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Novellen. Dritter Band. Die Maske des Reichthums

Luise Reinhardt: Novellen. Dritter Band. Die Maske des Reichthums - Kapitel 5
Quellenangabe
authorErnst Fritze
titleNovellen. Dritter Band. Die Maske des Reichthums
publisherCarl Rümpler
year1863
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171121
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Viertes Capitel.
Braufahrten.

Im Harzgebirge giebt es ein enges, unbeschreiblich liebliches Thal mit mäßigen Anhöhen, von einem Walddache durchströmt und im Hintergrunde von unersteiglichen Felsenkanten begrenzt.

In diesem Thale stand zur Zeit, wo diese Geschichte spielt, ziemlich isolirt ein hübsches Haus, umgeben von einigen Ställen, von einem schönen Gärtchen und einem Kreise hoher, mächtiger Buchen. Erst eine Viertelstunde später fand man mehre Häuser, die gruppenweis bis zum Hintergrunde des Thales vertheilt lagen.

Es war Herbst geworden. Die Blätter rauschten bei dem leisesten Wehen in Massen von den Bäumen. Aber noch schien die Sonne, noch spielten die Insecten in der Mittagssonne, noch glänzten die Wiesen im frischen Grün.

Das Haus im Thale wurde von einem Doctor bewohnt. Er hatte es sich vor mehr als zwanzig Jahren nach seinem Geschmacke bauen und einrichten lassen, hatte es mit allem Comfort versehen und nichts versäumt, was es behaglich und warm im Winter, luftig und kühl im Sommer machen konnte.

Er selbst war mit seiner Frau erst erschienen, als Alles fertig, trocken und eingerichtet war, allein trotz aller Vorsicht wirkte die Veränderung des Aufenthaltsortes doch verderblich auf die schöne zarte Frau und sie starb.

Seit dieser Katastrophe in seinem Leben zeigte sich der Doctor Harrach düster und rauh. Er widmete seine Zeit zwar den armen, kranken Gebirgsbewohnern, aber er that es anscheinend mehr als eine Art Buße für frühere Sünden.

Die armen Leute kümmerte das nicht. Sie hatten sehr bald entdeckt, daß des Doktors rauhes Wesen ein vortreffliches Herz verbarg und über seine derben Ausfälle und Belehrungen, die immer einen gewissen trockenen Humor verriethen, lachten sie aus Herzensgrunde.

Er hatte in der kurzen Zeit den Ruf eines Wunderdoctors erlangt und die Kranken strömten von nah und fern herbei, um sich die Schwindsucht oder die Altersschwächen fortcuriren zu lassen.

Im Sommer des Jahres 1833 war auch ein Schwesterpaar im Gebirge beim alten Doctor Harrach erschienen, das sich Antonie und Bella Guhrau nannte.

Antonie Guhrau war kränklich. Ihre zarte, milchweiße Gesichtsfarbe verrieth eine innerliche Störung in den Organen. Sie klagte aber über nichts, als daß ihre Nächte schlaflos seien.

Doctor Harrach, der in dem zarten, schönen Mädchen eine merkwürdige Aehnlichkeit mit seiner verstorbenen Gattin entdeckte, fühlte ein heißes Verlangen, diesem sanften Kinde zu helfen. Er rieth ihr, nach der südlichen Schweiz zu gehen und dort bis zum Herbste zu bleiben.

Ihre Schwester Bella und eine ältliche Dame, als Duenna, begleiteten sie und dort lernte sie Curd Bessano kennen.

Antonie kehrte, vollkommen geheilt, von dieser Reise zurück und nahm vorläufig, auf die Bitte des Doctors, – und vielleicht von leisen Regungen ihres Herzens getrieben, – ihren Aufenthalt in dem Hause, das, ein Asyl des Friedens, im engen Thale des Harzgebirges lag.

Curd hatte auch richtig seine schönen Reisegefährtinnen schon mehre Male besucht, da die Residenz, wo sein Vaterhaus stand, kaum vier Stunden entfernt war, wenn er seinem feurigen Pferde die Zügel schießen ließ und die Richtwege durch die Wälder wählte.

Wem die tollen Spazierritte nach dem engen Thale galten, darüber hatte noch Niemand gesprochen, aber das stille Glück in den Augen der reizenden Antonie ließ errathen, daß sie Gründe hatte, nicht zweifelhaft darüber zu sein.

Sie träumte jetzt sanft und geduldig am Tage vom süßen Glück der Liebe und schlief des Nachts vortrefflich.

