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Novellen. Dritter Band. Die Maske des Reichthums

Luise Reinhardt: Novellen. Dritter Band. Die Maske des Reichthums - Kapitel 7
Quellenangabe
authorErnst Fritze
titleNovellen. Dritter Band. Die Maske des Reichthums
publisherCarl Rümpler
year1863
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171121
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Sechstes Capitel.
Rasche Entschlüsse.

Der Gemüthszustand, in welchem Antonie Guhrau das Haus ihres väterlichen Freundes, des Doctors Harrach, verlassen hatte, war nicht beneidenswerth.

Die bittere Erfahrung hatte sie zu unerwartet ereilt. Was an trügerischen Phantasiegemälden in ihrer jungen Seele gewogt hatte, das zertrümmerte in einem einzigen Augenblicke. Es war eine harte Probe ihrer Herzensgüte. Sie bestand diese Probe, denn die Güte ihres Herzens litt nicht darunter.

Vielmehr war sie bereit, ihre Träume in Rücksicht auf die Neigung des jungen Bessano als voreilig zu betrachten und Gott zu danken, daß sie, durch jene verrätherischen Momente zwischen Bella und Curd, von ihrer Einbildung geheilt sei.

Ihre Stimmung war schon am zweiten Tage ihrer Reise nur noch sanft traurig.

Sie sehnte sich am Herzen ihrer Freundin Fanny von Espe zu liegen, die reifer an Jahren, reifer an Erfahrung und jetzt vom eigenen Schmerz gebeugt, die richtige Werthschätzung ihrer Herzenstrauer zeigen würde.

Bevor Antonie nach Peberg, wo sie ein hübsches Landhaus besaß, fuhr, ließ sie am Park von Peerau halten und schlüpfte allein durch den öden, von raschelndem Laube bedeckten Weg, denselben, welchen Victor Bessano vor wenigen Tagen durchschritten hatte, aufs Schloß, während Bella im Wagen langsam durchs Dorf und von dort in den Schloßhof fuhr.

Antonie öffnete schwer athmend das Gitterthor und betrat, noch schwerer athmend die todtenstille Vorhalle des Schlosses.

Kein Bedienter empfing sie. Alles wie ausgestorben! Selbst die ewig bewegliche Bonne, Mademoiselle Brun, war nicht zu hören und zu sehen.

Leise öffnete Antonie die Thür zum Vorzimmer. Sie wußte Bescheid und war hier gewissermaßen zu Haus. Alles still – Alles leer!

Antonie ging rasch weiter. Die Thür des zweiten Zimmers war nur angelehnt.

Indem sie dieselbe zurückwarf, richtete sich rasch eine ganz zusammengekauerte Gestalt im Fenstersessel auf und rief mit unheimlich heiserm Tone: »Habt Ihr die Leiche gefunden? Wo? Wo? … Antonie!« schrie dann dieselbe Stimme, sich selbst unterbrechend.

Es war Fanny – die arme, arme Mutter, wie Victor sie ganz richtig genannt hatte.

Die Freundinnen hielten sich umschlungen, zitternd vor innerer Bewegung.

Dann bog sich Antonie zurück und blickte in das bleiche, zerstörte Gesicht der jungen Frau.

Welche Verheerung hatte der Schmerz und der Gram hier angerichtet! Wo war das zuversichtliche Lächeln, der feste vertrauensvolle Blick des Auges geblieben?

Irr' fingen die Augen von einem Gegenstande zum andern, immer bereit, etwas zu finden, was sie seit Tagen so schmerzlich suchte. Stundenlang war die junge Frau am Strande entlang gelaufen, ihre Blicke in die Wellen senkend, um dem tückischen Elemente wenigstens die liebliche Gestalt ihres Knaben zu entreißen. Daher dieser suchende Blick, diese flackernde Gluth der aufleuchtenden Hoffnung wechselnd mit trostloser Trauer.

