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Novellen. Dritter Band. Die Maske des Reichthums

Luise Reinhardt: Novellen. Dritter Band. Die Maske des Reichthums - Kapitel 3
Quellenangabe
authorErnst Fritze
titleNovellen. Dritter Band. Die Maske des Reichthums
publisherCarl Rümpler
year1863
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171121
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Zweites Capitel.
Rettungsversuche.

Als die endlosen Condolenz-Visiten, die sich häufig ganz harmlos mit einer Gratulation zum Antritte einer so reichen Erbschaft schlossen, vorbei waren, trafen die Brüder Anstalten, ihre Pläne in Ausführung zu bringen.

Sie verließen verabredetermaßen die Residenz an einem Tage und zwar Victor, der Jurist, am frühen Morgen, um sich nach Schloß Espenberg zu begeben, und Robert, der Offizier, Mittags, ganz kampfgerüstet den Weg nach dem Gebirge einschlagend, woselbst er die Dame zu finden meinte, die von seiner Werbung beglückt werden sollte. Curd ritt erst spät fort. Er hatte sich nicht eher vom Vaterhause trennen mögen, als es Noth that und Walbeck, wohin er für's Erste seinen Weg nahm, war in einer Stunde zu erreichen.

Herr Victor Bessano reiste der Klugheit gemäß mit dem ganzen Pompe eines reichen Mannes. Vier schneeweiße Pferde, prachtvoll geschirrt, zogen die elegante Reisechaise, ein Bedienter, in Trauergalla, träumte auf seinem Sitze von goldenen Bergen und ein starkbärtiger Kutscher schätzte sich Phöbus, dem Sonnengotte, gleich.

Innen im Wagen aber saß ein blasser, ernster Mann, der sich auf sein erstes Schauspieler-Debut präparirte, welches die Verhältnisse nöthig machten. Es war eine Rolle, die er auswendig lernte, worin er aber unausbleiblich Fiasco machen mußte, wenn die Stichwörter ausblieben, die er sich, hoffnungsreich, vorstellte.

Des Herbstes letztes, heiteres Sonnenglühen spielte in den buntgefärbten Blättern der Bäume, welche zu beiden Seiten der Chaussee entlang standen, worauf Victor Bessano's Wagen dahinrollte. Sein Weg führte meilenweit durch eine reiche Ebene, welche von einem mächtigen Strome getrennt wurde. Reger Verkehr auf dem Flusse und das Wogen des Geschäftslebens auf der Heerstraße fesselte zuletzt die Gedanken des jungen Juristen und führte ihn zu anderweiten Ideen.

Aus der hoheitsvollen Stille seiner Vaterstadt entfernt, wo jeder Straßenjunge wußte, daß er der Sohn des reichen Bessano war, verflog das Drückende seiner schmerzlichen Erfahrungen und er begann aufzuathmen. Was lag daran, wenn er arm eine Laufbahn in fremder Umgebung, fern vom kleinen Reich, wo er geboren war, begann? Kaum vier Meilen von seiner Vaterstadt mit ihren Coterieen kannte ihn kein Mensch, beachtete ihn Niemand. Gleichgültig gingen die Leute an ihm vorüber, kaum mit neugierigem Lächeln sein elegantes Reisefuhrwerk betrachtend.

Der erste Hauch einer richtigen Lebensphilosophie hob seine Brust und beseelte ihn zu einem Kampfe mit den Vorurtheilen der kleinen Welt, in der er zu dominiren gewohnt gewesen war.

Victor Bessano's Muth sank wieder, als er gegen Abend dem Ziele seiner Reise nahete und das Schloß Espenberg in seiner alterthümlichen Pracht vor seinen Blicken da lag. Im Nu stieg das Gespenst seiner verlorenen Macht und Größe wieder in ihm auf und regelte seine Haltung und Miene.

Eine Todtenstille im Schloßhofe empfing den unerwarteten Besucher.

Die nöthige Bedienung kam erst träge herbei, als schon der Wagen, donnernd in fliegendem Galop, den weiten Raum durchkreiset und beim hohen Portale vorgefahren war.

Die Dienerschaft war ebenfalls in Trauer.

Ein leichter Schreck durchfuhr Victor's Brust. Sollte der Graf das Zeitliche gesegnet haben, so fielen seine Versuche in Nichts zusammen.

Der Graf Espe war zwar ein Mann in seinen besten Jahren, allein von sehr zweifelhafter Gesundheit, und daß der Tod bisweilen unerwartet eintrat, das bewies ja seine eigene Erfahrung.

»Melden Sie mich!« befahl Victor, mit einiger Unsicherheit, dem herantretendem Diener.

»Der Herr Graf nehmen noch keine Visiten an,« erwiederte der Lakai sehr artig.

»Wen betrauern Sie?« fragte nun erleichtert der junge Mann.

»Unsere Frau Gräfin ist vor vierzehn Tagen im Wochenbette verstorben!«

»Bedaure! Aber mich führt ein Geschäft zum Grafen. Melden Sie den Hofgerichts-Assessor Bessano und sagen Sie, unabweisliche Geschäfte nöthigten mich, zu stören!«

Der Bediente ging, kam sogleich wieder und lud Victor ein, ihm zu folgen.

Durch eine Reihe öder, dicht verhangener Zimmer gelangte Victor endlich in ein großes Gemach, in welchem Graf Espe mit starken Schritten hin- und herging.

So wie sich die Flügelthür öffnete, blieb er unweit derselben stehen und blickte dem Eintretenden scharf entgegen. Er sah bleich und verfallen, krank und düster aus.

Victor hatte wenig Hoffnung auf Erfolg, als er dieser nur noch halb der Erde angehörenden Gestalt gegenüberstand. Was galt einem solchen Manne der Luxus und die Eleganz eines Hauses, das er ehemals so sehr bewundert hatte?

»Was führt Sie zu mir, Herr Bessano?« fragte der Graf, mit einer Handbewegung zum Sitzen einladend.

»Ein letzter Wille meines verstorbenen Vaters, Herr Graf,« antwortete Victor schnell entschlossen seine eingelernte Rolle ändernd, um gerade auf sein Ziel loszusteuern.

»Ist Ihr Vater, der liebenswürdige Commerzienrath, todt?«

»Seit vier Wochen, Herr Graf … Auch Sie haben einen Todesfall zu beklagen!«

»Schweigen wir davon! Die rächende Nemesis schenkte mir ein viertes Töchterchen und ließ meine gute Frau dann sterben. Schweigen wir davon!« stieß der Graf hervor und ein bitteres Lachen schloß diese seltsame Eröffnung.

Victor sah ihm theilnehmend ins Auge. Der Mann vor ihm trug auch noch ein anderes Leid, wie den bloßen Schmerz um eine verlorne Gattin.

