Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Luise Reinhardt >

Novellen. Dritter Band. Die Maske des Reichthums

Luise Reinhardt: Novellen. Dritter Band. Die Maske des Reichthums - Kapitel 10
Quellenangabe
authorErnst Fritze
titleNovellen. Dritter Band. Die Maske des Reichthums
publisherCarl Rümpler
year1863
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171121
Schließen

Navigation:

Neuntes Capitel.
Aufklärungen.

Wenn sich aufregende Ereignisse in einem kurzen Zeitraum zusammengedrängt haben, so tritt nach der Beseitigung derselben eine gewisse Lahmheit des Geistes und eine Schläfrigkeit der Seele ein.

Diese Erfahrung bestätigte sich bei den jungen, lebenskräftigen Männern des Bessano'schen Hauses, als endlich die seltsamen Beunruhigungen zu Ende waren.

Nach der Abreise der Frau v. Espe war zuerst ein sehr lebhafter Austausch ihrer verschiedenen Ansichten und Meinungen über den Vorfall sowohl, als über die Persönlichkeit dieser Dame erfolgt, dem sich die einstimmige Beurtheilung anschloß, daß Graf Valerian der entsetzlichste Egoist gewesen sein müsse, um ein so begabtes, liebenswürdiges und dabei schönes Weib seinen habsüchtigen Zwecken zu opfern.

Das Interesse solcher Discussionen verschwindet jedoch nach mehrmaliger Wiederholung, und da das Wiederfinden des kleinen Arnold bei alledem ein unzulösendes Problem blieb, so verlor sich die Lust, darüber zu sprechen.

Die Tage verflossen. Das alte Jahr neigte sich zu Ende. Victor saß oft einsam in seinem Hause und fand das Leben merkwürdig öde und schaal. Er verbrachte stundenlang damit, sich die Begebenheiten der letzten Monate seines Daseins zurecht zu legen, um daraus moralische Betrachtungen zu ziehen. Ein Schicksalsfaden schien sich durch seine Erlebnisse zu winden und seine Zukunft mit derjenigen seines Bruders zugleich zu bestimmen. Dann schweifte er auch immer wieder zu den Grübeleien über das Verschwinden und Wiedererscheinen Arnold's über und kam auf seinen alten Verdacht zurück, daß Graf Valerian mit Hülfe seines Jägers Görrink diesen Streich vollführt haben müsse, weil er der einzige Mensch auf Gottes Erdboden wäre, der Vortheil davon hätte haben können. Es erkältete ihn einigermaßen gegen den Grafen, der, trotz seiner Charakterfehler seine ganze Theilnahme gewonnen hatte, und er verzögerte geflissentlich seine Abreise nach Espenberg von Tag zu Tag, obwohl er eine beschleunigte Rückkehr versprochen hatte.

Selbst die Behauptung, daß ein Brief an ihn verloren gegangen sei, gewann eine Bedeutung für ihn, die freilich nur ein Jurist, der mit allen Finessen eines gut angelegten Intriguenstückes bekannt zu sein glaubt, ausfinden konnte. Graf Valerian spielte mit seinem Jäger Görrink unter einer Decke, so glaubte wenigstens Victor. Natürlich hatte Görrink seinem Gebieter sogleich mitgetheilt, weshalb Bessano gekommen sei und um die Rolle eines froh Ueberraschten spielen zu können, mußte der Brief erlogen werden.

Es paßte Alles ganz vortrefflich und Herr Victor Bessano war sehr bald in der Ueberzeugung festgeritten, daß Graf Valerian von Espe zuerst mit Energie seinen Vorsatz, »den Herrn Eberhard von Espe von der Erbfolge auszuschließen,« dennoch auszuführen beschlossen und zu diesem Behufe seinen kleinen Sohn der widerstrebenden Mutter hatte rauben lassen, daß er aber durch den schnellen Verfall seiner Gesundheit andern Sinnes geworden sei und, aufgerüttelt aus seinem Egoismus, diese Gelegenheit, ganz schauspielermäßig, benutzt habe, um den Knaben seiner Mutter wieder zurückzugeben. Daß Görrink die Hand im Spiele haben mußte, verstand sich von selbst. Dafür sprach auch dessen sichtliche Betroffenheit beim ersten Erblicken des gefürchteten Gastes.