Doctor Harrach war sichtlich beglückt durch den Zuwachs seiner Hausgenossenschaft. Seine Scherze brachte er zwar noch eben so rauh und trocken hervor, und seine Stirn zeigte sich nicht im Geringsten entwölkt, allein es blitzte bisweilen ein so weiches Lächeln über sein düsteres Gesicht, wenn Antonie mit der Zutraulichkeit einer Tochter für seine Bequemlichkeit sorgte, daß man sehen mußte, wie befriedigt er durch ihre Nähe war.

Wenn der erste Blick auf Antonie Guhrau das Urtheil hervorrief, sie sei schön und lieblich in der reinen Jungfräulichkeit, die ein frommes Wohlwollen erzeugt, so gehörte erst eine nähere Bekanntschaft dazu, ihre Schwester Bella hübsch zu finden.

Und doch hatte sie, vermöge einer tief in ihr liegenden Kraft, schon mehrmals bewirkt, daß Antonie übersehen oder mit kalter Verehrung behandelt wurde, während man ihr die glühendsten Huldigungen darbrachte.

Worin diese Kraft Bella's lag, blieb räthselhaft. Sie war heiter bis zum boshaften Muthwillen und dehnte ihre Neckereien oftmals bis zum verletzenden Uebermuthe aus. Dennoch fesselte sie die Männerherzen und entflammte ihr leichtes und oberflächliches Wohlgefallen. Das Dämonische ihres Wesens verlieh ihr eine Anziehungskraft, der selbst Frauen und erfahrene Männer nicht entgingen.

Nur Curd Bessano hatte sich, trotz der täglichen Berührungen auf der Reise, dagegen gewahrt. Seine Blicke streiften stets mit kalter Verwunderung über sie hin, wenn ihr Wesen stürmisch und überwältigend hervorbrach. Bella vermochte ihn mit all' ihren Künsten nicht von der hingebendsten Aufmerksamkeit abzulenken, die er für Antonie zeigte. Das änderte sich jedoch plötzlich!

Seit ihrer Rückkehr aus der Schweiz war Curd schon dreimal im Thalhause gewesen, aber sein Benehmen hatte sich stets in den Schranken gehalten, die zärtliche Herzens-Ergießungen ausschließen. Er war artig gegen die jungen Damen, weiter nichts.

Der Doctor Harrach wurde unzufrieden. Er äußerte seine Meinung über Curd Bessano dahin, daß er einer jener selbstsüchtigen Männer sei, die nur ihrem eigenen Wohlbehagen lebten und keines Opfers fähig wären.

Antonie hatte ihm warm widersprochen – Bella war aber lachend seiner Meinung beigetreten.

Nach Curd's letztem Besuche, dicht vor seines Vaters Tode, runzelte der Doctor Harrach seine Stirn finsterer zusammen und erklärte eines Tages, daß er es für gut halte, wenn Antonie in ihre Heimath zurückkehre, bevor es Winter werde.

Sein Ausspruch erregte Erstaunen, da er häufig in frühern Gesprächen darauf hingedeutet hatte, wie unbeschreiblich lieb es ihm sein werde, den öden Winter in Gemeinschaft mit den Schwestern und ihrer Duenna verleben zu können.

»Der alte Herr hat böse Launen,« sprach Bella, spottend zu ihm emporblickend.

»Nein,« entgegnete er, mit einem wüthenden Blick in ihre schelmischen Augen, »der alte Herr wittert assa foetida zu deutsch: ›Teufelsdreck‹.«

Man lachte über den Ausfall und ließ die Sache fallen. Es steckte aber tiefer Ernst dahinter.

Wenige Tage darauf durchlief die Nachricht vom Tode des reichen Commerzienraths Bessano die ganze Gegend und drang auch in das Haus des Doctors Harrach. Der Eindruck, welchen diese Nachricht hervorbrachte, war sehr verschieden.

Bella schien davon electrisirt zu werden, ihre Laune steigerte sich und gab bisweilen ein merkwürdiges Entzücken kund.

»Jetzt ist Herr Curd Bessano eine gute Partie!« brach sie einstmals heraus, als man von dem fürstlichen Begräbnisse des Commerzienrathes erzählt hatte.

»Nun – Gott sei Dank,« antwortete der Doctor schnell, »die, welche er liebt, braucht darauf nicht zu sehen!«

»Wissen Sie denn, wen er liebt?« fragte Bella mit boshafter Neugier.

