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Novellen der Antike

Théophile Gautier: Novellen der Antike - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
authorTheophile Gautier
titleNovellen der Antike
publisherArtur Wolf Verlag
seriesRomanische Meisternovellen
volume2
year1925
translatorWilhelm Löwinger
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060219
projectid2bd69268
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III

Tags darauf nahm Kandaules seinen Leibwachebefehlshaber wiederum beiseite und setzte das im Säulengang der Herakliden begonnene Gespräch fort. Da er der Verlegenheit, seinen Wunsch zu äußern, bereits enthoben war, eröffnete er sich seinem Vertrauten rückhaltslos, und hätte ihn Nyssia hören können, sie hätte ihm seine eheliche Unvorsichtigkeit in Anbetracht der begeisterten Lobreden, die er ihren Reizen hielt, vielleicht verziehen.

Gyges hörte all diese Überschwänglichkeiten mit der etwas gezwungenen Miene eines Mannes an, der noch nicht weiß, ob der andere nicht einen lebhafteren Enthusiasmus zum Ausdruck bringt, als er wirklich empfindet, um ein zweifelndes Vertrauen zum Entschlusse herauszufordern. Kandaules schien dies auch zu merken, denn er sagte in einigermaßen gekränktem Tone:

»Ich sehe, Gyges, daß du mir nicht glaubst. Du scheinst anzunehmen, daß ich prahle oder daß ich mich gleich einem plumpen Bauer von irgendeiner derben Magd, auf deren Wangen Hygiea die Röte der kraftstrotzenden Gesundheit hervorgezaubert hat, blenden ließ. Wahrhaftig nein, bei allen Göttern! ich besitze einen lebenden Garten, die schönsten Blüten Asiens und Griechenlands; seit Dädalus, dessen Statuen sprechen und gehen konnten, kenne ich alles, was die Kunst der Bildhauer und Maler hervorgezaubert hat. Linus, Orpheus, Homer haben mich die Harmonie und den Rhythmus gelehrt; meine Augen sehen nicht durch die Binde der Liebe. Ich urteile mit kaltem Blute. In meiner Bewunderung ist kein Feuer der Jugend, und wäre ich auch so hinfällig, so verlebt, so verrunzelt wie Tithon, meine Meinung wäre ganz die gleiche. Aber ich verzeihe dir deine Ungläubigkeit und deinen Mangel an Begeisterung. Um mich zu verstehen, mußt du Nyssia im Strahlenglanze ihrer blendenden Schönheit, ohne verbergende Schatten, ohne neidische Hüllen sehen, mußt du sie so erblicken, wie die Natur sie in einem ganz besonders begnadeten Augenblick, der nicht mehr wiederkehren wird, geschaffen hat. Heute abend werde ich dich in einem Winkel des Ehegemachs verstecken ... Du sollst sie sehen!«

»0 Herr, was begehrst du von mir?« erwiderte der junge Krieger mit ebensoviel Ehrerbietung wie Entsetzen. »Wie kann ich es wagen, aus dem Hintergrunde meines Staubes, aus dem Abgrunde meines Nichts, die Augen zu dieser Sonne an Vollkommenheit zu erheben, ohne Gefahr zu laufen, für mein ganzes übriges Leben geblendet zu sein? Erbarme dich deines demütigen Dieners, zwinge mich nicht zu einer allen Grundsätzen der Tugend derartig zuwiderlaufenden Tat. Niemand soll das sehen, was nicht sein ist. Du weißt es, die Unsterblichen bestrafen stets die Unvorsichtigen oder Verwegenen, die sie in ihrer göttlichen Nacktheit überraschen. Ich glaube dir, daß Nyssia die schönste der Frauen, daß du der glücklichste Gatte und Liebende bist; Herakles selbst, dein Ahnherr, mag wohl nichts besessen haben, was deiner Königin gleichkam. Wenn du, der Fürst, den die gefeiertsten Künstler um Rat und Meinung fragen, sie für unvergleichlich hältst, was gilt dir die Ansicht eines gewöhnlichen Kriegers, wie ich einer bin? Verzichte auf diese Laune, die, ich wage es zu sagen, der königlichen Majestät nicht würdig ist und die du nach ihrer Befriedigung bereuen wirst.«

