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Novellen und Erzählungen

Franz Freiherr von Gaudy: Novellen und Erzählungen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorFranz von Gaudy
titleNovellen und Erzählungen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeVierter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100825
projectid31f4dc0c
status1
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II.

Der Stumme

Eine der ältesten Weinstuben Berlins befindet sich in einem weitläufigen, verräucherten Eckhause der Königsstraße, Die innere Einrichtung stammt noch aus den guten, alten Zeiten, wo das Wesen mehr galt als der Schein, wo man sich noch nicht schämte, in der Abendstunde nach vollbrachter Tagesarbeit schlecht und recht zu Weine zu gehen, und sich's mit echten alten Freunden bei echtem altem Gewächs wohl sein zu lassen. Wir sind freilich längst darüber hinaus, kennen echte Weinhäuser kaum noch dem Namen nach, betrachten die eleganten Restaurants, welche sich an ihrer Stelle aufthaten, nur als Absteigezimmer, um das lästige Viertelstündchen bis zum gegebenen Rendezvous unter Dach und Fach zu verbringen, studieren hinter einem Achtelglase aufgelösten Bleizuckers die französische Zeitung oder die ellenlange Speisekarte, stochern vornehm und isoliert hinter dem spannbreiten Mahagonitischchen die Zähne und gähnen unsere blasierte Physiognomie in den wandhohen Trumeaux an. Wer aber nach einer Weinstube nach altem Schnitt verlangt, nach einem Wirt von rechtem Schrot und Korn, und nach einem Glase Wein, so alt und echt als der Besitzer selber, wer sich gern einmal in die Zeit, wo der Großvater die Großmama nahm, zurückträumen möchte, dem empfehle ich mit gutem Gewissen das eben genannte Haus. Das schwarze Schild über der Hausthür mag wohl vordem den Namen der Handlung verkündet haben; jetzt freilich sind die goldenen Lettern allzu verbräunt und verstaubt, als daß sie sich leichter als ein herkulanisches Manuskript entziffern ließen. Doch an der Straßenecke schaukelt ja noch das Wahrzeichen des einstmals grün gewesenen blechernen Weinkranzes im Winde – daran mag der Fremde sich halten.

Die Thürschwelle ist der Schlagbaum, welcher die Jetztwelt von der Vorzeit scheidet; sechzig Jahre liegen zwischen dem Zimmer und der Straße – ein Schritt trägt Dich um zwei Menschenalter zurück. An der Decke des hohen, räumigen Zimmers krümmen und winden sich wunderliche Schnörkel, verflechten sich fabelhafte Blumen von Stuck zu Guirlanden. Auf der Wachstuchtapete, welche die Wände auf halber Höhe bekleidet, präsentieren Chinesen höflichst den Thee in kleinen Schälchen und schmauchen aus langen Pfeifen dazu. Unter den Stammgästen sind sie die einzigen, welchen diese Freiheit gestattet wird. Der alte Fritz guckt aus schwarzem Rahmen von Eichenholz mit scharfen, großen Augen hervor und faßt salutierend an den Dreimaster. Der Pendel der alten Bronzeuhr schwenkt sich schläfrig tickend von dem Schäfer zur Schäferin, welche beide das Werk tragen. Wie viel verstohlene, bängliche Blicke mögen nicht schon von kreuztragenden Ehemännern auf die blauen Stahlnadeln des Zifferblattes in dem Jahrhundert, wo sie unerbittlich die Stunde der Heimkehr bezeichnen, geworfen worden sein! Ein kleiner Verschlag in der Ecke des Zimmers umfaßt das altväterliche Pult, auf welchem die schweren Rechnungsbücher ruhen. Und in der Thür dieses Kämmerchens steht der greise Wirt, wohl zur Ordnung sehend, mit lautlosem Blick die Diener anweisend, den alten, wohlbekannten Kreis seiner Gäste überschauend, wie ein Patriarch unter den Seinigen. Vor einem Jeden lüftet er das schwarze Samtkäppchen, welches die schneeweißen Locken beschützt; Jeden begrüßt er mit treuherzigem Druck der Hand. Alle kennt er ja, es kennt ein jeder Gast den andern; sind es doch langjährige Freunde, sind sie doch miteinander gealtert. Das abendliche Ausbleiben des einen erregt das Befremden, die Besorgnis der übrigen. Sie mögen sich wohl alle insgeheim sagen, wie schon so mancher aus ihrer Mitte das Abendstündchen nicht einhielt und, einmal ausgeblieben, nie wiederkehrte, und dann mustern sie einander mit ernstem Blick, als wollten sie sich fragen, an wem nunmehr die Reihe stände, das liebe heimliche Stammgastplätzchen räumen und mit dem schaurigen Kirchhofplätzchen vertauschen zu müssen.

Als ich die Weinstube zum ersten Male besuchte, konnte ich in den fröstelnden Gesichtern der Anwesenden deutlich genug lesen, daß ein Zugvogel, ein jugendlicher zumal, nicht die willkommenste Erscheinung sei, und daß ich, um meine Noviziat in diesem Konvent antreten zu können, um dreißig Jahre mindestens zu leicht sei. Ich ließ mich nicht irren und bestellte beim Kellner, der noch keiner von den geschniegelten Taugenichtsen mit gebrannten, bauschenden Locken, sondern ein stämmiger, anstelliger Küferbursche mit steifem Schurzleder, Schabmesser und Schlägel im Gurt war, meine Flasche. Als er mir den verlangten Wein brachte und entsiegelte, flüsterte er mir ernsthaft, aber nicht unfreundlich, zu, ich möge es nicht übel deuten, den eingenommenen Platz aber müsse ich räumen; dort sei ein für allemal der Sitz des Stummen. »Des Stummen? Wer ist's –« »Ja, wir nennen ihn wenigstens so, weil wir den Namen nicht wissen, und er keinen Laut von sich giebt. Seit zwei und zwanzig Jahren besucht er täglich um diese Stunde unser Haus. In zwei Minuten muß er erscheinen,« setzte der Kellner noch mit einem Blick auf die Wanduhr hinzu; »der Herr liebt es aber nicht, alte Kunden zu disjustieren.« »Er hat nicht unrecht. Wohlan, so weist mir denn meinen Platz an.« – Der Bursche ließ das Auge über die vakanten Sitze fliegen. Hier zur Rechten, wisperte er, ist seit acht Tagen durch den Tod des Bibliothekars einer frei geworden. Wenn's gefällig wäre.« – Ich ließ mir den Umzug gefallen, trat die Erbschaft des Seligen an, und wollte mir von dem eben vorbeihuschenden Küfer noch einige Erörterungen über die Anwesenden, die Jahre, welcher es hier zur Erwerbung eines legitimen Throns bedürfe, vor allem aber über jenen zwei und zwanzigjährigen stummen Besucher erbitten. Ein Blick des Befragten nach der eben aufgehenden Thür belehrte mich, daß der Gegenstand meiner Neugierde eingetreten sei.

Es war ein ältlicher, hagerer, hochgewachsener Mann. Die etwas gekrümmte Haltung des Körpers that seiner Größe Abbruch. Der Kopf war höchst interessant, die Stirn hoch und klug, Nase und Mund besonders fein geschnitten; die dunkeln Augen sprachen für Geist und innere Thätigkeit, die eingefallenen Wangen für körperliche oder geistige Leiden, welche ihn mehr noch als die Last der Jahre gebeugt haben mochten. Seine Tracht näherte sich der eines katholischen Abbate, obwohl sie jedes äußeren bestimmten Kennzeichens eines Standes entbehrte; sie war einfach, ernst, ohne jedoch eine gewisse, wohlthuende Zierlichkeit auszuschließen. Die halben, fast gezwungenen Verbeugungen, mit denen der Stumme die Gesellschaft durchschritt, bezeugten hinlänglich, daß die jahrelange Bekanntschaft eine unausgebildete, und nur auf das Auge beschränkt gewesen sei. Unaufgefordert setzte der Küfer eine kleine, strohumflochtene Flasche, Schalmandeln, Rosinen und getrocknete Feigen vor ihm auf den Tisch. Der Stumme zog langsam und bedächtig den Wergstöpsel aus dem dünnen Halse und mit ihm das über dem Weine schwimmende Öl, schüttete die ersten Tropfen des Glases, einer Libation gleich, auf die Erde und goß dann mit zitternden Händen den purpurdunklen, feurigen Aleatico ein. Er mußte ein Römer sein, – die Art des Weineinschenkens verriet ihn.

