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Novellen und Erzählungen

Franz Freiherr von Gaudy: Novellen und Erzählungen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorFranz von Gaudy
titleNovellen und Erzählungen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeVierter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100825
projectid31f4dc0c
status1
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III.

Der verlorene Sohn.

1. Die Flucht.

Ich war ein Bursch von noch nicht dreizehn Jahren, und saß auf der steinernen Bank vor dem Chausseehause, in der einen Hand eine großmächtige Butterschnitte, in der anderen Fabri's geographischen Leitfaden, auf den Knieen den kleinen Hübnerschen Atlas, kaute andächtig die liebe Gottesgabe und memorierte dabei recht eifrig aus der Erdbeschreibung den Artikel Ulm, wie diese Stadt an der Donau beim Einfluß der Iller und Blaue liege, an 12,000 Einwohner und ein ausnehmend schönes Zwangsarbeitshaus habe. Letzteres dachte ich mir ungefähr wie unser Chausseehaus, und wie als Zuchtmeister ein alter Mann, just wie mein Vater Einnehmer, mit klemmender Messingbrille auf der Nase, schwarzem Samtkäppchen und dünnem recht schwingsamen Ausklopfestöckchen darinnen gouverniere, und den Züchtlingen ihr tägliches Pensum aus dem Fabri aufgebe. Ulm mit 12,000 Seelen und dem prächtigen Zuchthause – richtig, da lag es auf dem dicken Strich, welcher das grasgrüne Schwaben von dem himmelblauen Bayern trennte. Die Mark Brandenburg war flachsgelb angestrichen – mochte wohl infolge des vielen Sandes sein; Braunschweig braun, wie dies der Name so mit sich brachte; aus welchem Grunde aber Bayern blau angelaufen, und das Kurfürstentum Sachsen ziegelrot, das war und blieb mir unklar und eins der vielen Rätsel, welche das Leben mich nie hat lösen lassen. Ich blätterte weiter im Atlas, und hatte meine Freude an den kleinen Bildchen unten am Rande, den kleinen nackten Bübchen, welche die Tafel hielten, an dem griesgrämigen Löwen, welcher beim Reiche Schweden hinter der Papierrolle hervorgrinste, an den wilden Männern, die mit Pfeil und Bogen und in dicken Pelzen neben Rußland standen, besonders aber an Afrika, wo ein häßliches Kamel den langen Hals über die Pyramiden hinwegstreckte, und ein Affe auf einer Palme Gesichter schnitt.

Aus den kuriosen Betrachtungen über das Affenland weckte mich ein Hieb mit dem Spanischen über die Knöchel. Ich ließ erschrocken Afrika und das Butterbrot fallen, zog die Krallen hinter den Rücken, und blickte verschüchtert zu dem Vater auf.

»Denkzettel geben – freie Reichsstadt Ulm nicht in Äthiopien suchen« – rief der Alte zornig, »Nas' ins Buch stecken – wenn Chausseegelder auf dem herrschaftlichen wohllöblichen Rentamt abgegeben, wiederkommen – Examen anstellen – mittlerweile auf die Passanten merken – keinen durchbrennen lassen – genau die Taxe halten – vierspänniger Wagen fünf Kreuzer, zweispänniger drei – Esel und Handwerksburschen frei. – Sich anjetzo in die Stube scheeren – rasch Vatern die Hand küssen.« – Damit reichte mir der Alte rücklings die strafende Hand, und stapfte, ohne sich weiter umzusehen, die Chausseehaufen entlang; ich aber blies mir auf die geklopften roten Finger, schlich wehmütig mit dem kleinen Fabri in die Stube zurück, und studierte, daß mir der Kopf nur so brummte, eine ganze Viertelstunde lang und wohl noch drunter.

