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Jens Peter Jacobsen: Novellen - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenovelette
authorJens Peter Jacobsen
booktitleJens Peter Jacobsens sämtliche Werke
titleNovellen
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080911
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Die Pest in Bergamo

Da war Alt-Bergamo oben auf dem Gipfel eines niedrigen Berges, geborgen hinter Mauern und Toren, und da war das neue Bergamo unten am Fuße des Berges, allen Winden offen.

Eines Tages brach die Pest da unten in der neuen Stadt aus und griff fürchterlich um sich; es starben eine Menge Menschen, und die anderen flohen, fort über die Ebene, in alle vier Ecken der Welt. Und die Bürger in Alt-Bergamo zündeten die verlassene Stadt an, um die Luft zu reinigen, aber es half nichts, sie fingen auch an, oben bei ihnen zu sterben, zuerst einer täglich, dann fünf, dann zehn und dann ein paar Dutzend, und als es seinen Höhepunkt erreicht hatte, noch viel mehr.

Und die konnten nicht so fliehen, wie die in der neuen Stadt es getan hatten.

Da waren ja einige, die es versuchten, aber sie mußten ein Leben wie das eines gehetzten Tieres führen, mit Verstecken in Gräben und Brückenkasten, unter Hecken und in den grünen Feldern; denn die Bauern, denen an mehr als einem Ort die Pest von den ersten Flüchtlingen auf die Gehöfte gebracht war, steinigten jede fremde Seele, die sie trafen, von ihrem Gebiet herunter oder schlugen sie ohne Gnade und Barmherzigkeit nieder wie tolle Hunde, in gerechter Notwehr, wie sie meinten.

Sie mußten bleiben, wo sie waren, die Leute aus Alt-Bergamo, und Tag für Tag ward das Wetter wärmer, und Tag für Tag ward die abscheuliche Ansteckung gieriger und gieriger in ihrem Griff. Das Entsetzen steigerte sich gleichsam zum Wahnsinn, und was da an Ordnung und rechtem Regiment gewesen war, das war, als habe die Erde es verschlungen und dafür das Schlimmste entsandt.

Gleich im Anfang, als die Pest ausbrach, hatten sich die Menschen in Einigkeit und Eintracht zusammengeschlossen, hatten achtgegeben, daß die Leichen ordentlich und gut begraben wurden, und hatten jeden Tag dafür gesorgt, daß große Scheiterhaufen auf Märkten und Plätzen angezündet wurden, damit der gesunde Rauch durch die Straßen treiben konnte. Wacholder und Essig waren an die Armen verteilt worden, und vor allen Dingen hatten die Leute früh und spät die Kirchen aufgesucht, einzeln und in Prozessionen, jeden Tag waren sie mit ihren Gebeten da drinnen vor Gott gewesen, und jeden Abend, wenn die Sonne zur Rüste ging, hatten die Glocken aller Kirchen aus ihren Hunderten von schwingenden Schlünden klagend zum Himmel emporgerufen. Und Fasten waren vorgeschrieben worden, und die Reliquien waren jeden Tag auf den Altären ausgestellt gewesen.

Endlich eines Tages, als sie nichts mehr anzufangen wußten, hatten sie vom Altan des Rathauses herab, unter dem Klang von Posaunen und Tuben, die Heilige Jungfrau zum Podesta oder Bürgermeister der Stadt ausgerufen, jetzt und ewiglich.

Aber das half alles nicht; es gab nichts, was half. Und als das Volk das begriff und allmählich fest wurde in dem Glauben, daß der Himmel entweder nicht helfen wollte oder nicht konnte, da legten sie nicht nur die Hände in den Schoß und sagten, daß alles so kommen müsse, wie es kommen sollte, nein, sondern es war, als sei die Sünde aus einer heimlichen, schleichenden Seuche zu einer boshaften und offenbaren, rasenden Pest geworden, die Hand in Hand mit der körperlichen Krankheit danach ausging, die Seele zu morden, so wie jene ihre Leiber vernichtete. So unglaublich waren ihre Taten, so ungeheuer ihre Verhärtung. Die Luft war voll von Lästerung und Gottlosigkeit, von dem Stöhnen der Straßen und dem Heulen der Häuser, und die wildeste Nacht war nicht schwärzer von Unzucht, als ihre Tage es waren.