Die übrigen Gäste, ein kurzatmiger Nachtrab des vorigen Jahrhunderts, bestanden, wie ich aus ihren Anreden und Gesprächen entnehmen konnte, aus pensionierten Stabsoffizieren, verknöcherten Beamten, verwitterten Schulleuten und dem Schwamm-Geschlecht der Rentiers. Die Weinstube schien die Rumpelkammer der Hauptstadt zu sein. Die Konversation galt der stattlichen Figur, welche der hochselige König als Kronprinz zu Pferde gemacht, ging auf die Kantate des Herrn Rammler, welche der Herr Kapellmeister Graun komponiert, über, auf Anekdötchen aus den Zeiten der Tabacksregie, und des einjährigen Krieges. Ich fühlte unwillkührlich nach dem Nacken – war's mir doch, als sei mir der Zopf schon beim bloßen Zuhören hervorgeschossen, und schwänzte zierlich hinüber und herüber. Eigentlich ansprechend von allen Erscheinungen war nur die des weißlockigen Wirts, bedeutend allein der stumme Römer. In sich gekehrt, fast regungslos, saß er in seinem Winkel, die großen schwarzen Augen starr auf einen Punkt geheftet. Man hätte ihn mit seiner feinen, bleichen Gesichtsfarbe in den Pausen zwischen dem Schlürfen des Glases für eine Wachsfigur halten mögen. Keins der geführten Gespräche schien sein geistiges Ohr zu berühren – mochten diese sich nun in einem ihm fremden Ideenkreise bewegen, oder die Sprache ihn von den übrigen scheiden, oder das Gefühl der Ohnmacht, sich mitteilen zu können, ihn zu diesem freiwilligen Isolement bewegen. Nach Verlauf einer Stunde hatte er die Neige der Flasche in das Glas getröpfelt, die Zeche auf dem Tisch sorgsam abgezählt, und sich mit denselben halben, scheuen Komplimenten wieder entfernt. Keiner der Anwesenden besprach sein Kommen, Schweigen, Gehen. Für sie hatte die Zeit schon längst das anomale Gepräge der fremdartigen Münze abgeschliffen. Auch sie mochten sich wohl früherhin oft genug in Konjekturen über den stummen Gast erschöpft haben – es waren erfolglose geblieben, und nun waren sie schon seit Jahren gewohnt, das Rätsel als ein abgeschlossenes Ganze zu nehmen, und als solches unbeachtet liegen zu lassen.

Wenige Tage darauf führte ein günstiges Geschick mir unerwartet einen lieben Freund zu, an dessen Seite ich im vergangenen Jahre Italien durchwandert hatte. Das war von beiden Seiten eine gar freudige Überraschung, ein gar herzliches Willkommen: Hastige Fragen und Erkundigungen jagten einander, ohne der Antwort Zeit zu lassen, heranzuschleichen. Die freundschaftliche Ungeduld, von dem lang Entbehrten recht viel zu erfahren, ließ aber ebenso wenig als der Lärm und das Gedränge der Straße ein Gespräch aufkommen. Beide fühlten wir das Bedürfnis, die Stunde des Wiedersehens in behaglicher Ruhe zu feiern, wenn sie in der Erinnerung nicht eine unerquickliche bleiben solle. Ich gedachte des Aleatico der alten Weinstube, welchen der Stumme sich so romanesk kredenzt hatte, und zog meinen Freund aus dem Gedränge der wimmelnden Straßen nach dem nicht fernen Quell jenes edlen Opfertanks. Das erste Glas galt Italien, der in ewiger Jugendschöne blühenden Göttin.

Die gewohnten Abendgäste hatten sich nacheinander eingefunden. Im Geist an den Ufern des Tibers wallend, von den Klöstern des Gianiculo auf das im Abendrot schwimmende Rom hinabschauend, schwärmend unter den Pinien der Villa Borghese, hatte das hyperboräische Philistertum unbemerkt von uns seinen Einzug gefeiert. Zwischen den in der Erinnerung Schwelgenden waren die mit südlichen Bildern verwebten Klänge der italienischen Sprache erst einzeln, verstreuten Schmetterlingen gleich, hin und her geflattert, bald aber voller und freier hervorgeströmt; in kurzer Zeit hatten sich die heimatlichen Laute verdrängt. Über uns wölbte sich wieder der ewig blaue Himmel Hesperiens. Fern von der holdseligen Zauberin fühlten wir uns von ihrem Gewebe verstrickt, und erkannten, daß wir nur Freigelassne, keine Freie seien, daß es nur eines Winkes der Gebieterin bedürfe, um uns zurückzulocken, und auf ewig in ihre Ketten zu schmieden. Ich schaute mich um. Mein Blick begegnete dem fest auf mich gehefteten des Stummen. Das sonst regungslose Auge halte sich belebt und die südliche Glut schimmerte unter der Asche der Jahre hervor, während die gramgefurchte Stirn vom Purpur der scheidenden Sonne angehaucht schien. Die lange nicht vernommenen weichen Klänge der Muttersprache hatten sein Ohr gefesselt, seine Seele folgte uns nach den Gefilden seiner Heimat, auf die Spielplätze seiner längst verwehten Kinderjahre. Wie der Schweizer beim Ton des Kuhreigens, so wehte auch ihn aus den einschmeichelnden Lauten der italienischen Sprache, aus den flüchtig entworfenen Bildern des fernen Vaterlandes der süßschmerzliche Hauch des Heimwehs an. Mich ergriff der Anblick des tiefbewegten Greises. Ich ergriff das Glas und rief, mich zu ihm wendend: »Roma!« Er schien eine Weile zu zaudern, er faßte dann auch das seinige, stieß leise klingend an, und verließ tief erschüttert das Zimmer.

Die Neugierde meines Freundes und Reisegefährten, eines Novellisten, Dichters und gehörigen Phantasten, war durch die außergewöhnliche Gestalt, durch die geheimnisvolle Begrüßung, das überraschende Entfernen rege gemacht worden; die spärlichen Notizen, welche ich ihm zu geben vermochte, dienten aber nur, um seine Einbildungskraft zu entflammen. Er erklärte den Stummen geradezu für eine Callot-Hoffmannsche Figur, und glaubte, unter der Abbate-Maske einen der Inquisition entronnenen Flüchtling, einen Jünger Cagliostros, zum mindesten aber einen heimatlos umherirrenden Carbonari zu wittern. Weit entfernt, die exzentrischen Vermutungen meines Freundes zu teilen, mochte ich in dem Armen nichts mehr als einen italienischen Sprachmeister oder Buchhalter sehen, der, wie so viele seiner Landsleute, über die Alpen gewandert war, um sein Glück zu suchen, den hier das Unglück traf, die Sprache, vielleicht infolge eines Schlagflusses, zu verlieren, der jetzt einsam unter der fremden, teilnahmslosen Menge steht, seit langen Jahren vielleicht wieder seine Muttersprache vernähme, und vor dessen Augen seit vieljähriger Trennung zum erstenmal die mit warmen, lebendigen Farben gemalten Bilder seiner schönen Heimat vorübergeführt wurden. Mir wenigstens erschien das Los des Greises schon unter diesen einfachen Verhältnissen tragisch genug, als daß es erst noch einer Steigerung seiner Unglücksfälle, einer romantischen Zuthat bedürfe, um dem Verlassenen mein innigstes Mitgefühl zuzuwenden. Der natürliche Wunsch, mich ihm freundlich und hilfreich zu erweisen, stieg in mir auf, und ward wiederum durch die Scheu, die wunde Zärte eines Unglücklichen zu verletzen, niedergekämpft. Ich wußte nur zu wohl, wie schmerzlich solche gut gemeinten Trostversuche dem vom Schicksal Gebeugten sind, wie jenes augenblickliche, unwillkürliche Aufwallen mir noch kein Recht gebe, den jahrelang sorgfältig gehüteten Schleier zu lüften, wie ferner jede plötzliche Annäherung meinerseits dem den Menschen Entfremdeten nur als Zudringlichkeit escheinen müsse, und ich ihn somit auch aus dem letzten Zufluchtsort verscheuchen, ihn der wenigen, gramstillenden Augenblicke berauben könne. Ich überließ es dem Fremden, ob er die freundlich gebotene Hand ergreifen wolle, und beschloß mir, ihn der Gelegenheit dazu nicht zu berauben, und noch fernerhin die Stunde des gemeinsamen Eintreffens zu halten.

Der Stumme säumte nicht, am folgenden Abend zu erscheinen. Er begrüßte mich mit laum merklicher Neigung des Kopfes, schien aber nur noch scheuer als sonst, von meiner Seite ein Entgegenkommen mehr zu befürchten als zu hoffen, und es gewissermaßen zu bereuen, daß er sich von seinem Gefühl zu jener Entgegnung habe hinreißen lassen. – Meine häufigen und regelmäßig wiederholten Besuche begangen allmählich mir eine Art von Ehrenbürgerrecht in dem fremden Kreise zu erwerben. Hier und da forderte mich der Blick eines Stammgastes aus, in den seinen bemosten Histörchen gezollten Beifall mit einzustimmen; später wurde ich sogar mit einer oder der anderen Frage beehrt. Die jedesmalige Anrede war, »junger Herr«, und als solcher fing ich an, mich zu acclimatisieren. Ich blieb der junge Herr der Gesellschaft und mußte als solcher die stumme Rolle des englischen Parlaments- Sprechers übernehmen, indem alle Stoßseufzer über die elenden Zeiten, die Verderbnis der Welt, und die gottlosen Neuerungen nur unter meiner Adresse gingen, und von mir nur mit ehrerbietigem, schweigsamem Kopfnicken beantwortet werden durften. Oft schon hatte ich zeither bemerkt, daß der Stumme verstohlene Wicke auf mich hefte; sie wurden länger, bedeutender, fragender. Er schien eine neue Ansprache zu erwarten, aber mit der ihm eigenen Schüchternheit und Befangenheit zu kämpfen, und sich zu scheuen, selber die Veranlassung herbeizuführen.

