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Novellen und Erzählungen

Franz Freiherr von Gaudy: Novellen und Erzählungen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorFranz von Gaudy
titleNovellen und Erzählungen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeDritter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100828
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Die Verratenen

Unter wüstem Lachen und Toben wälzte sich in der sechsten Stunde einer Septembernacht des Jahres 1717 ein Haufen Männer in chaotischer Verwirrung über den Largo di Castello in Neapel, und schwankte dem räumigen Palaste des Kaiserlichen Feldobersten Freiherrn von Eberstein zu. Sternenschimmer und die in Mauerblenden vor Heiligenbildern glimmenden Ampeln verbreiteten hinreichendes Licht, um die musikalischen Instrumente der lärmenden Bande erkennen zu lassen, um den unordentlichen Anzug, die verschobenen Spitzhüte, die wankenden Tritte der Musikanten zu verraten, und um den Beobachter überzeugen zu können, daß die Jünger der Muse die anberaumte Stunde in irgend einer nahe gelegenen Schenke weder müßig noch mäßig abgewartet hätten.

Voran dem weinlauten Chore zogen als Chorführer zwei ältliche Männer in innigster Umschlingung, wenn man die künstliche Armverbindung, welche die Extreme an Wuchs der beiden notwendig machten, so benennen durfte. Der Kleinere, eine viereckige gedrungene Gestalt mit einem kolossalen Haupt, dessen grimmige Züge in einer Nacht von Bärten kaum zu unterscheiden waren, schien entweder ein Torso zu sein, welcher dem restaurierenden Künstler aus der Werkstatt schlüpfte, noch ehe dieser ihm das mangelnde Fußgestell ansetzte, oder, nach den ungewissen Vorwärts-Strebungen, die er an der Hand seines Gefährten versuchte, zu schließen, ein Bandit aus den Abruzzen, welcher zur Büßung seiner Frevel auf den Knieen nach einem wunderthätigen Madonnenbilde rutschte. Dem linken Arme die größtmöglichste Ausdehnung gebend, umklafterte er den Ellenbogen des Langen, dessen rechte Hand auf der Schulter des Zwergriesen eine Stütze fand, während die linke das mit goldenem Knopf versehene spanische Rohr als Balancierstange auf dem unsichern Pfade schwang. In selbstvergessene Träumereien versunken schien die Natur den letzteren zu jener übermäßigen, alle seine Mitbürger überragenden Länge ausgesponnen, und dann, wie erschrocken auffahrend, den Faden plötzlich abgeschnappt zu haben. Seine trostlose Dünne und Magerkeit, die ihm das Ansehen eines Sparlichtes verlieh, hatte ihn schon längst zum öffentlichen Charakter, zur stehenden Maske während des Karnevals gestempelt. Im Teatro San Carlino erschreckte seine bis in die Soffiten ragende Larve den Zuschauer. Auf Stelzen durchschritten mutwillige, in Laken eingewindelte Buben mit der bekannten Gespenster-Fratze die Toledo-Straße, während sie sich die Doppelstimme des Originals, welche mit dem tiefsten Baß begann und sich in ein schrillendes Falsett hinaufzog, nachzuäffen bemüheten. Jeder fremde Künstler, welcher zu jener Zeit Neapel besuchte, führte gewiß das Bildnis Checco's, Kammerdiener des Grafen Altonso Tagliaferro, in seinem Skizzenbuch, jene endlose Figur und entsprechend gedehntem, unveränderlichem, fahlem Gesichte, und den stets geschlossenen Augenlidern. Schwerer dürfte es dem Psychologen geworden sein, sein geistiges Bild zu entwerfen und eine Rubrik ausfindig zu machen, unter welche jene wunderbare Erscheinung, deren Eigenschaften im entschiedensten Widerspruch untereinander standen, zu bringen sei. Fühlte man sich versucht, Checco für schlau, durchtrieben und launig zu halten, so gab man gewiß schon im nächsten Augenblick, während er in böotischer Stumpfheit vor sich hinstarrte und jedem äußeren Eindruck unzugänglich schien, den Glauben an seine Intelligenz wieder auf, um ihn mit dem Gleichnisse eines Schnellgalgens zu beehren. Rühmte man die aufopfernde Treue und Anhänglichkeit, welche er während einer zwanzigjährigen Dienstzeit seinem Herrn zu beweisen häufige Gelegenheit gefunden hatte, so mußte man doch in kurzem gestehen, Checco sei der vollendetste Spitzbube der Hauptstadt und triebe das buscare, Kleine Diebereien ausüben. diese Nebenaccidenz des Neapolitanischen Bedienten-Personals, mit einer Unverschämtheit und Gewissenlosigkeit, als strebe er zuvörderst, seinen Herrn vollständig zu Grunde zu richten, um später den Genuß zu haben, ihm seinen Raub wieder erstatten zu können. Den Bewohnern der Residenz blieb es ein Rätsel, welche Seite Checco's die wahre, welche die falsche sei, ein noch schwieriger zu lösendes Problem aber, welcher Grund den Grafen bestimmen könne, jenen fabelhaften, chamäleontischen Kammerdiener beizubehalten. Die Konjektur, daß letzterer sich die Gewogenheit seines Gebieters durch Zaubertränke zu sichern wisse, zählte die meisten Anhänger, und unter diesen alle diejenigen, welche den schneidenden Kontrast zwischen dem melancholischen Temperament Don Altonso's und der possenhaften Schurkerei Checco's genauer ins Auge gefaßt hatten.

Der Palast des Freiherrn, vor welchem der Haufe Halt machte, war ein weitläuftiges, schwerfälliges Gebäude, welches durch seine mächtige Ausdehnung die Bauwut des Italienischen Adels, durch seine Geschmacklosigkeit aber den Verfall der Kunst im verwichenen Jahrhundert hinreichend bekundete. Früherhin Eigentum eines der Neapolitanischen Barone, welche sich der Spanischen unterliegenden Sache angeschlossen hatten, war er mit dessen übrigen Gütern eingezogen und späterhin dem Obersten Eberstein als Lohn seiner treuen Dienste vom Kaiser verliehen worden. Der Palast bot zur Nacht nur den Anblick einer gigantischen schwarzen Felsmasse dar; aus keinem der unzähligen, fast stockhohen Fenster fiel der Schimmer eines Lichtes auf den Platz. Der gegenwärtige Besitzer, ergraut bei der häuslichen, einfachen Lebensweise seiner Heimat, schien sich noch nicht mit der Vertauschung der Tageszeiten, welche, ebensowohl von dem südlichen Klima bedingt wurde, als auch den Gewohnheiten und Neigungen eines prunksüchtigen, genußliebenden und verschwenderischen Adels schmeichelte, vertraut gemacht zu haben. Aus seiner Wohnung war das Leben gewichen, während die angrenzenden Paläste des Largo vom Glanz der Kerzen erhellt waren, und aus ihren Sälen der verworrene Schall der Tanzmusik herniederquoll. Die Statuen auf der Plattform des Daches schienen, melancholisch hinabschauend, des Hauses stummes Wächteramt zu versehen. Checco hatte, nachdem er das Ziel erreicht, sein spanisches Rohr einige Ellen weit vor sich auf den Boden gestemmt, und, die Füße in gleichem Verhältnis spreizend, für die obere, heute außergewöhnlich beschwerte Hälfte seines Körpers eine sichere Grundlage und das Aussehen eines entfalteten Meßtisches erlangt. Mit dem besponnenen G anhebend und hoch in der Applikatur endend, wandte er sich nunmehr an den Chor: »Hier, Kinder, ist der Palast; hier stehe ich, und nun stellt Euch Alle gleichsam halbzirkulös um mich herum. So, so! Flauto traverso, tritt weiter zurück und gieße das besänftigende Öl Deiner Töne auf die sturmempörten Wogenlaute des Kontrabasso. Bravo! Aber wo steckst Du, Gennaro? Ehrwürdiger Kapellmeister, mein Orpheus! Ich sehe Dich nicht mehr. Klammere Dich fest an mich, ehe Du in den Weinnebeldünsten Deiner besoffenen Jünger rettungslos versinkst, Gennaro!«

«Daß Dich das böse Auge treffe!« polterte der knurrende Baß des beschworenen Maestro, jenes Bullenbeißers mit Dachspfoten, welchen wir bereits als Arm-Gehäng des Kammerdieners zu skizzieren versuchten. »Groß genug wär' ich doch, sollt ich meinen, wenn auch gleich keine so abgeschälte Pappel wie Du. Hier bin ich ja, ganz in Deiner Nähe. Soll ich mich Dir fühlbar machen? Soll ich Dir, Grashüpfer, eines Deiner marklosen, binsenröhrigen Beine ausreißen, um mit ihm als Violinbogen einige Variationen zu spielen? Durchsichtige Hornlaterne, sprich, was soll ich?«

»Ruhig, altes F-loch, ruhig. Cantores amant humores, sagten wir im Jesuiter-Kollegium. Du bist ein Kantor, also mußt Du Humor verstehen. Gebrauche Dein Ansehen, süßer Tintenfisch, und stelle die Röhre Deiner Papagenoflöte hübsch symmetrisch auf, im grandiosen Stil, sag' ich Dir, perspektivisch, akustisch, wie ich's liebe. Goldjungens, Ihr seid das Gold, also umfaßt, umklammert mich, die unschätzbare antike Kamee, und nun gerbt mein Trommelfell mit honigsauern harmonischen Kakophonieen. Laßt nun endlich das verdammte Gestimme, das ewige pling, pling, und beginnt. Schlagt Eure Notenbücher auf und orgelt mir so ein sanftes graziöses Lied ab, ungefähr wie das Trillern einer Lerche während des Erdbebens – immer höher – immer höher – so hab ich's gern, so was paßt sich für ein Ständchen. Der Gesang des emporschwebenden Vögleins stellt, um mich metapherisch auszudrücken, die Sprödigkeit des schönen Jungfräuleins dar, und das Höllenrasaunen des geplatzten Erdmagens die Impetuosität mannhaftiglicher Liebe. Eine schöne Allegorie – spielt in's Metaphysische hinüber – und so lieb' ich's gern. Wo habt Ihr Eure Bücher mit den langgeschwänzten, geklexten Teufeln, die auf den fünf Saiten herum kapriolen? Heilige Madonna, habt Ihr sie nicht in der Schenke liegen lassen, Ihr weintrunkenen Bierfiedler, oder biertrunkenen Weinfiedler, was Ihr nun gerade sein möget?«

»Siehst Du denn schon über die Abruzzen hinüber und die Sonne aufgehen, Du verwitterter Wartturm? knurrte der Direktor. Wir andern ehrlichen Christen stecken noch in einer Finsternis, in der wir not haben, das Mundloch zur Flöte zu finden, und Du Stockfisch brüllst nach Noten.«

»Welche Not um Noten,« erwiderte der Kammerdiener. »So erhebt doch Eure Schnauzen nur einmal aus dem Schlamm, Ihr Büffel, legt Eure Hörner ins Genick, und guckt auf das große blaue Notenblatt mit den Millionen funkelnden, flimmernden Noten dort oben. So spielt doch einmal das Firmament vom Blatte, wenn Ihr was rechtschaffenes gelernt habt, Schau einmal dort den großen Bären, Kontrebaß, Da kannst Du lange auf Deinem Kasten rumpeln, ehe Du den Stern in der linken Pfote herausbrummst. Und jetzt guckt mal eine Handbreit höher, die beiden kleinen Sterne mit der vertrackt naseweisen Physiognomie an. Sehen sie nicht gerade aus wie ein Trillo? Was meinst Du, Pickelflöte, traust Du Dir einen Atem zu, so lange zu dudeln, bis Deine Noten untergegangen sind? He?«

Während des phantastischen Gewäsches des Kammerdieners und der Anordnungen, welche er zum großen Verdruß des auf seine Autorität eifersüchtigen Gennaro unter der widerspenstigen Horde der Kunstsöldlinge zu treffen bemüht war, während des Stimmens der Instrumente, der Ansatztriller der Flöte, des dumpfen Anschlagens der Pauke, und aller der mißtönigen Probelaute, welche einer musikalischen Ausführung vorangehen, hier aber durch den Unfug der Trunkenen über Gebühr verlängert wurden, war ein hochgewachsener, vornehm gekleideter Mann um einige Schritte näher getreten und schien mit lebhafter Ungeduld dem endlichen Beginnen der Serenade entgegenzusehen. Als sich aber der wüste Lärm auf das widerwärtigste vermehrte, trat er rasch auf den händeschleudernden Checco zu.

»Aber sag' mir, alter Narr,« brach er zürnend aus, »weshalb Ihr nicht beginnt? Und welch' eine Bande von Trunkenbolden hast Du hier aufgetrieben? Kann Doch Keiner auf seinen Füßen stehen, und Du selber schwankst trotz Deines Strebepfeilers herüber und hinüber.«

Der Kammerdiener bog sein greises Haupt niederwärts, um zu erspähen, aus wessen Munde die Schmähungen stammten. Als er jedoch deren Urheber aus dem Knäul der Wüstlinge gesondert und erkannt hatte, entgegnete er im einschmeichelndsten Baß-Falsett, ohne jedoch die ihm unentbehrlich gewordene Fußstellung aufzugeben: »O verzeiht, Exzellenza, verzeiht! Tief zerknirscht flehe ich für jene auf den stürmischen Wogen des Weins schaukelnde Kapelle um Vergebung. Nichts desto weniger wage ich dem erlauchten Herrn Grafen in Erinnerung zu bringen, daß das Verbum Virtuos keineswegs von virtus herzuleiten sei, und zugleich meine submisseste Versicherung abzugeben, daß besagte Künstler sich erst dann in einer wahrhaft standesmäßigen Verfassung befinden, wenn sie nicht mehr imstande sind, sich auf den Beinen zu erhalten, Exzellenza werden allergnädigst geruhen, diesen, alle Hyperbeln überfliegenden Meister Gennaro Piccolominelli, auf die Bratsche zuerst ein Lagrimoso weit, weit hinter dem Stege, und nächstdem ein viertelstündiges Trillo auf gar keiner Saite vortragen zu hören, bei dem der Begriff stupend, oder was man überhaupt unter dem Begriff eines Begriffes begreift.« –

»Checco,« warnte der Graf, »ich bin für dergleichen Narrenspossen heute nur wenig gestimmt.«

Der gedemütigte Kammerdiener zuckte mit entsetzlicher Grimasse die Achseln, ließ sich aber doch herab, seinen Freund Gennaro um Beschleunigung des Beginnens anzugehen. Wirklich schien auch in kurzem die Muse den Sieg über den Weingott davon zu tragen, und die Virtuosen führten die eingeübte Symphonie mit einer Fertigkeit und Präzision aus, welche den ersten Teil der Verheißung ihres langen Vormundes vollkommen rechtfertigte.

