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Notre-Dame in Paris. Zweiter Band

Victor Hugo: Notre-Dame in Paris. Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorVictor Hugo
titleNotre-Dame in Paris. Zweiter Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year1884
translatorFriedrich Bremer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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5. Die beiden schwarzgekleideten Männer.

Die Person, welche eintrat, trug ein schwarzes Gewand und zeigte eine finstre Miene. Was beim ersten Blicke unserem Freunde Johann auffiel (der, wie man wohl denken kann, sich in seinem Winkel so eingerichtet hatte, um alles nach Belieben sehen und hören zu können), war die tiefe Trauer, welche in der Kleidung und im Antlitze des neuen Ankömmlings sich zeigte. Und dennoch war eine gewisse Freundlichkeit über dieses Gesicht ausgegossen; aber es war die Freundlichkeit einer Katze oder eines Richters, – kurz eine süßliche Freundlichkeit. Er war ganz grau, runzlig, streifte an die sechziger Jahre, zwinkerte mit den Augen, hatte weiße Augenbrauen, eine hängende Unterlippe und große Hände. Als Johann sah, daß es nur eine solche Persönlichkeit war, d. h. zweifelsohne ein Arzt oder ein Gerichtsbeamter, und daß dieser Mensch eine vom Munde weit entfernt stehende Nase im Gesichte hatte – das Zeichen der Dummheit –, so zog er sich in den Winkel seines Loches mit dem hoffnungslosen Gefühle zurück, daß er eine unbegrenzte Zeit in so unbequemer Lage und in so schlechter Gesellschaft zuzubringen haben würde.

Der Archidiaconus indessen hatte sich wegen dieser Persönlichkeit nicht einmal vom Stuhle erhoben. Durch ein Zeichen hatte er ihm angedeutet, sich auf einem Fußschemel neben der Thüre niederzulassen, und nach einigen Augenblicken des Schweigens, das ein vorausgegangenes Nachsinnen zu verlängern schien, hatte er ihm mit einem gewissen Gönnertone gesagt: »Guten Tag, Meister Jacob.«

»Ich grüße Euch, Meister,« hatte der schwarze Mann geantwortet.

Es lag in der Art und Weise, mit der von der einen Seite das »Meister Jacob«, und vorzugsweise von der andern das »Meister« ausgesprochen wurde, ein Unterschied, wie zwischen »gnädiger Herr« und »Herr«, wie zwischen »domine« und »domne«. Es war augenscheinlich die Anrede zwischen Lehrer und Schüler.

»Nun!« fuhr der Archidiaconus nach einem neuen Schweigen fort, das Meister Jacob nicht zu unterbrechen wagte, »gelingt es Euch?«

»Ach, theurer Meister,« sagte der andere mit einem trüben Lächeln, »ich blase immer zu. Asche, soviel als ich will. Aber kein Funken Gold.«

Dom Claude machte eine Geberde der Ungeduld. »Ich rede nicht davon mit Euch, Meister Jacob Charmolue, sondern vom Processe Eures Zauberers. Nicht wahr, Ihr nanntet ihn Mark Cenaine? Den Schaffner am Rechnungshofe? Gesteht er seine Zauberei ein? Ist Euch die Untersuchung geglückt?«

»Leider, nein!« antwortete Meister Jacob immer mit seinem trüben Lächeln; »wir haben nicht diesen Trost. Dieser Mensch ist ein Kieselstein; wir können ihn auf dem Ferkelmarkte sieden lassen, ehe er etwas gesteht. Indessen sparen wir nichts, um hinter die Wahrheit zu kommen; er ist schon ganz von der Folter verrenkt; wir haben schon alle Mittel aufgeboten, wie der alte Komiker Plautus sagt:

»Advorsum stimulos, laminas, crucesque, compedesque.
Nervos, catenas, carceres, numellas, pedicas, boias.
«Lateinisch:

Die Peitsche, Glüheisen, Folter, Fußeisen auch.
Und Stricke, Ketten, Kerker, Fesseln gegen ihn gebraucht.