Antonien's Erröthen war die einzige Antwort auf diese Frage.

Um des Doctors Einwendung erklärlich zu finden, ist es jetzt nöthig, etwas näher auf die Verhältnisse der beiden Schwestern einzugehen und dieselben zu erörtern.

Bella und Antonie Guhrau waren Waisen. Ihr Vater hatte den Befreiungskrieg mitgemacht, sich am Schlusse desselben entschlossen, Offizier zu bleiben und war vor zwei Jahren als Major verstorben. Er hatte zwei Frauen gehabt. Die erste stammte aus einer Beamtenfamilie und war arm. Ihre Tochter war Bella. Die zweite Frau wählte er sich unmittelbar nach dem Tode der ersten und zwar nahm er sie ihres Reichthums wegen, weil seine Verhältnisse über alle Begriffe derangirt waren. Er hatte blind zugegriffen, war aber vom Schicksale begünstigt, denn Antoniens Mutter war sanft und gut. Sie erzog ihre kleine Stieftochter Bella mit derselben Güte und Liebe, wie Antonie. Was Gutes an diesem koboldartigen Wesen war, das dankte sie ihrer Stiefmutter.

Kaum hatte die Familie des Majors Guhrau die Trauer um den Vater abgelegt, so starb auch seine Gattin und hinterließ ihrer Tochter Antonie ein sehr bedeutendes Vermögen. Ohne das gute Verhältniß der beiden Schwestern zu stören, wirkte doch der Umstand, daß von dem Gelde der Jüngern die glänzende Lebenslage Beider bestimmt wurde, wesentlich darauf ein. Antonie erhielt plötzlich ein Uebergewicht in den Augen Derer, die das wußten.

Um das Gleichgewicht zwischen ihnen wieder herzustellen, entwickelte Bella ihr dämonisches Talent der Anziehung und zwar, wie schon vorhin gesagt worden ist, mit glücklichem Erfolge.

Curd Bessano wurde, nachdem Bella erfahren hatte, wie reich er geworden war, von ihr ausersehen, sie ebenfalls auf eine Weise zu versorgen, wie das günstige Geschick ihre hübsche Schwester Antonie versorgt hatte.

Nachdem der Doctor Harrach erkannt hatte, was für Pläne in Bella reiften, beschloß er, Antonie dem Elende einer verschmähten Neigung zu entziehen. Er war Menschenkenner genug, um zu wissen, daß die letzten Besuche des jungen Bessano einen andern Charakter angenommen hatten, und zwar zu Gunsten Bella's.

Von den Geldverhältnissen beider Schwestern wußte er gerade so viel, wie er nöthig hatte, um den Grund zu errathen, der Bella zu einer sogenannten »guten Partie« trieb. Daß es diesem Mädchen gelingen würde, zu siegen, daß sie schon angefangen hatte, die Elemente in dem kühlen Wesen Curd's dergestalt aufzuregen, daß ein vulkanischer Ausbruch seiner Gefühle möglich werden konnte, davon war der Doctor Harrach fest überzeugt.

Die stille Beobachtung der Charaktere, die sich vor seinem Scharfblicke enthüllten, bereitete ihm herbe Schmerzen, denn sie gaben das Widerspiel seiner Jugend-Erinnerungen, denen am Ende seine Gattin, die er, von einer Circe verlockt, durch Untreue gekränkt hatte, doch erlegen war, trotzdem er mit heißer Reue zu ihrer reinen Liebe zurückkehrte.

Antonie allein merkte nichts von dem drohenden Sturme, der ihr Herzensglück tödten konnte. Ihr Glaube an Curd's Zuneigung war felsenfest, obgleich er noch nie ein Wort der Erklärung hatte fallen lassen.

Ungefähr acht Tage später, als Victor Bessano das Schloß der Frau v. Espe unverrichteter Sache verlassen hatte, ritt Curd an einem Novembertage, der die Vorzeichen des Winters zu Tage brachte, nachdenklich seine Straße und lenkte sein Pferd, fast zögernd, endlich nach dem Gebirge zu, welches sich in dunkeln Nebelstreifen am Horizonte präsentirte. Er wollte vollbringen, was er seit jenem Momente, wo die Brüder den Vorsatz faßten, »die Maske des Reichthumes« vorzunehmen, beschlossen hatte.

Wochen waren vergangen, ohne daß er seine schönen Reisegefährtinnen aufzusuchen im Stande war. Seine Unentschlossenheit beruhte in dem Schwanken des eigenen Herzens. Er wußte nicht, um welche von beiden Schwestern er sich bewerben sollte. Er wußte sich die Regungen seines Innern nicht zu deuten.