Las der Graf etwas von dieser Anerkennung in Victor's Auge oder war es ihm eine Nothwendigkeit geworden, endlich den Groll gegen des Schicksals Tücke auszusprechen, genug, er faßte des jungen Mannes Hand und rief: »Begreifen Sie denn, was es heißt, am Rande eines Lebens stehen und mit dem Bewußtsein zurückblicken zu müssen, daß nichts gegen Gottes Gerechtigkeit und gegen seinen Willen zu machen ist? Sehen Sie mich an, wenn Sie zweifeln wollen, daß dergleichen Exempel auf der Welt statuirt werden. Ich erliege nun meinem Geschicke. Vielleicht führte Sie Gott her, daß Sie mir rathen und helfen können.«

»Ich stehe Ihnen mit aller Ergebenheit zu Diensten, Herr Graf,« erwiederte Victor, ergriffen von der wilden, verzweiflungsvollen Bitterkeit, womit der Graf sprach.

»Tragen Sie mir zuerst Ihr Anliegen vor,« bat der Graf, »nachher beichte ich.«

»Mein Geschäft ist sehr bald abgemacht,« erklärte Victor, indem er das Document aus der Brusttasche zog, welches die Anrechte des Grafen auf sein Vaterhaus bekundete. »Sie werden sich erinnern, Herr Graf, daß Sie sich in den Besitz meines väterlichen Hauses zu setzen, daß Sie es mit der ganzen Einrichtung zu übernehmen wünschten …«

Der Graf unterbrach ihn hastig. »Nicht doch! Nicht doch! Junger Freund, tragen Sie keine Sorge! Es war in der Weinlaune, nach einem solennen Frühstück, das Ihr liebenswürdiger Papa trefflich arrangirt hatte. Ich deprecire, ich mache meine Ansprüche durchaus nicht geltend. Bleiben Sie ruhig im Besitze. Ich bin nicht mehr in der Laune, den Lebemann zu spielen und meinen Wohnort nach Einfällen zu verändern. Ich sarge mich ein in diese alten Mauern und spiele bis an meines Lebens Ende, das nur bald erfolgen möge, mit den niedlichen Puppen, die mir meine Frau, meine gute Meta, hinterlassen hat.«

Da saß Victor mit all' seinen Plänen und hörte, sprachlos vor Schreck, daß sein Document allen Werth verloren hatte. Seine Hand mochte von den Gemüthsbewegungen, die ihn bei der Aussicht auf eine von allen Subsistenzmitteln entblößte Zukunft überwältigten, wohl ergriffen werden und ihr Zittern dem Papiere mittheilen, wenigstens haftete des Grafen Blick plötzlich, an dem Documente und glitt dann vorsichtig hinauf bis zu dem Gesichte seines Besuchers, das sich verstört und sichtlich bekümmert erwies, als er flüsterte:

»So bleiben wir drei Brüder denn Ihre Schuldner bis auf Weiteres!«

»Meine Schuldner?« wiederholte der Graf, weichmüthiger als sonst gestimmt. »Ich habe meines Wissens nichts von Ihnen zu fordern, mein Herr!«

Victor blickte frappirt auf. »Nach diesem vorgefundenen Papiere haben Sie zehntausend Thlr. Angeld bezahlt, um des Besitzes bei vorkommendem Verkaufe sicher zu sein.«

»Das ist sicherlich ein Irrthum!« sprach der Graf. »Es mag dergleichen im Werke gewesen sein –« fügte er zögernd hinzu. »Wie gesagt – wir hatten stark dejeunirt – Ihr liebenswürdiger Papa war dann gewöhnlich in der splendidesten Laune – er war ungeheuer leichtsinnig mit seinen Ausgaben …« Der Graf stockte und legte, verlegen um milde Wahrheitsworte, seine Hand gegen die Stirn.

Victor errieth die edle, großmüthige Absicht des Grafen. Sein Herz fühlte sich hingezogen zu dem Manne, den er eigentlich wenig kannte, es drängte ihn, die Wahrheit seiner Lage zu enthüllen und Hülfe von ihm zu fordern.

Ehe Victor dazu kam, sein Gefühl in Worte zu kleiden, begann der Graf von Neuem:

»Vertrauen um Vertrauen, lieber Bessano! … Hat Ihr Vater sich ruinirt?«

»Ja! Er ist fertig gewesen mit einem Vermögen von vielen Millionen, als er starb.«

»Und ich habe ihm redlich dabei geholfen, mein junger Freund,« erklärte Graf Espe, schmerzlich lächelnd. »Seien Sie ruhig. Ich helfe Ihnen! Aber dafür helfen Sie auch mir! Wollen Sie?«

Er hielt ihm seine Rechte hin. Victor sah ihn offen an.

»Ich verspreche zu helfen, wenn ich kann, aber ich muß erst wissen, was Sie von mir verlangen, ehe ich meinen Handschlag gebe.«

»Recht so. Nun hören Sie. Espenberg ist Majorat.«

»Ich weiß es! Ich weiß auch, daß der Fürst, um Ihre Verdienste zu belohnen, Sie vor vier Jahren in den Grafenstand erhoben hat.«

»Wissen Sie denn auch, wie ich zu dem Majorate gekommen bin?« fragte der Graf.

»Nein,« sprach Victor überrascht. »Waren Sie nicht der richtige Descendent?«

Der Graf schüttelte ernst den Kopf.

»Nach dem Seniorate succedirte ein Herr Eberhard v. Espe, wohnhaft in Hamburg, ein Kaufmann erster Größe, ein Mensch aller Ränke voll, dabei häßlich wie ein Pavian, roh, geizig und unedel bis zum Herzenskern. In seinen Händen die Familienbesitzthümer zu wissen, war dem Baron Valerian, meinem Vorgänger und Schwiegervater, ein quälender Gedanke. Genug, er spannte alle Segel auf, um dies abzuändern, und es gelang ihm, vom Fürsten die Erlaubniß zu erhalten, mit Genehmigung sämmtlicher Agnaten, seine Tochter Meta durch Verheirathung mit einem der nächsten Stammverwandten im Majorate zu befestigen. Aber die Sache hatte ihre Schwierigkeiten. Wir Vettern Espe, von diesen Maßregeln und Bemühungen nicht in Kenntniß gesetzt, hatten uns allzusammen während der schwebenden Frage verheirathet. –«

Victor blickte aufmerksamer zu dem Grafen auf, als dieser schwieg, in Nachdenken versunken vor sich hinstarrte und dann mit verändertem Ausdrucke, abgerissen, sichtlich peinlich bewegt, fortfuhr:

»Was könnte es helfen, wenn ich Ihnen nur halbes Vertrauen schenken wollte, da ich Sie zu meinem Rechtsbeistande zu wählen im Begriffe bin. Also Wahrheit! Ich bin ein toller Bursche gewesen, mein Lebelang, Herr Bessano. Ich hatte mich, schon sechsunddreißig Jahre alt, rasend in ein reizendes Mädchen von sechszehn Jahren verliebt und da sie reich genug war, um einen in Schulden steckenden Rittmeister heirathen zu können, so wurde sie meine Frau, ohne daß ich nöthig gehabt hätte, irgend Jemanden darüber zu befragen. Meine kleine, hübsche Fanny war aber nicht so sanft und fügsam, wie ich mir ein sechzehnjähriges Kind gedacht hatte. Sie verlangte als meine Gattin für das Geld, das sie mir opferte, und für das Herz, welches sie mir widmete, meine reine Treue, und die konnte ich ihr nicht halten.«

Victor machte ein so unzweifelhaft mißbilligendes Gesicht, daß der Graf unwillkürlich inne hielt.