»Kannst Du es fassen, Antonie?« flüsterte Frau von Espe. »Kannst Du Gottes Fügung begreifen? Warum gab er mir meinen Arnold? Warum nimmt er ihn mir?«

Die Eintönigkeit, womit sie diese Fragen hervorstieß, wirkte fürchterlicher, als der leidenschaftlichste Pathos hätte wirken können. Antonie fühlte einen Schmerz, den sie mit nichts vergleichen konnte, was sie bis dahin empfunden hatte, obwohl sie einen Vater und eine Mutter hatte sterben sehen. Es war der Zweifel an Gottes Güte und Barmherzigkeit, der sie so tief ergriff und so schmerzlich beugte.

Sie fand auf Fanny's Fragen keine Erwiederung, sondern preßte nur von Neuem ihre Lippen auf den Mund der Freundin, gleichsam das Mißtrauen in Gottes Gnade besiegelnd.

Als Bella hinzukam, erzählte Frau von Espe, wie das Unglück geschehen war.

Der Knabe hatte seit seiner frühesten Kindheit einen Hang zum einsamen Herumschweifen gezeigt.

»Es war ihm angeboren,« sprach Fanny mit bitterm Tone. »Sein Vater hatte mich schon in dem zweiten Vierteljahre unserer Ehe hierher verbannt, um seinen leichtsinnigen Liebesabenteuern in der Garnison ungestörter nachgehen zu können. Hier wartete ich nun seines Vaters, damals noch nicht wissend, daß freier Wille den Schmerz der Trennung über mich verhängt hatte. Ich erwartete seinen Vater mit heißer Sehnsucht und schweifte ruhelos umher, bis die Stunde schlug, wo er bei mir eintraf. Es war also meinem Knaben diese Ruhelosigkeit eingeimpft und weder mein Bitten, noch meine ernsten Befehle hielten ihn bei mir fest, trotzdem er mich zärtlich liebte. Ich hatte Mademoiselle Brun besonders auf diese Eigenthümlichkeit aufmerksam gemacht und von ihr gefordert, ihre Aufsicht nicht eine Minute zu vernachlässigen, bis Arnold von dieser Gewohnheit abließe. Meine Maßregeln haben mir nichts genützt,« fügte Frau von Espe nach einer kleinen Pause düster hinzu. »Wie ein Vogel, der im Käfig die Süßigkeit der Freiheit erst recht kennen lernt, entschlüpfte Arnold stets dieser Aufsicht, sobald Mademoiselle den Rücken wendete, und die arme Person ist in rastloser Hast oft stundenlang umhergelaufen, um den Knaben nur wieder zu finden, ehe ich sein Entweichen bemerkte. Sein liebster Aufenthalt war der Strand. Natürlich auch ein angeborenes Uebel, denn dort vom jenseitigen Ufer kam sein Vater und dort wanderte ich umher, bis der kleine Kahn des Fährmanns drüben sich in Bewegung setzte, um mir den Gatten zuzuführen. Eines Nachmittags war der Knabe auch entwischt – es war am selben Tage, wo mein Mann, der Graf Valerian, mir einen Friedensboten sendete, wo er zuerst nur seinen Sohn von mir fordern und, nach meiner Weigerung, mir seine Hand von Neuem antragen ließ, lediglich um einen Erben zu haben. Ich schloß meinen Jungen an diesem Tage, als er erhitzt und unruhig von seiner Streiferei heimkehrte, mit doppelter Liebe an mein Herz. Ich hatte mir ja seinen Besitz von Neuem erobert. Am nächsten Morgen war Arnold wieder entwischt. Man hatte ihn mit seinem Angelzeuge über den Deichwall gehen sehen. Mademoiselle Brun eilte ihm nach, so wie sie ihre Toilette beendet hatte. Sie fand – seine Angelruthe, sein kleines hellblaues Barett und sein Taschentuch am Ufer – ihn selbst aber hatten die Wellen verschlungen und fortgetrieben! …«