Allmählich begannen die Augen wiederum über das langweilige Blatt hinweg, und zum Fenster hinaus zu spazieren. Unser Häuschen lag recht mitten im Walde, und durch die Kiefern zog sich die weiße Straße mit den langen, schlanken Pappeln, Warnungstafeln und Viertelmeilensteinen. Es war eben nicht viel draußen zu sehen, immer aber noch mehr als in dem kleinen Fabri. Die Wipfel der Pappeln mit den neuen gelbgrünen Blättern schwankten wie schlaftrunken hin und her; der Wind zog durch die traurigen Föhren und die Krähen schwärmten in weiten Kreisen um ihre Nester – es war gerade im Anfange April-Mondes. Dann zog einmal ein Frachtfuhrmann im blauen Kittel, mit schwerbeladenem, Leinwand-überspanntem Wagen einher, auf dem der Spitz belfernd und schnappend im Kreis herumtanzte. Die Schellen der sechs starken Braunen klingelten schon von weitem; der Fuhrmann klatschte den Doppelschlag, und ich fuhr rasch mit meiner langen Stange und dem daran genähten Beutelchen aus dem Schubfenster, um nach dem Gelde, wie mit einem Köcher, zu fischen. Dann kramte der Kärrner lange in dem kleinen Lederbeutelchen, sakramentierte dazwischen auf den heillosen Weg und die hohen Chausseegelder und blies aus dem Thonpfeifchen den Rauch wild umher. Wohin mochte der wohl mit dem schweren, knarrenden Wagen ziehen? In die flachsblonde Mark oder ins ziegelrote Sachsen? – Dann rollte einmal wieder eine vierspännige Extrapost rasselnd vorüber; die Herrschaften schliefen drin und stießen nickend mit den Köpfen zusammen; die Kammerjungfer mit dem großen Pompadour saß hinten auf dem Bock und der Postillion blies hell ins Horn, daß es in den Kieferwäldern nur so nachhallte. Mochten auch wohl ins Reich oder nach Italia, wenn nicht gar ins Affenland kutschieren – die Glücklichen! Ach, wer so hinaus könnte, weiter, immer weiter, vorwärts schauen, niemals zurück! – Ich klappte mein Buch recht verdrießlich zu, schlich wieder vor die Thür, setzte mich in unserm Garten in die grüne Bohnenlaube, und guckte durch die Blätter. Die Wolken schlichen träge über den Himmel, und der Buchfink flog von Blütenast zu Blütenast und schlug lustig den »Hochzeitsbier«. Hart am Staket zogen Handwerksbursche vorüber mit schwerem Ränzel, wachsleinwandnem Hutüberzug und schwarzgebeizten Knotenstöcken; die warfen sich in dem schmalen Schatten der Pappeln hin, pinkten die Tabakspfeifen an und schwatzten vielerlei von hübschen Meisterstöchtern, von der reichen Herberge im nächsten Städtchen, wie sie allesamt blank und kahl wären und keinen polnischen Groschen im Beutel hätten, waren aber doch munter und guter Dinge.

Ich schnitt mir ein zweites Butterbrot und überdachte mein elendes Los. Alles das zog und wanderte, ritt und schritt, und ich allein sollte ewig daheim bleiben, und alle die Namen der Städte, wo der Vater in seiner Soldatenzeit je im Quartier gelegen, memorieren und wie viel sie Seelen hätten und Knopffabriken – er war aber in der ganzen Welt herum gewesen, in Schweden und in der Polackei und Gott weiß wo noch. Nachts keine Ruh', denn alsdann war ich's wieder, der mit dem Klingebeutel auf der Lauer stehen und den Schlagbaum herauf lassen sollte, und wieder war ich's, der am Morgen Kopfnüsse bekam, wenn die Kasse nicht stimmte. Das bedäuchte mir denn doch gar zu hart.