»Heute wollen wir prassen, denn morgen sind wir tot!« – Es war, als hätten sie das in Musik gesetzt, um es auf mannigfaltigen Instrumenten in einem unendlichen Höllenkonzert zu spielen. Ja, wären nicht alle Sünden schon vorher erfunden gewesen, so wären sie es hier geworden, denn es gab keinen Weg, den sie in ihrer Verwerflichkeit nicht eingeschlagen hätten. Die unnatürlichsten Laster blühten unter ihnen, und selbst so seltene Sünden wie Nekromantia, Zauberei und Teufelsbeschwörung waren ihnen wohlbekannt, denn da waren viele, die vermeinten, bei den Mächten der Hölle den Schutz zu finden, den der Himmel nicht hatte gewähren wollen.

Alles was Hilfsbereitschaft oder Mitleid hieß, war aus den Gemütern geschwunden, jeder hatte nur Gedanken für sich selbst. Der Kranke wurde als gemeinsamer Feind aller angesehen, und geschah es einem Unglücklichen, daß er auf der Straße umfiel, matt von dem ersten Fieberschwindel der Pest, so war da keine Tür, die sich ihm öffnete, sondern mit Lanzenstichen und Steinwürfen wurde er gezwungen, sich aus dem Wege der Gesunden fortzuschleppen.

Und Tag für Tag nahm die Pest zu, die Sommersonne brannte auf die Stadt herab, es fiel kein Regentropfen, es rührte sich kein Wind, und von den Leichen, die in den Häusern verwesten, und von den Leichen, die schlecht in die Erde vergraben waren, ward ein erstickender Gestank erzeugt, der sich mit der stillstehenden Luft der Straßen vermischte und die Raben und die Krähen in Schwärmen und in Wolken herbeilockte, so daß es auf Mauern und auf Dächern schwarz von ihnen war. Und ringsumher auf der Ringmauer der Stadt saßen vereinzelt wunderliche, große, fremdländische Vögel, von weit her, mit raublüsternen Schnäbeln und erwartungsvoll gekrümmten Fängen, und sie saßen da und sahen mit ihren ruhigen, gierigen Augen hinein, als warteten sie nur darauf, daß die unglückliche Stadt zu einer großen Aasgrube werden sollte.

Es waren elf Wochen, seitdem die Pest ausgebrochen war, als die Turmwächter und andere Leute, die sich an hochgelegenen Stellen aufhielten, einen seltsamen Zug sich von der Ebene durch die Straßen der neuen Stadt, zwischen den rauchgeschwärzten Steinmauern und den schwarzen Aschenhaufen der Holzschuppen hindurchschlängeln sahen. Eine Menge Menschen! wohl an die sechshundert oder mehr, Männer und Frauen, alte und junge, und sie hatten große, schwarze Kreuze zwischen sich und breite Banner, rot wie Feuer und Blut, über sich. Sie singen, während sie gehen, und eigentümliche, verzweiflungsvoll klagende Töne werden durch die stille, drückend warme Luft emporgetragen.

Braun, grau, schwarz sind ihre Gewänder, aber alle haben sie ein rotes Zeichen auf der Brust. Ein Kreuz ist es, als sie näher kommen. Denn sie kommen beständig näher. Sie pressen sich den steilen, mauerumfriedigten Weg hinan, der zu der alten Stadt führt. Es ist ein Gewimmel von ihren weißen Gesichtern, sie haben Geißeln in den Händen, auf ihre roten Fahnen ist ein Feuerregen gemalt. Und die schwarzen Kreuze schwanken in dem Gedränge bald nach der einen, bald nach der anderen Seite.

Ein Geruch steigt aus dem zusammengedrängten Haufen auf, nach Schweiß, nach Asche, nach Wegestaub und altem Weihrauch. Sie singen nicht mehr, sie sprechen auch nicht mehr, nur der gesamte, trippelnde, herdenartige Laut ihrer nackten Füße.