Antonie weinte laut. Bella zeigte Spuren einer tiefen Erschütterung bei diesem Schlusse, aber Frau von Espe starrte wie seelenlos in die Ferne, keine Thräne erweichte die Bitterkeit ihrer Seele, kein Seufzer verrieth die tiefe, grenzenlose Verzweiflung, womit sie in die Zukunft blickte. Sie hatte nichts in der Welt, wie diesen Knaben. Als sein Vater sie verrathen hatte, da hing sie ihr ganzes Herz an ihn und nun war er fort auf ewig!«

Jeder, der sie und ihr Schicksal kannte, begriff die Trostlosigkeit ihrer Lage und fand die stille, irre Verzweiflung natürlich, womit sie Tag für Tag am Strande umherirrte, um ihres Kindes Leiche zu suchen.

Antonie gab ihren Bitten sogleich nach, als sie verlangte, daß sie bei ihr bleiben solle.

Bella verfügte sich mit der Duenna allein nach Hause und es ist anzunehmen, daß sie mit einigem Verdrusse daran zurückdachte, daß sie zu sehr ungelegener Zeit von den Brüdern Bessano getrennt war, die durch ihre Lebensstellung zu den erwünschten guten Partien gehörten.

Die nächsten Wochen vergingen für die beiden Schwestern sehr gleichförmig trübe. Bella bemühte sich, die scheinbare Selbstständigkeit, worin sie durch die Abwesenheit ihrer Schwester versetzt war, gehörig auszubeuten, indem sie nach Laune Besuche in der Umgegend machte, Antonie hingegen widmete sich in opferbereiter Zärtlichkeit ihrer unglücklichen Freundin.

Mittlerweile rückte das Weihnachtsfest heran. Scharfe Herbstwinde mit Schnee und Regen hemmten endlich die verzweiflungsvolle Beharrlichkeit, mit welcher Frau von Espe noch immer täglich am Ufer hin- und hergewandert war, um nach der Leiche ihres Sohnes zu spähen.

An dem Tage, wo es Antonien zum ersten Male gelang, ihre Freundin von diesem zur Gewohnheit gewordenen Spaziergange abzuhalten, da rieselte der Schnee in großen, weißen Flocken vom Himmel und deckte mit unglaublicher Schnelligkeit die Fluren, die Straßen und die Dächer ellenhoch. Ein gelinder Frost hielt diese weiße Schneedecke zusammen, um dem heiligen Weihnachtsfeste ein Festkleid zu gönnen.

Ueberall in den Häusern herrschte reges Leben und es wurden Vorbereitungen zu festlichen, freudigen Ueberraschungen getroffen.

Nur im Schlosse zu Peerau saßen drei Frauengestalten im behaglich erwärmten Zimmer und unterhielten sich mit jenem weichen, klagenden Tone, den der verhaltene Schmerz so leicht annimmt, ohne an Weihnachtsfreuden zu denken.

Antonie saß neben Frau v. Espe im Sopha. Beide sahen bleich und ernst aus. Ihr Gespräch drehte sich, wie immer, um das unerschöpfliche Thema ihres Verlustes und Fanny erzählte, vielleicht schon zum zwanzigsten Male, Alles das, was sich Tags zuvor, ehe Arnold ertrunken war, ereignet hatte.

Mademoiselle Brun hatte sich, ein Zeitungsblatt in der Hand, zum Fenster begeben, jedoch ohne zu lesen, weil ihr Interesse von der Unterhaltung der beiden Damen in Anspruch genommen wurde und sie ihr Theil dazu geben mußte.

Endlich erschöpfte sich die Mittheilung darüber und Mademoiselle Brun lenkte ihre Aufmerksamkeit nun auf das Blatt, das sie in der Hand hielt.