Neugierige und Nachtschwärmer, deren eine so volkreiche und üppige Stadt wie Neapel zum Überschwang hegte, hatten bald einen dichten Kreis um die Musikanten geschlossen, lauschten entzückt mit der dem Südländer eigenen Leidenschaft für Tonkunst den Leistungen eines wohlbesetzten und geübten Orchesters, und ermutigten durch häufige Bravi. Die Hand an den Degengriff und bereit, jede Störung, welche von seiten der Zuhörer oder feindlich Gesinnter veranlaßt werden könne, zu hintertreiben, war auch der Kavalier wiederum näher getreten: wurden doch in jener Zeit die Klänge der schwirrenden Saiten nur allzuoft durch das Geklirr der Schwerter, durch das Ächzen der Todwunden unterbrochen. Diesmal aber zeigten sich die Besorgnisse des Grafen als ungegründet. Kein eifersüchtiger Nebenbuhler versuchte es, sich den nächtlichen Huldigungen des Liebenden zu widersetzen – ebensowenig wollte sich aber auch im Palaste, in welchem die Gefeierte weilte, ein Symptom bemerkbar machen, daß die Töne zu dem Ohre, dem sie bestimmt waren, gedrungen seien. Vergeblich blickte das sehnsüchtig spähende Auge des Grafen zu den hohen Schloßfenstern nach einem Zeichen dankbarer Anerkennung auf. Nur der flüchtige Schimmer der Fackeln, welche den schwerfälligen, von den Festen heimkehrenden Karossen leuchteten, glitt über die spiegelnden Scheiben, um schnell wieder vom toten Schwarz begraben zu werden.

Traurig und in trübes Sinnen versinkend wiegte der Graf den Kopf, dann aber, wie mit Gewalt sich aufraffend, gab er den Tonkünstlern einen Wink, sich zurückzuziehen, und eilte mit hastigen Schritten nach seiner auf dem Kai Santa Lucia belegenen Wohnung zurück.

Mit langsamer Wendung des Halses verfolgte Checco, ohne eine von seinen drei Stützen zu rühren, den stürmisch abgehenden Gebieter, hob sich dann auf den Zehen, und schob nachblickend sich wie ein Perspektiv zur größtmöglichsten Ausdehnung auseinander, bis er sich vergewissert hatte, daß der Graf außer dem Bereich seiner Stimme sei, um dann beruhigt in seine frühere Stellung zurückzusinken.

»Schafdarmstreicher und Windbeutel von Profession,« apostrophierte er die Musikanten, »findet Euch morgen früh eine Stunde nach dem zweiten Frühstück, wenn das Füllhorn der Großmut in meinem Zenith steht und die Quentchenwage der Sparsamkeit im Nadir, findet Euch, sage ich, unter jener segensvollen Konstellation in dem Palaste Tagliaferro ein, um Eure Silberklänge mit Silberklang belohnen zu lassen. Für jetzt aber, unsaubere Geister der Finsternis, zieht Euch zurück, tauchet unter, verschwindet. Heisch, heisch!« – Er schwang seinen Rohrstock wie ein Magier im Kreise über ihre Köpfe, und der Chor zerstreute sich so geräuschvoll beim Abgehen als bei seiner Ankunft nach allen Richtungen.

Nur der Direktor war, gefesselt durch die seinen Kragen anklafternde Hand des Kammerdieners, zurückgeblieben und blickte verdrehten Halses zu dem Langen auf. »Gennaro,« gurgelte dieser, »fideler Fiedler hörst Du mich? Vernimmst Du, geliebter Maulwurf, in der Tiefe die Laute, die ich Dir aus den Wolken zulisple?«

»Ich lausche, hochgeschätzter Kranich!«

»Wohlan, so höre denn, was des Busens geheimnisvoller Drang mir zu thun gebietet.«

»Und das wäre?«

»Mit Dir, vielsüßem Spunde, nach der Schenke, die wir vor einer Stunde verließen, zurückzuwandern, und wie es gesetzten, soliden Leuten von einem gewissen Alter und felsenfest gegründetem Rufe ziemt, den Tag bei vollen Gläsern zu erwarten. So spricht der Gott in meiner Brust. Und der Deinige, mein deus minorum gentium, wie wir im Jesuiter-Kollegium sagten, was erwidert er?«

»Hm! Meinethalben, Der Mensch mutz eine Zeit haben zum Leben, muß eine Zeit haben zum Sterben, und deshalb sehe ich nicht ein, weshalb er nicht eben so gut eine zum Trinken haben sollte. In Gottes Namen denn, laß uns gehen, mein edler Schachkönig.«

»Bravo! zweibeinig verließ ich die Schenke, vierbeinig – mein Rohr und Du Eichenknorren seid die Reserveständer – kehre ich zurück. Vorwärts. Wer's Glück hat, führt die Braut heim.«

Weder das düstere Glimmen der Lampen in der Weinstube, noch das grämelnde Brummen des hinter seinem Schenktisch verschlafen auftaumelnden Wirtes vermochten die dezidierten Nachtschwärmer von dem einmal gefaßten Vorsatz abwendig zu machen und sie zu hindern, ihre gewohnten Plätze in der verödeten Stube wieder einzunehmen.

»Nun, wie wär' es,« begann Checco, »etwa mit einem Fläschchen Syrakuser? Was meinst Du, Pique-As? Oder zeigt die Magnetnadel Deiner Zunge, vielleicht auf Wein von Capri? Du wärst wohl gar imstande, heute Abend oder morgen, was es nun gerade sein mag, sogar ein Fläschchen Marsala nicht zu verschmähen? Gelt? Oder schmachtet die Wüste Sahara in Deinem Magen nach einem Platzregen Kalabreser? Äußere Dich entschieden, wackere Dohle, auf daß ich Deinem Begehren das Siegel der Gewährung aufdrücke.«

»Mache mir nicht so viele Querelen, Checco. Während Deiner Salbadereien hätte ich schon ein halbes Quart schlucken können. Kalabreser denn, wenn es einmal sein muß.«

Der verlangte Wein erschien. Checco stieß herzhaft gegen das Glas seines Gefährten und rief: »Lustig, mein Heimchen, jetzt sind wiederum die sieben fetten Kühe Pharaonis an der Reihe – den letzten Knochen der mageren habe ich am gestrigen Morgen abgenagt.«

»Sprich deutlich, Standarte, wenn ich Dich verstehen soll.«

»Rede ich Dir, Stier Apis, noch nicht faßlich genug, wenn ich von Kühen rede? Drei volle Monde war mein Herr auf Reisen, in Deutschland, in Österreich, in Wien, in Ländern jenseits der Berge, wo nur der Mond scheint, wo der Schnee das ganze Jahr nicht einmal schmilzt, wo die Leute zwölf Monate lang von Eis leben, von purem meine ich, ohne Beimischung von Zucker und Limonen, wo die Bäume keine anderen Früchte tragen, als wenn einer daran gehenkt wird, mit einem Wort in Ländern, die an und für sich recht schön sind, nur nicht für denjenigen, welcher dort leben muß. Gestern kam er endlich zurück.«

»Nun, was geht das mich an, Darmsaite?«

»Was? O, Du beklagenswerter Gnom! Das kommt aber daher, wenn man so verwahrlos't im Wuchs und eine solche Drittelsfigur wie Du geblieben ist. So einer freilich kreucht immerdar am Boden und ist gezwungen, die sinnbetäubenden tellurischen Dünste einzusaugen, während diese bis an das Haupt proportioniert gebildeter Sterblicher sich nicht zu schwingen vermögen, und ein reiner, den Geist läuternder Äther unsere Stirnen fächelt. Du siehst es nicht ein, Hirschkäfer? Vernimm denn: so lange meine Exzellenza abwesend war, ruhte die Sorge des Haushaltes auf mir, auf mir allein. Ich kam mir vor, wie der Riese Briareus, der unter dem Vesuv begraben liegt und in seiner Desperation Feuer und Flammen speit. In der Abwesenheit meines Herrn war ich Herr, war sein anderes Ich – war demzufolge nicht sein Vermögen das meinige? War ich also nicht gezwungen, zusammenzuraffen, zu scharren, zu geizen, von abgenagten Melonenschalen zu subsistieren, Fischgräten zu Ragout fins zu verschneiden, und Eierschalen zu Pasteten? Hinter dem Rücken meines Grafen zu – »Stehlen, meinst Du?«

»Nicht ganz, aber ungefähr doch – eigentlich meinte ich zu mausen – o pfui, das wäre hinterlistig, eines Mannes wie Checco Angnilotte unwürdig. Jetzt ist er, der Graf, der Gebieter, heimgekehrt, jetzt mag er die Augen in die Hand nehmen, jetzt mir auf die Finger passen – denn jetzt naht für mich die goldene Osterzeit nach den ewig langen Fasten. Unter des Grafen sichtlichen, offenen Augen für mich, für mich, für meine Zukunft zu sorgen, ist groß, edel, es wird zur Pflicht. Und, beim Blute des heiligen Januar, ich will es thun. Kourage, Bruderherz, mein Graf ist zurück! Jetzt geht es wieder an ein dejeunieren, dinieren, soupieren, pokulieren, fetieren, maskieren, turnieren, adorieren, kourtoisieren, musizieren, serenadisieren, suitisieren, parieren, hasardieren, dissipieren –«

»Bis Euch die letzten Heller mankieren,« schob Piccolominelli ein.

»Und bis dahin ist meine Ährenlese schon unter Dach und Fach, um so mehr, da es mit der Heirat meines Herrn wie mit dem Fleischessen am Freitag aussieht. Desto besser; ein rechtschaffener Diener kann nur bei einem Junggesellen prosperieren. Kehrt der Pantoffel ein, so wird unsereinem das Haus zum Treibhause, wir werden hinausgetrieben, wir mögen wollen oder nicht.«

»Was Heirat? Was Pantoffel? Dein sauertöpfischer Graf soll heiraten, oder soll es vielmehr nicht?«

Sicherlich, mein süßes Tintenfaß oder besser Tintofaß. Das ist Dir aber eine lange Geschichte in bezug auf Zeit, und eine langweilige, was den nüchternen Erfolg anbelangt. Ich könnte sie Dir ebenfalls vertrauen, sintemal mein Ohr die Grube ist, in welche mein moderner Midas seine Liebesseufzer zu lispeln pflegt. Wächst nun ausplauderndes Schilf, so ist dies nur seine Schuld, nicht die meinige.«

»Nun, so drück' ab, Checco, ehe das Geheimnis Dir das Herz abdrückt! aber sprich wie ein ehrlicher Kerl zum anderen, schlecht und recht und gemein.«

»Pfui, Gennaro, für so niedrig an Gemüt und Denkungsart hätte ich Dich nie gehalten, daß Du die Redeweise, deren sich der unkultivierte Pöbel zum Austausch seiner verächtlichen trivialen Begriffe bedient, verlangen würdest. Ich hätte Dir die Historie in Balladen oder Heroidenformat, wie die der Hero und Leander, der duftenden Metaphern und kunstvollen Redeblumen wie den Wagen der heiligen Rosalia überblümt – Du aber bist ein Mensch ohne den geringsten Sinn für alles, was jenseit der Makkaroni und der Flasche liegt – und reiche mir einmal bei der Gelegenheit die Flasche in den Bereich meiner Finger, denn Du schluckst ungebührlich. Und nun, geliebte Pauke, spanne Dein Fell, auf daß ich mit meinen Wahrnehmungen, Erfahrungen, Abstraktionen gehörig Thatsachen darauf wirbeln kann. Wie gesagt, sauf' nicht zu viel und höre desto mehr. Schloß vor den Mund – Ohren auf! Fama setzt die Posaune an den Mund und bläst die Backen auf. Die Ouvertüre beginnt: Es war einmal ein Vater, welcher zwei Söhne, hatte –« ,

»Willst Du mir ein Märchen aufbinden, Du ewiglanger Gedankenstrich?«

»Nein, Klex. Ich intendiere bloß, die Saiten meines Ingenii tief genug für Dein plebejisches Fassungsvermögen herabzustimmen.«

»Deine Einleitung überlebt die Flasche.«

»Bestell' eine andere und höre mit Andacht zu, was ich mit Salbung Dir Narren narrieren werde. Der alte Graf Pompeo di Tagliaferro hinterließ zwei Söhne, den Grafen Don Eusebio und meinen Herrn, den damaligen Cavalier Don Alfonso. Der älteste Sohn erbte alles, Grund, genug, weshalb für den zweiten wenig oder nichts übrig blieb. Übrigens geschah es dem Herrn Ritter ganz recht, wenn er mit dem Linsengericht abgefunden wurde. Weshalb hielt er sich nicht besser bei dem Wettrennen aus dem mütterlichen Schoß? Da ist sich jeder der nächste, und wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Da nun bei unsern adligen Geschlechtern der alte ehrwürdige Gebrauch herrscht, denjenigen, welcher keinen Kreuzer hat, das Kreuz nehmen zu lassen, so wurde auch unser Jüngstgeborner auf dem Postschiff nach Malta geschickt, zum Ritter geschlagen und dadurch der Ehre teilhaftig, sich von den Ungläubigen zum Krüppel schlagen zu lassen. Auf jener ritterlichen Klosterinsel verbrachte mein Malteser alle anderthalb Dutzend Jahre, machte seine Karavanen mit, spielte mit Andacht Reversi, betete zum Zeitvertreib den Rosenkranz, gähnte, duellierte sich, und führte mit einem Wort ein höchst standesmäßig langweiliges Leben, bis Graf Eusebio, welcher bisher als Majoratsherr und älterer Bruder von dem Minoratsherrn und Nachgeborenen so wenig Notiz als von dem Leibaffen des Dei von Algier genommen hatte, sich ganz unerwartet von der liebenswürdigen Seite zu zeigen begann: er stürzte nämlich bei der Jagd vom Pferde und brach das Genick. Aber hörst Du auch auf, schwarze Räucherkerze. Ich glaube gar, Du nickst schon während der Einleitung zu meiner Familien-Chronik?«

