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Novellen. Dritter Band. Die Maske des Reichthums

Luise Reinhardt: Novellen. Dritter Band. Die Maske des Reichthums - Kapitel 8
Quellenangabe
authorErnst Fritze
titleNovellen. Dritter Band. Die Maske des Reichthums
publisherCarl Rümpler
year1863
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171121
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Siebentes Capitel.
Falsche Fährten.

Herr Victor Bessano führte seinen ausgesprochenen Vorsatz mit so verzweifelter Hast aus, daß seine beiden bestürzt d'rein schauenden Brüder kaum Zeit gewannen, ihre Verwunderung darüber auszusprechen.

Lieutenant Robert ließ es also bei einem spöttischen Lächeln über eine so desperate Bereitwilligkeit bewenden.

Curd aber faßte den Gegenstand von Victor's Aufmerksamkeit etwas schärfer ins Auge. Er erkannte danach sehr bald, daß Frau von Espe allerdings einer Huldigung werth war, wie Victor ihr durch seine rasche That erwies. Er erkannte trotz dieser bleichen, zusammengesunkenen Gestalt die ideale Weiblichkeit, welche der schwer geprüften Frau eine Zierde war. Es bedurfte übrigens der Bitte des scheidenden Bruders nicht, um ihn noch lebhafter für das Wohl derselben zu interessiren. Schon der bloße Gedanke, »eine Freundin Antonien vor sich zu haben,« electrisirte sein ganzes Wesen und schuf einen sorgsamen Freund aus ihm.

Die Schranken der Fremdheit fielen nach dem ersten ruhigen Gespräche, das er mit ihr hatte, und er widmete sich von diesem Momente an mit der liebevollsten Brüderlichkeit ihrer Erheiterung.

Während sich diese Verhältnisse im väterlichen Hause so günstig gestalteten, ritt Victor Bessano, von einem Diener gefolgt, in die dunkle Nacht hinaus.

Der Schnee rieselte fort und fort vom Himmel hernieder und verdeckte die Spuren ihrer Pferdehufe im Augenblicke.

Sorglos um Weg und Steg, überließ sich der junge Mann seinen sehr aufgeregten Gedanken, die ihn zu jenen Tagen zurückführten, wo er, von hochmüthigen Plänen beseelt, durch eine Reise nach Espenberg sein Lebensglück chimärisch begründen zu wollen, sich vorgesetzt hatte.

Jetzt leiteten ihn andere Gründe zu einer Tour dorthin. Ob aber sein Lebensglück nicht sicherer festgestellt werden würde, wenn er, mit dem Knaben Arnold im Arme, zurückkam? Ein schönes, freudiges Vertrauen überwallte sein Gemüth.

Er hatte schon abgeschlossen mit dem Scheinglanze einer zertrümmerten Vergangenheit, ehe er diese Reise antrat, um so heller tauchten die Bilder der Zukunft vor ihm auf, die tröstliche Verheißung eines wahren Glückes entfaltend.

Dann aber lenkte er seine Gedanken von der phantastischen Träumerei ab und wendete sie der drohenden Wirklichkeit zu.

Wenn Graf Valerian als der Räuber des Knaben sich erwies, an welchen er durch Naturbande Rechte hatte, was war da zu thun?

Graf Valerian war Vater des Kindes. Hier lag eine Sanction der Handlung, die er zu rächen ausgezogen war. Freilich, Graf Valerian hatte sich, zeitlicher Vortheile wegen, dieser Rechte entäußert, und ein Gesetz schützte die erworbenen Besitzrechte der beraubten Mutter. Aber blieb er nicht Vater und hatte er nicht eine Entschuldigung für die barbarische Selbsthülfe, die er zur Erfüllung seiner Zwecke angewendet?

Victor's Gemüth begann sich zu theilen bei diesen natürlichen Fragen. Er schwankte. Von seinem Herzen getrieben, blieb er ritterlich auf Fanny's Seite.

Aber sein Geist verlor sich schon in Vergleichungen der angeborenen Rechte und stellte sich kampfbereit für den Vater des Kindes auf, das diesem zwar durch richterlichen Spruch entzogen worden war, wodurch aber keineswegs seine väterlichen Bande gelöset werden konnten.

Die Gehässigkeit der Handlung verlor bedeutend durch eine Zergliederung dieser verschiedenen Rechte und wenn Victor auch noch immer nicht abgeneigt war, das Raubverfahren des Grafen abscheulich zu finden, so milderte sich doch seine feindselige Unruhe und machte versöhnlichen Ansichten Platz.

Um Mitternacht erreichte Victor ein kleines Städtchen. Hier wollte er ruhen, um dann mit der Morgendämmerung, die bekanntlich um die Weihnachtszeit erst mit der achten Glockenstunde beginnt, in Schloß Espenberg einzurücken.

Bis dahin auf einer von Bäumen begrenzten Landstraße fortreitend, war es dem jungen Manne nicht eingefallen, daß der fernere Weg seine Schwierigkeiten haben werde. Er bedachte nicht, daß die Chaussee einige Stunden hinter diesem Städtchen aufhörte und daß er dann in eine Wüstenei von Schnee versetzt werden würde.

Wohlgemuth hüllte er sich, nach einigen Stunden erquickenden Schlafes, wieder in seinen weiten Carbonari, drückte die Pelzmütze tiefer auf die Stirn und bestieg, mit einigen freundlich ermuthigenden Worten gegen seinen treuen Bedienten, abermals sein Pferd.