Eine Weile las sie still fort. Dann hob sie ihren Blick und richtete ihn sinnend in die Ferne. Darauf las sie wieder und zwar dasselbe, was sie schon gelesen hatte.

Ihre Bewegung schien lebhafter zu werden. Ein Gedanke hatte ihre Seele durchzuckt. Sollte sie diesem Gedanken Worte leihen?

Fragend richtete sie ihre lebhaften Augen auf Frau v. Espe – augenscheinlich in fieberhafter Beweglichkeit, die sie stets zeigte, wenn etwas Außergewöhnliches sie beschäftigte, sprang sie auf und rief mehrmals in großer Aufregung: »O mon dieu! Mon dieu!«

Antonie, irgend eine Scene fürchtend, warf ihr einen besorgten und ermahnenden Blick zu.

»Lassen Sie mich doch sprechen, mein Fräulein!« rief Mademoiselle Brun dagegen. »Ist es nicht besser, einen Schimmer von Hoffnung zu haben, als in der Nacht der Trostlosigkeit unterzugehen?«

»Was haben Sie denn?« fragte Frau v. Espe gütig.

»Hüten Sie sich!« sprach dagegen Antonie. »Wenn der Schimmer der Hoffnung ein Irrlicht Ihrer Phantasie ist, so möchte er mehr Schaden als Vortheil bringen!«

»Freilich – aber! Hören Sie nur! Da lese ich eben von dem Caspar Hauser, daß er vor acht Tagen ermordet worden ist. – Lächeln Sie nicht, mein Fräulein,« schaltete die lebhafte Neufchatellerin ein. »Ich hatte dabei nur einen Einfall! Hier steht, daß anzunehmen sei, der Caspar Hauser stehe in Verbindung mit irgend einem Familienereignisse in höherm Kreise. Es sei ferner anzunehmen, daß Caspar Hauser zu gewissen Zwecken heimlich erzogen sei und daß man, ebenfalls zu gewissen Zwecken, ihn in die Welt hinausgestoßen habe. Was man über diesen mysteriösen Caspar Hauser hier noch ferner sagt, das gehört nicht zur Sache, gnädige Frau. Aber mir fiel plötzlich dabei ein, daß nicht viel Scharfsinn dazu gehöre, um diesen Fall auf unsern Verlust anzuwenden.«

Antonie war schon lebhaft aufgesprungen und hatte jedes Wort von den Lippen der schnell sprechenden Bonne genommen. Sie ahnte, was Mademoiselle Brun gedacht haben könne. Aber sie glaubte nicht an die Möglichkeit eines Verbrechens und gab ihr einen Wink zu schweigen.

Die Bonne war jedoch in Zug gekommen und stürmte rücksichtslos mit ihren Einfallen hervor.

»Sagen Sie selbst, gnädige Frau, ob viel Scharfsinn dazu gehört, zwischen dem Ertrinken des guten Arnold, und dem verunglückten Sühneversuch des Herrn Bessano einen Zusammenhang zu finden?«

Antonie trat empört einige Schritte zurück und Frau v. Espe erhob das bleiche Gesicht mit dem Ausdrucke des innerlichen Entsetzens.

»Sie meinen,« stammelte sie bebend, »daß Bessano aus Rache den unschuldigen Kleinen … o nein, nein … ich mag den fürchterlichen Gedanken nicht aussprechen.

»Wie so – fürchterlich?« fragte Mademoiselle Brun freudig. »Schlecht ist's freilich, wenn er unsern Kleinen auf Befehl des Grafen entführt hat, daß er die Qual …«

Weiter kam Mademoiselle Brun nicht, denn Frau v. Espe sprang, wie neu belebt, vom Sopha auf, warf ihre Hände gefaltet hoch empor und schrie:

»Großer Gott – sollte es möglich sein? Mein Knabe nicht todt – nur geraubt, nur entführt, um seinen Zweck zu erreichen. – Großer Gott! Ja, Mademoiselle! – Ja, Sie haben einen Schimmer von Hoffnung in mir entzündet!«

Antonie schüttelte still das Haupt. Sie zweifelte. Wie hätte ein Mann so unverantwortlich hart handeln können.