Piccolominelli brummte einige Beteuerungen des Gegenteils, And Checco fuhr beruhiget fort: »Kurz vor jener Zeit hatte Österreich seine Rechte auf Neapel und Sizilien geltend gemacht, und weil es das stärkere war, auch den Prozeß durch alle Instanzen gewonnen. Uns niedriggebornen Erdensöhnen war es höchst egal, ob Pippo oder Lippo im Sattel säße – der eine spornte und peitschte so gut wie der andere, und fütterte uns Pippo mit Disteln und Heu, so reichte Lippo gewiß nicht mehr als Heu und Disteln. Unsere Barone hingegen fühlten sich höchlichst chokiert, daß ihre Erlaubnis zu dem Wechsel der Herrscher nicht vorher geziemend eingeholt worden sei. Es gab Resolutionen, Petitionen, Oppositionen in ganzen Legionen – das Kind dieser langen schmerzlichen Wehen aber waren Konfiskationen der Güter sämtlicher Schreihälse. Don Eusebio war einer der Haupthähne gewesen, hatte am mutigsten die Flügel geschlagen, am hellsten gegen Österreich gekrähet, und war demzufolge einer der ersten, welchem die Fittiche gestutzt wurden. Glücklicherweise erlebte er nicht mehr die Operation, die ihn völlig zum Kapaun umwandeln sollte. Don Altonso, welcher dem ersten Freudentaumel darüber, daß er nach dem brüderlichen Sturze die bequeme Grafenkrone als Nachtmütze aufstülpen dürfe, das Ordenskreuz und mit ihm seinen Brotkorb dem Großmeister zurückgeschoben, eilte nach Neapel, um sich mit den Erbgütern belehnen zu lassen, fand sie jedoch in den Krallen des Fiskus, und sich als Grafen in partibus infidelium. Wie ein andächtiger Pilger von Gnadenbild zu Gnadenbild, von Kapelle zu Kapelle ruscht, so zog nunmehr mein gerupfter Herr, der Vergebung seiner brüderlichen Sünden und der Wiedergebung seiner Güter halber, von Palast zu Palast, von Exzellenza zu Exzellenza, antichambrierend und supplizierend. Unter anderen kam er denn auch zu dem alten Signore Eberstem, demselben, welcher unsere Symphonie in der Nacht so tapfer verschlief, zu einem gutmütigen eisgrauen Degenknopf von der Spezies der Nestoren, welcher sich in einer perpetuellen Schwangerschaft mit tausend und eine Nachtwierige Erzählungen aus dem Spanischen Erbfolgekriege befindet. Don Altonso meldete sich als Accoucheur dieser Bürde, und er entledigte sich seiner Pflichten mit einer stupenden Geduld und Ausdauer. Ihr wurde der glänzendste Lohn: außer einer höchst speziellen Kenntnis des besagten Krieges eroberte er das Herz des Alten, und durch dessen vielgeltende Fürsprache die verwirkten Güter, außerdem aber noch den freien Zutritt in seinem Hause und bei dessen Nichte Donna Diana, einer Deutschen von Geburt und Italienerin von Erziehung. Wenn nun schon das Sprichwort sagt, daß ein italienisierter Deutscher ärger als der Teufel selber sei, so kann man dreist hinzufügen, daß diese italienisierte Deutsche des Teufels Großmutter bei weitem überflügele.«

»An Alter und Häßlichkeit?« fragte Gennaro gähnend.

»Warum nicht gar, Dummkopf. Sechzehn Jahr alt ist sie, hübsch genug, um das ganze Konklave in sich vernarrt zu machen, und hinreichend grillenhaft, um es nachher in pleno vollends zum Wahnwitz zu bringen. Ich sage Dir, ein Affe hat nicht mehr Launen als die Donna. Jeden Augenblick fährt ihr eine neue Sternschnuppe durch das Köpfchen. Ich wollte eher eine Schar tanzender Mücken zählen als die kapriziösen Einfälle, die sie des Tages über ausheckt. Der Onkel aber ist ein Pantoffelknecht, der sein Herzblümchen nach Lust und Laune schalten läßt. Je toller sie's treibt, desto seelenvergnügter dreht er sich den grauen Schnurrbart, und schwört darauf, daß er in seiner Jugend um kein Haar anders gewesen sei. Meinen armen Grafen muß nun zur Büßung seiner Sünden der Böse plagen, sich in diese Wetterfahne gleich den ersten Tag wie toll und blind zu verlieben. Ebenso gern wollte ich mit Cola Pesce nach dem Goldbecher, ins Meer springen, als nach dem Goldreifen der Signora langen. Bei meinem Amoroso hingegen ist sehen und sich wie besessen in den Strudel glückloser Liebe stürzen, eins. Keinen Tag versäumt er, ihr seine Huldigungen darzubringen, keinen Tag sich fortspotten zu lassen; keine Nacht ihr die Serenade zu bringen, um am andern Morgen die Versicherung aus ihrem Rosenmündchen zu vernehmen: noch nie habe sie süßer als in der verwichenen Nacht geschlummert. Siebzehn in einem halben Jahre bloß an Fensterparaden und im Karroussel zu schanden gerittene Pferde, drei ausgekaufte Modeladen, sieben abgerupfte Gärten und zweihundert und ein und zwanzig Paar durchtanzter Schuhe haben ihm noch nicht einen Blick, den man einem Hunde vorwerfen möchte, errungen. In seiner Verzweiflung wendet er sich an den Obersten, klagt ihm stammelnd und mit bewegter Stimme sein Herzeleid, und hält in aller Form Rechtens um die rechte Hand der Donna an. Der Alte fällt, von Entzücken, einen so ausdauernden Zuhörer seiner Kriegsthaten sich durch die Bande des Bluts unauflöslich zu verketten, dem Freier um den Hals, erpreßt glücklich den blöden Augen zwei nicht unbeträchtliche Freudenzähren. küßt und segnet den Grafen und verweist ihn zum Schluß sehr tröstlich von Pontius an Pilatus sc., an sein Fräulein Nichte. Donna Diana lauscht dem Antrag der Grafenkrone mit seltner Erbauung, und verweist den Bittsteller an ihre in Wien lebende Mutter. Mein Don nimmt sich kaum Zeit in die Kurierstiefeln zu plumpen, stürmt wie ein liebeglühender Südwind über die Alpen, präsentiert sich der Frau Schwiegermutter in spe, und kehrt jetzt nach sieben Monaten mit sieben und siebenzig Runzeln auf der Stirn mehr wieder heim. Von dem Inhalt des Wiener Ultimatum will noch vor der Hand nichts verlauten, ich aber opponiere mich, lediglich an Fakta haltend: daß seine Liebe wie ein beschnittener Weinstock jetzt nur noch üppiger ausschlägt; daß er trotzdem die Donna nie bekommt, und zwar schon aus dem Grunde, weil sie ihn nicht leiden mag, daß sie ihn ferner nicht leiden mag, weil er ihr viel zu ernsthaft, zu melancholisch ist; daß er ihr zu melancholisch ist, weil er zwanzig volle Jahre mehr zählt als sie; daß er zwanzig Jahre mehr zählt, weil sie just um denselben Zeitraum, nicht einmal eine Stunde darüber oder darunter, jünger ist, und daß endlich – – Du mein Freund Gennaro ein doppelt trunkener, wein- und schlaftrunkener Esel bist, dem ich zeitlebens keine Novitäten mehr erzählen werde.«

Den Kopf weit hintenüber gebeugt und die Augenlider gewohntermaßen schließend, war es dem Erzähler entgangen, daß sein Busenfreund längst der narkotischen Wirkung des im Übermaß genossenen feurigen Kalabreser unterlegen war und, den Kopf auf den Arm gelehnt, sanft schlief. Langsam und bedächtig erhob sich der Kammerdiener, goß den Rest des Weins hinunter, versengte, ohne eine Miene zu verziehen, dem Schlafenden mittelst eines glimmenden Spahns die Waldung des rechten Backenbartes, und eilte hierauf mit weit ausgreifenden Schritten nach seiner Wohnung zurück.

 

Mit ungeheuchelter Freude empfing der Freiherr von Eberstein am folgenden Tage den Grafen. Der würdige Greis hegte, eine wahrhaft väterliche Zuneigung für Don Altonso, und die Überzeugung, daß das gediegene ernste Wesen desselben Bürge für das Lebensglück seiner von ihm zärtlich, und nur mit allzugroßer Nachsicht geliebten Nichte sein werde. Jetzt wähnte der Oberst das letzte Hindernis durch die unbedingte Einwilligung seiner Schwester beseitigt, und der Verwirklichung seines langgenährten liebsten Wunsches entgegensehen zu dürfen. Mit um so schmerzlicherem Befremden gewahrte er daher die gramverdüsterte Stirn seines Schützlings. »Und wie geht es meiner Schwester in Wien?« fragte er hastig. »Ihr spracht sie, Graf? Wie nahm sie Euren Antrag auf?«

»In Wien angelangt«, entgegnete Don Altonso, »fand ich die Signora krank. Vier qualvolle Wochen schlichen in bleierner Einförmigkeit dahin, ehe es mir vergönnt wurde, mich der Frau Baronin vorstellen zu dürfen – vier Wochen in einer fremden Stadt, ohne eine befreundete Seele um mich zu wissen, von den Bewohnern durch Unkunde der Sprache getrennt, auf der Folter der peinlichsten Erwartung. Endlich ließ mich die Signora benachrichtigen, daß mein Besuch ihr genehm sein würde. Sie fühlte sich noch leidend und angegriffen. Ich übergab ihr Euer Schreiben, ich sagte ihr alles, was ein liebeglühendes Herz mir eingab, daß es nur auf ihrer Entscheidung beruhe, mein Lebensglück, dasjenige ihrer Tochter zu begründen, daß Donna Diana mich an sie verwiesen habe. Die Antwort, welche mir zu teil wurde, war keine befriedigende, wohl mehr eine meine Hoffnungen vernichtende. Die Baronin fühlte sich, ihren Äußerungen zufolge, durch meinen Antrag geehrt; meine Persönlichkeit entspreche dem mir vorangegangenen günstigen Ruf, und was nun dergleichen Beschönigungen einer verweigernden Antwort mehr waren. Schwer würde es mir jedoch fallen, fuhr sie fort, mein einziges Kind so fern von mir vermählt zu wissen, die Hoffnung, es je wieder zu sehen, bei meinem Alter aufgeben zu müssen. Ich erbot mich, meine Güter in Neapel und Sizilien veräußern zu wollen, und mich in ihrem Vaterlande anzusiedeln. Mit kühlem Danke wurde dies Opfer abgelehnt. Mehr und mehr trat eine bisher nur mühsam verhehlte Abneigung gegen meine Wünsche hervor. Ich wurde zuletzt wieder an Euch, mein würdiger Oberster, und an Diana verwiesen, und nur zu lebendig drängt sich mir das Gefühl auf, daß die Baronin sich dieses letzteren Ausweges nur bediente, um einem ihr peinlichen Ansinnen zu entgehen und meine Abreise zu beschleunigen. Wiederholte Besuche, die inständigsten Bitten vermochten keine günstigere Entscheidung herbeizuführen. Nur eine kalte förmliche Höflichkeit ward mir statt aufrichtigen, herzlichen Entgegenkommens. Nicht das Wort war das entmutigende, trostraubende, wohl aber der Ton, mit welchem es gesprochen wurde, die Miene, welche es begleitete. Schmerzlicher als dürres Verneinen wird dem Bittsteller ein angeblich milderndes, ein Vielleicht, bei welchem er sich selber eingestehen muß, daß es schon in der festgefaßten Absicht des Versagens ausgesprochen wurde.«

Mißmutig schüttelte der Greis das Haupt. »Ihr irrt Euch, Graf,« erwiderte er, »Ihr müßt Euch irren. Nur gereizte Empfindlichkeit konnte Euch in dem Ausspruch meiner Schwester das Feindselige, Gehässige, welches Ihr ihm unterlegt, entdecken lassen. Von jeher habt Ihr das Leben durch das getrübte Glas der Melancholie aufgefaßt – es täuschte Euch auch hier. Zu wenig vertraut mit den Frauen meines Landes, maßet Ihr sie nach dem leichten, offenen, zutraulichen Sinn Eurer Landsmänninnen, doch zur Unzeit. Schüchtern verschließt die Deutsche ihr Fühlen in ihrer Brust, nur dem Geliebten, dem Gatten wagt sie es zu enthüllen; nur ein jahrelanges geprüftes Vertrauen vermag ein gleiches von ihrer Seite zu erwecken. Richtet nicht strenger, als Ihr solltet. An ihre Tochter wies Euch meine Schwester – und was verlangt Ihr mehr? Kann ich denn mehr thun, da Ihr meiner Beistimmung gewiß seid, als jenen Urteilsspruch zu bestätigen? Geht unverzüglich zu meiner Nichte, Herr Graf, verkündet Dianen die Worte der Mutter, der sie mit kindlicher Zärtlichkeit anhängt. Eilet. Sie wird Euch von Herzen begrüßen, und wie könntet Ihr auch willkommener nahen, als wie ein Überbringer der Grüße mütterlicher Liebe.«

Die freundliche Ermutigung des Freiherrn vermochte nicht, die Zweifel in Altonsos Brust zu beschwichtigen, sein trübes Vorgefühl zu bannen. Zögernd schritt er dem gegenüberstehenden, von dem Fräulein bewohnten Flügel des Palastes zu.

Im Vorsaal fühlte er seine Hand ergriffen und mit heißen Küssen bedeckt. Es war ein fünfzehnjähriges Mohrenmädchen, welches ihn so freudig bewillkommnete. Der silberne Ring um den Hals bezeichnete sie als Sklavin. Auf der letzten Karavane, welcher Graf Tagliaferro als Malteser beiwohnte, war das Mädchen auf einem geenterten Barbareskenkaper gefangen worden. Der Graf hatte sie in Malta ausgelöst, sich freundlich der Verlassenen angenommen und sie zuletzt in das Haus seiner Gebieterin versetzt. Seitdem hing das Kind mit voller Seele an ihrem Wohlthäter, ihr Auge leuchtete, und Freude verlieblichte ihre unschönen Züge, so oft sie ihn ansichtig wurde. »Sieh da, Tschagla,« rief er, »ich freue mich, Dich wieder zu finden. Wie ging es Dir? Und Deine holde Herrin, kann ich sie sprechen?«

»Tschagla ist gesund, Signore. Alles gesund. Aber Herr ist lange, lange weggeblieben – wird vieles anders finden. Ach, so spät gekommen! Aber Signora soll gleich benachrichtigt werden.«

»Vieles ist anders geworden?« murmelte Altonso finster vor sich hin. »Spät gekommen, wohl zu spät? So ziehen denn noch neue Wolkenschichten heran, um meinen Horizont gewitterschwül zu umlagern. Wer will den vom Glück Verstoßenen seines ewig regen Mißtrauens halber schelten, ihn, den sein Unstern von der Wiege an nur durch Dornen und Gefahren führte? –«

Das Aufreißen der Flügelthüren unterbrach den Monolog des Schwermütigen. Er trat in das mit purpurrotem Damast bekleidete, mit phantastischem, vergoldetem Schnitzwerk überreich verzierte Zimmer.

