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Novellen der Antike

Théophile Gautier: Novellen der Antike - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorTheophile Gautier
titleNovellen der Antike
publisherArtur Wolf Verlag
seriesRomanische Meisternovellen
volume2
year1925
translatorWilhelm Löwinger
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060219
projectid2bd69268
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II

Charmion hatte die Empfindung, ihre Herrin wolle vertraulich mit ihr sein. So machte sie denn eine Miene schmerzlicher Zustimmung und näherte sich ihr.

»Ich langweile mich zum Sterben,« sagte Kleopatra, indem sie wie entmutigt und besiegt ihre Arme sinken ließ; »dieses Land vernichtet und zermalmt mich; dieser Himmel mit seinem unversöhnlichen Azur ist trauriger als die tiefe Nacht des Erebus. Niemals eine Wolke! Nie ein Schatten, immer nur diese rote, blutige Sonne, die einen anstarrt wie das Auge eines Zyklopen! Weißt du, Charmion, ich gäbe für jeden Regentropfen eine Perle. Aus dem glühenden Augapfel dieses Bronzehimmels ist noch keine einzige Träne auf die Verzweiflung dieses Landes gefallen; dieser Himmel ist ein großer Sargdeckel, das Riesengewölbe einer Totenstadt, er selbst ist tot und dürr wie die Mumien unter ihm. Er drückt auf meine Schultern wie ein allzu schwerer Mantel; er belästigt und quält mich. Es kommt mir vor, als ob ich mich nicht ganz gerade aufrichten kann, ohne mir die Stirn an ihm wund zu stoßen. Und dann ist dieses Land wirklich ein schauderhaftes Land; alles ist hier so düster, rätselhaft, unverständlich! Die Einbildungskraft bringt hier nur ungeheure Chimären und wahnwitzig-maßlose Bauten hervor. Diese Architektur und diese Kunst jagen mir Angst ein. Diese Kolosse, deren aus dem Felsengrund herausgehauene Füße sie dazu verurteilen, bis in alle Ewigkeit, die Hände auf die Knie gelegt, sitzenzubleiben, ermüden mich in ihrer stumpfsinnigen Regungslosigkeit, sie verringern mir die Aussicht und tun meinen Augen wehe. Wann wird der Riese kommen, der sie bei der Hand nimmt und sie aus zweitausendjähriger Erstarrung erlöst? Der Granit selbst muß ihrer ja satt sein! Welchen Herrn erwarten sie denn, um den Berg zu verlassen, der ihnen zum Sitzen dient, und sich zum Zeichen der Achtung zu erheben? Welche unsichtbare Herde hüten denn diese großen hingekauerten Sphinxe, die Wächterhunden gleichen und die nie ein Auge schließen, sondern stets auf der Lauer sind? Weshalb starren sie mit ihren Steinaugen so unverwandt in die Ewigkeit und ins Unendliche? Welches rätselhafte Geheimnis wohnt hinter ihren aufeinandergepreßten Lippen in ihrer Brust? Zur Rechten, zur Linken, wohin man auch sehen mag, nichts als scheußliche Ungetüme, Hunde mit Menschenköpfen, Menschen mit Hundeköpfen, Chimären, die der Paarung grauenhafter Fratzengestalten ihr Dasein verdanken, Sperber mit gelben Augen, die einem mit ihren durchdringenden Blicken Pfeile ins Herz bohren und Dinge zu schauen scheinen, die niemand jemals sah; – eine Familie von abstoßenden Tieren und Göttern mit Schuppenflügeln, hakigem Schnabel, spitzen Klauen, stets bereit, einen zu packen und zu verschlingen, wenn man die Schwelle des Tempels überschreitet und den Vorhang des Heiligtums aufhebt.«