Neben einander reitend, gemüthlich die Strapazen der Reise durch Plauderei mildernd, machten sie sich wieder auf den Weg. Es war dunkler als vorher. Der Mond, zwar von Schneewolken umhüllt, hatte ihnen früher geleuchtet, war aber am Ende seiner Bahn angelangt, während sie der Ruhe pflegten. Jetzt waren sie auf den Schimmer beschränkt, den die schneebedeckte Landschaft darbot.

Aber dessen ungeachtet ritten sie sorglos weiter. Der Herr wie der Diener glaubten des Weges kundig zu sein.

Ein kalter, scharfer Wind wehte ihnen jetzt entgegen. Der Schnee jagte ihnen ins Gesicht. Fröstelnd wickelten sich beide Reiter fester in die Mäntel und schoben die Mützen tiefer über die Stirn. Sie verstummten nach und nach und überließen es ihren Pferden, den Weg zu finden. Bald endete die Chaussee in einen schmalern Landweg. Dann hörte auch dieser auf und sie fanden sich auf den Instinct ihrer gut dressirten Pferde beschränkt, die rasch vorwärts eilten.

Eine Stunde verfloß nach der andern. Sie passirten an einigen Dörfern vorüber. Dies schien ihnen richtig und sie verschmäheten es, irgend eine lebende Seele um Auskunft zu bitten.

Dann aber hielt plötzlich der Diener an und sagte bedenklich:

»Gnädiger Herr, sind wir wohl auf dem rechten Wege? Sehen Sie – hier ist das Gehege der Espenberger Schonung – wir haben es aber links, während es doch rechts vom Wege liegen müßte!«

Bessano musterte scharfen Blickes das Terrain.

»Allerdings,« entgegnete er besorgt. »Was ist aber zu thun. Laß uns die Straße verfolgen, auf der wir uns befinden!«

Sie ritten weiter. Der Weg wurde schmaler. Er lenkte in ein Gebüsch, das einer jungen Birken-Anpflanzung gleich sahe. Eine Wagenspur ließ sich deutlich unter der Schneedecke erkennen, denn die Pferde traten fehl und stolperten bisweilen.

Sie kamen immer tiefer ins Gestrüpp. Die kleinen Bäume wurden hier schon sichtbar, während vorn Alles vom Schnee begraben lag. Noch eine kleine Weile und sie waren mitten im Walde.

Der Diener wollte umkehren und zurückreiten, um der Spur, die sie hinterlassen, bis dahin folgen zu können, wo sie fehl geritten sein mußten. Victor machte ihn aber darauf aufmerksam, daß diese leichte Spur längst verweht und verschneit sein müsse. Somit blieb ihnen nichts weiter übrig, als immer vorwärts zu reiten.

»Ich fürchte, Herr Bessano,« begann der Diener nach einigen Minuten sehr kleinlaut, »daß wir uns sehr bald am Flusse befinden und dann dennoch gezwungen sein werden, wieder umzukehren! Mir scheint es, als sei dies ein sogenannter Schifferweg, der nur für Karren und kleine Handrollwagen eingerichtet ist!«

»Du magst Recht haben,« entgegnete Victor gütig. »Allein man muß, aus Klugheit, nie auf halbem Wege stehen bleiben. Gelangen wir zum Flusse, so bleibt uns das Umkehren noch immer unbenommen. Sieh' da –«, setzte er schnell hinzu und zeigte mit der Reitgerte rechts hinüber. »Ist da nicht ein Haus?«

Der Diener bejahrte die Frage ziemlich freudig. Ihm gefiel dies pfadlose Umherreiten eben nicht.

Victor ließ seine Uhr repetiren. Es war sieben Uhr.

»Laß uns dies Haus im Auge behalten,« sprach er, rascher reitend. »Da ist der Fluß! Wahrhaftig, wir sind am Flusse, was nun?«

»O, hier geht der Weg weiter!« berichtete der Diener, der vorausgesprengt war. »Er macht eine Schwenkung und scheint auf das Haus zuzuführen.«

Richtig. Noch zwei Minuten und beide Reiter hielten vor der niedrigen Thür des Wildwärterhauses, das ungefähr zweihundert Schritte vom Schlosse entfernt lag, aber vom Walde ganz umhüllt war.

Victor befahl seinem Diener abzusteigen und zu versuchen, ob das Waldhaus bewohnt sei.

Der Diener klopfte leise und anständig an den Laden, der wider Gebrauch der Landleute fest verschlossen war.

Eine kräftige Männerstimme antwortete:

»Ich komme!«

Gleich darauf rasselte der Riegel an der Thür und eine Männergestalt von wahrhaft herkulischem Aeußern wurde sichtbar.

Als dieser Mann, statt der vielleicht sehnlich erwarteten bekannten Persönlichkeit, zwei Reiter vor sich erblickte, prallte er zurück und schien vor Schrecken keines Wortes mächtig zu sein.

»Entschuldigt, guter Freund,« sprach Victor, der einen Wildhüter vor sich zu haben meinte, »wir haben uns verritten und wissen nicht, wo wir sind. Wollt Ihr nicht so gefällig sein und uns sagen, wie wir nach Schloß Espenberg kommen können?«

Der athletische Mann war lauschend etwas vorgetreten. Der Klang dieser Stimme schien ihm bekannt. Er glaubte hinlänglich genug im Schatten zu stehen, um nicht erkannt zu werden.

Aber Victor, an dies Dämmerlicht gewöhnt, bemerkte dennoch etwas, was seine Aufmerksamkeit für einen Augenblick reizte, nämlich ein schönes, männliches Gesicht, mit dichten blonden Locken umrahmt.