»Wie alt sind Sie denn, mein junger Freund?« fragte der Graf nach einer Pause.

»Dreißig Jahre!« war Victor's kurze Antwort.

»Viel Romantik für solch' Alter,« antwortete der Graf mit einem Anfluge von Spott. »Sie finden die Ansprüche gerecht, die meine junge Gemahlin an meine Treue machte?«

»Allerdings,« entgegnete Victor kühl.

»Danach also tadeln Sie mich, daß ich mein wildes Treiben nicht einzustellen vermochte? Es mag sein, daß ich zu tadeln war. Ich gebe zu, ein Taugenichts gewesen zu sein, der von jedem Grübchen, von jedem braunen Auge in Flammen gesetzt wurde. Allein es war ein seltsam heißes, schönes Leben, das ich damals in vollen Zügen genoß, und ich bereue nichts davon.«

»Selbst nicht, daß Sie die Liebe Ihrer Frau Gemahlin darüber verloren?« wagte Victor zu fragen.

»O Gott bewahre! Die Sache mit der trotzigen Fanny wurde mir langweilig, noch ehe mein Junge geboren wurde. Sie blieb in Peerau, ihrem Besitzthume, und ich ging in meine Garnison. Damals war es, wo ich einen Brief von meinem Vetter und Pathen, dem Baron Valerian v. Espe, erhielt. Er forderte mich zu einem Besuche auf Schloß Espenberg auf und als ich hier ankam, trug er mir ohne Weiteres seine Tochter Meta nebst der Aussicht auf's Majorat an.«

»Wußte der Baron, daß Sie verheirathet waren?« fragte Victor frappirt.

Graf Valerian zögerte mit der Antwort, sagte aber dann kurz:

»Ja wohl! Er glaubte mich aber von meiner Frau schon wieder geschieden. Genug – Herr Bessano – ich wurde, wie Sie sich aus meiner gegenwärtigen Lage überzeugen, der Gatte meiner Cousine Meta, nachdem meine Ehe mit Fanny getrennt worden war, und eröffnete damit eine neue Majoratsstammlinie. Leider wird sie sich auch mit meinem Namen schließen, und Vetter Eberhard steht triumphirend auf der Lauer und wartet auf meinen Tod, um dann dennoch den Platz einzunehmen, der ihm, das gestehe ich zu, von Rechtswegen zukommt. Ein einziger Ausweg ist vorhanden, seine Triumphe zu durchkreuzen und dabei können Sie mir helfen.«

Bei den letzten Worten war ein Diener ins Zimmer getreten, dem man augenblicklich ansah, daß er nicht zu dem gewöhnlichen Dienertrosse gehörte. Es war der Jäger des Grafen, der zugleich eine Art Inspector des ganzen übrigen Hauspersonals bildete.

Er verneigte sich sehr anständig und fragte den Grafen in französischer Sprache nach Befehlen für die Bewirthung und Unterbringung seines Gastes.

Victor antwortete sehr schnell, ehe der Graf das Wort ergreifen konnte und erklärte, sofort wieder abreisen zu wollen, sobald sein Geschäft bei dem Herrn Grafen zu Ende sei. Seine Leute hätten darüber gemessene Befehle.

»Gestatten Sie einem alten Bekannten Ihres seligen Vaters einmal einen Widerspruch und eine Verfügung über Ihre Person,« fiel Graf Valerian würdig lächelnd ein. »Sie bleiben bei mir und Ihr Postzug wird hoffentlich ebenbürtige Gesellschaft in meinem Marstalle finden. Sorgen Sie für Alles, Görrink,« wandte er sich zum Jäger, »und lassen Sie zuvörderst hier einige Erfrischungen serviren.«

Der Jäger ging, warf aber einen so auffallend schlau forschenden Blick auf Victor, der ihn gerade noch auffing, daß der junge Jurist betroffen hinter ihm herblickte.

»Erlauben Sie mir eine Frage, Herr Graf,« sagte er mißtrauisch gemacht, »darf dieser Görrink hören, was Sie mir so eben mitgetheilt haben?«

»Warum? Ich glaube nicht, daß es mir Schaden bringen könnte, wenn die ganze Welt das erführe, was ich gesagt habe. Sie sind Jurist und als solcher von Berufswegen mißtrauisch. Allein auch ich gebe nichts auf die Treue eines Dienstboten. Sie dienen für Geld Jedem, und wenn sie nicht stehlen wie die Raben, so hat man einen Glücksgriff gethan.«

»Wollen Sie mir nun gütigst auseinandersetzen, wodurch ich Ihnen helfen könnte,« fragte Victor, auf's Aeußerste gespannt, was der Graf Espe von ihm verlangen würde.

»Es giebt einen einzigen Ausweg, sagte ich vorhin,« sprach Graf Valerian leiser, denn Görrink schien sich abermals dem Eingang des Zimmers zu nähern. »Gelingt es mir, meinen Sohn erster Ehe von Fanny zu erhalten, so hoffe ich in Anbetracht des tiefen Widerwillens gegen den Herrn Eberhard von Espe, sämmtliche Agnaten bereden zu können, daß sie ihn succediren lassen.«

»Und Sie meinen, daß Ihre erste Frau Gemahlin sich dem Glücke Ihres Sohnes widersetzen werde?« fragte Victor etwas ungläubig.

»Ganz gewiß thut sie das, eben, weil sie es für kein Glück hält, daß ihr Sohn mein Sohn ist!« rief Graf Espe. »Es war die einzige Clausel bei den Ehescheidungsbedingungen, die sie machte, daß ich jedes Recht, jeden Anspruch auf den Knaben verlieren müsse, daß der Knabe bis zu seinen reifern Jahren glauben solle, sein Vater sei todt.«

Victor wiegte sonderbar bewegt sein Haupt. Wie tief und bitter mußte die Frau ihren Gatten gehaßt haben, daß sie so etwas fordern konnte!

»Die Noth drängt mich, zu handeln, junger Freund. Meine zweite Gattin ist dahin. Vier Töchter verloren in ihr die gütigste Mutter – ich begrub mit ihr die Hoffnung auf einen Majoratserben. Wollen Sie es übernehmen, meiner ersten Frau die Verhältnisse klar vorzustellen und sie auch auf die Vorzüge und Vortheile einer Weltstellung aufmerksam zu machen, die ich unserm Knaben damit verschaffe, wenn ich ihm, als Graf Arnold v. Espe, zum Majorate der Herrschaft Espenberg verhelfe? Sagen Sie ihr, daß die Bahn zu den Verhandlungen darüber schon eröffnet wäre, daß man überall geneigt sei, gegen gewisse Entschädigungen, dem Herrn Eberhard Espe, dem sogenannten Samiel der Familie, das Prävenire zu spielen. Sagen Sie ihr, daß ihr Sohn Arnold bis zu seinem zwölften Jahre bei ihr bleiben könne, daß ich weit entfernt wäre, sie ihres Kindes zu berauben – genug, bieten Sie Ihre ganze Beredtsamkeit auf, um mir das Recht zu verschaffen, über das Schicksal Arnold's verfügen zu können. Gelingt Ihnen das Werk, so kaufe ich als Recompense Ihr väterliches Haus für fünfzigtausend Thaler, wie es steht und liegt.«

Ein ironisches Lächeln überzog Victor's Gesicht. Lieber Gott, wer ihm vor einem Vierteljahre solche Propositionen gestellt hätte! Aber die Noth erforderte eine Ueberlegung dieses Anerbietens.

