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Novellen und Erzählungen

Franz Freiherr von Gaudy: Novellen und Erzählungen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorFranz von Gaudy
titleNovellen und Erzählungen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeDritter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100828
projectid366736d4
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Der Schweizer-Soldat in Bologna

Am zweiten Osterfeiertag versammelt sich das Volk von Sankt Gallen und den angrenzenden Kantonen, um dem Eierwerfen der Müllerburschen zuzuschauen. Es ist dies ein Volksfest im wahren Sinne des Wortes – das Volk giebt es sich selber: zu seiner Verherrlichung bedarf es weder pomphafter, mit hohlem Patriotismus farzierter Reden, weder weißgekleideter Jungfrauen und Illuminationen, noch reitender Gensdarmen. Das Völkchen weiß sich seines Lebens auch ohne jene Angelpunkte norddeutschen Festjubels zu erfreuen – und wohl noch besser. –

Der April des Jahres 1832, in dessen letzte Tage das Osterfest fiel übertraf seine Vorgänger seit Menschengedenken an heiterer, ungetrübter Freundlichkeit, wie an konsequentem Ausharren bei dieser liebenswürdigen Laune. – Ein klarer, wolkenloser Himmel verherrlichte namentlich die Festtage; mit jugendlicher Ungeduld streiften die Knospen ihre harzigen Hülsen ab; der Matten frisches Samtgrün ward von dem gelb und blauen Einschlag der Schlüsselblumen und Veilchen durchwirkt, und die mit Blütenschnee überstreuten Fruchtbäume parodierten mit reizendem Humor den schon seit Wochen in den Thälern geschwundenen Winterschnee, welcher sich bereits auf die Spitze des hohen Sentis und der umliegenden Alpen geflüchtet hatte. Die Natur feierte jauchzend das Fest der Auferstehung. –

Straßen und Fußpfade waren von dem bunten Gewimmel der in bunter Festtracht herbeieilenden Landleute überdeckt. Von den Appenzeller Bergen stiegen die kräftigen Bursche mit den runden Lederkappen und scharlachroten Westen; es nahten aus dem Thurthale die wohlhabigen Männer mit ihren gewaltigen, dreieckigen Hüten; aus den ferneren Vorarlbergen die Mägde mit den schwarzen, kegelförmigen Mützen zur Seite des schlanken Jägers, den Schildhahnfeder und Gemsbart am grünen Hut als rüstigen Schützen und Faustkämpfer bewährten.

Im tosenden Gewirr drängte sich die frohe Menge durcheinander, und durch das dumpfe Schwirren schallte hier und dort ein treuherziger Handschlag, das herzliche »Grüß Dich Gott« und »Adjes,« keckes Lachen, das helle Jodeln eines Sennbuben, die Bogenstriche und Trompetenstöße der sich versuchenden Musikanten. Das Auge fiel, wohin es sich wandte, auf zufriedene frohe Gesichter. – Einzelne Haufen erstiegen die niederen Hügel, und lagerten sich in malerischen Gruppen, um von dort aus das Schauspiel zu genießen. Andere eilten, von dem Knall der Büchsen gelockt, nach der entfernteren Schlucht, um dort beim Scheibenschießen ihre Gewandtheit zu bewähren, während noch andere die hölzernen Söller der Waldschenke erstiegen, um sich bis zum Beginn der Festlichkeiten in den luftigen Gemächern, beim Schoppen feurigen Rheinthalers oder roten Solothurners, niederzulassen. –

Endlich sind die drei Müllerbursche, die Helden des Tages, mit ihrem festlichen Aufputz aufs reine gekommen und treten unter dem Klang der Trompeten und Fiedeln mit weißen baumwollenen, reich mit bunten Schleifen verbrämten Schlafmützen aus der Schenke. – Ein feines, faltiges Hemd, weißleinene Beinkleider und Schuhe bilden ihren Anzug; um den freien Hals schlingt locker sich ein Tüchlein. Jedes Kleidungsstück ist mit farbigen, seidenen, langhinwehenden Bändern benäht; sogar den kleinen Finger der linken Hand schmücket ein Schleiflein in Ringesform. So schwingen sie sich auf ihre schwerfälligen, mit Blumen und Flittern aufgeputzten Gäule. Die Kellnerin tritt aus der Waldschenke und reicht ihnen drei mit Wein gefüllte Becher. Klirrend stoßen die Gläser gegeneinander, werden auf einen Zug geleert, und fliegen weit über die jubelnde Menge hin. – Nun beginnt der Wettstreit. Der eine der Müllerbursche reitet durch die Stadt nach dem dahinterliegenden Dorfe Grobel, läßt sich daselbst seine Ankunft bescheinigen, und kehrt wieder zurück. – Während dessen stellen die beiden Zurückgebliebenen sich zu Roß an die entgegengesetzten Enden einer langen hölzernen Rinne, in welcher von Schritt zu Schritt ein Ei liegt, ihre äußerste Entfernung beträgt gegen 200 Fuß. Der Eine hält einen räumigen, über einen Reifen gespannten Kattunsack in der Hand, und fängt in demselben die Eier auf, welche der Andere näher und näher rückend ihm zuwirft. Jedes danebengefallene Ei wird durch ein frisches ersetzt. Haben nun der Eischleuderer und Fänger früher ihre Aufgabe gelöst, eh' der Reiter von Grobel heimkehrt, so sind sie Sieger, und ebenso umgekehrt. Die überwundene Partei aber steht für die Zeche und Tanzmusik ein.

