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Novellen. Dritter Band. Die Maske des Reichthums

Luise Reinhardt: Novellen. Dritter Band. Die Maske des Reichthums - Kapitel 11
Quellenangabe
authorErnst Fritze
titleNovellen. Dritter Band. Die Maske des Reichthums
publisherCarl Rümpler
year1863
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171121
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Zehntes Capitel.

Daß diese schnell beschlossene und rasch ausgeführte Reise nach Peerau von ganz entschiedenem Einflusse auf die ferneren Schicksale der beiden ältern Bessano's werden konnte, ist sehr leicht einzusehen.

Sie selbst aber glaubten dies nicht. Ohne die Wichtigkeit ihres Entschlusses reiflich zu überlegen, folgten sie nur dem Antriebe ihres Herzens, das mit unwiderstehlichem Verlangen einem Wiedersehen entgegenschlug. Der Zufall kam ihnen zu Hülfe. Ohne Veranlassung einen Besuch zu beschleunigen, der, durch die ungleichen Vermögensverhältnisse der verschiedenen Paare, den Schein unzarter Dringlichkeit in der Bewerbung auftauchen lassen konnte, war eine gefährliche Sache, namentlich für Curd, der durch seine momentane Wankelmüthigkeit in eine schiefe Stellung gerathen war. Was sich seit der Katastrophe in Dr. Harrach's stillem Thalhause in seinem Innern geläutert und befestigt hatte, das war dem Mädchen, welches er durch seine Abtrünnigkeit gekränkt, noch ein Geheimniß. Er hatte die Vermittlung des alten Doctors entschieden abgelehnt und wollte nur durch eigene Bemühungen das Vertrauen Antoniens wieder wecken und heben. Das ungünstige Licht, das auf seinen Charakter gefallen war, mußte entscheiden, ob sie eine Schwäche, die er jetzt schmerzlich belächelte, zu verzeihen vermöge, und um diese Entscheidung herbeizuführen, war es noch viel zu früh. Also blieb dies Wiedersehen, trotz aller süßen Sehnsucht, doch sehr gewagt und konnte füglich mit einer bittern Erfahrung enden.

Aber der Himmel hat es gottlob so eingerichtet, daß das Herz sich am sichersten in der Ueberraschung verräth, und er fügte es, zu Nutz und Frommen des etwas verzagten Herrn Curd, so glücklich, daß Antonie an dem Nachmittage, wo der Schlitten der Brüder Bessano über die spiegelglatte Eisbahn flog, ein unbezwingliches Verlangen nach Frau Fanny von Espe verspürte, weshalb sie sich ganz verstohlen und seelenallein in die winterliche Oede hinauswagte, um die kurze Strecke auf dem Deichwalle entlang zu eilen und durch den gesäuberten Parkweg in das Peerauer Schlößchen zu schlüpfen.

Da saß sie denn am Funken sprühenden Ofen, dicht neben der geliebten Freundin und plauderte anmuthig von ihrer Schweizerreise, von Curd's liebevoller Aufmerksamkeit und von seinen geistvollen sarkastischen Bemerkungen, ohne zu wissen, daß der Gegenstand ihrer wehmüthigen Erinnerungen wie auf Flügeln der Morgenröthe – Hoffnung und Sehnsucht im Herzen – dahereilte.

Sie, so wenig wie Fanny, ahnte, daß die beiden jungen Männer, die ihre Phantasie beschäftigten und ihren Geist in Anspruch nahmen, unbekümmert um des Nordostwindes eisigen Hauch, der den Athem ihres Mundes in kleinen Schneeflöckchen auf den Bart festlegte, mit der Wärme des sehnsüchtigen Verlangens der Stätte entgegenflogen, wo ein holdes, verschämtes Flüstern ihr Andenken feierte.

Man denke sich nun das Erstaunen der beiden Damen, als plötzlich helles Schellengeläute auf dem Schloßhofe erklang, als des wilden Arnold's begeistertes »Hurrah« ein Willkommen eigener Art aussprach, und als die Thür sich unter diesem jauchzenden Gruße des Knaben öffnete, um zwei halb erstarrte, lachende Gäste einzulassen.