Nach einer Pause erwiederte Victor mit freiem, offenem Wesen:

»Herr Graf – Vertrauen um Vertrauen! Meine Lage heischt es, daß ich Bedingungen mache. Sie kaufen mein väterliches Haus und zwar auf jeden Fall und mit einer Baarzahlung von zehntausend Thalern sogleich!«

Graf Valerian hob seinen Kopf sehr vornehm und würdevoll empor, indem er seinen Gast von oben herab betrachtete. Man sah, daß er eine bittere Abweisung auf den Lippen hatte. Aber er zögerte, sie auszusprechen. Die Noth erforderte ebenfalls von ihm eine Ueberlegung dieser Anforderungen.

»Was soll ich denn mit Ihrem väterlichen Hause, junger Mann?« stieß er ärgerlich heraus. »Sehen Sie denn nicht, daß ich ehestens in die Gruft meiner Väter wandern muß? Ich bin ein verlorener Mann, Freund Bessano, und werde fürder kein Vergnügen auf der Welt suchen, das mich aus der Ruhe der Todesvorbereitungen aufstört.«

»So weit sind Sie noch nicht, Herr Graf,« antwortete Victor mit ermunterndem Blicke. »Ihre Todesgedanken entspringen aus der Todesfurcht, die jeden Menschen überschleicht, wenn er unerwartet Einen seiner Lieben hat begraben lassen müssen. Ermannen Sie sich nur. Verlassen Sie dies Schloß, worin der Hauch der trüben Erinnerung weht. Siedeln Sie über in eine Umgebung, die heitere Bilder weckt. Es ist mein Vortheil, wenn Sie sich unter diesem Umstande in Besitz meines Vaterhauses setzen. Man wird kein Arg haben, wird ohne Mißtrauen dies Besitzthum in Ihre Hände übergehen sehen, wird es natürlich finden, daß wir Ihnen, da Sie der Zerstreuung bedürftig sind, Gelegenheit geben, Ihren Wohnort ohne die mindeste Unbequemlichkeit verändern zu können. Sie sehen, ich bin speculativ und mache aus der Noth eine Tugend. Uns fehlen nach dem Tode meines Vaters die Subsistenzmittel – Ihnen fehlt nach dem Tode Ihrer Gemahlin die nöthige Seelenruhe. Kaufen Sie mein Haus, so finden Sie vielleicht das, was Ihnen mangelt – wir aber sind im Stande, vor der Welt das Andenken an unsern Vater heilig zu halten. Kein Mensch weiß, wie gänzlich mein seliger Papa, aufgeräumt hat, nur Ihnen, Herr Graf, schenke ich Vertrauen –«

»Gut, so will ich es auch verdienen!« unterbrach ihn, wie neu belebt, Graf Valerian. »Es war mir bei der Meldung Ihres Besuches sogleich, als könnten Sie mir Trost und Hülfe bringen. Ich will diesen Gedanken festhalten. Ich kaufe Ihr Haus mit der ganzen brillanten, fürstlich noblen Einrichtung für fünfzigtausend Thaler, wie ich's vorhin gesagt habe, und gehe auf die Anträge ein, die Sie stellen. Sterbe ich, was trotz Ihrer Trostgründe doch möglich bleibt, so mag das Haus meinen kleinen Töchtern zufallen, so mag es denen eine Zuflucht sein, wenn mir mein Plan mit dem Majorate mißglücken und Herr Eberhard die armen Würmer aus der Espenburg vertreiben sollte. Ein hinreichendes Capital zu ihrer Verpflegung und späteren Lebensstellung habe ich nach dem ausdrücklichen Wunsche meiner verstorbenen Frau schon längst sicher gemacht. Ich werde dies Capital vergrößern, damit meine kleinen Puppen standesgemäß leben können. Thun Sie nun das Ihrige, um meinen Sohn Arnold in meine Hände zu bringen … Sie lächeln sehr zuversichtlich, mein Herr Bessano, aber die Sache wird mehr Schwierigkeiten haben, als Sie sich einbilden. Geben Sie Acht und präpariren Sie sich tüchtig. Sie kämpfen mit einer Tigermutter.«

»Aber doch mit einer Mutter, Herr Graf, und jede Mutter wird gewiß das Glück ihres Kindes lieber fördern, als verhindern.«

»Es kommt nur darauf an, was der Mensch ›Glück‹ nennt,« meinte der Graf.

»Sie müssen seltsame Erfahrungen durch Ihre erste Frau Gemahlin gemacht haben.«

»Es ist eine Löwen-Natur in dieser Dame,« antwortete der Graf, unbehaglich sein spärlich werdendes Haupthaar zurecht streichend. »Sie ist die Einzige gewesen, die mir das ins Gesicht zu sagen wagte, was tausend andere verlassene Schönen mir vielleicht hinter dem Rücken nachzusagen Ursache hatten. Sie wird Ihnen gegenüber nicht sparsam mit Verwünschungen meiner Person sein. Es mag d'rum sein. Des Zweckes willen stürze ich mich nochmals in die Wellen ihres Zornes. Wie kann eine Frau die Selbstverleugnung von uns verlangen, die uns in unsern reizendsten Lebensgenüssen beeinträchtigt. Treue – reine Herzenstreue – himmlischer Unsinn – wozu gäb's wohl so viel schöne Weiber in der Welt, wenn man sich mit den kühlen Liebkosungen einer einzigen begnügen sollte? Das sind Ihre Grundsätze nicht, lieber Bessano?« fragte Graf Valerian leichtfertig lachend, als er einem Unwillen verrathenden Blicke des jungen Mannes begegnete. »Sie haben sich wahrscheinlich vorgenommen, Ihrer Herzenserwählten unschuldig treu zu bleiben? Ein langweiliges Vergnügen, liebster Freund, das sich wohl für meine Jahre und für meine abgestumpften Sinne paßt, aber nicht für die frische Jugendlichkeit Ihres Wesens. Wenn ich 'mal sterbe, so habe ich gelebt, Sie aber haben nur geträumt!«

»Der Traum genügt mir!« lautete Victor's kalte Antwort. »Lassen Sie uns zu unserer Geschäftsfrage zurückkehren. – Um mich zu überzeugen,« fuhr Victor fort, »daß ich meine Sendung an Ihre Frau Gemahlin auf dem Wege Rechtens beginnen kann, muß ich eine Einsicht der Papiere verlangen, die für die Erreichung Ihres Zweckes sprechen.«