*

Mittlerweile war das neue Jahr ins Leben getreten. Frau von Espe hatte einen liebenswürdigen Brief geschrieben. Curd war nach dem Gute abgegangen, um seine erste landwirthschaftliche Thätigkeit zu entwickeln und Lieutenant Robert fuhr, trotz der grimmigen Kälte, viel spazieren im Schlitten.

Da ereignete es sich eines Tages, als Victor sehr fleißig über den Acten saß, daß der Postbote ihm einen schwarz gesiegelten Brief hereinreichte.

Betroffen besichtigte der junge Mann denselben.

»Ein Wappen? Schwarz gesiegelt? Graf Valerian!«

Mit diesen Worten riß er rasch das Couvert auf.

Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen. Graf Valerian war todt. Der Brief war von dem neuen Schloßherrn von Espenberg, Herrn Eberhard, und lautete:

»Wohlgeborener, hochverehrter Herr!

Es hat Gott gefallen, am ersten Weihnachtsfeiertage, Morgens sechs Uhr, meinen Vetter, den Grafen Valerian von Espe, von diesem Leben abzurufen – –«

Victor unterbrach sich, indem er schmerzlich bewegt die Hände zusammenschlug. »Am ersten Weihnachtstage schon!« Dann las er weiter:

»Und ich bin gestern hier auf der Espenburg eingetroffen, um, den Familiensatzungen gemäß, die Güter, in Ermangelung eines legitimen Sohnes meines verstorbenen Vetters, in Besitz zu nehmen.

Unter den Papieren des Grafen Valerian von Espe, die zufolge seines sprichwörtlich gewordenen Leichtsinns ziemlich ungeordnet waren, fand sich ein Testaments-Entwurf vor, in welchem darauf hingedeutet wurde, daß er Sie zum Vormund seiner hinterlassenen Töchter und zum Verwalter seines Allodialvermögens zu ernennen wünsche; allein da dieser Willens-Erklärung jede Rechtsgültigkeit fehlt, so ist sie so gut, als nicht vorhanden zu betrachten. Dies bringt, bei der Unordnung in seinen Büchern, den kleinen Gräfinnen großen Schaden, wenn wir nicht von vornherein die Sache kräftig anfassen. Es würde meinen Charakter verdächtigen, wollte ich eine Betrübniß über den vorliegenden Todesfall erheucheln. Ich habe nie mit meinem Vetter Valerian sympathisirt und habe ihn seit dreiundzwanzig Jahren nicht gesehen. Er hat eine Annäherung meinerseits vor Jahresfrist, wo seine gute Frau noch lebte, schnöde abgewiesen und hat sich geflissentlich in eine gehässige Stimmung gegen mich hineingelebt, obwohl ich ihm nie etwas zu Leide gethan habe. Es wäre Manches anders geworden, wäre Vetter Valerian mehr seinem angebornen guten Herzen, als seinen anerzogenen schlechten Neigungen, die auf Eitelkeit und Flattersinn basirten, gefolgt, und es thut mir unendlich weh, daß dadurch die Töchter einer grundguten, liebenswürdigen Frau, wie die Gräfin Meta war, leiden sollen. Wenn Sie, mein Herr, sich mit mir vereinen, so kann es uns gelingen, das nachzuholen, was Graf Valerian, der Vater dieser lieblichen vier Mädchen, unverantwortlich versäumt hat. Dazu ist vor allen Dingen nöthig, daß Sie mir entweder Ihre Vormundschaft übertragen, oder mich zum Nebenvormund erklären. Ihre Beziehungen zum Grafen Espe scheinen sehr vertraulicher Art gewesen zu sein und ich erkenne sehr wohl, daß es Ihnen nicht angenehm sein kann, die festgesetzten Pläne zur Erziehung der jungen Gräfinnen umgestoßen zu sehen, aber meine erste Bedingung als Vormund der Kinder würde sein, »daß dieselben nicht aus dem Hause ihrer Ahnen entfernt, sondern unter meiner väterlichen Leitung daselbst erzogen würden!«