»Höre, Gyges,« entgegnete Kandaules, »ich sehe, du mißtraust mir. Du glaubst, ich will dich auf die Probe stellen. Aber ich schwöre dir bei der Asche des Scheiterhaufens, aus der mein Ahnherr als Gott emporstieg, daß ich offen und ohne Hintergedanken spreche!«

»0 Kandaules! ich zweifle keinen Augenblick an deinen guten Absichten, denn deine Leidenschaft ist rein. Aber vielleicht wirst du, wenn ich deinem Wunsch willfahre, gegen mich eine tiefe Abneigung fassen, vielleicht wirst du es mir nachtragen, daß ich dir nicht mehr Widerstand entgegengesetzt habe. Du wirst diesen wider ihren Willen schamlosen Augen das Bild entreißen wollen, das du sie in einer Anwandlung des Irrsinns hast aufnehmen lassen, ja, wer weiß, ob du sie nicht zur ewigen Nacht des Grabes verurteilen wirst, zur Strafe dafür, daß sie offen waren, da sie hätten geschlossen sein sollen.«

»Fürchte nichts; ich gebe dir mein königliches Wort darauf, daß dir kein Haar gekrümmt werden wird.«

»Verzeihe deinem Knechte, wenn er nach einer solchen Zusicherung noch einen Einwand wagt. Hast du auch bedacht, daß das, was du mir ansinnst, eine Entweihung der Heiligkeit der Ehe, eine Art mit den Augen begangenen Ehebruchs ist? Oft legt das Weib mit den Kleidern auch die Scham ab, und ist sie einmal von dem Blicke verletzt, ohne aufgehört zu haben, tugendhaft zu sein, kann sie glauben, die Blüte ihrer Reinheit verloren zu haben. Du versprichst mir, keine Reue zu empfinden; aber wer schützt mich vor Nyssias Zorn? Zu welcher Sühne wird sie mich verdammen, wenn sie erfährt, was ich getan habe?«

»Ich wußte nicht, daß du so klug und vorsichtig bist«, sagte Kandaules mit einem leichten spöttischen Lächeln. »Aber all diese Gefahren bildest du dir bloß ein, und ich werde dich so gut verstecken, daß Nyssia niemals erfahren soll, daß ein anderer als ihr königlicher Gatte sie gesehen hat.«

Gyges, der nichts mehr zu erwidern wußte, gab ein Zeichen der Zustimmung; er hatte Widerstand geleistet, so gut er konnte, und sein Gewissen war nun beruhigt darüber, was sich ereignen mochte. Auch fürchtete er, durch längeres Widerstreben den Zorn des Schicksals auf sich zu laden, das ihn allem Anscheine nach aus irgendeinem ihm unerfindlichen Grunde mit Nyssia zusammenführen wollte.

Ohne eine Lösung des Knotens zu ahnen, sah er tausend nebelhafte, verworrene Bilder vor seinem Auge durcheinanderwogen. Seine hoffnungslose Liebe, die tief im Grunde seines Herzens schlummerte, war mit einem Male aufwärts gestiegen und tastete sich in einem Ungewissen Lichte vorwärts. Er fühlte, daß ihm die Götter beistanden und ein schweres Gewicht schien von seiner Brust zu weichen. Wer hätte auch gedacht, daß die viel gerühmten Reize der Tochter des Megabazes für Gyges bald kein Geheimnis mehr sein würden!