Donna Diana hielt einen buntschillernden Papagei auf der Hand, fütterte ihn unter zärtlichen Schmeichelworten mit Zuckerwerk, streichelte und küßte das Köpfchen des behaglich sich dehnenden Vogels, drückte ihn lieb an den Busen und schien über das fromme, kluge Tier den Eintretenden zu vergessen. Schmerzlich verletzt blieb der Graf an der Thür stehen. Eisstrahlengleich schoß in seiner Brust ein recht bitteres, feindseliges Gefühl an, und schmolz wiederum in raschauflodernden Flammen der Liebe. Er konnte das Auge nicht von der reizenden Gestalt verwenden, von dem hohen schlanken Wuchs, welchen die Mode derzeit so vorteilhaft hervorhob, von dem blühenden, süßlächelnden Munde in dem feinen, zierlichen Gesichtchen, von den geistvollen dunkelbraunen Augen, deren Schöne durch die seltene Vereinigung mit goldgelben, füllreichen Haaren erhöht wurde, »Und nun, mein Herzens-Coco,« sprach kosend das Fräulein zu ihrem Vogel, »nun geh zurück in Deinen Käfig. So, mein kluges Tierchen. – Ach wahrhaftig, Don Altonso! Ihr kehrtet von Wien zurück? Schon seit längerer Zeit vielleicht? Ihr sahet meine Mutter? Wie befindet sie sich? Hoffentlich im besten Wohlsein. Aber wisset Ihr auch, Graf, daß Ihr gerade jetzt wie gerufen kommt? Don Leopoldo di Rammstein, ein deutscher Kavalier und Freund unseres Hauses, welchen ich Euch hiermit vorzustellen die Ehre habe, läßt mich hier auf unverantwortliche Weise im Stich. Werdet Ihr es glauben, Graf, daß er nicht die Theorbe zu spielen, ja sie nicht einmal zu stimmen versteht? Es ist unerhört. Schon sein Monaten habe ich das Instrument nicht mehr angerührt – ich bin fest überzeugt, auch nicht eine Note mehr zu kennen. Heute erwacht die alte Lust mit Macht, und der Herr Ritter verweist mich mit meiner verstimmten Theorbe an den ersten besten Maestro. Es ist abscheulich, Don Leopolde. Rechnet darauf, daß ich diese Beleidigung Euch niemals vergeben werde.«

Der Graf wandte seine Blicke auf den in Ungnade Gefallenen, welcher, ziemlich nachlässig auf das Sofa gestreckt, die Drohungen des Fräuleins mit einem vertraulich-sichern Lächeln beantwortete. Er schien kaum den Jünglingsjahren entwachsen zu sein. Seine Gestalt war sein und beweglich, die Gesichtszüge fast weiblich. Nur die schwarzen, blitzenden Augen und der spöttische Zug des Mundes deuteten auf einen entschiedeneren Charakter, als man nach dem ersten Anblick bei ihm vorauszusetzen sich geneigt fühlen mochte. »Und jetzt, Graf Tagliaferro,« fuhr Diana fort, »sollt Ihr mich an meinem ungalanten Landsmann rächen und ihm beweisen, um wie viel gewandter ein Neapolitanischer Kavalier im Dienste der Damen ist, indem Ihr vor seinen Augen meine Theorbe, stimmt. –«

»Jetzt, Signora? In diesem Augenblick? –«

»Welche Frage? Natürlich jetzt, wo ich den Wunsch ausspreche, und zwar schnell, ehe meine Laune wechselt.«

Die Mohrensklavin überbrachte Instrument und Saiten, und legte beides auf den Wink ihrer Gebieterin in die Hände des Grafen.

Herr von Rammstein schien der ganzen Szene nur eine geringe Aufmerksamkeit zu schenken, und in der Überzeugung, daß die angedrohte Ungnade nur von kurzer Dauer sein werde, wenig oder nichts von seiner wohlgefälligen, guten Laune einzubüßen.«

»Und jetzt, Madonna,« fragte Don Altonso von neuem, wie an seinen Sinnen irre werdend, »jetzt mutet Ihr mir diesen Dienst zu, in dem Augenblicke, wo ich zurückkehre – von Wien, von Eurer Mutter?«

»Ja, ja, mein Herr, jetzt, gerade jetzt,« wiederholte das schöne Kind gereizt, »vorausgesetzt, daß Eure Kunstfertigkeit in den deutschen Schneegestöbern nicht rettungslos untergegangen sei.«

Mit mühsam verhehltem Unmut unterzog sich Don Altonso dem aufgetragenen Geschäft. Das Fräulein trat wieder an den Messing-Käfig und tändelte mit dem Papagei. Plötzlich aber wandte sie sich mit der holdseligsten Freundlichkeit gegen den jungen Deutschen: »Man sieht Euch doch heute Abend auf der Strada Santa Lucia, Don Leopoldo?« Der Kavalier verneigte sich zum Zeichen der Bejahung. Den eben erst beschworenen Groll der Donna hatten die Winde entführt.

Endlich war der Graf mit dem mühseligen Stimmen der Laute zustande gekommen, und überreichte Dianen das Instrument. Sie fuhr rasch über die Saiten hin. »Und das nennt Ihr stimmen, Graf,« rief sie unwillig, »nicht ein Ton giebt richtig an.«

»Verzeiht, Madonna, sämtliche Saiten sind –«

»Nun, meinethalben. Legt die Theorbe nur wieder fort. Mir ist die Lust zum Spielen vergangen. Ein andermal. Erzählt etwas von Eurer Reise. Wie habt Ihr den Karneval in Wien verlebt? Doch nein, Ihr waret ja wohl noch zu jener Zeit in Neapel. Aber Bälle und Gesellschaften werdet Ihr doch besucht haben? Ist der gesellige Umgang ungezwungen, oder macht die Spanische Etikette ihre frostigen Rechte immer noch geltend? Als sechsjähriges Kind verließ ich ja schon die Mutter – bald darauf kam ich hierher. Ha, mich überläuft's bei dem Gedanken, daß ich mein ganzes Leben in dem kalten Deutschland verbringen müßte.«

»Nur höchst unvollkommen bin ich imstande, Eurem Verlangen zu entsprechen, Madonna. Ich hatte wenig Gelegenheit, noch weniger Neigung, Gesellschaften zu besuchen, und außer einigen offiziellen Besuchen bei dem Reichsvizekanzler Grafen Schönborn-Puchaim, war ich in keinem andern Hause als in dem Eurer Frau Mutter.«

Die Erinnerung an die leichtsinnige Art, wie Diana den Grafen auf den Ausspruch ihrer Mutter vertröstet hatte, schien bei Erwähnung derselben rege, und jede Erörterung des schwebenden Verhältnisses ihr peinlich zu werden. »Ich hege die feste Überzeugung,« warf sie spöttisch hin, »daß Ihr die Rolle des Misanthropen, in welcher Ihr Euch schon hier zu gefallen schient, mit bewunderungswürdiger Konsequenz auch dort durchgeführt, und so meinen Landsleuten einen wundersamen Begriff von der Lebenslust des Neapolitanischen Adels beigebracht haben möget. – Doch sagt mir, Don Leopoldo,« fuhr sie mit leichtem Tone fort, »was hört man Neues von dem geheimnisvollen Schützling, oder Gast, oder Gefangenen unseres Vizekönigs auf dem Kastell Sant-Elmo?«

»Ganz Neapel ist auf die Lösung dieses wunderbaren Rätsels gespannt, Fräulein. Der Vizekönig läßt unter dem Vorwande der Unpäßlichkeit niemanden vor sich, während ihn doch, wie ich es aus sicherer Quelle weiß, die Beisitzer des geheimen Rats nicht eine Stunde verlassen, und er unter der Last der Arbeiten fast erliegt. Kuriere von und nach Wien jagen sich. Alle Wachen im Kastell wurden verdoppelt. Man raunt sich von entdeckten Verschwörungen, von einer hohen darin verwickelten Person, welche sich jedoch bereits im Verwahrsam befinde, in die Ohren. Andere tragen sich wieder um dem abenteuerlichen Gerüchte, wie der jetzige Bewohner von Sant-Elmo der Sprößling eines hohen Hauses, eines regierenden sogar, sei.

Einige nennen den unglücklichen Jacob von England, oder wie er gewöhnlich benannt wird, den Chevalier von St. Georges. Andere wollen gar mit Bestimmtheit wissen, der Fremde sei der türkische Prinz Mustapha, der Bruder des Großherrn, welcher sich aus Konstantinopel hierher geflüchtet habe und willens sei die Taufe zu empfangen, wobei sie denn auch nicht ermangeln zu versichern, daß ihm der Vizekönig auf Ansuchen Sr. Heiligkeit, welche dieses fromme Vorhaben nach Kräften zu fördern wünsche, jenen Zufluchtsort eingeräumt habe.«

»Ein türkischer Prinz?« rief Donna Diana und klatschte freudig aufjubelnd in die Hände. »Das wäre prächtig, wenn ein solcher sich hierher verirrte. Ich kann es kaum erwarten, ihn zu sehen. Und der Bruder des Großtürken, wie Ihr sagt? Ob er noch jung ist und hübsch? Gewiß habt Ihr etwas gehört, Don Leopoldo. Laßt Euch doch nicht die Worte brockenweise hervorlocken, und befriedigt meine Neugier. Ich bin ein Weib, und wenn Neugier das Erbteil der Eva-Töchter ist, so will ich gern einräumen, daß ich bei der Erbverteilung reichlich bedacht worden bin.«

»Um Eure Fragen beantworten zu können, Madonna, wäre es unerläßlich, den angeblichen Prinzen mit eigenen Augen gesehen zu haben. Nur die Stimme des Gerüchtes kann ich wiederholen, und diese legt ihm ein Alter von 25 bis 26 Jahren bei, verleiht ihm einen großen, schlanken Wuchs, braunes Haar, braune Augen und eine blasse Gesichtsfarbe. Eine weitere Auskunft müssen wir von der Folgezeit erwarten, die auch dieses Geheimnis, wie schon so viele, entschleiern wird.«

Keines Blickes, keines Wortes gewürdigt, hatte Don Altonso während dieser Unterhaltung in der fürchterlichsten Seelenqual der leidenschaftlich Geliebten gegenüber gesessen. Der jahrelang genährte schöne Traum, welcher allein sein Dasein verschönt hatte, war zerronnen. Diana liebte ihn nicht, sie hatte nie für ihn gefühlt, und nicht länger konnte er sich verhehlen, wie er auch nie ihre Neigung gewinnen werde. Hatte sie früherhin ein frevles Spiel mit seiner Leidenschaft getrieben, hatte jener Fremdling ihm ihr Herz abwendig gemacht – gleichviel: sie war, sie blieb für ihn verloren. Der Papagei kreischte wie spottend hinter den Messingstangen: Thor! blöder Thor! Die chinesischen Pagoden, welche auf dem Simse mit dem Kopf wackelten, grinsten ihn höhnisch an – außer sich wollte er aufspringen und entfliehen – da fiel sein Auge auf den gegenüberhängenden Wandspiegel, und in diesem auf sein gramverstörtes Gesicht, auf die vor Unmut verschwellte Stirnader. Sein ganzer Stolz erwachte. Jetzt konnte, jetzt durfte er nicht aufbrechen, ohne sich zu verraten, ohne sich dem Spott der Anwesenden, der ganzen Welt preis zu geben. Er fühlte, wie er seine Verzweiflung niederkämpfen müsse, wie er nicht den leisesten Schimmer von Empfindlichkeit verraten dürfe – eine kaum zu lösende Aufgabe für ihn, dem jede Verstellung fremd geblieben war, welcher die Leichtigkeit der großen Welt, den Affekt unter der Maske des Scherzes zu verbergen, sich niemals zu eigen gemacht hatte. Obwohl aus einem großen Hause stammend, war seine Bildung für das Leben dennoch nur mangelhaft geblieben. Vernachlässigt als jüngerer Sohn hatte er seine Jugend unter der Zuchtrute eines finstern fanatischen Priesters verseufzt, kaum zum Manne gereift, war er in den Malteser-Orden getreten. Die scheue Entfernung, in welcher er sich von dem weiblichen Geschlecht gehalten hatte, welche teils durch die Vorschriften des Ordens bedingt wurde, zum größten Teil wohl aber ihren Grund in dem trübsinnigen, menschenscheuen Charakter Don Altonsos fand, war wenig geeignet, ihm bei seinem Eintritt in die Welt jene von ihr geforderte Gewandtheit und Leichtigkeit im Umgange zu verleihen. Er sah sich von jüngeren unbedeutenden Männern überstrahlt, und zog sich, unfähig seinen höhern Wert geltend zu machen, immer tiefer und tiefer in seine Traumwelten zurück. Diana war seine erste Liebe gewesen. Nur ihrethalben war er seiner Einsamkeit untreu geworden, um sich dem geräuschvollen Treiben, wenngleich mit widerstrebendem Herzen anzuschließen. Schon früh zu dem Bewußtsein gelangt, daß er in diesen Kreisen jederzeit ein Fremdling bleiben werde, fühlte er jetzt doppelt die Thorheit, die er sich hatte zu schulden kommen, in das reifere Mannesalter die Leidenschaft des Jünglings Zu übertragen.

Mit mühsam errungener Fassung begann der Graf, sich in das Gespräch mischend: »Die mysteriöse Erscheinung, deren der Signore Kavaliere erwähnte, ruft eine ähnliche, welche mir in Wien entgegentrat, in das Gedächtnis zurück. Der Graf Schönborn hatte mich zur Tafel gezogen, und außer mir und anderen Edelleuten noch einen fremden Herrn, welchen er uns als einen polnischen Grafen vorstellte.«

»Und unter welchem Namen, wenn mir die Frage erlaubt ist?« fiel der Deutsche ein.

