Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Freiherr von Gaudy >

Novellen und Erzählungen

Franz Freiherr von Gaudy: Novellen und Erzählungen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorFranz von Gaudy
titleNovellen und Erzählungen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeDritter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100828
projectid366736d4
Schließen

Navigation:

Jugend-Liebe

Es möchte wohl so Mancher verwundert den Kopf schütteln, wenn er in der heutigen Abendstunde in die räumige, nunmehr verödete Schulstube träte, und gewahrte, wie ich sorglich die Schreibfedern, eine nach der andern, mit schärferen Schnäbeln versehe und die Tinte umrühre, wie ich die sauber beschnittenen Bogen des schönsten bläulichen Königpapiers aus der weit und breit renommierten Fabrik des Herrn Rauch unweit Heilbronn falze, und mich dann zum Schreiben in meinem braunledernen Sessel zurecht rücke. Dann würde er wohl die Frage an mich richten: was ich denn so Hochwichtiges noch in später Abendstunde zu schaffen gedenke, und ob ich wohl gar in einem petito bei dem hohen Konsistorio in Stuttgart um Versetzung in den Ruhestand tief submissest einkomme? Ich aber würde wohl bescheidentlich erwidern: Dem ist nicht also, lieber Herr. Wohl hat der alte Johannes Martinus Kirchner, Organist der evangelischen Kirche zu Wimpfen am Neckar, am Tage Martini Lutheri sein dreiundachtzigstes Jährlein mit Gottes barmherziger Hilfe vollendet, gedenket darum aber noch keinesweges zu feiern, so lange die Gnade des Herrn ihm den leidlichen Gebrauch seines alten morschen Körpers gestattet, wohl aber noch fernerhin zu Ruhm und Preis des Ewigen die Orgel zu spielen und die liebe Jugend in Zucht und Ehren zu unterweisen, bis daß sein Sterbestündlein schlage, und der Herr ihm ein sanftes Ende gewähren wolle. Amen!

Vernehme dann nun aber Jener auf seine anderen Fragen, daß ich damit umgehe, einige Memorabilia aus meinem eigenen Leben aufzuzeichnen, so würde er wohl spöttisch lachen und die Achseln zucken, oder wohl gar erwidern: Viel und mancherlei habe er bereits vernommen von den Denkwürdigkeiten großmächtiger, regierender Herren und Imperatoren, oder tiefsinniger Weltweisen, oder aber solcher, so in fremden Weltteilen abenteuerlich Leben verführet – annoch aber nimmer von denen eines Chor-Präfekten und Ludimagister in einem mittleren Landstädtlein. Und wohl hätte jener nicht so unrecht, wenn er mich eitlen Hochmuts und thörichten Dünkels bezichtigte, in wiefern ich die Ereignisse meines in der Dunkelheit abgesponnenen Lebens zusammenstellte, um sie sodann zu emendieren und in die weite Welt zu senden. Dem ist aber nicht also. – Ich steh' einsam und allein in dieser Welt, einem gemach verdorrenden Baum auf der Feldmark wohl vergleichbar; hab' nichts, woran sich mein Herz hängen möge, als die freudigen und schmerzlichen Erinnerungen aus meinen Jugendjahren; habe diese Abend für Abend an der Seele vorüberziehen lassen, und schreibe dieselben jetzt nieder, ohne auf einen Leser zu rechnen, ohne einmal einen andern zu wünschen, außer dem Schreiber selber; just so, wie ich auch meine Geige am allerliebsten mutterseelenallein auf meinem Kämmerlein und zu meiner eigenen Lust streiche.

Und nur allein aus meiner Jugend vermöchte ich eine oder die andere Erinnerung aufzuzeichnen, denn diese ward von einem gar holdseligen Gestirne beleuchtet. Seit dieses aber untergegangen, hüllet sich die Vergangenheit mehr und mehr in Nacht. Es ist nicht anders, als ob die Zeit mit ihrem Finger die Lebensgeschichte des Jünglings und des Mannes verwischet, und nur verworrene, unleserliche Kritzelei auf der Tafel zurückgelassen. Wenn die Sonne aufgeht, so erglühen die Spitzen der Berge zuerst in rosig-güldenem Lichte, während die Thäler noch schlafen; ein gleiches ist, wenn sie untergeht. Den Bergesgipfeln aber gleichen die Kindheit des Menschen und das Greisenalter: auf ihnen ruhet die Sonne am längsten, und umgiebt sie mit ihrer Gloria – sind sie doch beide die nächsten an dem Himmel, von dannen wir gekommen und wohin wir Wiederum zurückkehren. Amen!

Ich kam zur Welt in der freien Reichsstadt Heilbronn am Neckar im Jahre des Herrn Eintausend siebenhundert und fünfzig, und zwar an dem Tage Martini Lutheri, nach welchem ich auch in der heiligen Taufe den Namen Martinus erhielt, obgleich ich nach meinem Vater seligen Johannes gerufen ward. Es war dieser mein lieber Vater aber anfänglich ein Häfnergesell, mit vollem Namen Johannes Paulus Kirchner geheißen, und hat er zeitlebens bei Jung und Alt den Ruf eines bescheidentlichen, ordentlichen Mannes und rechtschaffenen Arbeiters genossen, wie mir dies wohl oftmals nach seinem frühzeitigen Ableben von den älteren Bürgern der guten Stadt Heilbronn gerühmt, und er mir dabei allzeit als Exempel, wie ich werden solle, vorgehalten worden ist. Mein Vater war von der Wanderschaft aus der Fremde heimgekehrt und gedachte nunmehr sich in seiner Vaterstadt häuslich niederzulassen, wenn erst durch Todesabgang eine der zünftigen Meisterstellen erledigt worden. Da geschah es, daß er auf der Weinlese auf dem Weinsberg die tugendsame Jungfrau Anna Regina Hollertin gesehen, auch alsbald eine gar herzliche Zuneigung zu ihr in allen Züchten und Ehren faßte, und nur sie und keine andere als Ehegattin dereinst heimzuführen begehrte. Die Gelegenheit, wo er ihr sagen mochte, wie er ihr recht aus Herzensgründe zugethan sei, fand sich denn auch bald darauf. Mein Vater seliger war ein schmucker anstelliger Bursch und gern gesehen bei Vornehm und Gering; und da währte es denn nicht allzu lange Frist, bis meine liebe Mutter einschlug und ihm eingestand, wie sie ihn recht wohl leiden möge. Also gelobten sie sich die Ehe. –