Frau Fanny, überwältigt von einer Freude, die ihr die Empfindungen ihres Herzens wohl klar zu machen im Stande war, flog Victor entgegen und reichte ihm mit einem Freudenlaute beide Hände dar.

Aber Antonie wurde bleich wie eine Todte und wich zitternd zurück, als wolle sie dem Schmerz entfliehen, der bei Curd's Anblick von Neuem ihr Herz umkrallte.

Es half ihr nichts, daß sie sich zurückzog, daß sie sich hinter den wallenden Fenstervorhängen zu verbergen suchte, um im Tumulte der ersten Begrüßung unbemerkt das Zimmer verlassen zu können. Es half ihr nichts, denn Curd folgte ihr.

Curd nahm ihre bebende Hand, führte sie an seine Lippen und flüsterte:

»Sie haben Recht, mich zu meiden – Sie haben Recht, meine Nähe zu fliehen – mich zu verachten! – Es war eine unverzeihliche Irrung meiner Seele, die durch die Wallung der Sinne nicht beeinträchtigt werden durfte, wenn ich Ihrer würdig bleiben sollte. Antonie – können Sie mir den kurzen, flüchtigen Irrthum, den ich schon schwer gebüßt habe, verzeihen?«

Das Mädchen sah unsäglich traurig zu ihm auf, ließ aber, von dem festen glühenden Blicke des Mannes getroffen, das Auge schnell wieder sinken.

»Können Sie mir verzeihen, Antonie?« fragte Curd nochmals, weil Antonie die Antwort schuldig blieb. »Können Sie jemals wieder Vertrauen zu mir fassen?«

»Ja – ja!« antwortete sie jetzt schnell. »Ich habe kein Recht, Ihnen zu mißtrauen!«

»Sie haben kein Recht, mir zu mißtrauen,« wiederholte Curd mit schwerer Betonung. »Das klingt trostlos für ein liebendes Herz, Antonie, allein es sei darum! Ich will zufrieden harren, bis Sie ein anderes Wort für mich finden und sollt' es Jahre dauern! Eines Tages müssen Sie einsehen, daß Sie ein Recht hatten, ›mir zu mißtrauen‹, dann will ich von Neuem um Ihre Verzeihung werben.«

Während dieses kurzen Gespräches hatte Victor mit fliegenden Worten den Grund seines Kommens enthüllt und der Frau von Espe den Tod des Grafen Valerian und die Entdeckung des Kinderräubers mitgetheilt.

Ein heller Ausruf des Erstaunens über den letztern Umstand lenkte die Aufmerksamkeit Antoniens dorthin und sie nahm, obwohl innerlich beglückt von den Worten Curd's, die Gelegenheit wahr, sich ihrer Freundin zuzugesellen, um ein Gespräch abzubrechen, das für den Augenblick nicht weiter geführt werden durfte. Sie trat schnell zu dieser Gruppe.

Victor sah jetzt also zum ersten Male das Wesen, welches seines Bruders gänzliche Umwandlung bewirkt hatte, aber der erste Blick auf dies zarte, demüthig lächelnde Mädchen überzeugte ihn von dem schweren Kampfe, den Curd mit der krankhaften Bescheidenheit desselben haben würde, nachdem er leider ihr Selbstvertrauen erschüttert hatte.

Welterfahrener als Curd, erkannte er, daß rücksichtslose Offenheit hier eher wirken konnte, wie zarte Zurückhaltung und feine Vermittlung, und er beschloß, seine Maßregeln darnach zu nehmen.

Bald dampfte der Theekessel im eingeschlossenen Kreise und das trauliche Wort flog frei von Mund zu Mund.

Victor lenkte das Gespräch, Curd würzte es nur durch seine abgerissenen Bemerkungen.