Noch ehe er indeß mit sich einig war, wo er solch' Gesicht schon einmal gesehen hatte, erwiederte der Mann mürrisch: »G'radaus!« und schlug die Thür wieder zu.

»G'rad aus?« fragte überrascht von diesem Manöver der Diener, indem er wieder zu Roß stieg. «Dann wären wir ja über Espenberg hinaus gewesen?«

»Versuchen wir unser Heil,« entgegnete Victor, die Grobheit des Wildhüters belächelnd.

Sie ritten also »g'rad aus« und befanden sich richtig in wenigen Augenblicken auf einem lichten Raume, von wo aus sie das Schloß in seiner ganzen alterthümlichen Schönheit vor sich liegen sahen.

Da sie von hinten heran gekommen waren und das Hinterpförtchen zum Parke nicht kannten, so mußten sie die Mauern des Schlosses umreiten.

Sie kamen gerade im Schloßhofe an, als Görrink, das Factotum des Hauses, mit einem Körbchen am Arme, im Portale erschien und nach dem Hintergrunde des Hofes zu gehen Miene machte.

Erstaunt blieb er stehen, als die beiden Reiter im Hofe erschienen. Schnell setzte er seinen Korb bei Seite. Seine verdächtige Hast machte ihn ungeschickt. Der Korb kippte, er fiel um und ein Strom von duftig riechendem Kaffee floß über den weißen Schnee hinweg.

Victor sah es, noch ehe Görrink es gewahr wurde.

»Guten Morgen, Görrink,« rief er heiter. »Der Schreck über unsre Ankunft hat Ihnen Ihr Frühstück gekostet! Sehen Sie sich um!«

Görrink zuckte die Achseln.

»Was macht der Graf?« fuhr Victor fort. »Wann steht er auf? Ich muß ihn schleunigst sprechen!«

»Das wird kaum möglich sein, Herr Bessano – – der Graf liegt hoffnungslos darnieder – seit zwei Tagen erwarten wir stündlich seinen Tod!« entgegnete Görrink bewegt, ob mit erheuchelter oder mit wahrhafter Trauer, das blieb ungewiß.

Erschrocken schwang sich Victor vom Pferde. Das hatte er nicht erwartet.

»Görrink – ist das Ihr Ernst?« forschte er mißtrauisch.

»Leider!« sagte der Jäger, senkte aber schnell das Auge, als Bessano ihn darauf so fest anblickte, als wolle er in die Tiefen seiner Seele blicken.

»So müssen Sie mir Rede stehen!« sprach der junge Mann entschlossen. »Weisen Sie mir ein Zimmer an und lassen Sie meinen Pferden eine gute Verpflegung angedeihen. Ich muß noch heute wieder zurück und die Pferde haben tüchtig herangemußt.«

Görrink gab einem Knechte kurze Befehle und bat dann den jungen Herrn, dessen gebieterisches Wesen ihm sichtlich imponirte und Unbehagen einflößte, ihm zu folgen. Er ergriff dabei hastig den umgefallenen Korb und schritt, Victor's Blick vermeidend, eilig vor ihm her.

Görrink's Benehmen zeigte zu sichtlich Spuren einer großen Befangenheit, als daß dies dem geübten Auge des jungen Juristen hätte entgehen können. Er schob diese Symptome auf ein böses Gewissen, und beschloß, einen Angriff auf den Diener zu machen, da der Graf seiner Inquisition entzogen war.

Kaum hatte er sich also seines Mantels entledigt und sich dem schon geheizten Ofen, dem Görrink noch einige Holzstücke spendete, genähert, als er sein Inquisitionsverfahren mit der unschuldigsten Frage eröffnete:

»Ist der Graf bei Besinnung oder liegt er lethargisch darnieder?«

»Nein. Er ist völlig bei Besinnung!« war Görrink's leise, ängstliche Antwort.

»Hat er testamentarische Bestimmungen getroffen, die das Schicksal seiner Töchter sichern?«

Görrink sah scheu von der Seite auf.

»Nein! Er kann ja nichts vermachen, denk' ich! Die Güter sind Majoratserbe!«

»Er hat aber einen Majoratserben eingeschoben –,« sagte Victor gleichgültig.

Görrink fuhr zurück und sah frappirt zu ihm auf.

»Das sollten Sie doch wissen!« sprach Victor lächelnd.

»Ich weiß nichts,« stammelte der Jäger. »Ich weiß gar nichts!«

Victor trat drohenden Blickes dicht vor ihn hin.

»Wie? Sie sollten nicht wissen, daß der Sohn des Grafen aus erster Ehe geraubt wurde? – Sie sollten nicht wissen, daß eine unglückliche Mutter diesem Kinde wochenlang nachgeweint hat, weil man zur Deckung der schändlichen That die Mütze und das Spielwerk des Knaben an den Rand des Stromes warf, damit es scheine, als sei dieser Knabe ertrunken? Wie, Sie wollen dies ableugnen? Sie, der die Hand dazu hat bieten müssen, um dies Bubenstück zu vollführen?«

»Herr Bessano –« schrie der Jäger, bis ins Innerste erschreckt. »Nein – davon weiß ich nichts, wenn ich auch nicht leugnen will …« Er stockte und sammelte sich. »Nein, nein! Ich weiß nichts, gar nichts! Beweisen Sie mir die That! Ich weiß nichts!«