Als nun aber mein Vater seliger den Vormund seiner Verlobten um freundliche Einwilligung anging, so schüttelte dieser zwar grämlich den Kopf und weigerte sich, das Verlöbnis gut zu heißen. Es war dies der Vatersbruder meiner nachmaligen Mutter, hieß Sylvester Hollert, von den Leuten gewöhnlich nur der lange Sylvester benannt, und war Waibel der Stadtsoldaten in der freien Reichsstadt. Ich entsinne mich seiner noch gar wohl. Er war ein breitschultriger Mann mit stattlichem Bauch und fast um einen Kopf höher denn alle übrigen Menschen; hatte in seinen jungen Jahren unter Preußischen Fahnen gedient, nachdem er von den Werbern eingefangen worden, und unter dem alten Dessauer Fürsten die Feldzüge in Italia mitgemacht, wie er denn auch namentlich die Viktoria bei Cassano mit hatte ausfechten helfen. Es war dies ein Zeitabschnitt, aus welchem er gar nachdenkliche Historien in dem Bierhause zu erzählen wußte. – Er hatte ein recht martialisches, formidables Aussehen. Wenn er so kerzengerade über den Markt stapfte, gepudert und frisiert, mit den weißen, prallanliegenden Kamaschen und den weit abstehenden Rockschößen, wenn seine rechte Hand verwandt auf den Rücken lag und die weiße Locke des ellenlangen Zopfs drehte, während die linke das lange spanische Rohr mit dem vergoldeten Knopf weit vor sich hinsetzte, dann zogen alle Bürger den Hut mit höflichem Gruß vor ihm ab, wozu er nur kurzweg zu nicken pflegte, oder wohl eben das Kinn kurz und rasch auf die rote Halsbinde aufstieß; die spielenden Buben aber staubten scheu vor dem langen Waibel auseinander und hockten in den Thüren, bis er wiederum vorüber sei.

Nachdem ihm mein Vater stotternd bekannt hatte, wie er sich um dessen Mündel ziemlich bewerbe, entgegnete der lange Sylvester barsch: »Weiß Er was, junger Bursch? Schlag' er sich dergleichen Narretei nur ein für allemal aus dem Sinn. Ehe ich jemals der Anna den Konsens gebe zur Ehe mit einem solchen armseligen Häfner, und sie in ein solch bettelhaft, schäbig Gewerk ziehen lasse, eher will ich des Waibels Stock mit dem weißen Bettelstabe vertauschen. Meines Bruders Kind soll in ein nobles glorioses Handwerk heiraten. Ich aber kenne kein anderes als den edlen Soldatenstand. Versteht Er mich, Hannes? und Er sollte sich in seine Seele hineinschämen, Er, ein starkes Mannsbild, der seine sieben Zoll zwei Strich preußisch mißt, daß er seine gesunden Knochen, die ihm der Herr allergnädigst verliehen, zu nichts anderm brauchen will, als um Lehm und Erde zu kneten, und für die alten Weiblein Tiegel und Geschirr zu drehen, und dann die Hehlerware auf dem Schiebkarren zu Markte zu fahren. Seh' Er mich an, Hannes, der ich vordem nur ein schlechter Metzgerbursch gewesen, und jetzo zum Recompens meiner Meriten Waibel der freien Reichsstadt worden bin. Das kann alles aus einem tüchtigen Kriegsmann werden.« – Und dabei rückte er den Bauch und das Doppelkinn noch um eins so stark hervor. – »Er hat mein letztes Wort gehört«, setzte der Lange noch hinzu, »Das Mädel wird ein rechtschaffen Soldatenweib, oder bleibt Zeit ihres Lebens eine alte Jungfer. Und nun gehe Er mit Gott, mein Sohn,« –

Dies war nun ein recht trauriger Bescheid für meinen Vater. Zu jener Zeit waren die Kriegsknechte nur ein arges, hergelaufenes Volk, das wohl schon in aller Herren Länder gedient und allerweges eitel Unbilden angestiftet hatte. Unter eine solche Rotte Korah zu treten, war eine gar harte Zumutung für einen ehrlichen gottesfürchtigen Gesellen, so überdem noch ans einem ehrbaren Geschlechte stammte, wie denn die Kirchner vordem Patrizier in der freien Reichsstadt Heilbronn gewesen, durch traurige Zeitläufte aber heruntergekommen und verarmt sind, so daß sie den Rechten ihrer Geburt entsagt. An dem Wort des langen Sylvester ließ sich so wenig mäkeln als an den zehn Geboten, wie dies auch meinem Vater seine verlobte Braut unter vielen Thränen erhärtete. Er harrte nun wohl noch ein halb Jährlein, ob nicht einer oder der andere Meister das Zeitliche segnen solle, und meinte immer, daß, wenn er nur als ansässiger Bürger seine Werbung wieder anbringe, der Oheim schon klein beigeben werde. Als er aber späterhin erkannte, wie es doch eigentlich gottlos sei, auf andrer Leute Ableben mit Ungeduld zu warten, so faßte er eines schönen Morgens den Entschluß, seinem bisherigen Handwerk Valet zu sagen, und in die städtische Kompagnie als Soldat einzutreten. Von meiner Mutter konnte er einmal nicht lassen. Der lange Sylvester schlug ihn gar freundlich auf die Schulter, als er ihm seinen Vorsatz zu wissen that, schmunzelte auch in den Bart, als der Vater gleichzeitig um die rechte Hand der Jungfrau Anna Regina Hollertin anhielt, und meinte: »das werde sich alles finden.« Und so fand es sich denn auch.« Nach Jahresfrist wurde das bräutliche Paar in der Stadtkirche St. Kilian ehelich eingesegnet und nach aber einem Jahre ward ich, die einzige Frucht dieser frommen und zufriedenen Ehe, ebendaselbst durch die Taufe der christlichen Gemeinde einverleibt, –

Wüßt eben nit viel von meinen ersten fünf Lebensjahren zu sagen. Der Vater zog immer den vierten Tag auf die Wacht, und arbeitete in den Freistunden in Leder, machte Peitschen und Steckengäule, wie er es als Sohn eines Beutlers erlernt hatte; meine Mutter aber spann fleißig – und so brachten sie sich denn ehrlich und ordentlich durch die Welt. Sonntag nachmittags ward mir ein neu Röcklein angezogen, und dann brachte mich die Mutter zu der Frau Waibelin, welche meine Pate war. Da ward denn Wein und Wecken aufgesetzt, und ich ergötzte mich an den roten und weißen Hirschjagden, die in die Damastserviette eingewirkt waren, freilich wohl noch mehr an dem Zuckerbrot, welches meiner harrte; bekam auch ein großmächtig, in Schweinsleder gebundenes Buch, so Theatrum mundi hieß, zum Bildern. Darin waren die alten Könige mit Krone und Szepter und langen Bärten abkonterfeit, und Belagerungen von Troja und Roma, wo die Karthannen gegen die Mauern abgebrannt wurden, und die Kugeln einen dicken langen Schweif hinter sich her schleppten; ebenso auch grausamliche Völkerschlachten, wo es gar wild herging und die Rosse über die Toten hinwegsetzten, und die Leut' einander die Spieß' in die Gurgel bohrten. Da erzählte mir denn die Muhme Hollertin einstmals auf meine Frage, was dies alles vorstelle: also gehe es in den Bataillen und Aktionen her, und ihr Alter habe oftmals geäußert, wie solches noch lange nicht das Ärgste, Da dachte ich denn, wie mein herzlieber Väter denn auch wohl mit so unfeinem Gesindel zu thun bekommen, und leicht dabei zu Schaden kommen möge, Und ich begann bitterlich zu weinen. Da lachte aber die Frau Pate und hieß mich ein thöricht Büblein. Die Welt, meinte sie, hat der Kriege baß gehabt, und erst vor nicht langer Zeit die beiden Schlesischen. Jetzt aber herrscht Frieden in der Christenheit, und die hohen Herrschaften werden sich wohl hüten, das wilde Gerauf wieder zu beginnen. –