»Komm, Gyges,« sagte Kandaules, indem er ihn bei der Hand nahm, »benützen wir die günstige Gelegenheit. Nyssia ergeht sich mit ihren Sklavinnen in den Gartenanlagen; wir wollen uns mittlerweile die Stelle für heute abend auserwählen.«

Der König führte seinen Vertrauten auf Umwegen ins eheliche Schlafgemach. Die Türen des Zimmers waren aus so fest aneinandergefügten Zederbohlen gemacht, daß es unmöglich war, die Verbindungsstellen zu erkennen. Durch häufiges Reiben mit ölgetränkten wollenen Tüchern hatten die Sklaven das Holz gleich Marmor glänzen gemacht; die erzenen Nägel mit den rautenförmig geschnittenen Köpfen leuchteten wie lauteres Gold. Ein verwickeltes System von Ringen und Riemen, deren Verschlingungen bloß Kandaules und seine Gattin kannten, diente zum Zuschließen; denn in jenem heroischen Zeitalter war die Schlosserei noch in den Kinderschuhen.

Kandaules machte die Knoten los, ließ die Ringe auf den Riemen zurückgleiten, hob mittels eines Pflocks, den er in ein Zapfenloch steckte, die Stange ab, die die Türe von innen versicherte und ließ Gyges sich an die Wand stellen. Dann machte er einen Türflügel so weit auf, daß Gyges ganz von ihm gedeckt war. Aber die Türe fügte sich nicht so enge in ihre Einfassung aus Eichenbrettern, daß der junge Krieger nicht durch den für das Spiel der Angeln freigelassenen Zwischenraum das ganze Innere des Gemachs hätte ziemlich ungehindert überblicken können.

Gegenüber der Türe stand das königliche Lager auf einer Erhöhung; sie war mit einem purpurnen Teppich bedeckt. Mit Silber beschlagene Säulen unterstützten das Gebälk, das mit halb erhabenem Laubwerk verziert war, in welchem Amore mit Delphinen spielten, schwere, goldgestickte Vorhänge umgaben das Lager.

Auf dem Altar der häuslichen Schutzgötter standen Vasen aus kostbarem Metall, schöne schmelzüberzogene Schalen, Henkelkrüge, und anderes Opfergerät.

An den Wänden, die mit wundervoll gearbeiteten Zederbrettern belegt waren, standen in bestimmten Zwischenräumen Statuen aus schwarzem Basalt, welche die steife Haltung der ägyptischen Kunst zeigten und Bronzefackeln in den Händen hatten. Wohlriechende Harze brannten darin.

Eine Onyxlampe, die an einer Kette befestigt war, hing an jenem Deckenbalken, den man den schwarzen nennt, weil er mehr als die anderen dem Rauch ausgesetzt ist. Jeden Abend hatte ein Sklave diese Lampe mit einem duftenden Öl zu füllen.

Neben dem Kopfende des Lagers befand sich ein kleines Gestell, das mit Waffen behängt war. Da war ein Helm, ein vierfacher Lederschild, der mit Zinn und Kupferplatten beschlagen war, ein zweischneidiges Schwert und Wurfspieße aus Eichenholz mit Erzspitzen.

An hölzernen Pflöcken hingen die Tuniken und Mäntel des Königs. Er besaß einfache und doppelte, das heißt solche, die er zweimal um den Leib schlagen konnte. Man sah da einen dreimal in Purpur getauchten Mantel, der mit einer Stickerei geschmückt war, die eine Jagd darstellte: lakonische Molosserhunde verfolgten und zerrissen ein Rudel Hirsche. Neben dem Waffenlager stand ein mit Elfenbein und Silber eingelegter Lehnstuhl, der mit einem Leopardenfell bedeckt war, und ein kunstvoll gearbeiteter Fußschemel, auf den Nyssia ihre Kleider legte.

