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Novellen und Erzählungen

Franz Freiherr von Gaudy: Novellen und Erzählungen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFranz von Gaudy
titleNovellen und Erzählungen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeVierter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100825
projectid31f4dc0c
status1
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VIII

Die Lebensüberdrüssigen

In dem räumigen Salon des Landhauses von Hauteuil reihten sich an einem der regnigen Oktoberabende des Jahres 1668 drei Männer um den weiten Kamin, in dessen Flammenrachen große Bündel dürrer Weinreben knisternd und prasselnd in Asche zerfielen.

Besonders empfänglich für die wohlthuende Wärme, die der Glut entströmte, schien der Ältere der Gesellschaft zu sein, ein Vierziger, welcher den Tisch, auf dem ein Teller mit Reisbrühe von dem halbvollendeten oder unterbrochenen Nachtmahle des Kränkelnden zeugte, so nahe als möglich an die Flamme gezogen hatte, sich fester in seinen samtenen Schlafrock wickelte und die Füße abwechselnd dem Eisengitter, welches die Kohle zusammenhielt, näherte. Eine große dunkelbraune, feinduftende Perücke, nach der Mode der Zeit weit über die Schultern in tausenden von Löckchen und Ringeln wallend, umschloß ein regelmäßiges, edelgeformtes, aber blasses Gesicht, dessen Hauptzierden hochgewölbte Angenbrauen, dunkle Augen, deren Glanz ein schwärmerischer, feuchter Schimmer zu mildern schien, und ein weicher, von kurzem Stutzbart umgebener Mund waren.

Ihm zur Seite, den Rücken dem Feuer zukehrend, stand ein junger, höchstens achtzehnjähriger, jedoch weit über sein Alter hinaus entwickelter Mann, schon jetzt das Bild einer schönen, füllreichen, kräftigen Heldengestalt, für deren Jugend nur die freundlichen Züge des anmutigen Gesichts, die frische, bartlose Lippe, der Glanz des schalkhaften braunen Auges sprachen. Das Ebenmaß seiner Glieder wurde durch die damalige geschmacklose Tracht eines Elegants eher verhüllt als gehoben. Aber die Blicke des Wohlgefallens und der Selbstzufriedenheit, welche der Jüngling von Zeit zu Zeit auf seine Bekleidung fallen ließ, so oft er die feinen Spitzenmanschetten der gestickten Riesenärmel weiter hervorzupfte, oder die lange Halsbinde über der Drapd'or-Weste in neue zierliche Falten brach, wenn er die Hunderte von Bändern und Schleifen, welche seine Beinkleider den canons verknüpften, musterte, oder gar auf den zierlich abgestumpften Schuh mit der ungeheuren Bandrose blickte, und von Zeit zu Zeit den kleinen dreieckigen Hut lüftete, um ihn wieder in die braunen Wellen der Perücke zu begraben – alle diese Bewegungen schienen von keiner Ahnung des Mißvergnügens über die verunstaltende Tracht, und wohl eher von einer jugendlichen, leicht verzeihlichen Eitelkeit auf die gesuchte Eleganz seines hofmännischen äußern Wesens zu zeugen.

Der Gegenstand der Beobachtung beider Männer war der dritte, ein Jüngling, dessen wohlgebildetes Äußere wenig dem des bereits geschilderten Stutzers nachgab, dessen schlichte dunkle Perücke jedoch, ebenso wie der schwarze, der Zieraten völlig entbehrende Anzug, hinreichend auf den Unterschied der Stände hindeutete, wenn der aufmerksame Beobachter diesen nicht schon allein aus der befangeneren Art der Handbewegungen und der Körperstellung während der Deklamation, welche der junge Manu soeben emphatisch vortrug, erraten hätte.

Er hatte soeben die Rede des Nikomedes:

Te le dirai-je, Araspe, il m'a trop bien servi,

häufig von dem Bravorufen des Jüngern unterbrochen, beendet, während der ältere der Zuhörer den Kopf fast unmerklich wiegte und die begleitenden Gesten durch heimliches Spiel der Finger zu kritisieren schien, »Schon genug, genug, lieber Freund,« rief jetzt der letztere beim Schluß der Tirade. »Ich sehe, es fehlt Ihnen keinesweges an Anlagen und nur an Ausbildung nach besseren Mustern als die Monfleury, Beauchateau, Hauteroche und dergleichen, deren schwülstiges Hervorgurgeln der Worte, deren windmühlenflügelartige Armbewegungen Sie sich angeeignet haben.«

»Aber mein Herr« –

»Schon gut, ich weiß, was Sie sagen wollen. Die genannten Schauspieler finden Beifall, werden beklatscht – ja, sie wissen durch ihre langgezogenen Pausen und erschreckenden Gesten dem betäubten Zuschauer sehr Wohl anzudeuten, wann er zu applaudieren habe – aber dies alles macht noch nicht den Bühnen-Künstler. Wo würde wohl jemals ein König, wenn er sich mit seinem Vertrauten unter vier Augen befände, um diesem ein Geheimnis mitzuteilen, wie ein Tollhäusler hantieren, wo würde er wie ein öffentlicher Ausrufer schreien, die Arme in die Hüfte stemmen, die Beine spreizen, und dergleichen Unziemlichkeiten mehr sich zu Schulden kommen lassen? Doch hiervon wollte ich nicht reden. Ick wiederhole es. Sie haben Anlagen, es fehlt Ihnen nicht an Gefühl für poetisch Schönheiten, und es könnte binnen kurzer Zeit ein recht wackerer Schauspieler aus Ihnen werden.« –

»Ein ausgezeichneter, eine Zierde der Bühne!« setzte der Mann am Kamine hinzu.