Antlitz auf Antlitz taucht hinein in das Dunkel der Turmpforte und kommt auf der andern Seite wieder ins Licht, mit lichtmüden Mienen und halbwegs geschlossenen Lidern.

Dann beginnt der Gesang wieder: ein Miserere, und sie umklammern die Geißel und schreiten stärker aus wie bei einem Kriegsgesang.

Als kämen sie aus einer ausgehungerten Stadt, so sehen sie aus, ihre Wangen sind hohl, die Backenknochen stehen vor, es ist kein Blut in ihren Lippen, und sie haben schwarze Ringe unter den Augen.

Die aus Bergamo sind zusammengeströmt und sehen sie mit Verwunderung und Unruhe an. Rote, versoffene Gesichter stehen tiefen, bleichen gegenüber; schlaffe, unzuchtmatte Blicke senken sich vor diesen scharfen, flammenden Augen, greinende Spötter stehen mit offenem Munde diesen Hymnen gegenüber.

Und es klebt Blut an allen ihren Geißeln!

Den Leuten ward ganz wunderlich zumute beim Anblick dieser Fremden.

Aber es währte nicht lange, bis man den Eindruck abgeschüttelt hatte. Da waren einige, die einen halbverrückten Schuhmacher aus Brescia unter den Kreuzträgern wiedererkannt hatten, und sofort war die ganze Schar durch ihn zum Gelächter geworden. Indessen war es doch etwas Neues, eine Zerstreuung in dem Alltäglichen, und als die Fremden dahinmarschierten, der Domkirche zu, da ging man hinterdrein, wie man hinter einer Gauklerbande oder einem zahmen Bären dreingegangen wäre.

Aber während man so ging und sich drängte, wurde man erbittert, man fühlte sich so nüchtern gegenüber der Feierlichkeit dieser Menschen, und man begriff ja sehr wohl, daß diese Schuhmacher und Schneider hierhergekommen waren, um einen zu bekehren, für einen zu beten und die Worte zu reden, die man nicht hören wollte. Und da waren zwei magere, grauhaarige Philosophen, die die Gottlosigkeit in ein System gebracht hatten, die reizten die Menge und hetzten sie so recht aus ihrer Herzen Bosheit auf, so daß mit jedem Schritt, den sie sich der Kirche näherten, die Haltung der Menge drohender, ihre Zornesausdrücke wilder wurden, und es fehlte nicht viel, so hätten sie gewaltsam Hand an diese fremden Geißelschneider gelegt. Aber da öffnete, kaum hundert Schritt von dem Kirchenportal, ein Wirtshaus seine Türen, und eine ganze Schar von Zechbrüdern stürzte heraus, der eine auf dem Rücken des andern, und sie stellten sich an die Spitze der Prozession und führten sie singend und brüllend an mit den lächerlichst andächtigen Gebärden, ausgenommen einer von ihnen, der die grasbewachsenen Stufen der Kirchentreppe bis oben hinauf Rad schlug. Dann lachte man ja, und alle kamen friedlich in das Heiligtum hinein.

Es war wunderlich, wieder da zu sein, durch diesen großen, kühlen Raum dahinzuschreiten, in dieser Luft, die so scharf war von dem alten Qualm von Wachslichtschnuppen, über diese eingesunkenen Fliesen, die der Fuß so gut kannte, und über diese Steine, mit deren verschlissenen Ornamenten und blanken Inschriften der Gedanke sich oft abgemüht hatte. Und während sich nun das Auge halb neugierig, halb mißmutig in dem weichen Halblicht unter den Wölbungen zur Ruhe verlocken ließ oder hinglitt über die gedämpfte Buntheit von bestaubtem Gold und eingeräucherten Farben oder sich in die wunderlichen Schatten der Altarwinkel vertiefte, da stieg eine Art Sehnsucht auf, die nicht niederzuhalten war.