So kam der Weihnachtsabend heran. Der Schnee fiel in großen schmelzenden Flocken, Das abscheuliche Wetter hatte den einen Teil der Gesellschaft zu Hause gehalten, Einladungen in Familienkreise den anderen. Ich war eine Weile allein, als der Stumme eintrat, den Schnee vom Hut schüttelte, – und sich fröstelnd in seine Ecke drückte. Mit ungewohnter Hast trank er das erste Glas. Seine Blicke flogen unstät im Zimmer umher – nur der am Ofen gähnende Kellner war außer uns zugegen. Das ganze Wesen des Greises zeugte von dem Kampf, den er zu bestehen habe. Endlich aber riß er, wie von einem plötzlichen Entschluß ergriffen, ein Blättchen aus dem Taschenbuch, warf einige Worte aufs Papier und schob mir dieses über den Tisch zu.

»Ihr seid in meinem Vaterland« gewesen,« lauteten die italienischen Zeilen, »Ihr wißt so schön, so warm von meiner Heimat zu sprechen. Wollt Ihr dem fremden Greise einige helle Augenblick! bereiten, so redet ihm von Italien, von Rom. Erzählt – aber thut keine Frage, ich bitte Euch. Auch die schriftlichen müßte ich Euch schuldig bleiben. Denkt, Ihr sprächet zu einem Marmorbilde, einem Leichenstein.«

Ich blickte auf. Der Ausdruck des schönen Greisenkopfes war unaussprechlich rührend. Wie um ein Almosen flehte er um die Töne seines Vaterlandes, um die welken Blüten, die diesem der Nordländer in der Erinnerung entführt hatte. Tief bewegt drückte ich die dargebotene, welke Hand. Ich begann von meiner Reise, von dem ewigen Rom, von dem Rom seiner Kindheit zu sprechen; ich vermied es, des neuern, des allmählich vom Anhauch des Zeitgeistes verblassenden zu gedenken – ich hätte ihm nur wehe gethan, das ihm eingeprägte, teure Bild nur getrübt.

So begann sich ein ganz wunderbares Verhältnis zwischen uns zu gestalten. Niemals unsere beiderseitigen Persönlichkeiten berührend, blieben wir uns völlig fremd, und wußten nach Verlauf eines halben Jahres so wenig voneinander als am ersten Tage. Aber gerade dadurch, daß wir uns, ohne von konventionellen Rücksichten beengt zu sein, rein menschlich gaben und nahmen, gewann unsere Verbindung an Reinheit und Zarte. Ich mochte in ihm nur den verarmten Greis sehen, und gefiel mich, mit kindlicher Pietät den Abend seines Lebens zu verschönen, während er die Beweise von Zuneigung meinerseits mehr als ein ihm gebrachtes Opfer betrachtete, und sich um so mehr verpflichtet glaubte, je weniger er von dem fremden, um so viel jüngeren Mann ein solches voraussetzen durfte, je spärlicher die Zeichen der Teilnahme ihm von der Außenwelt geworden waren, je mehr er die Unmöglichkeit fühlte, sich der geglaubten Verbindung gegen mich entledigen zu können. Die übrigen Gäste betrachteten meinen Umgang mit dem Stummen mit desto ungünstigeren Augen, teils, weil ihnen an mir ein ehrfurchtsvoller Zuhörer abspenstig gemacht worden war, teils weil es mir in so kurzer Zeit gelungen, die Aufmerksamkeit des für unzugänglich Erachteten auf mich zu ziehen, und sie durch mich der Lösung des veralteten Rätsels um keine Haarbreite naher rücken konnten. Die Zumutung, zur Enthüllung jenes fatalen Inkognito mitwirken zu wollen, hatte ich entschieden abgelehnt. Außer in den bestimmten Abendstunden kam ich in keine Beziehung mit dem Römer; ich war ihm weder auf der Straße, noch an anderen öffentlichen Orten jemals begegnet. Nur einmal hatte ich ihn außerhalb seines gewohnten Sitzes gesehen. Es war dies in dem engen, finsteren, von hohen Gebäuden umstellten Hofe der Weinhandlung, an dessen Wänden sich die langen Reihen leerer und voller Tonnen hinzogen. Er stand bei einer der ersteren, pochte in gemessenen Pausen mit dem Knopf seines Rohrstocks an den Boden des Fasses, und schien, tief in Gedanken verloren, dem hohlen Klang und dessen Aufsummen zu lauschen. Als er mich gewahr wurde, richtete er sich verlegen auf und fuhr schnell mit der Hand über die Augen, Ich machte mir lebhafte Vorwürfe, ihn belauscht zu haben, und auch er schien von diesem Zusammentreffen peinlich berührt; er blieb auch den Abend über befangen und still.

Wenn Goethe einmal so schön als wahr sagt, daß, wer Neapel und dessen Umgebungen einmal gesehen, nie ganz unglücklich werden könne, so möchte ich diesen Ausspruch nicht nur auf ganz Italien ausdehnen, sondern ihn sogar umkehren und behaupten, daß, wer Hesperien einmal gesehen, nie wieder ganz glücklich werden könne, bis er dahin zurückgekehrt sei. Die Sehnsucht nach dieser meiner zweiten, geistigen Heimat, genährt und gesteigert noch durch den täglichen Umgang mit dem Römer zehrte an meinem Leben. Die Unbehaglichkeit des nordischen Winters, das Drückende unserer konventionellen Fesseln schien mir unleidlicher als jemals. Italien und die dort genossene Freiheit als Folie jedem der heimatlichen Verhältnisse unterlegend, konnte ich diese nur in ungünstigem Lichte betrachten. Der Gesichtspunkt war ein schiefer, mein Zustand ein krankhafter, aber eben deshalb machte er mich um so intoleranter, ließ mir das Verlorene um so reizender erscheinen, und mich in der Überschreitung der Alpen den einzigen Weg zum Seelenfrieden sehen. Immer mehr gewöhnte ich mich daran, mich in der Heimat fremd zu fühlen, mein dortiges Leben nur als eine lästige Übergangsperiode zu betrachten. Und so vermied ich es denn, neue Verbindungen zu knüpfen, ja sogar die früheren wieder aufzusuchen, in der Überzeugung, daß ihnen ja doch eine baldige Lösung bevorstehe, daß ich ein Zugvogel sei, der ungeduldig des Augenblicks harre, dem wärmeren Klima wieder zueilen zu dürfen. Endlich erschien dieser heißersehnte Moment. Nur eine Trennung ward mir schwer – die von dem Stummen. Je näher ich mich der Verwirklichung meine Hoffnungen befand, um so wehmütiger gedachte ich des Zurückbleibenden. Ward er doch dem Erblindeten gleich, welchem der Leiter durch die ewige, trostlose Nacht untreu wird.

Zu den peinlichsten Zuständen im Leben gehören die Stunden vor per Abreise. Während der Geist schon meilenweit vorauseilt, häkeln und klammern sich alle, das Dasein schon ohnehin verkümmernden Elendigkeiten an den materiellen Abschied. Die gesamte Welt, der man den Rücken zuzuwenden im Begriff ist, hängt sich noch einmal mit ihrem ganzen Gewicht an den Flüchtling, um dem der Puppe entschlüpfenden Schmetterling den Ausflug so sauer als möglich zu machen. Verdrießlichkeiten wachsen wie die Drachenzähne des Cadmus ans dem Boden, und immer dichter, je näher der Augenblick heranrückt. In den letzten drängt sich noch das unvermeidliche Geschlecht der sogenannten guten Freunde hinzu, um dem Scheidenden sein Glück brockenweis vorzuzählen, und ihn durch ein Spalier von Komplimentierenden und Küssenden Spitzruten laufen zu lassen. Spät erst gelang es mir, mich von den Überlästigen loszureißen und zu meinem Römer zu eilen. Mit ängstlicher Spannung wartete er auf mich. Ein melancholisches Lächeln überflog bei meiner Erscheinung das bleiche Gesicht. Wir reichten uns die Hände, Die seinige zitterte vor innerlicher Bewegung. Heute verstummte auch ich. Mein nach der Uhr gerichtetes Auge verkündete ihm, daß wir scheiden müßten. Er erhob sich, reichte mir einen versiegelten Brief mit der Aufschrift: felicissimo viaggio! und entfernte sich langsam. Nach einer Viertelstunde rollte ich zum Thore hinaus.

Der Inhalt des Schreibens war folgender:

Mein junger Freund, ich nehme Abschied von Euch auf lange, lange Zeit. Ich sage Euch meinen Dank, den innig-gefühltesten für alle Liebe, die Ihr mir erwiesen habt. Der Segen des Greises geleite Euch auf Euren Wegen, Ihr werdet mir sehr fehlen, ich weiß es. Laßt Euch dieses Geständnis nicht betrüben. Eure treue Anhänglichkeit war eine unverhoffte Gunst des Schicksals, ein letzter Sonnenblick, und ich sage dem Himmel auch für diesen meinen gerührten Dank. Unsere Wege kreuzen sich hier und trennen sich weiter und weiter. Ihr steigt hoffnungsfreudig hinan, ich lebensmüde hinab. Ihr eilt mit jedem Schritt meinem schönen Vaterland« näher – ich dem Grabe. Wir werden uns nicht wiedersehen, diesseits nicht; der innere Genius sagt es mir laut. Und diese Überzeugung ist es, welche mich ermutigt, zum ersten Male den Schleier von meinem vergangenen Leben zu ziehen, und in Eurer Brust das ein Menschenalter hindurch bewahrte Geheimnis niederzulegen. Ich kann Euch meine Dankbarkeit nicht anders beweisen, als dadurch, daß ich Euch vertraue, was ich gegen Jedermann, gegen mich selber verschweigen möchte.

