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Novellen und Erzählungen

Franz Freiherr von Gaudy: Novellen und Erzählungen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFranz von Gaudy
titleNovellen und Erzählungen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeVierter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100825
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IV.

Der Pfarrer von Weinsperg

Es möchten ihrer wohl schwerlich viel sein von all' denen, die im gesegneten Schwabenlande geboren sind, ja die auch nur auf der hohen Schul' zu Tübingen dem Studio der Wissenschaften obgelegen, und nicht, zur Zeit der Kirschblüt', oder auch späterhin zu Anfang des Wonnemonds, wenn die Buchenwälder bereits zu grünen beginnen, ein oder etzliche Male über die Bergkette der schwäbischen Alp gewandert wären, und durch das reiche, schöne, einem Fruchtgarten vergleichbare Lenniger-Thal. Es ist dies so ein uralter, schöner Brauch in Schwaben, welcher den Enkeln von ihren Ahnen überkommen ist, und den sie getreulich in Ehren halten. Wer aber auch diese Wallfahrt zu den sagenheiligen Bergen und Schluchten in der Jugend nur einmal unternommen, wird ihrer allstund mit still herzlicher Freude gedenken, mag auch das Alter längst schon den hinansstrebenden Mut und die frische Kraft gebrochen, und seine krausen Signaturen und Etcätera auf ihre Stirnen gekritzelt haben. Solch' einen greisen Alpwandrer mag ich wohl dem invaliden Krieger vergleichen, in dessen Aug' ein Nachschimmer der alten Kampflust erglüht, so oft einer Feldschanze Erwähnung geschieht, die er selber mit erstürmen helfen, oder eines Reiter-Überfalls, bei dem sein Pallasch wacker gefleischt. Nennet ihm mir einmal den Namen des Fürstenhorstes der Hohenzollern, sprecht ihm von der Achalm oder von Hohen-Urach – und ein flüchtig Rot wird über die gebleichte Stirn, wie ein Abendsonnenstrahl über Schneefelder, ziehen, und ein leises Lächeln auf den verblaßten Lippen erblühen – denn alsdann sieht der Greis sich wiederum im Geist mit den kecken Gesellen singend und jubelnd bergan steigen, den knotigen Bergstock in der Luft schwingend, die Reisekapp' mit Alpblumen und Moosgeflecht bekränzt, das leichte Ränzel auf dem Rücken, das noch leichtere Herz unter dem Brustriemen, aller Sorgen ledig und bar – wenn er ihrer überhaupt schon bewußt ward – und dann wird er wehmütig aufseufzen: Ach, Du schöne, schöne Alp, Du schöne, ferne Jugendzeit! – Und auch ich stimme in jene Seufzer mit ein; Du blaue, luftige Alp, Du frische, übersprudelnde Jugendzeit!

Beide so schön, beide mir so fern! Hab' ich doch aus beiden nur die welken Blätter und Blüten der Erinnerungen gerettet!! – Da liegen sie alle vor mir ausgebreitet, mehr oder minder entfärbt, gebräunt, zerbröckelt. Will doch einmal der leidlich erhaltenen eine auswählen und den Versuch wagen, ob sie vielleicht wie die Rose von Jericho, wenn man sie aus dem Kräuterbuche in den Pokal versetzt, nach Jahren wieder neu erblühen möge. Es ist die gemeinte Blume aber eine schlichte Historie, welche ich auf meinen Fußwanderungen durch die Alp einstmals aus dem Munde des würdigen Pfarrers von Pfüllingen vernommen habe, und nunmehro schlicht und ziellos, wie ich sie hörte, wiedergeben will.

 

Wie anders mag wohl des Lichtensteiners Schloß, wenn man dessen Beschreibung in den alten Chroniken nachliest, vor dreihundert Jahren ausgesehen haben! Dazumal war es noch ein gar stattlicher Rittersitz, geschützt gegen den Feind durch Türm' und Mauern, freilich mehr noch durch seine Lage am schroffen Abhang der Schlucht, welche sich die Echaz durch die Felsen gewühlt. Zu jener Zeit leuchteten die roten Ziegeldächer und vergoldeten Wetterfähnlein noch weit hin durch das Thal, und wann sich die Morgensonne in den Spitzbogenfenstern abspiegelte, so mochte man deren Funkeln und Flimmern schon von der Burg Achalm aus gewahr werden. Damals war das Schloß auch noch Erbsitz der edlen Herren von Lichtenstein, eines frommen, adligen Geschlechts, welches seinem rechtmäßigen Landesherrn in Not und Fährden getreulich zustand, wie es rechtschaffenen Edelleuten und württembergischen Landeskindern wohl ansteht. Jetzund ist es anders geworden. Die Burg ist abgegangen und statt ihrer ein leichtes, weiß getünchtes Försterhaus an derselben Stelle aufgebaut worden. Hab' wohl vernommen, daß anjetzo ein fürnehmer Herr auch dies Haus wieder brechen, und ein Schloß in vorzeitlicher Art und Weise dafür hinsetzen will. Könnt' aber nicht sagen, daß mir dieser abermalige Wechsel allzu sehr gefiele. Mich gemahnt es allzeit, wenn ich ein solch seit Jahrhunderten veraltet und vermorschtes Wesen wieder hervorkramen seh, als sprengten sie einen alten Bleisarg, und zerrten so einen verdorrten und halb vermoderten Ahnherrn wieder ans Licht, und wollten den mit Flitterkram betroddelten alten Herrn mitten unter die neumodische Gesellschaft auf den Ohrensessel verpflanzen. Was ab und tot ist, das soll man lassen ruhen. Wer rückwärts gewandten Hauptes wandelt, der dürfte leicht ins Straucheln geraten. Vorwärts geschaut, nur immer vorwärts!

Die Zinnen sind herabgestürzt, die Mauerpfeiler gebrochen, das adelige Wappen auf dem Thore gelöscht. Die Echaz aber strudelt noch lustig über die Blöcke, zur Seite der frischen Wiesen; die steilen Kalkfelsen, auf deren Zacken düstere Tannen und saftig grünende Buchen mühsam wurzeln, wachsen bis auf diese Stunde wild und rauh himmelan – der Menschen Werk vergeht, Gottes Werk besteht. Vor dreimal hundert Jahren aber, wie bereits vermeldet, war Schloß Lichtenstein noch ein echt ritterliches Schloß, und nicht ein Schlößlein, wie es anjetzo gleichsam spottweis' vom Volke genannt wird.

In jener Zeit geschah es – man zählte just 1519 Jahr nach des Herrn Geburt – daß in den Nachmittagsstunden eines hellen Septembertages ein schlanker, krauslockiger Bursch von etwa zwanzig Jahren aus der Berghaide trat und durch die Stoppelfelder rüstig auf das Schloß zuschritt. Sein schwarzes Wams war vom starken Gebrauch schon arg vernutzt, und das Mäntelchen, welches locker um die Schultern hing, mit gar vielfältigen Fensterlein versehen, so daß man die unterliegenden Schäden mit Muße betrachten konnte. Solche ärgerliche Guckfensterlein aber nennt man in der Volkssprache Löcher. Die geknickte Feder auf dem Pirett sah schier wie ein geprügeltes Hündlein aus, welches kläglich mit gesenktem Schweif hinter dem Herrn herschleicht – Summa Summarum die Kleidung des jungen Burschen war fast ärmlich, und mußte ihn wohl Jedermann, auch ohne den kurzen Stoßdegen an der Hüfte und dem Tintenfaß nebst hölzerner Federkapsel, die ihm am Gürtel hingen, beim ersten Hinblick für einen fahrenden Schüler erachten. Dies war er aber auch, hieß mit Namen Mathias Häuslin, ein Sohn ehrsamer Bürgersleute aus Reutlingen, und dermalen während der Vakanz der hohen Schul' zu Tübingen auf der Wanderschaft, wie dies zu jener Zeit unter den Studiosis Brauch.

Ein solcher fahrender Schüler mochte ohne einen Kreuzer im Beutel von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt ziehen, und ward überall wohlgelitten. Führte er doch gleichsam einen Hauptschlüssel mit sich, welcher zu allen Schlössern paßte – ich meine die edle lateinische Sprache, durch welche er sich gegen Männiglich als einen in litteris wohl Erfahrnen bekunden und in Ansehen setzen konnte. Trat er in die Schenke, so wandte er sich alsbald nach dem an die gemeinsame Trinkstube stoßenden Kämmerlein, in welchem die Ehrenplätze des Dorfrichters und des Pfarrers zu sein pflegen, und begrüßte letzteren mit zierlich geflochtenen, klassischen Redensarten, worauf der Reverendus ihn in gleicher Sprache willkommen und und an seiner Seite niedersitzen hieß. Dann sperrten die Bäuerlein allesamt, teils ob des fremdartigen gelehrten Diskurses, teils ob der Willfährigkeit ihres Kurati verwundert Mäuler und Nasen auf; der Schenkwirt trank dem Scholaren die dreireifige Kanne voll guten, roten Weines zu, die schämig kichernde Magd reichte ihm auf hölzernem Teller den Wecken zum Imbiß; und ging's an ein Scheiden, so dachte keiner daran, vom fahrenden Schüler Wegzehrung zu fordern, wohl aber drückten ihm die meisten noch ein Viatikum in die Hand. Solchergestalt ist das Sprichwort entstanden: »Mit Latein kommt man durch die ganze Welt«, welches sich auch glorreich bis auf den heutigen Tag bewahrt hat. Auf den Edelhöfen, wo die Insassen mit gelahrten Studien sich nur spärlich befassen, war aber der Scholar nicht minder gern gesehen, und das ganze Haus begrüßte ihn mit lachendem Munde: das Frauenzimmer, weil ihm wohl bekannt, wie er nimmer ohne eine neue Tonweis' zu kommen pflege, das Jungherrlein, da ihm der Student jederzeit einen funkelnagelneuen Schwank von der Schule mitbrachte, der Schloßherr, dieweil er wußte, daß er einen rüstigen Kumpan beim Schoppen habe und allzeit willigen Schreiber längst ständiger Briefe.

So durfte denn der Mathias Häuslin mit Gewißheit auf freudigen Empfang auf dem Schlosse Lichtenstein zählen, und dies um so mehr, da er schon etzliche Male von Reutlingen aus eingesprochen, und jederzeit gastlich aufgenommen worden. Der alte Knecht Schweickhard eilte auf der schwanken Zugbrücke, soviel es die zitternden Kniee vermochten, den kläffenden Jagdhunden zuvor, wehrte ihnen eifernd und scheltend, daß sie den Schüler schädigten und verkündete schmunzelnd, wie der alte Herr Ludwig daheim sei und im Hirschenzimmer weile; er möge nur dreist die Wendeltreppe hinansteigen. Dies that der Mathias denn auch, schritt munter an dem in den lebendigen Fels gehauenen Brunnen vorüber, die Schneckenstiege hinan und in den weiten, luftigen Saal mit dem Estrich von buntem Thon. An den Wänden hingen künstliche Doppelhaken mit Räderschlössern, auch waren daselbst vielzackige Hirschgeweihe angenagelt, zwischen denen wiederum ausgebälgte Sperber und ander fremdartiges Waldgetier ans Sockeln stand. Dort saß der alte Herr Ludwig von Lichtenstein hinter der schweren Schieferplatte und las langsam und laut, wiewohl nicht ohne öfteres Kopfschütteln, eine Proklama, so die österreichischen Erzherzoge Karolus und Ferdinandus an die Stände des württemberger Landes hatten ergehen lassen. Als aber der Scholar eingetreten und sein Fußtritt auf den hallenden Fliesen erschollen, blickte Herr Ludwig in die Höh', legte das Pergament nieder und rief mild lächelnd: »So grüß Dich Gott, mein Mathis, und sei mir von Herzen auf dem Lichtenstein willkommen!« reichte ihm auch die Hand, wo dann der Bursch freudig einschlug. Es mochte aber der alte Herr den frischen, tüchtigen Studenten ganz wohl leiden, so wie dieser auch beim Anblick der grauen Haare des Ritters jederzeit seines unlängst dahingeschiedenen Vaters gedachte, und ihn als einen solchen ehrte. Die Kunde von der Ankunft des fahrenden Schülers war alsbald im ganzen Schlosse ruchbar geworden, und dem Töchterlein des Ritters, welche Irene hieß, zu Ohren gekommen. Es war dieses das einzige Kind, welches dem Lichtensteiner in seiner gottseligen, leider nur allzukurzen Ehe geboten wurde. Nach dem Hinscheiden seiner Hausfrau Eva hatte er sich nicht zum andern Male verheirathen mögen, und lebte nunmehr einsam und in stiller Trauer auf dem Schloß. Wenn Ihr Euch das Jungfräulein denken wollt, so mögt Ihr Euch nur ein schlankes, scheues Waldrehlein vergegenwärtigen; lichtbraun waren ihre Augen und goldglänzend die Ringellocken: das ganze Antlitz recht wie Milch und Blut. Am Tage der Erfindung des heiligen Kreuzes hatte sie ihr dreizehntes Lebensjahr zurückgelegt.