Der Ältere warf ihm einen mißbilligenden Blick zu und fuhr gegen den Deklamator fort: »Ich will auch Ihren Beteuerungen, daß Sie eine mächtige Sehnsucht fühlen, unseren Stand zu ergreifen, Glauben beimessen; ja –ich will ganz aufrichtig sprechen: Sie scheinen Beruf zu demselben zu haben, Dessenungeachtet widerrate ich Ihnen auf das ernstlichste, sich der Bühne zu widmen.«

»Ist es möglich, Herr Molière,« stammelte der Angeredete. »Sie widerraten mir?«

»Ist es möglich?« rief zu gleicher Zeit der junge Elegant,

»Liebes Kind,« entgegnete Molière – denn er war es, welchen der Schwarzgekleidete zum Schiedsrichter aufgerufen hatte – zu dem jungen Stutzer gewandt: »Liebes Kind, Du siehst, daß Herr Berlon nicht Dich, sondern mich um Rat fragte, Erlaube daher, daß ich als ehrlicher Mann und frei von den Vorurteilen meines Standes die verlangte Auskunft gebe. Sein freier Wille möge sich späterhin für meinen Ausspruch, oder für den Deinigen, Baron, der seinen Neigungen vielleicht mehr schmeicheln dürfte, entscheiden.«

Baron, der schon damals berühmte Schauspieler, wandte sich unwillig ab, und es war augenscheinlich, daß nur die seinem Pflegevater Molière schuldige Ehrfurcht ihn abhielt, die Verteidigung seines Standes, für welchen er so enthusiastisch eingenommen war und dem er noch eben ein so fähiges Mitglied, als den jungen Berlon, zuzuführen gedachte, zu übernehmen.

»Aber, Herr Molière,« fragte betroffen der Dilettant, »Sie, dessen unverdient gütiges Urteil mir schon so viel, wie Fähigkeiten und richtiges Gefühl, zugesteht, der Sie an mir bloß einige üble Angewohnheiten, deren mich zu entkleiden ein Leichtes sein wurde, tadeln – Sie sind es, der mich von einer Laufbahn, zu welcher mich mein ganzes Herz zieht, zurückhalten will? Ich hatte mich von dem Direktor der königlichen Gesellschaft wahrlich eines andern Ausspruchs versehen.«

»Leicht möglich,« erwiderte Molière mit trübem Lächeln, »Aber dies Eine beantworten Sie mir nur, Herr Berlon: Auf welche Weise gelangten Sie zu der bewiesenen, bei einem Anfänger wahrhaft seltenen theatralischen Fertigkeit?«

»Mein Vater,« antwortete der Jüngling, »ein wohlhabender Advokat in Paris, hat bei meiner Erziehung keine der mir angeborenen Anlagen übersehen zu dürfen geglaubt. Die Lehrer, welche mich späterhin im Collège des quatre nations unterwiesen« –

»Wie?« unterbrach ihn Molière hastig,« Sie sind der Sohn rechtschaffener, begüterter Eltern, Sie haben eine ihrer Geburt angemessene Ausbildung genossen, und erwählen einen Stand, der nur die Zuflucht Derjenigen ist, welchen keine weitere übrig bleibt? Junger Mann, bedachten Sie nicht, daß die Bühne betreten, den Dolch Ihren würdigen Eltern ins Herz stoßen heiße? O glauben Sie mir, dem Erfahrnen, daß ich mir schon die bittersten Vorwürfe gemacht habe, der früheren Laufbahn ungetreu geworden zu sein, daß ich, wenn es mir möglich wäre, umzulenken, daß ich dem Theater mich nimmermehr widmen würde, Glauben Sie es mir, der ich unter Tausenden von Schauspielern noch das große Los errungen. Bethört auch Sie der unselige Schimmer unseres Standes? Ja, es ist wahr, wir werden von den Großen aufgesucht; sie gehen mit uns wie mit ihresgleichen um – in der That aber sind wir nur die Sklaven, die schmählichen Sklaven ihrer Vergnügungen, ihrer Launen. Die Mehrzahl unsrer Mitbürger verkennt unsre Bestrebungen, mißachtet sie, ja verachtet wohl gar, der Ausschweifungen unwürdiger Mitglieder halber, unsern ganzen Stand, Wären Sie, mein Herr, in bedrängten Umständen, so dürften Sie auf mich, als den eifrigsten Förderer Ihres Vorhabens, rechnen – jetzt aber bekenne ich, daß ich im Gegenteil Ihnen offen in den Weg trete, daß ich alles anwenden werde, um Ihren unglücklichen Vorsatz zu bekämpfen.«

Der junge Berlon brachte stotternd und verlegen noch einige Gründe vor, um den strengen Urteilsspruch zu mildern, als er durch das unerwartete und geräuschvolle Hereinstürmen einiger Freunde des Wirts in seinen ferneren Erörterungen gestört wurde.

Verschobene Perücken und Halsbinden, Flecken und Falten in den feinen brodierten Anzügen, die in ihrer Steifheit und Unbeholfenheit jede unregelmäßige Handlung und Bewegung verhindern, wenigstens augenblicklich ahnden zu wollen schienen, mehr aber noch die glühenden Wangen und unruhig funkelnden Augen, waren ebenso viel Verräter des Ortes, den die Eintretenden kürzlich erst verlassen hatten.

»Molière,« rief der zuerst Hineinbrausende, ein kleiner be- weglicher Man», aus dessen Zügen ebenso viel Genialität als Zügellosigkeit sprach, indem er den vergebens sich Sträubende» zu wiederholten Malen umarmte. »Molière, wir kommen soeben, la Fare, du Croisy, Brécourt und ich aus dem Cabaret zur Sirene. Ich schwöre Dir zu: der oeil de perdrix war göttlich« –

»Auf Ehre, deliziös!« pflichteten la Fare und die beiden andern dem Sprecher bei.