»Er ist mir entfallen, Signore. Die slawischen, konsonantenreichen Namen sind weder für Neapolitanische Ohren noch Zungen geschaffen. Das Äußere des Polen hatte viel Ähnliches mit der Schilderung, welche der Herr Ritter soeben von dem vermeintlichen Prinzen Mustapha entwarf. Mit hohem und schlanken Wuchs, kastanienbraunem Haar und Augen, und regelmäßiger Gesichtsbildung würde er für schön haben gelten können, wenn nicht die krankhafte Blässe seiner Wangen und der unstäte, halb scheue, halb trotzig wilde Blick ihm einen unheimlichen Charakter verliehen hätten. Er war schweigsam und in sich gekehrt. Sein Betragen verriet den Fremden, den Sarmaten. Obgleich Graf Schönborn mit ihm auf dem Fuß der Gleichheit umzugehen sich bestrebte, so konnte er dennoch sein Benehmen nicht so vollkommen verstellen, daß nicht eine tiefere Ehrfurcht, als ein Kavalier sie seinem Standesgenossen zu zollen gewohnt ist, hin und wieder durchgeschimmert hätte. Der Verdacht, daß jener Grafentitel nur angenommene Maske sei, wurde frühzeitig in mir rege. Ich wurde dem Fremden insbesondere vorgestellt. Er wußte sich ziemlich fertig Französisch und Deutsch auszudrücken. Seine Sprache war traurig, abgespannt, gedrückt, fast möchte ich sagen, lebenssatt. Er war, wie er mir gestand, willens gewesen, den Sommer auf der Tyroler Festung Ehrenberg zuzubringen, hatte jedoch seinen Entschluß geändert und beabsichtigte nach Neapel zu gehen, bei welcher Gelegenheit er von mir über die Stadt und die hiesigen Lebensverhältnisse genaue Auskunft begehrte. Schließlich machte er mir den Vorschlag, die Reise gemeinschaftlich zu unternehmen. Ich sagte es ihm zu, wurde aber durch die Krankheit der Frau Baronin, durch persönliche Verhältnisse gezwungen, meinen Aufenthalt in Wien zu verlängern. Nach einiger Zeit vernahm ich, daß der Pole über München gereist sei – ob aber nach Italien oder nach Frankreich, habe ich nicht ermitteln können. Das Gerücht war auch dort geschäftig, den Fremden zu einem inkognito reisenden Fürsten zu stempeln und, wie hier, waren die Stimmen geteilt, ob es der Ritter Saint- Georges, der Erbprinz von Bayern oder der Graf von Charolais gewesen sei. Seit jener Zeit habe ich den Polen aus den Augen verloren; leicht möglich aber, daß er und der auf Sant-Elmo zurückgehaltene Gefangene eine und dieselbe Person sind.«

Schweigend und mit gespannter Aufmersamkeit hatte der deutsche Edelmann der Erzählung des Grafen gelauscht. Noch einige hastige Fragen richtete er an Don Altonso, ohne jedoch eine genauere Auskunft über den besprochenen Fremden erlangen zu können. Da erhob sich Donna Diana lebhaft von ihrem Sitz: »Über das Geplauder,« rief sie, »vergesse ich den Besuch, welchen ich der Prinzessin Roccabianca schulde. Ihr begleitet mich doch, Don Leopoldo? Euch, mein Herr Philosoph,« indem sie sich an den Grafen wandte, »darf ich freilich nicht zumuten, an einer Staatsvisite, einer Huldigung, welche der Weltlust und ihrer Eitelkeit gebracht wird, teil zu nehmen. Und somit, Exzellenza, auf Wiedersehn! –«

Das laute Gelächter der beiden drang noch durch die Thür zu Ohren des Grafen. Vernichtet stürzte er aus dem Hause.

 

Auf die Kissen des Divans wie zum Schlummer gestreckt, lag in einem räumigen, edel verzierten Zimmer des Kastells Sant-Elmo ein junger Mann – jener rätselhafte, vielfach besprochene Fremde. Seine Rechte verdeckte, wie gegen das Tageslicht schirmend, die Augen. Die von schnellem, unruhigem Atem gehobene Brust, welche entblößt aus dem pelzverbrämten Oberkleide hervorschimmerte, die schweren Seufzer, welche sich ihr von Zeit zu Zeit entwanden, bekundeten jedoch zur genüge, daß der Schlaf seine wohlthuenden Mohnkörner dem Kummerbelasteten versage, daß der Rückblick in eine schmerzliche Vergangenheit, die Aussicht auf eine vielleicht noch trübere Zukunft den Frieden seiner Seele verstörten.

Leise öffnete sich die Thür. Ein greiser Diener mit breitem, bereits ergrauendem Bart trat ins Gemach, beugte das Knie mit zum Kreuz gefalteten Armen vor dem von zwei Ampeln erhellten Bilde der heiligen Jungfrau in der Ecke des Zimmers, warf dann einen Blick der Sorge auf seinen scheinbar schlafenden Gebieter, und verharrte in demütigem Schweigen auf der Schwelle.

Der junge Mann blickte auf: »Waszilij, Du bist's?«

»Mein Herr und Gebieter?«

»Du warst in der Stadt?« Du hast den getreuen Bodan Ghagarin aufgesucht? Was spricht man in Neapel? Hat man Kunde von meiner Anwesenheit?«

»Mein hoher Herr, Dein Gebot zu erfüllen ward Deinem Sklaven unmöglich. Die Wachen verwehrten mir den Ausgang und beriefen sich auf das vom Vizekönig erlassene Verbot, irgend wen Deines Gefolges aus dem Kastell zu lassen, irgend wem den Zutritt zu Dir zu gestatten.«

»Hölle und Teufel!« schrie hastig aufspringend der Fremde. »Halt er mich für einen Staatsgefangene»? Ist Sant-Elmo mein Kerker? Doch nein,« fuhr er ruhiger fort, »es mag wohl gut von ihm gemeint sein, zu weit getriebene Sorge für meine Sicherheit. Ich will den Statthalter deshalb nicht verdammen.«

Hastigen Schrittes durchmaß der Sarmate die Länge des Zimmers, und blieb dann an einem der geöffneten Fenster in stummer Bewunderung der wunderbar schönen Aussicht, welche sich vor seinen Blicken eröffnete, stehen.

»Wahrhaftig,« hob ei nach einer Pause beruhigter wieder an, »auch als Eingekerkerter dürfte ich hier noch Neid erregen. Wie schön! Wie göttlich schön! Zu meinen Füßen die unübersehbare Stadt, aus deren Straßen das dumpfe Gewirr des Volkes gleich der Brandung des Meeres heraufdröhnt. Hier die vom Abendgold beleuchtete Turmspitze von San Martino, umwaldet von goldfruchtschweren Orangenbäumen – die glückliche Campagna, dieser üppige Garten mit seinen von Epheu und Weinranken umflochtenen Ulmen – dort das tiefblaue stillselige Meer, in dem die Strahlen der scheidenden Sonne sich wollüstig baden, bis sie hinter den Gipfel des Epomeo versinken – die Barken, welche pfeilschnell über die glitzernde Fläche schweben – die Höhen von Castellamare mit ihren Klöstern und leuchtenden Villen – der Vesuv, welcher zum Zeichen des Waffenstillstandes die schwarze Fahne seiner Rauchsäule aufgesteckt hat – und der ewig blaue durchsichtige Himmel! – Sieh Neapel und stirb dann! ruft mit gerechtem Stolze das Volk dem Fremden zu – ja, Neapel ist zauberisch schön; das schönere sah ich noch nimmer.«

»Einen schöneren Anblick kenne ich, Herr!« erwiderte Waszilij schwermütig leise. Es ist der von dem Berge des Heils, wo jeder fromme Russe sich auf die Erde wirft, sich bekreuzt und sein Gebet spricht, auf Moskau, auf die Zarenstadt mit ihren güldenen Kuppeln, auf die ehrwürdigen Zinnen des Kreml, auf das Heiligtum der Michaelskirche, wo unsere Herrscher die Krone aus den Händen des Patriarchen empfingen, in deren Grüften ihre Asche zerfällt.«

»Moskau,« wiederholte der Mann schnell verdüstert, »mein teures Moskau! Du tief, ach so tief gebeugte Vaterstadt – wann werde ich Dich wiederschauen – ach, werde ich denn jemals? Nein, eh' zwei Augen sich nicht schlossen, will ich nicht durch die entweihten Thore schreiten, an denen des Deutschen Kleidung aufgehangen ist, um nach seiner Aftermode unsere altehrwürdige Kleidung zu modeln und zu verstutzen; nicht will ich jene verwaiste, ihres Patriarchen beraubte Kathedrale betreten, jene von dem Auswurf des Auslandes besudelten Straße«, das Reich, in welchem der heilige Glaube unserer Väter mit Füßen getreten wird.«

»Und wenn der Hecht tot ist,« murmelte der Graukopf, »so bleiben doch seine Zähne noch, um Dich zu verwunden.« Sprichwort der Russen.

»Meinst Du, Waszilij?« lachte bitter der Jüngere. »Des Henkers Beil soll sie stumpfen. Welche Antwort erteilte der Zar, als ihn der Patriarch mit dem Bilde der Mutter Gottes von Kasan in der Hand beschwur, den Strelizen Gnade angedeihen zu lassen? Was willst Du mit diesem Bilde, herrschte er ihm zu, stell' es an seinen Ort. Man kann der Gottheit kein willkommneres Opfer darbringen, als das Blut eines Bösewichts. Ich kenne meine Pflicht und bestrafe Jeden'! – Und bei dem heiligen Iwan, das will auch ich thun. Auch ich werde der Gottheit jene wohlgefälligen Opfer darbringen. Alle die Verräter an unserer heiligen Religion, an unserm Reiche sollen es mit dem Leben büßen. Der freche Bäckerjunge soll es, Gholowkin, Trubezkoj, welche mir das verhaßte Weib aufzwangen. – Alle! Alle! Ha, meine Starowerszen Die Altgläubigen. sollen leben! Ist der Zar tot, dann flüstere ich den Archierejen Bischöfe und Erzbischöfe. ein Wort ins Ohr, diese den Archimandriten, sie den Popen, die Popen ihren Beichtkindern – und meine wackern Altgläubigen werden mich nicht verlassen, ich weiß es. Nicht lange mehr soll dieses Petersburg bestehen. Moskau, das heilige Moskau, soll der einzige Fürstensitz bleiben,«

»Rußland weiß, auf wen es hoffen darf,« erwiderte der Greis.

»Ja, Waszilij, dann soll der Deutsche Grasfresser Spottnamen der Deutschen in Rußland. mit Schande über die Grenze gepeitscht werden; dann soll der würdige Raskolnik Strenggläubige nicht mehr den gelben Tuchfetzen als Brandmal auf seiner Kleidung tragen und kein Mann soll fürder der männlichen Zierde des Bartes durch despotischen Gewaltstreich beraubt werden.«

»Und es steht geschrieben in den hundert Sätzen der Artikel- Synode, welche unter dem hochwürdigen Metropolitan Markarij abgehalten wurde,« fiel der strenggläubige Waszilij ein: »Sogar das Blut der Märtyrer läßt ein Verbrechen, wie das Abschneiden des Bartes, ungesühnt. Wer es der Menschengunst halber begeht, ist ein Übertreter des Gesetzes und ein Feind Gottes, der uns nach seinem Ebenbilde schuf.«

»Du sprichst die Wahrheit, Bruder, Wohl kenne ich die heiligen Artikel und ihre Gebote. Und bei der heiligen Dreieinigkeit! sie allein sollen die Richtschnur für Glauben und Gesetz bleiben, so weit sich die Grenzen des Reichs erstrecken.«

»Haben wir nicht einen Gott, stammen wir nicht von einem Urvater?« seufzte der Greis. »Sind wir des Nachdenkens beraubt, für Überlegung unfähig? Sind unsere Herzen so roh, daß wir des Auslandes und seiner Sitten bedürfen, daß unser ehrwürdiger Stamm jener wuchernden Pfropfreiser bedarf? Wir waren ein großes herrliches Volk, eh' die Kinder der Bojaren in fremde, ketzerische Länder gesandt wurden, um dort zu unwürdigen Handwerken, zum Schiffsbau, zur Geschützkunst angehalten zu werden. Wir waren ein tapferes Volk, eh' diese neue Art des Kriegführens uns eingepeitscht wurde, als unser Heer noch aus Nachali, Tollkühne. Naljeti Parteigänger. und Strjelzi Scharfschützen (Gardetruppen). bestand. Wir waren ein biederes, rechtliches Volk, eh' die neuen Gesetzbücher aufkamen, als der Abdruck der mit Tinte bestrichenen Hand unter den Urkunden noch genügte. Wir waren ein würdiges Volk, als noch die Männer ihr Haupthaar schoren und den Bart frei, wie ihn der Herr schuf, wachsen ließen, als die Weiber ihre Haare noch züchtig unter der Haube verbargen, und sich selber in den Frauengemächern. Ach Herr, Herr! Wir sind es nicht mehr, sind entwürdigt, entadelt, geschändet! Weh mir, daß mein blödes Auge das Elend, welches über unsere Heimat kam, noch erblicken mußte! Weh mir, daß mein Kopf nicht mit denen meiner Brüder auf der Ebene von Preobrashensk fiel! O Herr, vergieb dem schwachen Greise, der sich bei dem Andenken an das teure, so unglückliche Vaterland der Thränen nicht erwehren kann.«

Er sank auf das Knie, und umklammerte schluchzend die Füße seines Gebieters.

»Steh auf, Waszilij. Nicht Deine Thränen, nicht die meines Volkes sollen lange mehr fließen. Viele habe ich zu trocknen, viele zu rächen, die kostbaren Tauperlen, welche die Zariza hinter dem Gitter des Pokrow-Klosters zu Subdal weint, seit die Witwe des Dragoners, das Kebsweib Scheremetjeffs, Mentschikoffs, aller Welt Kebsweib, den Thron schändet. Und ich werd' es. Blicke dort hinaus. Sieh, der glühende Ball der Sonne sinkt hinter dem Epomeo ins Meer, sie ist tot. Morgen aber schwingt sie sich in junger Herrlichkeit wieder am Himmelszelt auf und spendet ihr Licht, ihren Segen den jauchzenden Völkern, Gleich jener Sonne sinkt der Zar in Nacht – der jugendlich aufstrebenden Sonne gleich wird der Zarewitsch sich auf den Thron seiner Väter schwingen, den entweihten von neuem weihen, und die Zeiten des heiligen Wladmir, Iwan Waszilijewitsch des Großen, seines gewaltige» Ahnherrn, Michael Feodorowitsch Romanow, zurückrufen.«

 

Es war die Stunde vor Sonnenuntergang, Die Karossen des Neapolitaner Adels flogen über das glatte Lava-Pflaster der Straßen Santa Lucia und Chiaja, dem abendlichen Sammelpunkt der schönen Welt, zu. Donna Diana hatte bereits in dem mit vier stattlichen Isabellen bespannten Staatswagen den Palast verlassen, begleitet von dem deutschen Kavalier, welcher seinen Berberhengst in zierlichen Courbetten neben dem Wagen tummelte, und dann wieder mit kräftiger Faust die Ungeduld des mutigen Tieres zügelte, um der Schönen durch die niedergelassenen Spiegelscheiben ausgesuchte Schmeicheleien oder boshafte Einfälle zuzuflüstern.