Ich bin auf einer Vigna des Grafen Badalupo dicht bei Rom geboren, Sie liegt auf dem Wege, welcher am Kasino des Papstes Julius vorüber und durch die Port' oscura nach der Heilquelle von Aqua acetosa führt. Mein Vater war Zeitpächter des Weinbergs; die Mutter starb in den ersten Jahren meiner Kindheit – es ist mir kein bestimmtes Bild von ihr zurückgeblieben. Wir bewohnten das Erdgeschoß des weitläuftigen Gartengebäudes. Es mochte im Mittelalter erbaut worden sein, und in den Fehden der Colonna mit den Päpsten als Kastell gedient haben. Die dicken Mauern der viereckigen Türme, die schießschartenähnlichen Fenster des unteren Stockwerkes zeugten noch von dessen einstiger kriegerischer Bestimmung. In späteren, friedlichen Jahrhunderten hatte sich die ernste Warte ihres drohenden Äußern entkleidet, und wohnliche Gemächer, räumige Säle, heitere Loggien waren über und neben den alten Grundvesten emporgewachsen. Im übrigen teilte unser Wohnhaus das Schicksal der meisten italienischen Paläste und Villen, Schöpfung der Laune eines Großen und von ihm mit Verschwendung errichtet und ausgeschmückt, war es von dem nächsten Erben wieder vernachlässigt worden, von Hand in Hand gegangen, ohne daß einer der späteren Besitzer es der Mühe wert gehalten hatte, den Verheerungen der Zeit Schranken zu setzen. Es stand verödet und zerfiel langsam. Der Conte liebte die Vigna nicht, und zog es vor, die Villeggiatur in Frascati zu verbringen. Nur einmal im Jahr, und zwar zur Zeit der Weinlese, verlebte er einen Nachmittag auf dem Weinberge, und dann ging ihm schon in den vorhergehenden Tagen ein mächtiger Schwarm galonnierter Diener, welche mit gewaltigem Lärmen das unterste zu oberst kehrten, voraus. Die monatelang verschlossenen Thüren und oberen Gemächer öffneten sich, Stühle und Kissen wurden ausgeklopft, Spinnweben zerstört, Silbergerät und andere Anstalten zu einer Konversation aus der Stadt herausgetragen. Dann durfte auch ich wohl einen verstohlenen Blick in jenes mir sonst verriegelte Eldorado werfen. Die geschliffenen, funkelnden Kronleuchter, die mit Blumen und Amorinen bemalten Spiegel, die verschossenen Seidentapeten, die lackierten, seltsam ausgezackten Spieltische schienen mir der Gipfel irdischen Glanzes und Herrlichkeit. Am folgenden Tage fuhr eine Reihe schwerfälliger, mit bunten Wappenschildern dekorierter Kutschen bei dem steinernen Weinbergsportal vor. Von jedem Wagentritt sprang ein halbes Dutzend Diener mit diensteifriger Hast herab, um den Herrschaften aus ihren vergoldeten Glaskasten zu helfen und sie hinauf zu geleiten. Ich stand furchtsam in die Myrtenhecken gedrückt und sah mit zurückgehaltenem Atem den gepuderten Grafen, einen ernsten, schönen Mann, mit Stahldegen und blitzenden Schuhschnallen, die Frau Gräfin in bauschendem Seidengewand, die roten Offiziere der päpstlichen Garde, die Ritter vom goldenen Sporn und die höflichen Abbati an mir vorüber ziehen. Zuletzt kam auch die Wärterin, welche die kleine Contessa Benedetta, das einzige Kind unserer Herrschaft, führte. Es mochte etwa drei Jahr jünger sein, als ich. Ich erinnere mich noch gar wohl des ersten Males, wo ich das holdselige Fräulein sah: es war als Schäferin gekleidet, sein weißes Kleidchen mit bunten Bändern und Schleifen geschmückt, und die blonden Locken hingen frei unter dem kleinen Strohhütchen über den Nacken herab. Es sah recht aus wie ein Engel, der in der Kirche Maria del Popolo bei dem Jesuskinde Wache hält. War der ganze Zug vorüber, dann schlüpfte ich wieder aus meinem Versteck hervor, erkletterte einen hohen Maulbeerbaum und schaute nach den erleuchteten Gemächern hinüber, wo die Herrschaften an den Spieltischen saßen, und die Bedienten, auf Silbertellern Gefrornes präsentierend, eifrig hin und her rannten. Dort lauschte ich still, und hoffte immer, die kleine Gräfin in dem vornehmen Schwarm ausfindig machen zu können. Ich weiß aber doch kann, daß es mir einmal geglückt sei, trotzdem ich auf meinem Sitz oft in die tiefe Nacht hinein wachte, bis die Gesellschaft aufbrach und die Wagen mit flackernden Windlichtern wieder durch die Port' oscura donnerten.

Am folgenden Morgen vergegenwärtigte ich mir den glänzenden Zug recht lebhaft, vor allem aber das Bild der kleinen goldlockigen Benedetta, und träumte dann von dem nächsten Jahrestage, wo ich sie wieder sehen würde, wo ich ihr dann einen Blumenstrauß oder eine Apfelsine zuwerfen wolle, und wie sie wohl erst erschrecken, dann aber herzlich auflachen werde. Mit solchen Träumereien konnte ich ganze Stunden schweigsam und in mich gekehrt verbringen. Der Vater schalt mich oft einen blödsinnigen Dummkopf, der nirgends als ins Kloster passe. Er war ein harter, rauher Mann, von dem mir niemals ein Zeichen der Liebe zu teil geworden ist; ich habe ihn immer nur fürchten lernen. Tags über schaffte er mit den Knechten im Weinberge, und nur von fern drang dann seine scheltende Stimme zu mir herauf. Abends aber ging er in die Osterie und kehrte erst tief in der Nacht wieder zurück. Die taube, alte Apollonia besorgte unsere kleine Wirtschaft; sie kümmerte sich auch eben nicht viel um mich, wußte, daß ich ein stilles Kind sei und keinen Unfug treibe, und ließ mich meinen Weg gehen. Von Zeit zu Zeit tam der Pater Gregorio aus dem Augustinerkloster von Maria del Popolo, lehrte mich die Litanei, und nahm mich dann und wann nach seinem Kloster mit sich. Unterweges hieß er mich vor dem Gitter des der Madonna del Arc' oscuro gewidmeten Kapellchens niederknieen und ein Ave sprechen. Dann erzählte er mir, welche Wunder die Mutter Gottes zu Gunsten der andächtig an sie Glaubenden gethan, und wie sie sich besonders bei Räuberanfällen hilfreich und gnädig zu erweisen pflege. Durfte ich den Pater auf seine stille, freundliche Zelle begleiten, so schenkte er mir dort einen Apfel oder ein buntes Heiligenbild, um es an die Kammerthür zu kleben und hieß mich dann schnell wieder nach unserer Vigna heimkehren, und den Umgang mit den wilden, nichtsnutzigen Buben meiden. So war ich denn neun Jahr alt geworden, ohne von Rom mehr als dessen Schwelle, den Obelisken und die Fontainen ans der Piazza del Popolo gesehen zu haben, ohne einen andern Umgang als den der tauben Magd und des Mönches zu kennen. Ich wurde immer stiller und träumerischer. Stundenlang mochte ich im Schatten einer Cypresse auf einem alten umgestürzten Marmorkapitäl sitzen und nach den blauen Bergen, jenseits der wüsten Campagna, hinüberschauen, nach der riesigen Peterskuppel, welche Häuser und Gärten weit überragt, oder nach den hohen Palästen, unter denen ich den, in welchem meine kleine, holde Gräfin wohnen mußte, ausfindig zu machen suchte. Dann kniete ich einmal wieder neben einer der vor dem Hause aufgetürmten leeren Tonnen hin, pochte mit einem Steinchen an den hohlen Boden, freute mich des bald helleren, bald dumpferen Tones, in dem das Faß mir auf meine Fragen Antwort gab, und wie der Klang leise ausdröhne. Ihr habt den Greis einmal im Hofe betroffen, wie er die Harmonika des Kindes berührte, und sich auf den Schwingen jener Töne in die fernen, fernen Tage der Jugend zurücktragen lieh, in den letzten, den einzigen Lichtpunkten seines Lebens schwelgte. Seid nachsichtig, wenn er zu lange bei ihnen verweilte, wenn ihn die Erinnerung an die stillen Freuden seiner Kindheit zur Geschwätzigkeit verleitete – er hat diese seither gebüßt, wahrlich schwer gebüßt.