Nichts hilft hier; dieser Mensch ist schrecklich. Mein Latein ist an ihm zu Ende.«

»Ihr habt nichts Neues in seinem Hause gefunden?«

»O doch,« sagte Meister Jacob, während er seine Tasche am Gürtel durchsuchte, »dieses Pergament. Es befinden sich Worte darauf, die wir nicht verstehen. Der Herr Criminalanwalt Philipp Lheulier versteht doch ein bißchen Hebräisch, das er im Processe des Juden aus der Straße Kantersten in Brüssel gelernt hat.«

Bei diesen Worten entrollte Meister Jacob ein Pergament. »Gebt her,« sagte der Archidiaconus. Und während er die Augen auf das Blatt richtete, rief er aus: »Die reine Zauberei, Meister Jacob! »Emen-Hetan!« das ist der Ruf der Nachtgeister, wenn sie zum Hexensabbath kommen. »Per ipsum, et cum ipso, et in ipso!«Lateinisch: Durch ihn, und mit ihm, und in ihm! Anm. d Uebers. Das ist das Gebot, welches den Teufel wieder in der Hölle festmacht. »Hax, pax, max!« das stammt aus der Heilkunde. Eine Formel gegen den Biß toller Hunde. Meister Jacob! Ihr seid königlicher Procurator beim Kirchengerichtshofe: dieses Pergament ist abscheulich!«

»Wir wollen den Mann wieder auf die Folter legen. Hier ist auch,« fügte Meister Jacob hinzu, während er von neuem in seiner Gürteltasche suchte, »etwas, was wir bei Mark Cenaine gefunden haben.«

Es war ein Gefäß von der Familie derer, welche den Herd Dom Claude's bedeckten. »Ah!« sagte der Archidiaconus, »ein alchymistischer Schmelztiegel.«

»Ich will Euch gestehen,« fuhr Meister Jacob mit seinem schüchternen und linkischen Lächeln fort, »daß ich ihn auf dem Ofen probirt habe, aber es ist mir nicht besser gegangen, als mit dem meinigen.«

Der Archidiaconus fing an, das Gefäß zu prüfen. »Was hat er auf seinem Tiegel eingegraben? »Och! och!« das Wort, das die Flöhe vertreibt. Dieser Mark Cenaine ist ein Dummkopf! Ich glaube es wohl, daß Ihr damit kein Gold machen werdet! Es taugt gerade nur, es im Sommer in Euern Alkoven zu stellen, und zu weiter nichts!«

»Da wir gerade bei den Irrthümern stehen,« sagte der königliche Procurator, »so habe ich eben, ehe ich heraufkam, das Portal unten genau untersucht. Ist Euer Hochwürden ganz sicher, daß der Anfang des Schaffens der Natur dort nach dem Hôtel Dieu hin abgebildet ist, und daß unter den sieben nackten Figuren, welche an den Sockeln von Notre-Dame sich befinden, diejenige, welche Flügel an den Fersen hat, Merkur ist?«

»Ja,« antwortete der Priester; »denn Augustin Nypho schreibt es: jener italienische Doctor, welcher einen bärtigen Dämon besaß, der ihm alles offenbarte. Uebrigens wollen wir hinuntersteigen, und ich will Euch das am Gegenstande erläutern.«

»Dank, lieber Meister,« sprach Charmolue und neigte sich bis zur Erde . . . »Doch halt, ich vergaß! Wann soll ich die kleine Zauberin festnehmen lassen?«

»Welche Zauberin?«

»Jene Zigeunerin, die Ihr doch kennt, und die alle Tage auf dem Vorhofe tanzt, trotz des Verbotes des Officials! Sie hat eine besessene Ziege, welche Teufelshörner trägt, welche liest, schreibt, welche Mathematik versteht wie Picatrix, was alles schon hinreichen würde, jede Zigeunerin an den Galgen zu bringen. Der Proceß ist ganz bestimmt, er wird bald gemacht sein, nur zu! Ein reizendes Geschöpf, diese Tänzerin, bei meiner Seele! Die schönsten schwarzen Augen! Zwei ägyptische Karfunkel! Wann machen wir den Anfang?«

Der Archidiaconus war todtenblaß geworden.