»Auf den Mauern, auf den Säulen, auf den Decken und Simsen, auf den Palästen und Tempeln, in den Hallen, in den allertiefsten Brunnen der Totenstädte, bis in die Eingeweide der Erde hinab, wohin kein Lichtstrahl mehr dringt, wo die Fackeln an der schlechten Luft ersticken, überall und immer endlose Reihen von Hieroglyphen, gemeißelt und gemalt, die in einer unverständlichen Sprache Dinge erzählen, die man längst vergessen hat und die ohne Zweifel versunkenen Welten angehörten; eine nutzlose, halb vergrabene Verschwendung, bei der sich ein ganzes Volk angestrengt hat, um die Grabschrift eines Königs hervorzubringen! Ein granitenes Geheimnis: das ist Ägypten! Wahrlich, ein schönes Land für ein junges Weib und eine junge Königin!«

»Nichts zu sehen denn drohende, düstere Symbole, Dreiecke, Taus, allegorische Erdkugeln, ineinander verbissene Schlangen, Wagen, auf denen Seelen gemessen werden, – das Ungekannte, kaum Geahnte, der Tod, die Vernichtung! Anstatt Gewächsen Grabstellen mit bunten Fratzen bemalt; anstatt Baumreihen granitene Obeliskengänge; der Fuß wandelt auf Granitquadern, die ganze Gebirge bildeten; und anstatt des Himmels Granitdecken: eine steinerne Ewigkeit, ein bitterer und immerwährender Hohn auf die Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit des Lebens! Stufen, die für die Tritte von Titanen gemacht scheinen, die ein Menschenfuß kaum mit Leitern ersteigen kann; Säulen, die zu umspannen hundert Arme nicht ausreichen, Labyrinthe, in denen man ein Jahr lang vergeblich den Ausgang suchen würde! Der Abgrund des Unendlichen, der Wahnwitz des Riesenhaften, der entfesselte Hochmut des Übermäßigen, der durchaus der Oberfläche der Erde sein Siegel aufdrücken will!«

»Und dann, Charmion, ich sage es dir, habe ich einen Gedanken, der mir Angst erregt. In den anderen Gegenden der Erde verbrennt man die Leichen und ihre Asche vermengt sich alsbald mit dem Staube. Hier aber haben die Lebenden fast keine anderen Sorgen, als die Toten zu erhalten; mit Ralsam und Krautern ringt man die Leichname der Verwesung ab, sie bewahren ihr Aussehen und ihre Gestalt. Ist die Seele verhaucht, so bleibt die Hülle über, und unter diesem Volke gibt es zwanzig Völker. Jede Stadt ist von zwanzig Totenstädten unterwühlt; jede Generation, die ausgelebt hat, liefert eine neue Mumiengeneration; unter dem Vater findet man den Großvater und den Urgroßvater in ihren gemalten, vergoldeten Särgen, so wie sie im Leben aussahen, und je weiter man nachgräbt, desto mehr kommen zum Vorschein !«

»Wenn ich an diese Unmengen von eingewickelten Totenpuppen, an diese Myriaden von verdorrten Gespenstern denke, die die dunklen Schächte erfüllen und dort seit zweitausend Jahren dahinbrüten, in unabsehbaren Reihen, in nie gestörtem Schweigen, das nicht einmal durch das Bohren und Pochen des Totenwurms unterbrochen wird, und die man nach weiteren zweitausend Jahren in dem gleichen Zustand samt ihren Katzen, ihren Krokodilen, ihren Ibissen und allem, was sonst mit und bei ihnen gelebt hat, finden wird, packt mich ein Schauder und mir will das Blut erstarren. Was murmeln sie einander mit ihren trockenen Lippen zu, falls ihre Seele den Leib, die einstige Wohnstätte, wieder einmal aufsucht?«

»Ägypten ist wahrhaftig ein Reich der Düsternis, und nicht geschaffen, um von mir, der Lachenden und Leichten, beherrscht zu sein. Wohin man auch zielt, überall trifft man schließlich auf eine Mumie. Nach hundert Umwegen: eine Mumie. Man betritt das Innere einer Pyramide und stößt auf einen Sarkophag. Narretei und Nichts in allem. Wie soll man sich in einem solchen Lande freuen, wie hier leben, wo man nur den Geruch von Naphta und Bergharz, das in den Kesseln der Einbalsamierer brodelt, in die Nase zieht, wo der Fußboden des Zimmers hohl klingt, weil die Gänge der Grüfte und Grabkammern sich bis unter die Wohnungen erstrecken? Königin von Mumien zu sein, mit steifen, stummen, starrsitzenden Statuen sich unterhalten zu müssen, wie heiter! Und wenn ich wenigstens, um diese Trübseligkeit zu mildern, irgendeine Leidenschaft im Herzen, irgend etwas, das mich ans Leben erinnerte, hätte, wenn ich irgend jemand oder irgend etwas lieb hätte, wenn ich geliebt würde! aber niemand liebt mich!«