»Ich habe aber,« fuhr dieser fort, »mit unserm Marquis gewettet, der Deinige übertreffe ihn bei weitem im Petillieren, im Feuer« –

»Sollte es dessen wohl noch bedürfen?« flocht Molière trocken ein.

»Allerdings,« versetzte sein Freund hitzig, »allerdings. Sieh nur, ich meine hauptsächlich die zweite Periode des Schmeckens beim Weine, die Reaktion der edlen Flüssigkeit, das Mild-Durchglühen des Venensystems, das lebendige Hervortauchen der Weingeister, den seelenvollen Kampf derselben mit den trägen Wutwellen, das Unterliegen, das Fortgerissenwerden der letztern« –

»Dein Wein,« unterbrach ihn der Marquis la Fare, »unterscheidet sich hauptsächlich und preisenswürdig vom dem des Cabaretier dadurch, daß er nichts kostet, wie du Croisy auf dem Herwege sehr verständig bemerkte, und worin ich ihm trotz des phantastischen Wortkrams unsers Chapelle völlig beipflichte.«

»Sei ihm nun, wie ihm wolle,« fügte der Dichter hinzu, »wir sind nach Hauteuil gekommen, um unsere Ehrensache aufs reine zu bringen, und Du, Molière, sollst dabei präsidieren.«

»Aber was Teufel,« fiel Brécourt ein, »Sie halten wohl hier eine medizinische Konsultation? Dieser junge, schwarzgekleidete Herr« – –

»Haha!« lachte la Fare, »rächt sich die Arzneikunde endlich an ihrem ewigen Spötter? Gut, auch bei einem concilio medico sind wir nicht überflüssig. Allons! Chapelle, fasse den Puls des Patienten, Quid dicis

» Ajo,« lachte der Humorist, »daß dieser Puls der Puls eines eingebildeten Kranken sei, eines liebe» herrlichen Freundes, der keinen andern Feind als sich selber hat, den ich heute zwingen werde, sich in Strömen roten Champagners mit sich selber und der Welt zu versöhnen, den« –

»Alter Jugendfreund,« unterbrach ihn Molière, »Du bist im Irrtume. Noch habe ich meine Meinung über Ärzte nicht aufgegeben, und halte sie noch jederzeit für Leute, welche bezahlt werden, um in Krankenstuben unverständliches oder unverständiges Zeug zu schwatzen, so lange bis die Natur den Patienten rettete, oder die Arzneien ihn umbringen.«

»O, so ganz übel müssen Sie doch nicht mit den Äskulapen stehen,« entgegnete du Croisy; »haben Sie doch dem Sohne Ihres Arztes eine schöne Pfründe ausgewirkt.«

»Ich habe dem Könige von meinem Arzte nur die schlichte Wahrheit berichtet, wenn ich sagte: Herr von Meuvillain diskuriert mit mir, verschreibt mir Rezepte – ich nehme sie nicht – und genese. Kein Wort weiter.«

»Aber sagen Sie doch, du Croisy,« fragte Baron, »hat denn mein junger Freund Berlon das Aussehen eines Purgautius, eines Diafoirus? Erkennen Sie nicht, billiger als Molière, einen Jünger der Thalia in ihm? Berlon, jetzt gilt es. Zeigen Sie sich. Wir halten förmlich lit de justice. Das Arrêt des Parlaments von Hauteuil wird umgestoßen, anulliert, kassiert. Zeigen Sie den Herren die Proben Ihres Talentes. Und Sie alle bitte, beschwöre ich, mit aufmerksam prüfendem Auge dem Debüt meines Freundes zu folgen, ein so frühreifes, nur durch sich selbst gebildetes Genie anzuerkennen, und dann, du Croisy und Brécourt, demütigst zu wiederrufen, daß diese Armbewegung nach Sennesblättern, diese Stimme nach Aderlaß-Verordnungen schmecken.«

»Wie, junger Mann,« stürmte der exaltierte Chapelle auf Berlon zu, »Sie sind ein Verehrer der göttlichen Kunst, ein Künstler selber? Lassen Sie sich feurig umarmen« –

»Wen Baron so warm lobt,« fügte der Marquis hinzu, »in dem kann ich nur den Meister erblicken. Aber sei es; wir wollen richten, streng, unbarmherzig streng richten – ich bin heute in einer barbarisch-kritischen Laune. Fangen Sie an, Herr Berlon. Was denn gleich? Gleichviel. Fangen Sie nur an. Ah, ganz ausgezeichnet gut, süperb!«

»Was denn süperb, was ausgezeichnet, Marquis?« fragt« Molière. »Der junge Mann hat ja noch nicht den Mund geöffnet.«

»Einerlei; er ist ein Schauspieler vom ersten Wasser –«

»Vom ersten Wasser, la Fare? Ich sollte glauben, wenn Du sagtest vom ersten Wein, so wähltest Du einen bezeichnenderen, anmutigeren Ausdruck!« murrte Chapelle.

»Ja wohl, vom ersten Wein; und das sehe ich schon an der Art, wie er sich vornimmt zu reden, wie er sich räuspert. – O Molière, Du bist blind, sage ich Dir, stockblind. Betrachte nur dies edle Erheben des linken Arms, um sich zu schnauben! Aus dieser einzigen Bewegung erkenne ich den gemachten Schauspieler. Ex ungue leonem

»Wie wär's, Herr Berlon,« schlug du Croisy vor, »Sie wählten die Stanzen aus dem Cid: Percé jusques au fond de coeur

»Bravo, bravo. Fangen Sie an. Sehr gute Wahl. Stille, er beginnt.«

» Percé jusques au fond?« –

»Herrlich! Einzig! Himmlisch!« tobte Chapelle. »Nun, mein« Herren, Brécourt und du Croisy, Sie sind selber Schauspieler – haben Sie je etwas dem Ähnliches gesehen?«

«Das percé spricht er vortrefflich. Percé!« – man fühlt gleichsam das Messer im Herzen, Percé! –- lief la Fare. »Du Croisy, fühlen Sie sich nicht« –

»Ungeheuer durstig!« entgegnete der Befragte.