»Ich werde Euch das sagen,« stotterte er mit kaum vernehmbarer Stimme; dann fuhr er mit Mühe fort: »Macht Euch nur mit Mark Cenaine zu schaffen.«

»Seid ohne Sorge,« sagte Charmolue lächelnd, »nach meiner Rückkunft will ich ihn wieder auf das lederne Bett schnallen lassen. Er ist aber ein Teufel von Menschen: er ermüdet selbst Pierrat Torterue, der doch stärkere Fäuste hat, als ich. Wie der gute Plautus sagt:

»Nudus vinctus, centum pondo es, quando pendes per pedes.«Lateinisch: Nackt gefesselt wiegst du hundert Pfund, hängst du an den Füßen.

Die Folterung auf der Haspel! Das ist das beste, was wir haben. Er soll darauf kommen.«

Dom Claude schien in eine düstere Zerstreutheit versunken zu sein. Er wandte sich nach Charmolue hin.

»Meister Pierrat . . . Meister Jacob, wollte ich sagen, macht Euch mit Mark Cenaine zu thun!«

»Ja, ja, Dom Claude. Der bedauernswerte Mensch! Es wird ihm ergangen sein, wie dem Mummolus. Welcher Gedanke aber auch, zu einer Walpurgisnacht zu gehen! Ein Schaffner des Rechnungshofes, der doch den Gesetzlaut Karls des Großen kennen sollte: »Stryga vel masca!«Lateinisch: Eine Hexe oder Gespenst! Anm. d. Uebers. . . . Was die Kleine betrifft . . . Esmeralda nennt man sie ja wohl . . . so werde ich Eure Befehle erwarten . . . Ach! wenn wir unter dem Portale durchgehen, möget Ihr mir auch erklären, was der Gärtner in Flachgrundmalerei bedeuten soll, den man beim Eintritte in die Kirche sieht. Ist es nicht der Säemann? . . . He! Meister, woran denkt Ihr denn?«

Dom Claude, der in sich versunken war, hörte nicht mehr auf ihn. Charmolue, welcher der Richtung seines Blickes folgte, sah, daß er unwillkürlich auf das große Spinnennetz gerichtet war, welches das Thurmfenster überzog. In diesem Augenblicke stürzte sich eine leichtsinnige Fliege, welche die Märzensonne aufsuchte, quer in das Gewebe und war gefangen. Bei der Erschütterung ihres Gewebes machte die ungeheure Spinne eine plötzliche Bewegung aus ihrem Sitze in der Mitte heraus, dann stürzte sie sich mit einem Sprunge auf die Fliege, welche sie mit ihren Vorderfühlern in zwei Hälften zusammenpreßte, während ihr scheußlicher Saugrüssel ihr den Kopf durchbohrte. »Arme Fliege!« sagte der königliche Procurator beim Kirchengerichtshofe, und er erhob die Hand, um sie zu retten. Der Archidiaconus, der plötzlich wie aus dem Schlafe ausfuhr, hielt ihm den Arm mit krampfhafter Heftigkeit fest.

»Meister Jacob,« schrie er, »lasset das Verhängnis walten!«

Der Procurator drehte sich bestürzt um; es schien ihm, als ob eine eiserne Zange ihn am Arme gepackt hielt. Das Auge des Priesters war starr, wild, flammend und haftete gebannt an der schrecklichen kleinen Gruppe aus Fliege und Spinne.

»Ach, ja!« fuhr der Priester mit einer Stimme fort, von der man sagen konnte, daß sie aus der Tiefe seiner Seele kam, »das ist das Sinnbild des Alls. Sie fliegt, sie ist fröhlich, sie ist eben zum Leben erwacht, sie sucht den Frühling, die freie Luft, die Freiheit: ach, ja! aber wenn sie sich in die gefährliche Gespinnstrosette stürzt, kommt die Spinne heraus, die schreckliche Spinne! Arme Tänzerin! arme, dem Untergange geweihte Fliege! Meister Jacob, lasset sie gewähren! Es ist das Verhängnis! . . . Wehe! Claude, du bist die Spinne. Claude, du bist auch die Fliege! . . . Du flogst zur Wissenschaft, zum Lichte, zur Sonne; du warst nur besorgt, an die freie Luft, zum hellen Lichte der ewigen Wahrheit zu gelangen; aber als du dich zur blendenden Lichtöffnung hinstürztest, die in eine andere Welt führt, in die Welt der Klarheit, der Erkenntnis und des Wissens, – blinde Fliege, unsinniger Doctor, da hast du nicht dieses feine Spinnengewebe gesehen, das vom Schicksale zwischen dem Lichte und dir ausgespannt war; du hast dich blindlings hineingestürzt, armseliger Thor, und jetzt zappelst du mit zerschmettertem Haupte und ausgerissenen Flügeln zwischen den eisernen Klauen des Verhängnisses! . . . Meister Jacob! Meister Jacob! lasset die Spinne gewähren!«