Herr Ludwig hatte bereits einen gar gewichtigen Diskurs mit dem Schüler begonnen, ihn um Neuigkeiten von außerhalb befragt – er selber entfernte sich nur spärlich von seinem Sitze – und manches Mal über die nachdenkliche Kunde den Kopf gar ernst geschüttelt. Die Zeiten waren nämlich dazumal absonderlich schwer. Der Landesherr, Herzog Ulrich, war vertrieben und irrte flüchtig, gleich einem gehetzten Wilde; die Landstände waren gegen ihren angeborenen Herrscher aufsässig geworden, hatten sich zum schwäbischen Bunde zusammengethan und dem Hause Österreich unterworfen, welches sich auch sofort der württemberger Lande bemächtigte. Bedenklicheres aber hatte sich noch unlängst in der Kirche zugetragen. Ein armes Augustiner-Mönchlein, Martinus Lutherus genannt, hatte zween Jahre früher zu Wittenberg in Sachsen 95 Theses an die Pfarrkirche geheftet, mittelst welcher er die Lehre vom Ablaß der Sünden und die Auktorität des heiligen Vaters zu Rom scharf angegriffen; hatte auch späterhin dem Kardinal-Legaten und dem Nuntio des Papstes kühn und gewaltig die Stirn geboten, und eifrig gestrebt, den Glauben Christi in seiner ursprünglichen Reinheit und Herrlichkeit wieder herzustellen. Von allen diesen hochwichtigen Ereignissen besprachen sich der Ritter und der Scholar – da sprang das Jungfräulein lustig in das Hirschenzimmer, bot dem Mathias manch freundlich Wort zum Willkommen und auch die Hand. Er hatte sie in früheren Jahren wohl oftmals tänzelnd auf dem Arm getragen, und ihr späterhin, so oft er auf den Lichtenstein gekommen, ein von der Strahlenglorie umgebenes Heiligenbildlein mitgebracht, oder eine schöne Alpblume, oder auch ein buntes Oster-Ei, wie sie deren in den Nonnenklöstern künstlich bemalen und mit Silberdraht überspinnen. War deshalb dem Mägdlein gar wert geworden, so daß sie ihn, seines geringen Standes ungeachtet, wie einen Bruder hielt.

Der Eintritt des Jungfräuleins machte der ernsten Unterredung auch bald ein Ende. Sie hatte den lieben Freund so vieles durcheinander zu fragen und zu berichten, daß der Vater selber lächelnd vermeinte: vor der Hand möchten die Welthändel ruhen und er solle nur dem Irenlein zu Willen sein, und ihre kindhafte Hast und Ungeduld beschwichtigen. Er liebte sie so recht wie seinen Augapfel. Da faßte nun auch das Kind den Schüler beim Arm, zog ihn fort mit sich, und beeilte sich, ihm die Stieglitze zu zeigen, die sie im Korb ätzte, und ihr zahmes Häslein, welches auf dem Hofe eingepfercht war, und ihr umzäuntes Gärtlein, das just in herbstlicher Blumenpracht stund mitsamt der Laube aus allgemach welkenden Bohnenranken, und was derlei Herrlichkeiten nun mehr sein mochten. Das Mägdlein hatte aber in seinem freudigen Ungestüm nirgends Ruh und Rast; sie zog den Studenten wieder mit sich fort und zurück in das Hirschenzimmer, brachte Wecken und gedörrte Früchte herbei, nebst einem Krüglein duftenden Weines, und hieß ihn tapfer zulangen und guten Mutes sein. Dieser Ermahnung aber hätt' es kaum bedurft, denn der Mathias war fröhlichen Herzens, und ihm war ums Herz, wie der Seligen einem.

Durch das offene Erkerfenster quoll eine laue, milde Luft herein. Die Schwalben kreuzten schwirrend um die Mauer, und unten aus dem tiefen Thal der Echaz drang das leise Läuten der Kuhglöcklein herauf. Aus dem Wiesengrunde schimmerten die roten Dächer des Dörfleins Honau, von fernher die Kirchtürme von Ober- und Unterhausen; der Waldstrom zog sich wie ein zitternd Silberband thalabwärts, und von fernher winkten die Zinnen des Schlosses Achalm, welches wie ein greiser Krieger am Eingang des schönes Thales Wacht hielt. Der Mathias konnte sich an dem herrlichen Fernblick gar nicht satt sehen, obschon er ihm nicht mehr neu war, und vermeinte niemals einen schöneren erschaut zu haben. Und wahrlich, er hatte nicht so unrecht. Schreiber dieses ist wohl weit und breit herum gekommen, im deutschen Reiche und der Schweiz und in Welschland – einen Blick aber wie den vom Lichtensteiner Schlößlein hat er nimmer wieder finden mögen. Da brach der Mathias in den lauten Ruf aus: »Wüßt' ich mir doch keinen herrlicheren Stand als den eines Ritters und Burgherrn, der hoch oben auf seinem Schloß, wie der Aar auf dem Horst, sitzet, und das Flachland ringsum mit stolzem Aug' überschauen darf, die grünen, quelligen Wiesen, die gelben Kornvierecke, die weiß getünchten Dörfer bis zu den blauen Bergen hin, und Alles, Alles sein eigen nennen mag. Und so kann ich es mir auch gar wohl denken, wie es die frommen Brüder von jeher geliebt, ihre Klöster und Klausnerhütten auf den höchsten Spitzen zu erbauen, inmitten der Erde und des Himmels, um dergestalt gleichsam eine Vorhut der armen Menschlein zu sein, wenn es gilt, das ewige Himmelreich zu erstürmen. Da es nun aber mir, dem Sohne schlichter Bürgersleut', verwehrt worden, von meinem festen Sitz thalabwärts zu schauen und mich des Gedeihens meiner Äcker zu erfüllen und des lustigen Welttreibens, so grämt es mich schier, es nicht aus dem Gitterfenster bei den Cisterziensern von Königsbrunn oder den Karthäusern auf dem Güterstein thun zu dürfen. Einer solchen Lust für beständig zu genießen, bedarf es nicht erst des Ritterschlags, und kann ihrer vornehm und gering teilhaftig werden, und noch der ewigen Seligkeit obenauf.«

Darauf erwiderte Herr Ludwig, welcher die Rede mit angehört, fast unmutig: »Ei, mein Mathias, welche thörichte Worte sind es, welche Du da gesprochen! Hätt' ich mich doch von Dir der verständigeren versehen. So bist Du denn auch von denen, die da meinen: man diene dem Herrn besser mit Worten denn mit Thaten, und mit Müßiggang denn mit Eifer? Hast so geraume Zeit schon die hohe Schul' von Tübing besuchet und die neue, herrliche Lehre vernommen, aber wie es scheint nur mit Lauigkeit, wie ein altes, vernutztes Ammenmärchen. Und eben noch erzähltest Du mir ein Langes und Breites von dem Triumph über die papistischen Irrtümer – wie geschieht es denn, daß Dein Sinn so rasch gewandelt und in die alten Bande zurück verlangt, ja, noch nach den härteren der Klosterzucht Begehr trägst. Geh', das waren eitle Worte, und laß mich deren fürder nit wieder hören.«

Der Schüler hatte der strafenden Rede demütig und mit gesenktem Haupte gelauschet, das Jungfräulein aber verschüchtert und wie bittend mit gefalteten Händen zu, dem Vater aufgesehen. Endlich aber ermannte sich der Mathias und sprach: »Wohl habt Ihr recht, gestrenger Herr, wenn Ihr mich ein thöricht Büblein heißet und scharf mit mir ins Gericht geht. Ich hab's nit besser verdient. Wohl hab' ich die Lehre Martini Lutheri von der Kanzel und dem Katheder herab vernommen, und bin ihr auch von Herzen zugethan; hab' auch wohl begriffen, wie das Mönchtum nur allzu oft ein träg' und faules Wesen sei und eitel Gleißnerei – als ich nun aber zur Stund' ins Land 'nunterschaute und über die Herrlichkeit der Welt, und auch dabei bedachte, wie, ich als ein armer, verwaister Knab' deren nimmer teilhaftig werden könne, und auch niemanden auf Gottes weiter Erde habe, der sich mein erbarmen möge, da sehnte ich mich recht innerlich nach einem heimlichen, geruhigen Port, in dem ich mein Leben fern von dem wilden Getreide verbringen möchte, und ein Kloster bedünkte mich noch das ziemendste als ein solches.«

Und wieder begann der Ritter von Lichtenstein: »Du nennst Dich eine Waise, Mathias, und dies ist zum andern ein unbedacht Wort. Hast Du denn meiner vergessen und meiner Zusage in Not und Leid für Dich zu sorgen? Und hast denn Du vor allem des Vaters im Himmel vergessen, der keinen Sperling vom Dache fallen läßt ohne seinen Willen?«

Da faltete nun der Schüler mit reuiger Gebärde die Hände und rief: »Ich seh' nun wohl ein, daß ich ein sündhafter, verstockter Mensch bin und der Gnade fast unwert. Möge mir der himmlische Vater meinen Kleinmut vergeben, und verzeiht auch Ihr, mein lieber, gütiger Herr,«

»Das will ich von Herzen,« versetzte der Ritter, »so Du in Dich gehst.« Als nun das Jungfräulein vernahm, daß ihr Vater mit dem Schüler wieder Frieden gemacht, ward sie fröhlichen Mutes, klatschte in die Händlein und tanzte wie ein Kind auf dem Estrich. »Ei, nun wird alles wieder gut,« rief sie, »und Du, mein Mathias, gedenkst nicht weiter des häßlichen Klosters, gelt? Mich überläuft's kalt, wenn ich Dich hinter den kalten, feuchten Mauern wüßt', wo Du Wald und Flur nur ans weiter Ferne sehen dürftest, und dann um Mitternacht aufstehen zur Mett', und gar noch die scharfe Geißel! Solch' Leben bedünkt mich gar unfein. Dann dürftest Du auch nicht wieder auf den Lichtenstein kommen, und ohne Sünde nicht mit mir reden – und was wollt' ich dann vor Langerweil beginnen?«