»Ja wohl! Ich werde Ihnen das Archiv öffnen, worin sich alle früheren Correspondenzen finden, die damals mit meiner Verheirathung endeten. Meine Privat-Correspondenz seit dem Tode meiner guten Meta finden wir hier. Sie mögen dieselbe zur Vervollständigung mitnehmen. Morgen früh erwarte ich noch eine ausführliche Antwort von dem Senior der Agnaten. Er hatte eine Conferenz anberaumt, um mein Testament, dessen Entwurf ich eingesendet, zu prüfen. Sie sehen, daß Sie zu keiner geeignetern Zeit eintreffen konnten. Wie gerufen – wie gesendet vom Himmel zu meinem Beistande!«

»Diesen Beistand hätte Ihnen jeder Advocat geleistet, in so fern er vereinbar mit seinem Gewissen war,« entgegnete Victor heiter. »Mir müssen Sie ihn theuer genug bezahlen!«

»Lassen Sie es gut sein,« scherzte Graf Valerian, gleichfalls erheitert, »ich habe etwas für mein Geld! Die Gemälde Ihres Vaters sind allein dreißigtausend Thaler werth und Sie hätten mehr dafür bekommen bei einer systematischen Versteigerung.«

»Das weiß ich!« war Victor's Antwort. »Allein eine Auction würde, selbst im günstigsten Falle, eine ungeheure Verwunderung zu Wege gebracht haben und nach jeder großen und allgemeinen Sensation erwacht die menschliche Schlauheit mit ihren Combinationen. Vermuthungen würden nicht ausgeblieben sein und das Geheimniß unserer Armuth wäre von Mund zu Mund geschlichen. Das wollen wir vermeiden, Herr Graf. Mit Ihrer Hülfe wird es uns gelingen, das Aufsehen einer plötzlichen Niederlage zu umgehen.«

»Wenn ich länger leben bleibe, als ich jetzt zu glauben berechtigt bin, mein bester Bessano, so werde ich dem Zufalle, der mir unerwartet zum Besitze Ihres Vaterhauses verhalf, danken müssen. Es war längst mein Wunsch, die Winter-Saison in der Residenz zu verleben, aber bis jetzt scheiterte derselbe immer an dem Umstande, daß mir ein hinreichend standesgemäßes Quartier fehlte. Dem ist nun abgeholfen. Wir sind uns also gegenseitig dankbar verpflichtet.«

Das Gespräch wendete sich von diesem Augenblicke an auf rein geschäftliche Dinge.

Victor entwarf einen Kauf-Contract, während Graf Valerian die nöthigen Documente aus dem Archiv herbeischaffte, und als alle diese nothwendigen Vorbereitungen beseitigt waren, speisten die beiden Herren zu Abend.

Sie trennten sich weit später, als sie Beide gedacht hatten.

Graf Valerian fand Wohlgefallen an der ruhigen Männlichkeit des jungen Bessano, der das leibliche Gegentheil seines quecksilbernen lebendigen Vaters war. Seiner leidenschaftlichen Natur war eine Geduld und Resignation, wie Victor bei diesem ersten ernsten Ereignisse seines Lebens bewies, ein Räthsel, welches ihn mächtig interessirte.

Zuerst hielt er sein Benehmen für erheuchelt und suchte ihn durch allerlei Wendungen des Gespräches aus dem Gleichgewichte zu bringen. Es gelang ihm nicht.

Victor hörte mit derselben Seelenruhe auf die Aeußerungen des Grafen, wenn sich die übermäßig sinnliche Phantasie desselben auf Bahnen bewegte, die aufregend wirkten, wie auf die Schilderungen seines jetzigen zerstörten Lebensglückes. Selbst auf die directe Frage desselben, ob er noch niemals verliebt gewesen sei, antwortete er im gemüthlichsten Tone, daß er fast auf jedem Balle sein Herz an die Schönste des Festes verloren und rasend geschmachtet habe.

»Aber meiner Natur sagt die süße Unruhe der Liebe nicht zu,« fügte er diesem Geständnisse bei. »Ich habe meinen seligen Papa nie begreifen können, wenn er für einen weiblichen Fuß oder für eine weibliche Hand schwärmte. Damit will ich jedoch keineswegs behaupten, daß ich unempfänglich für weibliche Reize sei. Mich kann ein junges, eben erblühendes Mädchen in Begeisterung versetzen, die reizende, schüchterne Weichheit der Jugend entzückt mich und das erwachende Leben in solchem Herzen weckt meinen Herzschlag ebenfalls. Wie bald fliegt aber dieser Reiz von einem Mädchen, das die Weltbühne mit Siegestriumphen überschreitet! Die jungen Damen werden eroberungssüchtig, so wie sie gesehen haben, daß sie Jemand entzücken können. Ein einziger auffordernder Blick macht mich dann steinkalt.«

»Sie Thor! o Sie Thor!« rief Graf Espe. »Ohne genippt zu haben? Ohne dies junge Herzchen in brausende Gährung zu bringen, wenden Sie sich? Wer wird an einer Blume vorüber streifen, ohne sie mit glühendem Blicke an sich zu fesseln versucht zu haben? Darin besteht ja des Mannes köstliches Vorrecht, jedes unentweihete Leben für einen Moment an sich zu reißen, den ersten Blick beim Erwachen aus der Kinderwelt auf sich zu locken … Mein Freund, leben Sie, wie ich gelebt habe, dann wird es Ihnen nicht leid sein, dies Jammerthal durchschritten zu haben.«

»Kannte Ihre verstorbene Frau Ihre Principien?« fragte Victor.

»Ja. Sie kannte und tolerirte sie. Nach meiner bittern Erfahrung in der ersten Ehe fiel die Nachsicht und Güte meiner guten Meta wie Paradiesesfrieden auf mein Herz … Lieben Sie die Jugend und Schönheit – heirathen Sie aber um Gottes willen nur ein geprüftes Weib! Das Romanen-Elend einer Ehe geht über Höllenpein!«

Victor blickte rasch zum Grafen auf. Sein Auge flammte heller und feuriger, als sonst.

»Nur die heilige Unschuld und Unwissenheit eines weiblichen Wesens trägt den Schlüssel zu meinem Herzen in sich. Was von der irdischen Prüfung ein einzig Mal berührt und durch Flammen gehärtet ist, das findet keine Sympathie in mir. Das erfahrene weibliche Wesen erregt mir Grauen, da ich nicht weiß, ob die Erfahrung nicht Alles zerstört und nur die Klugheit heuchlerisch das aufgebauet hat, was liebenswerth erscheint.«

Graf Espe wendete sich mitleidig lächelnd zur Seite und nahm sich eine neue Cigarre.