Frau v. Espe fuhr begeistert fort:

»O Antonie – Du denkst, es sei nicht möglich. Glaube mir, der Graf Valerian ist zu Allem fähig! Ueberlege nur. – Hatte Bessano einen Grund, mein Haus so schnell zu verlassen, wenn er es nicht in böser Absicht that? Hatte er einen Grund, seinen Aufenthalt in Peberg zu nehmen, wenn nicht in böser Absicht? Hatte er einen Grund, Arnold's Bekanntschaft zu suchen, wenn nicht in böser Absicht? Hatte er einen Grund, noch in der Nacht seine Equipage hinüber kommen zu lassen, wenn nicht in böser Absicht? … Ja,« rief sie jauchzend, »ja, mein Arnold lebt – er ist in den Händen seines Vaters. – Auf, auf! Nach der Residenz, der Räuber soll mir Rede stehen! Mein Arnold lebt! – Pferde! Geschwind, laßt anspannen! – Schicke einen Reiter vorweg, Relais zu bestellen!«

Sie brach, schluchzend vor Freude, zusammen und sank ohnmächtig in die Sophaecke zurück.

Es währte aber nur wenige Minuten, so raffte sie sich wieder empor und traf, aller Gegenreden Antoniens ungeachtet, Anstalten, ihre Reise nach Bessano's Wohnort auf der Stelle anzutreten. In seiner Begleitung wollte sie von dort sogleich nach Espenberg.

»Du meinst, ich solle mich erst durch einige Stunden Schlaf stärken?« sagte sie mitleidig lächelnd zu der jungen Freundin. »Man sieht, Antonie, daß Du noch keine Ahnung von der Mutterliebe hast! Wie könnte ich schlafen vor sehnsüchtiger Unruhe? Habe ich vier Wochen tagtäglich mit kummerschwerem Herzen nach der Leiche meines Lieblings geforscht, so werde ich doch achtundvierzig Stunden lang Kraft behalten, einen hoffnungsvollern Weg zu machen?«

»Aber, wenn die Hoffnung verweht – wenn die phantastische Idee der Brun als ein Trugbild versinkt?« fragte Antonie leise.

Sie konnte nicht glauben, daß ein Bruder des Mannes, den sie geliebt hatte, so tief sinken sollte, um ehrlose Gewaltthätigkeiten zu verüben.

»Schweig – schweig! Arnold lebt!« rief Frau v. Espe. »Laß mich wenigstens achtundvierzig Stunden in diesem Gedanken glücklich sein!«

Antonie war diesem Befehle gehorsam. Sie schwieg und ordnete Alles zur Abreise.

Man beschloß, daß Mademoiselle Brun ihre Gebieterin begleiten und Antonie bis auf weitere Nachrichten in Peerau bleiben solle.

Unter den heißesten Segenswünschen entlassen, fuhr Frau v. Espe wenige Stunden später vom Schloßhofe.

Antonie blickte ihr beklommen nach, so weit sie den Wagen verfolgen konnte. Sie theilte die Exaltationen nicht, die ihre Freundin aus so vagen Vermuthungen geschöpft hatte. Die Idee der Bonne erschien ihr zu romanhaft. Eine solche That wäre mehr als unwürdig, sie wäre boshaft und abscheulich gewesen. Mutter ihres Kindes berauben, die fürchterliche Qual der Ungewißheit über sie verhängen, rein aus Eigenwillen und Selbstsucht – nein, das junge Mädchen strebte mit allen Kräften ihrer Seele gegen diesen Gedanken an.