»Siehst du, Channion, darum langweile ich mich; mit der Liebe erschiene mir dieses dürre, verrunzelte Ägypten reizender als Griechenland mit seinen Elfenbeingöttern, seinen Marmortempeln, seinen Lorbeerhainen und seinen rauschenden Quellen. Ich würde dann nicht mehr an diese lächerliche Fratze des Anubis und an die Schrecknisse der unterirdischen Stalten denken.«

Charmion lächelte ungläubig.

»Das braucht dir doch wahrlich keinen Kummer zu verursachen; denn jeder Blick deiner Augen durchbohrt die Herzen wie die goldenen Pfeile Eros'.«

»Kann eine Königin«, fuhr Kleopatra fort, »je wissen, ob eine Liebe ihr oder bloß ihrem Diadem gilt? Die Strahlen ihrer Sternenkrone blenden die Augen und das Herz; stiege ich aber vom Throne herab, wäre ich dann so berühmt und umworben wie Bakchis oder Archenassa oder auch nur die erstbeste athenische oder milesische Buhlerin? Eine Königin, das ist etwas Menschen- und Weltfremdes! Wer ist vermessen genüg, seine Wünsche auf eine solche zu richten? Eine Königin ist kein Weib, das ist eine erhabene, geheiligte Figur, die kein Geschlecht hat und die man auf den Knien verehrt, ohne sie zu lieben, wie eine göttliche Statue. Hat je jemand wirklich nach der schneearmigen Hera, nach der meergrünäugigen Pallas gefiebert? Hat je ein Mann die Silberfüße einer Thetis oder die Rosenfinger Aurorens für seine Lippen ersehnt? Welcher Liebhaber göttlicher Schönheiten hat jemals Flügel bekommen, um in goldene oder himmlische Paläste zu fliegen? Ehrfurcht und Angst versteinern die Herzen in unserer Gegenwart, und um von unseresgleichen geliebt zu werden, müßten wir in die Totenstädte hinuntersteigen, von denen ich eben vorhin gesprochen habe.«

Obgleich die griechische Sklavin den Ausführungen ihrer Gebieterin nicht zu widersprechen wagte, verriet dennoch ein leises Lächeln, das über ihre Lippen huschte, daß sie an diese Unverletzlichkeit und Unnahbarkeit der königlichen Person nicht allzu fest glaubte.

»Ach!« fuhr die Königin fort, »ich wollte, ich erlebte irgend etwas, ein seltsames, noch nie dagewesenes, unerwartetes Abenteuer! Die Gesänge der Dichter, der Tanz der syrischen Sklavinnen, die Rosenfeste, die bis zum Morgengrauen dauern, die nächtlichen Wettkämpfe, die Lakonierhunde, die zahmen Löwen, die buckligen Zwerge, die Mitglieder der Brüderschaft der Unvergleichlichen, die Zirkusschlachten, die Schmucksachen und Byssusgewänder, die Perlenketten und Räucherwaren aus Asien, die ausgesuchtesten Speisen und die verschwenderischesten Kleinodien, das alles langweilt, ekelt mich, das alles ist mir lästig, widerlich, unerträglich!«

»Man sieht wohl,« sagte Charmion ganz leise, »daß die Königin seit einem Jahre keinen Geliebten gehabt und niemand umbringen lassen hat.«

Von ihrer langen Rede erschöpft, griff Kleopatra noch einmal nach dem Becher, der neben ihr stand, benetzte ihre Lippen und legte sich dann zurück, um zu schlafen. Charmion nahm ihr die Sandalen ab und begann, ihr die Fußsohlen mit einem Pfauenfederwedel sanft zu streichen; bald hatte der Schlummer die schönen Augen der Schwester des Ptolemäus mit seinem goldenen Staube bestreut.

