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Novellen und Erzählungen

Franz Freiherr von Gaudy: Novellen und Erzählungen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorFranz von Gaudy
titleNovellen und Erzählungen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeDritter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100828
projectid366736d4
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Aus dem Gedenkbuche des Ritter Rudolf von Ehingen geboren 1278, gestorben 1467

Zum Schlafgemach hatte ich auf meinem Schlosse Hohenentringen ein Kämmerlein erkoren, welches hart an den alten runden Turm stößt. Wenn die Morgensonne über den Buchenwald des Höhneberges heraufstieg, so pochte sie wie mit goldenem Finger immer zuerst an die runden Scheiben meines Fensterleins, als wolle sie den alten Schloßherrn wecken und ihn ermahnen, daß er keines der wenigen Male, wo es ihm noch vergönnt sei, ihre junge Herrlichkeit zu erschauen, verabsäumen möge. Am heutigen Morgen, welcher der des Sonntags Trinitatis war, als man zählte Eintausend vierhundert und neun und funfzig Jahre nach unsers Herrn Jesu Christi Geburt, kam jedoch ihre Mahnung zu spät, denn auch von den wenigen Stündlein, deren das Alter zur Ruhe bedarf, hatte ich noch etliche abgebrochen und war schon seit geraumer Frist munter. Mir war um Mitternacht ein wundersamer Traum geworden, nach Verlauf dessen ich erwacht war, und nicht wieder hatte einschlummern mögen.

Ich vermeinte nämlich um volle zwei und zwanzig Jahre in die Vergangenheit zurück versetzt zu sein und den bittern Tag wieder zu erleben, an welchem mein frommes, getreues Ehegemahl Agnetia, aus dem Geschlechte der Truchsesse von Haimertingen, mir nach des Allmächtigen unerforschlichem Ratschluß durch den Tod entrissen ward. Just wie an jenem Tage stieg ich mit schwer betrübtem Herzen von Hohenentringen in das Thal herab, und wandelte durch Matten und Gebüsch, um von keinem menschlichen Auge gesehen, meinen Thränen freien Lauf zu lassen, und in Seufzer und Gebet dem schwerbelasteten Herzen Luft zu machen. Je weiter ich aber stieg, um desto mehr verwirrten sich die Gesträuche, desto enger und steiniger ward der Fußpfad. Mir war es, als habe ich diese Waldgegend früher noch nie betreten, trotzdem ich schon als kleines Bübelein auf Entringen gehaust und jeden der Waldsteige, jawohl jeden Baum und Gestein zu kennen mich oftmals gerühmt hatte. Die Wipfel der Buchen und Eichen verwehrten jegliche Umsicht: zuletzt flochten sich Dornen und Brombeerranken als ein stachlichtes Netz quer über den Weg und verletzten Arm und Hand, so oft ich weiterdringen mochte. Als ich nun matt und von den, mühseligen Beginnen schier erschöpft still stand und auf dem früher betretenen Pfad heimzukehren gedachte, da senkte sich ein silberweißes Täublein auf einen der niedrigen Buchenäste, dicht vor mir hernieder, und begann mit den Flügeln zu schlagen, mit dem Kopf zu nicken und mit klarer Stimme zu girren. Mir war nicht anders, als ob ich die Sprache des seltsam feinen Vogels verstehen müßte, und als ob mir dieser zuriefe: Folge mir nur getrost, Du müder Pilgersmann, auf dem Pfad, den ich Dir weisen will. Es ist der alleinige, der zur Ruhe und zum Frieden führt. Alsbald schwang sich die Taube durch eine Öffnung im Dickicht, die ich vordem übersehen haben mochte, flog mir um ein weniges voran, setzte sich aber bald wieder und schaute, ob ich nachfolge. Ich war noch nicht gar lange Frist hinterdrein gezogen, als ich in ein schönes, grünes Thal trat. Ein klares Bächlein floß durch die Matten, auf welchen schöne, würzige Kräuter und Blumen in Menge standen, zu beiden Seiten aber erhoben sich mächtige, vom Fuß bis zum Gipfel mit Wald bewachsene Berge. Auf einem der Felszacken ruhte eine gar stattliche Veste mit Zinnen und Türmen, welche ich unverzüglich für das Schloß Hohen-Urach erkannte, und so ward ich mir denn auch bewußt, daß ich das Gütersteiner Thal durchwandle und auf dem Wege sei zur Kapelle Sankt Johannes des Täufers und zur Karthause, so meine gnädigen Herren, die Grafen Ludwig und Ulrich zu Württemberg, auf den Absturz des Berges allhie fundieret. Bald darauf, so erblickte ich auch das weiße Kirchlein, wie es vom Fels und aus dem verwachsenen Gebüsch herniederschimmerte. Die Sonne senkte sich aber schon wieder zur Rüste, das zerrissene Abendgewölk färbte sich güldigrot, und von dem Klosterturm läuteten sie den Engelsgruß ein, so daß ich eine volle Tagesfrist auf meiner Wanderung zugebracht haben mußte, ohne dessen gewahr zu werden; und als ein lindes Lüftlein durch das Thal zog, so wehte es mir, der ich in rüstiger Manneskraft und mit braunem Haupthaar von meinem Schlößlein zu ziehen geträumt, die silbergrauen Locken just so wie sie sich heutigen Tages, von hohem Alter gefärbt, ins Gesicht. Das weiße Täublein war zeither nicht von mir gewichen und schwirrte in engen Kreisen um mich her, bis ich, obwohl mit nicht geringer Müh', den steilen Pfad zum Gotteshaus erstiegen; dann setzte es sich auf das vergüldete Kreuzlein des Dachgiebels, und begann aufs neue seine seltsam-helle und liebliche Stimme wie freudig aufjubelnd ertönen zu lassen. Da trat auch der fromme Prior zu Güterstein, Gebehardus, bei dem Volke unter dem Namen »der alte Vater« wohlbekannt, ans dem Spitzpförtlein, und schlang die Arme liebevoll um meinen Nacken und gab mir den Kuß des Friedens auf die Stirn, worüber ich vor herzinniglicher Freudigkeit aus dem Schlummer erwachte.