»Mann – bedenken Sie, daß ein höherer Richter Ihre Handlungen wägt,« ermahnte ihn Victor, der sehr gut bemerkte, daß Görrink erschüttert war. »Denken Sie an die Qualen der armen Mutter – einer Mutter, die Ihnen fluchen wird im Uebermaße ihres Schmerzes. – Sagen Sie mir, wo ich den Knaben finde – es soll Alles unenthüllt bleiben, was geschehen ist. Ihre Schuld an diesem Kinderraube soll vergeben werden, nur sagen Sie mir, wo er ist, den ich suche, den ich suchen werde und sollte ich das ganze Land aufbieten, um ihn seiner Mutter zurückzubringen! Was nützt Ihnen Ihr Leugnen, Görrink? Wenn der Graf stirbt, so enthüllt sich das schändliche Gewebe Ihrer Intrigue und Sie verfallen ohne Gnade der heiligen Justiz, die ihre Hand schon ausgestreckt hält!«

Der Jäger zitterte vor innerer Aufregung. Er war immerfort in der festen Meinung, Victor spiele auf sein Complot mit dem rechtmäßigen Majoratserben Eberhard v. Espe an und da dieser Herr, in ungeduldiger Erwartung des unausbleiblichen Todes, der ihn in seine Rechte setzen mußte, seit zwei Tagen wieder angelangt, und im Waldhüterhause einlogirt war, so fürchtete er eine Entdeckung, die ihn bei seinem noch lebenden Gebieter in Mißcredit bringen mußte.

»Bei Gott – ich weiß nichts von dem Knaben –,« stammelte er ganz fassungslos.

»Lügen Sie nicht!« donnerte ihn Victor an. »Die Sünde steht Ihnen auf dem Gesichte, und Sie wollen mir weismachen, Sie wüßten von nichts? Wo ist der Knabe? Ist er hier im Schlosse?«

Görrink riß seine Augen weit auf. »Hier – im Schlosse?« wiederholte er entsetzt.

»Ja – hier im Schlosse –,« antwortete Victor sehr bestimmt. »Meine Maßregeln werden bald herausstellen, wo der geraubte Knabe ist und dann möge Ihnen Gott gnädig sein!«

In diesem Augenblicke ertönte eine helle, weithin schallende Klingel.

»Der Herr Graf!« sagte Görrink eilig, sichtlich froh, dieser Unterredung ferner überhoben zu sein. »Soll ich ihm sagen, daß Sie hier sind?«

»Das versteht sich,« entgegnete der junge Herr lakonisch und warf sich, ärgerlich über die Nutzlosigkeit seiner inquisitorischen Anstrengung, auf den Divan nieder.

Görrink verließ das Zimmer, um sich nach den Befehlen seines Gebieters zu erkundigen.

Er fand ihn weit belebter, als in den letzten zwei Tagen und zu seiner stillen Verwunderung nahm er die Nachricht von dem Eintreffen des Herrn Justiz-Assessors Bessano mit lauter Freude auf.

Ein ahnungsvoller Schrecken überfiel den Jäger jedoch, als Graf Valerian ohne Weiteres erklärte, »aufstehen und Herrn Bessano im Familienzimmer empfangen zu wollen.«

Ohne ein Wort dagegen einzuwenden, mit voller Resignation den Zusammensturz aller geheimen Pläne, die ihn mit Herrn Eberhard verbanden, erwartend, rief Görrink einen Diener herbei und machte sich daran, mit dessen Hülfe den schwierigen Act des Ankleidens zu vollführen.

Als dies Geschäft so weit gediehen war, daß seine weitere Hülfe entbehrt werden konnte, sprang er in wilder Eile die Treppen des Portals hinab und schlüpfte, wie ein fliegender Schatten, durch das Pförtchen, welches zum Parke führte.

In großen Sätzen durch den tiefen Schnee watend, langte Görrink athemlos am Wärterhause an und klopfte, in derselben Weise wie Bessano's Diener, leise und anständig an den fest geschlossenen Laden.

Der Bewohner des Häuschens, schon einmal getäuscht und zu Unvorsichtigkeiten verführt, zögerte zu antworten. Görrink klopfte eilig nochmals und rief zwischen die Spalten:

»Schnell – schnell – um Gotteswillen!«

Flugs öffnete sich die Thür. Herr Eberhard in seiner athletischen Stattlichkeit wurde sichtbar und Görrink stürzte, ihn gewaltsam zurückdrängend, in das dunkle Haus, es sogleich mit dem Riegel versperrend.

»Ist er todt?« fragte Eberhard von Espe mit dumpfer Stimme.

»Nein, gnädiger Herr! Nein, noch lebt er! Aber der Teufel ist los im Schlosse!« stöhnte der Jäger.

»Hat man mich entdeckt?« fuhr Eberhard auf. »Die beiden Reiter. Es war Herr Bessano!«

Als Görrink ihn sehr verwundert ansah, fügte er erläuternd hinzu:

»Sie waren fehl geritten und kamen hier vorbei.«

»Und haben Sie gesehen?« fiel der Jäger heftig ein. »Nun ist mir Alles klar! Gnädiger Herr, ich habe Ihnen redlich gedient, weil, nach meinem einfachen Verstande, das Recht auf Ihrer Seite war, allein zu Verbrechen, zu Raub und Mord biete ich meine Hand nicht, das erkläre ich Ihnen hiermit.«

»Zu Raub? Zu Mord?« grollte Herr Eberhard.

Die Dunkelheit im Hausraume, wo sie Beide standen, verhinderte, daß Görrink gewahr werden konnte, wie bleich der starke Mann wurde.