»Ich versichere Euch,« sagte Charmolue, der ihn ansah, ohne ihn zu verstehen, »daß ich sie nicht berühren werde. Aber laßt meinen Arm los, Meister, wenn ich bitten darf! Ihr habt eine Hand, wie eine Zange.«

Der Archidiaconus hörte ihn nicht an. »O Thörichter!« fuhr er fort, ohne das Thurmfenster aus den Augen zu lassen, »und wenn du es hättest zerreißen können, dieses furchtbare Gewebe, mit deinen Mückenflügeln, so glaubst du, du würdest zum Lichte haben gelangen können! Wehe! jenes Glas, das in weiterer Ferne ist, dieses durchsichtige Hindernis, diese krystallene Mauer, die härter als Erz, und die alle Erdenweisheit von der Wahrheit trennt, – wie hättest du durch sie dringen wollen? O Eitelkeit menschlichen Wissens! Wie viele Weise flattern aus weiten Fernen heran, um sich das Haupt an ihr zu zerschellen! Wie viele philosophische Lehrgebäude stoßen sich, bunt durcheinander summend, an diese durchsichtige, ewige Scheidewand!«

Er schwieg. Diese letzteren Gedanken, die ihn unmerklich von seiner Betrachtung zur Gewißheit zurückgeführt hatten, schienen ihn beruhigt zu haben. Jacob Charmolue ließ ihn völlig zum Bewußtsein der Wirklichkeit zurückkommen, als er die Frage an ihn richtete: »Nun denn, lieber Meister, wann wollt Ihr mir helfen, Gold zu machen? Ich sehne mich danach, zum Ziele zu kommen.«

Der Archidiaconus hob das Haupt mit einem bittern Lächeln. »Meister Jacob, lest des Michael Psellus »Dialogus de energia et operatione daemonum.«Lateinisch: Zwiegespräch über die Stärke und Thätigkeit der Geister. Anm. d. Uebers. Was wir treiben, ist nicht ganz unschuldig.«

»Sprecht leiser, Meister! Ich ahne es,« sagte Charmolue. »Aber man muß wohl ein wenig Alchymie treiben, wenn man nur königlicher Procurator mit dreißig Thalern Tours'sche Münze jährlich beim Kirchengerichtshofe ist. Laßt uns nur ja leise sprechen.«

In diesem Augenblicke traf das Schmatzen einer kauenden Kinnlade, welches vom Untertheile des Herdes herkam, das furchtsame Ohr Charmolue's.

»Was ist das?« fragte er.

Es war der Student, der in seinem Verstecke sehr beengt und gelangweilt, hier soeben eine alte Brotkruste und ein Stück verschimmelten Käse entdeckt, und sich ohne weiteres daran gemacht hatte, beides zum Troste als Frühstück zu verzehren. Weil er Heißhunger hatte und jeden Bissen schmatzend kaute, so entstand ein hörbares Geräusch, das den Procurator aufmerksam und erschrocken machte.

»Es ist eine meiner Katzen,« entgegnete schnell der Archidiaconus, »die da unten einige Mäuse verzehrt.«

Diese Erklärung beruhigte Charmolue.

»In Wahrheit, Meister,« erwiderte er mit ehrerbietigem Lächeln, »alle großen Philosophen haben ihr Lieblingsthier gehabt. Ihr wißt, was Servius sagt: »Nullus enim locus sine genio est.«Lateinisch: Es ist ja kein Ort ohne seinen Schutzgeist.

Mittlerweile erinnerte Dom Claude, der einen neuen Unfug von Johanns Seiten befürchtete, seinen würdigen Schüler daran, daß sie beide einige Figuren des Portales zu studiren hätten; und alle zwei verließen die Zelle unter lautem »Ach« des Studenten, der ernstlich zu befürchten anfing, daß sein Knie den Abdruck seines Kinnes annehmen möchte.

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