In dem erwähnten Jahre war es der Jüngste der Drei, welchem bei Verteilung der Rollen des Drama, das undankbarste Los, das des weiten beschwerlichen Rittes, zufiel. Es war ein feiner, schwarzlockiger Gesell, dessen Gesicht, ohne den Charakter der Traurigkeit, der ihm aufgeprägt war, für hübsch gelten durfte. Sein Name war Aloys Neefli von Niederutzwyl. Nach geschehenem Umtrunk wandte er seinen plumpen Falben der Stadt zu, ohne ihn jedoch in Bewegung setzen zu wollen. Seine Augen schweiften spähend durch die Leute und über die auf den Hügeln lagernden Massen.

»Mach', daß Du fortkommst, Aloys!« riefen einzelne Stimmen aus dem Haufen; »reit'! reit! Sie stehen schon an der Rinne – da fliegt schon ein Ei – brav gefangen!« Der junge Bursch nickte trüblächelnd den gutmütigen Warnern seinen Dank zu und fuhr fort, die Menge zu durchmustern. Endlich hatte er den längstgesuchten Gegenstand ausfindig gemacht. Es war dies eine schmucke Bürgerdirne von Sankt Gallen, welche wie versteckt hinter einem großen schlanken Soldaten stand, halb verlegen, halb unwillig die Augen niederschlug und scheinbar beschäftigt war, mit dem Schlag des flachen Händchens einige Falten in der Schürze zu glätten. Der Mühlknappe setzte mühsam seinen Gaul in Trab, und fragte, als er sich dem Mädchen genähert hatte: »Nun, Jungfer Gertrud, Ihr wünscht mir kein Glück auf den Weg?«

»Reit' Er nur, Aloys,« entgegnete die Dirne, ohne aufzublicken, »und nehm' Er Vaters Falben wohl in acht, daß er nicht zu Schaden kommen mag. Mit Seinem Reiten, denk' ich mir, ist's wohl auch nicht allzu weit her.«

Der Bursche warf das Pferd hastig herum, peitschte darauf los, blickte von dem Hügel aus noch einmal herum und bemerkte noch, wie der Soldat der verschämt lächelnden Gertrud ins Ohr flüsterte. Den Augenblick darauf verschwand er im Hohlwege.

Gertrud war das einzige Kind des reichen Mühlmeisters Anselm Am Thurn. Schon seit zwei Jahren hatte der Aloys Neefli von Niederutzwyl in der Mühle des Alten als Knapp gedient, und gar bald auch ein Auge auf die schöne Dirne geworfen. In kurzer Zeit fühlte er deutlich, daß er nicht mehr von ihr lassen könne, und begehrte nichts sehnlicher, als sie dereinst heimführen zu können. Gertrud hatte seine treue Liebe wohl erkannt, und ward auch dem hübschen stillen und frommen Gesellen von Tag zu Tag geneigter. Dem alten Anselm schien die Verbindung auch schon ganz recht zu sein, denn der Neefli war guter Leute Kind, und ein rühriger, anstelliger Bursche, unter dessen Leitung die schöne Grundmühle an der Sitter wahrlich nicht zurückgekommen wäre. Da wurde, zum Unheil für die ganze Familie, das Militär des Kantons zur vierwöchentlichen Übung eingezogen. – Der Alte Am Thurn bekam den Korporal Peter Lenthi von Rorschach ins Quartier, einen raschen, kecken Mann, der sich schon allerwärts versucht und auch früher in französischen Diensten gestanden hatte. Er war hoch und schlank gewachsen; der schwarze Schnurrbart und die Schmarre über die Backe standen ihm gut zu Gesicht; die Montierung saß knapp und prall auf dem Leibe, wie angegossen; dabei wußte er gar freundlich zu schwatzen, wundersame Geschichten von Spanien und der Weltstadt Paris zu erzählen, und hatte jederzeit einen Scherz oder eine Artigkeit bei der Hand. Da war's eben kein großes Wunder, wenn der Korporal sich schon in Wochenfrist bei einem unerfahrenen Mädchen wie Gertrud eingeschmeichelt hatte, und der schweigsame Aloys gegen ihn gewaltig in den Schatten trat. – Der Vater Am Thurn schüttelte mürrisch den Kopf; der Neefli ward immer stiller und trauriger; beide stimmten aus vollem Herzen in das alte Klagelied, welches seit undenklichen Zeiten von Eltern und Verlobten über die Pest der Einquartierungen angestimmt worden war; das Mädchen hatte sich aber einmal von dem Soldaten bethören lassen und hielt sich verpflichtet, jeden scheelen Blick, der dem neuen Liebhaber im Hause zu teil ward, mit einem desto freundlicheren aufzuwiegen. So war das Osterfest herangekommen. Aloys hatte sich mit Eifer beworben, einer der drei Mühlknappen beim Volksfeste zu sein. Er dachte bei sich, wenn er hoch zu Roß und sauber aufgeputzt sich vor seiner Liebsten sehen lasse, so könne es ihm doch wohl noch gelingen, Gertrud auf andere Gedanken zu bringen, und den verhaßten Nebenbuhler aus dem Sattel zu heben. Seine Hoffnungen mochten aber doch wohl zu voreilig gewesen sein. Die bebänderte Schlafmütze und Hosenträger, das buntseidene Schnupftuch, welches er zierlich mit der Rechten schwenkte, schienen nicht zu genügen, um die roten Woll-Epauletts, das weiße Bandelier und den gekräuselten Schnurrbart des Soldaten auszustechen. Der alte, steife Falbe des Vaters Am Thurn war auch mehr geeignet, den Karren mit Mehlsäcken zu schleppen, als gerade just als Wettrenner zu glänzen. Im übrigen hatte Gertrud dem ehrlichen Aloys eben nicht allzu großes Unrecht gethan, wenn sie seine Reiterkünste in Zweifel zog – die Male, wo er sich in den Sattel geschwungen, waren zu zählen. Der Lenthi hatte dem Mädchen zugeraunt: »Der Müllerknapp müsse das Reiten sicherlich auf des Müllers Großvaterstuhl erlernt haben.« Der Besprochene hatte noch das Mädchen lachen sehen. So ritt er recht unglücklich fort.