Da schmetterten von ferne Trompeten; eine gewaltige Staubwolke stieg auf, und ein ganzes Regiment Husaren zog des Weges; vorauf der Oberst mit schneeweißem Schnurrbart, hinterdrein die Marketenderin mit dem Tönnchen auf dem Rücken und dem Semmelkorb am Sattel, alle Soldaten mit klappernden Säbeln und Schnüren und kurzen Pfeifen im Munde. Hurtig sprang ich aus dem Gärtchen, trabte mit verdrehtem Halse nebenher und konnte mich nicht satt sehen. Rannte eine lange Strecke neben dem Herrn Obersten und schaute recht flehmütig hinauf, ob er mich nicht einladen würde, unter die Husaren zu gehen, und mir ein tüchtig Stück Handgeld nebst Gaul offeriere. Er that's aber nicht. Da faßte ich mir ein Herz, sprang über den Graben an den Schimmel, der immer den Kopf rückwärts und Schaumflocken um sich warf, über meine hastige Erscheinung aber ganz wild aufbäumte. Der alte Oberst brachte zwar den ungezogenen Gaul bald wieder zu Raison, donnerte und wetterte aber ganz kirschbraun im Gesicht auf mich ein, und hieß mich zum Teufel scheeren, »Ach Gott, gnädigster Herr Oberster,« rief ich kläglich, »das will ich ja von Herzen gern, aber nehmen Sie mich dahin mir mit als Husar oder als Marketenderin.« Er hieß mich aber einen Narren und in die Schule gehen und was lernen –- das sei gescheidter. Dann gab er dem Schimmel die Sporen, die Trompeter bliesen, die Husaren trabten klirrend an mir vorüber und ließen mich am Meilensteine hustend und schwer gebeugt stehen. Entweder mußte der alte Oberst sich mit meinem Vater verabredet haben, oder es stand mir auf der Stirn geschrieben, daß ich ein Unglückskind und zum Fabri und zur Chausseezettel-Verteilung bestimmt sei.

Unter solcherlei betrübten Betrachtungen hatte ich wohl eine Stunde lang neben dem eingemeißelten Posthorn gesessen – da fiel es mir schwer aufs Herz, daß der Alte längst aus dem Rentamt zurückgekehrt sei, Thür und Fenster offen, die Bücher ohne Studenten gefunden haben müsse, und daß mittlerweile wer weiß wie viel Frachtwagen gratis durchgekarrt seien. Mich überlief ein kalter Schauer. Ich sprang rasch auf und lief, als gält' es die Chausseepappeln zu überholen, fort, immer fort. Ob ich ins grüne Schwabenlaub, oder ins braune Braunschweig geraten würde, galt mir gleich – nur nicht wieder nach Hause, das stand in meiner Seele fest. Dergestalt wurde ich durch das Studium der Geographie zum verlorenen Sohn und Landstreicher – woran gestrenge Väter, und namentlich Chaussee-Einnehmer, sich ein Exempel nehmen mögen.

Ich rannte eine liebe lange Weile. Die Ebene wollte sich weder blau noch zinnoberrot färben – mußte demnach wohl noch innerhalb der vaterländischen Grenzen sein, und bekam eine große Idee von der Länge und Breite unseres Herzogtums, zugleich aber auch einigermaßen müde Beine. Zum guten Glück knarrte ein klein Wäglein des Weges, das gehörte einem Fleischer, der vom Lande heimkehrte und mit Kälbern nach der Stadt fuhr. Die armen Tiere lagen über- und nebeneinander mit gebundenen Füßen, und ließen den Kopf hängen – mochten sich wohl schon in ihr Schicksal gefunden haben oder nicht ahnen, was ihnen bevorstehe. Und das ist eine wahre Wohlthat, daß wir armen Sterblichen die Zukunft nicht kennen – wer hätte sonst noch eine frohe Minute. Ich bat den Burschen um die Vergünstigung, hinten aufspringen und ein Stück Weges mitfahren zu dürfen. Er nickte so obenhin und meinte, auf ein Stück mehr oder weniger komme es ihm nicht an. Da kroch ich hinten auf. Von Konversation war nicht viel die Rede. Er fragte nicht, woher ich käme, ich nicht, wohin es ginge. So starrte ich denn in die Weite über die grünen Saatfelder, aus denen sich die Lerchen tirilierend gen Himmel schwangen, auf die kleinen Birkenbüschchen, die hier und dort verstreut lagen, nach den fernen Dörfern mit ihren spitzen Kirchtürmen. Hinten, ganz hinten erhoben sich die blauen Berge. Mir wurde ganz bänglich zu Mute. Der Vater hatte wohl oft von seinen Wanderungen erzählt, und wie er durch's Reich marschiert. Fragte ich dann, wo das Reich liege, so hatte er allzeit erwidert: Weit, weit von hier, hinter den blauen Bergen. Dort also lag's. Mich überkamen allerhand verworrene Gedanken vom Schwarzwalde, von Zigeunern und dem Oger. Mit solchem Volk zu verkehren, sein junges Leben preis zu geben – das war wohl ein entsetzlicher Gedanke. Umzukehren zu dem spanischen Rohr des Vaters und der bunten Landkarte – das klang auch nicht viel besser. Ich war schon recht übel daran, seufzte laut und beweglich mit den Kälbern um die Wette, und die Augen füllten sich mit Wasser. Endlich aber schlief ich ein, und träumte, wie der schwedische Löwe statt meiner im Chausseehause sitze und den Klingebeutel in den Tatzen halte, während ich auf dem langgehalsten Kamel über die Pyramiden setzte, als wären es nur Maulwurfhügel; dann rannte der Vater atemlos schimpfend hinter mir her, erwischte mich endlich beim Kragen und schüttelte mich hinüber und herüber.