Während dessen fuhr Frau Fanny v. Espe neu beseelt in die winterliche Flur hinaus. Der Schnee rieselte immerfort ganz sanft vom Himmel herab. Was kümmerte das die hochbeseligte Mutter, die davon phantasirte, ihr Kind wieder zu erhalten. Auf ebener Straße rollte ihr Wagen, wie von Windesflügeln getragen, dahin, von Minute zu Minute dem Orte sich nähernd, wo der Entführer lebte und sich seines Werkes freute.

»Ich will ihm vergeben, Mademoiselle,« sprach Frau von Espe im Verlauf der trügerischen Bilder, die sie sich von diesem Wiedersehen aufstellte. »Ich will diesem Bessano Alles vergeben, wenn er meinen Arnold liebevoll behandelt hat. Ich will diese herbe Prüfung als eine Strafe und Buße für meine kalte, selbstsüchtige Ablehnung ansehen und dem Grafen Abbitte leisten, daß ich seinen Wünschen so wenig gütig entgegengekommen bin. Ich hätte nicht so hart und absprechend das verwerfen sollen, was der Vater meines Knaben für heilsam hielt.«

»Sie würden jetzt anders handeln, meine gnädige Frau,« schaltete die Bonne ein.

Frau v. Espe sah sie groß an.

»Nein, Mademoiselle – das würde ich nicht, aber ich würde mit diplomatischer Feinheit zu Werke gehen, die Unterhandlung nicht rathlos abbrechen und den Feind nicht reizen, sondern zu beschwichtigen suchen. Ich bin stets zu schroff in meiner Ehrlichkeit gewesen und habe dadurch manchen Kampf über mich hereinbeschworen. Wäre ich sanftmüthig geblieben, so würde Herr Bessano nie darauf verfallen sein, meinem Knaben nachzugehen und ihn mir zu entführen. Wie ist es nur möglich, daß ich, trotz der verdächtigenden Erzählung unseres Laufburschen niemals auf diesen Gedanken gekommen bin? O, wie viele schmerzensreiche Stunden würde ich mir erspart haben, hätte ich Argwohn gefaßt, als wir die Leiche meines Kindes vergebens suchten. Aber – danken wir Gott, daß wir endlich, endlich darauf hingeführt wurden!«

Mademoiselle Brun fühlte sich viel zu wichtig bei der Zuversicht der Dame, als daß es ihr hätte einfallen sollen, den kleinsten Zweifel aufzuwerfen. Im Gegentheil, sie bestärkte sie durch allerlei Trugschlüsse immer mehr, so daß Frau v. Espe beim ersten Erblicken der Residenzthürme berauscht von Wonne in Freudenthränen ausbrach.

*

Der Abend lag auf den Fluren, als die Equipage der Frau v. Espe in brausender Eile die Cavalierstraße hinabrollte, als sie, wie von Zaubermacht gehemmt, vor dem schönen Hause des seligen Commerzienraths Bessano still hielt.

Victor, Curd und Robert Bessano saßen noch in ernster Ueberlegung am Theetisch, ihnen ahnete nichts von der Ueberraschung, die ihnen bevorstand.

Das Rollen des Wagens und das plötzliche Anhalten desselben störte sie einen Augenblick in ihrer Unterhaltung.

»Es kommt Besuch!« sagte der Offizier, leicht gähnend.

»Besorge nichts,« erwiederte Victor lächelnd. »Ich habe meine Befehle gegeben!«

»Warum wolltest Du aber abweisen lassen?« fragte Ersterer unmuthig. Die Conferenz war ihm schon seit geraumer Zeit langweilig.

Der Bediente, ein Erbtheil des seligen Commerzienraths und von diesem tüchtig eingehetzt, öffnete leise die Thür, steckte sein Gesicht hinein ins Zimmer und flüsterte:

»Eine Dame, Herr Victor!«

»Bedauere!« war die lakonische Antwort.

»Das habe ich schon gesagt, sie will sich durchaus nicht abweisen lassen,« referirte der Diener.