Mittlerweile machten sich die beiden andern Bursche die gegönnte Frist nach besten Kräften zu nutze. Die Stimmen der Zuschauer waren geteilt, wessen Gewandtheit die größere sei, die des Werfenden oder die des Auffangenden, Verdiente der Erstere Beifall durch die stärkere oder schwächere Kraft, welche er beim Näherrücken dem jedesmaligen Wurf zu verleihen wußte, so war die Behendigkeit und Geschmeidigkeit des Zweiten, mit der er seinen Körper auf dem Pferde hinüber und herüber warf, ebenso wie sein richtiges Augenmaß der Anerkennung nicht unwürdig.

Lauter Jubel lohnte den glücklichen Fang; noch lauterer freilich erschallte, so oft ein Ei vorüberschlüpfte und in der Volksmenge niederpatzschte. Die Rinne ward leerer, die Freunde des Aloys Neefli wandten die Köpfe immer besorgter nach der Sankt Gallener Straße. Der Reiter wollte sich nirgends zeigen. Das letzte Ei flog durch die Luft, ward aufgefangen – Trompeten schmetterten – Aloys hatte verloren. –

Die Sieger ritten dem Überwundenen nun entgegen, um ihn einzuholen. Erst nach einer halben Stunde kehrten sie zurück, Aloys auf lahmendem Gaule und mit blutrünstigem Gesicht in der Mitte führend. Sein Roß war auf dem Heimweg gestürzt. Die gutherzigen Sieger thaten alles, um ihn sein Unglück vergessen zu machen, schoben die ganze Schuld auf den alten Müllergaul und wollten die Wette vertagen oder wenigstens auf den Gewinn verzichten, denn Aloys war gern gesehen von Jung und Alt. Der schüttelte aber traurig den Kopf und begehrte keine Nachsicht, ihn bedrängte weit Herberes, als jener Verlust. Wiederum trat die Schenkdirne mit gefüllten Gläsern heraus. Der Werfer erhob sich in den Steigbügeln und brachte unter Trompetentusch den Toast auf das Wohl des Kantons, des Rates und der Anwesenden aus. Hierauf stiegen die Drei von den Pferden, um den Tanz zu eröffnen – ein Vorrecht, welches ihnen seit undenklichen Zeiten zusteht, ebenso wie es jeder Dirne zur besonderen Auszeichnung gereicht, zur Vortänzerin gewählt zu werden und eine Weigerung kaum denkbar ist. – Um so verletzender mußte demnach für Aloys die Erwiderung Gertruds sein, als er sie zum Appenzeller aufforderte, daß sie sich bereits für diesen Abend dem Korporal Lenthi versagt habe.