»Sie scheinen noch dem Wahne zu huldigen, daß die Frauenwelt unsern Jugend-Idealen entspricht! Legen Sie diese Thorheit bei Zeiten ab, lieber Bessano. Nehmen Sie die Liebenswürdigkeit einer Dame gerade so an, wie sie geboten wird. Der Tag enthüllt, was das Abendlicht verschleiert und verschönt. Finden Sie einst die Liebenswürdigkeit einer Dame problematisch, so suchen Sie dieselbe beim Tageslichte auf. Sie glauben nicht, wie nüchtern die kleinen Mädchen und die jungen Frauen im Alltagshabite sind. Das sage ich Ihnen jedoch im Voraus, bei dergleichen Versuchen werden Sie ohne Gnade ein Hagestolz. Sie finden Keine, die eine Probe der Art aushält und Ihr Ideal von Frauenliebenswürdigkeit sinkt ins Grab, ehe Sie es nur denken.«

»Zur Ehre unserer Frauenwelt hoffe ich, daß Sie irren, Herr Graf,« gab Victor zur Antwort. »Wenn, unsere Ansichten divergiren, so liegt dies ohne Zweifel in der Verschiedenheit des Lebensweges, den wir eingeschlagen haben. Daß ich das weibliche Wesen idealisire, gestehe ich ein. Ob ich dabei Junggesell bleiben werde, gebe ich dem Geschick anheim. Aber, Herr Graf, wenn ich einst ein Wesen mit dem vollen Bewußtsein ihres Werthes an mein Herz schließe, so wird das ›Romanen-Elend‹ meiner Ehe fern bleiben, denn meine Gattin dürfte der reinsten Herzenstreue von meiner Seite gewiß sein.«

»Unsinn, wenn Sie so denken!« rief Graf Espe lachend. »Mir imponiren Sie nicht mit dergleichen Tugendphrasen. Ich achte die Träumer nicht, die wie die Troubadoure der Vorzeit Milch statt Blut im Herzen und in den Adern haben. Wer hat Sie denn erzogen, junger Freund? Ihr lebenslustiger Papa gewiß nicht! Sind Ihre Brüder eben solche Karthäuser? Ich dächte doch, der Name Bessano sei mir schon auf meinen Wegen begegnet und sei nicht so ganz unbekannt in dem Reiche der Schönheit!«

»Dann kann es nur mein leichtfertiger Bruder Robert, der Garde-Lieutenant, gewesen sein, der Ihre Wege gekreuzt hat,« sprach Victor lächelnd.

»Ja wohl. Ein blasser, blonder Mann, voller Mädchenanmuth, der seinen Degen sehr zierlich trägt.«

»Richtig. Curd ist wo möglich noch kälter, besonnener und bedächtiger, als ich. Er hat die Leidenschaft, sich in unwirthbaren Gegenden herumzutreiben, öde Gebirgswaldungen zu durchkreuzen, Felsen zu erklettern und Thäler zu durchwandern. Aber er ist spekulativ und wird jetzt ganz gewiß eine Frau heimzuführen suchen, die das Deficit unserer Erbschaft auszugleichen vermag.«

»Recht so! Der gefällt mir!« rief der Graf, indem er sich erhob und nach der Uhr blickte.

»Sie müssen zu Bett, Bessano,« setzte er schnell hinzu. »Sie haben heute eine tüchtige Reise gemacht und die Tour nach Peerau ist unter zwei Tagen nicht zurückzulegen. Sammeln Sie Kräfte! Morgen um neun Uhr ist mein Bote von der Agnaten-Conferenz zurück. Also um zehn Uhr können Sie aufbrechen, wenn es Ihnen beliebt.«

Victor war damit einverstanden und sie trennten sich mit der Freundlichkeit, die aus gegenseitiger Verpflichtung entspringt, daher sehr oberflächlicher Natur ist.

In seinem Zimmer angelangt, unter dem Einflusse der heiligen Stille der Nacht, überdachte der junge Bessano nochmals den Auftrag, welchen er übernommen hatte.

Um darüber im Klaren zu sein, ob Niemand durch seine diplomatische Thätigkeit beeinträchtigt würde, mußte er eine langweilige Correspondenz durchlesen und die Acten prüfen, die über die Stiftung des Majorats vorlagen.

Es vergingen einige Stunden unter diesen Vorbereitungen. Die Schloßuhr schlug zwei, als er endlich fertig war und die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß der jetzige Majoratsherr allerdings seine Rechte durch eine unverantwortliche Herzlosigkeit gegen seinen Sohn erster Ehe erkauft hatte. Es leuchtete aus Allem hervor, daß er das Dasein seines Knaben gering erachtet, daß er stark darauf gerechnet hatte, durch einen Majorats-Erben die Lücke ausgefüllt zu sehen, die in seinem Leben entstand, indem er Weib und Kind, des Mammons wegen, verleugnete. Seine Vermessenheit wurde bestraft. Die rächende Nemesis schickte ihm im Zeitraume von acht Jahren vier Töchter ins Schloß und nahm ihm dann die Gattin, deren Nachkommen allein zur Erbfolge berechtigt waren.

Diese Gattin mußte ein edles, großmüthiges Herz besessen haben.

Victor ersah aus einem Schreiben, daß sie schon vor Jahresfrist den Versuch angebahnt hatte, den Sohn Valerian's als Majorats-Erben einzuschieben. Diese Verhandlungen waren abgebrochen, als sie von Neuem Hoffnung hatte, Mutter zu werden. Der Tod der Gräfin, nachdem sie die vierte Tochter geboren, trieb den Grafen an, kräftig das Werk fortzusetzen, das sie damals aufgeschoben hatte.

So weit war Alles in Ordnung und bei den nachlässig abgefaßten Stipulationen, womit das Majorat, durch Verheirathung mit einem Nebenzweige des Hauses Espe, auf Herrn Valerian v. Espe übertragen worden war, ließ sich leicht vermitteln, daß der damals schon lebende Sohn dieses Herrn Valerian durch Agnaten-Beschluß in die Rechte eines Erben eingesetzt werden würde.

Aber es lebte ein Mann, der nähere Ansprüche an dieses Familien-Erbtheil hatte, und dieser Mann war schon einmal in seinen Rechten verkürzt. Zwar hatte er kein anderes Verdienst, wie das, dem Hauptstamme am nächsten verwandt zu sein; allein fordern konnte er jetzt, als Nachfolger des Grafen Valerian angesehen zu werden.

Man ging nun damit um, ihn für den Besitz der reichen Familiengüter theilweise zu entschädigen, und da er ganz aus der Art geschlagen, Kaufmann geworden war, eine getaufte Jüdin geheirathet hatte, Wuchergeschäfte der niedrigsten Art trieb, sich mit gründlichster Adelsverachtung des »von« enthielt und kein anderes Vergnügen kannte, als sein baares Vermögen zu mehren, so lag die Hoffnung nahe, daß er seine Ansprüche verkaufen werde.

Victor Bessano fühlte sein Gewissen beruhigt nach der Durchsicht der Documente. Er legte die Papiere wohlgeordnet auf den Tisch und traf Anstalten, zu Bette zu gehen.

Jetzt erst schaute er mit einer gewissen Neugier um sich.