Über das kindische Geplauder seiner kleinen Herrin mußte der Schüler lächeln, sagt' es ihr auch mit Handschlag zu, sich fortan so leidiger Gedanken entschlagen, und ihr auch fernerhin als steter Diener treueigen bleiben zu wollen. Um sich dem Mägdlein nun recht willfährig zu erzeigen, hob er sofort eine neue Weis' an, so der weltberühmte Meister Ludwig von Tübingen gereimt und mit Singnoten versehen. Er wußte wohl, daß er dem Kinde keine größere Freude bereiten mochte. Es handelte aber dies Lied von den alten Fehden der Reutlinger mit dem Grafen Ulrich, Sohn von Eberhard dem Greiner, wie er mit seinen Rittern vor die Stadt gerückt und unfern der Kapelle Sankt Leonhardi das Getümmel begonnen; wie dann die Bürger aus einem alten, lang verrammten Thor hervorgebrochen und ihnen in den Rücken gefallen, wie die Gerber da so meisterlich gegerbt und die Färber sich in Ritterblut gefärbt und der Graf nur mit schmaler Not die Achalm wieder erreichen können, die Leichen der Gefallenen auf dem Rathause ausgestellt, und von Knappen am folgenden Tag mit Trauern und Klagen abgeholet worden. Diese und noch manch' andere Sage trug der Scholar dem andächtig lauschenden Mägdlein teils sprechend, teils nach wohlbekannter Singesweis' vor, bis die Sonne gemach hinter den Bergen versank. Die Schatten, hätten schon die Schlucht übersponnen, das dumpfe Rauschen der Echaz tönte einförmig aus der Tiefe herauf, sie saßen schweigend und in Nachsinnen der eben vernommenen Mär versunken in der Dämmerung, da trug der Knecht Schweickhard die eiserne Leuchte mit den Kienbränden in das Hirschenzimmer, und nun reihten sich alle um die lange Tafel, der alte Herr, das Fräulein und das Gesinde, worauf der Mathias ein kurz Gebetlein sprach, und männiglich sich zu Speis' und Trank niederließ.

Das Mahl war eben nur eingenommen, als sich draußen vor der Zugbrücke drei kurze Stöße ins Jagdhorn vernehmen ließen. Sie erklangen schier wie drei kurze, ungeduldige Fragen, deren Sinn sein mochte: »Nun, wollt Ihr mich nicht aufnehmen? Was ist es denn, daß Ihr mich so lange harren lasset?« – Herr Ludwig gebot hierauf dem Knecht, das Fensterlein, so auf den Schloßhof hinausführte, zu öffnen und mit lauter und vernehmlicher Stimme zu fragen, wer da Einlaß begehre. Die Antwort säumte auch nicht lange und lautete: »Es ist der Mann!« – Nunmehr hieß der von Lichtenstein den Knecht die Brücken hinunterlassen und das Gesinde sich in seine Gemächer zurückziehen, welches Gebot es auch ohne weiteres, schweigend und mit leisen Schritten, vollzog. Blieben in dem Saale nur der alte Herr mit seinem Töchterlein und dem Mathias Häuslin zurück. Da dröhnten feste, hallende Schritte und Sporenklang die Wendelstiege hinauf, und in das Hirschenzimmer trat, vom Knechte geführt, eine stattliche, vollkräftige Mannesgestalt in ritterlichem Wams, so vordem gar prächtig gewesen sein mochte, wie sich dies aus den Schlitzen, Puffen und güldenen Spangen entnehmen ließ, durch überlangen gewaltsamen Gebrauch aber fast unscheinbar geworden.

Der Eintretende trug ein breit zweihändig Schwert, vom Gurt losgenestelt, unter dem Arm, einen Tollich im Gehenk und güldne Sporen mit klirrenden Rädlein, als Zeichen des Herren- und Ritterstandes an den vielfach gefälteten Stiefeln. Von dem Antlitz ließ sich anfänglich, des tief in die Stirn gedrückten Baretts halber, nur wenig gewahren, außer dem krausen, schwarzen Bart, welcher sich um Kinn und Lippe ringelte. Als aber der Burgherr samt dem Töchterlein dem Fremden mit fast demütiger Geberde entgegen getreten, riß dieser die Samtkappe ab, schleuderte sie fürnehm nachlässig auf die Tafel und sich selbst auf den Sessel des Hausherrn. Nunmehr vermochte der Schüler dem Ankömmling frei ins Gesicht zu blicken: es war recht mannhaft schön, nur etwas verbräunt von Sonne und Stürmen, die Stirn hoch und eckig, die Augen aber blickten wild und trutziglich hinüber und herüber, so daß der Mathias sich vor den wilden und unheimlichen Blicken schier zu fürchten begann und zagend in des Zimmers Ecke verharrte. Mittlerweile hatte Irene den Tisch aufs neue mit Speis' und Trank versehen, beides aber war sorglicher gewählt und reicher, als dasjenige, welches eben von den Hausleuten verzehrt worden; auch funkelte der Neckarwein nicht im zinnernen Deckelkrüglein, sondern im seltsam geformten Silberpokal, welcher auf einer Meerjungfer ruhete und an den Wänden gar fein mit Wappenschildern und Sinnsprüchen verziert war. Der fremde Ritter aß und trank hastig, wie einer, der der Erquickung lange entbehrt, redete auch kein Wörtlein zu Herrn Ludwig und dessen Töchterlein, die ehrerbietig dienend hinter dem Sessel hielten. Als er sich nun aber sattsam gestärkt, schlug er die Augen auf und erblickte den Mathias: »Ei, mein Herr Ludwig,« begann er mit strenger, fast furchtbarer Stimme, »seit wann ward denn der Lichtenstein eine Herberge für fremde Schalksknechte und solcherlei hergelaufenes Gesindel, wie jener Bursch' dort im zerschlissen Kräglein, der da aussieht, als ob er nur eben erst aus Büttels Händen entlaufen?«

»Mein gnädiger Herr wolle mir vergeben,« erwiderte bescheidentlich der Lichtensteiner. »Jener da ist zwar armer, aber ehrsamer Leute Kind, seit Jahren mir gar Wohl bekannt und dem Hause treu gesinnt, dermalen aber fahrender Scholar von der hohen Schul' zu Tübingen.«

Der Fremde warf geringschätzig den Kopf zurück, als ob er es nicht der Mühe wert erachtete, eines armseligen Bücherwurms halber nur ein Wörtlein zu verlieren, und wandte sich wiederum an den Burgherrn mit der Frage: was er neues von außen vernommen habe?

»Wenig nur vermöcht' ich Ew. Gnaden zu berichten, dies wenige ist aber eben nicht allzu erfreulich. Hab' erst heut' ein Rundschreiben empfangen, in welchem der oberste Statthalter, Erzherzog Ferdinandus, sämtliche Stände zum Gehorsam gegen das Haus Österreich ernstlich vermahnet, und Keller und Schößer bedeutet, Zins und Beth Eine von den Ständen in Süddeutschland ursprünglich nur auf einige Zeit bewilligte, später fest und beständig gewordene Steuer. nach Stuttgart abzutragen. Auch verlautet es: Seine Erzherzogliche Gnaden seien gewillt, in höchsteigener Person gen Württemberg zu ziehen, worauf denn der Adel vom schwäbischen Bunde, mit denen von Hutten an der Spitze, beschlossen, ihm bis an die Grenze entgegen zu ziehn mit österreichischen Pfauenfedern auf den Helmen und Panieren, in welche der Habsburgische Adler eingewirket.«

Der fremde Ritter stampfte bei dieser Nachricht mit dem klirrenden Sporenstiefel ingrimmig auf die Fliesen und regte die Lippen, entgegnete aber kein Wörtlein.

»Über die Vorgäng' in Reutlingen,« fuhr der Lichtensteiner fort, »dürften aber Ew. Gnaden das Nähere von jenem fahrenden Schüler vernehmen, so von dort gebürtig und die Stadt erst mit Tages Anbruch gemieden –«

»Ein Reutlinger ist der Bursch'?« fragte der Ritter mit zornig gerunzelter Stirn. »Also auch einer aus jenem Otterneste, in welchem aufsässige Jungherren und freches Krämerpack gemeinsam gegen ihren Herrn Verrat brüten! Ich will's aber den Ellenrittern gedenken. Auch meine Zeit kommt, und dann ›attempto‹, Ich wage es! Sinnspruch Eberhards I. von Württemberg. wie mein Ahnherr Eberhard zu sagen pflegte. Ein Reutlinger dann für jedes Haar des Burgvogts auf der Achalm, den mir das Bürgerpack erschlagen, wird gute Rechnung machen –«

»Scheu Dich nit, mein Söhnlein,« fiel der Schloßherr mildiglich den Grollenden in die Rede, indem er sich an den Schüler wandte, »sprich dreist von der Leber weg und verkünde dem Herrn, was alles sich in Eurem Städtlein begeben. Wie war's doch mit dem neuen Pfarrherrn, von dem Du erzähltest?«

Da faßte der Mathias sich ein Herz, trat dicht an den fremden Rittersmann und begann: »Weiß nit, gestrenger Herr, ob's Euch wohl bekannt ist, wie in unserm Städtlein die Bürger schon seit geraumer Frist mit dem Pfarr' und Dekano Petro Schenk in Unfriede gelebt, seit er sich einem unbilligen und für einen Geistlichen Herrn nur wenig ziemlichen Lebenswandel ergeben –«

»Weiß alles,« lachte hier der Ritter trutzig. »Eure Ehemänner und Junggesellen waren auf den Glatzkopf übel zu sprechen. Er war ihnen auch fast arg ins Geheg gegangen.«

»Da sind denn die Zunftgerichte zusammengetreten und haben gemeint: es sei wohl an der Zeit, dem Unfug ein Ende zu machen, und die Schultheißen mögen sich nach einem frommen und gelahrten Mann umthun, der ihnen Gottes Wort echt und lauter predige, nach einem wahren Hirten und Lehrer, der ihnen nit einen Stein reiche, so sie nach Brot verlangten, und eine Schlange statt des Fisches. Dies haben die Bürgermeister auch wohl erwogen, und den Doktor Mathias Aulber, ein Stadtkind von Tübingen, wo er die geläuterte Lehre des Wittenbergers doziert, gen Reutling kommen heißen, und hat selbiger sein Amt auch unverzüglich angetreten und am verwichnen Sonntag seine erste Predigt gehalten. Der Pater Cyrillus aber, welcher in der Frauenkirche den papistischen Götzendienst wieder einzuführen getrachtet, ist von dem ergrimmten Volke von der Kanzel gerissen worden und schimpflich aus dem Weichbild der Stadt gejagt.«

»Ei seht mir doch,« erwiderte der Ritter recht höhnisch, »meine kecken Stadtmäuslein, wie so wählig sie auf Tischen und Bänken herumspringen, so lange der Kater vom Haus ist. Erst wider den Landesherrn, nun wider ihren Herrgott. Nur zu, nur zu!!«

Der Mathias Häuslin, den die scharfen Reden, so der Fremde wider seine Mitbürger ausgestoßen, schon lange gewurmt hatten, schüttelte den Kopf und antwortete: »Mit Vernunft, lieber Herr, Ihr scheint mir unwirsch auf meine lieben Landsleut', weil sie ihr gutes Recht behauptet, welches ihnen von Gottes und Kaiserliche Majestät wegen zusteht. Wir Reutlinger sind aber freie Reichsstädter, daß Ihr es nur wißt, stehen unter niemandem als dem heiligen römischen Reich, und was dem großen Rat und dem kleinen wohlbedünkt, das ist allzeit wohlgethan.«

Der Ritter vermeinte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen, als er diese Worte vernahm. Einer solchen Zurechtweisung von einem fahrenden Schüler mochte er sich wohl schwerlich versehen haben. Macht' gewaltige Augen, wie eine Eule und ward ganz feuerrot im Gesicht vor Unmut.