»Ja, gnädiger Herr,« fuhr Görrink freimüthig fort. »Man ist einem Verbrechen auf die Spur gekommen. Man sucht einen Sohn des Grafen Valerian aus erster Ehe. Dieser Knabe ist entweder ins Wasser gestoßen, um ihn aus der Welt zu schaffen, oder ist geraubt, um die Pläne des Grafen möglich zu machen. Gnädiger Herr, man hat mich in Verdacht – großer Gott, Du weißt, daß ich unschuldig an dieser That bin – aber mich erschütterte der Bericht von den Qualen der armen Mutter – einer Mutter, gnädiger Herr, die mir fluchen wird.«

»Einer Mutter?« murmelte Eberhard mit ersticktem Tone. »Einer Mutter?«

»Ja, einer armen, verzweiflungsvollen Mutter, die Dem fluchen wird, der ihr Kind entführt und sie dem Jammer überantwortet hat, es als todt zu beweinen. Gnädiger Herr, ich beschwöre Sie um Wahrheit! Gnädiger Herr, die letzten Worte meiner seligen Mutter auf ihrem Sterbebette waren: ›Thue nie etwas, worüber eine Mutter Dir fluchen kann, denn Dein Vater und Deine Mutter sind das Opfer eines solchen Fluches geworden.‹«

»Aberwitziger Narr,« unterbrach ihn Herr Eberhard ärgerlich. »Was geht mich denn Ihr Weibergewäsch an?«

»O, gnädiger Herr, es geht Sie wohl an! Erbarmen Sie sich der armen Frau v. Espe, die trostlos ist.«

Eberhard faßte ihn hart an die Schulter.

»Nicht ein Wort weiter!« murmelte er mit gedämpftem Tone. »Was denken Sie, Görrink?

»Was ich denke?« fragte der Jäger, freimüthig seine Stimme erhebend. »Ich habe gestern früh, als ich das Frühstück brachte, eine Kinderstimme in diesem öden Verstecke gehört!«

Eberhard lachte wild auf. »Alberner Mensch! Ist das etwa ein Pröbchen Ihrer gerühmten Anhänglichkeit an einen verstoßenen und von Gott verlassenen Menschen, wie ich bin? Gehen Sie! Sie sind nicht besser, als alle Anderen!«

»Ja ich bin besser, gnädiger Herr, trotzdem ich für Sie gestohlen und betrogen habe!« rief Görrink fast begeistert. »Aber ich habe meiner Mutter damals geschworen, niemals den Fluch einer Mutter zu riskiren – und ich werde diesen Schwur halten! Entweder Sie liefern der Frau von Espe ihren Knaben aus oder –«

»Sie sind verrückt!« unterbrach ihn Eberhard sehr kalt und sehr entschieden. »Wenn Sie Ihrer Dienste für mich überdrüssig sind, so gebraucht es keiner Beleidigung, um mich davon zu unterrichten. Gehen Sie! Fort mit Ihnen! Der Tod des Grafen mag erfolgen, wann er will, ich werde mich ferner nicht mehr zu dieser demüthigen Rolle eines Spähers erniedrigen. Unsere Verbindung ist gelöst! Was Sie mir Gutes geleistet haben, werde ich großmüthig vergelten, wenn der Tag erscheint, wo ich Herr in jenen Mauern bin! Adieu!«

Er öffnete die Thür, um Görrink hinauszulassen. Dieser zögerte. Er liebte den verlassenen, vom Schicksal hohnvoll umhergeworfenen Mann.

»Sie wollen wieder fort?« sprach er einlenkend, sehr sanft.

»Ja. Meines Bleibens kann hier nicht länger sein, wenn das Mißtrauen erwacht ist!«

»Wohin soll ich Ihnen Nachricht senden?«

»Nirgends. Ich werde geduldig meines Schicksals warten. Ihrer Zusagen entbinde ich Sie hiermit. Was weiter geschieht, mag dem Zufall oder der Vorsehung überlassen bleiben. Hätte ich immer so gedacht, mir wäre besser zu Muthe, als eben jetzt. Aber des Menschen Sinn wird ruchlos, wenn er, von Noth getrieben, einen Kampf mit des Lebens Widerwärtigkeiten beginnt,« schloß Herr Eberhard mit sonderbar bewegtem Tone.

Görrink blickte in sein Gesicht, das von dem Streiflichte der halb geöffneten Thür erleuchtet war. Die tiefe Niedergeschlagenheit in den kräftigen männlichen Zügen that ihm außerordentlich wehe.

»Gnädiger Herr, verzeihen Sie mir, wenn ich Sie im Irrthume beleidigte,« sprach er bittend. »Entlassen Sie mich nicht im Zorne – ich konnte nicht anders, ich mußte Ihnen Das sagen, was mich mit abergläubischem Schrecken erfüllte.«

Ein bitteres Lächeln war Eberhard's Antwort.

»Urtheilen Sie nicht zu hart über diesen Aberglauben!« fuhr Görrink fort. »Mein Vater hat einen Wilddieb und Schmuggler dieser Gegend in verzweifelter Gegenwehr tödtlich verwundet. Als dieser an seinen Wunden starb, fluchte die Mutter desselben, welche ihr einziges Kind in ihm begrub, unserer Familie auf das Grausamste. Was geschah, mein gnädiger Herr? Die ersten Opfer der fürchterlichen Cholera-Epidemie im Jahre 1830 waren meine Eltern. Sie ruhen dicht neben dem Menschen, um dessentwillen sie verflucht wurden!«

»Lächerlicher Wahnwitz!« murmelte Eberhard. »Wer an solche Dinge glaubt, ist zu bedauern.«

»O glauben Sie daran, glauben Sie daran! Die Thränen einer Mutter sieht Gott.«

»Genug davon. Gehen Sie! Ich zürne Ihnen nicht! Hoffentlich wird ein Tag erscheinen, an dem wir Abrechnung halten können!«

Görrink ging. Seine Worte aber: »Die Thränen einer Mutter sieht Gott,« wiederhallten wohl noch lange in Herrn Eberhard's Herzen.

