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Jens Peter Jacobsen: Novellen - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorJens Peter Jacobsen
booktitleJens Peter Jacobsens sämtliche Werke
titleNovellen
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080911
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Zwei Welten

Salzach ist kein munterer Fluß, und an ihrem östlichen Ufer liegt ein kleines Dorf, das sehr trübselig, sehr arm und wunderlich still ist.

Gleich einer elenden Schar verkrüppelter Bettler, die vom Ufer angehalten worden sind und nichts als Fährlohn zu geben hatten, stehen die Häuser da unten an dem äußersten Rande des Ufers, die gichtbrüchigen Schultern gegeneinander gedrückt, und stängeln hoffnungslos mit ihren morschen Krückstöcken in dem grauen Strom, während ihre schwarzen, glanzlosen Fensterscheiben aus dem Hintergrunde der hölzernen Galerien unter den vorspringenden Schindeldachbrauen mit einem schielenden Ausdruck gefräßigen Kummers nach den glücklicheren Häusern da drüben hinüberstarren, die sich einzeln und zu zweien und hier und da in traulichen Gruppen über die grüne Wiese ausbreiten bis weit hinein in die golden neblige Ferne. Aber die armen Häuser umgibt kein Glanz, nur brütende Finsternis und Schweigen, bedrückt von dem Geräusch des Flusses, der träge, jedoch nimmer rastend, vorübersickert auf seinem Wege, so lebensmüde, so wunderlich geistesabwesend vor sich hinmurmelnd.


Die Sonne war im Begriff unterzugehen; das schrille, glashelle Summen der Grillen begann die Luft auf der andern Seite zu erfüllen und wurde dann und wann herübergetragen von plötzlichen, matten Windstößen, die kamen und in den Bestand dünner Weiden am Flußrande erstarben.

Oben auf dem Fluß kam ein Boot daher.

Eine schwache, abgezehrte Frauengestalt stand in einem der letzten Häuser, über die Brüstung der Galerie gelehnt, und sah danach aus. Sie beschattete die Augen mit der fast durchsichtigen Hand; denn da oben, wo das Boot war, lag der Glanz der Sonne goldig und scharf glitzernd über den Wassern, und es sah aus, als segele es auf einem Spiegel aus Gold.

Aus dem klaren Halbdunkel leuchtete das wachsbleiche Antlitz der Frau hervor, als trage es Licht in sich; deutlich und scharf war es zu sehen wie die Schaumkämme, die selbst in dunkeln Nächten die Wogen des Meeres weiß machen. Ängstlich spähten ihre hoffnungslosen Augen, ein eigentümlich schwachsinniges Lächeln lag um den müden Mund, aber die lotrechten Runzeln auf ihrer runden, vorspringenden Stirn breiteten doch gleichsam einen Schatten von der Entschlossenheit der Verzweiflung über das ganze Gesicht.

Von der kleinen Kirche des Dorfes begann es zu läuten.

Sie wandte sich ab vom Sonnenglanz und wiegte den Kopf hin und her, wie um dem Glockenklang zu entgehen, indem sie beinahe wie eine Antwort auf das anhaltende Läuten vor sich hin murmelte: »Ich kann nicht warten, ich kann nicht warten!«

Doch das Läuten hielt an.

Wie in Folterqual ging sie auf der Galerie hin und her; die Schatten der Verzweiflung waren noch tiefer geworden, und sie atmete schwer, wie jemand, den das Weinen bedrückt und der doch nicht weinen kann.

Lange, lange Jahre hatte sie an einer schmerzhaften Krankheit gelitten, die ihr niemals Ruhe ließ, sie mochte liegen oder gehen. Sie hatte eine weise Frau nach der andern aufgesucht, hatte sich von einer heiligen Quelle zur andern geschleppt, jedoch ohne Nutzen. Jetzt zuletzt war sie mit dem Septemberbittgang in St. Bartholomä gewesen, und dort hatte ein alter, einäugiger Mann ihr den Rat gegeben, einen Strauß aus Edelweiß und welker Raute, aus den Rostknoten des Mais und aus Kirchhofsfarnen, aus einer Locke ihres Haares und dem Splitter eines Sarges zu binden; den solle sie dann einem jungen Frauenzimmer nachwerfen, das gesund und frisch war und das durch rinnendes Wasser daherkam, dann würde die Krankheit sie verlassen und auf die andere übergehen.

Und nun trug sie den Strauß auf der Brust verborgen, und da oben auf dem Flusse kam ein Boot daher, das erste, seit sie die Zauberrute gebunden hatte. Sie war wieder an die Brüstung der Galerie getreten, das Boot war so nahe, daß sie sehen konnte, es waren fünf, sechs Passagiere an Bord. Fremde, wie es schien. Im Steven stand der Bootsführer mit einer Pflichtstange, am Steuer saß eine Dame und lenkte das Boot, und neben ihr war ein Mann, der acht gab, daß sie nach dem Wink des Bootsführers steuerte; die andern saßen mitten im Boot.

Die Kranke beugte sich weit vor, jeder Zug in ihrem Gesicht war gespannt und spähend, und die Hand barg sie im Busen. Ihre Schläfen klopften, ihr Atem stockte fast, und mit geblähten Nüstern, mit glühenden Wangen und weit aufgerissenen, starren Augen wartete sie auf das Kommen des Bootes.

Schon konnte man die Stimmen der Reisenden hören, bald deutlich, bald nur als gedämpftes Murmeln.