»Durstig! Ja, das ist das rechte Wort, Durstig! Wir vergaßen ganz, weshalb wir gekommen sind. Durstig! Es ist abgemacht, Berlon, Sie sind der erste Schauspieler der Welt, Molière, aus Dir spricht der Neid, purer Neid.«

»Baron, Du hast recht,« bekräftigte Chapelle. »Belleroze war ein Stümper gegen unsern jungen Freund. Berlon, Sie bleiben der Bühne getreu. Ich gebiete es Ihnen. Percé! Percé!« –

»Du bist wohl kaum heute geeignet, über einen so gewichtigen Gegenstand abstimmen zu können, lieber Chapelle,« wandte Molière empfindlich ein. »Ich wiederhole es Ihnen, Berlon, was ich bereits sagte. Geben Sie diese Idee auf; werden Sie ein rechtschaffener Advokat, wie Ihr Vater« –

»Ein Advokat? – Gerechter Himmel! An den Gerichtsschranken sollte der Strom dieser Zauberrede sich brechen? – Es ist ein Raub, den Du am Publikum begehst. – Er soll, er muß Schauspieler werden!« tobten die weinglühenden Amphiktyonen durcheinander.

»Hören Sie mich, Berlon,« fuhr Molière fort.

»Nein mich, mich hören Sie,« schrie Chapelle dazwischen, »Eine Frage, nur eine beantworten Sie mir: Sind Sie Freund des Vergnügens?«

»Des erlaubten, allerdings,« antwortete der junge Kandidat der Rechte.

»Ah bah! des erlaubten – ich kenne kein anderes. Meinethalben also des erlaubten. So vergönne ich Ihnen denn, mich zu einem halbjährigen Durst zu kondemnieren, wenn Sie nicht in sechs Wochen Bühnenleben mehr des erlaubtesten Vergnügens genießen, als in einer sechsjährigen Praxis.«

»Ich sehe schon,« seufzte Molière, »heute dringt die Stimme der Vernunft nicht durch.«

»Will's Gott, nie. Und nun zu unserer Wette.«

»Die Wette, die Wette! Freilich, der oeil de perdrix

»Das kommt beim Streiten heraus!« murrte grämlich du Croisy, »jederzeit läßt man das wesentlichste außer acht, um sich mit Alfanzereien, die weder Sinn noch Verstand haben, zu beschäftigen,«

»Hörst Du die Todesseufzer des verschmachtenden Croisy?« rief la Fare. »Um aller Heiligen willen, befeuchte jenes ausgedörrte Faß, eh' noch alle Bänder und Reifen rettungslos abspringen. Lösche den glühenden Ambos unter seinem Herzen mit Weinfluten. Habe Erbarmen mit dieser Wüste Sahara. Rasch, rasch, Molière, den Kellerschlüssel. Du siehst, die Gefahr ist eine dringende. Übrigens hast Du gegen Deinen ehrwürdigen Stand so frevelhafte Lästerungen ausgespieen, daß nur die feierlichste Buße bei Geläut der vollen Kelchgläser sie zu sühnen vermag.«

»Messieurs, meinen Keller gebe ich preis.« –

»Ein preisenswürdiges Preisgeben, wo der Preis so unschätzbar!« lachte Brécourt.

»Mich aber verschonen Sie. Meine wankende Gesundheit verbietet mir leider auf das strengste die Freuden der Tafel« – und seine Brust krächzte trocken hustend die Beglaubigung. »Sie sehen« – auf den Teller deutend – »zu welcher Diät ich gezwungen bin. Entbinden Sie mich von der Verpflichtung, den Wirt zu machen. Ich lege mein Amt in Chapelles Hände, und bin überzeugt, es dem Würdigsten überantwortet zu haben. Komm Baron« –

»Was? Auch Baron soll Deine hypochondrischen Grillenfängereien teilen,« protestierte Chapelle, »Nimmermehr.«

»Ich sehe,« versetzte Molière, »Ihr seid nicht abgeneigt, die Nacht der gründlichen Erörterung Eurer sogenannten Ehrensache zu widmen. Bedenkt, daß das Kind nicht imstande ist, eine so ernsthafte Frage zu entscheiden« –

Um Barons Mund spielte bei dem besorglichen Einwande seines Pflegevaters ein ziemlich spöttisches Lächeln, indem er sich zu gleicher Zeit in die Brust warf, um die Vergleichung seiner athletischen Figur und des ihm erteilten Prädikates einem jeden anheim zu stellen.

»Nichts davon,« schrie la Fare, »Unser Symposion wäre nichts ohne Baron. Du mußt ihn uns durchaus überlassen. Ich werde schon darüber wachen, daß Dein sechs Fuß langes Kind sich nicht durch unmäßiges Trinken im Wachstum schade. Vertraue ihn mir.«

»Wir garantieren alle für Baron!« ertönte es im Chor.

»Und wer garantiert für Eure Garantie?« fragte Molière. »Macht, was Ihr wollt. Ihr Unverbesserlichen. Hier ist der Schlüssel zum Keller; und nun lebt wohl – ich darf nicht sagen: schlaft wohl!«

Er ergriff den Armleuchter und zog sich zurück.

 

Die Anstalten zum nächtlichen Gelage wurden mit einer Schnelligkeit und Gewandtheit getroffen, welche zu beweisen schienen, daß der Salon von Hauteuil nicht zum erstenmale Schauplatz der Orgien des unersättlichen Chapelle und seiner gleichgestimmten Freunde gewesen sein mochte. Im Kamine flackerte das Feuer heller auf; der runde Tisch war im Nu mit länglichen Kelchgläsern, mit versiegelten Flaschen bedeckt; knallend sprangen die Korke, der rosenrote ätherische Schaum des Champagners krönte den Rand der Pokale, und wurde, noch eh' er eingesunken, geschlürft.