»Ich gehe gewöhnlich zuerst zu Bette,« sagte Kandaules zu Gyges; »und ich lasse die Türe offen, so wie sie jetzt ist. Nyssia, die stets noch irgend etwas zu tun, ihren Frauen noch Befehle zu erteilen hat, pflegt meist etwas später hereinzukommen. Ist sie dann hier, läßt sie langsam und zögernd Stück für Stück die Tücher und Binden, mit denen sie bei Tag wie eine Mumie eingewickelt ist, auf diesen Elfenbeinstuhl fallen. Aus deinem Hinterhalt kannst du ihre anmutigen Bewegungen verfolgen und ungehindert ihre Reize bewundern. Dann magst du beurteilen, ob Kandaules ein junger Narr ist, der zu Unrecht prahlt und protzt, oder ob er tatsächlich die reichste Perle an Schönheit sein Eigen nennt, die je ein Diadem geschmückt hat!«

»0 König, ich würde es dir auch ohne diesen Beweis glauben«, erwiderte Gyges, indem er sein Versteck verließ.

»Wenn sie sich ihrer Gewänder entledigt hat,« fuhr Kandaules fort, ohne auf die Worte seines Vertrauten zu achten, »kommt sie, um sich an meiner Seite niederzulassen; diesen Augenblick mußt du benützen, um zu verschwinden. Denn während sie vom Lehnstuhl zum Bett geht, kehrt sie der Tür den Rücken. Achte darauf, auf den Zehenspitzen zu schleichen, vermeide es, das kleinste Sandkorn unter deiner Sandale erknirschen zu lassen, halte deinen Atem an und mache dich möglichst unbemerkt davon. – Der Vorraum liegt im tiefen Schatten, und die schwachen Strahlen der einzigen Lampe, die angezündet ist, reichen kaum über die Schwelle des Zimmers. Es ist also sicher, daß Nyssia dich nicht bemerken kann und morgen gibt es eine Menschenseele auf Erden, die mein Entzücken versteht und meine Ausbrüche der Bewunderung nicht mehr ungläubig anhören wird. Aber der Tag beginnt zur Neige zu gehen; bald wird die Sonne ihre Rosse aus den hesperischen Wogen trinken lassen, dort am äußersten Ende der Welt, jenseits der Säulen, die mein Ahnherr errichtete. Geh in dein Versteck zurück, Gyges, und wenn dir die Stunden des Wartens auch lang vorkommen mögen, ich schwöre es dir bei Eros mit den goldenen Pfeilen, du wirst nicht bereuen, gewartet zu haben.«

Mit diesen Worten ging Kandaules und Gyges blieb hinter dem Türflügel stehen. Die erzwungene Untätigkeit, in der sich der junge Vertraute des Königs befand, ließ seinen Gedanken freien Lauf. Sicherlich war seine Lage höchst seltsam, ja geradezu toll. Er liebte Nyssia, wie man ein Gestirn liebt, ohne Hoffnung auf Gegenliebe. Von der Aussichtslosigkeit jeglicher Bemühung überzeugt, hatte er nicht den geringsten Versuch gemacht, sich ihr zu nähern. Und nun sollte er, durch ein Zusammentreffen der außergewöhnlichsten Umstände, nur Liebenden und Gatten vorbehaltene Schätze kennenlernen; kein Wort, kein Blick war zwischen ihm und Nyssia getauscht worden, ja, sie wußte kaum, daß er lebte. Und wie merkwürdig! Er liebte heimlich ein Weib, und der eigene Gatte führte ihn mitten ins Schlafgemach, der Drache, der seinen Hort eifersüchtig vor den Blicken aller hätte behüten sollen, zeigte ihm diesen. Hatte Gyges nicht Ursache genug, über die sonderbaren Launen des Schicksals in Verwunderung zu geraten?

Solche Gedanken bestürmten ihn, als er plötzlich das Geräusch von Schritten auf den Steinfliesen vernahm. Es waren Sklaven, welche kamen, um Öl in die Lampe nachzufüllen, Wohlgerüche auf die Räucherpfannen zu werfen und das königliche Lager zum Schlafengehen zurechtzumachen.