Währenddes trieben die aus dem Wirtshaus ihr Unwesen oben am Hauptaltar selber, und ein großer und kräftiger Metzger unter ihnen, ein junger Mann, hatte seine weiße Schürze abgenommen und sie sich um den Hals gebunden, so daß sie wie ein Mantel an seinem Rücken herabhing, und so hielt er da oben Messe ab mit den wildesten, wahnwitzigsten Worten voll Unzucht und Lästerung; und ein ältlicher, kleiner Dicksack, behende und flink trotz seiner Beleibtheit, mit einem Gesicht wie ein abgezogener Kürbis, der war Meßner und respondierte mit allen den liederlichsten Liedern, die im Lande gangbar waren, und er kniete, und er knixte und kehrte dem Altar das Hinterteil zu und läutete mit der Glocke, wie mit einer Narrenschelle, und schlug mit dem Räucherfaß ein Rad um sich; und die anderen Betrunkenen lagen, so lang sie waren, auf den Altarstufen, brüllend vor Lachen und hicksend vor Trunkenheit.

Und die ganze Kirche lachte und juchheite und spottete über die Fremden und rief ihnen zu, gut achtzugeben, damit sie klug daraus werden könnten, wofür man ihren Herrgott hier in Alt-Bergamo halte. Denn es war ja nicht so sehr, weil man Gott etwas anhaben wollte, daß man über die tollen Streiche lachte, sondern weil man sich darüber freute, welch ein Stachel im Herzen diesen Heiligen jede Gotteslästerung sein mußte.

Mitten im Schiff hielten sich die Heiligen, und sie stöhnten vor Qual, ihre Herzen kochten in ihnen vor Haß und Rachedurst, und sie flehten mit Augen und Händen empor zu Gott, daß er sich doch für all den Hohn, der ihm hier in seinem eigenen Hause erwiesen wurde, rächen wolle, sie wollten so gern zusammen mit diesen Vermessenen zugrunde gehen, wenn er nur seine Macht zeigen wolle; mit Wollust wollten sie sich von seiner Ferse zertreten lassen, wenn er nur triumphieren wolle, und daß Entsetzen und Verzweiflung und Reue, die zu spät kam, aus allen diesen gottlosen Mündern herausschreien möchten.

Und sie stimmten ein Miserere an, das in jedem Ton klang wie ein Schrei nach dem Feuerregen, der auf Sodom herabfiel, nach jener Macht, die Simson besaß, als er die Säulen im Hause der Philister umfaßte. Sie flehten mit Singen und mit Worten, sie entblößten die Schultern und flehten mit ihren Geißeln. Da lagen sie knieend, Reihe an Reihe, bis an die Hüften entblößt, und schwangen die gestachelten Strickknoten über ihren blutrünstigen Rücken. Wild und rasend hieben sie drein, so daß das Blut in Tropfen von den pfeifenden Geißeln fiel. Jeder Schlag war ein Opfer für Gott. Daß sie doch anders schlagen, daß sie sich doch in tausend blutige Stücke zerreißen könnten, hier vor seinen Augen! Dieser Leib, mit dem sie gegen seine Gebote gesündigt hatten, der sollte gestraft, gemartert, zunichte gemacht werden, damit er sehen könne, wie sie es haßten, damit er sehen könne, wie sie zu Hunden wurden, um ihm zu gefallen, geringer als Hunde unter seinem Willen, das niedrigste Gewürm, das den Staub unter seiner Fußsohle fraß! Und Schlag auf Schlag, bis die Arme niederfielen oder der Krampf sie in Knoten zusammenknüpfte. Da lagen sie, Reihe an Reihe mit wahnsinnfunkelnden Augen, mit Schaumwolken vor den Mündern, das Blut an ihrem Fleische herabrieselnd.

Und sie, die dies ansahen, fühlten auf einmal ihre Herzen klopfen, merkten die Wärme in ihre Wangen steigen und hatten Mühe zu atmen. Es war, als ob etwas Kaltes sich unter ihrer Kopfhaut strammte, und ihre Kniee wurden so schwach. Denn dies packte sie; da war ein kleiner Wahnsinnspunkt in ihren Gehirnen, der diesen Wahnsinn verstand.