Als ich nunmehr dem schönen Traum nachsann, ging mir dessen einzig wahre Deutung in der Seele auf. Ich erkannte, wie der Geist meines lieben, dahingeschiedenen Eheweibes die Gestalt des schneeweißen Vögleins angenommen, um mir zu offenbaren, daß es nunmehr an der Zeit sei, der Welt und ihrer Eitelkeit zu entsagen, und die spärlichen Tage, mit denen ich noch begnadigt würde, in klösterlicher Abgeschiedenheit und unter frommen Übungen zu verbringen. Da beschloß ich denn auch fest bei mir im Herzen, des göttlichen Zeichens wohl zu achten und die Frist der Buße nicht ungenützt verstreichen zu lassen.

Ich erhob mich von meinem Lager. Die ersten Sonnenstrahlen erwachsen hinter dem Berge und färbten die kleinen flatternden Wölkchen, so daß sie gleich Engelsköpfchen mit rosenfarbenen Flügeln über das Himmelsblau zu wehen schienen. Um das Fenster schwirrten die Schwalben und ätzten ihre zirpende Brut im Neste, und auf dem Hollunderstrauch wiegte sich eine Grasmücke und sang in heller Freudigkeit den jungen frischen Tag an. Über dem Thale hing noch ein weißer, wallender Nebel, aus welchem hier und dort hohe dunkle Baumwipfel hervorragten. Noch war die Sonne nicht bis zu dem Dörfchen im Grunde gedrungen, und nur allein die Hähne in den Gehöften waren munter und krähten.

Jetzt hob ich den schweren Schlüssel von dem Zacken des Hirschgeweihes und stieg die steinerne Wendeltreppe hinab bis in die tiefer liegende Schloßkapelle, in welcher es ohne die ewige Lampe, die an Ketten über dem Altäre hing, noch schier Nacht gewesen wäre, dieweil durch die buntgemalten Fensterscheiben nur ein gar matter, spärlicher Tagesschimmer drang. – Ich knieete dort auf dem Gebetschemel nieder und dankte Gott dem Herrn aus tief gerührtem Herzen für alles Heil, welches er mir die ein und achtzig volle Jahre hindurch hatte angedeihen lassen; bereute, daß ich in meiner menschlichen Blödigkeit gar oftmals mit dem Ratschluß des Himmels gehadert, wohl erkennend, daß er jederzeit zum Licht, wenn auch durch tiefe Nacht, und zur Freudigkeit, wenn auch durch Thränen geleitet, und flehte noch den Herrn demütig an, mich in meinem Vorhaben zu kräftigen, und den Rest meiner Tage zum Frommen meiner ewigen Seligkeit verleben zu lassen.