Wollte Gott, die Frau Muhme hätte die Wahrheit gesprochen. So aber fiel der große Preußenkönig im Augustmonde des Jahres 1756 in Sachsen ein, infolgedessen Bellona wiederum ihre bluttriefende Fackel über Deutschland durch sieben volle Leidensjahre schwang. Der König Friedrich ward wegen jenes Einfalls in das Kurfürstliche in die Reichsacht erklärt, und der Fürst von Hildburghausen ward ernannt, um wider ihn das Exekutionsheer zu befehligen. Die Eltern, sowie auch die übrigen Reichsstädter, trugen sich mit der Hoffnung, daß, wenn der Preuße erst säh', wie diesmal kein Kurzweil getrieben und wohl eher bitterer Ernst gemacht werden solle, er wohl um Frieden bitten werde Er that's aber nit, und verharrte in seinem Trotz –

Der Reichskontingent ward gestellt. Mein armer Vater mußte mitziehen, auch der lange Waibel. Ich war noch ein winzig Büblein zu jener Zeit, werd' aber noch auf meinem Sterbelager des jammervollen Morgens gedenken, da das städtische Kriegsvolk ins Feld zog – Der Tag war noch nicht angebrochen. Die Soldaten scharten sich ans dem Marktplatz gegenüber dem Rathause. Es mochte wohl so manche stille Thräne in den Schnauzbart hinunterrollen. Der Waibel verlas sie Alle, Mann für Mann, bei Namen. Vor der Kompanie hielt der Herr Major Freiherr von Stetten, der sie kommandieren sollte, zu Roß, und an den Häusern ringsum drängten sich Frauen und Kindlein und weinten und schluchzten Als nun die Soldaten rangiert worden, kehrte sich der Herr Major gegen die Bürger um und sprach: »Im Namen meiner braven Kameraden sag' ich Euch, lieben Bürger und Landsleut', von Herzen Lebewohl! So Gott will, werden wir uns ja wiedersehen. So aber einem unter uns etwas Menschliches sollt' widerfahren, so tragen wir die zuversichtliche Hoffnung, daß die Zurückgebliebenen sich der Witwen und Waisen mildiglich erbarmen werden. Sprechet nun ein freudiges Ja, auf daß meine guten Soldaten wacker und unverzagt in die Aktion ziehen, und sich der Ihrigen halber nit zu bangen brauchen.« Da riefen die Männerstimmen allesamt ein laut und vernehmlich: Ja! das Weibsvolk aber brach in ein helles Schreien aus, drängte sich in die Reihen der Soldaten und warf sich noch einmal um den Hals der Männer. Dann warb der Quikmarsch geschlagen und die Kompanie zog unter dem Lamentieren der Heilbronner zum Neckarsulmer Thor hinaus. Noch bis auf diese Stunde wird dem Dreiundachtzigjährigen ganz seltsam weich zu Mute, so oft er die Trommel langsam rühren und das Querpfeiflein dazu blasen hört, und er muß dabei jener Nacht der Thränen und Not gedenken.

Nunmehr war es in unserm Häuslein unweit des Siebenröhrbrunnens gar still. Die Mutter weinte leis' vor sich hin, und wenn ich sie fragte, was ihr fehle, so drückte sie mich an das Herz, küßte mich und zwang sich, freundlich zu lächeln. Sie war groß und schlank gewachsen; ihr Antlitz war fein und zart, so daß man sie ohne die schlichte Bürgertracht leicht für eine fürnehme Frau hätte halten mögen. Die blauen Augen blickten gar fromm und gut aus den goldnen Wimpern herfür. Sie war ein rechtes Marienbildlein von gottesfürchtigem Wandel und allzeitig still und demütig.

Vom Reichsheer kam nur spärlich Nachricht. Man trug sich mit bedenklichen Gerüchten, wie der Preuße unaufhaltsam vorrücke und überall brandschatze; dazu ward viel Unheimliches von den schwarzen Totenkopfhusaren geredet, wie diese keinen Pardon gäben und noch dazu gegen Hieb und Schuß fest seien. Die sonst so geruhige, wohnliche Stadt Heilbronn war wie verstört. Es war, als ob keiner mehr dazu kommen könne, sich seines Lebens zu freuen. Ich freilich fühlte nur wenig von all' dem Leid, und lebte als ein unverständig Kind mit Spiel und Kurzweil in den Tag hinein.

So mochte wohl ein Jahr verstrichen sein, als uns ein gar schwerer Schlag betraf. Die Kunde von der Schlacht bei Roßbach und der gänzlichen Vernichtung der Reichsarmee gelangte zu uns. Ganz Heilbronn hallte wider von Klagen und Seufzern. Es war auch kaum eine der Familien, welche nicht einen nahen Anverwandten oder lieben Freund als tot oder schwer verwundet zu betrauern hatte. Meinem herzlieben Vater hatte ein preußischer Reiter mit dem Pallasch den Kopf mitten von einander gespalten. Seine Leiche ruht nun mit denen so vieler ehrlicher Schwaben und gottloser Franzosen zusammen in einer Grube – seine Seele ist im Himmel. Von dem Jammer in unserem Haus will ich lieber gänzlich schweigen. Wenn mich aber die Mutter nächtens bettete und mich mit gefalteten Händen den Abendsegen hatte nachsprechen lassen, dann fügte sie wohl noch hinzu: »Gelt, Hänsel, wenn Du erst mit Gottes Hilfe groß geworden, dann dienst Du dem Herrn als rechtschaffener Christ in einer ehrlichen Hantierung oder Kunst und gehst nimmermehr unter das Kriegsvolk, auf daß Du nicht frühzeitig Witwe und Waisen in bitterlichen Thränen hinterlassen mögest. Das eine versprich mir nur, mein lieb' Söhnlein« –- Das hab' ich ihr auch gern gelobt.