Etwas Wahres war am Traume, ich meine das Schütteln, obgleich's nicht vom erbosten Vater, sondern vom Fleischerburschen herrührte, der mich grob fragte: wie lange ich noch auf seinem Karren schnarchen wolle? Jetzt sei's Zeit, mich zu trollen. – Verschlafen stieg ich hinab und rieb mir die Augen. Wir hatten in einem Dorfe Halt gemacht und vor einem recht schmucken Wirtshause, über dessen Thür zwei rote verschränkte Triangel mit einem gemalten Glase, aus welchem das hölzerne Bier überquoll, hin und her baumelten. Der dicke Wirt stand mit der gestreiften Zipfelmütze über den Ohren und der Samtweste mit silbernen Knüpfen auf der Schwelle und glupte mich mit verdächtigen Blicken an. Eben versucht' ich's, mich leise, leise zu drücken, da streckte der Triangelwirt nachlässig die eine Tatze aus, packte mich bei der Schulter und brummbaßte! »Halt! Nicht gemuckt! Hierher geschaut! Man scheint mir ein Vagabunde, He? Wer ist man? Woher kommt man? He?« Als ich nun ängstlich an ihm in die Höhe blickte, fiel mir's recht schwer auf die Seele, daß ich ihn schon früherhin auf den Kornsäckend reitend, an unserm Chausseehause hatte vorüberfahren sehen, wo er dann jedesmal dem Alten freundlich zugenickt und dann über Marktpreis und Klauenseuche diskuriert. Ich sah nun wohl ein, daß ich nachgerade verraten und verkauft sei, und da nun doch kein Läugnen weiter helfen konnte, beschloß ich noch einen Versuch zu wagen, sein Herz durch pure Wahrheit zu rühren, gestand ich ihm denn, wie ich in eigentlichster Person Einnehmers Josef sei und nunmehr in die Residenz zu wandern gedenke, oder nach Schwaben und Preußen. – Hierauf knurrte der Triangelwirt:

»Schwaben und Preußen? Hm! Ei, bis dahin ist's aber noch weit. Und da wird man sich wohl vorher noch ein Nachtquartier gefallen lassen und einen Imbiß? He, mein Söhnlein, wird man?« – Mir war's schon recht, denn die Mittagsstunde war längst vorüber und von einem Butterbrote oder zweien kann doch der Mensch nicht ewig satt bleiben. Ich lachte still vor mich hin und nickte mit dem Kopfe, worauf der Wirt ganz sonderbarerweise mein Ohrläppchen zwischen Daumen und Zeigefinger preßte, mich über den Hof an dem Schlammtümpel vorüberführte, die Thür eines kleinen, niedrigen Häuschens aufsperrte und mich hineinstieß. Dann schob er den Riegel vor, und ich stolperte in der Dunkelheit der Länge nach über Schene und Klötze. Ich befand mich im Holzstalle. Aus der Ferne vernahm ich noch die hämische Lache des wohlbeleibten Barbaren, bis sie im Hause verscholl. Ich raffte mich auf, wischte prustend Erde und Sägespähne von meinen Lippen und donnerte mächtig mit geballten Fäusten gegen die Thür – sie erbebte unter meinen Anstrengungen, gab aber nicht nach. Ich rief dem treulosen Gastwirt die verletzendsten Injurien durch das Schlüsselloch zu, und hieß ihn abwechselnd ein Kamel und einen kleinen Fabri – der Ehrlose achtete nicht darauf, und nur die Hühner und Gänse auf dem Hofe antworteten gackernd und schnatternd auf all meine Invektiven. Es war alles vergeblich. Mit vorgehaltenen Armen tastete ich mich durch mein Verließ, bis ich einen leidlichen Knorren zum Ruhepunkt aufgefunden. Dort ließ ich mich nieder, starrte in die Dunkelheit, bis mir die hellen Funken vor den Augen knisterten und dachte an gar nichts. Meine Phantasie war wohl noch allzu jugendlich, um den Abgrund meines Unglücks ermessen zu können.

Wie lange ich so stumm und regungslos gesessen, weiß ich nicht zu sagen. Da rüttelte es leis an der Thür. Sie ging auf und ich erwartete nichts anderes, als daß der Triangelwirt und der Moment der Abführung erschienen sei – drückte mich daher zagend in die finsterste Ecke. Statt dessen erschien aber eine schmucke Dirne und wisperte mehrere Male: »Musjeh, junger Musjeh, wo steckt Er denn? Komm Er doch hervor. Hier bring' ich Ihm 'was von der Frau, und sie läßt Ihm sagen, Er solle sich nur nicht bange machen lassen – ans Lebens ging es noch lange nicht. Wenn aber erst ihr Alter schliefe, wolle sie Ihn wieder herauslassen. Vor der Hand aber soll Er wacker essen und trinken.« – Dabei langte sie unter der Schürze einen Teller hervor, von dem mir ein tapferes Stück Schinken und Kartoffeln recht anmutig entgegen dufteten, und außerdem noch einen Krug Bier, auf welchem der Schaum wie eine frisierte Perücke stand. Nun war ich wieder oben auf und wundersam getröstet. Es währte auch nicht allzu lange, es kehrte dieselbe Dirne wieder, händigte mir ein in Papier gewickeltes Packet ein, und führte mich leise hinaus. Es war nachtschlafende Zeit. Die Steine funkelten am Himmel, und in den Gehöften schlugen die Hunde an – sonst rührte sich weiter nichts. Das Mädchen führte mich hinter den Gärten ums Dorf, Ich sprach kein Sterbenswort, drückte nur mein Packet fest an die Brust und trippelte hinterdrein. Als wir nun an das letzte Haus gekommen, sagte die Magd, weiter dürfe sie nicht, ich solle nun mit Gott gehen und zusehen, wo ich die Nacht über kampieren könne. Hierauf rief sie mir Adjes zu und verschwand. Ich blieb aber mutterseelenallein im Finstern stehen, graulte mich zum Erbarmen und fror im kalten Winde, daß mir die Zähne nur so klapperten. Daß man die Welt nur unter so erschwerenden Umständen kennen lernen könne, hatte ich mir daheim nicht träumen lassen, hätte auch wohl, wenn ich diese Erkenntnis gehabt, die Wanderschaft nimmer angetreten. Nichtsdestoweniger verblieb ich leidlich guten Humors, gedachte der Barmherzigkeit des Himmels, welcher Daniel aus der Löwengrube und mich aus dem fatalen Holzstalle erlöste, und glaubte mit Zuversicht, auch ferner auf gutherzige Wirtsfrauen und Raben in der Wüste zählen zu dürfen. Vorläufig tappte ich mich nach einer leeren Schafhürde, kroch hinein und, schlief im Handumdrehen wie ein Toter.