»Und seht, Herr,« fuhr der Mathias fort, dem der Kamm zu wachsen begann, »insofern Ihr noch an dem alten Sauerteig haftet und dem babylonischen Drachen auf den sieben Hügeln fröhnet, so thät' es mir leid um Euch, und Ihr solltet zum Heil Eurer Seele in Euch gehen, und dies binnen kurzem, eh' es zu spät wird. So Ihr aber ferner mit dem Landesherrn dräuet, den wir mit Gottes und unserer guten Fäuste Hilf' verjagt, so mögt Ihr nur erwägen, daß eben wie wir schon vordem einen Ulrich mit seinen Ritter zu Paaren getrieben, wir auch gar leichtlich mit dem Andern fertig werden dürften, an dessen Fingern annoch das Blut des unschuldigen Hutten kleibet.«

»Und das sagst Du mir, Sohn eines Hundes?« schrie der Ritter mit rauher Stimme und vor unbändigem Zorn an allen Gliedern bebend, »dafür sollst Du auch des Todes sein!« – Wie ein grimmiger Leu sprang er auf den erblassenden Schüler zu, packte ihn beim Kragen, schleuderte ihn, nicht anders als ob er nur ein zappelnd Häslein hielt, mit eiserner Faust aus dem Bogenfenster, und hielt den vor Furcht schier Halbtoten über den nachtschwarzen Abgrund. »Was hält mich nur ab, lästerlicher Schurk,« rief er, »daß ich Dich jetzt nicht dreihundert Lachter tief hinabwerf', auf daß Dein Gebein morsch an den Felszacken zerschelle!«

Irene hatte bei dem entsetzlichen Zorn des Ritters kläglich aufgeschrie'n, war aber vor Schrecken keines Gliedes mächtig gewesen; der alte Ritter fiel aber dem Fremden flehmütig bittend in die Arme und sprach: »Um meiner Treue willen schont des armen Buben, Er ist nicht so schuldig, als Ihr meinet, und hat Euch nicht erkannt. Begnadigt ihn mit dem Leben, diesen einzigen Lohn erflehe ich mir von meinem gnädigen Herrn.«

Der Rittersmann bedachte sich eine kurze Weil', riß dann den Schüler ins Zimmer zurück und warf ihn mit mächtigem Schwung von sich, so daß er etzliche Schritte forttaumelte, dann mit dem Kopf hart wider das Estrich schlug und dort blutend und bewußtlos liegen blieb. Der Knecht Schweickhard aber hob ihn eilig vom Boden auf, und trug ihn aus dem Hirschenzimmer in sein Kämmerlein.

Nach einem Viertelstündchen schlug der Mathias die Augen auf, wußt' nicht, was mit ihm vorgegangen, und befragte den Alten, der ihm mittlerweil' vorsorglich nasse Tüchlein um den Kopf geschlagen: wo er denn eigentlich sei, und woher ihm so wüst im Gehirn?

»Ei mein Knab',« erwiderte der greise Knecht, »weißt Du denn noch nit, daß die Hähnlein, so allzulaut krähen, der Fuchs holet? Sprich doch, welcher thorenhafte Fürwitz plagte Dich, vor dem Herrn mit Euer reichsstädtischen Freiheit zu pochen, und Dich ihm gegenüber wie ein Schellenhans zu geberden?«

»Nun, ist es denn mein' Schuld,« versetzte der Schüler betroffen, »daß der Ulrich solch ein Wüterich, daß die Ständ' ihn des Regiments entsetzen müssen?«

»Wohl ist es nit Deine Schuld, Mathias, brauchtest Du's ihm aber deshalb vorzurücken und ins Antlitz zu sagen? Dank Gott, daß der alte Herr vorgebeten, sonst möchtest Du Dich auf den Klippen wohl übel gebettet haben. Ein so adliger wackerer Herr der Herzog auch sonst wohl sein mag, in seinem raschen Grimm ist er fast unbändig und einem reißenden Tiere gleich.«

»Das also war der Ulrich,« rief der Student, »das der verjagte Herzog?«

»Still, still, mein Söhnlein, solcherlei Worte dürfen auf dem Lichtenstein kaum gedacht, geschweige denn mit lauter Stimme geredet werden. Freilich war's Herzog Ulrich von Württemberg. Hättest ihn wohl leichtlich an seiner gewaltigen Stärke erkennen mögen, in welcher es ihm schwerlich einer im Laute gleich thut. Nun hüt' Dich nur, ihm so bald wieder in den Weg zu treten. Meide den Lichtenstein, dessen Thore sich ihm nächtlich aufthun, und wo er von allen Schlössern und Vesten allein noch Herberge finden mag, und schweig' um des lieben alten Herrn willen, von dem, was Du gesehen und erlebt, im Flachland. Jetzt aber mach' Dich auf. Der geringe Aderlaß war bei so hitzigem Geblüt wie dem Deinigen wohl an der Zeit. Eines fahrenden Schülers Kopf ist auch kein roh Ei, das man gleich rettungslos zerschmeißt, und die Brausche auf der Stirn wird sich in der kühlen Nachtluft schon geben. Zieh denn mit Gott, mein Söhnlein, und somit Adjes bis auf bessere, geruhigere Zeiten!«

Damit geleitete der alte Knecht den Mathias Häuslin über die Zugbrücke, lauschte noch eine Weil', bis der Schall seiner Schritte in der Nacht verhallt war, und zog dann die rasselnden Ketten, nicht ohne merkliche Anstrengung, durch die Ringe, und mit ihnen das Brücklein in die Höh'.

Sechs Jahre waren seit jenem Abend ins Land gegangen. Man schrieb eintausend fünfhundert und fünfundzwanzig post Christum natum. Mancherlei war in diesem Zeitraum anders geworden, manches auch beim alten geblieben. Unter den Zuständen, so nicht verändert worden, war auch der des Herzogs Ulrikus zu rechnen, welcher immer noch land- und leutelos auf der ihm treuen Veste Hohentwiel saß und seitdem in die Reichsacht gethan worden. Einem jeglichen war es vergönnt, ihn zu fahen und zu töten. Die österreichischen Gubernatoren und die Adligen, so dem Herzog feindlich waren, herrschten als Vögte im Lande und bedrückten über Gebühr das Volk, welches nunmehr seinen rechten Landesherrn von ganzem Herzen, wiewohl vergeblich, zurückwünschte. Es war aber bei harter Pön jedermann untersagt, den Herzog Ulrikum auch nur bei Namen zu nennen, und seine Wappen und Zeichen wurden allüberall gelöscht. Von neueren Ereignissen waren dagegen die denkwürdigsten folgende: Schon vor mehr als zwei Jahrzehnten waren die Bauern, der unleidlichen Plackerei, so sie von seiten des Adels und der Geistlichkeit erdulden mußten, überdrüssig, aufgestanden, und hatten auf Aufhebung der Leibeigenschaft gedrungen, auf billige Frohndienste, auf gemeinsame Gerechtigkeit der Jagd und Fischerei. Der Johann Böhme hatte ihnen nämlich zu Würzburg gepredigt, wie binnen kurzem alle Menschenkinder gleich sein würden, wie es dann weder Kaiser noch Könige, noch sonstiges Regiment geben werde, und wie Gott, der Herr, Wald und Wies' und Teich für alle Menschen erschaffen, und nicht lediglich zum Frommen der Edlen. Der Aufruhr aber war wiederum zerstreut worden, und die Rädleinsführer hatten es mit dem Kopf büßen müssen. War auch seither mehr als ein Landtag angeordnet worden, um den Übelständen abzuhelfen, jederzeit aber unverrichteter Sache wieder auseinander gegangen, da weder Ritter noch Pfaff' seinem ererbten Vorrechte entsagen wollen. Die Bäuerlein aber wurden nach wie vor geschunden und gepreßt.

Nunmehr, nämlich anno 1525, hatte sich das Landvolk zum andern Male in Schwaben, in Franken, am Rhein und in der Pfalz zusammengerottet, verheerte das Land mit Feuer und Schwert, brach Schlösser und Klöster und übte harte Rache an seinen Peinigern, Der schwarze Haufen, geführt von Jürg Metzler, dem Ballenburger Schenkwirten, hatte sich gen Würzburg gewandt; der helle Hauf', unter Hans Wunderer von Stockach, war dagegen vom Odenwald aufgebrochen und den Neckar entlang gezogen, um in Schwaben einzufallen. Im ganzen Lande herrschte Trübsal und Not, welches auch der große, feurigrote Komet, der in diesem Jahre geschienen, den Leuten schon lange vorher angesagt. Keine Nacht verging, wo nicht am Himmelsrand zwei, drei Ortschaften in Flammen zu sehen waren. Weiber und Kinder flüchteten sich vor den Mordbrennern in feste Städte, und die Ritter beeilten sich mit ihren Reisigen zu dem Banner zu stoßen, welchen der schwäbische Bund, unter dem Georg von Truchseß, dem Haufen entgegenführte. Gleichermaßen hatte auch das österreichische Gubernium die Städte heißen, ihre Mauern und Türme ohne Säumnis wieder herstellen, sich waffnen und ehrlichen Widerstand leisten, wozu sie ihnen erfahrene Kriegshauptleute gesandt, um die Abwehr zu leiten. Nach dem Städtlein Weinsperg, welches unterhalb der wohlbekannten Veste Weibertreu liegt, war Graf Ludwig Helferich von Helfenstein mit vielen andern von Adel und deren Knechten, zusammen achtzig, gesandt worden. Unter den Edlen befand sich auch der alte Herr Ludwig von Lichtenstein und Georg von Kaltenthal, der Verlobte der nunmehr herrlich erblühten Jungfrau Irene.

Als diese am letzten heiligen Weihnachtabend aus ihres Vaters Munde vernommen hatte, wie sich Junker Georg ziemlich um ihre Hand bewerbe, und wie er, der Vater, diese, in Betracht des echt adeligen Wesens, der schmucken Leibesgestalt und der reichen Güter des Freiers ihm zugesagt, da waren dem Mägdlein die hellen Thränen aus den Augen gestürzt. Der Vater schalt sie aber ein thöricht Kind und sprach: »Was soll es mit diesem Weinen, Irene? Hab' ich Dich nicht allezeit von Herzen geliebet und treulich und väterlich für Dich gesorget? Und thu' ich's nicht zur Stund' noch, wenn ich den wackersten Jungherrn im ganzen Schwabenlande Dir als Verlobten zuführe? Erkenne doch, daß gar manche edle Jungfrau Dich beneiden und den Herrn preisen möchte, so ihr ein ähnlich Glück beschieden. Vermeinte ich doch, trau'n! auf einen freundseligeren Dank zählen zu dürfen.«

Nun hätte auch Irene nicht gewußt, was sie an dem Jungherrn Georg hätte tadeln wollen, hatte ihn vielmehr zeither recht freundlich willkommen geheißen, so oft er auf dem Lichtenstein einsprach; nur an ein Verlöbnis mit ihm hatte sie nimmer gedacht, und ihn wohl mehr als einen Freund des Vaters, denn als einen Bewerber betrachtet. Wie nun ihr Vater ihr die plötzliche Entscheidung mitteilte, war ihr urplötzlich das halbvergessene Bild ihres Jugendfreundes, des armen Mathias, in die Erinnerung gekommen. Es war ihr, als trete er wieder in seinem dürftigen Schülermäntelchen vor sie hin, und faltete bittend die Hände und schaue sie aus seinen treuherzigen Augen recht wehmütig an, just als wolle er sagen: »Ach mein lieb Irenlein, ich hab' Dich doch von Kind auf so sehr lieb gehabt, und nun lässest Du von mir und wendest Dich einem andern zu – und nun steh' ich ganz allein und verwaist auf der weiten Welt.« Deshalb waren ihre Thränen so reichlich geflossen. Der Mathias Häuslin hatte sich aber seit jenem Abend nicht wieder auf dem Lichtenstein blicken und auch nichts weiter von sich hören lassen. Dort gedachte man des Schülers nur als eines Verschollenen, und so geschah es denn auch, daß sein Bild vor der Seele der Jungfrau nur eben auftauchte, um wieder zu verschwinden, gleichwie zur Winterszeit oftmals ein heller Sonnenstreif durch das Schneegewölk bricht, einen Augenblick hindurch die bereifte Erde bestrahlt, und dann wieder in dem grauen, schweren Nebel untergeht. Die Mahnung an jene längst verklungene Zeit konnte bei dem Edelfräulein nicht tiefe Wurzeln schlagen, wohl aber mußte sie sich sagen, daß ihr Herr Vater eine heilsame Wahl getroffen. Nach dreitägiger üblicher Bedenkzeit hatte sie ihr Jawort gegeben und war somit die verlobte Braut des Junkers von Kaltenthal geworden.