Die Heilbronner Bürgerschaft ist des Versprechens, so sie in der Nacht des Ausmarsches dem Herrn Reichsfreiherrn von Stetten geleistet, wohl eingedenk gewesen und hat sich mit christlicher Milde der Witwen und Waisen derer, die vor dem Feind geblieben, erbarmet, und ist ihnen trotz der schwierigen Zeitläufte mit Rat und That getreulich beigesprungen. – So geschah es denn auch, durch guter Menschen Fürsorge, daß wir, was man so eigentlich Sorge und Not um das tägliche Brot nennt, nimmer erfuhren. Aber all die Freundlichkeit und Liebe von hohen Herrschaften und die tröstlichen Zusicherungen mochten doch das Herz meines lieben Mütterleins nit wieder aufrichten. Es war einmal seit der bittern Todespost gebrochen, und nun glich die junge Wittib einer im Stiele geknickten Blume, so wohl noch eine Zeit lang fortblüht, endlich aber doch die Blätter fallen läßt und eingeht. – Zehn Monde nach dem Tode meines Vaters trugen die schwarzen Männer mein Mütterlein fort, und so stand ich denn als achtjährig Büblein vater- und mutterlos und hatte schon im zarten Alter den bitteren Kelch bis auf die Hefe leeren müssen. Es giebt solcher Menschen, welchen es gegeben ist, sich jederzeit mit der Glückskugel zu drehen und immerdar auf der Sonnenseite zu bleiben; andere wieder in der Nachtseite von Geburt an bis an ihr letztes Stündlein verharren. In den Letzteren mag auch ich mich zählen, ohne deshalb mit meinem Geschick hadern zu wollen. Der Herr weiß ja wohl am besten, wie viel der arme Sterbliche zu tragen vermöge, und ob das Kreuz nicht die Kraft seiner Schultern übersteige. Sein Name sei gepriesen in allen Ewigkeiten. Amen!

 

Am Tage nach dem Begräbnis meiner Mutter seligen kam die Frau Pate Hollertin, packte meine Siebensachen zusammen und nahm mich mit in ihr Haus. Was sie bei meiner Taufe gelobet, Elternstatt nach deren Ableben vertreten zu wollen, hat sie treulich und gewissenhaft gehalten, und trotzdem sie eine wunderliche Frau gewesen, mir jederzeit nur Gutes und Liebes angedeihen lassen, was ihr Gott gesegnen möge. –

Bei den Hollerts war aber auch eben nicht viel Freude zu holen. Der lange Waibel war schon damals mit heimlichem Widerwillen ins Feld gezogen. Seinen guten Freunden hatte er prophezeihet: wie das nun und nimmer gut werden könne, und daß die Reichstruppen und Franzmänner gegen die alt-preußische Disziplin den Kürzern ziehen müßten. – Schwer läge es ihm auf der Seele, nunmehr gegen das Kriegsbanner, dem er vor Zeiten Treue geschworen, fechten zu sollen; das könne er nur mit halbem Herzen, und wolle er weit lieber ans die alliierten Franzosen losschlagen, denn auf die feindseligen Preußen, Nach der unglücklichen Affaire bei Roßbach hatte er sich mit auf die Retirade begeben und war in einem Strich von Thüringen bis Schwaben gerannt. Bei diesem gewaltsamen Rückzüge hatte er sich aber über die Gebühr alteriert, wie das auch bei seinen vorgerückten Jahren und dem nicht geringen Leibesumfang kein Wunder war; dazu kam noch der Ärger über die empfangene Schlappe – mit einem Wort, der lange Sylvester grämte und härmte sich ab, und schwand zusehends ein. Alle seine Monturen wurden ihm um die Hälfte zu weit, er stolzierte nicht mehr so stolz und militärisch einher, brach zusammen, ging abends nicht mehr in das Bierhaus, und wollte auch nit weiter von der gloriosen Victoria von Cassano erzählen. Die Roßbacher Affaire war sein Sargnagel gewesen. Er starb binnen Jahr und Tag. Auf seinem Sarge lagen der Säbel und das lange spanische Rohr kreuzweis neben dem dreieckigen Hütlein. Die Soldaten schossen dreimal in das Grab, nachdem der Sarg versenkt worden, und marschierten dann mit lustigem Gepfeif und Getrommel heim. Wir aber, die Muhme Hollertin und ich, zogen in einen der Stadttürme, welche in der Mauer zwischen dem Fleiner und dem Neckarsulmer Thor stehen, und den der hochedle Magistrat der Witwe unentgeltlich als Gnadenwohnung eingeräumt.

Wenn ich in spätern Jahren nach Heilbronn zurückgekehrt, so habe ich mein Heimatstädtlein gar nicht wieder erkennen mögen, so viel ist des Alten niedergerissen worden und des Neuen hinzugekommen. Jetzt werden all die Stadtgräben allgemach ausgefüllt und die Mauern geschleift, und zierlich abgeputzte Häuser der reichen Fabrikherren an ihre Stelle gesetzt oder Anpflanzungen von seltenen Sträuchern oder Blumen. Zu meiner Zeit aber zog sich der Graben noch rings um die Reichsstadt, war auch zum Teil mit Wasser angefüllt, sonst aber mit Abreschen, Weiden, Eschen und Silberpappeln, an beiden Seiten von oben bis unten bewachsen, so daß man im Sommer kaum durch das dichte Blätterwerk zu schauen vermochte. Das war denn gar anmutig. – Die Singvögel bauten ohne Scheu ihre Nester auf den Zweigen, die uns bis in das Fensterlein ragten, so daß ich mich selber ein lustiges Vöglein dünkte, welches sich im Grün schaukelte, wenn ich aus dem mit Epheu bewachsenen Turm in das Laub hinausjauchzte. –

Mit der so recht eigentlichen Jugendfreudigkeit war es aber doch seit dem Tode meiner lieben Eltern vorbei. Wenn auch hin und wieder der leichte Knabenmut erwachte, so mußt' ich doch gar bald wieder gedenken, wie ich einsam und verlassen auf der Welt dastehe, von dem Erbarmen guter Menschen abhänge, und wie es lange währen werde, eh' ich mich meiner Schuld gegen sie entledigen möge. Das dämpfte den lockern Sinn alsbald. –

Die Muhme ward immer einsilbiger und schweigsamer. Sie kam zuletzt gar nicht mehr aus dem Turm und ward auch nicht sonderlich viel besucht; sie saß am Spinnrad und summte leis ein frommes Lied aus dem Gesangbuche. –

Die Wachtel rannte in ihrem grünen Käfig auf und nieder und guckte mit lautem Pickterick aus ihrem Erker; der alte graue Kater spann im Lehnstuhl, ich aber saß an dem Fichtentisch mit den roten und blauen gemalten Tulpen, rechnete ein lang geschwänztes Divisionsexempel, oder memorierte: iter, piper, papaver et cadaver, oder was nunmehr dergleichen Gegenstände waren, in denen mich ein Stadtschüler unterwies, und ohne welche ich nach seiner Meinung nie durch die Welt kommen könne. Dies währte, bis sich die Schatten verlängerten und die Lampe angeglommen ward. Dann ward Feierabend gemacht, und ich durfte der Muhme gar nachdenkliche Abenteuer aus dem Theatro mundi vorlesen, oder aus der Heilbronner Chronika, wie sie den Götz von Berlichingen gefangen und in den Diebesturm der Allerheiligengasse gesperrt; wie der Ritter sich mit der eisernen Faust auf dem Rathause der Knechte erwehret; wie der helle Haufe gen Weinsberg gerückt und den Helfensteiner Grafen samt den Edlen durch die Spieße gejagt, die Gräfin aber auf einen Mistkarren zu Schimpf und Hohn gesetzt, und solcher teils verwunderlicher, teils grausamer Geschichten mehr. Die Schwarzwälder Uhr schlug dazu schnurrend Stunde um Stunde an, und so verging denn ein Tag, eine Woche, ein Jährlein nach dem andern. –