Als ich die Augen aufschlug, konnte ich mich zuerst in dem engen, niedrigen Bretterhäuschen gar nicht zurecht finden; meinte auch anfänglich noch, ich sei zu Haus und wunderte mich nur, daß der Alte mich so lange schlafen lasse, und mir nicht längst, seiner beliebten Erweckungs-Methode zufolge, ein Glas Wasser über den Kopf gegossen. Als ich mich aber schon fix und fertig angezogen sah, da fiel es mir erst wieder ein, daß ich beinahe schon vier und zwanzig Stunden auf Reisen sei. Ich wutschte aus dem Häuschen, dehnte die auf den harten Brettern steif gewordenen Glieder und schaute mich rings um. Jeden Augenblick wurde ich kontentex. Der Tau stand noch auf den Halmen und funkelte in der Morgensonne wie Gold und Edelgestein; im Dorfe schrieen die Hähne von den Zäunen und auf der Straße trabten schon die Frauen mit großen, wachsleinenen Hüten, hinter den von den Hunden gezogenen Milchkarren einher. Es war also die höchste Zeit aufzubrechen, nur plagte mich die Neugier, das kleine Bündelchen von der Wirtin beim Tagesschimmer zu untersuchen. Gleich oben auf lag eine schöne, braune, in sich verschlungene Bretzel, die setzte ich wie ein Posthörnchen auch gleich recht resolut an den Mund, legte die zehn Finger auf die schwarzen Rosinen wie auf Klapphörner, und blies mit vollen Backen meine Morgenhymne, wobei nur leider mein Instrument von Minute zu Minute einschwand.

Auch mit den übrigen in Zeitungspapier gehüllten Gegenständen machte ich in kurzer Zeit intime Bekanntschaft, patschte mir dann stolz den Bauch und rief: Also muß es der Mensch anfangen, um sich durch die Welt zu schlagen. Nunmehr wanderte ich denn zuversichtlich fürbaß, grüßte dreist die Vorübergehenden, wünschte ihnen eine glückliche Reise und ließ mir wieder eine wünschen. Die Handwerksbursche, welche sich gestern an unserm Gartenzaun gelagert hatten, zogen vorüber und keuchten unter ihrem Ranzen – da war ich nun um eins so gut dran als sie, der ich nichts als mich selber zu schleppen hatte. Lustige Gesellen kamen mir entgegen mit silberbetrottelten Mützchen, hinten aufgeschnallten Degen und aus großen Meerschaumpfeifen dampfend; die sangen: »Ich lobe das Studentenleben, ein jeder lobt sich seinen Stand.« Dazu schüttelte ich aber den Kopf, denn diese Meinung teilte ich keineswegs, war vielmehr von Herzen froh, die langweilige Studenten- Wirtschaft hinter mir zu haben.

So schritt ich denn immer rüstig zu, nicht ohne geheime Neugier, wo der Weg zuletzt einmal ein Ende nehmen werde – da bog die Straße mit einemmale um die Ecke, und ich sah vor mir im Thale die prächtige Stadt mit Schlössern, Kirchtürmen, an deren Kreuzen die Sonne funkelte und tausend und aber tausend Häuser nebeneinander, aus deren jedem ein dünner Rauch sich gen Himmel schlängelte. Vor Verwunderung blieb ich anfänglich stumm und starr, dann aber warf ich die Mütze mit lautem Juchhe! in die Luft, schlug vor absonderlicher Freude ein paar Mal Rad und rannte dann im Trabe den Hügel hinab, als könne ich in der Stadt zu spät ankommen und wunder was versäumen. Rasselnde Equipagen, in der Sonne blitzende Spiegelscheiben, prügelnde Gassenjungen, hoffartige Leutnants, tanzende Bären – ich wußte nicht, wohin ich zuerst sehen sollte, wußte manchmal nicht, ob ich wache oder träume.

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