Er befand sich in einem großen Gemache von alterthümlichem Aussehen. Schmale, hohe Bogenfenster mit gelben Damastgardinen nahmen die eine Seite des Zimmers ein. Gegenüber lag die breite Flügelthür. Zur Rechten war eine Nische, ebenfalls mit schweren, gelbseidenen Vorhängen verhüllt, wohinter ein luxuriöses Bett, nebst allen Nothwendigkeiten zur Toilette, stand. Zur Linken breitete sich ein kostbarer Divan von einer Ecke bis in die andere aus. Außerdem fand man Sessel, Tische, Commoden und Schränkchen im bunten Durcheinander, Alles mit Rollen versehen, so daß man es leicht placiren konnte, wie man es am bequemsten hielt.

Victor wußte mit solchem traitablen Comfort umzugehen. Im Nu rollte er den Tisch mit den Documenten dicht an sein Bett, arrangirte die Beleuchtung nach seiner Bequemlichkeit und warf sich dann auf sein Lager, müde von der Reise und von den Aufregungen des Tages. Aber schlafen konnte er nicht. Wild jagte das Blut durch seine Adern. Wild tobten die Gedanken in ihm und schufen Phantasie-Gemälde, die seinem Geiste sonst ganz fremd waren.

Es kommen in jedem Menschendasein Momente vor, wo die Sehnsucht nach Glück stärker erwacht, wo diese gestaltlose Sehnsucht festere Umrisse annimmt, wo die Wünsche für die Zukunft bestimmter auftreten.

Bis dahin im gemüthlichsten Schlendrian die Annehmlichkeiten eines sorgenfreien Lebens genießend, fühlte Victor Bessano in dieser Stunde der nächtlichen Ruhelosigkeit zum ersten Male die thatenlose Weisheit, womit er sich in seinem Wirkungskreise bewegte. Das Ziel, dem er phlegmatisch zustrebte, konnte ihm nicht entgehen, wenn er als reicher Mann einen Anspruch darauf laut werden ließ. Präsident – Minister werden in einem Staate, wo sein Vater als der reichste Bürger verehrt wurde, das war so schwer nicht, allein er hatte bis dahin noch nicht gewollt – er hatte diesen Nimbus, diese Einnahmen nicht nöthig gehabt. Jetzt aber gebrauchte er das, was er, so gering geachtet hatte. Sein Lebensschiff war gestrandet und er trieb auf den Trümmern umher. War dies erst bekannt geworden, so schloß man dem Bedürftigen die Thüren zum Aufwärtssteigen, trotzdem er einer der klügsten Köpfe und einer der treuesten Staatsdiener war.

Die Ideen, welche bis zu diesem Abende nur dunkel in ihm gelegen hatten, wachten auf, um sich in den Vordergrund seiner Seele zu stellen.

Er begann seinen Werth zu fühlen, indem er sich neben dem Grafen Valerian v. Espe sah und dessen Oberflächlichkeit mit seinem Geistesfonds verglich. Was hatte der Graf gethan, um die Standes-Erhöhung zu verdienen, womit er von seinem Fürsten begnadigt worden war?

Er gestand es sich zu, daß ungeachtet der Frivolität des Grafen viel Liebenswürdigkeit in seinem Wesen lag. Hätte aber seine Liebenswürdigkeit wohl die Geltung erlangt, wenn er einfach der schuldenbeladene Offizier blieb?

Nein, ganz gewiß nicht! Der Graf war jedoch so klug gewesen, den Faden seines Schicksales beim günstigen Vermögenswechsel da anzuknüpfen, wo es ihm Vortheil bringen konnte. Er übernahm ein Vertrauensgeschäft für den Fürst, das die größte Uneigennützigkeit erforderte. Sein Lohn war die Erhebung in den Grafenstand. Gut! Es lag eine Lehre für Victor in diesem einfachen Vergeltungsgange.

Er nahm sich vor, des Grafen Dankbarkeit ebenfalls auszubeuten und seine Fürsprache beim Fürsten zu erlangen, wenn ihm seine Mission geglückt sei.

Ueber diesen Vorsatz schlief er endlich ein.

Victor Bessano war eingeschlafen, und hätte er nicht gar zu fest in den Banden des ersten, tiefen Schlafes gelegen, so würde er bald darauf eine Gestalt gesehen haben, die vorsichtig die Flügelthüre des Gemaches öffnete, lauschend stehen blieb, um aus den gleichmäßigen Athemzügen die Gewißheit eines festen Schlafes zu schöpfen und dann unhörbar leise durch das Zimmer bis zu dem Tische schlich, worauf die Documente, schwach von einer Nachtlampe erhellt, lagen. Es war der Jäger Görrink.

Rasch überblickte er die Papiere, sonderte die neuesten Correspondenzen, griff sie fest zusammen und entfernte sich eben so leise, wie er gekommen war.

Ohne sich die geringste Zeit zu gönnen, verließ er mit diesen Papieren durch eine Nebenpforte, die nach dem Walde führte, das Schloß und schlug den Weg nach einem Wildwärterhäuschen ein, das ungefähr zweihundert Schritte entfernt dicht am Flusse lag, der hier mit seinen Wellen vorüberrauschte.

Görrink lief mehr, als er ging. Der Mond beleuchtete seinen Pfad und er beleuchtete auch sein Gesicht, das voll freudigen Triumphes war.

Als Görrink das Häuschen erreichte, ließ er einen gellenden Pfiff ertönen, den er dreimal wiederholte.

Gleich darauf erhellte sich das Fenster des Hauses und ein großer, starker Mann öffnete die inneren Riegel desselben, um hinauszuschauen.

»Was giebt es, Görrink?« fragte er mit tiefer, tönender Stimme.

»Oeffnen Sie, gnädiger Herr,« flüsterte Görrink mit, hielt ihm die Briefe entgegen.

Rasch griff der Herr danach und zog sich nach dem Tische zurück, auf dem ein Lämpchen brannte.

Görrink blieb am Fenster stehen und betrachtete den Herrn, während derselbe las.

Plötzlich fuhr dieser auf: »Donnerwetter! Görrink, wo haben Sie diese Briefe her?«

Görrink lachte. »Ja, ja, gnädiger Herr, Sie sehen hieraus, daß Sie gerade zur rechten Zeit gekommen sind, um mich als Spion zu engagiren. Einen Tag später hätte ich Ihnen mit dem besten Willen nicht helfen können.«

»Wie sind Sie zu den Papieren gekommen?«

»Ich habe sie einfach vom Tische genommen, wo sie wohlgeordnet lagen.«

»Vom Tische genommen?« wiederholte der Herr mit deutlichem Zweifel in der Stimme. »Solche Briefe pflegt man doch nicht umherzuwerfen?«

»Freilich, wenn der Herr Graf wüßte, daß sein Herr Vetter Eberhard hier im Parkwärterhause logire, so würde er sie vielleicht besser unter Verschluß gehalten haben … Aber nun öffnen Sie, Herr v. Espe, denn ich habe Ihnen noch Mittheilungen zu machen, die selbst die alten Bäume nicht zu hören brauchen.«

Herr Eberhard v. Espe verfügte sich mit schwerfälligem Gange nach dem Hausflur und öffnete den Riegel der Thür.