Es war um die Weihnachtszeit, als rasche, heftige Schläge gegen das Eisengitter des Gartens mich eines Abends aus dem ersten Schlaf weckten. Es wahrte lange Zeit, ehe ich mich mit der tauben Magd verständigen konnte, ehe diese den trübe glimmenden Docht der Lampe belebte, und sich ermutigt hatte, ein mißtrauisches: » chi è?« aus dem Fenster zu schicken, »Fragt nicht lange,« lautete die mit Verwünschungen untermischte Antwort, »und macht endlich auf ins Teufels Namen; wir bringen einen Toten!« – Es war mein unglücklicher Vater. Er hatte in der Osterie Händel gehabt, die Messer waren gezogen worden – von einem tötlichen Stich getroffen war er augenblicklich, und ohne die heiligen Sterbesakramente empfangen zu haben, verschieden. Neugierige und Nachbarn drängten sich hinzu. Es war ein wildes, wüstes Durcheinanderwirren fremder, nie gesehener Menschen. Ich fiel schreiend über den blutenden Leichnam – ein roher Kerl stieß mich fort und hieß mich mit barschen Worten schweigen. Die vermummte Brüderschaft des Todes fand sich noch in derselben Nacht ein, um die Leiche nach ihrer Kapelle zu tragen. Die alte Magd kramte ihre Habseligkeiten zusammen und verließ, ohne sich weiter um mich zu kümmern, das Haus. Verschüchtert saß ich in einem Winkel, und schluchzte leise und furchtsam, bis mir die Augen vor Müdigkeit zufielen.

Am folgenden Morgen fand ich mich im Hause allein. Die Erinnerung an das blutige Ereignis, das bängliche Gefühl der Verlassenheit und der Hunger stürmten auf mich ein. Ich brach in Thränen aus und rief wimmernd um Hilfe – keine Antwort ward mir als die des Echos. Dieser qualvolle Zustand währte bis gegen Mittag. Um diese Zeit hielt ein mit Mann, Frau, Kindern und Hausgerät schwer bepackter Wagen vor dem Garten. Die Fremden drangen lärmend in das Haus, räumten unsere Habseligkeiten aus, warfen sie in einen wüsten Haufen vor die Thür, und zogen mit den ihren ein. Es war der neue Weinbergspächter mit seiner Familie. Eine Gerichtsperson schrieb die Tische und Stühle meines toten Vaters sorgfältig auf einen großen Bogen – um das trauernde Kind grämte sich aber keiner. Endlich kam gegen Abend ein alter Diener des Conte. Es war der Hausverwalter, den ich schon öfters bei den Besuchen der Herrschaft gesehen hatte. Er wechselte ein paar Worte mit den Ankömmlingen, musterte ihre Einrichtung und hieß mich ihm folgen. Es war dies der heilige Weihnachtsabend. Stumm und zagend schlich ich hinter ihm drein durch das Gewühl der nie betretenen Straßen. Alle hundert Schritt einmal wurde mein Führer von Bekannten angeredet; Jedem erzählte er laut und schonungslos meine Geschichte, und lenkte die Augen der Gaffer auf mich. Die Frauen riefen mir ein mitleidiges Poverello! nach, ein Schwarm von Straßenjungen schloß sich dem Zuge an – ich hätte vor Gram und Scham vergehen mögen. Endlich hielten wir vor einem weitläuftigen Palast in der Via de' Baullari, und stiegen die breiten, mit Marmorbildern geschmückten Treppen hinan, Der Verwalter zog mich durch eine Reihe hoher, hell erleuchteter Säle, deren Glanz und Pracht mich blendete. In einem der letzten Zimmer fand ich die Familie des Grafen Badalupo gereiht um ein herrliches Weihnachtskrippchen, welches für die kleine Benedetta errichtet worden war. Der Graf trat auf mich zu, strich mir wohlwollend die Locken aus der Stirn, und gab mir das Versprechen, wie er fortan für mich sorgen wolle, und ich einen gnädigen Beschützer an ihm haben werde, so lange ich gut und fromm bleibe. Das gelobte ich ihm auch mit kaum verhaltnen Thränen von ganzem Herzen. Hierauf kam die junge Gräfin gesprungen, und zog mich nach dem schönen von Wachskerzen strahlenden Presepio, zeigte mir das Jesuskind in der Wiege, und die zur Seite betende Madonna, den heiligen Joseph und all die bemalten Püppchen von Schäfern und Schäferinnen, welche zur Adoration des Bambino herbeigekommen waren. Der Stern des Morgenlandes glitzerte und funkelte in den Wolken; Schafe und Stiere standen um ein Brünnchen gereiht; der Hund schien lustig an dem Herrn empor zu springen. Ein so herrliches Schauspiel hatte ich noch nie erblickt. Hierauf traten die Hirten aus den Abruzzen mit Dudelsack und Schalmei ins Zimmer, bliesen das Jesuskind an, und zogen bann reich beschenkt nach dem nächsten Hause. Benedetta klatschte ein Mal über das andere in die Händchen und hieß mich auch lustig lein. Wir hoben die kleinen Puppen herab, stellten sie hin und wieder, und ließen sie zierliche Reden untereinander halten. Über das Spiel vergaß ich allmählich Kummer und Gram.

Den Morgen darauf führte mich der alte Hausverwalter im Auftrag des Grafen nach dem bei Santa Maria in Aquiro gelegenen Kollegio Salviati, jener vom heiligen Ignatius von Loyola für vater- und mutterlose Waisen gestifteten Anstalt, und übergab mich dem Pater Rektor. Ich wurde in die Zahl der Zöglinge eingetragen, und mit dem weißen Gewand, dem gleichfarbigen Gürtel und Hut bekleidet. Die neue Welt, welche sich mir aufthat, war eine freudlose. Unter den Hunderten der jüngeren und älteren Genossen war ich der schüchternste, ungelenkste, unwissendste. Ich fühlte mich so unglücklich, als sich ein neunjähriges Kind zu fühlen vermag – die klare Erkenntnis des Unglücks, das Festhalten derselben ist eins der traurigen Vorrechte des Alters. Es war nicht die Entbehrung der Liebe, welche mich niederbeugte – sie war mir ja nie zu teil geworden, vielleicht keinem der gleich mir verwaisten Gefährten weniger. Ich bangte nach der stillen Einsamkeit der Vigna, nach der freien Luft, nach dem Anblick des fernen Gebirges. Die auf die Straße gehenden Fenster des Kollegiums waren mit jenen hohen, schrägen Holzkasten, welche nur von oben Licht einlassen, versetzt; die übrigen ließen nur auf den finstern, kahlem Hof sehen. Sparsam nur wurden wir von den Abbati ins Freie geführt, und mußten dann paarweise, mit niedergeschlagenen Augen und gleichmäßig verschränkten Armen durch die Stadt nach einem abgelegenen Platze des alten Roms ziehen. Der Raum vor dem Kirchlein Santa Maria in Dominica, mit dem Beinamen della Navicella auf dem Monte Celio war meistens das Ziel unserer Wanderungen. Dort erklommen wir das kleine Marmorschiffchen, welches vor dem Portal aufgestellt ist, und rollten die Kugeln auf dem Boden hin. Der Gedanke, daß ich mich in jener Stunde für die ganze, lange Woche austummeln und ausjauchzen solle, verkümmerte mir alle Lust daran. Ich sah nur immer auf den Abbate, ob er nicht bald die Silberuhr hervorhaspeln und dem Spiel ein Ende gebieten werde. Jene Furcht vor der letzten Minute ließ keine Freude in mir aufkommen. So wurden wn auch während des Karnevals einmal auf den Monte Pincio geführt, und in die Gärten der Augustiner, welche späterhin in einen Spaziergang mit Treppen und Ballonen umgewandelt worden sind. Mich machte das laute Gewühl der Piazza del Popolo, das Jauchzen der Masken, daß Schnauben der Pferde, das Geschrei der ungeduldigen Menge stumm und traurig. Ich sah alle Menschen froh und glücklich, und konnte es nicht mit sein. Von Zeit zu Zeit besuchte mich der Pater Gregorio, prüfte meine Fortschritte und belobte mich jederzeit – hatte ich doch, ohne Ruhmredigkeit gesagt, in einigen Jahren den guten Mönch im Wissen eingeholt, wohl gar noch überflügelt. Auch der Verwalter des Grafen fragte oft nach meinem Ergehen, überbrachte mir freundliche Worte von seiner Herrschaft, und erzählte, wie Gräfin Benedetta sich in Pension bei den Benediktinerinnen zu Torre de' Specchi befinde, und ein leibhaftiger Engel an Schönheit und Güte geworden sei. Das Herz pochte mir mächtig bei jenen Berichten. Das Bild der lieblichen Kleinen schwebte mir deutlich vor: ich hatte sie mir immer nur als Kind gedacht, jetzt strebte ich sie in der Phantasie zur erblühen Jungfrau auszubilden, und bekleidete sie mit den Reizen einer schönen Madonna aus der altlombardischen Schule, welche in der Kirche Santa Maria in Aquiro hing. Vor ihr verrichtete ich am liebsten meine Andacht. Immer fester hatte der Entschluß, in ein Kloster zu gehen, bei mir gewurzelt. Mich graute vor dem stürmischen Treiben der Welt, vor der neuen Schule des Lebens, in welche ich, noch unwissender als einstmals ins Kollegium, treten sollte. Ich schwankte nur noch in der Wahl des Ordens – keiner schien mir streng und abgeschlossen genug.