Die Stunde rückte heran und Gyges fühlte, wie ihm das Blut schneller durch die Adern kreiste. Es kam ihn die Lust an, sein Versteck vor der Ankunft der Königin zu verlassen und dem König aufs Geratewohl die begeistertsten Lobeserhebungen ihrer Schönheit zu spenden. Es widerstrebte Gyges – trotz seines ein wenig leichtfertigen Betragens – etwas zu erschleichen, was er lieber mit seinem Leben, aber offen, erkauft hätte. Aber die Gefahr lockte ihn wiederum. Er war nicht feige, durchaus nicht. Wenn er auf seinem Streitwagen stand, den Köcher auf der Schulter und den Bogen in der Hand, bot er den kühnsten Kämpfern Trotz; auf der Jagd hätte er furchtlos den kalydonischen Eber oder den nemeischen Löwen angegriffen. Jetzt aber – begreife dieses Rätsel, wer kann – erzitterte er bei dem Gedanken, ein schönes Weib durch eine Türspalte hindurch zu erblicken. Es gibt niemand, der vor gar nichts Angst hätte. Gyges fühlte auch, daß er Nyssia nicht ungestraft sehen würde. Dieses Ereignis würde ein Wendepunkt in seinem Leben sein. Dafür, daß er sie seinerzeit einen Augenblick lang erblickt hatte, mußte er die Ruhe seines Herzens einbüßen. Aber was mochte das besagen? Könnte er denn noch weiter leben, wenn zu diesem göttlichen Haupte, das seine Träume entzündete, noch ein Leib käme, so reizend, als ob er für die Küsse unsterblicher Lippen geschaffen wäre? Was sollte aus ihm werden, wenn er hinfort seine Leidenschaft nicht mehr in der Tiefe seiner Seele zu begraben fähig wäre, wie bisher? Sollte er dem lydischen Hofe das lächerliche Schauspiel einer unsinnigen Liebe bieten, sich das verächtliche Mitleid der Königin erwerben? Ein solcher Ausgang der ganzen Sache war sehr wahrscheinlich, da ja auch die Vernunft des Kandaules, des rechtmäßigen Besitzers Nyssias, vor dieser übermenschlichen Schönheit in Verwirrung geraten war, die Vernunft des jungen sorglosen Königs, der bis dahin die Liebe verlacht und ihr seine Bilder und Statuen vorgezogen hatte.

Diese Erwägungen waren ebenso weise, als nutzlos; denn eben betrat Kandaules das Gemach und flüsterte ihm leise, aber deutlich zu, als er bei der Türe vorbeikam.

»Geduld, mein armer Gyges, Nyssia wird alsbald hier sein.«

Als Gyges sah, daß ein Entweichen nicht mehr möglich war, vergaß er, da er doch ein junger Mann war, alles andere und dachte nur mehr an das Glück, seine Augen an dem reizenden Anblick zu weiden, den ihm Kandaules bieten wollte. Man darf auch von einem fünfundzwanzigjährigen Hauptmann nicht die Strenge eines altersgrauen Philosophen erwarten.

Endlich zeigte ein leichtes Rauschen von Stoffen, die über den Marmor streiften und das tiefe Schweigen der Nacht unterbrachen, an, daß die Königin nahte. Sie war es in der Tat; rhythmischen Schrittes betrat sie das Schlafgemach und der Wind ihrer wallenden Schleier streifte fast die brennende Wange Gyges', der beinahe ohnmächtig wurde und sich an die Wand lehnen mußte, so heftig war er bewegt. Aber er faßte sich alsbald und indem er sich ganz dem Türspalt näherte, nahm er die günstigste Stellung ein, um sich nichts von der Szene entgehen zu lassen, deren heimlicher Zeuge er nun sein sollte.

Nyssia machte einige Schritte gegen den Elfenbeinschemel und begann die Nadeln herauszunehmen, die die Schleier um ihr Haupt zusammenhielten. Gyges konnte nun aus seinem Versteck heraus mit Muße dieses stolze, schöne Antlitz betrachten, das er schon einmal, aber nur ganz flüchtig, gesehen hatte. Er sah den runden, zarten und dabei doch vollen Hals, den Nacken, auf dessen Alabaster sich kleine widerspenstige Löckchen ringelten, die silberweißen Schultern, die aus dem bogenförmigen Ausschnitt der Chlamys emportauchten, wie die Mondscheibe zwischen dunklen Wolken hervorleuchtet.