Der Lieutenant lachte und setzte sich stramm.

»Auf Ehre – das ist famos! Wem von uns Dreien mag wohl diese liebenswürdige Zudringlichkeit gelten?«

»Ohne Zweifel unserm Garde-Lieutenant,« fiel Curd ein. »Victor sowohl, als ich, pflegen dergleichen Bekanntschaften nicht zu cultiviren!«

Der Diener steckte den Kopf einen Zoll weiter vor, um ihn gehörigermaßen schütteln zu können.

»Nein, nein,« flüsterte er sehr eilig, denn er hörte Schritte hinter sich. »Nein, das ist etwas Anderes. – Tiefe Trauer! – Ihre Begleiterin parlirt französisch. Sie selbst ist außer Fassung!«

Er trat mit einer Reverenz nach außen zurück und Victor erhob sich mit dem Ausrufe: »Frau v. Espe!« um sogleich nach der Thür zu eilen, auf deren Schwelle die junge Frau, schwankend vor innerer Bewegung, erschien und stehend ihre Hände zu ihm erhob.

»Geben Sie mir mein Kind wieder, Herr Bessano!« sprach sie mit rührender Bitte. »Um Gottes Barmherzigkeit willen enden Sie die Qual, welche Sie auf des Grafen Befehl über mich verhängt haben. Sagen Sie mir, wo ich meinen Arnold finde – ich will ja in Alles willigen – nur geben Sie mir die Gewißheit, daß er noch lebt!«

Victor begriff sogleich, was die Dame meinte.

»Gnädige Frau!« rief er beleidigt und trat ihr drohend einige Schritte näher.

»Um Christi willen –!« schrie Frau v. Espe auf. »Soll das heißen, daß Sie nichts davon wüßten? Soll das eine Verkündigung sein, daß Arnold wirklich todt ist?«

»Wenn Sie keinen andern Grund hatten, an seinem Tode zu zweifeln, dann ist er todt, bei meiner Ehre – bei meiner Seele Seligkeit!« sprach Victor feierlich.

Frau v. Espe starrte ihn abwesenden Geistes an.

»Und der Graf? Und mein Mann, der seine Rechte vielleicht mit Gewalt durchsetzen zu müssen glaubte?« fragte sie tonlos.

Victor stutzte. Er wurde nachdenklich. Er sah rathlos zu seinem Bruder Curd hin, der voll Theilnahme der Dame näher getreten war.

»Es wäre möglich!« antwortete Curd diesem Blicke.

»Wäre das der Grund seines unerklärlichen Schweigens?« fragte Victor entrüstet auffahrend. »Das wird aufzuhellen sein, gnädige Frau,« setzte er lebhaft hinzu, indem er die Hand Fanny's ergriff, sie ehrfurchtsvoll an seine Lippen drückte und dann die sichtlich erschöpfte Frau zum Divan geleitete. »Und diese Schandthat haben Sie mir zugetraut?« fragte er kaum hörbar. »Sie konnten glauben, daß ich Ihnen diesen fürchterlichen Schmerz bereiten würde? Sie konnten dergleichen Gedanken hegen, während ich in Ihnen die rettende Gottheit erblickte, die mich vom Rande sittlichen Verderbens zurückzureißen fähig schien? O, gnädige Frau, Sie demüthigen tief!«

Fanny blickte zu ihm auf. Ein herzerreißendes Lächeln lag auf ihrem schönen, bleichen Gesichte.

»Schaffen Sie meinen Arnold wieder!« bat sie mit dem letzten Schimmer von Bewußtsein.

Ihr Kopf sank zurück. Ueberwältigt von der furchtbaren Gemüthsbewegung, von den Anstrengungen der Reise und von der Angst, daß ihre Hoffnung vergeblich gewesen sein könnte, fiel sie in Ohnmacht.