Ich frequentierte bereits eine geraume Zeit die Stadtschule. Im Anfange hatte die Muhme Hollertin dem widerstrebt, weil sie vermeinte, daß der Umgang mit den gottlosen Buben mein zeitiges und ewiges Heil schädigen möge. Ich ließ mich aber nichts anfechten, ging still meinen Weg und lernte tapfer zu. –

So wuchs ich denn in Zucht und in der Furcht des Herrn heran, und war schon vierzehn Jahr alt geworden. Da hielt mich der Kantor Hornberger eines Tages nach beendigter Schulstunde mit den andern zurück, und stellte mit uns allerlei Versuche an, ob wir Anlagen und Geschick zum Gesange hätten. Es war dieser Kantor ein langer hagerer Mann mit einem ganz verbrannten Antlitz, das fast wie dasjenige eines Äthiopiers anzuschauen war und seltsamlich gegen die weiße Stutzperrücke abstach. – So oft er redete, geriet er in Eifer und Hitze, dann schwoll ihm aber die Stirnader fast fingerdick, und die schwarzen Augen rollten ihm im Kopfe herum, so daß man schier nur noch das Weiße sehen konnte. Er war demnach von schreckendem Aussehen, und brauchte sich nur zu zeigen und eine dräuende Geberde anzunehmen, daß alle die Büblein zu zittern und zagen begannen. Nun erprobte er uns den einen nach dem andern, hieß uns ihm nachsingen, den Mund weit aufsperren, gleich jungen Schwalben, die geätzt werden, und das A in verschiedenen modulationibus so lange schreien, als der Atem vorhalten wollte, und bis wir so kirschbraun im Gesicht wurden, wie der Präzeptor selber. Ich schämte mich nicht wenig, als die Reih' an mich kam, teils vor den Scholaren, welche leise über die seltsamen Grimassen der Singenden kicherten, teils auch vor mir selber. Begann denn tremulierend und mit gar schwachem Stimmlein das A, anzugeben. »Lauter!« schrie der Kantor, »immer lauter! Schreien wir, was wir können, Kirchnere! Denken wir, daß wir in den Neckar gefallen seien, und wollen mit unserm A die Leut' herbeirufen.« Da ermannte ich mich denn und setzte fast gewaltsam an. Dies gefiel dem Kantor wohl und er meinte: »Schon recht so, mi fili, Gott hat uns mit einem gar klaren und lieblichen Stimmlein begabt, und mögen wir hinfüro in das Chor eintreten, sobald als wir die Noten erlernt.« – Fing auch am nämlichen Tage den Unterricht an und ward in leidlicher Zeit firm und perfekt. –

Der erste Tag freilich, an welchem ich mit der Kurrende auszog, war ein recht harter für mich. Sie hatten mir einen dreieckigen Filzhut, der vor Alter schon rötlich geworden, aufgestülpt; der hing mir aber so ins Gesicht hinein, daß ich mit schmaler Not um mich zu schauen vermochte; außerdem ward ich noch mit einem schwarzen verschossenen und oftmals geflickten Kräglein bekleidet. Dergestalt sah ich aber nicht schmucke aus. Noch härter aber kam es mir an, in die Häuser zu gehen und die Singekreuzer einzusammeln, und traten mir die Thränen ins Auge, wenn ich bedachte, wie ich, zwar armer, aber doch ehrsamer Leute Kind, um der paar Heller willen gleichsam fechten und hausieren müsse. Bald aber fiel mir ein, wie auch der Gottesmann Martinus Lutherus, dem wir alle den von Schlacken gesäuberten Glauben verdanken, und ich insbesondere den schönen Namen Martinus, zu Eisenach als Büblein von Haus zu Haus habe singen müssen, und doch nachher ein hochpreislicher Mann und ein ewig strahlend Kirchenlicht geworden. Dieser Gedanke hat mich wundersam getröstet, und hatte ich fürder keine Scheu zu thun, was meines Berufs.

Als Chorknabe war ich denn auch bald in der Kirche St. Kilian zu Haus, wie in meinem eigenen Kämmerlein, half die Glocken läuten, sang im Chor, schrieb mit Kreide die Liedernummern auf die schwarzen Täflein, und wußte all die Denkwürdigkeiten an den Fingern herzunennen, so daß ich jedweden Fremden so wohl als der Küster selber hatte herumführen mögen und ihm erzählen, wie der erste Stein Zur Kirche im Jahre des Herrn 1013 gelegt worden, wie man unter dem Hochaltare das Murmeln vom Quell des Siebenröhrbrunnens vernehmen könne; wußte das Märlein vom Riesenbein, so im Chor hängt, und kannte die Bedeutung aller heiligen Schildereien, die Namen aller alten Grabmäler. Unter letzteren war auch eines von einem Ahnherrn von mir, der war im Seitenschiff beerdigt und lag auf seiner Gruft eine Sandsteinplatte, auf welcher er selber in ganzer Gestalt im spanischen Röcklein, mit mächtigem Bart und gefalteten Händen zu schauen war. Von Nas' und Kinn war nit viel mehr zu gewahren, seit die Füße der Kirchengänger das Gesicht abgeschliffen und abgewetzt, so war auch die Inschrift am Rande schier unleserlich geworden, und vermochte ich nur noch zu entziffern: Kirchnerus noster ... bene meritus ... reipublicae Heill ... ... obiit A. D. Alles Übrige war zu meinem großen Leidwesen verwischt. Vor diesem meinem lieben Ahnherrn hatt' ich eine recht tiefe Ehrfurcht, hütete mich sorglich über seinen Denkstein leichtsinniger Weise zu schreiten, und empfand allzeit einen Stich durch's Herz, wenn ich es von andern sah und doch nicht wehren durfte. –

 