Dieses, sich als Sklave der mächtigen, harten Gottheit zu fühlen, sich selbst bis vor ihre Füße zu stoßen, ihr eigen zu sein, nicht in stiller Frömmigkeit, nicht in der Tatenlosigkeit sanfter Gebete, sondern es rasend zu sein, in einem Rausch der Selbsterniedrigung, in Blut und Geheul und unter feuchtblitzenden Geißelzungen, das zu verstehen waren sie aufgelegt, selbst der Metzger ward stille, und die zahnlosen Philosophen duckten ihre grauen Köpfe vor den Augen, die sie um sich her sahen.

Und es wurde ganz still da drinnen in der Kirche, nur ein leises Wogen ging durch die Menge.

Da erhob sich einer unter den Fremden, ein junger Mönch, und sprach. Er war bleich wie ein Leintuch, seine schwarzen Augen glühten wie Kohlen, die im Begriff sind zu erlöschen, und die düsteren, schmerzerhärteten Züge um seinen Mund waren, als seien sie mit einem Messer in Holz geschnitten und nicht die Falten in dem Gesicht eines Menschen.

Er streckte die dünnen, abgezehrten Hände im Gebet gen Himmel empor, und die schwarzen Kuttenärmel glitten um seine weißen, mageren Arme herab.

Dann sprach er.

Von der Hölle sprach er, davon, daß sie unendlich sei, wie der Himmel unendlich ist, von der einsamen Welt der Qual, die ein jeder der Verdammten zu durchleiden und mit seinen Schreien anzufüllen hat, Seen aus Schwefel seien dort, Felder aus Skorpionen, Flammen, die sich um ihn legten, wie sich ein Mantel legt, und stille, verhärtete Flammen, die sich in ihn hineinbohrten wie das Blatt eines Spießes, das in einer Wunde herumgedreht wird.

Es war ganz still, atemlos lauschten sie auf seine Worte, denn er sprach, als habe er das mit seinen eigenen Augen gesehen, und sie fragten sich selbst, ist dieser nicht einer der Verdammten, der aus dem Rachen der Hölle zu uns heraufgesandt ist, um für uns zu zeugen?

Dann predigte er lange von dem Gesetz und von der Strenge des Gesetzes, davon, daß jedes Titelchen darin erfüllt werden müsse und daß jede Übertretung, deren sie sich schuldig gemacht hatten, ihnen auf Lot und Unze angerechnet werden solle. »›Aber Christus ist für unsere Sünden gestorben,‹ saget ihr, ›wir stehen nicht mehr unter dem Gesetz.‹ Ich aber sage euch, daß die Hölle nicht um einen einzigen von euch betrogen werden wird, und nicht einer von den eisernen Zähnen an dem Marterrad der Hölle wird um euer Fleisch herumgehen. Ihr pochet auf Golgathas Kreuz, kommt, kommt! kommt, um es anzusehen! ich will euch bis an seinen Fuß führen. Es war an einem Freitag, wie ihr wisset, daß sie ihn durch eines ihrer Tore hinausstießen und das schwerste Ende eines Kreuzes auf seine Schultern legten und es ihn bis an einen unfruchtbaren und kahlen Lehmhügel außerhalb der Stadt tragen ließen, und sie liefen in Haufen mit und rührten den Staub auf mit ihren vielen Füßen, so daß es wie eine rote Wolke über der Stätte lag. Und sie rissen ihm seine Kleider ab und entblößten seinen Leib, so wie die Herren des Gesetzes einen Missetäter vor aller Blicken entblößen lassen, auf daß alle das Fleisch sehen können, das der Folter überantwortet werden soll, und sie warfen ihn auf das Kreuz nieder, so daß er lag, und streckten ihn darauf hin und schlugen einen Nagel aus Eisen durch jede seiner widerstrebenden Hände und einen Nagel durch seine gekreuzten Füße, mit Keulen schlugen sie die Nägel ein, dicht bis an den Kopf. Und sie richteten das Kreuz in einem Loch in der Erde auf, aber es wollte nicht fest und gerade stehen, und sie rückten es hin und her und trieben Keile und Pflöcke rundherum ein, und die, so das taten, zogen ihre Hüte ins Gesicht hinein, auf daß nicht das Blut seiner Hände ihnen in die Augen tropfen sollte. Und er dort oben sah auf die Soldaten herab, die um seinen ungenähten Rock spielten, und auf diese ganze heulende Menge, für die er litt, auf daß sie erlöset werden könne, und es war nicht ein mitleidiges Auge in der ganzen Menge. Und die da unten sahen wieder zu ihm auf, der leidend und schwach dort hing, sie sahen auf zu dem Brett über seinem Haupte, auf dem geschrieben stand ›Der Juden König‹, und sie verspotteten ihn und riefen zu ihm hinauf: ›Du, der du den Tempel niederreißest und ihn in drei Tagen wieder aufbauest, hilf dir nun selber; bist du Gottes Sohn, so steig herab von diesem Kreuz!‹ Da ward Gottes eingeborener Sohn in seinem Sinn erzürnt und sah, daß sie nicht der Erlösung wert waren, die Mengen, die die Erde anfüllen, und er riß seine Füße über dem Kopf des Nagels aus, und er ballte seine Hände um die Nägel in den Händen und zog sie heraus, so daß sich die Arme des Kreuzes wie ein Bogen spannten, und er sprang auf die Erde herab und riß sein Gewand an sich, so daß die Würfel über den Abhang von Golgatha herabrollten, und er warf es um sich mit dem Zorn eines Königs und fuhr zum Himmel auf. Und das Kreuz blieb leer stehen, und das große Werk der Versöhnung ward niemals vollbracht. Es gibt keinen Mittler zwischen Gott und uns; es ist kein Jesus für uns am Kreuz gestorben, es ist kein Jesus für uns am Kreuz gestorben, es ist kein Jesus für uns am Kreuz gestorben!«