Während Kleopatra einschlief, ging gerade die Sonne unter. Ein breiter violetter Streifen, gegen Abend stark rötlich gefärbt, nahm den ganzen unteren Teil des Himmels ein; als die violette Farbe die Azurzonen traf, zerschmolz sie in hellem Lila und löste sich endlich über ein lichtes Rosa in Blau auf. Gegen Osten, zur Sonne hin, die rot glühte wie ein aus Vulkanus' Esse kommender Schild, geht die Färbung des Himmels in ein blasses Zitronengelb über, und es kommen Türkisentöne heraus. Das schief bestrahlte Wasser hat den matten Glanz eines von der Folieseite betrachteten Spiegels, oder einer damaszierten Klinge; die Krümmungen des Flusses, die Binsen, und alle Unebenheiten des Ufers heben sich scharf und schwarz davon ab.

Unter dem Schütze der dahinsterbenden Helligkeit konnte man weiter entfernt, einem auf Quecksilber gefallenen Staubkorne gleichend, einen kleinen braunen Punkt wahrnehmen, der in einem Netze von Lichtfäden zitterte. War es eine Taucherente oder eine Schildkröte, die sich von der Strömung dahintreiben ließ, oder ein auftauchendes Krokodil, das frische Luft suchte, oder gar der Bauch eines Nilpferdes? Oder war es gar irgendein Felsstück, das aus dem Flusse infolge des gefallenen Wasserstandes zum Vorschein gekommen war?

Nichts von alledem war es. Bei den so glücklich zusammengenähten Stücken Osiris'! es war ein Mann, der auf dem Wasser zu laufen schien ... man konnte bereits den Nachen sehen, der ihn trug, eine wahre Nußschale, bestehend aus drei zusammengebundenen Korkleisten, eine als Boden und zwei als Seitenwände, das Ganze gut verpicht. In diesem Fahrzeug steht ein Mann, einen Fuß auf jedem Rande dieser gebrechlichen Maschine, die er mit einem einzigen Ruder zugleich fortbewegt und lenkt, und ob auch das königliche Schiff durch die Anstrengung von fünfzig Ruderern rasch dahinschießt, kommt ihm die kleine schwarze Barke sichtlich näher.

Der Mann in der Barke aber war schön und jung – etwa zwanzig Jahre alt – und hatte schwar/e, bläulich schimmernde Haare, eine goldgelbe Haut, und einen so ebenmäßigen Wuchs, daß man ihn für eine Bronze des Lysippos hätte halten mögen. Obgleich er schon lange ruderte, zeigte er keinerlei Müdigkeit und auf seiner Stirn war kein Schweißtröpfchen zu sehen.

Die Sonne tauchte unter den Horizont, und auf ihrer bogenförmig ausgeschnittenen Scheibe zeichnete sich die braune Silhouette einer fernen Stadt ab, die das Auge ohne dieses Lichtspiel niemals hätte wahrnehmen können. Plötzlich war die Sonne verschwunden, und die Sterne, die Geliebten der Nacht, öffneten ihren Goldkelch auf dem Azur des Himmelsgewölbes. Das königliche Schiff, dem die Nußschale dicht nachfolgte, hielt bei einer schwarzen Marmortreppe, auf deren jeder Stufe eine jener von Kleopatra so gehaßten Sphinxe stand. Es war der Landungsplatz des Sommerpalastes.

Kleopatra, auf Charmion gestützt, schritt rasch wie eine glänzende Erscheinung zwischen einer doppelten Schutzmauer fackelhaltender Sklaven die Stufen empor.

Der junge Mann nahm vom Boden seines Fahrzeugs ein großes Löwenfell an sich, das er über die Schultern warf, sprang geschickt an Land, zog das Schiff lein nach und ging dem Palaste zu.

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