So hatte ich mein neunzehntes Jahr erreicht. Die Zeit meines Austrittes aus der Anstalt war längst verstrichen, und nur das Fürwort oder die Beisteuer des Grafen hatte meinen längeren Aufenthalt erwirkt. Eines Tages ließ er mich zu sich rufen – es war das erste Mal, seitdem ich das Kollegium betreten hatte. Unterwegs erfuhr ich von dem geschwätzigen Diener, daß Gräfin Benedetta aus der Pension zurück sei, und sich nach dem Osterfeste mit dem alten, reichen Marchese de Cesaris vermählen werde. Die Verbindung sei schon seit Jahren beschlossen, jetzt aber erst bekannt gemacht worden. Mir flirrte es vor den Augen, und ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe. Kaum daß ich noch einige verwirrte Worte von plötzlichem Unwohlsein gegen den befremdeten Bedienten hervorstammeln konnte. Welches Gefühl aber mich so plötzlich überwältigte, konnte ich mir nicht sagen, und nur daß mein Leben kein ähnliches aufzuweisen habe, Benedetta war Braut, war die Verlobte eines reichen Greises! Ich mochte mich immerhin befragen, was denn dabei so außergewöhnliches sei, ob es nicht das Herkommen mit sich bringe, Töchter schon in der Wiege zu verloben, daß dem reichsten Freier allezeit der Vorzug gegeben werde, und vor allem, wie es mich, der ich die Gräfin kaum kenne, so mächtig ergreifen könne? Die Lösung des Problems blieb ich mir schuldig. Ich stand vor dem Grafen, Das wenigste, was er mir sagte, habe ich wohl verstanden, noch weniger ist mir davon erinnerlich geblieben. Ich glaube einige Belobigungen meiner bisherigen Führung vernommen zu haben, und wie das einsiedlerische Leben im Kloster mir nicht zuträglich sei. Er wünsche vielmehr, daß ich, nach Empfang der Weihen, in sein Haus ziehen und die Stelle eines Bibliothekars und vertrauten Sekretärs bei ihm übernehmen möge. Einwürfe zu machen war ich nicht imstande. Ich verbeugte mich stumm, und schwankte bewußtlos nach Hause. Erst auf meiner Zelle löste sich der Krampf, welcher meine Brust beengt hatte, in Thränenströmen auf. Ich sollte nicht in der Abgeschiedenheit der Zelle mein Leben beschließen, sollte mit ihr. Wenn noch nur auf Monate, unter einem Dache wohnen – und sie war Braut. Ich bebte vor dem Augenblick, wo ich Benedetta wiedersehen werde, und konnte ihn doch kaum erwarten. In diesem Seelenkampfe verwachte ich die Nacht, verträumte ich die folgenden Tage. Das einsame Leben, die Zurückgezogenheit von den Kreisen meiner Gespielen, allzu eifriges Studium, ein stetes Sinnen und Brüten hatte meine Nerven zerrüttet. Ich war kränker, als ich es ahnte. Wohl mochte der Graf recht haben, wenn er mich für das Klosterleben untauglich erachtete – kam aber nicht der Wechsel zu spät, war ich denn nicht noch ungefüger geworden, in die Welt zu treten?

Als Abbate betrat ich wieder den Palast des Grafen. Jener gefürchtete und doch so ersehnte Moment erschien. Bleich und zitternd lehnte ich mich in eine der Fensterbrüstungen, den Blicken der Übrigen durch den schweren Seidenvorhang entzogen. Benedetta trat ein. Erlaßt mir die Schilderung ihrer Schönheit. Jedes Wort, jede Bezeichnung erscheint mir schal und nüchtern; mit Romanenphrasen das holdselige Bild zu umspinnen, wäre Entheiligung. Ich bebte vor dem Augenblick, wo sie mich anreden werde. Sie ward mich nicht gewahr, und ich pries den Himmel dafür. Fern von ihr, an dem untersten Ende der Tafel lauschte ich stumm der weichen, klangvollen Stimme, dem Organ der Milde und Engelsgüte. Mein Herz glich der Äolsharfe und Benedettas Worte zogen wie leise, schmeichelnde Lüfte durch seine zitternden Saiten. Ich saß stumm und anteilslos an der Umgebung und ihren Gesprächen, und stammelte errötend unverständliche Worte bei jeder Anrede. Man legte es mir als klösterliche Blödigkeit aus, und störte mich nicht Weiler mit Fragen. Es vergingen einige Tage, ehe ich ihr vorgestellt wurde. Sie erinnerte sich noch des verwaisten Knaben, mit welchem sie am Weihnachtsabend gespielt habe – sie war so hold, so gut. »Ihr, Francesco, seid ein Gelehrter geworden«, setzte sie hinzu; »der Vater sagt es, alle Leute rühmen Euer Wissen, Ihr sollt mir nachhelfen – ich habe so vieles Versäumte noch nachzuholen. Die frommen Mütter von Torre de' Specchi verdammten wohl allzu streng die Werke unsrer göttlichen Dichter. Noch kenne ich nicht den Tasso, nicht den Dante. Und jetzt soll ich in die Welt treten, und fühle nur zu sehr, was mir fehle. Nehmt mich zu Eurer Schülerin an, Ihr sollt eine willige, aufmerksame in mir finden. Macht mir die Freude, Francesco?« – Sie stand vor mir, den schlanken Leib vorgebeugt, die Hände wie zur Bitte gefaltet – ich blickte in ihr dunkles, schwärmerisches, von römischem Feuer glühendes Auge, sah den schönen Kopf, um welchen die füllreichen, goldgelben Locken, das Erbteil ihrer deutschen Mutter, nach der Mode jener Zeit, welche sich wiederum dem Altertume näherte, frei wallten. Was soll ich Euch ferner sagen? Die verzehrendste Leidenschaft, deren ein Jüngling, ein Schwärmer fähig ist, hatte sich meiner bemächtigt, – Die hoffnungsloseste, unseligste – die der vom Mitleid des Gönners abhängigen Waise, eines Nichts, des sein Gelübde brechenden Geistlichen, zu der Tochter des Grafen, des Wohlthäters, zu der verlobten Braut. Nächte lang habe ich vor dem Bilde der Himmelskönigin gelegen, und sie mit heißen Thränen um Rettung aus diesem Elend angefleht, um den Tod, als die einzige Heilung für mein unglückliches Herz, Ich glaubte den Kelch schon geleert zu haben, und meine Lippen berührten erst dessen Rand.

Zu jener Zeit wehte das fränkische, dreifarbige Banner von der Engelsburg, Der heilige Vater war als Gefangener nach Valence fortgeführt, und das mit giftigem Spott zum Freistaat ernannte Land seufzte unter der eisernen Rute des übermütigen Siegers. Eine dumpfe Gährung herrschte unter dem Volke; es glühte vor Begierde, die fremden Ketten zu sprengen. Eine weitverzweigte Verschwörung, deren Herd in Neapel glimmte, hatte sich gegen die Franzosenherrschaft gebildet. Die angesehensten Familien waren darin verflöchten, Graf Badalupo einer der Häupter derselben. Durch, meine Hand ging der Briefwechsel, ich war der unverdächtige Überbringer der geheimsten Botschaften. Der Graf hatte mir sein volles Vertrauen geschenkt; ich war an ihn durch zu innige Bande gekettet, als daß er meiner unverbrüchlichen Treue nicht hätte gewiß sein sollen.

So ward denn eine neue, bange Sorge auf mein schon ohnehin so hart bedrängtes Herz gewälzt. Ich erkannte das Gewagte des Unternehmens, sah sein Mißlingen vorher, und meinen Beschützer mit den andern in den Abgrund stürzen, Benedetta ahnte in ihrer kindlichen Unbefangenheit von nichts. Waren die Nachmittagsstunde dem Gewebe jener düsteren Fäden gewidmet, so waren es die des Vormittags, in denen ich vor ihr erschien und ihr die Dichterwerke unseres Parnasses erläutern durfte. Gefoltert von der wahnsinnigsten Leidenschaft, zerrissen von den widerstreitendsten Empfindungen, selig in der Nähe der heiß Geliebten, erdrückt von dem Bewußtsein meiner Strafbarkeit, waren jene Stunden mir Hölle und Himmel, Sie blieb allezeit freundlich und gütig gegen mich. Empfand sie für mich nur jene Liebe, mit der sie die gesamte Menschheit umfaßte, fühlte sie Mitleid mit meinem qualvollen Zustand, welcher sich allzu deutlich in meinem äußern Wesen abspiegelte, als daß er auch dem unbefangensten, kindlichsten Gemüt hätte entgehen können, hatte sie mit jenem weiblichen Scharfsinn, welcher auch die Reinste die für sie gehegte Leidenschaft erraten läßt, einen tieferen Blick in mein Herz gethan? Dies waren die Fragen, an deren Lösung ich verzweifelte. In der Verbindung mit dem Marchese, einem verglasten, frühzeitig gealterten Greise, schien sie nur die von ihrem Range bedingte Notwendigkeit zu sehen, und allzu frühzeitig schon mit diesem Gedanken vertraut gemacht worden zu sein, als daß sie sich in ihm hätte unglücklich fühlen sollen.

Der Karneval war herangekommen. Er ward glänzender als jemals gefeiert. Die fremden Sieger glaubten sich dem Volke zu nähern, indem sie durch glänzende Feste seiner Leidenschaft schmeichelten und dessen Taumel zu teilen suchten, während die römischen Großen wiederum ihrerseits die verhaßten Eindringlinge in Pracht und Verschwendung zu übertreffen strebten, und auch durch den Schein, sich ausschließlich den Karnevalsfreuden hinzugeben, die Wachsamkeit des Feindes einzuschläfern und ihre Pläne nur so sicherer zu vollführen hofften. Jener laute Jubel stand in zu schroffem Kontrast zu meinen Seelenleiden, als daß ich ihn hätte teilen mögen. Ich war noch nicht auf dem Korso erschienen. Benedetta gab sich den phantastischen Freuden der Woche mit der Begeisterung der Jugend, der Römerin hin, Sie hatte ausdrücklich von mir verlangt, daß ich wenigstens einmal dem bunten Schauspiele beiwohnen solle, daß ich mich in Maske zeigen möge. Eines Morgens ward mir von ihrer Seite ein seidener Tabarro überreicht Ich eilte, ihr meine Danksagungen darzubringen. Sie ließ mich nicht zu Worte kommen, ermahnte mich, heiter scherzend, das Leben zu genießen, die hypochondrischen Wolken, welche meinen Horizont verdüsterten, zu zerstreuen, und griff dann zum Dante, um unsere gemeinsame Lektüre fortzusetzen.