»Aber Jungfer Am Thurn,« stammelte der Bestürzte, »bedenk' Sie doch, mir weigert Sie den Tanz. – Sie thut mir die Schmach an – und die Leut', was sollen sie sagen?« Gertrud warf schnippisch das Köpfchen in die Höhe, der Korporal aber fügte mit höhnischem Lächeln hinzu: »Was denkst Du an Vortanzen, Aloys, mit Deiner zerschlagenen und zerschundenen Fratz. Geh' heim, mein Jüngel, leg' Dich ins Bett, und schlag' Dir warme Kräuter um den Kopf, das steht Dir besser an, als der Dirne zu hofieren und den Reigen aufzuführen.«

Mit zornglühendem Gesicht trat Neefli hart an den Spötter und schrie ihm mit jenem heiseren und doch so durchdringenden Flüstern der Wut ins Ohr: »Korporal, ich hatt' wohl Lust, Euch die Knochen zu zerschmeißen. Wollt Ihr 'nen Gang mit mir wagen, Großsprecher?«

Verächtlich, entgegnete der Unteroffizier, indem er mit der flachen Hand an den Säbelgriff schlug: »Der Soldat braucht seine Waffe und überläßt das Raufen und Ringen den Bauerbuben.«

»Mir gilt's schon recht,« erwiderte Aloys. »Glaub' nicht, daß ich mich vor Deinem Käsemesser scheu. Daheim hängt mir vom seligen Vater noch ein ganz guter Säbel, der in der französischen Revolutionszeit zu Versailles schon tapfer gefleischt hat. Komm mit, Peter, wenn Du so viel Mut hast,«

»Ei, daß ich ein Narr wär',« lachte der Unteroffizier, »mich mit einem Sackträger zu schlagen. Werd' Du ein braver Soldat, Bursch', laß Dir mehr den Wind um die Nas' pfeifen, und dann komm wieder, dann sollst Du Satisfaktion haben. Jetzt aber troll' Dich und laß mich ungehudelt.«

»So spricht nur ein ehrloser, feiger Schalk!« schreit der Mühlknapp. Der Soldat reißt den Säbel aus der Scheide, das Volk aber drängt sich zu Hauf – der eine Mühlbursch fällt dem Korporal in den Arm und entwaffnet ihn, und im wilden Tumult tönt es von allen Seiten: »Degen weg! Fort mit dem Störenfried! Wir sind keine Tyrannenknechte, die sich mit blanker Klinge gouvernieren lassen – sind freie Schweizer! Werft den Trillmeister mitsamt seinem Lerchenspieß aus dem Fenster! Fort mit dem großpratschigen Burschen!« – Hundert Fäuste ballten sich drohend gegen den Soldaten. Gertrud wirft sich zum Schirm vor die Brust des Gefährdeten. Alles dies ist das Werk eines Augenblicks.

Aloys erbleichte, warf noch einm vernichtenden Blick auf Gertrud, verließ dann lautlos den Saal, und wandte sich nach seiner Mühle zurück. –

»Gebt mir den Laufpaß, Meister,« sprach er zu dem alten Am Thurn; »meines Bleibens ist nicht länger allhier,«

Der Müller schüttelte verwundert den Kopf, »Aloys, welche Wespe sticht Dich! Was soll das heißen? Wo willst Du hin««

»Fort, Vater, wohin? gleichviel. Will Soldat werden – laß mich bei den Päpstlichen in Thur anwerben – will mich auch in der Welt versuchen – will's nicht länger mit anhören, daß meine Jacke nicht ehrlich genug sei. Kann ja auch zweifarbig Tuch tragen, und den Bürger über die Achseln anschauen, den Säbel auf freie Leut' ziehen, und den Mädels die Köpfe verdrehen – ei, was könnt' ich nicht?«

»Aloys,« brummte der Müller, »Du bist berauscht; Du weißt nicht, was Du sprichst und was Du thust. Wer ist's, der Dir über den Weg gelaufen ist? Der Lenthi von Rorschach? Gelt? Sei doch kein unverständig Kind. Meinst Du, daß ich solch einen Dreibätzner zum Eidam nehmen werd'? Schlaf Deinen Groll aus, Aloys – bist ja doch sonst ein verständiger Bursch. Laß gut sein. Der verwetterten Dirn' will ich den Kopf zurecht setzen – und Alles wird noch gut werden.«

»Ich bin beschimpft von ihm, ich bin's von ihr,« erwiderte trübsinnig der Mühlknapp; »die Ehr' ist hin, die Lieb' ist hin – was kann da noch gut enden? Nein doch, laßt mich nur ziehen und es Gertrud nicht entgelten. Er mag wohl schmucker aussehen, als unsereiner, um – ich kann's ihr weiter nicht verargen. Wenn er ihr nur treu bleibt. Noch einmal, Vater, gebt mir meinen Paß und laßt mich gehen.«

Der Alte mußte dem Begehren wohl willfahren, so schwer es ihm auch ankam. »Ich sag' Dir's voraus, Aloys,« fügte er hinzu, »daß Du Dein tolles Stück gar frühzeitig bereuen wirst. – Du bist nicht dazu geschaffen, unter dem wilden, wüsten Kriegsgesindel Dein Glück zu machen und Dich wie jenes gleißende Bettelvolk dem meistbietenden Fürsten zu verkaufen. Es wird Dir leid werden; denk' an meine Worte. Bist aber eifersüchtig, und ein solcher hat für verständiges Zureden nur taube Ohren. So gehe mit Gott, und mögst Du mit seiner Hilfe bald heimkehren.«