Eines Sonntags gewahrte ich vom Chore aus, wo wir uns aufhielten, unterhalb der Kanzel und gerade mir gegenüber ein gar lieblich Mägdlein, welches mir wohl an Alter gleich sein mochte, gewißlich aber hoch über mir an Rang und Reichtum, wie ich dies aus dem saubern seidenen Kleide mit den prächtigen eingewirkten Silberblumen schloß. Das goldgelbe Haar floß ihr in langen Locken hin und war noch nicht mit Puder bestreut; die Augen waren über Alles lieb und mild, das Antlitz fein und wunderzart, es gemahnte mich an das meines seligen Herzmütterleins, so daß ich es gar nicht satt bekommen konnte, nach dem seinen Kinde hinzuschauen. Sie saß neben einer sehr vornehmen steifen Dame mit hoher, überaus künstlicher Frisur und rot geschminkten Wangen – dies mochte wohl ihre Frau Mutter sein. Ich muß leider bekennen, daß ich fortan von der Predigt des Herrn Pastors primarii nit allzuviel vernommen, und wohl nur schlecht im examine Montags bestanden, so mir nicht ein fleißiger collega das Heftlein, worein er den Sermon nachzuschreiben pflegte, zur Durchsicht anvertraut. Mit gar eigener Ungeduld, vor welcher ich mich jedoch selber schämen mußte, harrte ich nunmehr des nächsten Sonntags, wo ich dies fremde, früher noch nirgends erschaute Fräulein wieder zu sehen hoffte. – Es ging mir jedoch besser, als ich mir es jemals hätte träumen lassen. Als wir nämlich am nächsten Tage des Chorsingens vor einem stattlichen Hause unfern der Deutschherren Komturei standen, und ich die Augen von ungefähr aufschlug, gewahrte ich das Fräulein am geöffneten Fenster des ersten Stockwerks hinter blühenden Blumentöpfen und einem Messingkäfig, in welchem sich ein grüner Papagei mit mißtönigem Geschrei im Ringe schaukelte. Ich mag wohl über und über rot geworden sein; die Kehle war mir wie zusammengeschnüret – ich konnte keinen Laut herfür bringen. Was in mir vorging, wußte ich nicht zu benennen: ich war so glücklich, wie ein Kind am heiligen Christabende, und hätte doch zu gleicher Zeit weinen mögen. Ich hätt' es aber keinem Menschen für alle Güter der Erdenwelt eingestehen können. – Das holde Fräulein schaute so recht lieblich und freundlich lächelnd zu uns hernieder. Die fremden Blumen und Stauden verflochten sich wie eine Gloria um das Engelsgesichtlein. Mir däuchte, als habe sie mich vor allen Anderen gesehen und mir nachgeschaut, als wir weiter zogen – mochte wohl nur thorenhafte Einbildung gewesen sein.

O, der schönen, schönen Zeit, wo ich das gute Fräulein Sonntags eine Stunde hindurch vom Chore, wo ich sie Mittwochs und Samstags, so oft wir sangen, am Fenster sah. Dort hätte ich sie leichtlich auch an den übrigen Wochentagen getroffen – aber wie hätte ich es wagen wollen, allein an ihrem Hause vorüberzuziehen und hinauf zu schauen! Mir war, als müsse es mir ein Jeglicher ansehen, was in meinem Herzen vorginge, als hab ich kein gut Gewissen. Auf dem Kirchenstand hatte ich den Namen auf einem kleinen blechernen Täfelchen verzeichnet gefunden. Es war die Mutter eine Reichsfreiin von Stetten und eine geborene Freiin von Gemmingen-Guttenberg, Wittib des Herrn Major von Stetten, des nämlichen, unter dessen Befehl mein armer Vater in den Krieg gezogen und getötet worden war. Auch der Herr Major hatte seinen Tod auf dem Schlachtfelde gefunden, und so mochten denn jene Worte, welche er bei nächtlicher Zeit auf dem Markte sprach, ihm wohl von einer finsteren Vorahnung eingegeben worden sein. Mir däuchte, als sei ich der jungen Baronesse durch unser gemeinsames trauriges Schicksal näher getreten – daß sie mir deshalb aber lieber geworden, mag ich nicht behaupten – ich glaube, das konnte sie gar nicht mehr. Obgleich ich nun wußte, daß das Fräulein von vornehmer adeliger Geburt sei und mit Glücksgütern reichlich gesegnet, so hat das doch meine Gesinnungen gegen sie nicht im mindesten verändert. Ich dachte bei mir, weshalb sollte das gnädige Fräulein Dir nicht die liebste auf Erden bleiben, wenn Du auch nur ein armes verwaistes Soldatenkind bist, und weshalb solltest Du Dich nicht an ihrem Anschauen erfreuen und erquicken? Darf man sich doch an der Blümlein Duften und Blühen laben, wenn sie auch in fremden Gärten gedeihen, und funkeln doch die goldenen Sternlein so tröstlich am Himmel, ohne daß es uns einfalle, sie besitzen zu wollen. Solch ein beseligend Gestirn war mir aber das schöne, fromme Gebild. –

Es mochten wohl sechs Wochen verstrichen sein, seit ich das gute englische Fräulein zum ersten Male erblickt hatte. Wir befanden uns im Brachmonat. Vor einem Turmfensterlein stand ein junger Rosenstock, den ich mir im verwichenen Jahre gezogen. Jetzt blühte er zum ersten Male und hatte ein schönes frisches Knösplein getrieben, das so eben aus der Hülle hervorlauschte, als wär' es neugierig, sich in Gottes freier Welt umzuschauen. So oft ich dies Knösplein sah, hatte ich dabei des Fräulein von Stetten gedenken müssen, welches just so lieblich und unschuldig aussah. Deshalb hatt' ich es ihr auch zugedacht, schnitt am nächstfolgenden Sonntag das Röslein ab, legte es, als noch keine Seele in der Kirche war, auf das Pult, wo sie saß, und flüchtete mich auf das Chor. Als nun die Glocken geläutet wurden und die Kirchgänger sich einzeln im Gotteshause versammelten, begann mir doch das Herz gar mächtig zu pochen; mir war meine Keckheit wieder leid geworden, hätt' die Blume gern zurückgeholt, traute mich jedoch nicht wieder herab, nichts desto weniger quälte mich doch noch die andere Furcht, daß sich eine fremde Hand an meinem lieben Knösplein vergreifen möge. Endlich traten denn Mutter und Tochter ein. Das Fräulein warf ihre Blicke alsbald auf die Rose, hob sie auf und schaute, wie sich verwundernd und mit freudeleuchtenden Augen ringsum, als suche sie den Geber auf. Da flüsterte die Frau Baronin ihr aber ein herbes, strenges Wort ins Ohr. Sie mußte der Tochter wohl verboten haben, die Blume anzurühren, denn das Fräulein legte sie mit niedergeschlagenen Augen und ganz betrübt wieder hin. Das schnitt mir wie mit Messern durchs Herz. Kurz darauf aber knickte sie doch ein grün Blättlein vom Stengel und schob es heimlich in ihr Gesangbuch als Zeichen – und da war mir wieder, als saß ich im Himmel. –