Fanny war etwas stiller, als sonst. Ihre Gedanken schweiften sehr oft von dem Manne, der an ihrer Seite seine liebenswürdigste Laune spielen ließ, zu Dem über, welcher ihre erste Liebe gewesen und jetzt todt war. Sie warf bisweilen einen ernsten, prüfenden Blick auf Victor. In diesem Blicke offenbarte sich, was sie beschäftigte. Die Zukunft, mit einem neuen Liebesglücke ausgestattet, rollte sich vor ihrem Geiste auf. Daß sie dabei mit einem sorgenvollen Blicke der vergangenen Leiden gedachte, war ganz natürlich.

Antonie überließ sich nach und nach dem gewohnten Einflusse, den Curd's Nähe stets auf sie ausgeübt hatte. Sie wurde ruhig, allein es war die Ruhe, welche ein Kranker fühlt, wenn seine Schmerzen weniger auf ihn eindringen.

Victor hatte sie nur allzurichtig beurtheilt, indem er meinte, daß die größte Schwierigkeit, Curd's Glück wieder herzustellen, in der eigenthümlich demüthigen, selbstlosen Gemüthsart Antoniens liegen werde. Ihr Herz war verschüchtert, obgleich es noch eben so lebhaft für Curd schlug, wie sonst.

Wäre sie arm gewesen, so hätte Curd das beste Mittel in der Hand gehabt, sie von der Lauterkeit seiner Gefühle zu überzeugen, allein sie war reich und ihr einmal aufgeschreckter Argwohn konnte sie leicht auf eine Vermuthung führen, die der Tod ihrer Liebe sein mußte.

Victor glaubte wirkungsvoll zu handeln, als er in Rücksicht auf diese Klippen plötzlich das Gespräch auf seine Familienverhältnisse lenkte und unmittelbar mit der Erklärung hervortrat, daß sie keinesweges die reichen Söhne des reichen Commerzienrathes Bessano seien, sondern daß ihr Vater dicht vor einem schmählichen Verfall seiner Vermögensumstände verstorben sei. Er erzählte mit wehmüthigem Humor von der ersten Conferenz, die er mit seinen Brüdern gehabt, berührte leicht die Erfolge ihrer damaligen Beschlüsse und ging dann mit vollständiger Heiterkeit zu der zweiten Conferenz über.

Curd verstand sogleich den Zweck dieser offenherzigen Darlegung. Ihm gefiel die Idee, trotzig die Maske des Reichthums abzuwerfen und mit frisch aufgezogenen Segeln in die unsichern Wellen einer Frauengunst hineinzusteuern. Seine Manneskraft fühlend, wollte er lieber den Anfang zu einem Ende gemacht sehen, als mit vorsichtigem Laviren den Hafen erreichen.

Ganz erfüllt von der Romantik dieses Gedankens, übersah er den Eindruck, den die Eröffnung Victor's auf Antonie machte. Während Fanny mit einem tiefen Interesse lauschte, wahrend Fanny in diesem Geständnisse eine neue Tugend des Mannes, den sie zu lieben begann, entspringen sah, während dessen blitzte hell und leuchtend ein Gedanke durch Antoniens Seele.

Ihr Auge öffnete sich weit. Sie horchte mit allen Sinnen. Ihr Geist durchging die Ereignisse des Herbstes und sie wartete nur so lange, bis Victor die Schilderung der zweiten Conferenz begann.

Zitternd vor Verlangen wendete sie sich zu Curd, der in vollständiger Gemüthsruhe seinem Bruder das Wort gestattete. Mit der Kraft der Liebe förderte sie eine augenblickliche Eingebung ihres Herzens zur That, indem sie, hingerissen vom wallenden Strome ihrer tief versteckten starken Leidenschaft für Curd, hervorstammelte:

»O, Herr Bessano, wenn Sie so gütig sein wollten – ich würde gern Alles, Alles in Ihre Hände legen – ich weiß es dort sicher und Bella ist ja doch meine einzige Erbin! Nehmen Sie das Geld – Bella wird früher oder später Eigenthümerin desselben – mir genügt eine jährliche Rente – Bella soll nichts davon erfahren. – Nehmen Sie von mir das heilige Versprechen, daß es die erste Handlung in meiner Mündigkeit sein wird, die Abtretungsurkunde rechtskräftig machen zu lassen – o bitte, lieber Freund – Sie werden mich unaussprechlich glücklich dadurch sehen –«

So lange hatte Curd, tropfenweis, die bittere Strafe für seine vergangenen Sünden eingesogen, jetzt aber brach der verhaltene Sturm entfesselt hervor. Er schlug beide Hände vor das Gesicht und stöhnte!

»Schweigen Sie – schweigen Sie, Antonie, wenn Sie mich nicht tödten wollen vor Scham!«

Bestürzt heftete das junge Mädchen ihre Augen auf den Mann. Sie verstand seinen Gemüthszustand nicht, weil sie fest an seine Liebe für Bella glaubte und in den Wahn verfallen war, Bella's Armuth sei ein Stein des Anstoßes geworden, als sich des seligen Commerzienrathes Verschwendungswuth so trostlos dargethan hatte. Was Curd vorhin von Irrthümern erwähnt hatte, das verwischte sich in der auflodernden Begeisterung ihrer Seele, die Mittel zu seinem Glücke liefern zu wollen. An sich dachte sie nicht. Hatte auch vielleicht für kurze Momente die Hoffnung in ihr gedämmert, daß sein Herz zu ihr zurückgekehrt sei, so verflog doch dieser Schimmer des Glückes unverweilt, als sie sich auf einen Grund zu dieser Umwandlung zurückgeführt sah. Sie verstand Curd's Gemüthszustand nicht, aber sie fühlte sich instinctmäßig bewogen, seine Aufregung schweigend zu beobachten.

Victor hatte die Worte Antonien's nicht verstanden, wohl aber begriffen, daß sie etwas enthalten mochten, was eine vollständige Erklärung zwischen Curd und dem jungen Mädchen herbeiführen würde, wenn sie ungestört blieben.

Er neigte sich also mitten in seiner Erzählung tief nieder zu Fanny und richtete, nach einer sprechenden Geberde, seinen Blick bittend auf die erröthende Frau.

Sie erhob sich willfährig und verließ geräuschlos das Zimmer. Victor folgte ihr.

Antonie und Curd blieben allein. Sie wußten jedoch kaum, ob noch Jemand außer ihnen auf der Welt, geschweige denn im Zimmer war, denn Curd hatte in demselben Momente seine Hände vom Gesicht entfernt und, von einer unwiderstehlichen Macht getrieben, das zitternde Mädchen an seine Brust gezogen.

»Antonie – sagte Dir denn Dein eigenes Herz nicht, daß ich zur Erkenntniß gekommen bin?« fragte er mit seelenvoller Leidenschaftlichkeit. »O der unseligen Verlockung Bella's, ihrer coquetten Spielerei mit Männerherzen werde ich fluchen müssen, wenn ich erkenne, daß Deine zarte Neigung zu mir durch meinen Sinnen-Irrthum auf ewig erlöscht ist! Ja, meine Geliebte, ja wirf weg den leidigen Mammon, der, wie ein Blendwerk der Hölle, mein besseres Selbst zu erniedrigen drohte – wirf Alles, Alles, was Du besitzest, Deiner Schwester Bella in den Schoß, ihr thut der Reichthum noth, um glücklich zu werden. Du aber, Antonie, Du flüchte Dich an mein Herz – ich will arbeiten für Dich – ich will Dir den weggeworfenen Reichthum ersetzen durch den unendlichen Reichthum meiner tiefen, zärtlichen Liebe! Antonie – ich wollte Dir Zeit lassen, mich zu prüfen, ehe ich diese heiligen Worte zu Dir sprach, allein die Angst, Dich ganz zu verlieren, öffnet mir vorzeitig die Lippen! Stelle mein Herz auf die Probe, mein liebliches Mädchen – prüfe mit scharfer Aufmerksamkeit, für wen es schlägt und findest Du dann einen einzigen Gedanken, der zu Derjenigen, die Du Schwester nennst, hinüberschweift, dann verwirf mich als einen Unwürdigen!«

Antonie richtete plötzlich die gesenkte Stirn empor und sah Curd mit den treuherzigen Augen, worin die zärtlichste Hingebung leuchtete, an.

