Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Freiherr von Gaudy >

Novellen und Erzählungen

Franz Freiherr von Gaudy: Novellen und Erzählungen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFranz von Gaudy
titleNovellen und Erzählungen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeVierter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100825
projectid31f4dc0c
status1
Schließen

Navigation:

3. Liebe und Verrat.

Abermals saß ich auf dem Eckstein des herzoglichen Palais, wo ich vor vier Jahren so sehnsuchtsvoll geschnopert – damals ein ziemlich dürftig Büblein, jetzt geleckt und gestreckt, und von Figur ein großer starker Bengel, Der Neujahrstag war bitter kalt. Die Kutscher mit den bereiften Schnurrbärten peitschten wild auf die dampfenden Pferde, die Staatsequipagen der reichen Gratulanten flogen blitzschnell über den knarrenden Schnee, die Fußgänger wickelten sich bis über die Nasenspitzen in ihre Mäntel, die Mantellosen trabten desto ingrimmiger, die Kurrendejungen brachten es vor Zähneklappern nicht mehr zum Singen und nur zum Trillern, und nur die Krähen spazierten langsam und gravitätisch über den Platz, als verachteten sie den barbarischen Frost. Von den Vorübergehenden warfen manche einen flüchtigen Blick nach meinem Eckpfeiler, aber nur die Minderzahl blieb stehen. Anfänglich wähnte ich, ihre Aufmerksamkeit gälte dem emeritierten herzoglichen Küchenjungen; bis ich erkannte, daß ihre Blicke über diesen hinwegschweiften und an einem angeklebten Komödienzettel kleben blieben. Da wurde ich selber neugierig und verrenkte den Hals und las: daß der Oberon, König der Elfen, an jenem Tage gegeben werden solle. Eine Oper aber hatte ich schon längst zu sehen gewünscht, und durfte ich diesem Verlangen um so eher nachgeben, da ich durch den Austritt aus dem Küchenpersonal in den Freiherrnstand erhoben worden und keiner mir etwas zu befehlen hatte. Saß auch schon eine Stunde vor dem Anfang auf dem allervornehmsten Platz, ganz hoch oben,

Fiedeln und Trompeten werden gestimmt. Jeder streicht, pfeift, trommelt auf seine eigene Hand, ohne sich um den Nachbar zu kümmern. Der Klarinettist quäkt wie ein neugeborenes Kind, der Geiger dreht die Wirbel, bis er braun und blau im Gesicht wird, der Paukenschläger schiebt eine bedeutende Prise in die Nase – da klopft ein gepuderter schwarzfrackiger Herr mit einer Papierrolle auf das Pult. Alle schrecken zusammen; der eine stemmt die Geige stramm an die Backen, der Posaunist bläst vorläufig die Pausbacken zum Platzen, der Trommler schwenkt die Schlägel erwartungsvoll in die Luft. Jetzt bricht das Donnerwetter los – die ganze Bande bläst, streicht, schalmeit wie besessen drauf los – der Gepuderte prügelt das Notenpult unbarmherzig mit seiner Papierrolle, rollt die Augen, droht bald links, bald rechts und dreht die Blätter schneller als ein Bratenwender – was eigentlich pure Hoffart ist, da so schnell zu lesen keinem Erdenmenschen gegeben ist. Da geht der Vorhang auf. Eine Art Pirutsch fährt vom Himmel herab, und die darin sitzende Schlafmütze will nicht erwachen, trotzdem zwei Mandel wunderniedlicher Hexchen aus vollem Halse singen und im Kreise herumspringen. Die Allerschönste fährt wie ein Schwärmer hinter den Wänden hervor, dreht sich zum allermindesten fünfhundertmal auf der Fußspitze herum, streckt Arme und Beine von sich – die Röckchen fliegen –oh! – Mir pocht das Herz so laut vor Wonne, daß die Nachbarn einmal über das andere st! rufen. Um mich nur einigermaßen zu gewältigen, beiße ich auf die Zunge, breche mir die Finger beinahe entzwei. Ich hätte vor Entzücken aus der Haut fahren mögen. Wenn sie nur nicht immer wieder dazwischen gesungen hätten, sondern weiter gehopst und gewirbelt – der ewige Singsang aber war das einzige Störende bei der ganzen Herrlichkeit. Ehe ich mich's versah, wutschte der kleine Kreisel wieder hervor, nur mit einem anderen Röckchen, und fing wieder an zu schwenken, zu drehen, daß es mir ganz schwindlig zu Mute wurde und ich mir die Augen zuhalten mußte, Als kleiner Junge steckte ich wohl oftmals ein Holzspänchen durch einen Hornknopf und ließ ihn auf dem Tisch drehen und tanzen, bis er umfiel – was wollte aber das gegen die Wetterhahns-Kunststücke der kleinen Tänzerin bedeuten! Hatte sie dann sattsam gekreiselt – mum! da stand sie, wippte mit dem Leibchen hin und her, hob die Ärmchen langsam, langsam in die Höh', holte weit, weit, aus und warf dann, holdselig lächelnd, dem Publikum eine Hand voll Küsse zu, von denen ich mir meine tüchtige Portion wegfing, – husch war sie weg, und nun hob das Parterre an zu rasaunen, als habe es den Verstand verloren. Ich konnt's ihm weiter nicht verdenken; mir für meinen Teil wenigstens waren meine fünf gesunden Sinne abhanden gekommen. Ich hatte mich in die Kleine vergafft, blind und thöricht vergafft.