Mittlerweile war die Sonne auch heraufgekommen und blitzte recht hell durch die bunten Wappenschilder und Heiligenbilder, die in das Fensterglas gemalt, so daß der Estrich selber im Widerschein sich rot und gelb und blau zu färben begann. Das Altarstück, welches ich bald nach dem Ableben meiner guten Hausfrau gestiftet, und welches von dem löblichen Meister Balthasar von Ulm gar kunstreich geschnitzt und vergüldet, funkelte in wunderherrlicher Pracht. Vor allem schimmerten die Gewaffen des Sankt Georg, welcher den Speer dem ringelnden Wurm in den Flammenrachen bohrte. Es war just, als blicke man in die offene, strahlende Zierlichkeit des Himmels, wenn das Auge auf die gleißende Tafel fiel, und aus ihr die Heiligen hervorschreiten sah. Mit recht trüber Wehmut blickte ich nach einmal auf die längliche Schilderei zu Füßen des Bildes. Dort war ich selber in meiner ritterlichen Rüstung abkonterfeit, wie ich barhäuptig, den Schild und den Stechhelm neben mir, mit gefalteten Händen knieete, und mir gegenüber mein getreues Eheweib mit dem Kindlein, in dessen Geburt sie verblich, auf dem Arme. Die Töchter, so sie mir geschenkt, lagen der Größe nach hinter ihr auf den Knieen, sieben an der Zahl, die Söhne auf meiner Seite, und waren dies acht, von denen allein noch vier am Leben und zum männlichen Alter gereift.

Nach vollbrachter Frühandacht stieg ich wiederum hinauf in mein Gemach. Im Vorsaal fand ich meinen alten Knecht Eitel, wie er meine Waffen emsiglich putzte; und pflegte er dies tagtäglich zu thun, wenn gleich ich schon seit zehn Jahren und darüber weder Küraß noch Schienen mehr angelegt. So oft ich ihn um den Grund seines Treibens befragte, erwiderte er allezeit: es wäre doch allzu schad', wenn ein solch herrlich stählern Kunstwerk geschädigt werden solle. Ein täglich Putzen und Scheuern, vermeinte er, thue aber dem Stahl so not als wie der Seele ein tägliches Gebet, denn was wurzele wohl schneller denn der Rost und die Sünde, und was sei schwerer auszureuten als beide: bleibe doch ein geringer Makel jederzeit nach. – So hatte ich denn den Alten bisher schalten lassen, und mich oftmals ergötzt, wenn Tartsche und Brustharnisch und Stahlhaube, so mir Königs Sigismundi Majestät, als ich noch ein milchbärtig Jungherrlein war, nach einem Rennen zu Wien als Dank verehrt, lustig hernieder blinkten, und ich dabei der wilden Zeiten gedachte, wo ich sie zum Schutz und Trutz in mannigfachen Fährlichkeiten für meiner gnädigen Herren Sache geführt.

Heute aber sprach ich zu meinem Knecht: Der Gewaffen Putz und Sorge ist wohl an der Zeit, denn es gilt noch einen gar strengen Ritt. Da schaute er mich verwundert an und es mochte ihm wohl bedünken, ich treibe Kurzweil. Ich aber befragte ihn: ob er nicht gewillt, seinen Herrn, bei dem er an die vierzig Jahr in Freud und Leid ausgehalten, auf seiner letzten Fahrt zu begleiten? – Ei, was sollte ich nicht, war seine Erwiderung, mit Euch, mein lieber, gestrenger Herr, und bis in den Tod mit Freuden. – Nun dann, so mach' Dich auf nach der Karthause auf dem Güterstein, und vermelde dem frommen Prior Gebehardo, wie ich bei mir den wohlerwogenen Entschluß gefaßt habe, mein Leben als ein Klosterbruder zu enden, und wie er zwon Kämmerlein möge bereiten lassen, eins für mich, und für Dich ein anderes. – Da schlug der Eitel die Hände zusammen und rief hocherfreut: das wäre sein liebster Wunsch gewesen, seine alten Tage in frommer Buße zu verbringen, nur habe er es nicht über das Herz bringen können, von seinem gnädigen Herrn zu scheiden. Nun er aber ihm jetzt in die Karthause folgen dürfe, begehre er nichts weiteres auf Erden. Sattelte auch zur Stunde und ritt nach dem Güterstein.