Diese Bedingung steht allerdings derjenigen meines verstorbenen Vetters geradezu entgegen, der da fordert, seine Töchter sollten in Ihrem Hause, unter Ihrer Obhut gebildet werden. Um uns darüber zu einigen, müssen wir uns sprechen, und ich verkünde Ihnen hiermit, daß ich diesem Briefe auf dem Fuße folgen werde.«

Ueberraschter hat gewiß noch nie ein Mensch ausgesehen, als Victor Bessano nach Lesung des Briefes des Herrn Eberhard von Espe. Zweifelnd an seinen eigenen Sinnen, las er mit geschärfter Aufmerksamkeit den Brief von Neuem, um sich zu überzeugen, daß er nicht irre, wenn er in demselben ein edles Selbstbewußtsein und eine Seelengröße zu entdecken glaubte, die er niemals von dem Manne erwartet haben würde, welcher durch des Grafen Schilderungen erniedrigt worden war.

»Und er folgt diesem Briefe auf dem Fuße nach,« murmelte der junge Mann, die letzten Zeilen nochmals mit den Augen überfliegend. »Ich kann ihn also schon morgen, vielleicht schon heute erwarten? Da bin ich doch neugierig!«

Der junge Herr mußte jedoch seine Neugier bis zum dritten Tage unbefriedigt ertragen. Erst da ereignete es sich, daß sein Diener auf der Thürschwelle erschien und Herrn von Espe aus Espenberg meldete.

Gespannt hingen Victor's Blicke an der Thür, in die Herr Eberhard eintreten mußte.

Seine Spannung löste sich in ein bewunderndes Staunen, als der Edelmann in der vollsten Eleganz seines Standes und seines Reichthums vor ihm stand und das blonde Haupt, mit einem verlegenen Lächeln, tief vor ihm neigte.

»Das sollte also der Pavian, der Orangutang der Familie Espe sein?« fragte sich Victor im ersten Momente, während er im zweiten sichtlich betroffen dachte: »Wo habe ich diese imponirende Gestalt, dies männlich schöne Gesicht, das einem Herkules Ehre machen würde, schon gesehen?«

Herr Eberhard von Espe richtete den Blick freundlich auf Victor.

Das Gemisch von Staunen, Bewunderung und nachdenklichem Besinnen prägte sich deutlich in den Zügen desselben aus und es vermehrte sich noch, als Eberhard ihm die Hand darbot und mit seiner tiefen, klangvollen Stimme fragte:

»Sie erkennen mich nicht? Nun wohl, Herr Bessano, um so sicherer kann ich darauf rechnen, daß Sie mir glauben, wenn ich Ihnen betheure, nicht Furcht, sondern Reue, herzinnige Reue hat mich angetrieben, Sie schleunigst aufzusuchen.«

»Ich verstehe Sie nicht; mein Herr,« erwiederte Victor, mit einer Handbewegung zum Sitzen einladend, »allein die Gründe meiner stillen Bewunderung liegen vielleicht in gang andern Dingen, wie Sie zu vermuthen Veranlassung haben.«

Herr Eberhard nahm Platz, während er antwortete:

»Und wenn ich die Gründe dennoch wüßte? Ich entspreche durchaus dem Bilde nicht, das Vetter Valerian von mir entworfen hat?«

»Wovon wissen Sie das?« rief Victor frappirt.

»Von Görrink,« war Eberhard's gemüthliche Antwort.

Victor wiederholte kopfschüttelnd diesen Namen. Eberhard musterte seine Mienen.

»Haben Sie nicht gewußt, daß Görrink mein Vertrauter war?« fragte er treuherzig. »Ich dächte doch, es lägen mancherlei Wahrzeichen vor, daß Ihnen dies nicht fremd blieb.«

»Da sind Sie im Irrthume!« fuhr Victor auf. »Niemals habe ich an die Möglichkeit dieses geheimen Verhältnisses gedacht. Niemals!«

»Und doch haben Sie mit einem Verdachte den Burschen in Schrecken gejagt?« meinte Eberhard, aber seine Stimme klang weniger hell und freimüthig als zuvor.

Victor wußte sogleich, was Eberhard damit sagen wollte, aber den Zusammenhang faßte er noch nicht.