»Was bedarf es einer Probe? Wozu einer Prüfung, mein theurer Freund?« fragte sie glückselig lächelnd. »Wenn Curd Bessano mir sagt, daß er mich und nicht Bella liebt, so glaube ich daran, wie an ein Gotteswort, denn ich halte Curd Bessano nicht für fähig, eine Lüge auszusprechen! Wenn ich vorhin sagte, ›ich habe kein Recht, Ihnen zu mißtrauen‹, so wollte ich damit andeuten, daß Ihnen die Wahl zwischen mir und Bella freistand – jetzt aber« – sie hielt inne und senkte verschämt das Gesicht an Curd's Brust.

»Jetzt aber bin ich Dein Eigenthum,« jubelte der junge Mann, »und alles Mißtrauen hört auf! Gott sei gepriesen, daß er mich vom Rande des Verderbens, an den mich Selbstsucht geführt hatte, zurückgerissen. Victor,« rief er fröhlich, als er sah, daß sein Bruder lauschend den Kopf zur Thür hereinsteckte, »Antonie ist meine Braut!«

Was nun folgte, läßt sich besser denken, als erzählen. Es war Alles anders gekommen, als man sich vorgenommen hatte, allein man fand es bei näherer Besichtigung besser so.

Victor, der keine Mißverständnisse zu erörtern hatte, blieb seinem Vorsatze getreuer. Er erklärte sich nicht, sondern begnügte sich, mit der Wärme der Freundschaft das raschere Pulsiren des Herzens zu bedecken. Seines späteren Glückes sicher, vertagte er die Seligkeit der Liebe, um sich derselben ganz ungetrübt hingeben zu können.

Am nächsten Tage erschien Curd, der Form gemäß, in Antoniens Landhause.

Sein Begegnen mit Bella blieb ohne die kleinste Beunruhigung von beiden Seiten.

Bella hatte schon von ihrer Schwester erfahren, daß sie durch Curd's Erklärung seine Verlobte geworden sei und sie hatte ironisch dazu gelächelt.

Vereint schrieben die Verlobten an den Doctor Harrach, um ihm das zu melden, was diesem längst kein Geheimniß mehr war. Ihr Schicksal hatte sich erfüllt. Aus der flüchtigen Reisebekanntschaft war ein Bund für's ganze Erdenleben geworden.

Von diesem Paare ist nun weiter nichts zu sagen, als daß sie Leid und Freud' theilten, daß sie so glücklich lebten, wie ein Menschenpaar im irdischen Jammerthale glücklich sein kann. Curd arbeitete mit Lust und Liebe. Was er anfaßte, glückte ihm und somit überlassen wir ihn getrost seinem Schicksale, das ihn in seinen Werken und in seinen Kindern segnete.

Von Victor und Fanny kann man fast dasselbe sagen, nur daß sich in diesem der Ehrgeiz mächtig zu regen begann, als er sich aus dem Strudel seiner Erfahrungen in den Hafen eines ehelichen Glückes gerettet hatte.

Sein Wirkungskreis erweiterte sich von Jahr zu Jahr. Bald war er die rechte Hand seines Fürsten und der Glanz des Hauses Bessano trat durch ihn in ein neues Stadium.