Daß sein Bruder Victor von seiner Reise zurück sei, hatte er durch Zufall erfahren, aber es geflissentlich vermieden, sich ihm wieder zu nähern. Natürlich blieb ihm dadurch Alles das ein Geheimniß, was mit dem Grafen Valerian und seinem Commissorium zusammenhing.

Wie gesagt, endlich machte er sich auf den Weg zum Thalhause, um entweder nochmals seine Gefühle für die Schwestern gründlich zu sondiren, oder, bei einer plötzlichen Ueberzeugung seiner überwiegenden Liebe, einer von ihnen seine Hand zu bieten.

Curd Bessano befand sich in einer seltsamen Stimmung. Dachte er an Bella, so fühlte er sich bestrickt von dem Andenken an einige unbelauschte Momente, in denen das Mädchen, schelmisch und hingebend zugleich, Neckereien getrieben, die ihn in eine größere Vertraulichkeit zu ihr setzten, als die offene, zärtliche Treuherzigkeit, womit Antonie ihn zu behandeln pflegte. Diese kleinen Wallungen änderten zwar eigentlich in seinen Empfindungen für Antonie nichts, allein sie minderten die Ausschließlichkeit seines Gedankens an das schönere Mädchen und drohten die Reinheit seiner Neigung für dasselbe völlig zu verdunkeln.

Curd's letzter Besuch im Thale hatte eine wesentliche Veränderung seines frühern Herzenszustandes herbeigeführt und ihn irre an seinem eigenen Herzen gemacht. Hätte er freilich gewußt, daß Bella systematisch auf seine Eroberung auszugehen sich vorgenommen hatte, nachdem sie bei einigen gelegentlichen Besuchen in seiner Vaterstadt inne geworden war, welchen Klang der Name Bessano dort hatte; hätte er das gewußt, so würde er sich schwerlich »von den kleinen Teufelskünsten«, wie Doctor Harrach es nannte, haben fangen lassen.

Sonderbar war es ihm, daß der Gedanke, Bella mit seiner Werbung zu betrügen und sich mit ihrem Reichthume vom gänzlichen Ruin zu retten, ihm bei Weitem weniger peinlich erschien, als der, sich Antonie mit einer Lüge eigen zu machen.

Unter solchen Gedanken erreichte er das Gebirge. Er lenkte in einen Engpaß ein, der über den Kamm des Berges hinwegführte und sich dann wieder bergab senkte. Hier hielt er erst nochmals still und dachte nach.

Ein eigenthümliches Spottlächeln schlich sich dann über seine Züge und er gab sich, über seine Unschlüssigkeit ärgerlich, das Wort, blindlings dem Schicksale zu folgen, wenn es durch seine Einwirkung seine Entschlüsse regeln wolle.

Warum er so eigenthümlich lächelte, war leicht einzusehen, wenn man wußte, daß in seiner Familie eine Tradition existirte, wonach der Ahnherr der Bessano's entweder ein Jude oder ein Türke gewesen sein sollte, der aus abgöttischer Liebe für eine Fürstentochter, die ihm nur als Christ eine Bewunderung ihrer Reize gestatten wollte, seinen Glauben verändert hatte. Es war eine ganz unverbürgte Geschichte, die vielleicht nur in dem fremdartigen Namen Bessano gründete und sie wurde von den drei letzten Nachkommen des Stammes zwiefach zu Neckereien benutzt, wenn Einer oder der Andere Eigenschaften blicken ließ, die sich von der Herkunft der Familie ableiten ließen.

Curd dachte daran, als er sich einem Fatum überantwortete und wünschte zum Glauben seines Ahnherrn, im Falle er ein Türke gewesen sei, zurückkehren zu können, um beide Schwestern heirathen zu dürfen.

Erheitert durch die Rückerinnerung an manche ähnliche Situation, wo er sich mit seinen Brüdern an dem geheimnißvollen Einfluß ihrer Abstammung ergötzt hatte, lenkte er sein Pferd muthig in den Bergpfad ein.

Kaum hundert Schritte war er unter den kahlwerdenden Bäumen hinaufgeritten, als er, bei einer Biegung des Weges, sich plötzlich dem Doctor Harrach gegenüber sah, der vorsichtig bergab ritt.