»Ja so! Der Verdacht wegen des geraubten Knaben? Stellt das aber nicht eher ein vollkommenes Einverständnis; mit dem verstorbenen Grafen heraus? In seinem Interesse hat er den Knaben gestohlen.«

»Sie thun dem Grafen und dem Jäger Unrecht! Ich selbst habe das Kind entführt, ich selbst habe ihn verborgen gehalten, damit er nicht vom Grafen zu meinem Schaden benutzt werden konnte. Ich glaubte, Sie wären mir auf der Spur. Um Ihnen das Eingeständniß meiner Schuld zu bringen, bin ich eigends hergekommen.«

Victor saß sprachlos vor Schreck. Dann rollte es sich wie Nebel von seinem Begriffsvermögen.

»Sie? Sie? Ha – der Mann in Peberg! Der Waldhüter in Espenberg – der Weihnachtsmann in den Siebenmeilenstiefeln, welcher den Knaben von der Waldhütte fortgetragen, während ich glaubte, er trage ein gestohlenes Reh –«

»Und dies Spieldöschen im Posthause,« ergänzte Herr Eberhard, indem er den modellirten Jagdhund hervorholte, an einer der flach aufliegenden Pfoten drückte, worauf eine zephyrartige Musik begann und das Piedestal sich langsam aufschob. »Dies kleine Kunstwerk, das dem Herrn von Espe gehörte, wie man Ihnen verrathen hatte, mußte eines Tages zur Entdeckung führen, denn es war meinem kleinen Gefangenen das liebste Spielwerk gewesen!«

Victor hielt nachdenklich die Attrape in der Hand.

»Allerdings,« sagte er leise. »Diese reizende Spielerei würde ich nach Jahren wieder erkannt haben und die unvollkommenste Schilderung Arnold's hätte mich darauf zurückgeführt. Wie wunderbar, daß ich dies finden mußte!«

»Sie sehen, Herr Bessano,« fiel Eberhard mit traurigem Lächeln ein, »ich habe mich schwer versündigt! Es ist gewiß die unverzeihlichste Selbstsucht, Handlungen zum eigenen Vortheile zu begehen, ohne den Schmerz einer Mutter zu berücksichtigen. Ich kann mir dies nie verzeihen und andere Menschen müssen mich deshalb verachten! Haben Sie wirklich bis jetzt nicht an mich gedacht bei diesem Ereignisse?«

»Nicht mit einem leisen Gedanken, Herr v. Espe!« betheuerte Victor sichtlich erschüttert. »Wir glaubten Sie in Hamburg hinlänglich gut situirt, um diese Erbschaftsangelegenheit so lange ignoriren zu können, bis Ihre Zeit kommen würde! Graf Valerian sprach wiederholt von Ihrer brillanten Lebensstellung dort, der Sie freilich durch das Majorat eine Krone aufzusetzen nicht abgeneigt seien.«

Herr Eberhard bewegte unter trübem Ernste seinen Kopf sehr abwehrend.

»Maske – nichts als Maske, mein Herr! Ich habe vergeblich gerungen nach Glück. Es ist mir bis dahin beharrlich ausgewichen. Ich bin seit acht Monaten Wittwer und bin seitdem auf das letzte Geld angewiesen gewesen, welches sich in der Chatulle meiner verstorbenen Gattin vorgefunden hatte. Ich habe meine Frau sehr lieb gehabt. Sie war das einzige Kind eines jüdischen Banquiers und trat aus Liebe zu mir zum Christenthume über. – Ueberfluß umgab uns in unserer Ehe, doch ich selbst war nicht Herr eines Schillings, wenn meine Frau ihn nicht für mich von ihren Eltern forderte. Ich wirkte im Geschäfte meines Schwiegervaters, wie nur ein Mann dort mit Erfolg zu wirken vermag. Was half es mir? Ich erhielt kein Salair, sondern aß das Gnadenbrod der Familie Jasser. Meiner Gattin zu Liebe ertrug ich Alles. Als sie todt war, löste ich die Fesseln und ging fort aus Hamburg. Ich stand wieder allein. Kinder habe ich nie gehabt. Zwischen den Eltern meiner verstorbenen Frau und mir herrschte niemals die geringste Sympathie. Als ich in meine Heimath kam, hörte ich, daß die Gräfin Meta selbst Schritte gethan habe, um den Sohn aus ihres Gatten erster Ehe majoratsfähig zu machen. Ich schrieb an sie. Graf Valerian antwortete für sie und verbat sich jede Annäherung. Erwägen Sie, was ich empfinden mußte, als ich vernahm, daß Sie die Vermittlung zwischen Fanny Espe und dem Grafen übernehmen wollten! Ich erlag der Versuchung, ohne die furchtbaren Folgen meiner Selbstsucht zu prüfen!«