Mit neugierig schlauem Auge verfolgte die Sklavin Tschagla die fortrollende Karosse ihrer Gebieterin, flog hastig die breite Steintreppe hinunter, spähte rings um sich, ob der Blick eines Spähers sie belausche und schlüpfte dann unbemerkt und mit der Behendigkeit einer Lazerte durch das Gewühl, welches den Largo di Kastello zu jeder Tageszeit überstürmte. Ohne sich von dem verlockenden Ruf des Eiswasserverkäufers, der Fruchthändler irren zu lassen, ohne dem Marktschreier und seiner phantastisch mit Menschengebeinen und ausgestopften Schlangen geputzten Bude einen Blick zu gönnen, taub gegen das greinende Gebelfer Polichinell's, gegen die Bußpredigt des Mönches, welcher vom Eckstein herab sein Anathema über das sündige, leichtsinnige Volk donnerte, taub gegen den Greis, der mit wütender Stimme die Stanzen des wütenden Roland deklamierte, wand sich das Mädchen, mit beweglichem Auge die Volksmenge sichtend, durch den tosenden Haufen und trat an einen von Menschen umdrängten Tisch, hinter welchem ein ältlicher, dürftig gekleideter Mann mit zerzauster Perrücke und zwischen einer Bleibrille geklemmter Habichtsnase, den Kunden beiderlei Geschlechts mit seiner Kunstfertigkeit, Geschriebenes lesen und jedes Anliegen dem Papier anvertrauen zu können, gegen geringe Vergütigung beisprang. Halbnackte, sonnen-verbrannte Schiffer, das Haupt mit roter Wollmütze bedeckt, Landleute aus der Campagna in Schaffellen mit der Flinte über der Schulter, Lazzaroni und Bäuerinnen mit silbergestickten Samtjäckchen, alle harrten sie des Augenblicks, wo der Wundermami ihnen sein Ohr zu leihen und ihre Herzensangelegenheiten zu vernehmen geruhen werde.

Mit durch langjährige Übung geschärften Blicken durchflog der alte Schreiber die Reihen der Umstehenden, sonderte den Neugierigen von den Hilfsbedürftigen, befolgte mit gewissenhafter Strenge bei Abfertigung seiner Supplikanten die Anciennetät ihrer Exspektanz, wies den vorlauten Schreier mit derben Worten zurück, und winkte wohlwollend den Schüchternen aus der Entfernung an seinen Rohrsessel. Längst schon hatte er die vor ungeduldiger Erwartung zitternde Tschagla bemerkt. »Heda,« rief er, »tritt näher. Wenn Du aber einen Brief aus Deinem heidnischen Mohrenlande vorgelesen oder in Deinem Kauderwelsch aufgesetzt haben willst, so mußt Du Dich an die ehrwürdigen Väter der Propaganda wenden. Ich diene nur guten Christen.«

»In Eurer Sprache nur,« stammelte das Mädchen furchtsam, »verlange ich den Brief; zwei Zeilen genügen.«

»Heiliger Januar!« brummte der Alte in den Bart, »bin ich doch neugierig, wer sich das Rußgesicht zum Herzblatt erkoren hat. Wenn's nicht ein Tintenhändler ist, dem sie durch Umrühren mit dem schwarzen Finger das Wasser in Tinte wandeln soll, so weiß ich nicht. – Nun, Du brünetter Engel, was drückt Dir das Herz ab? Spute Dich, es passen noch viel ehrliche Leute auf meine Kunst. Was soll's?«

Tschagla hatte den Finger nachsinnend auf die vollen roten Lippen gelegt: »Schreibt, Signore, schreibt: Guter Herr, traut nicht der Signora, traut nicht dem fremden Mann. Beide sind falsch, und verraten Euch – und noch Einen.«

»Und noch Einen. Was weiter? Ist das alles!«

»Alles.«

»Leicht genug wäre der Carlin verdient!« murrte der Schreiber, als die Sklavin ihm das dünne Silberstück auf den Tisch schob, und wie ein gescheuchtes Wild mit dem Briefe durch das Volk und nach dem Kai Santa Lucia flog.

Dort stand an den Fenstern des Palastes Tagliaferro, halb verdeckt von den schweren rotseidenen Vorhängen, Graf Altonso, und starrte mit düsteren Blicken auf die endlose Reihe der Wagen und Reiter, auf die Schwärme der hin und her wogenden Fußgänger. Wohl jedes Auge hätte sich durch die hier zur Schau getragene Pracht blenden lassen, von der reichen Vergoldung, welche das Schnitzwerk der schwerfälligen Karossen überdeckte, den von Silbertressen starrenden Livreen der Bedienten, die in doppelten Reihen hinten an den Wagen hingen, von den Läufern, welche mit schweren Quastenstäben voran keuchten, und den edlen Rossen, die stolz auf ihr funkelndes Geschirr und die vom Haupte wallenden Federn über das Pflaster tanzten; jedes Auge wenigstens von dem Glanz, welchen die inneren Räume der Staatswagen umschlossen, wo die Edeldamen Neapels durch Reize und fürstlichen Schmuck die Ausländerinnen zu verdunkeln strebten.

Don Altonso blickte kalt und teilnahmlos auf das glänzende Schauspiel zu seinen Füßen. Nur ein Gedanke erfüllte seine Brust, nur ein Schmerz – der der glücklosen Liebe. Die Equipage der Donna Diana war unter seinem Fenster vorübergerollt; der Deutsche hatte sich dem Wagenfenster genähert, hatte mit dem Fräulein Worte des giftigen Spottes ausgetauscht – dieser Hohn hatte ihm gegolten – der flüchtige Aufblick nach seinem Fenster war des Beweises genug. Altonso knirschte mit den Zähnen. Verzehrende Eifersucht, brennender Durst nach Rache, widrige Leere und Lebensüberdruß, dies waren die Mißtöne, welche sich abwechselnd den wilderschütterten Fäden der geistigen Äolsharfe entwanden. Da schwankte die ungelenke Gestalt des Kammerdieners ins Gemach.

Das welke Gesicht zu einer unheimlichen Grimasse verziehend, hielt Checco mit gespitzten Fingern einen Brief vorsichtig an dessen äußerstem Zipfel, und ließ ihn mit den Geberden eines wirklichen oder erheuchelten Entsetzens, nicht anders als ob das Papier ein verpestetes sei, vor seinem Herrn auf dem Tisch niederfallen.

»Was giebt's?« fragte der Graf.

»Nichts als eine infernalische Korrespondenz, Exzellenza, recta via aus der Hölle angelangt. Es war nicht der Teufel, es war auch nicht einmal dessen Großmama, dazu war sie zu jung, aber so ein Stück von Kousine à la mode de Bretagne, eine Art von zweibeiniger Mondfinsternis, welche den Zettel für Ew. Gnaden in meine Hände abgab. Halt! Gnädigster, halt! Keinen Leichtsinn! Dies Hexenbrevebrevissimo darf ohne vorhergegangene kopiöse Lustrationen geweihten Wassers nicht erbrochen werden. Exzellenza riskieren die Pest und diverse andere Fatalitäten, die ich nicht zu nennen wage. – Ach, der Herr Graf hören nicht? Bravo! Ich wasche meine Hände in Unschuld und meine Kehle mit Wein.«

Altonso hatte Tschagla's Zeilen flüchtig überflogen, ließ sie aus der Hand gleiten und verdeckte das Gesicht. »So klar, so sonnenklar« rief er schmerzlich, »ist also jener Betrug und meine Schmach, daß er nicht einmal den Augen jenes halbwilden Kindes entgehen konnte. Dies also war der Lohn für die zarteste Verehrung, für jahrelange Huldigungen. O Weiber! Weiber! – Sie verraten Euch, und noch Einen. – Wer ist der Eine? gegen wen können sie sich außer gegen mich verschworen haben? Nur gegen das Herz des gütigen Freiherrn, des biedern, welcher meine Wünsche begünstigte. So wärmte denn auch der herrliche Greis eine Schlange in seinem Busen. Und für wen ward ich zurückgesetzt, verworfen? Für einen halbwüchsigen Knaben, der nur der Tracht nach ein Mann, nach dem Betragen Weib. Diana, Diana! Habe ich das um Dich verdient? –«

»Exzellenza,« begann Checco mit jener dreisten Vertraulichkeit, mit welcher der Neapolitanische Diener seinem Herrn zu begegnen pflegt, und zu der sich Anguilotti nach zwanzigjähriger Dienstzeit insbesondere berechtigt wähnte, »Exzellenza geruhen von Schlangen und schlanken Schlingeln zu reden, von einem Paragrapho, welchen ich mit einigen reiflich durchdachten Anmerkungen zu verbrämen gedenke. Meines geringen Ermessens giebt es nämlich zweierlei Arten von jungen Leuten, scilicet Jünglinge im allgemeinen, und Jünglinge im speziellen. In der ersten Kategorie giebt es ganz leidlich vernünftige, ja wohl gar liebenswürdige Subjekte, wie denn zum Exempel uns beide. Die zweite Spezies hingegen, die der Jünglinge im speziellen, welche jung oder wenigstens jugendlich sein muß, die der formlosen Bären von sechzehn bis zwanzig Jahren circa circiter, wie wir im Jesuiter-Kollegium zu sagen pflegten, der Jungen, deren Bart Lust bezeugt, aus dem Schattenreich in das der Wirklichkeit überzutreten, – dieses besagte genus ist durch die Bank keine leere Weinflasche wert, – und gerade deswegen macht es auch bei den Frauen das allermeiste Glück. Jedes Ding hat seinen guten Grund oder ein paar schlechte. Für meine Behauptung aber sprechen folgende: Mädchen spielen gern mit Puppen, und greifen, sowie sie von den mit Kälberhaaren ausgestopften lassen müssen, nach den mit Kälberhaaren bewachsenen. Die lassen sich noch biegen und drehen, während ein so alter Pupperich wie unsereiner schon einigermaßen bocksteif geworden ist, und einesteils der erforderlichen Elastizität, andernteils des guten Willens, so ganz nach dem weiblichen Pfeiflein zu tanzen, ermangelt. Jedes Barthaar ist ein Dorn mehr an dem Rosenstock männlicher Schönheit. Die Damen aber mögen sich begreiflicherweise nicht zerkratzen, und greifen nach den dornenlosen Blüten – was ich ihnen auch weiter nicht verdenke, denn man muß Sinn für Billigkeit hegen. Exzellenza vergönnen mir, diesem Kapitel einige kurze Aphorismen über Liebe und Ehe, Resultate meines Nachdenkens und eifriger Lektüre, anzuflicken, wobei ich durch ein schönes, ungezwungenes Gleichnis meine Anschauungen von besagten Verhältnissen und Irrsalen zu versinnlichen hoffen darf. Vergegenwärtigt Euch einen Apfel, Herr, einen runden, ganz ordinären Apfel: selbiger besteht bekanntlichermaßen aus Schale, aus dem Fleisch und Kernen, nebst deren ungenießbaren Hülsen, gewöhnlich Kriebs genannt. Die Schale vergleiche ich nunmehr mit den mannigfachen Hindernissen, welche ein junger Mann, so ein Jüngling im allgemeinen, zu bewältigen hat, eh' er der Auserkorenen nahen dürfe – die Hülse aber will und muß sorgsam abgelöst, geschält, beseitigt werden, eh' er zum süßen Geschmack der Liebe, mit welcher ich das Fleisch vergleiche, gelange. Besagtes zartes Fleisch des Apfels, des wahren Sündenapfels, mundet uns Männern soweit ganz lieblich, und im Handumdrehen sind wir damit fertig. Nun kommt aber der böse, zähe Stengel nebst Kernen, mit einem Worte der ungenießbare Kriebs der Ehe – da verlangen die Frauen denn höchst unbilligerweise, wir sollten auch diesen verspeisen, um ganz zu unserm Fleisch und Blut zu werden. Ist da ein Verhältnis zwischen verdauter Annehmlichkeit und unverdauter Unannehmlichkeit? Wer klug ist, und das verhoffe ich auch von Ew. Gnaden, der sich bereits an der Schale die Zähne abgestumpft zu haben scheinen, läßt den ganzen Eva-Apfel links liegen, und hält sich an gutes Essen und noch besseres Trinken – denn Etwas muß der Mensch haben, woran er sein Herz erquicke. Oder er wartet mindestens, bis in Bezug auf die Institution der Ehe einige zeitgemäße zweckdienliche Abänderungen vorgenommen sind. Sehet, Exzellenza, da ist bei irgend einem Heidenvolk in Asien, wie ich dieser Tage gelesen habe, die löbliche Sitte, daß an einem Sonntag sich das ganze weibliche Personal in einer großen Scheune versammelt. Dort ziehen die Dämchen ihre Strümpfe aus, hängen sie über eine Leine und verlassen dann barfüßig den Tempel. Gleich darauf stürmt das heiratswütige Mannsvolk herein, greift aufs Geratewohl irgend ein Paar der hängenden Socken, und mit ihm die Inhaberin, die dem Gesetze nach auf ein volles Jahr seine Frau wird. Da kann denn der glückliche Zugreifer 65 Tage wie der liebe Herrgott in Frankreich leben, und hat dann noch 300 andere hinreichende Zeit sich zu erbosen, was namentlich der Verdauung sehr förderlich sein soll. Wer nur halbweg gewitzt ist, kann so leicht keinen Fehlgriff begehen, wenn er nur nach den kleinsten Strümpfchen hascht, denn die kleinsten Strümpfe setzen die kleinsten Füße voraus, und diese wieder den kleinsten Pantoffel – und das beste ist, sie bleiben nur ein Jahr beisammen. – –«

»Ja, nur so kann es enden,« rief Don Altonso, dessen Ohr keinen Laut von dem Geschwätz des Dieners vernommen hatte. »Er oder ich!« – Hastig ergriff er die Feder und warf einige Zeilen auf das Papier.

»Er, oder Exzellenza?« wiederholte Checco gedehnt, »Da würde ich doch unmaßgeblich vorschlagen: er, – und daß Exzellenza ruhig zu Hause bleiben, zumal da der privilegierte Kalender für die gegenwärtige Zeit keinen Aderlaß verordnet.«

»Hier, Checco, nimm diesen Brief an den deutschen Kavalier, den Signore Rammstein. Du erfragst ihn in dem Palast des Baron Eberstein. Fort.«

»Vergeben Allergnädigster, einem alten, redlichen Diener und guten Christen, ein treugemeintes, redlich durchdachtes Wörtlein. Ew. Gnaden haben, wie ich zu vermuten Ursach habe, in höchst bedenklicher, cholerischer Affektion den desperaten Entschluß gefaßt, jenen tedesken Cavaliere auf leibesgefährdende Waffen zum Zweikampf zu fordern; bitte jedoch gefälligst zu erwägen, daß, wo nur Zwei spielen, die Reihe des Gebens schnell herum kommt, und daß es keineswegs im Bereiche der Unmöglichkeit liege, daß Exzellenza der gezüchtigte Teil statt des züchtenden werden könne. Diese fatale Probabilität ist es aber, auf welche ich den Vorschlag zu basieren wage, daß sich mein erlauchter Herr ruhig und tranquil verhalte und der sattsam erprobten Gewandtheit Checco Anguilotto's den ganzen Handel zu entwirren anheim stellte. Ich habe da einen Freund, einen so ehrlichen Samariter, wie nur je einer sein Ave Maria gebetet hat, zwar nur klein von Figur, aber desto kolossaler von Herzen, welcher eine famose Bratsche geigt, besser aber als den Fiedelbogen noch das Messer zu führen versteht: ein Kerlchen, der mit der größten Kaltblütigkeit seinem Schwertmagen das Schwert in den Magen rennt, der auf sein Stichwort ohne ein Wort zusticht und Euch den Junker so behend aus dem Geleise schafft. –«

»Elender! Einen Meuchelmord wagst Du mir anzuraten?« rief Don Altonso, indem er den greisen Schalk grimmig bei der Brust faßte.