Kaum war die Benediktion gesprochen, als ich vom Chor wutschte und mit drei Sätzen die Stiegen hinabstürmte, um mich au der Kirchenpforte aufzustellen. Da erhaschte mich aber die Hand des Präpositi Hornberger im Fluge und hielt mich bei meinem alten schwarzen Mäntelchen risch zurück, dermaßen, daß das morsche Kräglein mit merklichem Geknarr der Länge nach zerspliß. Hierauf apostrophierte mich der Zornige mit stark vor Ingrimm geschwollener Stirnader und funkelnden Augen: »Sind wir von der Tarantul gestochen worden, Kirchnere, oder ist ein unsauberer Dämon in uns gefahren, daß wir uns unterfangen, solche ungeziemliche Gaukelsprünge im Gotteshause anzustellen? Dabei faßte mich der Kantor hart beim Ohrläppchen und schüttelte mich auf empfindliche Art und Weise etliche Male hin und her. Ich kroch recht kleinlaut die Treppen hinunter und gedachte beschämt heimzuziehen, denn der Gedanke fiel mir schwer aufs Herz, daß es einem solchen dummen, zerzausten Schulbuben wie mir nur wenig zieme, vornehmen Fräulein in den Weg zu treten und sie mit verliebten Augen anzugaffen. Im nämlichen Moment aber, wo ich betrübten Herzens aus der Kirche schleichen wollte, traten auch die Frau Baronin mit ihrer Tochter heraus. Sie ging dicht an mir vorüber und mein Arm streifte ihr seiden Gewand. Alles Leid und Harm war spurlos vergessen. Das Fräulein schlug die Augen fromm und bescheiden nieder. So nah' hatt' ich sie noch nimmer geschaut. Als sie einige Schritte gegangen war, entglitt das schwarze Saffian-Gesangbuch ihren Händchen und verstreute im Fallen alle bunten Zeichen, die Pfauenfeder, die farbigen Bildlein, seidenen Bänder und auch mein Rosenblatt. Ich sprang hurtig hinzu, las alles wieder auf, mein Blatt zuerst, und überreichte ihr das Buch mit tiefer Verneigung. Das gnädige Fräulein war fast noch verlegener als ich, sie lächelte ohne aufzuschauen, und flüsterte halblaut: »Sei Er schönstens bedankt für seine Mühe!« Nun sind das wohl an und für sich recht gewöhnliche Worte, wie sie tagtäglich mannigfach wiederkehren – in des Fräuleins Munde klangen sie aber doch ganz anders. Ich bin jetzt ein hoch bejahrter Greis, welcher die Frist, die uns hienieden zu wallen beschieden ist, um die Hälfte schier überschritten, den schönen, herzlichen Dank aber werde ich nie vergessen, und tönt mir das helle glockenreine Stimmlein noch fort und fort in mein Ohr »Sei Er schönstens bedankt für seine Mühe.« Es waren dies die ersten Laute, welche ich aus dem Munde des holdseligen Fräuleins vernahm – es waren auch die letzten. –

Als ich am nächstfolgenden Morgen vor dem Hause der Frau von Stetten stand, da waren sämtliche Fenster verhängt, ein gleiches am Samstage. Der Kirchstuhl blieb Sonntags leer. Die gnädige Herrschaft wird wohl auf ihre Güter gereist sein, dachte ich traurigen Herzens, oder zu ihrer Sippschaft auf den Guttenberg, und fand keinen andern Trost, als daß sie doch im Herbst nach der Stadt zurückkehren müssen. Ich hatte aber keine gar rechte Freude mehr am Leben, und es war mir allstund, als ob das beste mir fehle.

Da kam nach etlichen Wochen ein anderer Chorschüler zu mir gesprungen, und sagte mir an, daß ich mich in der zehnten Stunde der Nacht bei dem Präposito einfinden solle; es sei nämlich eine gar vornehme Leiche, der die gesamte Geistlichkeit und das Chor nachfolgen werden. Vormals hatte ich dergleichen Nachrichten fast gern vernommen – nicht, daß ich mich etwa über das Ableben eines Nebenmenschen sündhafter Weise erfreut, sondern nur, weil es Sitte war, bei Leichenbegängnissen der Patrizier oder der Mitglieder des hohen Rats jedem Chorschüler sechs Kreuzer zu verehren und ein Stück Wecken, und dies war dann für unsereinen jederzeit ein großer Jubel; denn solches ist der Kinder Sinn, leichtfertig und unbedacht. – Für diesmal aber hörte ich das Gebot des Präpositi ohne sonderliche Teilnahme und erwiderte nur: Es sei schon recht und ich werde mich einstellen. Das that ich denn auch und zog mit dem ganzen Chor zu zwei und zwei nach dem Trauerhause. Wir stellten uns gegen das Deutsche Herrenhaus, gerad' gegenüber dem von Stettenschen Hause. Ich dachte an nichts als an das verreiste Fräulein, und achtete auch weder auf den schwarzen Leichenwagen mit silbernen Wappenschilden, die vom Schimmer der Fackeln glutrot flammten, noch auf das Gewühl und die vielen Kutschen. – Ich sah nur nach oben. Dort war alles düster, und nur ein einzig schwaches Licht brannte hinter den Vorhängen. Da trugen sie den Sarg heraus, auf welchem ein jungfräulicher Myrtenkranz mit versilberten Blüten. Nun fragte ich meinen Nachbar, so obenhin, wer denn so eigentlich verstorben? Das ist die Tochter des Hauses, erwiderte er, das blutjunge gnädige Fräulein. Dann rann mir plötzlich ein eiskalter Schauer durch den Leib, die Sinne vergingen mir, und ich stürzte zur Erde nieder. –

 

Acht Wochen waren seit jener Nacht dahingeschwunden. Daß es so lange gewesen, berichtete mir die Muhme Hollertin – ich hatte aber die Zeit ohne Besinnung gelegen, und in einem hitzigen Nervenfieber auf dem Tode. Der Medicus hatte mich aufgegeben, vermeinte auch nachher, meine Rettung sei mehr ein himmlisches Wunder, denn die Wirkung seiner Kunst und irdischer Heilmittel. –

Ich habe mich in der ersten Zeit nach dem Krankenlager oft und schwer genug gegen den Herrn versündigt, indem ich mit Schmerzen bedauerte, nicht gestorben zu sein, und mit dem Geschick mich zu hadern vermaß, daß es nicht lieber das arme Waisenkind, dessen keiner achte, abgerufen, anstatt des schönen reichen Fräuleins, welches von allen verehrt und geliebet worden. Wolle mir mein Schöpfer diese Lästerung gnädig vergeben!

Es bedarf wohl nit vieler Worte und Redensarten, um meinen damaligen trostlosen Zustand abzuschildern. Ich hatte nun alles verloren, woran mein Herz so recht gehangen, den Vater, die Mutter und das herzlich liebe Fräulein. Wer schon einmal solches Leid erfahren, der weiß, wie einem dabei zu Mute – wem aber der Kelch bisher vorübergegangen, der wird sich doch eben nicht denken können, was ich gelitten. Der Schmerz will aber selber erlebt, sowie die Musika selber gehört werden. Ich siechte noch eine geraume Weile und mochte mich nur langsam wieder erkräften. Mit meinem Singen aber war es zu Ende. Ich hatte die Stimme in der schweren Krankheit eingebüßt, und war sie also mit dem lieben gnädigen Fräulein zu Grabe getragen worden.