Es war am Karfreitage und zur Stunde, wo die Sonne bereits hinter dem Wartheberge zu sinken begann, aber noch machten die Weinsperger Bürger, welche mit Weib und Kind vor dem Heilbronner Thore harrten, keine Anstalt, nach Haus zu kehren. Die jungen Bursche und Dirnen sahen in festlichem Staat zusammen, flüsterten sich aber nur heimlich ins Ohr, ohne daß das Gespräch zu rechter Freudigkeit hätte gedeihen wollen. Die Hausfrauen besprachen sich nicht, wie wohl sonst, über Garn und Kindbetterinnen, wohl aber über Art und Weise, ihr Hab und Gut auf sichere Art zu bergen, die Männer über die nachdenklichen Zeitläufte, und nur allein die Büblein trieben lärmend und jauchzend ihre Spiele, als ob's für sie keine Sorgen auf Erden gäb'. Von Zeit zu Zeit drehte einer oder der andere mit verlängertem Hals den Kopf nach Heilbronn zu, spähte in die abendsonnigblitzende Fern', bis sein Aug' zu erblinden begann, und er sich wieder langsam und in der Erwartung getäuscht, zu dem bunten Haufen der Weinsperger zurückwandte.

Ein gleiches hatte auch ein stattlicher Bürgersmann gethan, welcher selb zween andern um ein weniges vom Wege abseit stand. An seinem güldenen Kettlein und dem schwarzen Wams mit dem spanischen Mäntelchen mochte man ihn leicht als einen der fürnehmeren Einwohner erkennen, und dies war er allerdings, nämlich der Keller der Stadt Weinsperg, und ein wackerer, bei vornehm und gering wohlgelittener Mann, welcher mit Namen Sebastian Binder hieß. Der zweite, ein von Jahren gebeugtes Männlein mit spärlich grauen Haaren, war der Schultheiß Konrad Schnabel, der dritte aber, welchen die gefaltete Steifkrause und der schwarze Talar als den Pfarrherrn bezeichnete, niemand anders als unser Mathias Häuslin, der nach fleißig absolvierten Studiis seit Jahresfrist nach Weinsperg als Seelsorger berufen worden.

»Die Zeit verstreicht,« begann der Keller, »es beginnt gemach zu dunkeln, und der angesagte Succurs will sich immer noch nit zeigen. Ich mag mir's nimmer denken, daß eine hohe Regentschaft zu Stuttgart die demütige Supplik der guten Stadt Weinsperg unerhört lasse, und diese schutzlos dem wütigen Haufen preis geben werde.«

»'s wär' ein hart und unverdientes Schicksal,« verfehle der Schultheiß mit ernstem Kopfschütteln. »Ich gedenk' mit Entsetzen, wie's uns ergehen dürfte, denn die Kunde von außen lautet gar bedenklich. Noch heut' früh sprach ich den flüchtigen Schäfer von Gundolsheim, und dieser berichtete: wie der Jäcklein von Böckingen, Schultheiß alldorten, neuerdings die von Böckingen und den Dorfschaften rings um Heilbronn aufgerufen habe, und mit ihnen zum hellen Haufen gestoßen sei. Neckarsulm haben sie bestürmt, die Thore gebrochen, Kirchen und Bürgerhäuser ohne Unterschied ausgeraubt und nachmals den roten Hahn auf die Dächer geworfen. »Wer nicht mit uns ist,« sprechen sie. »der ist wider uns, und gegen einen solchen handeln wir als gegen einen Adels- und Pfaffenknecht und verschonen ihn nit.« Es gilt jetzt, sich wehrlos würgen lassen oder selber solch ein Bluthund und Kirchenräuber werden. Auch wollte der Schäfer vernommen haben, wie der Hans Wunderer mit den Odenwäldern jetzt geradesweges auf unser Städtlein zurücke.«

»Hab's auch vernommen,« sprach der Sebastian Binder, »und schon mit Bekümmernis bedacht, ob die Ritter und ihre Knechte, falls sie noch kommen, genügend sein möchten, den Mordbrennern zu wehren. Der Hauf' ist allzu mächtig.«

»Ei nun, was das belangt,« versetzte der Schultheiß, »so ist wohl ein Wolf einer ganzer Schafherde zu viel – für etwas anderes aber eracht' ich die Bäuerlein mit ihren Sensen und Mistgabeln und Morgensternen nit.«

»Unsere Mauern sind fest, die Thore halten ein Anrennen wohl aus,« sprach der Pfarrer Mathias Häuslin; »eine noch bessere Zuversicht aber hege ich zu unsrer wackren Bürgerschaft. Wohlgeführt, stehen sie alle für einen und einer für alle. Und glaubt mir, es ist ein gar herrlich Ding um den Mann, der seinen Herd und sein Weib und seine Kinder schirmen soll. Eine solche Guardia gilt mir höher, denn alle Soldknechte und gewappneten Rittersleut'.«

»Nun, wir stehen alle in Gottes Hand,« seufzte der Keller aus beklemmter Brust.

»Hierzu spreche ich Amen,« sagte der Pfarrer und wandte wiederum das Antlitz gen Heilbronn. »So mein Auge nicht trügt, zeigt sich dort auf der Höh' ein Zug Reiter. Wohl könnte dies der Helfenstein sein.«

Dies Wort ward alsbald von der Menge vernommen, und alle Köpfe drehten sich dem Jägerberg zu. Je näher die Reiter kamen, um so freudiger glänzten alle Augen, und als kein Zweifel mehr blieb, daß es wirklich der erwartete Succurs sei, da erhob Alt und Jung und Weib und Kind ein vielstimmiges Freudengeschrei, denn alle erachteten sich jetzt für geborgen und aus dräuender Not errettet. Als nun das fröhliche Willkommen der Weinsperger über das Thal hinüber scholl, hieß der Graf von Helfenstein den Zinkenbläser eine lustige Kriegsweis' anstimmen, die Pauken rühren und den Fähndrich das seidene Heerbanner entfalten. Es geschah, wie er geboten, und so zogen denn Herren und Knechte fröhlich thalabwärts gen Weinsperg. Doch sollte auch der Einzug nicht ohne trüben Zufall abgehen, und Freud' nicht ohne Leid. Als nämlich der Fahnenträger das seidene Banner losgenestelt und abgewunden hatte, setzte sich der Abendwind in die flatternden Wimpel, und schlug diese dem Streithengst eines alten Mittelsmannes, welcher Herrn Ludwig von Helfenstein zur Seite ritt' in die Augen. Das Tier ward scheu, bäumte sich unversehends hoch auf und schlug rücklings über den Reiter, welchem dergestalt, im Sturz, der Arm gebrochen ward. Es war dieses der alte Ritter von Lichtenstein. Unverzüglich sprangen seine Reisigen und auch der Junker von Kaltenthal hinzu, und halfen Herrn Ludwig risch unter dem Roß hervor – der Arm aber blieb morsch entzwei, und so mußten sie den alten Herrn auf ihren Armen sänftiglich nach dem Städtlein tragen. Er litt aber der Schmerzen viel und konnte sich der Seufzer nit erwehren.

»Ei, das nenn' ich mir eine stolze Kriegsgenossenschaft,« begann der alte Schultheiß schmunzelnd, als die Ritter an ihnen paarweis vorüber und in das Thor einzogen. »Mit einem solchen Rückhalt müßte auch der Verzagteste Mut fassen, sollt' ich meinen. Schaut mir dort den edlen Grafen von Helfenstein – ein würdiger Herr, im Krieg erprobt und auch wohl angesehen bei Hofe; ist doch seine Ehefrau Kaiser Maximilians leiblich Kind, wiewohl außer rechtmäßiger Ehe gezeuget. Wer ist es aber, der auf ihn folgt, Keller? Den auf dem Rappen, mein' ich.«

»Den starken Herrn, mit dem roten flammenden Gesicht? Das ist der Dietrich von Weiler, Obervogt zu Beilstein; ihm zur Seite reitet sein Sohn, so auch Dietrich geheißen. Hinter diesen Beiden Herr Konrad von Winterstetten, Obervogt zu Maulbronn, und sein Schwäher, der Obervogt von Reuffen, Herr Hans von Wetterstetten. Die übrigen kenn' ich nit – doch nein – der Eberhard Sturmfeder ist mir noch wohlbekannt, und auch dort der Pleickhard von Rixingen, ein wackerer Raufer, aber gar harter, grausamer Herr gegen seine Leut'.«

»Sechs und achtzig an der Zahl« – murrte eine dumpfe Stimme hinter den Männern – »wenn's ihrer nit mehr sind, deren woll'n wir wohl Meister werden.«

Der Keller sah sich rasch um nach dem, der also geredet, und sprach mit strenger Stimme: »Ei, Semmelhans, was soll solch' feindselig Reden heißen? Bist Du auch einer von den Meuterern und Mordgesellen, daß Du den Rittern, die uns zu Schutz und Schirm gesandt, mit Worten dräuest? Wahre Dich vor dem Loch, Du Schalk!«

Der Keller hätt' wohl die verdächtige Sprache des Kärrners noch schärfer geahndet, wenn nicht gleichzeitig die Knechte des Lichtensteiners ihren wunden Herrn vorübergetragen hätten. Als diesen der Pfarrer erschaute, erschrak er sehr und schlug die Hände über den Kopf zusammen: »Ach, mein lieber, gütiger Herr,« rief er, »muß ich Euch so wiedertreffen! Das ist wohl recht betrübt. Und Ihr kennt mich wohl nicht mehr, und erinnert Euch wohl spärlich noch des fahrenden Schülers, des Mathias, dessen Ihr Euch so mildiglich erbarmt?«

Der alte Ritter schlug die Augen auf, nickte dem Pfarrer freundlich zu, und drückte ihm die dargebotene Hand: »Was sollt' ich Dich nit mehr kennen, mein Sohn,« antwortete er; »aber Du sprichst wohl wahr, unser Wiederfinden ist kein freudiges. Ich hab' einen schweren Fall gethan, mehr aber noch als dieser schmerzt es mich, daß ich jetzt, wo es ein tüchtig Stück Arbeit gilt, siechen und wie ein krank Weiblein im Bett liegen muß. Dies bedünkt mich ein gar zu bitter Schicksal, und ich wüßt' nit, womit ich es verdienet.«

»Fasset Mut, lieber Herr,« ermahnte ihn der Pfarrer, »und hadert nicht mit Gottes Ratschluß. Vermögt Ihr doch nicht zu ermessen, ob nicht auch diese Prüfung zu Eurem Heil fromme.