Kandaules lag halb aufgestützt auf seinen Kissen, sah seiner Frau mit etwas zerstreuter Aufmerksamkeit zu und auf seinem Gesichte schien der Gedanke deutlich lesbar: »Jetzt wird Gyges, der Kalte, Unrührbare, wohl einigermaßen überzeugt sein von dem, was ich ihm von Nyssia erzählt habe.«

Die Königin öffnete ein Kästchen, das auf einem Tischchen, dessen Fußgestell aus Löwentatzen gebildet war, stand, und entledigte sich ihres schweren Schmuckes, der auf ihren Armen lastete, diesen schönen Armen, die sich an blendender Weiße und Rundung mit denen Heras, der Schwester und Gemahlin des Götterkönigs Zeus messen durften. So kostbar ihr Geschmeide auch war, es war sicherlich des Platzes, den es einnahm, nicht würdig, und wäre Nyssia gefallsüchtig gewesen, hätte man annehmen können, daß sie es nur deshalb anlegte, um sich bitten zu lassen, es wiederum abzulegen, die Ringe und Armbänder hatten auf ihrer feinen, zarten Haut, die dem Fruchtfleisch einer Lilie gleichsah, leichte rosige Spuren hinterlassen, die sie durch Reiben ihrer kleinen Hand zu vernichten sich bemühte.

Dann schüttelte sie mit der Bewegung einer Taube, die im Schnee ihres Gefieders erschauert, ihre Haare, die, durch keine Haarspangen mehr zurückgehalten, sich in sanften Wellen wie Hyazinthenblüten über ihren Rücken und ihre Brust ergossen; sie zögerte eine Weile, ehe sie das ganze Gelock zu einer einzigen Masse vereinigte. Es war ein wundervoller Anblick, die blonden Locken wie Goldsträhne durch ihre silberweißen Finger rieseln zu sehen. Ihre schlanken Arme rundeten sich dabei oberhalb ihres Kopfes wie Schwanenhälse, um den Haarwulst für die Nacht herzustellen.

Als Nyssia mit ihrer Haartracht fertig war, setzte sie sich auf den Rand des Elfenbeinschemels und schickte sich an, die Bänder aufzuschnüren, die ihr Schuhwerk zusammenhielten. Wir Menschen von heute wissen nicht mehr, was ein Fuß ist, und das haben wir unserer entsetzlichen Art der Fußbekleidung zu verdanken, die der chinesischen kaum etwas nachgibt. Nyssias Fuß war sogar für das alte Griechenland und Asien selten vollkommen. Die große Zehe stand etwas ab, wie die erste Zehe eines Vogels, die anderen Zehen waren ziemlich lang und lagen in reizender Ebenmäßigkeit nebeneinander, die Nägel waren tadellos geformt und glänzten wie Achate. Die Knöchel waren fein und zart, die Ferse leicht rosig gefärbt; nichts war an dem Fuße auszusetzen. Das Bein, welches sich an diesen Fuß schloß und beim Scheine der Lampe einen Glanz wie polierter Marmor zeigte, war von unvergleichlicher Formung.

Gyges, der in den Anblick Nyssias ganz versunken war, und der Kandaules' Überschwang nun wohl zu begreifen wußte, sagte sich, daß er, hätten ihm die Götter einen solchen Schatz beschert, ihn besser vor jedem fremden Blicke bewahrt hätte.

»Nun, Nyssia, willst du dich nicht endlich zu Bette begeben?« sagte Kandaules, als er sah, wie langsam die Königin sich gerade an diesem Tage entkleidete, und der Gyges' Zuschauen bereits ein Ende machen wollte.

»Jawohl, mein lieber Herr, ich werde alsbald fertig sein«, erwiderte Nyssia.