»Ei, Herr Bessano!« schrie der alte Herr erfreut, »Sie kommen mir, wie gerufen! Wollen Sie hinüber zu mir? Das ist prächtig. Meine jungen Damen liegen in Krämpfen vor Trauer – aber still gehalten – nicht um Sie, sondern um den Sohn einer Freundin in der Heimath! Die Thränenschleusen, einmal bei Frauenzimmern aufgezogen, sind gar nicht mehr schließbar – Alles wird beweint, Alles ruft Bäche von Wasser aus den hübschen Augen, gerade, als wenn sich hier im Gebirge der Schnee auflöst und aus allen Fugen quillt. Gehen Sie nur und trösten Sie die armen Kinder!«

»Was ist denn in der Heimath, bei der Freundin vorgefallen?« fragte, halb theilnehmend, halb spöttisch, der junge Mann, der Weiberthränen auch nicht liebte.

»Ja, sehen Sie! Ganz klug wird man nicht daraus, weil das Briefchen, das heute ankam, von einer Schweizerin, einer Bonne des verunglückten Knaben, geschrieben ist. Die Person scheint halb verrückt zu sein. Ob sie es immer ist oder nur augenblicklich vom Schreck und Schmerz, das kann selbst ein solcher Praktikus, wie ich, nicht ergründen. Die Mademoiselle Brun salbadert auch etwas von einem Bessano.«

Curd stutzte und fragte, wo die Geschichte passirt sei.

»In Peerau!« rapportirte der Doctor weiter. »Die gute Freundin meiner jungen Damen heißt Frau von Espe auf Peerau. Dicht bei diesem Dorfe liegt ein Städtchen Peberg. Dort wohnen meine jungen Damen.«

Curd hatte abermals aufmerksam gelauscht, als der Name der Frau von Espe genannt wurde, allein da er wußte, daß es der Espe mehr gab und da Peberg weit ab von Espenberg lag, so fand er trotz der Namengleichheit keinen Zusammenhang mit der Reise seines Bruders.

»Das muß ein anderer Bessano sein,« wendete er kalt ein.

»Die Schweizerin meint, es sei Ihr Bruder gewesen. Genug, der Sohn der Frau von Espe ist ertrunken im Strome und die arme Mutter soll wahnsinnig vor Schmerz sein. Sie verlangt nach ihren Freundinnen. Antonie will fort. Bella sträubt sich. Sie hat, seit dem prächtigen Begräbnisse Ihres Vaters und seit Ihrer ungeheuren Erbschaft eine mächtige Sehnsucht nach Ihnen.«

Curd lächelte, aber innerlich verletzte ihn dieser Scherz, der ihm als ein Hohn erscheinen mußte.

Treuherzig verabschiedete sich nun der Doctor, indem er hinzufügte:

»Eilen Sie, daß Sie noch zum Frühstück kommen. Zum Mittagsmahl bin ich zurück!«

Curd ritt langsam weiter.

»Antonie will fort. Bella sträubt sich!« dachte er trübsinnig. »Ob es mich wohl ebenso schmerzlich berührte, wenn Bella fort wollte?«

Seine Phantasie spann sich an diesem Faden weiter, ohne daß sein schwankendes Herz einen Halt dabei fand. Er überschätzte in seiner Unerfahrenheit die leichte Aufregung, die ihm Bella's verlockende Traulichkeit verursacht hatte, indem er sich bewußt wurde, bei der heiligen Innigkeit zwischen sich und Antonien nie so wogenden Empfindungen unterlegen zu sein.

Der Pfad, den Curd ritt, war mittlerweile beinahe bis zur Höhe erklimmt. Schritt vor Schritt stieg sein edles Thier, das Haupt gebeugt und keuchend vor Anstrengung, aufwärts.

Plötzlich hob das Pferd den Kopf, spitzte die Ohren, zog scharf athmend die kalte Herbstluft ein und ließ dann ein kurzes, freudiges Wiehern hören.

Curd lauschte, aufmerksam dadurch gemacht, in die Ferne hinaus. Was hatte das Pferd bemerkt, daß es einen Freudenlaut, gleich dem Lachen eines freudig überraschten Menschen, ertönen ließ? Unruhig strebte das Thier vorwärts und stieß abermals die leisen Merkmale einer freudigen Aufregung aus.

Ein ähnliches Wiehern drang als Antwort hinter den Bäumen hervor. Es kam aus dem Höhenwege, der sich über das Plateau hinweg zog.