»Glück«, sagte einer von ihnen, »ist eine absolut heidnische Vorstellung. Sie können das Wort nicht an einer einzigen Stelle im Neuen Testament finden.«

»Seligkeit?« wandte ein anderer fragend ein.

»Nein, hören Sie einmal,« wurde nun gesagt, »wohl ist es das Ideal einer Unterhaltung, von dem abzukommen, worüber man spricht, aber das, finde ich, könnten wir jetzt passenderweise tun, indem wir zu dem zurückkehren, wovon wir ausgegangen sind.«

»Nun ja, also die Griechen ...«

»Erst die Phönizier!«

»Was weißt du von den Phöniziern?«

»Nichts! aber warum sollen die Phönizier immer übergangen werden!«

Das Boot war jetzt gerade unter dem Hause, und in dem Augenblick, als es da war, zündete jemand an Bord seine Zigarette an. Das Licht fiel ein paarmal kurz aufflackernd auf die Dame am Steuer, und in dem rötlichen Schein sah man ein jugendliches, frisches Mädchengesicht mit einem glücklichen Lächeln auf den halbgeöffneten Lippen und einem träumenden Ausdruck in den klaren Augen, die zu dem dunkeln Himmel aufsahen.

Der Schein erlosch, ein leises Plätschern ward hörbar, als werde etwas in das Wasser geworfen, und das Boot trieb vorüber.


Es war ungefähr ein Jahr später. Die Sonne versank zwischen Bänken von schweren, düster glühenden Wolken, die einen blutroten Schein auf das falbe Wasser des Flusses warfen, ein frischer Wind strich über die Ebene hin, da waren keine Grillen, nur das Bubbeln des Flusses und das Sausen der wispernden Röhrichtkante. In der Ferne sah man ein Boot mit dem Strom abwärts kommen.

Die Frau von der Galerie war unten am Ufer. – Damals, als sie dem jungen Mädchen ihre Zauberrute nachgeworfen hatte, war sie ohnmächtig auf dem Altan umgefallen, und die heftige Gemütsbewegung, vielleicht auch ein neuer Armenarzt, der dort in die Gegend gekommen war, hatten eine Veränderung in ihrer Krankheit bewirkt, und nach einer harten Übergangszeit hatte sie angefangen sich zu erholen und war nach ein paar Monaten vollständig genesen. Im Anfang war sie wie berauscht von diesem Gefühl von Gesundheit, aber es währte nicht lange, dann wurde sie niedergeschlagen und bekümmert, unruhig verzweifelt, denn überall wurde sie verfolgt von dem Bilde des jungen Mädchens in dem Boot. Zuerst kam es zu ihr, wie sie es gesehen hatte, jung und blühend, es kniete zu ihren Füßen nieder und sah flehend zu ihr auf; dann später wurde es unsichtbar, aber sie wußte trotzdem, wo es war und daß es da war, denn sie hörte, wie es dalag und ganz leise wimmerte, am Tage in ihrem Bett, des Nachts in einer Ecke ihrer Kammer. Jetzt in der letzten Zeit war es wieder stumm, aber sichtbar geworden, es saß vor ihr, bleich und abgezehrt und starrte sie mit unnatürlich großen, wundersamen Augen an. –

Heute abend war sie unten am Flußufer; sie hatte einen Span in der Hand und ging umher und zeichnete Kreuz auf Kreuz in den weichen Schlamm; hin und wieder richtete sie sich auf und lauschte, und dann zeichnete sie weiter.

Da begann es zu läuten. Sie zeichnete das Kreuz sorgfältig fertig, legte den Span hin, kniete nieder und betete. Dann ging sie in den Fluß hinaus, bis an die Taille, faltete ihre Hände und legte sich nieder in das grauschwarze Wasser. Und es nahm sie, zog sie hinab in die Tiefe und sickerte wie immer schwerfällig und trübselig dahin, vorbei an dem Dorf, vorüber an den Feldern – fort.

Das Boot war jetzt ganz nahe gekommen; es hatte die jungen Leute an Bord, die einander damals beim Steuern halfen und die jetzt auf ihrer Hochzeitsreise waren. Er saß am Steuer, sie stand aufrecht mitten im Boot, in einen grauen, großen Schal gehüllt und eine kleine rote Mütze auf dem Kopf ... stand da und stützte sich gegen den kurzen, segellosen Mast und summte eine Melodie vor sich hin.

Dann trieben sie dicht unter dem Hause vorüber. Sie nickte vergnügt dem Steuermann zu, sah zu dem Himmel empor und begann zu singen, sang gegen den Mast gelehnt und den Blick zu den treibenden Wolken erhoben:

»Ihr Gräber fest
Mein sichres Nest;
Du Burg des Glücks, bist so stark du gefügt,
Daß gegen den Kummer der Wall nicht trügt?
Was kann ich jetzt dämmernd vom Söller dort sehn,
Draußen, wo sonnenrot Wolken vergehn?
Ich kenne die Schatten ...
Da draußen ermatten,
Da draußen, da wanken
Landflüchtge Gedanken
Meiner Wehmutzeit,
Ihr Schatten, kommt zu mir herein,
Ihr sollt mir stets am nächsten sein,
Und trinkt aus goldigem Pokal
Im schimmernd reichen Strahlensaal:
Einen Trunk für das Glück, bevor es kam,
Einen Trunk für des Hoffens Armut und Scham,
Einen Traumestrunk!«

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