Eine drückende Stille trat ein, da Victor, in Gedanken verloren, nichts auf diese Selbstanklage antwortete. Eberhard brach nach langer Pause das Schweigen, indem er, unter tiefem Athemzuge, sagte: »Sprechen Sie Ihre Verachtung lieber unverhohlen aus, mein Herr! Ihr verächtliches Schweigen ertrage ich nicht länger!«

Victor richtete sich schnell aus seiner sinnenden Stellung auf und antwortete bewegt:

»Ich – Sie verachten? Dazu hätte ich am wenigsten Recht, denn ich hatte schon denselben Weg vermessener Selbstsucht betreten, als der Zufall oder die Vorsehung die Verwirrung meiner Begriffe von Lebensphilosophie in das rechte Licht stellte und mir den Anker zur Rettung und der Selbsthülfe zeigte. Nein, Herr von Espe, wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollten, also habe ich das Recht zum Tadel gründlich verwirkt.«

»Wie geht es der Frau von Espe?« fragte, nun ruhiger, Herr Eberhard. »Sie kann mir nie verzeihen, was ich ihr Böses zugefügt habe.«

»Wahrscheinlich hat die liebenswürdige Frau Ihnen schon verziehen!« sprach Victor heiter aufblickend, »denn sie schreibt mir im letzten Briefe, daß sie mir streng verbiete, irgendwie Nachforschungen über die Täterschaft des Kinder-Raubes anzustellen, sonst würde sie in die Verlegenheit kommen, sich bei dem fraglichen ›Weihnachtsmann‹ noch speciell dafür bedanken zu müssen, denn ihr Sohn sei unendlich viel artiger, gehorsamer und liebenswürdiger wieder gekommen.«

Eberhard fuhr schnell mit der Hand über seine Stirn und seine Augen.

»O dies Kind, mein Herr, dies Kind mit seiner himmlischen Fröhlichkeit, mit seiner unschuldigen, treuherzigen Zärtlichkeit – dies Kind hat mich gelehrt, welch' göttliches Gefühl es ist, für Kinder zu sorgen und ihnen jede Bequemlichkeit des Lebens zu opfern. Sehen Sie hierin die Grundlage meiner in meinem Briefe ausgesprochenen Bitte. Ich habe vier liebliche Waisen gefunden. Ein Tag hat hingereicht, um sie mir unaussprechlich theuer zu machen. Ermessen Sie daran, wie entsetzlich es mir sein würde, diese kindlichen Gestalten von der Espenburg scheiden und mich der drückendsten Einsamkeit in den weiten Räumen überantwortet zu sehen. Gestatten Sie, daß die Comtessen unter meiner Obhut bleiben – bei Gott, ich werde meine Pflicht als väterlicher Freund auf's Redlichste erfüllen.«

»Sie sind weit großmüthiger, als Graf Valerian Sie mir geschildert hat.«

»Vetter Valerian war ein weltlicher, oberflächlicher Mensch, der sich selbst am meisten geliebt und seine guten Eigenschaften, wie jener Mann das Pfund, womit er wuchern sollte, vergraben hat. Seine vorgefaßte Meinung gegen mich ging so weit, daß er sich tadelnswerther Ungerechtigkeiten schuldig machte, die sich bis auf mein Aeußeres erstreckten.«

»Das muß ich bestätigen!« fiel Victor lächelnd ein. »Er nannte Sie den Pavian der Familie Espe!«

Herr Eberhard lachte herzhaft.