Curd strengte sein Auge an, um Denjenigen zu sehen, welchen sein Pferd instinktmäßig begrüßte. Er ritt eilfertig höher hinauf, um den Kreuzweg eher zu erreichen, als jener Reiter, der von der rechten Seite des Gebirges kam.

Sein Pferd strengte gleichsam die letzte Kraft an, um einem Stallcameraden entgegenzueilen, den es schon längst gewittert hatte.

Jetzt endlich wurde ein Reiter zwischen den Bäumen sichtbar und die Pferde blieben am Kreuzwege, wie auf Commando, stehen.

Verwundert blickten sich die beiden Reiter an.

»Curd, Du?» – »Robert, Du?« riefen sie gleichzeitig, laut auflachend und reichten sich brüderlich die Hände.

»Was tausend,« fragte Curd, immer spottbereit, seinem jüngsten Bruder gegenüber, »ich träumte, Du lägest im Arm der reichen Liebe oder im reichen Arm der Liebe?«

»Das kommt noch, Curd!« antwortete der Offizier gravitätisch. »Wohin willst Du aber? Quer über den Gebirgssattel? Diable, das würde ich meiner Penelope nicht zumuthen. Du ruinirst ja Dein Pferd!«

»Sorge nicht. Ich liebe meinen Ulyß, der sich mehr als menschenklug gezeigt hat, denn er witterte Deine Penelope schon vor einer Viertelstunde!«

»Natürlich. Die Pferde lieben sich. Wenn wir Menschen eben so instinctmäßig Diejenigen witterten, die wir lieben, so zöge Mancher nicht irrend im Lande umher,« scherzte der Garde-Lieutenant, indem er seinen Reitermantel, schauernd vor Frost, fester um sich zog.

Curd lachte, daß die Felsen wiederhallten.

»Bist Du noch immer auf der Brautfahrt nach der reichen Schönen?« fragte er.

»Ja freilich! Ich habe mir aber Zeit genommen!« referirte Robert. »Wohin willst Du, Curd? Die Pferde werden kalt, wenn sie hier stehen und wir holen uns ebenfalls den Schnupfen auf dieser vermaledeieten Felsenspitze. Ich reite ins Thal zum Doctor Harrach. – Wohin willst Du?«

Curd sah ihn frappirt von der Seite an.

»Ebenfalls zum Doctor Harrach,« erwiederte er trocken. »Was hast Du denn dort zu thun, kleiner Lieutenant? Hast Du die Schwindsucht?«

»Ja,« antwortete Robert lachend. »Im Beutel und im Herzen! Für beide organische Uebel soll sich im Hause des Doctors Harrach das probateste Heilmittel finden.«

»Doch nicht Deine reiche Schöne, die Dich hebt, wie Deine Herren Cameraden schwören?«

»Gerade die!« bestätigte Robert, selbstgefällig den üppigen Haarwuchs seines blonden Bartes zusammenwirbelnd.

Curd zog, ironisch lächelnd, die Lippen zusammen.

»Nun, folge mir! Ich kenne Deine schöne Dame von meiner Schweizerreise her. Der Zufall oder die türkische Himmelsfügung unsers Ahnherrn führte uns hier zusammen, um uns als Zwillingsgestirn ins Thalhaus zu werfen. Komm – ich reite voran, denn ich weiß hier Bescheid!«

»Ford're – befiehl! Ich folge! Lächle nur, wenn ich bebe!« recitirte Robert höchst vergnügt aus Mozart's »Titus«.

Die Brüder ritten weiter. Unter verschiedenartigen Empfindungen passirten sie die Höhe und lenkten nach kurzer Zeit ihre Pferde zum Thale hinab.

Erst im Thalwege ritten sie neben einander, gleich edel und elegant in der Haltung, sogar etwas ähnlich im Gesichte, aber innerlich, trotz der Charakterfehler Curd's, doch himmelweit verschieden. – Robert, ein Weltmensch durch und durch, dabei fade, eitel und frivol im höchsten Grade; Curd, gediegen in der Geistesbildung, praktisch und tüchtig zu jeder Lebensstellung, nur zu selbstsüchtig!

Unweit des Landhauses, welches einladend zwischen den entlaubten Buchen hervorlugte, hielt Curd sein Pferd an und wendete sich ganz herum zu seinem sorglos pfeifenden Bruder.

»Du beharrst auf Deinem Unsinn, eine fremde Dame mit Deiner Werbung zu überfallen?« fragte er mit spöttischem Ernst.