Als ich wiederum ausgehen durfte, war mein erster Gang nach dem Gottesacker, auf welchem das selige Fräulein in dem von Stettenschen Gruftgewölbe beigesetzt worden. Es war dieses leicht kenntlich an dem adeligen Wappen, welches über dem Eingang eingemeißelt war, und an der lateinischen Inschrift. Ich hing an das eiserne Gitter, hinter welchem das Liebste, was ich auf der Welt gehabt hatte, den ewigen Schlaf schlief, ein schönes volles Kränzlein, das ich dazu gewunden hatte, sprach ein leises Gebetlein und dachte mit herzinniglicher Wehmut des guten dahingeschiedenen Kindes. Am nächstfolgenden Tage ging ich wiederum auf den Friedhof und vertauschte die gewelkten Blumen mit frischen, und so that ich denn auch an allen folgenden Tagen. Es wurde mir aber dieser Gang und die Stunde, die ich ihm geweiht, zu den liebsten im Laufe des Tages, und der Gram war mir ein gar lieber treuer Gefährte. –

So hatte ich einstmals wiederum mein stilles Totenopfer gebracht und wollte eben heimkehren, als ein alter freundlicher Mann in Livree hinter dem Gewölbe hervortrat, mich beim Arme zurückhielt und mich befragte, was ich hier treibe, und ob ich derjenige sei, welcher die Gruft des seligen Fräuleins zeither mit Blumen geschmückt? – Verwirrt stammelte ich ein Ja hervor. »Ei fürcht' Dich nicht, mein Söhnlein,« sprach der gute Alte, »Du hast ein Werk der Liebe verübt, solches aber lohnt sich allzeit. Jetzt komm' mit mir zu der gnädigen Frau Baronin von Stetten, die begehrt Dich zu sprechen.« – Jetzt erinnerte ich mich seiner auch. Es war der alte Kammerdiener des Hauses, und ich hatte ihn oftmals unter dem Thore gesehen, so wie er es auch jederzeit war, welcher den Chorknaben die Almosen spendete. Schweigend zog ich hinterdrein. Wie ich aber in der Frau von Stetten Haus gelangt und die Treppen erstiegen, wüßt' ich jetzt kaum zu sagen. –

Der Kammerdiener verließ mich im Vorgemach und ging mit leisen Schritten in das Zimmer seiner Herrschaft, kehrte aber doch bald wieder und hieß mich eintreten.

Es war noch niemand anwesend. Das Gemach war prächtiger ausstaffiert, als ich es wohl je hätte erdenken können. Der Fußboden war aus braunen, spiegelglatten Hölzern zusammengefügt, die Wände mit bunten Tapeten bekleidet, auf denen Schäfer ihre Herden weideten oder den Schäferinnen auf der Schalmei vorbliesen; auf dem Kamin standen kleine chinesische Männlein, die den Mund breit zum Lachen verzogen und mit Kopf und Händen wackelten, und noch viel anderes kostbares Gerät von Porzellan; ein funkelnder Kronleuchter hing von der Decke, und in dem großmächtigen Spiegel konnte ich mich in ganzer Gestalt schauen und mit meinem ärmlichen Röcklein, welches unter den vielen Herrlichkeiten nur noch dürftiger erschien.

Da ging die Thür auf, und die gnädige Frau Majorin rauschte im schwarzseidenen Trauerkleide herein, setzte sich auf das vergoldete Kanapee und maß mich, ohne ein Wort zu sagen, von Kopf zu den Füßen mit so scharfen Blicken, daß ich sie kaum ertragen mochte und die Augen verlegen niederschlug. Dann begann sie mit gar ernstem Ton mich zu fragen, wie ich heiße und wer meine Eltern wären? Ich nannte meinen Namen und sagte, wie ich ein armes Waisenkind sei, dessen Vater zu Roßbach den Tod gefunden. Die Erinnerung an ihren seligen Gemahl mochte sie wohl weichmütiger stimmen, denn sie fragte mich mit milderer Stimme, weshalb ich ihrer Tochter Gruft bisher mit Kränzen verziere und woher ich die Selige gekannt? Als ich nun alles dasjenige beichten sollte, was ich mir selber kaum zu gestehen gewagt hatte, und so hart an den Tod des armen Fräuleins gemahnt wurde und dort die Stelle gewahrte, von wo aus sie hinter ihren Blumen und dem kreischenden Papagei sanft wie ein Engel hernieder geschaut hatte, da brach mir das Herz vor Wehmut und ich fing unaufhaltsam an, auf das bitterlichste zu weinen, und vermochte auch kein Wort hervorzubringen.

Die gnädige Frau war eine gar gestrenge stolze Frau, und so mochte ihr denn mein Treiben anfänglich gar befremdlich erscheinen, wie sie denn auch den Kopf gar ernst und nachdenklich schüttelte. Zuletzt mochte sie aber doch erkennen, daß mein Schmerz um den Verlust von Herzen komme, so unerwartet ihr dies auch von einem armen, fremden Buben ankommen mochte; und da gingen ihr auch die Augen über, und sie weinte leise vor sich hin, »Ich will nicht weiter in Ihn dringen,« sprach sie nach einer geraumen Pause, »behalt' Er sein Geheimnis für sich. Er hat es gut gemeint mit meiner seligen Estella, und das will ich ihm nicht vergessen, Johannes. Aber laß Er von diesen Kränzen ab – wird doch ohnehin der Sarg meiner Tochter binnen kurzem nach dem Erbbegräbnis abgeführt. Ich werde mich nach ihm erkundigen, und wenn er sich gut führet, so kann Er auf eine gnädige Gönnerin zählen, Adieu!« Damit reichte sie mir die Hand zum Kusse, und beurlaubte mich gnädigst.

Die Frau Baronin hat aber das gegebene Wort auf das großmütigste bewährt, meiner Armut gar reichliche Hilfe angedeihen lassen, und mir nicht nur ein Stipendium auf der Landes-Universität zu Tübingen, sondern auch später die schöne Stelle an der evangelischen Kirche allhier erwirkt. So oft ich aber der gnädigen Frau meinen allerehrerbietigsten tiefgefühlten Dank habe darbringen wollen, hat sie ihn jederzeit abgelehnt, und gemeint, meine Fürsprecherin sei im Himmel. –

 

Dies ist die schlichte, aber wahre Geschichte meiner Jugendliebe, welches auch meine einzige gewesen. Es hat mich späterhin, als ich zu Amt und Brot gelangt, die Muhme Hollertin verschiedentlich und oft dringend ermahnt, in den Stand der heiligen Ehe zu treten, so wie es auch an ganz annehmlichen Vorschlägen tugend- und ehrsamer Jungfrauen keineswegs ermangelt hat. – Das Bild des seligen Fräuleins Estella aber hat noch keine aus meinem Herzen zu verlöschen vermocht, und so bin ich denn unvermählt geblieben. Wer aber des thörichten Greises spottet, welchen jene kindhafte Liebe bis ans Grab geleitet – der mag wohl der Liebe göttlichen Ursprung und Wesen nur wenig erkannt haben.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.