 

Es war am Tage Desiderii, als ich hinabzog von meinem Schlößlein Hohenentringen, um erst wieder dahin zurückzukehren, wenn ich dies Zeitliche gesegnet. Meine Leiche war nämlich bereits von mir bestellt, seit ich in meinem letzten Willen, so der Meister Gerwinus, Stadtschreiber zu Ehingen, rechtskräftig aufgesetzt und unter welchem zu mehrer Beglaubigung sieben adlige Zeugen ihre Insiegel gedruckt, verordnet hatte, daß meine Gebeine in der Kapelle zu Hohenentringen vor dem Altar unter einem schlechten Stein und zur Seiten meiner Ehefrauen Agnetia seligen ruhen sollten. Hatte auch verwehrt, daß meine Erben viel eitlen Rühmens und Prahlens von mir auf der Platte machen sollten, und wollte allein den Namen den Tag meiner Geburt, so wie den, an welchem der Herr mich zu sich genommen, eingemeißelt wissen, und wohl noch in den Ecken die vier ehrlichen Wappen meiner Ahnichen. Hatte ferner verordnet, daß am Sterbetage zu meinem Gedächtnis jährlich einhundert Mannsröcke und ebenso viel für das Frauensvolk an gottesfürchtige und keusche Arme zu Tübingen verteilt werden sollen; hatte schließlich meine liegenden Güter und fahrende Hab' unter meine vier eheleiblichen Söhne gerecht und billig verteilt – war demnach der irdischen Sorgen bar, und durfte wohlgemut die Fahrt nach meinem Ruheörtlein antreten.

Wie denn Schifffahrer, wenn sie aus fernen Landen heimkehren, wohl oftmals, eh' sie in den Port einlaufen, mannigfach bunte Wimpel aufstecken und ihre Masten mit lustigen Bändern zu schmücken pflegen, also hieß ich meine drei Söhne, Christophorus, Georg und Ulrich, welche mit mir waren, festliche Gewänder anlegen, und auch meine Reisigen sich auf das beste schmücken und grüne Läublein auf ihre Blechhauben und Spieße stecken. Ich selber ließ meine gute Rüstung mir an den alten morschen Leib legen, und ritt so mit stattlichem Gefolge von Hohenentringen; und geschah dies nicht etwa aus thörichter Hoffahrt und Eitelkeit, wohl aber weil ich erwogen, wie heut mein Ehrentag sei, an welchem ich die zeitlichen, flüchtigen Güter gegen die himmlischen, unvergänglichen vertausche. Der arme Mensch ist aber ein so schwaches Geschöpf, daß er Freud' und Leid nicht geruhig in seinem Herzen tragen kann, ohne daß er beides durch sinnliche Zeichen kund gebe, und der Welt durch Tracht und Geberde zu wissen thue.

Als unser Häuflein den oftmals gewundnen Pfad von der Burg herniedergestiegen und wir im Grunde angelangt, wandte ich noch einmal mein Auge auf das Schloß zurück. Die roten Dächer mit dem verguldeten Wetterhahn und die weißen Gemäuer leuchteten gar freundlich im Sonnenschein. Das Frauenzimmer, die Kindlein und das Gesinde schauten aus den Fenstern hernieder und weheten mit weißen Tüchlein. Es ward mir doch fast eng ums Herz beim Anblick des lieben Hauses, in dem ich an die fünfzig Jahre gelebt, und wechselnd den Kelch Süß und den Kelch Bitter geschmeckt. Jetzt aber sollte ich davon scheiden auf Nimmerwiedersehen. Gedachts, wie ich oftmals als winziges Büblein auf die runde Warte stieg wenn der Türmer den Willkommen blies, und mit Verwunderung weit über die Alp geschaut bis schier an die Firnen der Schwyz, und dann wieder über die gelben Felder und Fruchtbäume des Unterlands, nach all' den weißen Dörflein und fernen Kirchturmspitzen. Gedachte ferner, wie ich nach dem Absterben meines Oheims von dem Grafen Ulrich zu Stuttgart mit Entringen feierlich belehnt, und bald hernach auch mein liebes Weib Agnetia heimgeführt; wie ich oftmals nach Urach zu Hof gezogen, seit ich meines jungen gnädigen Herrn Eberhard Rat geworden, aber dennoch immer wieder von ganzem Herzen nach meinem stillen Schlößlein zurückverlangt, und mich inniglich gefreut so oft mir Urlaub gestattet worden, daß ich in mein Heim kehren durfte, und den weißen Giebel meines Sitzes aus dem dunkeln Wald wie zum Gruß mir entgegen winken sah. Nunmehr hatte ich das Schloß meinem Sohn Georg übertragen und hege nur den Wunsch, daß er, so wie seine Kinder und Kindeskinder mit Ehren grau werden mögen, und Hohenentringen immerdar als der Sitz frommer, christlicher Edelleute und getreulicher Unterthanen genannt werden möge,