»Tummle Dich, alter Godemer,« rief Chapelle seinem bejahrten Bedienten zu, welcher mit der Flasche die Runde machte, »tummle Dich, damit ich nicht in Versuchung geraten möge, Deinethalben meinen alten Witz vom Louis aufzuwärmen.«

»Wärm' auf, wärm' auf,« rief Brécourt, »ich kenne ihn noch nicht.«

»Macht doch Chapelle nicht eitel,« entgegnete Baron, »indem Ihr Wiederholung seiner Witzworte begehrt. Ich sage Dir, es war eine der plumpsten Turlupinaden, die nur jemals auf dem Pont-neuf gedrechselt wurden. Wir waren zum Souper beim Grafen Mireflor, und sein Bedienter, sein geliebter Louis, wie er ihn zu rufen pflegt, erwies sich ein wenig faul im Löschen des Durstes unseres Freundes.« –

»Der Wein,« schob Chapelle ein, »floß aus den Händen des tölpischen Schufts so sparsam, als gute Einfälle aus der Feder Chapelains.« –

»Oder Deines Namensvetters la Chapelle, mit dem verwechselt zu werden, Dir die so häufige Freude wird.«

»O blondlockiger Phöbus! womit hab' ich diese Schmach verdient?« rief Chapelle, und: » Revenons à nos moutons,« du Croisy. »Ich bin lüstern auf den versprochnen Witz.«

»Mein Gott!« antwortete Chapelle, »Du hörst ja, daß es keiner sein soll. Graf, rief ich, haben Sie die Güte, und wechseln Sie ihren geliebten Louis in Scheidemünze.«

»Ist denn,« fragte Brécourt, »der Streit zwischen Godemer und Dir, Chapelle, völlig ausgeglichen?«

»Wie, Chapelle,« hob la Fare an, »Du hast es übers Herz bringen können, mit Deinem Achates, mit dem Nestor der Domestiken, mit dem ehrwürdigen Silberhaupt Godemer in Fehde zu geraten?«

»Bagatelle, Bagatelle,« entgegnete der fröhliche Dichter; »die kriegführenden Mächte sind, Dank sei es der Intervention Molières, ausgesöhnt worden.«

»Es war doch keine so ganz unbedeutende Kleinigkeit,« brummte der alte Godemer, welcher nach dreißigjährigen treuen Diensten bei Chapelle von dessen Freunden als ein Teil seines Herrn betrachtet, und von ihnen seines mürrischen Humors halber geliebt und verwöhnt wurde. »Ganz gewiß, Herr Marquis, es war keine Kleinigkeit, weshalb es zwischen meinem Herrn und mir zum Zerwürfnis kam, und ich bitte gnädigst selber zu urteilen,«

»Wir kehrten neulich von Hauteuil nach Paris zurück,« erläuterte Chapelle –

»Nichts da,« fiel ihm la Fare diktatorisch ins Wort. »Laß ihn zuerst sprechen und verteidige Dich nachher, wenn Du es vermagst.«

»Gnädiger Herr,« begann Godemer mit dem maulenden Tone eines alten verzogenen Dieners, »es verhält sich so, wie Herr Chapelle sagte. Wir kehrten neulich von Hauteuil zurück – ob mein Herr nicht ein wenig dem Glase – nun, Sie verstehen mich wohl.«

»Schlingel!« polterte Chapelle zornig.

»Keine Injurien, Verklagter,« donnerte der Richter, »und Kläger zur Sache, ohne abschweifende Sticheleien.«

»Nun, wie gesagt, Herr Marquis, als wir an die kleine Wiese, nicht fünfzig Schritte von hier, kommen, fällt es mit einemmale dem Herrn Chapelle ein, mich aus dem Wagen und hintenauf steigen zu heißen. Aus dem Wagen sollte ich, Herr Marquis, – meinen Platz aufgeben, den ich seit dreißig Jahren eingenommen – ich hintenauf stehen!«

»Entsetzlich!« riefen einstimmig die Zuhörer.

»Nicht wahr, meine Herren?« fuhr der Diener fort, »das schreit gen Himmel. So übereilte ich mich denn auch nicht, und ließ es darauf ankommen, ob noch Gerechtigkeit im Lande sei. Da läuft Herr Chapelle die Galle über, er reißt den Wagenschlag auf, stößt mich mit Gewalt hinaus und – weiß Gott im Himmel – deckt mich mit Faust- und Stockschlägen zu – ja mit wirklichen Stockschläge,!, mich, den alten Godemer.«

»Was hat Inkulpat hierauf zu erwidern?« fragte der Marquis. –

»Ich kann es nicht in Abrede stellen, daß ich seine Unverschämtheit mit einigen Schlägen gezüchtigt – indes« –

»Still! Verklagter gesteht ein. Weiter, Kläger.«

»Glücklicherweise sahen die Herren Molière und Baron aus dem Fenster und gewahrten uns in der lebhaftesten Aktion« –

» Uns? Herr Godemer! Also bist Du auch aktiv gewesen – ich will doch nicht hoffen« –

»Gnädiger Herr, ich will damit nur sagen – ich meinte nur, »Sie sahen, wie ich die Schläge zu parieren suchte.«

»Nicht mehr als billig, alter Freund. Also Herr Molière–?«

»Gewahrte, wie ich beinah totgeschlagen wurde und sprang – Sie kennen ja seine Menschenfreundlichkeit – mit Herrn Baron mir armen alten Manne zu Hilfe. Was giebt es hier, Chapelle, Du vergißt Dich! rief er aus« –