Schon am Abend des folgenden Tages trat der Neefli aus dem Werbhaus neben der bischöflichen Residenz Martiola zu Thur, der Wohnung des Offiziere, welcher die Werbung für den päpstlichen Dienst leitete Er war dem zweiten, in Bologna garnisonierenden Fremden-Regiment zugeteilt worden, jenen Schweizern, welche an den Barrikaden für den zehnten Karl gekämpft hatten und nach den Julitagen über die Alpen gezogen waren, um sich aufs neue zu Schirmwächtern eines von den eigenen Unterthanen gefährdeten Thrones herzugeben.

Ein Jahr war vergangen, seit Aloys zur päpstlichen Fahne geschworen hatte; doch lange schon vor Ablauf dieser Frist war die Prophezeiung des alten Am Thurn in Erfüllung gegangen. Neefli bereute es bitterlich, seine Heimat verlassen, sich auf volle sechs Jahre der Freiheit entäußert zu haben. Der Unmut des Augenblicks hatte ihm die unverzügliche Umgestaltung seiner Lebensverhältnisse als gebieterische Notwendigkeit vorgespiegelt, hatte ihn verleitet, von jeder Veränderung Vergessen der Vergangenheit und Wiederkehr des innern Lebens zu hoffen. Er fand sich schmerzlich in seinen Erwartungen getäuscht. – Statt eines vielfach bewegten, abenteuerlichen Kriegslebens und statt des steten Wechsels der Erlebnisse war ihm die stagnierende Existenz des Garnisonslebens geworden.

Der Soldatenstand wandte ihm seine Nachtseite zu, ohne ihm einen der erhofften Lichtpunkte zu gewähren. Sitte und Sprache hielten Aloys von dem Umgang mit den Eingeborenen entfernt; noch mehr aber der ihm schon früher eigentümliche Hang zur Schwermut und sittliche Scheu vor den rohen Freuden, mit denen seine Kameraden sich über den Verlust ihrer Freiheit, ihrer Heimat zu betäuben suchten. Die ihn umgebende Welt blieb ihm eine fremde – er stand völlig vereinzelt – er fühlte sich unglücklich.

Hart an dem Thor von Bologna beginnt der berühmte, fast drei Miglien lange Säulengang, welcher bis auf die Anhöhe nach dem Nonnenkloster zur Madonna di San Luca führt. Die Schutzpatronin ist eine der gnadenreichsten Helferinnen in der ganzen Delegation und ihre milde Wunderthätigkeit bewährt sich bei tausend und aber tausend Gelegenheiten bis ans den heutigen Tag. Niemals wird der Bogengang leer von Prozessionen, die von nah und fern nach dem Kloster wallfahrten; niemals von Bettlern, welchen die Arkaden Schutz gegen die Witterung, und die Gläubigen reichliche Almosenspenden verleihen; niemals von Fremden, welche von Neugierde oder der reizenden Aussicht gelockt, den Berg erklimmen. Über sechshundert auf Pfeilern ruhende Bogen runden sich zu ebenso viel Rahmen für herrliche Landschaften, wechselnd je nach den Biegungen, welche der Säulengang macht, bis der Wanderer immer höher hinaufsteigend den Gipfel erreicht hat und das Klostergebäude umkreist, und seine Augen unschlüssig auf der alten Stadt mit ihren Kirchen und Palästen, den von rohen Ziegeln erbauten Türmen, jenen ritterlichen Vesten der Bologneser ruhen läßt. Von hier irrt alsbald sein Auge zu dem alle anderen überragenden schlanken Asinelli-Turme, und der hängenden Garisenda, zu dem am Fuß des Berges ruhenden Campo santo, bis der Blick, nach dem weiten Bette des Rheno gerichtet, sich in den blühenden Thälern und Ebenen der Romagna verliert, oder dann wieder zu den Vorgebirgen der Apenninen aufsieht, zu den Villen und den Oliven und Lorbeerhecken ihrer Gärten.

Dorthin war es, wo Neefli Abend für Abend pilgerte, wo er, von den Stufen der Kapelle aus, nach dem waldigen Höhenzug hinüber spähte und mit banger Sehnsucht der Berge seiner Heimat gedachte; jener auf dem Rosenberg und Freudenberg verlebten schönen Stunden, und die Aussicht auf das zu Füßen liegende Sankt Gallen, des tiefblauen Bodensees mit den leicht dahinstreichenden Segeln und den freundlichen Uferstädten Rorschach, Arbon und Romanshorn. Dem Gram der glücklosen Liebe gesellte sich die quälende Sehnsucht nach der Heimat, täglich wachsend, durch jene täglichen Gänge, durch einsames Brüten genährt. Das Heimweh, jenes langsam tödliche Gift, schlich durch seine Adern – er verzehrte sich langsam,