Hierauf ließ ich den Zinkenbläser ein Liedlein blasen, und den andern Knecht die Pauken rühren, so daß der Schall weithin durch die Schluchten zog. Mein jüngster Sohn Ulrich schwenkte dazu das Fähnlein, welches er trug, zum Valet, und so ritten wir durch das Thal. Es dauerte nicht mehr allzulang, so wurde mein Schlößlein von dem Berg verdeckt; da gebot ich den Knechten das Trompeten und Pauken einzustellen, denn es sei dermalen genug der weltlichen Lust, und zieme es nicht länger mehr des Vergangenen zu gedenken, wohl aber ein ernstlich Augenmerk auf die künftige Zeit zu richten. Noch sagte ich: Das Leben des alten Ritter- und Bannerherrn Rudolf des Ehingers, des gräflich Württembergischen Rates und Statthalters, ist abgelaufen, beginnt jetzund dasjenige des demütigen Mönchleins Beda – denn dieses sollte fortan mein Klostername werden.

Unfern des Städtleins Rottweil liegt eine alte Kapelle im freien Felde und rings umher stehen hohe Linden. Das Kirchlein ist über dem Grabe der heiligen Hailwigis erbaut, von meinen Vorfahren fundieret und reichlich mit Ländereien zu Messen und Kerzen begabt worden, sintemalen die heilige Jungfrau eine Ehingerin aus unserm altadeligen Geschlecht gewesen. Nach diesem Gotteshaus sind wir am kommenden Tage barhäuptig mit Lichtern in den Händen gewallfahret, weil es mir wohlziemlich bedäuchte daß ich der befreundeten Helferin meine Sache vortrage und ihr als einer Sippen bei meiner Scheiden von der Welt Valet sage. Folgten auch viel ehrsame Bürgersleut aus der Stadt. Nach gelesener Messe ließ ich das Banner mit meinem eingewirkten Geschlechtswappen über dem Grabe mit eisernen Klammern festnieten, allwo es denn auch vermorschen möge.

Hierauf bestiegen wir wiederum die Rosse und ritten in schwachen Tagreisen durch das schöne Schwabenland die grünen Thäler entlang, kamen auch vorüber an meinem andern Schlößlein, Kilchberg im Neckarthale, welches in der Verteilung meinem ältesten Sohn Rudolf zugefallen. Der harrte unserer am Kreuzweg und sprach mich an, einzutreten und den Nacht-Ims zu nehmen. Mich verlangte aber nach meiner neuen Heimat, und so zog ich denn fürbaß, bis ich am Abend des kommenden Tages das Gütersteiner Thal erreichte. Das war just so, wie ich es im Traum erschaut. Die Sonne sank hinter die Berge und bestrahlte die Mauern und Dächer von der Burg Hohen-Urach. Des Himmels Gewölb war mit wolkichten Rosen überblümt, die Spitzen der Gräser funkelten gülden, während die Blumen ihre Kelche schon geschlossen, und der Klang des Ave-Maria-Glöckleins verzog sich in der Buchenwaldung. An der Pforrte harrte der Prior Gebehardus mein und hieß mich mit milden Worten in der Wohnung des Friedens willkommen; ich aber wandte mich gegen meine Söhne um, küßte und segnete sie, ermahnte sie, fortan in der Furcht des Herrn zu leben und ihres alten Vaters im täglichen Gebet eingedenk zu sein. An der Schwelle entließ ich sie alle, samt den Knechten, und zog in das Kloster ein.