Die wiedersehen, sie immer und ewig anstarren, nicht ohne sie leben zu können – dies waren die einzigen klaren Gedanken, die ich auf dem Heimweg zu fassen vermochte. Josef Freudenreich, schrie der inwendige Genius, dräng' Dich, häng' Dich an diesen Engel, lebe, bebe, schwebe in ihrer Nähe – geh' aufs Theater, werde Schauspieler, Sänger, Balletspringer. Du kannst alles, was Du willst – Du hast es bewiesen! Ich betrachtete mein Fußgestell – es war lang und schlank gewachsen. Ich erhob mich auf den Zehen und schwang mich im Kreise – und plumpte wie ein Sack in den Schnee. »Das heißt einmal zu schwer geladen!« riefen die Vorübergehenden und lachten höhnisch. Der Nachtwächter sprang mit Horn und Spieß herbei, ich aber raffte mich schamrot auf und rannte, als ob mir der Kopf brenne, nach Hause.

Wer in der Nacht nach der ersten Oper zu schlafen vermuss, für den hat die Muse keine Kränze. Ich für meinen Teil schloß, ohne mich weiter zu rühmen, kein Auge, warf mich hinüber und herüber, probierte unter dem Deckbett einige Pirouetten und sah mich im Geist schon auf der Bühne und bei bengalischer Flammen- Beleuchtung Kobold schießen.

Am folgenden Tage war ich bereits mit den Hühnern auf den Beinen und auf dem Wege zum Theater-Direkor, um ihm meine devoteste Bitte um Anstellung vorzutragen. Mußte gar lange warten, eh' ich vorgelassen ward. Es war ein starker, hartknochiger Mann, mit kleinen, blinzelnden Augen und einer Physiognomie, die an die des Gatten der Gemeindeherde erinnerte. Er sah im rotkarrierten Warschauer Schlafrock, recht wie ein Sultan auf dem Sofa, rauchte vornehm seine Zigarre, ließ mich, ohne mich eines Blickes zu würdigen, meinen Spruch herstottern, und spielte währenddessen mit vier großen Goldstücken, die er bald zum Dreieck, bald zum Kreuze zusammenlegte. Vergaß auch nicht zu gleicher Zeit mit miteinzuflechten, daß ich mich auf schwäbische und kurfürstlich sächsische Geographie versteht, auf sauce à la bentheim und Radschlagen.