Er schwieg.

Bei den letzten Worten hatte er sich über die Menge vorgebeugt und sowohl mit Lippen als auch mit Händen gleichsam seinen Ausspruch über ihre Häupter herabgeschleudert, und es war ein Stöhnen von Angst durch die Kirche gegangen, und in den Winkeln hatten sie angefangen zu schluchzen.

Da drängte sich der Metzger vor mit erhobenen, drohenden Händen, bleich wie eine Leiche, und er rief: »Mönch, Mönch, willst du ihn wohl wieder ans Kreuz nageln, willst du wohl?« Und hinter ihm klang es fauchend heiser: »Ja, ja, kreuzige, kreuzige ihn!« Und aus allen Mündern wieder, drohend, stehend, dröhnte es in einem Sturm von Rufen zu den Wölbungen empor: »Kreuzige, kreuzige ihn!«

Und klar und hell eine einzelne lebende Stimme: »Kreuzige ihn!«

Aber der Mönch blickte nieder auf dies Gewimmel von emporgestreckten Händen, auf diese verzerrten Gesichter, mit den dunklen Öffnungen der rufenden Münder, wo die Zahnreihen weiß leuchteten wie die Zähne von gereizten Raubtieren, und in einem Augenblick der Ekstase breitete er die Arme gen Himmel empor und lachte. Dann stieg er hinab, und seine Leute erhoben ihre Feuerregenbanner und ihre leeren, schwarzen Kreuze und drängten aus der Kirche hinaus, und wieder zogen sie singend über den Marktplatz dahin und wieder durch den Schlund der Turmpforte.

Und die aus Alt-Bergamo starrten ihnen nach, während sie den Berg hinabgingen. Der steile, mauerumfriedigte Weg war nebelig von dem Licht der Sonne, die da draußen über der Ebene herabsank, und sie waren jetzt nur noch halb zu sehen vor all dem Licht, aber auf der roten Ringmauer der Stadt zeichneten sich schwarz und scharf die Schatten ihrer großen Kreuze ab, die in dem Gedränge bald nach der einen, bald nach der anderen Seite schwankten.

Ferner ward der Gesang; rot leuchteten noch ein oder zwei Banner aus dem brandschwarzen Platz, auf dem die neue Stadt gestanden hatte, auf, dann verschwanden sie in der lichten Ebene.

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