Doch wollt Euch nunmehr in mein Häuslein tragen lassen, auf daß ich Euch hege und pflege, wie nur ein leiblicher Sohn es vermag, und Euch des Guten, so Ihr an mir gethan, ein dürftig Teil erstatten möge.« – Hiermit geleitete er die Knechte zu sich, bereitete ein weich Lager und hieß auch ungesäumt den Bader kommen, um den Bruch zu schienen. Der Schultheiß und der Keller aber gingen selbander auf das Schloß, allwo den Rittern von seiten der Stadt ein festlich Bankett bereitet worden.

Auf den Herden der Weinsperger waren die Feuerbrände schon lange gelöscht, und immer noch klang das Schmettern der Zinken, das Wirbeln der Pauken, das Klingeln der Pokale durch die Nacht. Wohl manch stolzes, verwogenes Wort, welches die Ritter im Saale pflogen, schallte bis auf die Straße hinab, und die Bürger vernahmen, wie sich die Edlen trunkenen Mutes vermaßen, die Bäuerlein wie Spreu auseinander zu stäuben, und wie wohl mancher gar meinte: es sei nicht wohl gethan, die schwäbische Ritterschaft, solches unfeinen Gesindels halber, aufzubieten, da es doch schon mehr als zur Genüge gewesen, wenn man ihm mir die, Reisigen und Troßknechte entgegengesandt. Da schüttelte manch Vorübergehender bedenklich den Kopf und sprach: »Dies ist so der Junker Art von jeher gewesen, die Backen voll nehmen und stolzieren. Hochmut kommt aber vor'm Falle.« Andere aber meinten: »Wollt' Gott, die Edelleut' schlügen sich für uns so wacker, als sie sprechen und zechen. Dann wären wir wohl geborgen. Der Wein möcht' ihnen schon gegönnt sein.« – Und währte das Bankett der Ritter die liebe, lange Nacht hindurch bis an den grauenden Morgen.

Am Morgen des heiligen Osterfestes, welche im Jahre 1525 auf den 16. April fiel, als die weinsperger Bürger sich samt den fremden Rittern in dem Gotteshause versammelt, um die Predigt des Pfarrherrn Mathias mit Andacht zu vernehmen, stürzte Wolfhard, der Knecht des Helfensteiners, mit verfärbtem Antlitz in die Kirche und berichtete seinem Herrn: wie der helle Haufen im Anzuge gen Weinsperg sei, und bereits auf dem Schimmelberge halte. Diese böse Kunde ging hastig von Mund zu Mund, so daß es in gar kurzer Frist auch nicht einen im Gotteshause gab, der sie nicht vernommen hätte. »Hier gilt kein langes Zaudern, jetzund ist Not am Mann, Herrendienst geht vor Gottesdienst –« so sprachen die Bürger und Edlen untereinander, und schickten sich an, die Predigt zu verlassen, um sich mit Wehr und Waffen zu versehen. – Da rief der Pfarrer den Leuten von der Kanzel zu, noch eine dürft'ge Weil zu verziehen. »So ist denn, meine christlichen Brüder,« sprach er, »der Augenblick des Kampfes mit jenem irregeleiteten, blutdürstigen Haufen erschienen, und wenngleich nicht unerwartet, doch aber früher, als wir uns seiner versahen, und hat er uns recht inmitten der heiligen Osterfeier überrascht und diese verstört. Aber auch für seinen Herd und die Seinigen streiten ist ein Gottesdienst und guter Bürger Pflicht – und so ziehet denn hin mit Gott, Ihr lieben Freunde und Brüder, in den gerechten Kampf und seid mannlich und unverzagt. Dieweil uns aber der nächste Gottestag schwerlich alle heil und unversehrt an hiesiger heiliger Stätte vereinigen, und leichtlich einem oder dem andern von uns etwas menschliches begegnen dürfte, so lasset uns noch einmal gemeinsam in Demut vor dem Herrn beugen und seinen allmächtigen Schutz und Beistand im stillen Gebetlein anrufen.« – Damit warf der Pfarrer sich auf die Kniee, und seinem Beispiel folgten alle, Ritter und Knechte, alt und jung, und riefen des Himmels Barmherzigkeit an. Im ganzen Gotteshaus ward es still, und vernahm man nur das heimliche Seufzen und Schluchzen der Weiber. Hierauf erhob sich der Pfarrer wiederum, sprach über alle den Segen im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, und entließ die Gemeinde.

Nunmehr begann ein wüstes Treiben und Tosen im Städtlein. Es zerstreuten sich die Männer in ihre Wohnungen, um zu den Waffen zu greifen, die Ritter rannten auf das Schloß, um sich zu wappnen und Kriegsrat zu halten, das Volk drängte sich auf die Zinnen der Mauern, teils aus Neubegier, teils um Steinkörbe und Wallbüchsen herbeizuschleppen; Weiber und Kinder brachen in jämmerliches Klagegeschrei aus, und rannten mit mancherlei Gerät zwecklos hin und wieder: nicht einer wußte recht, was not thät' und wie am dienlichsten der Gefahr zu begegnen. Der Schultheiß verfügte sich nebst etlichen der angesehensten Bürger auf's Schloß, um bei dem Grafen anzufragen, ob sie die Thore, und namentlich das untere, woher der Angriff zu befürchten, nicht verrammeln sollten, empfingen jedoch den Bescheid: noch sei es nicht an der Zeit, da die Stadt noch Beistand von Stuttgart her erwarte, und namentlich den pfälzischen Marschall Haber. Der Pfarrer war nach seiner Wohnung zurückgekehrt, um des alten, wunden Herrn zu pflegen, fand diesen in milden, heilsamen Schlaf versenkt und begab sich in sein Kämmerlein, um für die Rettung und Wohlfahrt der ihm vertrauten Gemeinde zu beten, zugleich aber auch Gott um Ruh und Trost für sein eigen Herz anzuflehen. Er hatte es nämlich aus des Lichtensteiners Munde, daß Irene seit kurzem die verlobte Braut des Junker Georg sei, und wiewohl er sich niemals Hoffnungen gemacht, das holdselige Kind sein eigen nennen zu dürfen, so war ihm doch bei dieser bitteren Kunde nicht anders zu Mute gewesen, als schnitten ihm hundert Messerlein durch's Herz, und als müsse es fortan mit aller Lust und Freudigkeit für dies Leben ein End' haben.

So mochten etliche Stunden verstrichen sein, da vernahm der Pfarrer auf den Gassen ein wüstes Jauchzen und Toben, untermischt mit bänglichem Angstgeschrei; zu gleicher Zeit riß auch der Keller Sebastian Binder die Thür' auf und rief mit verstörten Blicken: »Es ist alles verloren! der helle Hauf' hat die Stadt erstürmt, und haust und mordet ohn' alles menschliche Erbarmen.«

»Um Gottes Wunder willen,« schrie Mathias entsetzt, »wie hat sich nur so Furchtbares begeben können, und in so kurzer Frist! Haben denn Ritter und Bürger keiner Abwehr gedacht?«

»Wir sind verraten worden, schmählich verraten – wie hätt' es sonst anders zugehen mögen. Zuvörderst sind sie beim Schloß eingebrochen – sie sagen, der Semmelhans, der Fuhrmann aus Hall, habe sie geführt – sodann am unteren Thore. Und diese Ritter, daß Gott sie verdammen möge, die Großpratscher, sie haben uns Städter schimpflich im Stich gelassen, und ihrer allein ist die Schuld und die Schmach. Aus dem bäuerlichen Haufen sind zween hervorgetreten, haben ein Hütlein auf dem Spieß vor sich her tragen lassen, und den Bürgern zugerufen: »Ihr möget jetzo Schloß und Stadt dem hellen christlichen Haufen öffnen, wo nicht, so mahnen wir Euch, daß Ihr Weib und Kind von Euch thut, dieweil die Knechte ohne Verzug stürmen werden.« Hierauf ist der Graf hinausgetreten, um mit den Bauern Zwiesprach zu pflegen, Dietrich von Weiler der ältere hat aber vom Turm zwei Schüsse auf die Boten richten lassen, worauf beide Boten zu den ihrigen entflohen. Der Dietrich hat hierauf zu dem Volke herabgerufen: »Seht nur, sie meinen uns zu schrecken, als wenn wir das Herz der Hasen hätten!« Nit lang' aber hat es gewährt, so ist der Hauf' losgebrochen, und hat zu gleicher Zeit das Schloß bestürmt und die Thore. Als nun die Junker sahen, daß der Gegner so viel, da ist ihnen der Mut gesunken, und haben sie sich auf ihre Gäule geschwungen, um zum Oberthor hinaus zu jagen. Des sind aber die Bürgersleut' gewahr geworden und haben grimmig geschrieen: »Ihr großmäulig Volk, nun helfet uns ausessen, was Ihr eingebrockt. Wollt Ihr denn uns in der Tunke sitzen lasse»?« Hierauf haben die Unsern wacker und unverdrossen mit Wallbüchsen und Falkonetten unter den Haufen gefeuert – die Mordknechte hatten aber das Thor nur allzu früh mit Beilen und Pfählen eingerannt und stürmten in die Stadt. Als nun der von Helfenstein gesehen, daß keine Rettung mehr sei, hat er den Bauern zugeschrieen: »Haltet Frieden, wir wollen uns gefangen geben. Ihr aber von Weinsperg habt Euch wohl gehalten, das will ich Euch vor Gott und der ganzen Welt gern bezeugen.« Als dies die Bürger gehört, haben sie von der Wehr nachgelassen und sich in ihre Häuser geflüchtet. Die Bauern aber dringen nunmehr zu hellen, lichten Scharen in die Stadt, brechen in die Häuser, rauben Geld und Geldeswert, und morden alles, was Stiefel und Sporen tragt. Schon haben die Wütenden den von Owen mit Beilen erschlagen und den Eberhard Sturmfeder, den Dietrich Weiler aber, der vom Turm herab parlamentieren wollen, haben sie vor den Kopf geschossen und über die Zinnen gestürzt. Ist es doch, als wäre der höllischen Teufel eine Legion losgelassen und sei ihr vergönnt, nach Herzenslust zu wüten und zu toben.«

Während der Keller noch dergestalt sprach, hatte sich ein bäuerischer Haufe die Kirchgasse herauf gewälzt und war in das Haus des Pfarrers eingebrochen. Es waren ihrer ein Stücker Zehn, lauter rohe, verwilderte Kerle mit wütigen Geberden und vor Mordlust funkelnden Augen, deren rot gefärbte Fäuste und Spieße sattsam bekundeten, von welchem Blutwerk sie kämen. Ihnen voran stürmte Jobst, der Metzger von Mosbach, mit blutroter Axt und brüllte: »Gieb 'raus, Pfäfflein, den greisen Schalksknecht, den Du versteckt hältst, den Lichtensteiner meinen wir, welcher der Rache der freien Knechte verfallen.«

»Seid Ihr Menschen,« antwortete der Pfarrer und trat kühnlich dem Metzger und dessen Gesellen entgegen, »daß Ihr Jagd haltet auf Eure Brüder, als wären sie nichts anders, denn Tiere des Waldes? Seid Ihr Christen, die Ihr am Tage der Auferstehung unseres Herrn und Heilandes Euern verruchten Sinn auf Mordgedanken richtet und Blutvergießen? Wehe Euch, Ihr brudermörderische Kains, so Ihr nicht von Eurem Werke absteht! Wehe Euch, die Ihr mit Eurem lästerlichen Thun den Fluch des Himmels auf Euch rufet –«

»Behalte Deine Predigt, Pfäfflein.« schnaubte der Jobst ihn wild an, »und mach nit viel Federlesens, sonst weisen wir Dir die Wege. Den Schwarzröcken sind wir ohnehin nit grün. Gieb 'raus, den grauen Schelm, flugs, oder wahre Deines Schädels.«