»Ich wiederhole hier vor meinen gestrengen Richtern,« fiel Chapelle dem Alten in die Rede, »was ich dem vermittelnden Freunde antwortete: Mein Godemer hat den Verstand verloren. Eine dreißigjährige Nachsicht hat ihn verwöhnt. Ich bin aber Herr und befehle, was ich für gut befinde; gebiete jetzt, daß er hintenauf stehen oder zu Fuß gehen solle. Hatte ich nicht vollkommen recht, meine Herren?«

»Und hatte ich nicht vollkommen recht, meine Herren,« fragte wiederum Godemer, »wenn ich erwiderte: So lange ich jung gewesen, habe ich im Wagen gesessen – jetzt, wo ich alt und steif bin, soll ich zu Fuße laufen. Ein Wort für hundert! Mein Herr hat mich in den Wagen gewöhnt – ich wäre entehrt, wenn ich hintenauf stiege – und ich gehe nicht heraus.«

»Und wie entschied Molière diesen intrikaten Fall?«

»Er sagte mir – ich muß es nur zur Steuer der Wahrheit bekennen – ich mißbrauchte die Güte meines Herrn« –

»Ja wahrhaftig,« schrie Chapelle,»Du mißbrauchtest sie auf das empörendste; Du begingest durch Verletzung der mir gebührenden Ehrfurcht gewissermaßen eine Art von Hochverrat« –

»Entschuldigen Sie, mein Herr, das hat Molière nicht gesagt. Er verdammte mich nur, auf den Tritt zu steigen und dort bis an das Ende der kleinen Wiese auszudauern. Hierauf solle der Wagen anhalten, und es sei mir vergönnt, meinem Herrn in submissen Ausdrücken die Bitte vorzutragen, daß ich meinen alten Platz wiederum einnehmen dürfe.«

»Nun, das heißt doch ein der Marschälle von Frankreich würdiges Urteil fällen,« liefen die Versammelten.

»Und es geschah es denn auch,« schloß Chapelle. »Zu Gunsten meines Freundes ließ ich dem alten Narren Gnade für Recht angedeihen und nahm ihn wieder im Wagen auf.«

Die Gläser erklangen unter lautem Gelächter zu Ehren dieses salomonischen Urteilsspruches. Godemer brummte noch allerhand in den Bart und trug nach der Weise des Volks seinen verwickelten Prozeß mit beiderseitigen Repliken zum zweitenmale vor, bis ihm ein voller Pokal aus den Händen seines Herrn, als Pfand der vollständigsten Versöhnung mit dem Getreuen, zu teil wurde.

»Glaube übrigens nicht,« wandte sich der Baron an den alten Murrkopf, »daß Molière, wenn er Dich auch einmal aus den Händen Deines zornwütigen Herrn errettet, deshalb jederzeit ein so nachsichtiger Gebieter sei. Auch er kann ganz verzweifelt hitzig und auffahrend wie Schießpulver sein. Ich war dieser Tage Zeuge, daß ihm Gros-Réné beim Ankleiden – beim Ihr wißt alle, daß unser Freund mehr als jeder andere den großen Herrn spielt und nicht imstande ist, sich die Halsbinde allein zu knüpfen – daß Groß-Réné, sagte ich, ihm den rechten Strumpf verkehrt anzog. Molière macht den dickköpfigen Limosiner gravitätisch auf den Irrtum aufmerksam, Gros-Réné streift den Strumpf hurtig ab, kehrt ihn auf dem Arm herum, und zieht ihn seinem Herrn glücklich zum zweitenmale von der falschen Seite an. Und zum zweitenmale spricht Molière gelassen wie ein Schüler des Port-Royal: Gros- Réné, der rechte Strumpf sitzt verkehrt. Der Bediente erschrickt, zieht ab, kehrt um, paßt zutrauungsvoll an – und siehe, der unselige Strumpf sitzt zum drittenmale umgedreht. Da erhebt Molière den linken Fuß und schleudert, ohne ein Wort zu sagen, den unglücklichen Diener mit kräftigem Tritt in deu Winkel des Zimmers. Schluchzend zog Gros-Réné ab, und schwur darauf, der Strumpf müsse behext gewesen sein. – Doch hört! hört! Eh' ich es vergesse, muß ich Euch von einer überaus seltsamen Visite, welche Molière heute empfing, Bericht erstatten, und zwar von dem Besuche eines Mannes, welcher geradesweges von den Gegenfüßlern zurückkehrt, von dem Groß-Priester Johann zur Schokolade eingeladen wurde und dem petit-coucher des Groß-Moguls beigewohnt.«

»Doch nicht von Bernier?« fragte Herr von la Fare.

»Von eben diesem. Er tritt hinein, wirft sich an Molières Brust, und beginnt mit dem nämlichen Atemzuge, mit welchem er versichert, wie unendlich er sich des Wiedersehens freue, auch schon seine Wunder auszukramen und uns zu erzählen; die indische Politik sei bei weitem weniger grausam, als die türkische. Einem entthronten Mogul würde niemals der Kopf zu Füßen gelegt, wie dies die ottomanische Etikette mit sich bringe, sondern man begnüge sich, ihm ein gewisses Tränkchen, Namens Puff, mittelst dessen er den Verstand verliere und zu Gegen-Revolutionen unfähig werde, einzuflößen. Gelangweilt im höchsten Grade von dieser Art von Konversation konnte ich mich nicht entbrechen, Herrn Bernier zu fragen: ob ihm die Heiden vielleicht vor seiner Abreise die gehörige Dosis Puff eingegeben hätten? Bernier stutzt und wird blutrot. Molière aber nimmt meinen Scherz von der ernsten Seite und gebietet mir Stillschweigen: Weißt Du nicht, junger Thor, apostrophiert er mich, daß dies der berühmte Herr Bernier ist, auf dessen Freundschaft ich stolz zu sein die gegründetste Ursache habe?« – Ist es möglich, frage ich, Herr Bernier ist Ihr Freund und hat nach jahrelanger Trennung Ihnen nichts als von dem Puff des Ex-Groß-Moguls mitzuteilen?«

 

Anekdote folgte auf Anekdote, Witzwort auf Witzwort, Gelächter auf Gelächter – aber in demselben Verhältnisse auch Glas auf Glas und Flasche auf Flasche.