Wiederum saß Aloys träumend und trauernd auf den Treppenstufen des Klosters. Es war in den ersten Tagen des Mai's. Die Sonne sank hinter die Berge, und ihre letzten Strahlen glühten in den Spitzen der Cypressen, in den Kreuzen der Kapellen. Aus der Stadt scholl das Geläute der Ave-Maria-Glocken herauf und klang leise aus. Da tönte aus der Ferne, näher und näher kommend, eine schlichte, schwermütige Melodie, verstummte und begann nach kurzer Pause wiederum ihre sehnsüchtige Klage. Es waren Schalmeienklänge, die Klänge des Kuhreigens. Sie schienen den Schweizer zu rufen, nur ihm zu gelten, ihm wehmütig vorzuwerfen, wie er seiner schönen Heimat habe untreu werden können. Es war, als ob sie ihn mahnten, das an seinem Vaterlande begangene Unrecht schleunig wieder gut zu machen; als ob die Schweiz ihre Mutterarme flehend nach dem Flüchtling ausstrecke, Neefli's Augen füllten sich mit Thränen. Die Stimme der Pflicht in seiner Brust ward von der sehnsüchtigen Lockung übertönt. Noch in derselben Nacht desertierte er.

Während des Laufes des Tages sich in den Maisfeldern oder in einsam gelegenen Meiereien verbergend und nur bei der Nacht wandernd, hatte Aloys bereits die Grenzen des Kirchenstaats überschritten, die Sümpfe Mantuas, die blühenden Ebenen der Lombardei durchmessen, und den Kanton Tessin erreicht. In vollen Zügen durfte er nun wieder die reine Luft der Alpen, den würzigen Duft der Matten einsaugen; im freudeglänzenden Auge die Häupter der Alpen abspiegeln, die Felsen, in deren Spalten die düstere Tanne wurzelt, den hellgrünen, durch die verengte Schlucht sich windenden Waldstrom, die auf dem Zacken zerfallende Ritterburg, deren Mauern der umklafternde Epheu allein zusammenzuhalten scheint, und die niedere Sennhütte mit dem steinbeschwerten Dach. Alles, was sein Herz mondenlang bedrückt hatte, war spurlos verweht. Er war ja wieder frei, war in seiner Heimat, und die Felswände hallten von dem freud'gen Jauchzen des Heimkehrenden wieder. Von Sehnsucht gestachelt, erklomm Aloys in hastiger Eile den gewundenen Bergpfad, je näher dem Ziel, um so ungeduldiger es zu erreichen. – Es dunkelte bereits, als er das Hospitium des Bernhardin erreicht hatte. Ermattet von dem beschwerlichen Tagemarsch, von der geistigen Aufregung, warf er sich auf eine der hölzernen Bänke, welche sich längs den Wänden der Halle hinziehen. Vor Tagesanbruch noch gedachte er seine Wanderung fortzusetzen. Der Schlaf, jener wankelmütige Begleiter, der nur im Glück bei uns aushält und dem Menschen gleich mit dem Erbleichen der Glückssonne treulos entflieht, nahte ihm nach langer Zeit wieder mit dem Gefolge einschmeichelnder Träume. Um zwei Tage voreilend, sah er sich wieder den Bergpfad hinabsteigen, und der alten Mühle an der Sitter nahen. Schon von fern vernahm er das Brausen des die Räder treibenden Mühlbaches. Der Giebel des Schindeldachs tauchte aus den Bäumen hervor, bald auch die Erker und hölzernen Gallerieen. Tauben umschwirrten ein kleines Fenster. Eine weiße Hand streute dem zahmen Geflügel sein Futter auf die Fensterbrüstung – ein liebliches Gesicht bog sich herab, gewahrte den Wandrer und fuhr erglühend zurück – es war Gertrud – sie flehte so weich, so zärtlich, ob er ihr die Verblendung vergeben könne? Der Meister trat aus der Thür, hieß ihn viel tausendmal in der Heimat willkommen und schüttelte ihm treuherzig die Hand.

Das Schütteln aber währt fort – es erweckt Aloys aus dem Schlaf. Die Wirklichkeit hat auch hier, wie so häufig, in den Traum hinüber gegriffen. Vor dem verschlafen Auffahrenden steht eine hohe männliche Gestalt; das von dem Licht abgewandte Gesicht vermag er nicht zu erkennen. Vergeblich strebt er, sich von der umklafternden Faust zu befreien. Er vernimmt ein höhnisches Gelächter und die Worte: »So ist denn das Vöglein freiwillig in die Schlinge gerannt; zum zweitenmal soll es uns nicht entrinnen.« – Es ist der verhaßte Lenthi, welcher vor ihm steht.