Görrink schlüpfte herein.

»Sind Sie fertig mit Lesen, Herr v. Espe?« fragte er dann hastig. »Gut, löschen wir das Licht so lange. Es wird stark gewilddiebt in hiesiger Gegend und unser Geheimniß muß bewahrt werden, sonst ist Ihre Reise hierher vergebens gewesen.«

Görrink erzählte mit flüchtigen Worten Alles, was er am Abend erlauscht hatte und verhehlte ihm auch keineswegs, daß durch die Dazwischenkunft des Herrn Bessano, der ein wohlgelittener Beisitzer des fürstlichen Staatsrathes sein solle, die ganze Sache eine ungünstige Wendung genommen hätte.

»Sie werden es erleben, Herr v. Espe, daß es der Beredtsamkeit dieses Herrn Bessano gelingt, der Frau v. Espe auf Peerau den Knaben abzudiscuriren und daß es ihm gleichfalls gelingt, die fürstliche Einwilligung zu Allem, was der Graf vor hat, zu erringen.«

»Noch lebe ich!« antwortete Herr Eberhard mit eigenthümlichem Ausdrucke. »Was dieser Taugenichts, den Gott in absonderlicher Laune zum Grafen hat werden lassen, auch aufbieten mag – wehe ihm – wehe dem Wesen, das er mir in den Weg schiebt!«

Görrink fühlte einen unbehaglichen Schauer über seine Nerven streifen. Er schwieg und dachte, von einer mitleidigen Regung überwallt, an den armen Knaben, der, als ein Opfer des Egoismus, von zwei Seiten bedroht war.

»Als Meta's Vater vor zehn Jahren Alles aufbot, um seinem Stamme das Majorat zu erhalten,« begann Herr Eberhard nach einer kurzen Pause wieder, »da war er in seinem Rechte, denn eine Clausel unseres Ahnherrn räumt ihm die Macht ein, unter Zuziehung sämmtlicher Herren v. Espe den Beschluß: ›die letzte Tochter seines Stammes mit einem Seitenverwandten zu vermählen, um ihm das Majorat vererben zu können,‹ auszuführen. Aber das Schicksal vertritt jetzt meine Rechte. Es lebt kein Nachkomme dieser Meta – also bin ich an der Reihe.«

»Man giebt sich stark der Hoffnung hin, daß Sie einer Abfindungssumme nicht widerstehen würden.«

»Was nützt mir Geld!« murmelte Herr v. Espe. »Geld bringt mir kein Glück – Geld fliehet meine Nähe. Ich habe nie den Reichthum an mein Dasein fesseln können! Ich will mich endlich im Besitze dieser Erdscholle wissen, um von den Wohlthaten der Felder zu leben, die ich im redlichsten Fleiße bebauen werde.«

»Mein Gott,« rief Görrink bestürzt, »verstehe ich Sie recht, gnädiger Herr! Man hält Sie ja für reich – für geizig und reich!«

Ein bitteres Lachen hallte durch das kleine, ärmliche Stübchen, welches nur spärlich vom Mondenlichte beleuchtet wurde.

Görrink fühlte wieder jenes unbehagliche Grauen. Er hätte für's Leben gern das kleine Lämpchen angezündet, um das Gesicht seines Gefährten, der so diabolisch sprach und lachte, sehen zu können.

»Arm wurde ich geboren,« flüsterte Eberhard von Espe vor sich hin. »Arm ins fürstliche Cadettenhaus geliefert. Arm blieb ich und wurde als arm verächtlich behandelt. Arm und elend stieß man mich hinaus, als ich mich endlich gegen meine Peiniger auflehnte. Arm durchirrte ich die Welt – arm kam ich in das Haus des Juden Jasser – arm war ich, als die junge Judith Jasser mich zum Mann haben wollte – arm lebte ich im glänzend geschmückten Salon meiner Frau – arm, mit den letzten Resten von Judith's monatlichem Taschengelde reiste ich hierher, um mein Recht zu verfolgen! Aber ich werde es erlangen, was ich zu fordern berechtigt bin. Ich werde es erlangen! Habe ich durch ein Dasein von beinahe vierzig Jahren die Hölle im Busen getragen, so will ich nun ein Teufel werden, bis mein Recht auf Erden erreicht ist. – Der Graf kann kein Vierteljahr mehr leben. Sein Mark ist verdorrt. Er muß sterben! – Gut. Ich will harren auf seinen Tod und mit dem letzten Athemzuge meinen Fuß in die Hallen setzen, die mein sind, wenn seine Augen nicht mehr aufstehen! Ich will siegen! Ich will triumphiren, den stolzen Verwandten zum Trotze, die mir übel nachreden, weil ich so unsäglich arm gewesen bin von meiner Geburt an, und weil ich jetzt die Maske des Reichthums trage. Ich will siegen, um von denen loskommen zu können, die meine Wohlthäter spielen!«

»Herr Gott – das ist ja Alles anders, wie man sich erzählt,« erwiederte Görrink ziemlich verblüfft. »Sie sollten Kaufmann sein – Wucherer – Geizhals –«

»Nein, Görrink – ich bin nur arm!« entgegnete Herr Eberhard. »Man haßt, man verachtet, man verleumdet, man verstößt den armen Verwandten, man versucht ihn aus seinem Rechte zu verdrängen. Aber passen Sie auf, wenn ich als Besitzer von Espenberg auftrete –«

»Ja, dann wird man Sie schön finden wie einen Gott!« platzte Görrink heraus.

Herr Eberhard von Espe hob verwundert sein Gesicht zu dem Jäger auf.

»Ja, ja!« lachte dieser. »Graf Valerian schilderte Sie heute dem Herrn Bessano als häßlich wie ein Pavian!«

»Also den einzigen Vorzug, den mir die Natur verliehen, wollen sie mir auch streitig machen,« sprach Espe mit ironischem Tone. »Häßlich wie ein Pavian? Und Judith Jasser schwor meinetwegen ihren Glauben ab? Lassen Sie ihn die Ueberzeugung von meiner Häßlichkeit mit ins Grab nehmen, Görrink – ich will ihn darin nicht stören!«

Görrink nahm jetzt die Papiere von dem Tischchen und sprach den Wunsch aus, sich damit entfernen zu dürfen.

»Ich danke Ihnen für den Dienst, den Sie mir geleistet haben, Görrink,« entgegnete Herr Eberhard. »Wundern Sie sich nicht, wenn Sie mich morgen nicht mehr finden. Ich muß fort, um zu handeln. Himmel und Hölle will ich aufbieten, um zu siegen. Glückt es mir, so steht Ihnen jeder Wunsch frei, den Sie in Rücksicht auf Ihre Zukunft haben! Ich danke Ihnen! Leben Sie wohl!«

Görrink schlich leise aus dem Häuschen.

Es mußte schon das Morgenwehen sein, das dem Aufgehen der Sonne vorhergeht, welches ihm kalt und scharf entgegenstrich. Eilig schritt er den Waldweg dahin, aber sein Blick hob sich freier als vorher, denn sein Verrath kam ihm gerechtfertigter vor

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