Eine unbeschreibliche Verwirrung war die unmittelbare Folge dieses tief bewußtlosen Zustandes.

Curd behielt allein die Geistesgegenwart. Er sendete unverzüglich zum Arzte und holte die alte Frau herbei, die eine Pflegerin seiner Kindheit gewesen und später als Aufsichtsbehörde im Haushalte seines Vaters angestellt war.

Frau Mull wußte Bescheid mit ohnmächtigen Damen. Sie hatte es bei der Kränklichkeit der seligen Commerzienräthin lernen können. Es gelang ihr, Frau v. Espe wieder zum Leben zurückzubringen, ehe der Doctor kam.

Fanny schlug unter ihren Bemühungen plötzlich die Augen auf und richtete sich straff und stark in die Höhe. Ihr Auge fiel zuerst auf Victor, dann in Mademoiselle Brun's thränenvolles Auge:

»Mademoiselle Brun,« sagte sie fest, »helfen Sie mir! Ich will fort! Ich will zum Grafen! Eilen wir! Ich muß fort! Ich will mein Kind von ihm fordern! Und wenn auch er es nicht hat? O dann, dann will ich nicht ruhen, bis ich meines Knaben Leiche finde! Helfen Sie mir, Mademoiselle – bitte – helfen Sie mir! Ich muß fort!«

Mademoiselle Brun neigte ihr Gesicht auf den Scheitel ihrer Dame und weinte laut.

Victor drängte sie sanft hinweg und nahm dieselbe Stellung an. Er legte seine Rechte auf dies Haupt, das so jugendlich und doch so schwer belastet war.

»Hören Sie auf den Rath eines Mannes, der die Verpflichtung hat, für die Beruhigung Ihrer Seele zu sorgen, weil er die Ruhe derselben störte,« sprach er laut. »Ich bitte Sie, im Namen Ihres verlorenen Knaben, bleiben Sie und schonen Sie Ihr Leben! Ich selbst werde in diesem Augenblicke aufbrechen nach Espenberg. Ich werde mich selbst überzeugen, ob Graf Valerian so vermessen hat handeln können, wie Sie ihm Schuld geben. Wehe ihm, wenn ich Ihren Knaben bei ihm finde! – Wehe ihm! – Unerbittlich übergebe ich ihn der strafenden Gerechtigkeit, das schwöre ich hiermit! Hat er im verderblichen Leichtsinne mit Ihrem Herzen gespielt, so soll er Buße für Alles tragen, was er einst dagegen sündigte. Bleiben Sie ruhig hier. Sie sollen keine Bequemlichkeit vermissen. Ich werde sofort mein Pferd besteigen und mir nur die nöthigen Ruhestunden gönnen. Morgen früh um sechs Uhr bin ich, so Gott will, in Espenberg. Habe ich das Glück, Ihren Sohn zu finden, so lege ich ihn am heiligen Weihnachtstage, als eine Christgabe, an Ihr Herz!«

Frau v. Espe sah ihn bewegt an. Konnte sie dies Opfer von einem fremden Manne annehmen?

Victor bemerkte ihre Unschlüssigkeit. Sein Blick wurde wärmer, indem er sie bittend anschaute.

Ihre Blicke trafen sich.

Sie las in seinen Augen, was er dachte, und sie reichte ihm, bezwungen von einem Gefühle, welches vielleicht schon länger in ihr geschlummert hatte, rasch ihre Hand.

»Reisen Sie mit Gott, edler Mann – reisen Sie mit Gott! Ich verdiene Ihre Güte nicht – aber ich erkenne sie! Ich will demüthig und geduldig sein. Ich will harren auf die Freuden, die mir mein Vater im Himmel zum heiligen Weihnacht zu senden beschlossen hat, – und wenn er mir Trübsal sendet, so will ich mich beugen unter seine Hand! – Reisen Sie! – Meine heißen Segenswünsche werden Sie auf diesem Wege begleiten!«

*

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