Dem Rorschacher hatte die Entfernung seines Nebenbuhlers keinen Segen gebracht. Mit dürren Worten hatte ihm der alte Am Thurn erklärt, wie er sich nun und nimmer Hoffnung machen dürfe, sein Eidam zu werden. Jener Vorfall mit Neefli hatte ihn bei seinen Landsleuten auch nicht sonderlich empfohlen; er ward aus dem Dienst entlassen und hatte sich nun gleichfalls bei den päpstlichen Fremden-Regimentern anwerben lassen. – Diese waren zu jener Zeit das Botany-Bay der Schweiz, der Abfluß, welcher alles abenteuernde unruhige Gesindel einsog. Auf dem Marsch nach Bologna mit einem Transport Neugeworbener hatte er auf dem Hospitium Nachtrast gemacht, in der wohlbekannten Uniform den Deserteur, in dem Schläfer seinen Feind erkannt. Die Gelegenheit, den eigenen Haß mit dem Schwert dem Gesetzes waffnen zu können, war dem Rachsüchtigen allzu lockend, als daß er sie ungenützt hatte vorüber gehen lassen sollen. Die heimliche Schadenfreude bei dem Unglück des Nebenmenschen, der versteckte Wunsch, die Zahl seiner Leidensgefährten zu vergrößern – jene Schattenseite des menschlichen Charakters – verschloß auch hier das Ohr der Geworbenen gegen das inständigste Flehen Neefli's. Vergebens machte er die Rechte der Landsmannschaft geltend, vergebens berief er sich auf den allbekannten, unwiderstehlichen Zauber des Heimwehs – die Nämlichen, welche vielleicht noch vor wenigen Tagen, als sie selber noch freie Leute waren, seiner Flucht mit aller Aufopferung förderlich gewesen wären, erstickten jetzt die Stimme des Gefühls, wollten seine Pflichten als die des Dienstes anerkennen, und drängten sich dazu, Werkzeuge des Hasses, der Gewalt abzugeben. Aloys wurde als Gefangener nach Bologna zurückgeschleppt. Die Desertion, welche in der letzteren Zeit im Korps überhand genommen hatte, machte strenge, abschreckende Strafen notwendig. Monatwieriger Arrest, entehrende Schläge sollten die Sehnsucht nach dem Vaterlande aus dem Herzen des Deserteurs vertilgen und ihn mit seinem Lose versöhnen.

Neefli's böser Stern führte den Korporal Lenthi zu der nämlichen Kompanie, in welcher Neefli diente. In keinem Stande wird es der Willkür, der Laune so leicht, die Maske der Pflicht vorzunehmen, als in dem Soldatenstande; in keinem stehen der Leidenschaft so viel gesetzliche Mittel zu Gebot, in keinem ist der Unterdrückte schutzloser, verlassener. Keine Entschuldigung wird gehört, keine Rechtfertigung als gültig befunden; die unnachsichtliche Strafe folgt der Anklage, und schon die Beschwerde über erlittenes Unrecht allein stempelt den Armen aufs neue zum Schuldigen. War Bologna dem Neefli bisher als Fegefeuer erschienen, so wurde es ihm jetzt durch des Rorschachers hämischen, unversühnlichen Haß zur Hölle.

Mitternacht war längst vorüber. Neefli stand auf dem Wachtposten vor dem Palast des Podesta. Das Gewühl des Volkes, welches während der schönen Sommernacht auf der Piazza di Nettuno auf und nieder geflutet war, verlor sich allmählich, und nur einzelne Paare Liebender huschten heimlich durch die dunklen Arkaden. Bald ward es auf dem weiten Platz still, und nur das Plätschern des dünnen Wasserstrahls in das Becken rauschte aus der Ferne her. – Immer langsamer wandelte der Soldat auf und nieder. Dem von den Waffenübungen in der sengenden Glut des Tages, von dem einförmigen, gedankenleeren Wachtdienst Übermüdeten sanken die Augenlider bleischwer nieder. Matter und matter kämpfte er wider den Schlaf an. Der Mond versank hinter dem Turm des Enzio – ringsum herrschten Nacht und Schweigen. Nur einen Augenblick Ruhe gedachte Neefli den erschlafften Gliedern zu gönnen, bis der erkräftigte Geist wiederum die Herrschaft gewonnen habe. Er hemmte die Schritte, lehnte sich lässig an die Wand – das Gewehr entglitt langsam seinen Händen – er entschlummerte.

Kaum aber hat der Schlaf ihn lose umstrickt, als er auch fühlt, wie die Muskete ihm behutsam entwunden werde. Er schreckt auf, reißt die Waffe hastig an sich, und stößt verwirrt, schlaftrunken auftaumelnd den vermeinten Räuber mit dem Kolben wider die Brust. Er hat sich an dem Korporal von der Patrouille vergriffen, an seinem Verfolger Lenthi – hat sich des zwiefachen Verbrechens des Schlafens auf dem Posten und der thätlichen Widersetzlichkeit gegen Obere schuldig gemacht – er ist dem Kriegsgericht verfallen. Durch seine frühere Entweichung von der Fahne hat er jeden Anspruch auf Begnadigung verwirkt. Einstimmig wird ihm der Tod durch die Kugel zuerkannt.