»Es ist mein wohlüberlegter Entschluß,« antwortete Robert kaltblütig. »Sie liebt mich!«

»Weil sie sich nach Dir umgesehen hat? Gut. Du wirst aber zwei Damen finden. Eine ist schön – die andere nur reizend!«

»Ich erkläre mich für den Ritter der Schönheit! Bist Du mit Deinem Herzen betheiligt, so rathe ich Dir, zu weichen!«

»Gut! Ich bin zufrieden damit,« entschied Curd, sein Pferd wieder in Bewegung setzend. »Unser Ahnherr muß doch wohl ein Türke gewesen sein,« setzte er gezwungen lachend hinzu, »denn sein Glaube spukt heute in unserm Geschicke. Es ist Alles Bestimmung in der Welt!«

Bella Guhrau, lange nicht so trostlos bei der erhaltenen Unglücksbotschaft als Antonie, stand am Fenster und sah den beiden Reitern entgegen. Sie bemerkte sehr wohl, mit welcher eleganten Zierlichkeit der jüngere der Reiter, welcher einen Offiziermantel trug, sie schon von fern begrüßte, während Curd, sonderbar bewegt, bei ihrem Anblicke seinen Gruß ganz vergaß.

Ganz vertieft in dem Gedanken, wen Herr Curd Bessano ihnen zuführen werde, wartete sie am Fenster ihrer Ankunft und benachrichtigte erst dann ihre Schwester Antonie von dem bevorstehenden Besuche, als die beiden Herren schon auf der Schwelle der Hausthür standen.

Dem Umstande, daß Antonie zu spät von der Ankunft der beiden Herren benachrichtigt wurde, war es zuzuschreiben, daß sie, freudig aus ihrer Trauer aufgeschreckt, etwas fassungsloser, als sonst, dem jungen Manne entgegentrat und sichtlich befangen ihre Blicke von ihm zu dem Offizier schweifen ließ, den Curd als seinen Bruder vorstellte.

Curd, erbittert von der Wahrnehmung ihrer reizenden Verlegenheit, fügte dieser Präsentation sofort bei: »Mein Bruder behauptet, von Ihnen gekannt, ja sogar der Gegenstand Ihrer auffallenden Aufmerksamkeit gewesen zu sein! Ist das wahr?«

Antonie hob erröthend ihr Auge zu Curd empor und entgegnete einfach:

»Ich hatte in einem Verkaufslocale gehört, daß dieser Offizier Ihr Bruder sei!«

Damit war sie denn doch hinlänglich entschuldigt in Curd's Augen, sollte man meinen. Aber nein! Er zürnte ihr, daß sie Augen für Robert gehabt hatte und wendete sich ausschließlich der Unterredung Bella's zu, es seinem Bruder versprochener Maßen überlassend, das Herz Antoniens mit stürmischen Werbungen zu erobern.

Naturen, wie Antonie, ertragen jedoch nicht die kleinste Zurücksetzung oder Nichtachtung.

Die junge Dame war gereizt durch ihren Kummer über das Unglück ihrer Freundin Fanny v. Espe, sie fühlte sich gekränkt von Curd – ihr Selbstvertrauen war gestört. Bei allen diesen Eindrücken öffneten sich plötzlich ihre Augen für eine Huldigung, die Alles übertraf, was sie in ihrem Verhältnisse zu Curd Beziehungsreiches und Verrätherisches erlebt hatte.

Ihr Gemüth empörte sich schon im Laufe der ersten halben Stunde, die sie unter der entwürdigenden Courmacherei Robert's verbringen mußte. Besonnen überlegte sie, was zu thun sei, um den schaalen Liebeserklärungen des dummdreisten Offiziers zu entgehen, der sich benahm, als wolle er huldvoll eine Liebe belohnen, die sich ihm schon in Aufmerksamkeiten verrathen hatte.

Besonnen beobachtete sie die verrätherische Hingebung Bella's bei den Huldigungen Curd's, nichts verrieth den vernichtenden Schmerz, den sie dabei empfand. Sie begrub ein Ideal, aber sie begrub es ohne Thränen. Sie zerstörte fest und entschlossen eine Illusion von Glück, die sie beseligt hatte. Jetzt verstand sie die Bemühungen des Doctors Harrach, der ihr durch die Enthüllung seiner Jugendgeschichte bewiesen hatte, daß des Mannes Sinne sehr leicht zu verlocken seien. Sie war treuherzig genug gewesen, darüber zu lächeln und an echte, wahre Liebe zu denken – jetzt aber begriff sie, daß die Treue und Wahrheit der Liebe wohl im Herzen der Frau, jedoch nicht in dem des Mannes niste.