»Ei nun, ländlich, sittlich!« stammelte Checco, mit wankenden Knieen und schlaffen, schlenkernden Armen, während seine Gesichtszüge den Charakter der pinselhaftigsten Einfalt annahmen. – Der Graf stürzte in leidenschaftlichster Aufregung aus dem Zimmer. Mit schläfrigem Blick verfolgte der Diener den Fortstürmenden, richtete sich dann wie eine am Faden gezogene Gliederpuppe wieder in die Höhe, und rief, sein Schnippchen schlagend:

»So? Meinen Exzellenza, daß ich einen so scharmanten, lukrativen Posten wie den meinigen, einen Posten bei einem Herrn, der mir die Rechnung zu führen überläßt, weil er zur Spezies derjenigen gehört, welche nicht die vier Spezies zu begreifen vermochten, der Degenspitze eines fremden Landläufers preisgeben werde? Da irren der gnädige Herr. Laß doch einmal sehen, was er schreibt.«

Behutsam bog er den gefalteten Brief auseinander und entzifferte die Worte: eine Stunde nach dem Angelus – Fuß des Posilippo –

»Verstanden; das Plätzchen kennen wir. Erst das Kartell als redlicher Diener abgegeben, sodann den Handel dem Vizekönig gemeldet. Wenn der Herr den Verstand verliert, so ist es die Pflicht eines guten Dieners und katholischen Christen, die leitenden Zügel zu ergreifen.«

 

Schon seit Stundenfrist war die Sonne untergegangen und der letzte Nachschimmer in Nacht zerflossen. In voller Herrlichkeit leuchtete der Mond auf dunkelblauer Himmelsfolie, und spiegelte sein silbernes Antlitz auf der leise zitternden Fläche des Golfs.

Don Altonso wandelte am Ufer, in Erwartung des entscheidenden Kampfes mit dem verhaßten Gegner, auf und nieder. Die Zauberreize, welche eine Neapolitanische Nacht dem verschwiegenen Lauscher preisgiebt, wurden jedoch nur von einem zerstreuten Auge aufgefaßt. Nur ein kalter Blick maß die leichten zierlichen Rebengeländer und ihre saftschwellenden Trauben, die Palme, deren Haupt so schwermütig von der Mauer herabnickte, deren Fächerblätter langsam der Wind schaukelte. Nicht die auf dem Meere tanzenden Silberflitter des Mondes, nicht die grauen Mauern auf dem Felsen Pizzo Falcone, nicht das von Wogen umspülte Castello dell' Uovo, welches die lärmende Stadt verbarg, nicht der nachtschwarze Riese Vesuv, zu dessen Füßen Resina, Portici und Torre bei Greco in sorgloser Sicherheit schlummerten, waren imstande seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Seine ungeduldigen Blicke hingen allein auf dem von Santa Lucia herführenden Wege. Von dort war es, wo er den Feind erwartete. In einer nahen Vigna tönte eine Mandoline und über das Wasser der leisverhallende Gesang der Schiffer zu Ehren der Madonna. Sonst war alles stumm.

Da sprengte ein Reiter mit verhängtem Zügel die Straße entlang, jagte dem Ufer zu, schwang sich vom Roß und band dessen Zügel an eine Weinrebe. Es war der Deutsche. Mit chevaleresker Courtoisie begrüßte er den Neapolitaner. »Ich habe Euch, allen Vorschriften des Rittertums zuwider, warten lassen, Herr Graf, und ersuche Euch, nicht mir die Schuld der Versäumnis zuschreiben zu wollen, und nur der Donna Diana, deren Sirenen-Gesange, wie Ihr am besten wissen werdet, kaum ein Ulysses ungefährdet entrinnen möchte, geschweige denn ein junger, unbesonnener, für alles Schöne leidenschaftlich entflammter Kavalier.«

Die leichtfertige Erwähnung des Fräuleins, der giftige Stachel der höhnenden Rede steigerte den Ingrimm des Grafen zur Wut. »Die Hand ans Schwert, Herr,« schrie er mit zornerstickter Stimme, »sonst stoß' ich Euch nieder.«

»Und auch ohne mir einmal den Grund Euers blutdürstigen Hasses angeben zu wollen?« fragte einen Schritt zurücktretend der Deutsche.

»Mörder meines Glücks, elender Verführer Dianens, zieh, oder ich morde den Wehrlosen.«

»Verführer der Donna?« entgegnete mit kaltem Lächeln der junge Mann. »Ihr scheint von einem argen Irrtum befangen zu sein. Und doch vermag ich Euch Euern Wahn nicht zu benehmen – meine Zunge ist gebunden. Schon morgen hätte ich ohnehin Neapel verlassen. Meine Abreise hat jedoch auf unser Vorhaben wohl schwerlich Einfluß. Herr Graf, ich stehe zu Euern Diensten.«

Im Augenblick kreuzten sich die Klingen. Don Altonso warf sich wie ein Rasender auf seinen Feind – mit Ruhe, Gewandtheit und nicht gewöhnlicher Kraft begegnete dieser dem wütenden Ausfall. Der Sieg blieb nicht lange unentschieden – er ward dem besonnenen Kämpfer zu teil. Klirrend sank der Degen des Neapolitaners zu Boden: er schwankte, taumelte, haschte mit den Händen die Luft, und stürzte in die Arme des herzuspringenden Deutschen, dessen Degen ihn unterhalb des Armes verwundet hatte.

Während aber Don Leopoldo den Ohnmächtigen zur Erde niederließ, und sich bemühte, mit der zerrissenen Feldbinde das in Strömen hervorquellende Blut zu stillen, brach der alte Checco mit tierischem Gebrüll aus dem Dunkel hervor, und stürmte, indem er mit einem ungeschlachten Reiterpallasch die Luft zersägte, auf den Deutschen ein. Mit seinen unbeholfenen Bewegungen sah er in der Mondbeleuchtung wie ein steinernes, seinem Gestell entsprungenes Rolandsbild aus. Dem gewandten Fechter ward es ein leichtes, den tölpischen Angreifer zu entwaffnen; zu gleicher Zeit aber dröhnte auch der feste Tritt, das Waffengeklirr der Wachtmannschaft, welche Checco zur Verhinderung des Kampfes aufgeboten hatte, aus der Ferne.

»Hierher, Ihr Deutschen!« rief Don Leopoldo. »Hierher, meine braven Landsleute! Graf Tagliaferro ward von seinem Diener ermordet. Ich kam zu spät, um den Frevel zu hindern. Ergreift den Verbrecher, schlagt ihn in Fesseln, und fort mit ihm in den Kerker der Vikaria.«

»Halten zu Gnaden,« erwiderte kopfschüttelnd der ehrliche Waibel, »die Instruktion vermeldet, daß wir ein Duell, welches der Herr Ritter mit dem Grafen intendierten, verhindern sollen; hiernächst aber den einen wie den andern nach dem Kastello Sant- Elmo abzuführen.«

»Teuflische Bübereien des grauen Schelmes dort!« rief Rammstein. »Ha! mit wie durchdachter Bosheit er den Verdacht des Mordes auf mich, den treuesten Freund seines unglücklichen Gebieters, wälzen wollte, auf mich, von dem er wußte, daß ich schon morgen Neapel verlasse. Fort mit dem Verbrecher! Holet eine Sänfte, führt den Verwundeten nach dem Kastell, wenn Eure Ordre es Euch gebietet. Stehenden Fußes eile ich zu des Vizekönigs Exzellenza, um Bericht über diese entsetzliche Unthat abzustatten.«

»Aber gnädiger Herr –«

»Wer widersetzt sich meinem Befehl? Die Folgen auf Euern Kopf, wenn der Mörder entrinnt. Sorget für den Grafen. Gott gebe, daß seine Wunde keine tötliche sei.«

Die Unterredung war deutsch geführt worden und mithin dem guten Checco vollkommen unverständlich geblieben. Sein Erstaunen war daher namenlos, als der mühsam beschwichtigte Waibel, welcher sich damit tröstete, die richtige Kopfzahl an Gefangenen gemacht zu baben, die Soldaten befehligte, sich des angeblichen Verbrechers statt des wirklichen zu versichern. Beteuerungen, schwüre, Flüche blieben unberücksichtigt, oder wurden doch nur mit Kolbenstößen beantwortet. Checco mußte der Gewalt weichen, und noch aus der Ferne hallte die schrillende, belfernde Stimme des Schuldlosen durch die Nacht. Der Graf wurde nach dem ersten Verbande in eine Sänfte gehoben und nach dem Kastello geführt.

Mit höhnischen Blicken verfolgte der Deutsche die Abgehenden, und brach, als der Zug entschwunden war, in ein hämisches Gelächter aus: »Die Beiden wären fürs erste ans dem Wege geräumt und aufgehoben. Ein Narr, der nach vollbrachter Seefahrt noch im Hafen scheitert. Jetzt nach Neapel zurück, um die Thörin vollends zu bethören – und dann – –"

Der Wurf seines Armes über das Meer hinaus ergänzte die unvollendete Rede.

 

Drei Tage hindurch hatte der Festungsarzt, so oft er von dem Grafen Togliaferro kam, die Fragen nach dessen Befinden nur mit bedenklichem Kopfschütteln, Achselzucken und kläglichem Runzeln der Augenbrauen beantwortet; drang einer oder der andere schärfer auf bestimmte Auskunft, so schrie ihm der Medikus geheimnisvoll ins Ohr: »Ein Kind des Todes – keine vier und zwanzig Stunden, und er ist pfüt! Arteria axillaris verletzt – ein Eisbär würde den Stich nicht verwinden können.« Am vierten Tage aber lautete sein von verlegenem Lächeln begleiteter Bericht: »Riesennatur – das Wundfieber läßt nach – Anschein zur Hoffnung – Diät – Ruhe. –« Aus seinem halb weinenden, halb greinenden Gesicht ließ es sich nicht mit Bestimmtheit ersehen, ob er sich darüber freue, daß sein Patient in der Genesung begriffen sei, oder ob es ihn verdrieße, daß dessen feste Konstitution sein Prognostikon zu Schanden mache.

Bei dem nächsten Besuch überreichte der Arzt dem Grafen zwei Briefe. Der Vizekönig schrieb in dem ersten: Auf die Bürgschaft des wohlgebornen Freiherrn von Eberstein, K. K. Feldobersten, seid Ihr hiermit vorläufig Eurer gefänglichen Haft entledigt, jedoch mit dem Vorbehalt der gerichtlichen Untersuchung Eures gesetzwidrigen Zweikampfes, und steht es in Eurem Belieben, die Citadelle sofort zu verlassen, oder daselbst Eure völlige Genesung abzuwarten.

Das zweite, geheimnisvoll überreichte Schreiben lautete: Das Schicksal führt Euch mit dem Polen, den Ihr in Wien beim Reichsvizekanzler kennen lerntet, auf dem Kastell Sant-Elmo wieder zusammen. Er wünscht die alte Bekanntschaft zu erneuern und Euch nützlich werden zu können, obwohl auch er nicht glücklich ist. Findet doch der Glücklose einen Trost darin, seine Leiden dem Leidensgenossen vertrauen zu dürfen.

Graf Tagliaferro hatte dem harrenden Arzte noch nicht die Erklärung gegeben, daß er seine Wiederherstellung auf der Festung erwarten wolle, und wie der Besuch des Fremden ihm ein erwünschter sein werde, als dieser auch schon in das Zimmer trat und sich in einen Sessel zu Häupten des Bettes warf. Er sah noch bleicher, trübsinniger, verstörter als in Wien aus.

»Vergebet meine Zudringlichkeit, Herr Graf,« begann er, »aber schon seit Wochenfrist entbehre ich jeden Umgang, und bin allein, allein mit meinen bösen, wüsten Träumen. Mein Kopf, mein armer Kopf hält es nicht länger aus. Doch wie ist es Euch ergangen? Welches traurige Verhängnis führte Euch in diesen Kerker? Ihr habt Euch geschlagen? Und Euer Gegner, wer war es?«

Don Altonso zuckte wie unter der Sonde des Wundarztes bei Erwähnung seines Unglücks zusammen. Nach drei in fieberhafter Bewußtlosigkeit verträumten Tagen tauchte zum erstenmale wieder die Erinnerung an die letztvergangene Zeit und ihre Schmerzen lebendig vor seiner Seele auf. Wenig geneigt, den kaum gesehenen Fremdling zum Vertrauten des bittern Wehs zu machen, unter dessen Last er erlag, gab er auf die schnellen, gedankenlos an ihn gerichteten Fragen nur flüchtige, allgemeine Erwiderung. Sichtlich zerstreut warf der Starost noch einige Erkundigungen nach seinem damaligen Reisegefährten hin, schien die Antwort kaum zu vernehmen, und versank wieder in trübes Sinnen.

»Habt Ihr,« begann er nach einer Pause, »in Neapel nichts von einem Fremden vernommen, von einem Vornehmen, welcher sich auf Sant-Elmo verbergen soll? Was spricht man von ihm? Verhehlt mir nichts, ich beschwöre Euch.«

»Allerdings hörte ich von ihm, war er doch der ausschließliche Gegenstand des Tages-Gesprächs.«

»Und wen vermutet man unter dieser Maske?«

»Einige den von seinem Thron vertriebenen Stuart, andere einen Bruder des Sultans. Sie nennen ihn Mustapha.«

»Mustapha?« wiederholte der Fremde, mit einem leisen Anflug von Lächeln. »Wohl, ja wohl. Und auf niemanden sonst fiel der Verdacht?« fuhr er dringender, fragend fort.