Die Statuen auf den Simsen der Kirchen und Paläste leuchteten im ersten Sonnenstrahl, als das Schweizer-Regiment beim gedämpften Schall der Trommeln langsam ausrückte. Von dem Turm Asinelli dröhnte die Glocke, welche nur bei Hinrichtungen geläutet wird, in einzelnen dumpfen Schlägen. Schweigende Gruppen der Einwohner scharten sich unter den Bogengängen: aus den Fenstern blickten verstohlen Frauengesichter und verschwanden wieder hinter den Vorhängen. Hier und da ließ sich ein halblauter Ausruf des Mitleids vernehmen. Aloys Neefli wurde zum Tode geführt. –

Der Verurteilte schritt fessellos zwischen einer doppelten Reihe Soldaten, gekleidet in den weißen linnenen Totenkittel mit schwarzen Schleifen und dem schwarzen Papierherzen auf der Brust. Der Anzug gemahnte den dumpf vor sich hin Brütenden an jenen festlichen, welchen er bei dem für ihn so unglücklichen Volksfest getragen hatte. Bald aber verschwamm auch dieser Gedanke in dem chaotischen Gewirr der Gefühle. Vor seinen Ohren dröhnten in dumpfem Summen die abgemessenen Schritte der Wachen, das Klingen des Sterbeglöckleins, das Flüstern des Beichtvaters. Er wollte sich aufraffen, wollte den frommen Ermahnungen ein aufmerksames Ohr leihen, – gleich darauf wurden sie ihm aber zum ausdrucklosen Schall, und die Gedanken an die Heimat, an seine Liebe und den nahen Tod verwirrten sich. Bewußtlos vor sich hinstarrend zerpflückte er einen Blumenstrauß. – dann überlief ihn wieder ein eisiger Schauer. Ihm war, als ob der Boden unter seinen Füßen wiche. Das Thor war durchschritten. Auf einer kleinen Wiese unfern des Rheno ward Halt gemacht. Aloys blickte um sich, sah den Sandhaufen, auf welchen er niederknien, wo sein Blut verströmen sollte, sah den Sarg, der ihn aufzunehmen bereit war, die offene Grube. – Die Truppen schwenkten ein. Zwölf alte Grenadiere traten vor und luden die Gewehre. Nur noch nach Sekunden durfte er seine Lebensfrist berechnen. Da war es, als zerrinne mit einem Zauberschlage der traumhafte Nebel, der seine Sinne wie betäubt gehalten hatte, als werde er sich erst jetzt des Furchtbaren seiner Lage bewußt. Die Wiesen flimmerten von glänzigen Tautropfen, die Olivenbäume schaukelten ihre silbergrauen Blätter im frischen Winde. – Der Himmel war so klar, so durchsichtig, die Erde so schön, so wunderschön – und jetzt sollte er von ihr scheiden, so jung, so grausam um sein Leben betrogen, ein Opfer des boshaftesten Hasses, des herzlosen Gesetzspruchs. Im Kerker war ihm das Leben als unerträgliche Knechtschaft erschienen, eine Bürde, welche abzuwerfen er schmachtete – jetzt, im Augenblick des Todes, machte die Lebenslust ihre Rechte mit verdoppelter Gewalt geltend.

»Rettung! Rettung! Gnade!« stammelte er mit gebrochener Stimme. Sein Wimmern verhallte ungehört. Zwei Korporale treten ihm zur Seite, heißen ihn niederknieen, schlingen die Todesbinde um seine Augen. »Erbarmen! Erbarmen!« kreischte der Unglückliche – er reißt das Tuch von den Augen und wirft sich auf den Rücken mit gefalteten Händen. Die Schützen liegen im Anschlag – sie sind verwirrt – ein dumpfes Gemurmel läuft durch die Truppen. Noch immer liegt das unglückliche Opfer hingestreckt, mit den Armen verzweiflungsvoll um sich schlagend, als gälte es um das Dasein zu kämpfen, da erschallt ein lautes: »Pardon! Pardon!«

Von Entzücken durchschauert springt Aloys auf und stürzt im nämlichen Augenblick von zehn Kugeln durchbohrt zu Boden. Es war der Korporal Lenthi, von welchem der lügnerische Gnadenruf ausgegangen war. Der Bataillons-Kommandeur belobte laut die Geistesgegenwart, mit welcher er den feigherzigen Delinquenten auf die Beine gebracht und dem weibischen Gewinsel ein Ende gemacht habe. Dann schwenkte das Regiment ab, und marschierte unter lustigem Kriegsmarsch heim.

Der Rorschacher lebt noch jetzt in Bologna, angesehen und geachtet von Kameraden und Vorgesetzten. Er rechnet mit Zuversicht auf baldige Beförderung. Gertrud verbirgt ihr durch Kummer und Reue vergiftetes Dasein im Frauenkloster Sankt Katharina zu Dietzenhofen im Kanton Thurgau.

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