 

Am Morgen des heutigen Tages ist mir seit langer Zeit wiederum mein Gedenkbüchlein in die Augen gefallen, und als ich es vom Bücherschrein gehoben und vom Staube gesäubert, hab' ich zu nicht geringem Erstaunen vermerkt, daß schon ein volles Jährlein dahin geschwunden, seit ich in der Karthause weile. Wohl eine geraume Frist, die mir doch spurlos dahin geschwunden, ohne eins der Begebnisse, welche ich des Aufzeichnens hätte würdig erachten mögen. Das Leben des Ordensbruders ist aber der breiten Epheustaude, welche sich an der Mauer unserer Kapelle ranket und fest anklammert, wohl zu vergleichen. Es trägt jenes Gewächs keine Blüte, keine Frucht, und wie sich seine Blättlein untereinander an Gestaltung und dunkler Farbe gleichen, so auch die Tage des Mönchleins im Kloster. Spärlich nur keimt ein frisches Läublein aus dem Gezweig, läßt aber bald wieder sein frisches Grün fahren, und dunkelt nach, und so steht der Stock Winter und Sommer und Jahr für Jahr ernst und still, bis der Stamm gemach absterbe und seine Blätter verdorren.

Ich mag wohl bekennen, daß es mir zeither nimmer beschwerlich gefallen, mich der Fleischspeisen und anderer leckerer Kost zu enthalten, und bei Tag und bei Nacht der Regel gehorsam nachzukommen. Ist es mir gleichfalls nicht mühselig geworden, mich der menschlichen Rede zu enthalten bis auf die wenigen Stunden in der Woche, wo den Konventualen zu sprechen gestattet: denn ich habe es oftmals bedacht, daß das Wort nur als Aufmunterung zur That dienen möge, wo aber diese verwehrt, wird es leicht zum eitlen Schall, wofern es nicht zum Preisen des Herrn dienet. Nur des weißen Ordengewandes mit den weiten Ärmeln und den Falten der Schleppe, so am Ausschreiten hinderlich, hat sich der alte Leib, der der ritterlichen raschen Kleidung gewohnt, nicht recht bequemen mögen. Nicht etwa, daß sich weltliche Eitelkeit und Lust an Tand und Zier wider das demütige Gewand gesträubt hätten, wie denn jene Thorheit meinen Sinnen von je fremd gewesen. Weiß ich doch mich gar wohl noch der Zeiten zu entsinnen, da ich aus dem Herzogtum Österreich und dem Königreiche Hungarn heimgekehrt, und viele gute Gewänder von gerissenem Samt mit güldenen Spangen mitgebracht, wie dort des Landes Sitte sie den Edlen zu tragen vergönnt, und ich deren viel von meinem Bruder Wolf nach dessen Ableben ererbt. In unserm Schwabenländlein war jedoch dazumalen solch' Prunken und Prachern nicht Gebrauch, und so hab' ich mich denn zur Stund' wieder nach Landes Sitte schlecht und recht getragen und mich aller der seinen Zier entäußert, um nicht als einer der stolzierenden Gesellen und hoffährtigen Gecken zu erscheinen. Erkannte dies auch der hochwürdige Prior gar wohl, und erteilte mir Dispens vom Skapulier, aus Rücksicht, daß mir als Hochbejahrtem der Wechsel härter denn dem Jüngeren ankommen müsse, und weil, wie er sagte, man in jeglicher Gewandung Gott mit Loben dienen könne, auch in seinen Augen Pirett und Kapuze gleich seien.

Somit preise ich denn mein stilles, einförmiges Leben auf der Bergwand, und den schönen frommen Traum, der mich zum Frieden geführt, obschon es mich bedünken will, daß jegliches seine Zeit habe, und dies ruhige, beschauliche Leben wohl nur dem gebrechlichen Greise zieme, nicht aber dem rüstigen Manne; denn dieser solle nicht der Versuchung entfliehen und sich vor ihr in den Mauern der Zelle bergen, sondern wohl mehr ihr keck ins Auge schauen, und sie kräftiglich bekämpfen. Also hat mein liebster Sohn Georg nach meinem wohlmeinenden Rat des eitlen Lebens am Hofe schon früh entsagt, ist über See gefahren, um mit den Rittern Sankt Johannis des Täufers gegen die Sarazenen zu fechten, ist dann zum heiligen Grabe gepilgert, und hat auch nachmals in Hispania und im Königreich Fez wacker wider den Erbfeind gestritten. Wenn diesen meinen Sohn es in späten Jahren gelüsten sollte, der Welt zu entsagen, so möge ihm Gott den löblichen Vorsatz gesegnen, und ihn seines Friedens teilhaftig werden lassen.