Jedes Bacchanal pflegt aber einen Kulminationspunkt zu haben, wo Scherz und Freude entweder durch Ausgelassenheit, Tobsucht und Händel oder Unbehaglichkeit und Mißmut verdrängt werden. Bei unseren liebenswürdigen Taugenichtsen begann diesmal, nachdem schon die dritte Morgenstunde angebrochen war und die Exaltation den höchsten Gipfel erreicht hatte, eine elegische Stimmung die Oberhand zu gewinnen.

»Ich bin doch,« rief Chapelle ärgerlich, »auf Ehre ein groß« Thor, daß ich täglich nach Hauteuil komme, um mich zu Ehren Molières zu betrinken. Ich hab's satt, von Herzen satt. Und was das empörendste dabei ist, Molière bildet sich noch ein, es sei meine verdammte Schuldigkeit; zankt mich aus, wenn ich nicht komme, und zankt mich aus, wenn ich mit schwerem Kopfe wegfahre. Eine hundsföttische Existenz! Nichts als Ärger, Verdruß, Jammer, Elend« –

Berlon, welcher, von der abschlägigen Antwort Moliéres niedergeschmettert, bisher fast wortlos am Tische gesessen hatte, pflichtete dem unzufriedenen Dichter mit Thränen im Auge bei, und setzte noch hinzu: »Kann man denn hienieden wohl nur einmal Schauspieler werden, auch mit dem entschiedensten Berufe für die Bretter?«

»Ja, und wenn man es ist,« klagte Brécourt, »so wird man für seinen guten Willen noch obenein ausgepfiffen.«

»Welch ein elendes Ding.« fuhr Chapelle pathetisch fort, »ist es doch um das menschliche Leben! Hindernisse und Verdrießlichkeiten, Enttäuschungen und Entbehrungen begleiten uns von der Stunde der Geburt bis zu der des Todes. Dreißig, vierzig Jahre lang jagen wir nach einem Augenblick reinen, ungetrübten Genusses – und erreichen ihn nimmer. Unsere Jugend wird durch mürrische Väter verkümmert, durch Pedanten, die uns zumuten, aus unserem Kopf eine Rumpelkammer unbrauchbaren Wustes zu machen« –

»Du hast recht,« rief la Fare; »was kümmert es uns, ob die Sonne um die Eide oder die Erde sich um die Sonne drehe? Was geht es mich an, ob die Träumereien eines Cartesius auch mit den Erscheinungen der Natur in Einklang zu bringe» seien, oder ob die Narrenspossen, die uns Gassendi aufheften will, aus dem Epikur gestohlen sind?«

»Nun, das meine ich ja,« deklamierte Chapelle. »Kaum haben wir die Schläge für den Aristoteles und das Erbsenknieen für den Epiktet verschmerzt, so sollen wir uns in das Joch des Staatsdienstes spannen. Wir sind gezwungen, uns in die endlosen Labyrinthe schikanöser Prozesse zu stürzen, unsere Lungenflügel zum Besten undankbarer Klienten abzunutzen, oder als privilegierte Sekundanten des Todes den letzten Blutstropfen, wie den letzten Sol, abzuzapfen, oder gar« –

»Den Federhut aufzusetzen,« seufzte der Edelmann, »Jahre lang in elenden Winkelgarnisonen zu verschimmeln, um zum Schluß unserer Heldenlaufbahn mit einem Stelzfuß und dem Ludwigskreuze um ein Almosen von 200 Francs in den Vorzimmern der Minister zu betteln, – Wir sollen heiraten« –

»Ach die Frauen, die Frauen! Ja die heillosen Frauen!« ächzte du Croisy höchst wehmütig. »Wo ist an Ruhe zu denken in einer Welt, die noch zur Hälfte mit Frauen bevölkert ist.«

» Conclusio von allem – wohin Ihr seht, nichts als Herzeleid, Ungerechtigkeit, Unglücksfälle, Plackerei, Hörner, verfälschter Wein« – »Kopfschmerzen,« schob Herr von la Fare ein – »Das Leben ist die einzige Erbsünde, welche ich statuiere. Ich hab's satt.«

»Wir alle! Es ist uns unerträglich!« schrie die Gesellschaft.

»Und gilt Euch deshalb,« schloß Chapelle mit erhöhter Stimme, »mein Rat nur das geringste, so werft Ihr das Leben gleich mir fort, werft es von Euch, sage ich, und zwar jetzt – in dieser Stunde – sogleich! Laßt uns gleich den Helden des Altertums den Tod freudig umarmen! Der Fluß strömt dicht vor der Thür. Folgt mir und laßt uns, Freunde bis in den Tod, in den Wellen die Ruhe suchen, die nimmer den seufzenden Sterblichen zu teil wird.«

»Ja, Freunde bis in den Tod! In den Fluß! Weg mit dem Leben!« erscholl das wüste Geschrei der Trunkenen.

Begeistert springen die Nachtschwärmer auf, stürzen aus dem Hause, erreichen das nahe Ufer, binden einen Kahn los, um die Mitte der Strömung zu erreichen. Baron, der einzige, welchem die geistigen Kräfte nicht treulos geworden sind, ruft die Bedienten, um die Unsinnigen von ihrem Vorhaben zurückzuhalten, und weckt Molière.