Es war der fünfte Gesang der Hölle. Die Schatten der Francesca von Rimini und ihres Geliebten schwebten im trüben, gleichen Fluge heran. Der Dichter befragt sie um ihre Schicksale, und wie sich jene unselige Leidenschaft in ihr Herz geschlichen habe. Sie erwidert:

No leggevamo un giorno per diletto
Di lancilotto, come amor lo strinse!
Sol eravamo e senza alcun sospetto.

Die Wirklichkeit vergegenwärtigte die Dichtung. Sie war ja die reizende Francesca, ich der liebeglühende Paolo. Auch wir waren zum erstenmal allein und unbelauscht. Jedes der harmonischen Worte tönte wie aus meiner innersten Seele. Mit hochklopfendem Herzen, mit bebender Stimme las ich weiter:

Per più fiate gli occhi ci sospinse
Quella lettura, e scolorocci 'l viso:
Ma solo un punto fu quel che ci vinse.
Quando leggemmo il disiato riso
Esser baciato da cotanto amante:

Questi, che mai da me non fia diviso La bocca mi bació tutto tremante: – –

Das Buch entsank meinen Händen – vom Liebeswahnsinn ergriffen, fiel ich Benedetta um den Hals – meine durstigen Lippen berührten ihre Wange, sie riß sich von dem Rasenden los, warf ihm einen zürnenden Blick zu und verschwand. Ich war vernichtet. In einem Zustand bewußtloser Erstarrung blieb ich zusammengesunken mit der Stirn auf dem Tisch liegen – wie lange, weiß ich nicht.

Da stürmte Aurelio, ein Hausgenosse und Verwandter des Grafen, durch das Zimmer, sah mich in meiner unbeweglichen Stellung, trat auf mich zu und brach in ein schallendes Gelächter aus: »Nun fürwahr,« rief er, »das nenne ich mir eine rechte Faschingstollheit, sich überall suchen und vergeblich bei Tisch erwarten zu lassen, sich in das Zimmer meiner Cousine zu verkriechen, um seine Rolle einzustudieren, und vor lauter Studium den Karneval selber zu verpassen. Hurtig, tummle Dich, Francesco, wirf Dich in Dein Kostüm. Die Glocke des Kapitols hat schon geläutet, die Wache ist durch den Korso geritten, und aus allen Häusern schlüpfen die niedlichsten Mäskchen hervor.«

Er riß mich vom Sessel auf und mit sich fort. In dumpfer Betäubung ließ ich den Ungeduldigen schalten, meine Maske mir überwerfen, und in das wildeste Gedränge der Thoren mit fortziehen. Wie ein Nachtwandler schritt ich durch den Tummelplatz des Mutwillens und der Ausgelassenheit, ohne den überall herabssprühenden Confetti-Regen zu fühlen, ohne Pulcinellas Gequak, die Deklamation des Dottore zu vernehmen. Da tönte von allen Seiten der begeisterte Ruf: » O quanto è bella!« in mein Ohr – ich blickte auf – ich sah Benedetta strahlend vor Schönheit und Freudigkeit in dem langsam vorüberfahrenden Wagen stehen. Sie war ohne Gesichtsmaske; den schlanken Körper umspannte das reizende Gewand eines mittelalterlichen Edelknaben; vom Samtbarett nickte die Straußenfeder, und die goldenen Locken flossen in fessellosen Ringen über den Nacken.

Ihr kennt jenen eigentümlichsten Reiz der Römerinnen, den des zwiefachen Gesichts, welchem schon die Alten unter dem Symbol der doppelt blickenden Venus huldigten, die Ehrfurcht gebietende Würde, welche auf der Stirn unserer Frauen thront, und die Vertraulichkeit des Fremden zurückscheucht, – den Gruft der Kirchengängerin, des an öffentlichen Orten sich zeigenden Weibes. Seht sie aber der Lust des Tanzes sich hingebend, dem Taumel des Karnevals, der Schwärmerei der Liebe, seht jenes ernst blickende, dunkel glühende Auge von lodernder Glut strahlen, von feuchtem, zärtlichem Schimmer verklärt, seht jenes süße, unwiderstehliche Lächeln, welches um ihre Lippe erblüht, und Ihr werdet an der Einheit der schnell wechselnden Gesichter irre werden. Die sich meiner Raserei entziehende Benedetta hatte mich jene junonische Würde des gekränkten Stolzes sehen lassen – jetzt schaute ich eine von Jugendfreudigkeit verklärte, entzückte und entzückende Armida.

Ich breitete die Arme nach dem bezaubernden Bilde aus, ich stimmte in den Jubettuf der Menge: »Quanto è bella!« mit ein. Benedetta wandte sich um und warf mir mit dem holdseligsten Lächeln einen vollen, duftenden Veilchenstrauß zu. Ich fing die Blüten auf, preßte sie an meine Lippen, riß mich von meinem Begleiter los und taumelte neben dem Wagen: »Benedetta dal cielo« jauchzend, bis mich ein neuer Maskenschwarm abdrängte und die Geliebte in dem Gewühl meinen Blicken entschwand. Sie hatte mich erkannt, sie hatte mir vergeben!

Ich warf mich in eine Nebengasse. Das Herz war mir zu voll, um länger unter dem betäubenden Geschwirr der schellenlauten Menge ausdauern zu können. Aber auch in den entfernteren Straßen zogen Maskenschwärme hin und wieder, und trieben in dem freieren Raume ihre Thorheiten nur um so mutwilliger. Eine Schäferin vertrat mir mit den üblichen Maskenscherzen den Weg. Zu wenig gewandt, um ihr mit gleicher Münze zu zahlen und ihr zu entschlüpfen, blieb ich verlegen stehen. Sie hing sich lachend an meinen Arm, machte die Maskenfreiheit geltend und zog mich dem Korso zu. Ich fühlte mich von der Vertraulichkeit der Fremden peinlich bedrückt, um so mehr, als sie meine Verhältnisse genau zu kennen schien und sich in beißenden Spott über ihren hölzernen Gefährten ergoß. Verstummend schlich ich ihr zur Seite. Plötzlich ließ sie, wie beleidigt von meinem geringschätzigen Stillschweigen, meinen Arm fahren und rief: »Ich sehe schon, eine Schäferin ist für den Herrn Abbate zu gering, als daß er sie seiner Aufmerksamkeit würdigen sollte. Mit der schönen Grafentochter kann sie freilich nicht in die Schranken treten, und dem schmachtenden Lehrmeister, der für seinen Unterricht so süßen Lohn empfängt, kann ich es freilich nicht verdenken, wenn er der reizenden Schülerin treu bleibt.« – »Wer hat Euch das verraten?« stammelte ich erschrocken. – »Ihr selber durch Euer Bekenntnis!« lachte die Schäferin, und verschwand mit neckendem Abschiedsgruß unter dem nächsten Haufen.

Noch hatte ich mich nicht von meiner Bestürzung erholt, als ich von einer andern, als Matrose gekleideten, Maske angeredet wurde. Sie ließ mich nicht lange in Ungewißheit, mit wem ich es thun habe, und gab sich mir als einen einstigen Schulgefährten zu erkennen. Er hieß Carlo und war lange Zeit mit mir im Kolleggio Salviati gewesen. Damals hatte er den Ruf eines unruhigen, ränkevollen Buben. Er war mir immer fern geblieben – nach seinem Austritt aus der Schule hatte ich ihn ans den Augen verloren. Er hatte von meiner Stellung in dem gräflichen Hause gehört, pries mein gutes Glück, verklagte den ihn verfolgenden Unstern, der seinem Fortkommen überall hinderlich sei, nannte mir die ferneren Schicksale anderer Schulgenossen, und zog mich endlich, meines Widerstrebens nicht achtend, nach einer nah gelegenen Fiaschetteria, um, ungestört vom wilden Treiben, bei einem Glase Orvieto ein Stündchen verplaudern, und uns der Erinnerung alter Zeiten freuen zu können.

