, und alle die schönen Güter dem Herrn Kammerherrn oder vielmehr Hofmarschall, denn das sind sie nunmehr, heimgefallen. Der Jetzige residiert aber in der Stadt und reist in den Bädern herum und unser Schloß steht, wie gesagt, so gut wie leer.«

»Aber Ludwiga?« fragte Eduard dringend.

»Nun sehen Sie, nach dem fatalen Duell da gingen der hochselige Herr Graf zu unser gnädigen Komtesse und sprachen eine geraume Weile mit ihr. Was dort verhandelt wurde, darf unsereiner schon nicht wissen. Das Eine kann ich nur berichten, daß ich kurz nachher zur Gräfin von seiten des Herrn Papas geschickt wurde, um zu vermelden, daß der Wagen angespannt sei. Da rang die Gräfin die Hände und weinte so bitterlich, daß es mir durch die Seele schnitt, befahl mir, noch einmal auszufragen, ob sie den Herrn Vater nicht noch ein einziges Mal sprechen dürfte. Exzellenz ließ mich aber nicht vor, und so mußte natürlicherweise das liebe gute Fräulein einsteigen und recht trostlos abfahren. Die Reise ging nach dem Stift und dort lebt die Komtesse noch bis auf den heutigen Tag.«

»Und jetzt ist sie frei? Und sie liebt mich noch?« rief Eduard.

Der Greis fuhr, leise den Kopf wiegend, fort: »Als nun des Herrn Grafen Exzellenz beigesetzt waren und eine fremde Kommission kam und alles umdrehte, so daß ich mich auf Altaich selber kaum noch zurechtfinden konnte, da mochte ich, wie gesagt, natürlicherweise auch nicht mehr dort bleiben und machte mich auf nach dem Fräuleinstift, um meine letzten Tage im Dienste der Tochter meines gnädigen Herrn zu verbringen. Das waren auch betrübte Zeiten, als die Komtesse die Trauerpost erfuhren. Da riefen sie mich dieser Tage zu sich und hießen mich zu Ihnen reisen und Ihnen diesen Brief bringen, Sie dachten sich wohl, der alte Seelmann könne natürlicherweise die beste Auskunft geben. Da ließ ich mir denn die weite Reise auch nicht verdrießen, wenn auch die alten morschen Knochen das Fahren nicht mehr recht vertragen wollen.«

Eduard hatte längst die Lampe angeglommen und dem Greise den Brief aus der Hand gerissen. Zitternd erbrach er das Siegel und las:

»Mein teurer, teurer Freund! Noch einmal wage ich es, den Vorhang zu lüften, welcher mich seit drei vertrauerten Jahren von der bunten Schaubühne meiner glücklichen Jugend trennt. Der Festzug ist in den waldigen Felsschluchten verschwunden; die frischen, fröhlichen Klänge verhallten, tönen einzeln, verworren noch aus der Ferne zu mir herüber – dann ersterben sie – und ich stehe in der freudlosen Einöde verwaist, trauernd, weinend. – An jenem blutigen Morgen trat mein Vater zu mir ins Zimmer. Kein Vorwurf kam über seine Lippen, keine Miene verriet die Bewegung seiner Seele. Er war kalt, gelassen – höflich. Der schrecklichste Ausbruch seines Zornes wäre mir weniger fürchterlich gewesen, als diese Ruhe. Ich kannte seine unbeugsame Festigkeit; ich sah ein, er habe unwiderruflich entschieden. »Du hast die Bande zwischen Vater und Tochter gelöst,« sprach er. »Du hast Dich freigesprochen. Unsere Lebenswege trennen sich hier –- ich bin kinderlos. Du verläßt Altaich. Zwei Wege führen aus dem Hause; der erste nach dem Fräuleinstift unseres Geschlechts, der zweite in die Arme jenes heimatlosen Fremdlings. Folge dem Rufe der Sitte oder dem der Leidenschaft – ich werde das eine wie das andere teilnahmlos geschehen lassen. Das Erbteil Deiner Mutter wird mein Geschäftsführer Dir zustellen.« – Vergeblich warf ich mich ihm zu Füßen, vergeblich umklammerte ich unter Thränenströmen seine Kniee. Er hieß mich kalt aufstehen. »Keine Szene, wenn ich bitten darf. Mein Wille steht fest – ich erwarte Deine Entscheidung.« Den schwer beleidigten Vater zu sühnen, wählte ich die Verborgenheit des Stifts, Schweigend vernahm er meinen Entschluß, meine Entsagung – er schien das Opfer des Liebsten auf der Welt nicht anerkennen zu wollen. Meine Unterwerfung rührte ihn nicht. Drei Jahre, drei schmerzlich einsame Jahre vermochten nicht, den eisernen Mann zu beugen – er ist unversöhnt gestorben und sein Zürnen reicht über das Grab hinaus. Nein, mein geliebter Freund, ich bin nicht frei, ich darf der Stimme des Herzens nicht Gehör schenken. Der Schatten des beleidigten Vaters tritt drohend zwischen uns Beide – für diese Welt muß ich Dir entsagen. Strebe nicht, meinen Entschluß wankend zu machen, beim ewigen Gott! ich kann nicht anders. Ich scheide schwerlich seufzend – aber für immer.

Ludwiga.«

Eduard verdeckte sein Gesicht mit den Händen und weinte bitterlich.

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