Den Verkauf seines Vaterhauses hatte er ohne Schwierigkeit rückgängig gemacht. Dort residirte er mit seiner Gattin Fanny und mit seinem Stiefsohne Arnold bis an seines Lebens Ende. Er war der liebenswürdigste Ehemann und er hat niemals Veranlassung gefunden, »das Romanen-Elend«, welches, nach Graf Valerian's Ausspruch, dessen Ehe mit Fanny zur Hölle gemacht hatte, kennen zu lernen. In innigster Harmonie, verbunden durch eine leidenschaftliche Zärtlichkeit, die der Zeit Trotz bot, widmeten sie sich Beide der Erziehung des wanderlustigen Arnold mit um so größerer Hingebung, da der Himmel ihre Ehe nicht mit Kindern segnete.

Der Gardelieutenant Robert Bessano blieb wie er war. Er avancirte aus Altersschwäche und brachte es bis zum Major.

Bella, die nach der Verheirathung ihrer Schwester Antonie ein bestimmtes Jahrgeld bezog, wobei ihr der Aufenthalt im Herrenhause zu Walbeck, dem Gute Bessano's, freigestellt wurde, wendete sich nach Berlin.

Dort gelang es ihr, eine gute Partie zu machen. Sie heirathete einen ehemaligen Leinwandhändler, der sich ein großes Vermögen erhandelt und erspeculirt hatte, der sich für vornehm hielt und der sich, zu seinem eigenen Erstaunen, rasend in Fräulein Bella verliebte.

Interessanter als Bella's ferneres Ergehen ist jedenfalls dem Leser eine Notiz über das Schicksal des Herrn Eberhard von Espe, die ihm auch nicht vorenthalten werden darf.

Dieser wackere, leider durch Uebereilung auf Irrwege geschleuderte Edelmann lebte still in seiner Burg, eifrig der Pflicht obliegend, die er nach dem Tode des Grafen Valerian übernommen hatte. Er blieb im steten vertraulichen Verkehre mit Victor Bessano.

Sein erstes Zusammentreffen mit Frau Fanny von Espe war peinlich. Allein später, als sie erst Victor's Gattin geworden war, verlor sich die Spannung, die zwischen ihnen herrschte, und zwar hauptsächlich durch die drollige Manier, womit Arnold, der äußerst lustige Bube, ihn als seinen Weihnachtsmann reclamirte.

Der Schleier der Vergessenheit deckte die qualvollen Schmerzen, die Fanny durch ihn hatte erleiden müssen, und in dem Vollgenuß ihres neuen Glückes vergab sie ihm nun, was er ihr Leides gethan. Sie wurden die besten Freunde.

*

Die Zeit verging. Jahr um Jahr schlich dahin. Victor mahnte oftmals den Herrn Eberhard an seine Pflicht, sich wieder zu verheirathen, um das Stammgut seiner Familie zu erhalten.

Ein sonderbares Lächeln war dann jedes Mal die ganze Antwort desselben.

Dabei blieb er stattlich und schön, als könne die Zeit und das Alter seiner Constitution durchaus nichts anhaben. Zehn Jahre waren darüber verflossen.

Da geschah es eines Tages, daß Herr Eberhard in Gala beim Präsidenten Victor Bessano vorfuhr, daß Herr Eberhard mit freudestrahlendem Gesichte in das Zimmer des Herrn Präsidenten trat, an seiner Hand ein reizendes Mädchen, und daß er den Herrn Präsidenten bewegt fragte:

»Wollen Sie erlauben, daß Ihr Mündel, Comteß Margareth v. Espe, mein Weib werde? Sie hat mir gestern gesagt, daß sie mich lieb habe und niemals einen Andern zum Gatten begehre, wie mich!«

Dieser Schritt war also jahrelang mit stiller Beharrlichkeit von Herrn Eberhard vorbereitet, und zwar zu seinem eigenen Glücke.

Aus dieser Verbindung, die trotz des Unterschiedes der Jahre aus wahrhafter Neigung geschlossen wurde, entsprang endlich eine neue kräftige Stammlinie des Hauses Espe.

Es wimmelte sehr bald von männlichen Sprößlingen auf der Espenburg, und Görrink, jetzt wohlbestallter Wirthschafts-Inspector der reichen Besitzung, war der treueste Freund des neuen aufblühenden Geschlechtes.

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