Görrink eilte eben so behende ins Schloß zurück, wie er es verlassen hatte. Schattengleich schlüpfte er hinein. Niemand hatte ihn gesehen – Niemand hatte ihn vermißt.

Er verfügte sich alsbald in das Zimmer, wo er Herrn Bessano einquartiert hatte.

Victor lag zurückgelehnt im Divan und schlummerte. Die nächtliche Reise schien ihn mehr erschöpft zu haben, wie er selbst wußte, denn er schlief so fest, daß selbst das geschäftige Treiben des Jägers, der ihm ein warmes, duftendes Frühstück servirte, ihn nicht aufstörte.

Erst als Görrink sein Zimmer wieder verlassen hatte, fuhr er aus einem wüsten Traume empor und trat gleich darauf instinktmäßig ans Fenster.

Nachdenklich, den Kopf noch von Traumgebilden erfüllt, die ihn nachträglich beschäftigten, blickte er über das Schneegefilde hinweg. Das Gemach, wo er sich befand, lag etwas hoch und in dem südlichen Thurm-Erker, von wo man die Aussicht über den Fluß hinweg hatte. Der Park mit dem Wärterhause breitete sich vor seinen Augen aus und er konnte das ganze Terrain bis zum Flusse überschauen.

Indem er seine Augen darüber hinschweifen ließ, wurde ihm klar, welchen Weg er in dem nächtlichen Dunkel verfolgt hatte. Das Schneegestöber ließ allmächtig nach, während er dastand. Die Gegend trat heller hervor, und angezogen von dem Schauspiele, das sich nach und nach aus dem Schneeschleier entwickelte, verweilte er am Fenster, bis sich endlich ein Gegenstand zeigte, der sein Interesse im höchsten Grade erregte.

Er sah plötzlich zwischen den entlaubten Bäumen, grell gegen den Schnee sich abzeichnend, einen Mann daher schreiten, eingehüllt in einen Mantel, unter dem er etwas verborgen trug. Der Pfad, welchen er eingeschlagen hatte, führte gerade durch die Parkanlagen und mündete jedenfalls in der Nähe des Schlosses, dicht unter dem Fenster aus, wo Victor stand und mit einiger Spannung der männlichen Gestalt entgegensah, in welcher er den Wildhüter zu erkennen glaubte. Schon war dieser Mann dem Schlosse ziemlich nahe, schon spannte Victor seine ganze Sehkraft an, um zu ergründen, was der Mann eigentlich trage, als dieser stillstand, mit raschem Blicke das Schloß musterte, den Lauscher im Thurm-Erker gewahrte und blitzschnell eine Schwenkung machte, die ihn zur Seite des Schlosses brachte, wo er diesen Späherblicken außer Sicht war. kommen war, ungerufen im Schlosse zu erscheinen, das war dem Jäger ein Räthsel gewesen und er sah der Aufklärung des bedrohlichen Umstandes mit Zagen entgegen.

»Der hatte ein Reh im Mantel,« murmelte Victor. »Ein hübscher Bursche, der, statt die Rehe zu hüten, sie zu seinem Nutzen fortschmuggelt.«

Victor trat jetzt vom Fenster zurück und machte sich an sein Frühstück.

Gleich darauf klopfte es an seine Thür und ein Diener brachte ihm die Meldung, daß Graf Valerian seiner warte.

Victor beeilte sich, diesem Verlangen Folge zu leisten. Er begab sich unverzüglich ins Familienzimmer, wo der Graf seiner harrte und wurde von diesem mit dem freudigen Zurufe begrüßt:

»Endlich! Endlich! Bald hätten Sie mich nicht mehr am Leben getroffen!«

In der That, Victor mußte sich zugestehen, daß des Grafen Aussehen diesen Worten entsprach. Bleich, wie ein Todter, abgezehrt bis zum Skelette, mit ergrauten Haaren und erloschenen Augen saß er in einem Fauteuil, umpackt von Polstern und Kissen, kaum einem lebenden Menschen mehr gleich.

Aber wie er die Anrede: »Endlich! Endlich!« deuten sollte, das blieb ihm denn doch unerklärlich und mußte ihn bei seiner vorgefaßten Meinung doppelt und dreifach überraschen.

»Haben Sie mich erwartet, Herr Graf?« fragte er, seiner stillen Verwunderung Worte gebend, nachdem er die Hand des Kranken wehmüthig geschüttelt und gedrückt hatte.

»Nun?« entgegnete Graf Valerian ebenfalls in verwundertem Tone. »Ich dachte, mein Wunsch, Sie bei mir zu sehen, hätte gar nicht deutlicher ausgesprochen werden können, als daß ich sagte: ›Jeden Tag solle ein durchwärmtes Zimmer für Sie bereit sein!‹ Sie sehen mich erstaunt an? Haben Sie denn meinen Brief nicht erhalten?«

Victor mußte die Frage verneinen.

Der Graf klingelte hastig.

Görrink erschien.