»Weichet zurück, Ihr Knechte,« rief der Mathias und breitete die Arme weit aus – »in dem Kämmerlein dort liegt mein greiser Vater auf dem Siechbett – er hat Euch nimmer ein Leid gethan – was wollt Ihr von ihm?«

»Pfaffentrug und Lug,« brüllte der Troß, »es ist der Lichtensteiner. Reißt ihn heraus – schmeißt ihm den Schädel ein. Was Sporen trägt, muß sterben, also ist der freien Knechte Losung. Schiebt den Schwarzrock bei Seite! Dort drinnen liegt der alte Hund!« – Damit rissen sie den Pfarrer gewaltsam von der Thür und drangen in die Kammer, in welcher Herr Ludwig lag. Über dem gewaltsamen Lärmen erwachte dieser aus dem Schlaf und rief verstört: »Was giebt es, mein Sohn Mathias, und was wollen diese hier?«

»Ihr hört es jetzt,« rief der Pfarrer überlaut, »wie der Alte mich seinen Sohn genannt. Sagt' ich es Euch doch, daß es mein Vater sei! Weichet nunmehr von hinnen, und verstört nicht fürder seine Ruh.«

Der Metzger war mittlerweile an das Lager des Lichtensteiners getreten, und hatte ihn scharf ins Auge gefaßt, »Ei, Pfäfflein,« begann er höhnisch, »Dein Alter trägt ja den Bart nach Ritterweis' gestutzt, und nit wie andere ehrsame Bürgersleut'. –«

»Was verschlägt es Euch,« erwiderte entschlossen der Mathias, »war doch mein Vater Waffenschmied zu Reutling; den Reichsstädtern aber gilt solcher Unterschied für nichts, und trägt Jeder Bart und Haar, wie es ihm beliebig,«

»Wir haben nit Zeit zu diskurieren,« tobten die andern wild durcheinander, »Schmied oder Ritter, gleichviel! Schlagt ihn nur tot, besser einer zu viel, denn zu wenig! –« Damit drangen die Knechte ungestüm auf das Bett los und zerrten den Ritter beim wunden Arm, daß er vor Schmerzen laut aufschrie. Wohl warf sich der Mathias über den Greis und umspannte ihn mit beiden Armen, und auch der Keller strebte, dem rohen Gesindel zu wehren. Solcher Widerstand hätte aber doch nur wenig bei den Wütenden gefruchtet, wenn nicht zur selbigen Zeit ein alter Mann mit ritterlichem Bandelier und Schwert umgürtet und mit güldnen Sporen an den Stiefeln zur andern Thür eingetreten wäre, und mit lauter Stimme gerufen hätte: »Suchet Ihr den Lichtensteiner? Hier steht er vor Euch. Schaltet nur mit mir nach Gefallen – schonet aber des Alten dort.«

»Schon recht so, daß Du Dich selber meldest,« jauchzte der Jobst von Mosbach, »Dein Lohn soll Dir nimmer entgehn!« Damit hob er das Beil und schlug den Greis hart wider die Stirn, daß er mit zerspaltenem Schädel lautlos zu Boden stürzte. »Und nun mir nach, Ihr freien Knechte,« schrie der Metzger, »es giebt noch in Weinsperg der Arbeit zur Genüge, ehe wir feiern dürfen!« – Hier stürmte der Haufe jubelnd und polternd aus dem Pfarrhause. Das ganze schreckliche Ereignis hatte kürzere Zeit gewährt, als es bedarf, um es nachzuerzählen. Der Erschlagene war aber kein anderer, als der getreue Knecht Schweickhard, welcher sein Leben für seinen guten, alten Herrn freiwillig hingegeben hatte.

Vor dem untern Thore von Weinsperg, unfern des Weges, der nach Heilbronn führt, liegt eine räumige Wiese. Dort hinaus waren die freien Knechte in der Frühe des Ostermontags gezogen, halten Fässer mit Bier und Wein auf den Anger geschrotet, und zechten und jubelten sowohl in stolzer Erinnerung des gestrigen Sieges, als in Vorfreude der grausamen Rache, so sie an ihren Gefangenen zu nehmen gewillt. An allen Orten wurden der unbändigen, ruchlosen Reden viel gepflogen, wie sich Gottes Finger geoffenbaret habe, darin, daß er ihnen die Adligen überantwortet, wie dies nur der Anfang sei und von nun an jede Obrigkeit mit dem Schwerte ausgerottet werden müsse: denn so und nicht anders könnten die Jubeljahre gezeitigt werden, wo die Knechte der Dienstschaft ledig, wo die Schulden nachgelassen würden, und Hab und Gut allen Menschenkindern zu gleichen Teilen zukomme. Es gingen etliche Führer von Haufen zu Haufen und sprachen den Trunkenen zu, daß sie ja nicht mit den Edelleuten Erbarmen haben, und sich durch ihr Flehen und Winseln irren lassen möchten, führten auch Worte aus der heiligen Schrift an, die sie nach ihrem bösen und blutigen Sinn deuteten, und erteilten Anweisungen, wie die Gefangenen am längsten zu martern seien, eh' man sie zu Tode brächte. Unter diesen Ratgebern machten sich aber der Hans Wunderer von Stockach, der Jobst von Mosbach und Hans Winter aus dem Odenwald vor Allen bemerklich.

Da hieß es mit einem Male: »Sie kommen!« Aller Augen wandten sich dem Städtlein zu, um den Anzug der Gefangenen zu schau'n, und als diese nun paarweis', barhäuptig, der ritterlichen Rüstung ledig und mit auf dem Rücken gebundenen Armen einherschritten, brachen sämtliche Bauern in ein wildes Freudensgeschrei aus. Der Gefesselten, so Ritter als Knechte, waren, mit Ausschluß der am verwichenen Tage bereits Hingeschlachteten, an die siebenzig. Da rief der Winter vom Odenwald: Ihr lieben Brüder und freien Knechte, nehme ein jeglicher seinen Speer oder Mistgabel zur Hand, und lasset uns dann eine freie Gasse bilden, und die Junker durch die Spieße jagen. Dergestalt mag jeder seine Lust büßen.« Das waren alle auch zufrieden und stellten sich in zwei langen Reihen auf.

Als der Graf von Helfenstein nun wohl sah, daß es ihnen ans Leben gehen solle, sprach er leise zum Winter vorn Odenwald: »Mein Hans, so Du mich leben lassest, möcht' ich mich wohl mit dreißigtausend Gulden lösen.«

Dazu lachte aber der Hans recht tückisch und erwiderte: »Nein, Mann, und wann Du zwoon Tonnen roten Goldes bötest, so möcht' es Dich doch nit vom Tode retten. Merkt auf, Ihr freien Knechte, der Reigen nimmt seinen Anfang. Zuvörderst wollen wir aber denen vom Adel ein Exempel geben, wie sie sich beim Tanz zu stellen haben, und ihnen einen Hörigen voran senden.« Bei diesen Worten packte er den Knecht des Schenken von Winterstetten und stieß ihn die Gasse hinein. »Nun lauf, Bursch, lauf!« Der Knecht war aber noch keine zwanzig Schritt gerannt, als er von Spießen zur Rechten und Linken durchstochen zur Erde stürzte und sein Leben verröchelte. Waren doch die Bauern so grimmig, daß sie in ihrer blinden Wut einander selber schädigten, statt des Schlachtopfers. – »Wie der Knecht, so der Herr!« rief nun der Hans Winter zum andern: »Heran denn, mein Herr Obervogt zu Baisingen und Maulbronn! Ei, was schneidet Ihr für eine Armesünderfratz, gestrenger Herr! Nun wißt Ihr doch auch, wie den armen Teufeln zu Mute, die Ihr lachenden Mundes habt baumeln heißen,« Damit schlenderte er den Schenken von Winterstetten den Bauern zu, die ihn, ohne auf sein Klagen zu achten, mit lautem Jauchzen niederstießen. – »Weiter im Gottesurteil, Pleickhard von Rixingen, jetzt gilt es Dir. Gedenke jetzt Deiner Sünden, Du hartherziger Schalk, wie Du die armen Bäuerlein zu ganzen Monden bei schmalem Brot und Wasser hast in den Turm werfen und sie Sonntags fröhnen lassen, und über ihre Saat zur Hetze gejagt bist. Das sollst Du jetzt entgelten. Seid nicht so hastig in Euerm Grimm, Ihr lieben Brüder, und treibt ihn um etwas weiter durch die Gassen. Ihr stecht zu tief mit den Spießen, drob ist ihre Pein zu kurz. Denkt doch der Hinterleut', auch sie wollen ihre Lust an den Hunden haben.« – Mit einem Tritt warf er den Rixinger den Knechten vor. Sie hatten sich die Lehre des Obenwalder wohl gemerkt und stachen nur gelind zu. Vergeblich flehte der Ritter, sie möchten ein baldig Ende machen – die Wütigen spotteten seines Jammers, und trieben ihn bis ans Ende der Gasse, eh' sie ihm den Gnadenstoß gaben. – Anjetzo kommt das edelste Wild unserer Birsch an die Reih',« schrie der Hans Winter, und zerrte den Grafen aus dem Haufen der Gefangenen. »Nun sollen Eure Spieße einen neuen Schmeck bekommen – Grafenblut mein' ich«

In diesem Augenblicke kam aber ein atemlos Weib mit gelöstem Haar und dem Säugling auf dem Arme aus der Stadt hergerannt, warf sich vor den Bauern auf die Kniee und flehte unter heißen Thränen: »Ach, Ihr lieben Leut', schont meines armen Eheherrn um dieses unschuldigen Knäbleins willen, so Gott sich Euer erbarmen wolle.«

»Reißt die Metze fort, ins Teufels Namen!« fluchte Hans Wunderer, der Jobst von Mosbach hob aber sein furchtbar Beil, um das Unkraut in der Wurzel zu tilgen, wie er sagte. Führte auch einen Streich wider das Kindlein und hätt' es zweifelsohne zerschmettert, wofern die Mutter sich nicht rasch zurückgebeugt. So streifte das Beil nur das Ärmlein des Kindes und schlug es blutig. Der Graf aber rief seiner Hausfrau zu: »Laß ab, liebe Gertrud, diese Bluthunde anzuflehen. Ich weiß doch, daß es um mein armes Leben gescheh'n. Behüt' Dich der Herr im Himmel, so der sicherste Hort der Witwen und Waisen ist.« Damit schritt er mutig die Reihe. Eh' er aber noch den sauern Gang angetreten, sprang ein plumper Kerl, so dem Grafen vordem als Pfeifer gedient, aus dem Haufen und höhnte seinen einstigen Herrn: »Hab' Dir so oft zu Tische gepfiffen, mein Gräflein, so ist es auch billig, daß ich Dir zu einem andern Tanz aufspiele.« Damit zog er die Pfeife aus dem Kittel und blies eine lustige Weis', nach deren Zeitmaß die Bauern ihre Eisen in des Grafen Leib stießen.