Das Gespräch nahm bald eine ernstere Wendung und lenkte sich ans die Verhältnisse der gegenwärtigen Zeit. Carlo sprach unverhohlen seinen glühenden Haß gegen die Herrschaft der Franken aus, sehnte den Tag herbei, wo Italien das Joch der fremden Unterdrücker abwerfen werde, und verkündete ihn als einen nicht mehr fernen. Mit leiser Stimme bat ich ihn, seine Heftigkeit zu zügeln; ich warnte ihn vor den überall sich einnistenden Spionen des Gouvernements. Er lachte wild trotzig vor sich hin, musterte mich dann mit einem ganz eignen, spottenden Blick und sagte: »Gebärdest Du Dich doch harmlos und unwissend wie ein neugebornes Kind. Graf Badalupo konnte wahrlich keinen bessern Vertrauten wählen. Wohl hast Du recht, mich zur Vorsicht zu mahnen, und über Dein Geheimnis den dichtesten Schleier zu werfen. Glaub' aber nicht, daß ich gegen einen andern als Dich meine Gedanken so frei ausgesprochen haben würde. Deiner bin ich sicher, wie Du es meiner bist. Mitspieler dürfen die Masken schon gegeneinander lüften.« – Zu meinem größten Erstaunen gab er mir das Bundeszeichen eines der geheimeren Grade, und sich als Eingeweihten zu erkennen. Das meiste war ihm bekannt, von vielen unserer Mitglieder und ihrem thätigen Eingreifen wußte er sogar mehr als ich. Über manche Verhältnisse war er dagegen im Irrtum, namentlich über die meines Grafen. Das gegebene Zeichen des Bruderbundes und Carlos genaue Mitwissenschaft beschwichtigte alle Bedenklichkeiten. Meine Lebensunkenntnis, die geistige Aufregung des Tages, vielleicht auch der ungewohnte Genuß des Weines löste meine Zunge. Ich fühlte mich verpflichtet, das Falsche in Carlos Ansichten zu berichtigen, das wahre Sachverhältnis zu offenbaren, und besonders den Grafen vor jeder Mißdeutung zu sichern. Ich gab mich ganz offen, und sprach mich ohne Rückhalt aus. Ihr werdet mich meiner weibischen Plauderhaftigkeit, meiner unglaublichen Schwäche halber verachten. Ihr dürft es. Noch jetzt kann ich meine ungeheure Verblendung nicht fassen. In einer und derselben Stunde hatte ich das Geheimnis meines Herzens, das meines Gebieters preisgegeben, das Schicksal der Geliebten, ihres Vaters, das so vieler Tausende von der Willkür eines Dritten abhängig gemacht. Ich schauderte, wenn ich mir die möglichen Folgen meines Leichtsinns vergegenwärtigte. Jener geistige Rausch, der mich zum Schwätzer gemacht hatte, war verflogen. Ich verstummte; keins der Schmeichelworte Carlos wollte mehr verfangen. In einer entsetzlichen Beklemmung schied ich, gedachte mit Beben des Augenblicks, wo ich Benedetta und ihrem Vater, den schmählich Verratenen, unter die Augen treten sollte, und durchwachte die Nacht, gefoltert von den finstersten Ahnungen.

Die ersten Strahlen der Morgensonne begannen eben zu dämmern, als ein verworrener Lärm mich ans Fenster lockte. Eine Abteilung französischer Soldaten umringte den Palast und stieß klirrend die Kolben auf das Pflaster; Gensdarmen schwangen sich aus dem Sattel, pochten an das Thor und drangen stürmisch ein. Schüchtern lauschten die Nachbarn an den Fenstern – Seufzer und Verwünschungen tönten durch die Dämmerung. Nach wenigen Minuten ward der Graf im Nachtkleide aus dem Hause geschleppt und auf einen bereit gehaltenen Karren geworfen. Noch einen Blick warf er nach dem Balkon, wo seine Gattin und Tochter verzweifelnd die Hände rangen – die Karabiniere sprengten mit dem Wagen davon – das Wehgeschrei Benedettas klang in mein Ohr – von Entsetzen überwältigt sank ich besinnungslos zu Boden.

Ich erwachte in einer finstern, vergitterten Zelle, und sah mich auf einem Strohkissen liegend, bekleidet mit grober Zwillichjacke, und die Hände mit ihren langen Ärmeln rückwärts gebunden. Ich konnte mich nicht bewegen. Durch das Gitter schaute der klare, blaue Himmel, und der vom Winde geschaukelte, fruchtschwere Zweig eines Feigenbaums. Wo war ich? Was war mit mir vorgegangen? Vergeblich strebte ich, mir über die Vergangenheit Rechenschaft zu geben. So oft ich zurückblickte, wirrte und wogte gewitterschwarzes Gewölk vor meinen Augen; dann und wann zuckte wieder ein flüchtiges Bewußtsein wie ein falber Blitz durch die Nacht, um spurlos wieder zu verlöschen. Langsam, langsam tauchten einzelne Erinnerungen vor meiner Seele auf. Ich gedachte des gräflichen Palastes, der Karnevals-Zeit; meine Gedanken reichten nur bis zum Winter – ich war im Sommer wieder erwacht, und im Kerker. Ich fühlte die Ohnmacht, das Unerklärliche zu erklären, und versank in stumpfe Resignation. Nach einer Weile öffnete sich die Thür. Ein Geistlicher trat ein, musterte mich schweigend, befühlte meinen Puls, vernahm meine Fragen und entfernte sich wieder, ohne mir Rede gestanden zu haben. Kurz darauf kamen andere Männer, befreiten mich von dem qualvollen Zwang und geleiteten mich in ein helles Zimmer. Laßt mich über die leisen, zögernden Übergänge bis zur völligen Wiederkehr meines klaren Bewußtseins hinwegeilen. Wochen vergingen, eh' ich es völlig erlangte, bis ich vernehmen konnte, daß ich, infolge eines Nervenfiebers, in Wahnsinn verfallen und nach dem Ospedale de' Matti auf der Lungara gebracht worden sei. Ich hatte in Ketten geras't, und war von den Ärzten aufgegeben worden. Fünf Monate lang hatte jener trostlose Zustand gewährt. Ich genas – der Tod wäre eine zu milde Strafe für meinen Fehltritt gewesen.

Ich eilte nach dem Palast des Grafen – er war verödet. Ein alter Bettler, einst Diener des Hauses, erzählte mir, wie der Graf als Verschworner nach Frankreich abgeführt worden sei, und Benedetta im Kloster der adligen Fräulein von Domenico e Sisto den Schleier genommen habe. Carlo war ein Emissar der französischen Machthaber gewesen und hatte meine Unerfahrenheit benutzt, um Gewißheit über den schon längst gegen den Grafen Badalupo genährten Verdacht zu erlangen. Der Marchese de Cesaris war zurückgetreten. Ob ihn zu diesem Schritt die Scheu bewogen, sich mit der Tochter eines Geächteten, dessen Güter eingezogen waren, zu verbinden, ob jene Schäferin-Maske, welche mir mein Liebes-Geheimnis entriß, es veröffentlicht habe, blieb mir unbekannt. Mein Gewissen wälzte mir auch diese Schuld zu. Ich hatte das Lebensglück meines zweiten Vaters, meiner Geliebten gemordet. Für meinen Zustand giebt es keine Worte. Ohne Obdach, ohne Freunde, ohne Angehörige, unter der Last der Selbstverachtung erliegend, war in Rom keines Bleibens mehr für mich. Ich schritt aus dem Thor, ohne zu wissen, wohin. Wie von den Furien gegeißelt, floh ich durch die Wüstenei der Campagna. Erst als die Kuppel des Petersdoms hinter den kahlen Hügeln verschwunden war, hielt ich an, warf mich auf den Boden, raste gegen mich selber, und flehte zu allen Heiligen, ohne Beruhigung im Gebet zu finden. Der Tod hatte mich verschmäht. Ich gedachte in einem Kloster mich den Augen der Menschen zu verbergen – die fränkischen Usurpatoren hatten die Zellen gesprengt, ihre frommen Bewohner in die Welt hinaus gestoßen. Da war es, wo ich bei mir das heilige Gelübde ablegte, auch ohne Klosterzwang als Mönch, als Trappist mein Leben zu beschließen, die Frevel meiner Zunge durch Entsagung der Sprache zu strafen, auf immer zu verstummen. Könnt Ihr es ahnen, wie schwer, wie schmerzlich es sei, der Mitteilung entsagen zu müssen, um wie viel fürchterlicher es noch sei, freiwillig auf sie zu verzichten, der stündlich, ja jeden Augenblick wiederkehrenden Versuchung zu widerstehen, den Gruß der Liebe, – waren ihrer auch nur wenige – unbeantwortet zu lassen? Ich habe den Kampf siegreich durchgekämpft, mein Gelübde gehalten. Ihr seid der erste, der einzige Sterbliche, welcher von meinem Vergehen, von meiner auferlegten Buße eine Ahnung hat. –

Wenige Worte umfassen meine ferneren Schicksale. Ich irrte nach Civita-Vecchia. Ein barmherziger Samariter – es war ein deutscher Kaufmann – nahm sich meiner an. Schriftlich erklärte ich auf seine Fragen, wie ich ein heimatloser Flüchtling sei. Er mochte den Glauben hegen, als habe ich die Rache der Franzosen verwirkt – ich vermochte nicht, ihm seinen Wahn zu rauben. Er verschaffte mir Mittel, nach Eurer Vaterstadt zu wandern, und dort in der Verborgenheit mein Leben, wie Rousseau, durch Abschreiben von Noten zu fristen. Weiteres habe ich Euch nicht zu berichten. Ich fand Euch, ich scheide von Euch – mit thränenden Augen. Die Heiligen des Himmels mögen Euch leiten und schirmen! Lebt wohl! – –

So weit die Bekenntnisse des Römers. Als ich nach Jahresfrist zurückkehrte, galt mein erster Gang der alten Weinstube, meine erste Frage dem Stummen. Seine Ahnung hatte ihn nicht getäuscht. Dem freiwillig Verstummten hatte der Tod den Mund auf immer geschlossen.

 

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