»Sie müssen wissen,« erklärte er dann, »daß ich als zwölfjähriger Bursche ein furchtbar langer, magerer Kerl mit entsetzlich großen Händen und Füßen gewesen bin. Valerian hat sich aber nie die Mühe genommen, danach zu fragen, ob sich diese Uebelstände nicht ausgeglichen haben könnten, und ist selig in der Ueberzeugung entschlafen, mich dereinst als denselben dünnbeinigen Jungen in jener Welt begrüßen zu können, der ich im zwölften Lebensjahre war.«

»Gottlob,« scherzte Victor, »er irrte sich über Ihr Aeußeres in demselben Maße, wie über Ihr Inneres. Ich trete Ihnen getrost meine kleinen Damen, denen ich eigentlich doch nur ein kalter und fremder Vormund geblieben sein würde, recht gern ab und bedinge mir nur die Erlaubniß, Sie alljährlich einmal in Espenburg besuchen zu dürfen, um zu sehen, wie unsere gräflichen Sprößlinge gedeihen!«

Unter der sich entwickelnden gegenseitigen Vertraulichkeit war es wohl natürlich, daß an den Abschied für diesen Tag gar nicht gedacht und der nächste Tag erst mit Widerstreben als der bezeichnet wurde, wo Herr Eberhard von Espe nach der Espenburg zurückkehren wollte.

Die beiden Männer schieden mit aufrichtigen Freundschaftsversicherungen von einander. Beide waren überzeugt, daß die Zeit zwischen ihnen ein Band weben würde, das den Stürmen des Lebens Trotz zu bieten im Stande sei.

Kaum war der Wagen des Herrn von Espe aus Victor's Augen verschwunden, so tönte ein Schellengeläute von der andern Seite daher und Curd, der eifrige Landwirth, sprang rüstig aus seinem Schlitten, dem schauenden Bruder fröhlich zunickend.

Victor, der so eben noch darüber in Zweifel, wie er die Aufklärung des Kinderraubes, die dem Grafen Valerian vollständig entsühnte, zugleich mit der Nachricht vom Tode des Grafen an Frau Fanny von Espe gelangen lassen solle, faßte unverzüglich einen Entschluß, zu welchem seine Sehnsucht nach dieser Dame wohl einen bedeutenden Theil beitragen mochte.

»Was meinst Du, Curd!« rief er seinem eintretenden ganz braun gefrornen Bruder gut gelaunt entgegen, »was meinst Du zu einer Schlittenpartie nach Peerau?«

»Ein etwas sibirisches Vergnügen,« war Curd's Antwort. »Aber ich bin dabei, vorausgesetzt, daß Du mir Antoniens Anblick verschaffst! Wann fahren wir?«

»Morgen früh. Dann sind wir gegen Abend da, weil wir jetzt über den gefrornen Fluß kommen können.«

»Bon! Sorge nur für Pelze! Des seligen Papas Garderobe wird dergleichen hinlänglich und ganz entsprechend aufweisen.«

»Es ist eigentlich zu früh,« warf Curd nach einer Weile hin, während Victor mit brüderlicher Zärtlichkeit den Sessel zum Ofen rollte und seinen Bruder mit sanfter Gewalt hineindrückte.

»O, wir haben einen Vorwand, Curd!« antwortete er vergnügt. »Der Graf Valerian ist todt und der Missethäter ist entdeckt!«

Er erzählte eiligst, was passirt war.

»Sehr gut! Da können wir schon 'mal eine Brautfahrt wagen. Weiter aber nichts, Victor! Verstehst Du! Erst schaffen, dann freien! Du sollst sehen, die Geschäfte, gehen vortrefflich. Ich bringe unser Gut innerhalb zwei Jahren bis zum doppelten Werthe. Da sind Wiesen zu drainiren, die ungeheuer werthvoll werden. Da sind Angerflächen urbar zu machen, worauf das Korn wie Heu wachsen wird. Genug, ich mache etwas aus dem Dinge. Vorläufig muß uns der Wald unter die Arme greifen. Ich habe Euch Vorlagen dieserhalb zu machen, die Ihr erst genehmigen sollt. Danach löse ich gegen 7000 Reichsthaler daraus zu unserm nächsten Bedarf.«

»Vortrefflich! Und ich, mein guter Curd, ich habe die zuverlässige Aussicht, binnen kurzer Zeit Rath zu werden. Reisen wir in Gottes Namen nach Peerau!«

»Apropos! Mit oder ohne den Gardelieutenant?« fragte Curd lächelnd.

Victor dachte nach. »Ich dächte, wir verheimlichen ihm unsere Brautfahrt. Sein Scherz würde sie profaniren!«

*

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.