»Ist der Brief, den ich vor acht Tagen an Herrn Bessano geschrieben habe, nicht zur Post besorgt?«

»Ja wohl,« antwortete der Jäger kurz und ernst, obwohl ihm das Herz mächtig pochte, denn er hatte den Brief nicht an Herrn Bessano, sondern direct an Herrn Eberhard v. Espe couvertirt, weil er nicht wußte, wie er sich verhalten sollte. Dieser Brief hatte die Ankunft Eberhard's veranlaßt. Wie Bessano dazu gekommen war, ungerufen im Schlosse zu erscheinen, das war dem Jäger ein Räthsel gewesen und er sah der Aufklärung des bedrohlichen Umstandes mit Zagen entgegen.

»So ist der Brief aus Fahrlässigkeit in der Post-Expedition liegen geblieben!« sagte der Graf ärgerlich. »Sie werden ihn wahrscheinlich nachträglich erhalten, mein Freund. Ich glaubte Sie in Folge desselben bei mir zu sehen. – Um so besser, daß Sie da sind und ich wiederhole Ihnen meinen Gruß auf das Herzlichste!«

Görrink entfernte sich geräuschlos. Victor sah ihn dessen ungeachtet verschwinden.

»Sind Sie seiner sicher,« fragte er, mit der Hand hinterher deutend.

»Wie Gold! Wie pures Gold!« rief Graf Valerian. »Ein gemüthlicher, ehrlicher, braver Bursche und dabei gewandt und klug, als hätte er studirt. Sie scheinen etwas gegen ihn zu haben, Bessano? Wahrhaftig, er verdient Ihr Mißtrauen nicht! Aber kommen wir zum Zweck, bester Freund. Ich habe eine Bitte – eine dringende Bitte an Sie!«

»Sie wissen, Herr Graf, daß Sie über mich zu befehlen haben,« entgegnete Bessano schnell.

»Unser Project mit dem Majoratserben ist also gänzlich fehlgeschlagen,« meinte der Graf, wie es schien, etwas zerstreut.

Victor faßte ihn scharf ins Auge, als er erwiederte:

»Ja wohl, gänzlich, – denn der kleine Arnold v. Espe ist todt!«

Gleich darauf that ihm seine Härte leid, denn Graf Valerian richtete sich, hoch aufhorchend, rasch in die Höhe und starrte ihn geisterhaft an.

»Was sagten Sie? Ich habe wohl nicht recht verstanden,« stammelte er. »Fanny's Sohn – todt!«

»Oder geraubt – entführt,« – warf Victor, ihn immerfort fixirend, hin.

»Was soll das heißen? Wollen Sie sich einen thörichten Scherz mit mir erlauben? Wer sollte wohl dies Kind geraubt haben? Wozu sollte es wohl entführt sein?«

Victor begriff allmälig seinen Mißgriff. Offen und ehrlich heftete der Kranke sein Auge auf ihn, während er in einer Mischung von Gefühl und Entrüstung diese Worte hervorstieß. Es lag aber in der Natur der Sache, daß ihn diese Erkenntniß nicht freuen konnte.

Tief aufseufzend sagte er:

»Wenn Sie diese Fragen im Ernste thun, Herr Graf, so ist das eine Todeserklärung für den kleinen wackern Burschen. Dann ist er ertrunken im Strome!«

Graf Valerian zuckte sichtlich zusammen.

Eine lange Pause folgte, worin Jeder seinen Gedanken nachhing, die sich, vielleicht auf verschiedenen Wegen, in demselben Gegenstande, bei der Mutter des kleinen Arnold, vereinigten.

»Verstand ich Sie recht, junger Mann,« begann der Graf Valerian wieder, »hatten Sie mich im Verdachte, den Kleinen geraubt oder entführt zu haben?«

»Sie brauchten einen Erben, Herr Graf,« entschuldigte sich Victor.

»Und Fanny hält mich auch dieser Schandthat fähig, die ihr gewiß ein schweres Herzeleid verursacht?«

Victor zuckte nur leicht mit den Achseln.

»Das wäre also die irdische Strafe meines Lebenswandels, daß man mich ohne Weiteres am Rande eines Verbrechens sucht!« rief Graf Valerian mit bitterm Lachen. »Möge nur die Sünde des Vaters nicht bis ins dritte und vierte Glied dringen! Meine armen, kleinen Mädchen!«

Er versank wieder in trübes Sinnen. Dann erhob er die Stirn. Seine glanzlosen, tief liegenden Augen erhielten Feuer und Leben.

»Ich habe daran gedacht, Bessano, und es ist mir jetzt, am Rande des Grabes, schwer auf's Herz gefallen, daß ich meinen Töchtern einen vom Leichtsinne gebrandmarkten Namen hinterlasse. Ich habe daran gedacht und habe darüber gegrübelt, wie die kleinen Puppen durch eine strenge Erziehung veredelt werden könnten, damit das angeborene Element des Herzensleichtsinnes nicht vergiftend wirke. Als mir von meinem Doctor, auf ernstes Befragen, die Eröffnung gemacht wurde, ›meine Tage seien gezählt‹, da schrieb ich an Sie, Bessano! Ich schrieb Ihnen, daß ich mit Ihnen zu reden hätte, daß ich Sie tagtäglich erwarten wolle. Ich habe ein wunderbares Vertrauen zu Ihnen, junger Mann, – von dem Augenblicke an, wo Sie die Maske des Reichthums abwarfen und mir mit Freimuth Ihre wirkliche Lage schilderten, von diesem Augenblicke an liebte ich Sie!«

Victor neigte sich ergriffen auf die blasse Stirn des Kranken und küßte sie.