»Kann er auch Geschriebenes lesen, Mensch?« fragte der Direktor. »So? Nun, damit wollen wir gleich eine Probe anstellen.« Hierauf reichte er mir einen eben eingegangenen Brief. Ich las frisch vom Blatte, wurde aber mit einemmale kirschrot im Gesicht und blieb stecken. Es war ein Schreiben von irgend einer furiosen Schauspielerin, die den Direktor mit dürren Worten einen Esel nannte – die Schamhaftigkeit aber verbot mir, dem Herrn Prinzipal solcherlei Ausdrücket zu wiederholen. »Nun wird's, Mensch?« schnaubte er mich wild an, »lauter Flunkerei mit seinem Lesen!« – Als ich ihm nun aber submissest andeutete, daß keine Unkenntnis der edlen Fertigkeit und nur eine bedenkliche Partikel mich am Weiterlesen hindere, erwiderte er: »Schon gut – schon gut – ich weiß schon, wovon die Rede ist – es handelt sich da um gewisse Familien-Angelegenheiten, von denen Er aber nichts zu wissen braucht.« Hierauf ließ er mich weiter lesen, hielt mir aber, auf daß mir jene Verschimpfung nicht zu Ohren kommen solle, weislich die Ohren zu.

Nach beendeter Lektüre äußerte der Direktor: »Er wolle es mit mir versuchen, und mich vor der Hand als Statist anstellen, wobei ich ihm auch mit Lesen und Schreiben manchmal an die Hand gehen könne. Sein Auge vertrage leider! nicht mehr –« schien mir aber nur ein schelmisch ersonnen« Vorwand, um seine Dummheit zu bemänteln.

Schon am nämlichen Abend stand ich auf der Bühne und begann das Studium der Statistik, welches jedoch lange nicht so schwer ist, als man es im allgemeinen verschreit – trat jedoch meine Karriere, die Wahrheit zu gestehen, als Geheimer Statist an, sintemal ich die Bretter nur betrat, so lange der Vorhang heruntergelassen, sonst aber meine Kräfte und Talente lediglich zum Schieben der Kulissen verwandt wurden. Mir war's aber gerade recht. Hatte ich nun doch eine hübsche tranquille Anstellung beim Theater, brauchte mich nicht mit Rollen-Auswendiglernen zu plagen, und sah meine Angebetete täglich zweimal, in der Probe und im Stück: Ballette und Opern waren nämlich an der Tagesordnung, und hatten alle Stücke, in denen nur geschwatzt wird, wie billig verdrängt. Es war schon eine schöne, lustige Zeit! Schon nach Wochenfrist avanzierte ich zum wirklichen Statisten, figurierte bald in himmelblauer Jacke und Rosabändern, bald in goldpapiernem, prächtig blitzendem Harnisch, bald als diabolischer Mummelbaß, und hatte weiter nichts zu thun, als mir 'nen Schnurrbart zu malen und dann bald den linken, bald den rechten Arm zu erheben, höchstens noch den Mund aufzusperren, als ob ich sänge. Hatte noch dabei das Ämtchen, alle Sonnabende den Direktor zu begleiten, wenn er den Schauspielerinnen die Gage selber auszahlte – was er sich nie nehmen ließ. Die großen Goldsäcke aber, die ich allwöchentlich meiner Schönen zutrug, vermehrten meine Liebe nicht wenig. Gesagt hatte ich ihr noch nichts, nur meine seelenvollen Blicke sprechen lassen, und auch oftmals bemerkt, wie ihr Auge ganz nachdenklich auf mir ruhte.