Unterdessen ist der Kahn schon losgekettet – die Lebenssatten haben sich hineingeschwungen – da erscheinen die Diener des Hauses, werfen sich in den Fluß, und sind glücklich genug, das Fahrzeug zu erfassen, noch eh' es der Strom mit sich fortgerissen hat.

»La Fare,« tobt der wütende Chapelle. »duldest Du es, daß diese Schurken uns hindern wollen zu sterben? Auf, meine Freunde, zieht die Degen, stecht dieses unverschämte Gesindel, welches sich unserer Apotheose widersetzt, ohne Barmherzigkeit über den Haufen!«

Die Klingen sind im Nu entblößt, und die mordlustigen Lebensüberdrüssigen stürmen auf ihre Retter ein, welche sich schreiend nach Hauteuil flüchten und hinter dem im Nachtgewande herbeieilenden Molière verstecken.

»Aber, meine Herren, welcher Tumult – entblößte Degen? – Welches Leid haben Ihnen meine Leute zugefügt?«

»Wirst Du es glauben, Molière,« schreit Brécourt, »diese Galgenschwengel wollen uns nicht mit Bequemlichkeit ersaufen lassen.«

»Du wirst Mühe haben, diese Unverschämtheit zu begreifen,« setzte Chapelle hinzu. »Du bist ein verständiger Mann und unser aller Freund. Sprich selber, ob wir unrecht haben. Die Jämmerlichkeit des irdischen Daseins drückt uns zu Boden – das Jenseits sollte uns schadlos halten. Der Fluß ist der kürzeste Weg, um dahin zu gelangen, und diese Schufte unterfangen sich, uns aus dem Wasser zu ziehen« –

»Ist es nicht recht und billig,« votierte du Croisy, »daß wir den ungebetenen Helfern zum allermindesten die Ohren abschneiden?«

»Ja, und ich will in der Seine untergehen, da ich nicht Schauspieler werden darf,« weinte Berlon, »und kein Mensch soll sich unterstehen, mich retten zu wollen. Auf die Szene, oder in die Seine. Eins von beiden.«

»Nichts einfacher und vernunftgemäßer, meine Herren,« erwiderte Molière. »Fort, Ihr Hallunken,« herrschte er den Bedienten zu, »Ihr seid überkeck, Euch einer so großartigen altrömischen Handlung widersetzen zu wollen. Fort! Und wagt es nicht wieder, vor meinen Augen zu erscheinen! – Aber nun ein ernstes Wort zu Euch,« fuhr er fort, nachdem die Domestiken sich zurückgezogen hatten. »Ihr nennt mich Euern Freund, und wollt Euch ins Wasser stürzen, ohne mir eine Silbe von Euerm Vorhaben mitgeteilt zu haben? Was habe ich Euch gethan, daß Ihr mich eines so ruhmvollen Todes für unwürdig erachtet? Weshalb soll denn gerade ich verdammt sein, den bittern Lebenskelch allein und bis auf die Hefe auszuschlürfen?«

»Auf Kavaliers-Parole,« schrie la Fare, »wir thun Molière unrecht. Das hat er nicht um uns verdient. Laßt ihn teil an der Partie nehmen.«

»Ja, Molière soll sich mit ertränken, Molière, unser bester Freund!« jauchzten die Berauschten. »Kommt, kommt, ohne Verzug.«–

»Ruhig, Messieurs,« antwortete Molière. »Die Handlung, welche wir unternehmen wollen, ist eine gewichtige, es ist die letzte unsers Lebens, und verdient wohl mit Besonnenheit und Überlegung vollzogen zu werden. Wir wollen sterben – das steht fest. Wir wollen uns gemeinschaftlich ins Wasser stürzen – nichts kann gewisser sein. Soll aber wohl der Neid – denn ganz Frankreich hat die Augen ans uns gerichtet, und an hämischen Verkleineren: unsers Ruhmes wird es nicht mangeln – soll der Neid, frage ich, von uns behaupten dürfen, wir hatten unserm Leben wie Verzweifelnde, wie Wahnwitzige ein Ende gemacht? sollten übelwollende Verläumder gar behaupten können, wir wären als Betrunkene in den Fluß gesprungen?«

»Als Betrunkene?« ächzte Herr von la Fare. »Das wäre ja entsetzlich, wenn man in solchen Verdacht geraten könnte.«

»Und doch nur zu leicht möglich,« nahm Molière wieder das Wort. »Nein, meine Herren, wir sind nicht die Männer, die bei Nachtzeit wie ein Wurf junger Hunde im Fluß umkommen dürfen, Wir wählen einen Augenblick, wo unser Verdienst keiner Mißdeutung bloßgestellt werden kann. Hören Sie meinen Vorschlag: Morgen früh um acht oder neun Uhr versammeln wir uns alle hübsch kalt und besonnen, und springen dann im Angesicht der ganzen Welt, den Kopf zuerst, ins Wasser. So ziemt es sich für Männer von Ehre und Reputation.«

»Dagegen läßt sich nicht ein Wort einwenden,« entgegnete du Croisy.

»Es ist doch schändlich,« fluchte Chapelle, »es ist um rasend zu werden, daß Molière jederzeit hundertmal mehr Verstand hat, als wir alle zusammengenommen. Also, auf morgen!«

»Scharmant,« gähnte Brécourt, »auf morgen. Mir fallen ohnehin vor Müdigkeit die Augen zu.«

»Gut, auf morgen! Punkt neun Uhr! Godemer, komm und zieh' mich aus.«

Die letzten Stimmen verhallten in den Gemächern des Landhauses.

 

Die neunte Stunde des folgenden Morgens sah die Gesellschaft ziemlich einsilbig und kleinlaut nach Paris zurückfahren. Godemer blähte sich auf seinem alten Platz in der Karosse, aber sein Herr dachte weniger als jemals daran, ihm denselben streitig zu machen.

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