Die Gräfin war in Ohnmacht gefallen. Als sie wieder zum Leben erwachte, sah sie ihren Eheherrn verblutet auf dem Anger liegen, und wie die Bauern sich in seine Helmzieraten und Gewaffen teilten. Der Winter hieß hierauf einen Mistkarren vorführen und die Gräfin heraufsetzen, wo er dann mit Höhnen sprach: »Bist Du auf einem güldenen Wagen gen Weinsperg gekommen, so magst Du auf einem Mistwagen wieder von dannen ziehen.« Die Gräfin aber antwortete unter bitteren Thränen: »Ich trage der Sünden viele. Unser lieber Heiland ward am Palmsonntag von dem Volke mit Jauchzen und Frohlocken eingeholt, und dennoch gar bald darauf, nicht um seiner, sondern um des Volkes willen verspottet und ans Kreuz geschlagen, dieser sei mein Trost.«

Nach diesen Worten trieben die Knechte die Gäule an und führten die arme Wittib gen Heilbronn. – Dem Grafen folgten im Tode die Ritter Hans Dietrich von Westerstetten, Konrad und Burkhard von Ehingen, der von Hirnsheimb, Philipp von Bernhausen, der jüngere Weiler, der Junker Georg von Kaltenthal, Fräulein Irenes verlobter Bräutigam, wie auch die übrigen Edlen und Knechte ohne einige Ausnahme. So nahmen sie ein schmähliches Ende, sie, welche sich gescheut, den Rittertod im ehrlichen Kampfe zu finden, und statt dessen schimpflich um Frieden gebettelt und Lösung geboten. Wo ihre Leichen bestattet worden, findet sich nirgends in den Chroniken verzeichnet.

Aus des Pfarrherrn Munde vernahm der Lichtensteiner die Kunde von der Ermordung der Edlen und auch seines dereinstigen Eidams. Nachdem er den ersten bitteren Schmerz verwunden, gedachte er, wie er durch die Hinopferung seines alten Knechtes und des Mathias Fürsorge vor einem gleichen blutigen Ende bewahrt worden sei. »Die Treue des erschlagenen Schweickhard,« sprach er, »vermag ich nicht einmal an dessen Hinterlassenen zu lohnen, da der Knecht nimmer vermählt gewesen. Dir aber, mein Mathias, will ich Deine Liebe vergelten, darauf hast Du meine Hand. Du hast mich Deinen Vater genannt – wohlan denn, fortan will ich es Dir auch in Wahrheit sein. Dies magst Du erproben, wenn ich diesen Mordknechten glücklich entrinnen mag, und dereinst auf den Lichtenstein kehre.«

Die Gelegenheit dazu fand sich nach wenigen Wochen. Der Georg von Truchseß, Hauptmann des schwäbischen Bundes, hatte nach dem Siege von Böblingen über die Bauern von dem Gemetzel zu Weinsperg Kunde erhalten. Er schwur den Hingemordeten flammende Sühne und rückte am Cantate-Sonntag vor die Stadt. In wenig Stunden waren die Thore erstürmt und die Aufrührer zu Gefangenen gemacht. Über die Mörder erging ein unbarmherzig Gericht. Schweres hatten sie verschuldet, aber die Buße war entsetzlicher noch als ihre Missethaten. Die von den Edlen verübte unmenschliche Rache aber zu berichten, würde von dieser Geschichte zu weit abführen.

 

Man schrieb 1534, Landgraf Philipp von Hessen, benannt der Großmütige, hatte dem vertriebenen Ulrich seinen Beistand angetragen. Da war der Herzog von dem Hohentwiel, auf welchem er sich zeither geborgen, herabgestiegen und mit dem verbündeten Heere in Württemberg eingerückt. Die siegreiche Schlacht bei Lauffen am Neckar hatte ihm wiederum den Fürstenhut erworben. Die Städte, sowie die Landschaft fielen ihm zu. In kurzer Zeit war er mächtiger denn jemals. Von Neckarsulm erließ er Sendschreiben an etliche noch säumende Städte, auf daß sie ihm Abgesandte schickten, ihm aufs neue zu huldigen. Auch an Weinsperg war eine solche Mahnung ergangen, und kurz darauf noch eine zweite dräuende, da sie gezögert, der ersten Gehorsam zu leisten. Nun durfte sie nicht länger anstehen, sich dem Gebot zu fügen. Von seiten der Stadt zogen Binder, der Weinspergische Keller, Rößlin der Stadtschreiber, der Schultheiß Schnabel, lauter dem Adel von jeher wohlgesinnte Bürger, und Mathias Häuslin der Pfarrer von Neckarsulm, um ihrem Herrn zu huldigen, und Erlaß der harten Drangsale zu erstehen, so die Stadt zeither betroffen. Es war der 12. Mai des Jahres, als sie vor dem Herzog erschienen.

Auf einem freien Rasenplatz, unfern der Stadt, saßen die beiden Fürsten, der Herzog Ulrich und Landgraf Philipp, auf samtenen Stühlen. Im weiten Kreise standen die Ritter und Edlen, die Hellebardierer und viel des neugierigen Volks, Kopf an Kopf gedrängt. Schon mehr denn eine Deputation der Städte hatte Zutritt gehabt, im Namen der Mitbürger Treu und Gehorsam gelobt, und war dann mit huldreichen Worten entlassen worden. Als nun die Weinsperger an die Reih' kamen und ihre Abgesandten ziemend hervortraten und das Knie zur Erde beugten, verzog der Herzog die Stirn in finstere, grimmige Falten, warf den Bürgern zornige Blicke zu und hieß sie nicht vom Boden aufstehn, wie er den andern gethan. Zuletzt aber brach er los: »So kommt Ihr doch endlich, Ihr Weinsperger, Euerm einzigen rechtmäßigen Herrn zu hulden? Genügt es Euch nit an einmaliger Aufforderung? Oder wähnt Ihr, daß seit Ihr die Hände in das Blut der Ritter getauchet, Ihr auch unserer Auktorität Trutz bieten könnet?«

Hierauf erwiderte der Pfarrherr Mathias Häuslin, welcher das Wort zu führen beauftragt, bescheidentlich: »Lange lebe unser gnädiger Herzog, und gesegnet sei der Tag, an welchem er wiedergekehret, um des verwaisten Landes Wunden zu heilen und auch die der im Herzen ihm jederzeit treuen Stadt Weinsperg. Möge es unserm gnädigen Herrn gelieben, der Säumnis Schuld nicht seinen armen Unterthanen zuzumessen, wohl aber dem harten Druck, unter dem sie bisher erlegen, und der ihnen gewehrt zu thun, wie sie wohl gern gewollt. Schwer aber hat die Hand des Herrn auf uns gelegen, schwer hat er uns büßen lassen, daß unsere Mauern Zeuge wurden eines furchtbaren Frevels –«

»Und nicht mit Unrecht,« zürnte der Herzog. »Was haben die für Gnade verdient, so sich mit den Mordgesellen verbrüdert, um die Adligen und wehrlosen Gefangenen grausam umzubringen?«

»Wen Tod,« versetzte mit männlich fester Stimme der Pfarrer, »und die Rache hat die Schuldigen bereits ereilet, die Unschuldigen aber mit verderbt. Die österreichische Regentschaft hat unsere Stadt fortan sämtlicher Rechte und Freiheiten beraubt, hat den Bürgern verwehrt, die eingeäscherten Häuser aufzubauen, sie hat die Zwingmauern brechen lassen und geboten, Weinsperg sei von nun an in ewige Zeiten nur ein schlechtes Dorf. Kein Bürger ist eines Amtes fähig. Recht wird zu Winters- und Sommerzeit an der nämlichen Stelle, wo der gottlose Mord begangen, nur unter freiem Himmel gesprochen, der harten Geldpön, so die verarmte Einwohnerschaft vollends an den weißen Stab gebracht, nicht einmal zu gedenken. Also sind die Weinsperger ohne Fug und Recht gestrafet worden, denn nicht die Bürger sind es gewesen, welche sich der blutigen That unterfangen; wohl aber haben sie Leib und Leben als wackre Männer eingesetzt und sich des hellen Haufens erwehrt. Achtzehn der Unsrigen sind beim Stürmen erschlagen worden, und mehr denn vierzig fast schwer verwundet. Fern sei es von uns, gnädiger Herr, der Toten mit Unglimpf zu gedenken; wenn die gemordeten Edeln zur Unzeit von der Verteidigung abstanden, so haben sie ihren Wankelmut grausam gebüßet, aber sie selber sind an sich zu Verrätern worden, nicht unsere Bürgerschaft. Vor allem Volk hat uns der Graf von Helfenstein mit lauter Stimme das Zeugnis gegeben, daß wir uns wohl gehalten, und den Bauern genug gethan; das wolle er uns vor Gott und den Menschen geständig sein.«

»Ist dem also, mein Sebastian?« fragte der Herzog, sich zu einem der Edlen wendend.

»Wohl ist dem so, wie er saget,« antwortete der Ritter, welcher der Bruder des erschlagenen Grafen war.

»Wir werden die Sache späterhin untersuchen,« fuhr der Herzog mit milderer Stimme fort, »und wenn alles sich wahrhaft verhält, wie Ihr aussaget, Euch Euer Recht widerfahren lassen.«

Die Abgesandten erhoben sich und wandten sich nach ehrerbietiger Verneigung abzutreten, da rief der Herzog den Pfarrer zurück und sprach: »Wie heißet Ihr? Meine ich doch Euch schon vormals gesprochen zu haben.«

»Mathias Häuslin ist mein Name, gnädigster Herr,« entgegnete der Pfarrer. »Wohl ist mir schon einmal die unverdiente Ehre zu teil geworden, Ew. fürstliche Gnaden anzureden, obschon ich damals durch thorenhaften Übermut, und meinen Herrn von Angesicht nit kennend, Eure Ungnade verwirket. Es war auf dem Lichtenstein –«

Da lachte der Herzog Ulrich gar herzlich und sprach: »Ha, ich entsinne mich gar wohl. Ihr seid der fahrende Schüler, der sich an jenem Abend vermaß, mich ins Gesicht zu schmähen, und den ich im ersten Unmut ans dem Schloßfenster zu werfen gewillt war. Wir wollen Euch Eure kindische Rede nicht fürder nachtragen und bleiben Euer wohlgewogener Fürst, Ihr wäret aber wohl seitdem auf dem Lichtenstein, gelt? Wie ergeht es denn dem guten Ritter? Schier muß es mich befremden, ihn noch nicht an meiner Seite zu sein, hat er mir doch sonst jederzeit in Freud' und Leid getreulich angehangen. Und sein Töchterlein Irene, das liebliche Mägdlein und meine sorgliche Pflegerin, wie steht es mit ihr?«

»Der Ritter von Lichtenstein,« versetzte der Pfarrer hierauf, »ist seit Jahresfrist zu seinen Vätern versammelt worden; Irene aber wirft sich mit mir zu Ew. Durchlaucht Füßen, um Dero fürstliche Gnade und Huld für ihren jetzigen Wohnsitz Weinsperg zu erflehen,«

Bei diesen Worten wandte der Pfarrherr sich nach den Umstehenden, zog aus dem dichten Kreise die errötende Irene, um mit ihr gemeinschaftlich vor dem Herzog einen Fußfall zu thun: »Gnädiger Herr, es ist mein liebes, getreues Eheweib, welches hier vor Euch kniet.«

»Wahrlich, wahrlich,« rief der Herzog überrascht, indem er die schöne Frau vom Boden aufhob und auf die Stirn küßte, »eine vermögendere Fürsprecherin mochten die Weinsperger nicht leicht senden. Um ihret und ihres treuen Vaters willen soll Euch das erbetene Recht ohne Verzug und in vollem Maß werden, und Eurer Stadt alle Privilegien, deren sie jemals teilhaftig gewesen, auf daß sie sich in kürzester Frist von allen Leiden wieder erholen möge, und gewahre, wie es sich geruhiger unter dem rechten Landesherrn lebt, denn unter dem österreichischen Gubernio. Des soll Euch mein Kanzler Brief und Insiegel geben.«

Also geschah es auch, und florieret das Städtlein Weinsperg seitdem als eins der anmutigsten und gesegnetesten im ganzen weiten Schwabenlande.

Hier endet die Historie vom Pfarrherrn zu Weinsperg.

 

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