Der Eintritt des Fürsten Dietrichstein, Gouverneurs der Citadelle, schnitt die weitere Rede ab. »Gnädigster Herr,« begann er nach ehrfurchtsvoller Verneigung gegen den Magnaten, »zwei Russische Kavaliere wagen es, von Euch die Gnade einer Audienz zu erflehen.«

»Russen?« fuhr der Angeredete, sich hastig vom Sessel erhebend, auf. »Ich kenne keine Russen – ich hasse sie – ich will, ich kann sie nicht sehen.«

»Nicht aus eigenem Antriebe erscheinen sie, mein Prinz. Es sind Botschafter von des Zaren Majestät –«

»O all' Ihr Heiligen des Himmels, ich bin verloren! Es sind die Schergen meines Vaters, die mich zum Tode abführen! – Ach armer Alexej! – Ist dies der Schutz, welchen mein kaiserlicher Schwager mir zu Wien gelobte? Er, der sich vermaß, mich mit gewaffneter Hand auf den Thron meiner Väter zu leiten, während ich nur um Verborgenheit, nur um einen elenden Zufluchtsort bettelte? Während ich wie ein verworfener Verbrecher seine Staaten durchirrte, seine Kaiserstadt verließ und mich an die äußersten Grenzen des Reiches flüchtete? Und auch hierher verfolgen jene Spürhunde mich, und auch nicht einmal diesen Felsen gönnt mir Österreichs Kaiser! O unglückseliger Alexej! – Fort, fort von hier! Nach einem fremden Weltteil will ich fliehen. Eine Freistatt wird doch die Erde noch hegen, wohin des Zaren Arme nicht reichen. Fort! Und jene Russen – nein, ich will es nicht hören. Verleugnet den Zarewitsch – sagt ihnen, er sei entronnen – sei niemals hier gewesen. Sagt ihnen, ich sei Graf –«

»Sie sind bereits zur Stelle, mein erlauchter Prinz.«

Die Abgesandten des Zaren traten ein, und ließen sich auf das Knie vor dem Zarewitsch nieder.

»Es ist das Gebot des Beherrschers aller Reußen,« begann der Ältere der Beiden, der Geheimrat Graf Tolstoj, »welches uns zu Deinen Füßen führt. Geruhe, hoher Prinz, zu vergönnen, daß wir uns unseres Auftrages entledigen dürfen, daß wir dieses Schreiben unseres Herrn und Gebieters in Deine Hände legen.«

»Ich kenne Euch nicht,« schrie Alexej außer sich, »ich weiß von keinem Zaren. Entfernt Euch!«

»Entsage dieser fruchtlosen Verstellung, gnädigster Prinz. Unsere Augen vermagst Du nicht zu täuschen. Wende uns huldreich Dein Antlitz zu, und vernimm die Stimme Deines erhabenen Vaters und Monarchen.«

»Verbanne jenes unedle Mißtrauen aus Deiner fürstlichen Brust,« flehte der zweite Gesandte, der Gardehauptmann Rumänzoff. »Nur auf Deine Wohlfahrt sinnt der große Zar. Er breitet Dir seine väterlichen Arme aus. Alles will er vergessen, wenn Du zurückkehrst. Verschließe der väterlichen Ermahnung nicht Dein Ohr, Zarewitsch. Höre auf den Rat Deiner Getreuen. –«

»Meiner Getreuen?« brach Alexej, welcher von dem unerwarteten Schlage zerschmettert, mit der Verzweiflung gerungen hatte, schmerzlich aus. »Meiner Getreuen? Und wo wären diese zu finden? Ein Unglücklicher darf auf keine Getreuen zählen, und einen Rumänzoff zählte ich auch zur Zeit meines Glückes niemals unter diesen.«

»So geruhen denn Ew. Hoheit,« fiel Graf Tolstoi ein, »das Schreiben Ihres glorreichen Herrn und Vaters hiermit zu empfangen.«

Leidenschaftlich riß ihm der Zarewitsch den Brief aus der Hand, entfaltete ihn mit Hast und las halblaut: »Mein Sohn, es ist der Welt bekannt, welchen Ungehorsam, welche Geringschätzung Du gegen meinen Willen bewiesen hast, wie weder liebreiche Ermahnung, noch väterliche Strafen auf die Änderung Deines Benehmens gewirkt haben, wie Du, gleich einem Verräter, fremden Schutz gesucht, und dergestalt eine unerhörte Schmach und Kränkung Deinem Vater, Deinem Vaterlande zugefügt hast. Zum letztenmale schreibe ich Dir daher, und gebiete Dir, Dich unverzüglich zur Heimkehr anzuschicken. Durch ferneren Ungehorsam würdest Du die Strafe des Hochverrates und den väterlichen Fluch verwirken. Nur Deine augenblickliche Zurückkunft könnte mich zu milderer Ahndung Deines schweren Vergehens bewegen. Erwäge übrigens, daß ich nicht gewaltsam gegen Dich verfahre. Hätte ich es gewollt, würde ich darum wohl gefragt haben? Ich würde nur meinem Willen gefolgt sein. –«

Vernichtet sank der Prinz in den Sessel zurück; das unselige Blatt entsank seinen Händen. Er brach in Thränen aus und weinte laut.

»Und wann befehlen Ew. Hoheit die Reise anzutreten?« fragte nach einer ängstlichen Pause Graf Tolstoj.

»Morgen, übermorgen – in drei Tagen – wenn Ihr wollt. Ach ich werde nur allzu früh noch eintreffen, um das Kloster oder den dunklen Kerker des Grabes zu betreten. Armer, armer Alexej!«

Die Boten des Zaren entfernten sich unter stummen Ehrfurchtsbezeugungen.

Don Altonso unterbrach zuerst das peinliche Stillschweigen: »Nicht mit Worten des Trostes wage ich Euern Schmerz zu beschwichtigen, mein Prinz. Wer kann es tiefer fühlen als ich, daß Wunden, welche das Schicksal schlug, der beschwörenden Formeln spotten. Schmerz aber ist ein Tyrann, dessen Gewalt nur durch unser weiches Nachgeben wächst, dessen Macht zu brechen uns die Macht gegeben ward. Der Monarch, welcher Euch zurück und in die Nähe seines Thrones beruft, ist ein weiser, gerechter Fürst. Euer Richter ist Euer Vater. Er zürnet Euch, weil er seine Liebe verkannt sieht. Euer Gehorsam wird seinen Unwillen entwaffnen, und Ihr werdet nach Eurer schleunigen Rückkehr seinem Herzen nur noch teurer werden. –«

»Gerechtigkeit, Liebe!« wiederholte Alexej mit trostlosem Kopfschütteln. »An den Rechtssinn, an das Wohlwollen Peters verweist Ihr mich? Die Gnade des Vaters weiht mich der Mönchskutte, der Richterspruch des Zaren dem Henkerbeile. Kennt Ihr den großen Zaren, Graf? Seht dort, dort sein furchtbar, treues Bild – den Vesuv! Seine blutroten, glühenden Feuerwogen stürzen verheerend über die kahle Bergwand wie über gesegnete Weingärten, zertrümmern des Heiligen Kapelle, entzünden das friedliche Dorf; kein Flehen, kein Gebet, kein Märtyrerblut vermag ihren fürchterlichen Lauf zu hemmen. Nach Jahrhunderten vielleicht entkeimt der verwitterten Lava ein tausendfältiger Segen – aber die Asche der Jetztwelt war es, welche den Boden düngte. Wehe mir, daß ich geboren ward, sein Zeitgenosse zu sein! Wehe mir, daß ich der Sohn des gewaltigen Riesen, der Sohn des Eroberers fremder, ja seiner eigenen Völker wurde. So wenig die Pole sich jemals liebend nähern können, so wenig werden es Vater und Sohn. Der Starke ist der geborne Feind des Schwachen, und bin ich dem Giganten gegenüber denn mehr? Weshalb wurde ich nicht zu einer früheren Zeit auf den Thron meiner Ahnen berufen? Ich hätte ein sanfter, milder Beherrscher, ein Vater meines Volkes werden können. Weshalb wurde ich nicht unter dem niederen Birkendach des Bauern für ein dunkles, friedseliges Leben geboren, fern vom Throne, fern vom zerschmetternden Blitze? Nein, Don Altonso, nicht eitle Truggestalten, Kinder der bleichen Furcht sind es, welche meinem Auge vorschweben. Ich kenne das Los, welches mir bevorsteht – es ist der Tod. Nicht Gerechtigkeit bricht den Stab über mich – die schrankenlose Willkür zeichnet das Bluturteil; der Haß der Buhlerin, jenes Mentschikoff, aller der übermütigen Geschöpfe der Augenblicksgunst lechzet nach meinem Blute – mein Grabstein ist der Grundstein ihrer Größe.«

»Und wie wäre es denkbar, mein Fürst, daß Zar Peter jenes leicht verzeihliche Vergehen zum Verbrechen stempeln, daß er in seinem Thronfolger den Hochverräter sehen könnte, daß er die blutige Strafe des Majestätsverbrechens über Euer geheiligtes Haupt verhinge? Wenn auch die Stimme des Vaterherzens schwiege, würden denn die Fürsten Europa's, würde die Stimme Euers Kaiserlichen Schwagers verstummen? Nimmermehr.«

»Auf des Kaisers Schutz soll ich bauen? Auf ihn, dessen Grenze der Moslem bedroht, und der jetzt den furchtbareren Gegner, den Zaren, aufzureizen zagt. Ist er es nicht, welcher schon hier seine Hand kalt von mir abzieht, und mich den Schergen des Vaters überliefert? Nein, Graf, für mich ist keine, keine Rettung! Ach, und ich, ich trage die Schuld. Wohl hat mein Vertrauter mich vor jeder blinden Sicherheit gewarnt, wohl hat er mich beschworen, Neapel zu verlassen. Er nannte mir den Verräter, den dem Zaren verkauften Spion, welcher in diesen Mauern weile – der Boden unter meinen Füßen war untergraben – und ich blödsinniger Thor, ich hörte nicht, versäumte die kärgliche Frist zu meiner Rettung. Ach, armer Alexej, teuer wirst Du Deine Sorglosigkeit, Deinen Leichtsinn büßen müssen! – Ja, nur einen Tag, nur einen einzigen wünschte ich Herrscher zu sein, um jene Schlangenbrut zerstampfen zu können, jenen glattzüngigen Tolstoj, jenen falschen Rumänzoff, den elenden Iwan Gholützin, diesen weibischen, hinterlistig meuchelnden Buben, welcher sich hier unter der Maske eines Deutschen Edlen einschlich.«

»Um des Himmels willen«, rief Tagliaferro, von fürchterlichem Argwohn ergriffen, »für einen Deutschen gab er sich? und wie nannte er sich? Nein, es ist unmöglich. Widersprecht mir, Prinz, ich flehe Euch an – es war nicht Rammstein?«

»Ihr nennt ihn, und woher wißt auch Ihr –?«

»Barmherziger Gott, so ist es denn wahr! Unglückseliger, der ich bin! Auch noch die Schmach des Verrates wird mir aufgewälzt. Rächt Euch, Zarewitsch, rächt Euch an Euerm Verräter, rächt Euch an mir! Ja, ich war es, dessen Mund jenem Elenden die Gewißheit über Eure Anwesenheit gab, ich war es, der ihn von unserer Begegnung in Wien unterrichtete.«

»Unglücklicher, und das wagst Du mir zu gestehen?« rief auflodernd Alexej.

»O weshalb fand sein Degen nicht mein Herz, nachdem er dessen Heiligtümer entweihte. Weshalb fristete er dies elende Dasein, um mich noch zum Genossen seiner Schande zu machen! Er, der Mörder meiner Liebe, meines Lebensglücks, mußte er es auch noch meiner Ehre werden?«

Wenige Worte Don Altonsos genügten, um den Zarewitsch jenes Gewebe des Truges und Verrates durchblicken zu lassen, um ihm in dem Grafen das Opfer statt des Verbrechers zu zeigen. Von jeder Schuld sprach ihn der Prinz frei, aber den Stachel der Selbstanklage vermochte er nicht aus der Brust des Unglücklichen zu reißen.

»Niemand,« sprach Alexej, »wage es dem vom Fluch des Schicksals Getroffenen zu nahen. Um den Verfehmten ziehen die finsteren Mächte einen weiten, weiten Kreis; wer diesen unheimlichen Bann zu überschreiten wagt, wer sich an den Verlorenen hängt, versinkt mit ihm in den Abgrund. Die Berührung des Unglücklichen ist entsetzlicher, als die des Pestkranken, denn wer ahnet in ihm den Vergifteten, den Vergiftenden? Auch Ihr, Don Altonso, nahtet dem Strudel, der mich verschlingt, auch ihr wurdet von seinem mörderischen Wirbel erfaßt. O, das ist ja der Fluch der Großen dieser Erde, daß sie nicht allein untergehen dürfen, daß sie Tausende mit sich in ihr Verderben verflechten. Nein, nicht Euch, Graf Tagliaferro, mir geziemt es, um Vergebung zu bitten – ich allein bin der Schuldige. Fluchet nicht meinem Andenken – der Tod macht Alles Unrecht quitt.«

Mit Thränen im Auge verließ der Zarewitsch das Zimmer.

Und wieder ward die Thür aufgerissen. Die Mohrensklavin der Donna Diana stürzte atemlos herein und warf sich mit den Gebärden der wildesten Verzweiflung an dem Lager des Kranken auf die Kniee: »Alles ist verloren, Alles!« schrie sie, die Hände ringend. »Signora ist fort, entflohen zu Schiffe, entführt von dem Fremden« –

»Diana?« stammelte der Erbleichende.

»Sie ist entflohen. Einen Boten sandte sie noch dem alten, guten Herrn vom Hafen aus – und als dieser die böse, böse Kunde vernommen hatte, ließ er das graue Haupt auf die Brust sinken – er war tot. Nun steht Tschagla allein – ganz allein.«

»Nun stehe ich allein, ganz allein!« tönte der dumpfe Widerhall aus Altonsos Munde. »Verräter und verraten,« murmelte er leise vor sich hin. »Bedurfte es denn des zwiefachen Brandmals, wo schon das einzelne den Tod zur Pflicht machte? Es ist gut, Tschagla. Ach, mein Kind, laß mich allein. Doch höre, – und er warf einige Zeilen auf das Papier – überbringe dies meinem Haushofmeister; es wird Deine Zukunft sichern, hier oder in Deiner Heimat. Und jetzt geh, mein gutes Mädchen.«

 

Nach Stundenfrist kehrte der Arzt zurück. Er fand den Grafen in seinem Blute gebadet: er hatte den Verband abgerissen – er war tot.

Das traurige Schicksal des Zarewitsch Alexei Petrowitsch ist bekannt. Der Zar sah in dem Zurückgekehrten nur den Majestätsverbrecher. Der Ukas vom 2. Februar 1718 erklärte ihn der Thronfolge, der Ausspruch von 144 Richtern des Lebens verlustig. Das Todesurteil ward ihm bekannt gemacht; die spätere Begnadigung überlebte er jedoch nur um wenige Tage. Er starb im Kerker den 26. Juni 1718.

Früher schon ereilte die rächende Nemesis Donna Diana. Von ihrem Verführer in Florenz verlassen, flüchtete sie sich in das Kloster Maria Magdalena del Pazzi, um in dessen Mauern ihre Schande zu verbergen. Nach wenigen Monden starb sie. – Die Rede ging, sie habe Gift genommen.

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