Und sie nestelte die Spange auf, die ihr Peplon über der Schulter zusammenhielt, so daß sie nur mehr die Tunika fallen zu lassen nötig hatte. – Gyges fühlte hinter der Türe, wie ihm das Blut in den Schläfen sauste; sein Herz pochte so heftig, daß er glaubte, man müßte es im ganzen Zimmer hören, und um es niederzuhalten, preßte er die Hand an die Brust, und als Nyssia mit einer ganz einzig anmutig-lässigen Handbewegung den Gürtel ihrer Tunika löste, wollten ihm seine Knie schier den Dienst versagen.

Hatte Nyssia eine gefühlsmäßige Ahnung, daß sie beobachtet wurde, oder war ihre, unheilige irdische Blicke so gänzlich ungewohnte Haut so empfindlich, daß sie die Strahlen auch ihr unsichtbarer Augen spürte? Jedenfalls schien sie eine Weile zu zögern, diese Tunika, den letzten Schutzwall ihrer Schamhaftigkeit, abzuwerfen. Zwei- oder dreimal zuckten ihre Schultern, ihr Busen und ihre nackten Arme zusammen, als ob sie von dem Flügel eines Nachtschmetterlings gestreift oder im Dunkel von unverschämten Lippen gierig berührt worden wären.

Endlich warf sie mit einem Ruck ihre Tunika ab, und das nackte Kunstwerk ihres göttlichen Leibes erschien plötzlich in seiner ganzen blendenden Reinheit, gleich der Bildsäule einer Göttin, die man am Tage der Einweihung eines Tempels von ihren Hüllen befreit. Das Lampenlicht umflutete mit zitternder Wollust ihre Glieder und schien scheue Küsse auf ihr Fleisch zu senden; all seine Strahlen, die bisher im Zimmer zerstreut und auf die Goldurnen, die Edelsteinspangen und erzenen Dreifüße gefallen waren, ließen diese und alle anderen Gegenstände im Dunkel und sammelten sich auf Nyssia.

Ein Grieche aus der Zeit des Perikles dürfte sich nach Herzenslust über jene schönen fließenden Linien, jene entzückenden Formen, über die schlanken, aber doch vollendeten Hüften, über die halbkugeligen Brüste in Begeisterung ergehen, aber unsere moderne Zimperlichkeit versagt uns eine derartige Schilderung, denn man würde der Feder nicht verzeihen, was man dem Meißel erlaubt, und im übrigen gibt es Dinge, die man nur in Marmor graben kann.

Kandaules lächelte hochmütig und befriedigt zugleich. Raschen Schrittes, wie jedes Weib, das sich seiner Schönheit schämt, da es ja doch nur die Tochter zweier Menschen ist, ging Nyssia auf das Bett zu, indem sie die Arme über der Brust kreuzte. Aber mit einer plötzlichen Bewegung kehrte sie sich um, ehe sie auf dem Lager an der Seite ihres königlichen Gemahls Platz nahm, und da sah sie durch den Türspalt hindurch ein wie der Karbunkel der orientalischen Märchen flammendes, glühendes Auge auf sich gerichtet. Denn, wenn es auch unwahr war, daß sie doppelte Augäpfel hatte und daß sie den Stein besaß, der sich im Kopfe der Drachen findet, so war es doch richtig, daß ihr grüner Blick den Schatten durchdrang wie der gelbe Strahl von Katzen- oder Tigeraugen.

Ein Schrei gleich dem einer Hindin, die einen Pfeil in die Flanke in dem Augenblick erhält, da sie selig unter einem Baume schläft, wollte ihr aus der Kehle dringen; aber sie hatte die Kraft, ihn zurückzuhalten und legte sich kalt wie eine Schlange, die Veilchen des Todes auf den Wangen und Lippen, neben Kandaules nieder. Kein Muskel zitterte an ihr, kein Nerv bebte ihr, und bald mochte man aus ihren langsamen und regelmäßigen Atemzügen schließen, daß der Gott des Schlafes seinen Mohnsaft über ihre Lider ergossen habe.

Sie hatte alles erraten und alles begriffen!

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