Eines schönen Abends, als der Vorhang eben gefallen, streifte Demoiselle Nina – dies war ihr Name – an mir vorüber, wandte sich aber plötzlich um, und flüsterte leise: »Lieber Josef, Du könntest mir einen recht großen Gefallen erweisen.« – Das Blut stieg mir vor Freuden ins Gesicht, und ich konnte kaum zur Erwiderung stammeln, daß ich ihr für mein Leben gern zehntausend Gefallen für einen thäte. Sie sah sich schüchtern nach allen Seiten um, ob wir auch nicht belauscht würden, und wisperte dann: »Ich habe eine Reise vor, ganz im Geheimen, verstehst Du? Keine Seele darf etwas erfahren – der Direktor am wenigsten – ich will ihm eine Überraschung machen. Willst Du mich begleiten, Josef? – Ach Gott, liebes englisches Mamsellchen, was sollte ich denn nicht, was sollte ich denn nicht! Für Sie liefe ich ja gern durch das Höllenfeuer. Da gab sie mir ihre Geldbörse, die zum platzen voll war, hieß mich Extrapost bestellen und mit dieser in einer Stunde vor ihrem Hause halten. Sie nannte mir den Namen von einer wildfremden Stadt, wohin die Reise gehen solle, Wurf mir noch einen gar freundlichen Blick zu und trippelte fort.

Als ich mit dem bestellten Wagen vorfuhr, fand ich Mamsell Nina schon in Reisekleidern, und beschäftigt, mit Hilfe ihrer Kammerjungfer eine Menge Kisten und Mantelsäcke und Schachteln herunter zu tragen. Die Jungfer schleppte das meiste, denn sie war ein ansehnliches starkes Weibsbild, einen halben Kopf größer als ich, hatte auch einen derben Schritt am Leibe. Von Gesicht sah ich, ihrer Flatterhaube halber, nicht viel – war auch nicht weiter neugierig.

Endlich waren sie fertig. Nina bedeutete mich, des Wohlstands halber, mich auf den Bock zu setzen, stieg dann aber mit der Jungfer ein und zog die Gardinen vor. Der Postillion stieß ins Horn, und die vier Pferde stürmten übers Pflaster, dass die Funken nur so stoben, und so fuhren wir denn lustig in die Frühlingsnacht hinein.

Ich spintisierte lange Zeit, was das Wohl für eine Überraschung sein möge, welche Fräulein Nina dem Direktor zugedacht, hätt's auch zweifelsohne herausbekommen, wenn mich nicht der Schlaf während meiner Grübeleien überrascht hätte. Als ich die Augen öffnete, war es schon heller Tag. Ich vernahm ein leises Geflüster in der Karosse und einen Ton, der just wie ein Kuß klang. Rasch wende ich mich um. – Himmel und Hölle! Fräulein Nina liegt in den Arm ihrer Kammerjungfer, welcher die Haube abgefallen, und einen raisonnablen Schnurr- und Backenbart entdecken läßt. Das Herzen und Küssen will aber kein Ende nehmen. – Die Kammerjungfer hatte sich über Nacht in einen Kammerjunker verwandelt. Ich kannte ihn gleich wieder, hatte ihn doch oft genug hinter den Kulissen gesehen, wo er Mamsell Nina, mir so recht zum Possen, kourtoisierte. Nachgerade ward's mir klar, daß ich mich recht wie ein Esel hatte anführen lassen. Im ersten Ingrimm über diese bübische Treulosigkeit schlug ich mit der geballten Faust die Scheibe ein, und fluchte barsch: Heda! Mamsell Nina, da müßt' ich doch auch dabei sein ! fand aber bald Ursach, meine eifersüchtige Wut zu bereuen, denn der Junker sprang aus dem Wagen, zerrte mich vom Bock, riß einen plumpen Pfahl vom Zaun (brach also recht eigentlich Handel vom Zaune) und hieb mit entsetzlicher Vehemenz auf mich ein. Als er die Arme nicht mehr rühren konnte, stieg er wieder ein, hieß den Postillion zufahren und ließ mich, mit Handgreiflichkeiten zu Boden geschmettert, auf der Landstraße liegen. Also ward meine treue, aufopfernde Liebe mit schreiendem Undank belohnt. Das schöne, falsche Kind hatte kein Sterbenswörtchen zu meinen Gunsten eingelegt – war mir's doch gar vorgekommen, als habe sie während der herzlosen Exekution heimlich gekichert.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.