Nicht sparsam suchet der Georg seinen alten Vater in der kleinen Zelle auf, bespricht sich mit ihm über Vergangenes und erholt sich wohl auch Rat in seinen Angelegenheiten. Und so hat auch der junge Graf Eberhard Eberhard der Rauschebart. meiner, als seines alten getreuen Rates und Beistandes, zur Zeit, wo er noch mit seinem Ohm Ludwig in Fehde und Zwist lebte, nit vergessen, kommt fleißig auf den Güterstein, spricht sein Gebetlein über der Gruft seines Vaters und seiner Mutter Mathildis, und höret die frommen Lehren des Prior Gebehardi, und diejenigen, welche ich ihm nach meinem geringen Wissen erteile, sanft und geduldig mit an. So hat er mir gelobet, sich der jugendlichen Eitelkeiten und Lüste gänzlich abzuthun, und ein frommer, gerechter, gnädiger Herr seinem Volke zu werden, dermaßen, daß er im dichtesten Walde eine sichere Schlummerstätte im Schoße eines jeglichen Württembergers finden möge. Dem hochwürdigen Prior aber hat er verheißen, nach dem heiligen Grabe zu wallfahrten und dort die Fehle abzubüßen, zu denen sein wildes Blut ihn vormalen verlocket.

Wenn auch eignes Rühmen jederzeit vom Übel, so ist es doch nicht zuviel, wenn ich wahrhaftig aussage, daß ich mich zu den wüsten Raufern und Trinkgesellen niemals gewöhnt, vielmehr immerhin mich redlich und ehrbar zu halten gestrebt. Ebenso mag ich aber auch nicht läugnen, daß ich in meinen jungen Jahren nur selten viel beim Anschauen der Herrlichkeit und der Wunder der Erde gedacht habe, und wohl meistens nur weltliche Zwecke dabei im Auge gehabt. Sah ich vordem ein hohes, steiles Felsgestein, so fiel mir wohl ein, wie sich ein festes Schloß, welches jeglicher Berennung Trutz bieten könne, dort gründen ließe; schaute ich ein Blachfeld, so meinte ich, es müsse sich noch schmucker lassen, wenn die Reiterhaufen darüber zögen, wenn die Zinken klängen und Fähnlein auf Fähnlein einrenne; bei dichten Buchenwäldern aber sann ich, wo wohl das Edelwild sich berge, und in welchem Versteck der sicherste Anstand zu nehmen; hab' mich wohl auch mehr, als es dem Heil meiner Seele ziemlich, mit Regimentssorgen befaßt. Solchen irdischen Sinns bin ich nunmehr, Gott sei es gedankt, entledigt, und ist mir mein heimliches Kämmerlein ein sattsam geräumiges Feld geworden, absonderlich wenn ich bedenke, daß ich es wohl bald vertauschen werde mit dem noch viel engeren des Grabes. Kenne jetzt keine liebere Lust als eine fromme Legende zu lesen, oder sie auf das Pergament für andere andächtige Christen zu übertragen, oder aber mit Vergunst des Priors das grüne Thal von Güterstein bis an den Wassersturz des Bühlbachs, welcher steil von dem Felsen herabfällt, entlang zu wallen. Dort hab' ich manch friedlich Stündlein verbracht, dem Rauschen der Wässer gelauscht, hinauf nach der alten Feste Hohen-Urach gespäht und für meinen gnädigen Herrn gebetet, auch mit dem Knecht Eitel nach heilsamen Krautern gesucht. Was wechselt wohl rascher denn die Welle, oder die Wolke am Himmel, ober der Sinn des Menschen! Hätt' ich in früherer Zeit aus meiner Klause um Mitternacht geschaut auf den mondhellen Wiesenplan mit seinen blinkernden Gräsern, wo die Rehe furchtsam aus dem Holz treten und sich umschauen – ich hätt' wohl schnell genug nach Armbrust und Bolz gegriffen, und wär' leise hinunter geschlichen. Der Mondschein funkelt durch das Gezweig, die Hirsche äsen geruhig, das Glücklein ruft zur Hora – ich falte still die Hände und steige in das Kirchlein hinab, und preise den Herrn, der mich schon hienieden einen Vorgeschmack, des ewigen Friedens zu kosten gewürdigt.

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