Besonnen faßte sie einen Entschluß, der sie ohne Aufsehen ihrer peinlichen Lage entziehen konnte. Sie verließ das Zimmer. Daß ihr die Augen Curd's beklommen folgten, sah sie nicht und hätte sie es bemerkt, so würde es ihren Vorsatz eher beschleunigt als umgestoßen haben. Sie hätte in der Empörung ihres Gemüthes keine Rücksicht auf den Mann genommen, der sie durch die Wankelmüthigkeit seiner Empfindungen beleidigte, der sie dadurch verrieth, daß er sie den faden Schmeicheleien seines Bruders überantwortete.

Sie verließ das Zimmer, ohne mit einem Zucken ihrer Wimper den tobenden Sturm zu enthüllen, welcher ihr ganzes Wesen in Aufruhr brachte.

Aber sie kam auch nicht eher wieder, bis der Doctor Harrach von seinem Krankenbesuche heimgekehrt war.

Während dieser Zeit hatte sie Alles zu ihrer Abreise angeordnet, hatte ihrem Kutscher Befehle zur Abfahrt ertheilt und mit Hülfe ihrer Duenna die Koffer gepackt.

Mit dem alten Herrn zugleich trat sie in das Wohnzimmer zurück, wo sich Bella inzwischen in dem Lieutenant Bessano einen neuen Verehrer erworben hatte.

Curd stand nachdenklich am Fenster, als sie, ungesehen von ihm, auf der Schwelle erschien.

Er hatte jeden Falls eine Lection über das eigentliche Wesen Bella's erhalten und trug die verdiente Demüthigung, dem uniformirten Jünglinge nachgesetzt zu werden, mit ernster Würde.

Doctor Harrach hatte die bepackte Equipage Antoniens im Hofe bemerkt und platzte unverweilt mit dem Rufe ins Zimmer: »Also Sie wollen wirklich noch heute abreisen, Antonie?«

Wie ein Donnerschlag fielen diese Worte auf die Versammlung, höchst verschiedenartige Gefühle erzeugend.

Doctor Harrach begrüßte den Bruder Curd's, als unerwarteten Gast, sehr flüchtig und oberflächlich und wendete sich dann ausschließlich an Antonie, ihr das Nutzlose einer beeilten Rückreise auseinandersetzend.

»Wozu sich in die Lamentationen einer unglücklichen Mutter hineinstürzen, wenn man nicht helfen kann?« fragte er endlich, als die junge Dame fest darauf beharrte, zu ihrer Freundin reisen zu wollen, die so schwer vom Schicksal heimgesucht worden war. »Es wird wieder schlaflose Nächte geben! Traurige Tage und schlaflose Nächte, das paßt gerade für Sie!«

»Dulden Sie doch nicht, daß Ihre Schwester ihren Eigensinn durchsetzt«, mischte sich der Lieutenant, zu Bella gewendet, ein.

»Meine Schwester ist Herrin ihres Geschickes,« entgegnete Bella in verdrießlichem Tone. »Sie hat das Recht zu handeln, wie es ihr beliebt!«

»Haben Sie nicht gleiche Rechte mit Ihrer Fräulein Schwester?« fragte Curd, der dunkel fühlte, daß Antoniens Entschlüsse an seinem Betragen gereift waren.

»O ja, gleiche Rechte wohl,« war Bella's schnippische Antwort, »aber nicht gleiche Mittel. Wir sind Stiefschwestern, und ich hänge ›von der Gnade meiner reichen Schwester‹ ab!« fügte sie erklärend hinzu, als sie Curd's verwundertem Blicke begegnete.

Antonie erröthete, als sei sie auf einem Verbrechen ertappt.

»Hättest Du gesagt: ›von der Liebe meiner Schwester,‹ so würdest Du die Wahrheit gesprochen haben,« sagte sie sanft und mit thränenumschleiertem Auge.

Ein feierliches Stillschweigen folgte diesem schwesterlichen Disput.

Was Curd auch denken und erkennen mochte, zum Handeln war es nun zu spät. Seine Ehre schloß ihm den Mund, auch wenn es reuige Selbstanklagen gewesen wären, die auf seinen Lippen zitterten. Sein Glück schien verscherzt auf ewig! Er gab es wenigstens verloren, indem er zwei Stunden später dem fortrollenden Wagen nachsah, der Antonie seinen Blicken entführte.

*

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