Ein seelenvoller Blick lohnte ihm, und die Hände auf des jungen Mannes Schultern legend, fragte der Graf:

»Wollen Sie der Vormund meiner kleinen Mädchen werden? Wollen Sie die Erziehung derselben leiten? Wollen Sie das kleine Vermögen, das wir den Püppchen erspart haben, verwalten? Wie? Wollen Sie, mein lieber Bessano?«

»Ja! Ich will!« entgegnete Victor voll Begeisterung. »Ich schwöre Ihnen, das Wohl Ihrer Kinder wie mein eignes zu überwachen! Ich will ihnen Vater, Freund und Bruder sein. Ein Vater, so lange ihre Erziehung es heischt; ein Freund und Bruder in allen Lebensverhältnissen, wo sie Rath und Stütze gebrauchen!«

»Dann kann ich zufrieden und beruhigt sterben,« antwortete der Graf mit Heiterkeit. »Meine kleinen Puppen werden besser gedeihen unter Ihrer Leitung als unter der meinigen. Nun will ich in den nächsten Tagen mein Testament gültig machen lassen; aufgesetzt ist es längst. Der Pavian Eberhard von Espe, dieser Judenschwiegersohn, dieser Erzgauner und Wucherer, dieser Pharisäer und Orangutang erster Classe, mag nun das Erbe hinnehmen. Er wird gewiß schon auf der Lauer sitzen und wenn ich die Augen zugemacht habe auf ewig, wie ein wilder Jäger daher fahren, um Besitz zu ergreifen von dem, was ihm Gottes Ungerechtigkeit hat zukommen lassen.«

Der kranke Mann lachte aus Leibeskräften über die Standrede, die er Herrn von Espe hielt.

»Sie müssen wissen, Bessano,« schloß er, »daß unsere gegenseitige Feindseligkeit, nämlich zwischen der ganzen Espe'schen Sippschaft und diesem Eberhard Espe, von der Cadettenschule herstammt. Dort war er der Fleißigste aus Eigennutz, der Gefälligste gegen die Lehrer aus Eigennutz, der Vernünftigste aus Eigennutz, genug er trieb mit seinen Tugenden Wucher und brachte uns anderen Espe's dadurch in Mißcredit. Wir vergalten ihm aber seine Selbstsucht. Wir schwärzten ihn nach vollständigem System an, was denn zur Folge hatte, daß er weggejagt wurde!«

Er lachte abermals mit dem Leichtsinn seiner frühern Zeit.

»Vielleicht ist Gott nicht ganz ungerecht, Graf,« wendete Victor, etwas bedenklich durch diese Erzählung gemacht, ein. »Wer weiß, ob Sie dem armen Schelm nicht Unrecht gethan haben!«

»Möglich!« rief Graf Valerian sehr gleichmüthig. »Warum fällt es solchem Pavian ein, gegen ein Corps großer Verwandten zu agiren. Der Monsieur war wenigstens sieben Jahre jünger als wir und der ärmste von der ganzen Sippe. Lassen wir jedoch alte Geschichten ruhen, Bessano, und sagen Sie mir, wie lange Sie hier bleiben können.«

Victor nahm seine Uhr hervor.

»Nicht länger als eine Stunde!« erklärte er.

Der Graf machte eine abwehrende Bewegung.

»Daraus wird nichts!« war seine entschiedene Gegenrede. »Sie bleiben Weihnacht über hier und lernen meine Kleinen kennen.«

»Nein! Nicht um Millionen möchte ich ein verzweifelndes, von Hoffnung und Furcht durchwühltes Mutterherz auf eine bestimmte Nachricht, und sei sie auch noch so trübe, warten lassen. Frau von Espe liegt elend und bis aufs Höchste bekümmert in der Residenz darnieder. Sie wollte den Weg zu Ihnen unternehmen, um Gewißheit über das Schicksal ihres Sohnes zu haben. Ich bin statt ihrer gegangen und werde meiner Pflicht nachkommen, die mich zurückruft.«

Graf Valerian hatte regungslos zugehört.

»Reisen Sie, wann Sie wollen, junger Freund,« sagte er merkwürdig umgestimmt. »Ich kann mir denken, wie wild die Trauer Fanny's ist, denn ich kenne ihre leidenschaftliche Natur. Sagen Sie ihr, daß ich solcher Streiche denn doch nicht fähig sei, die ihr Dasein noch mehr vergiftet haben würden, als meine Untreue. Ich bin mein Lebtag ein Taugenichts gewesen, das räume ich ein, aber einer Mutter ihr Kind rauben, das kann nur der, welcher selbst nie Vater gewesen ist. Reisen Sie, Bessano. Trösten Sie die arme Fanny und dann kommen Sie wieder, damit mein Nachfolger Eberhard den Beschützer meiner Püppchen vorfindet und sie nicht hartherzig aus den Mauern vertreibt, worin ihre Vorfahren gewaltet haben. Wir verabreden bei Ihrer Wiederkehr, wie Alles nach meinem Tode gehalten werden soll. Am liebsten wäre es mir, wenn Sie sich entschließen könnten, in Ihrem Vaterhause wohnen zu bleiben, wenn meine Mädchen es als ihr Eigenthum, ihr einziges Besitzthum,« schaltete er wehmüthig ein, »beziehen müssen. Doch, wie gesagt, wir sprechen mehr darüber, wenn Sie wiederkommen!«

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