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Notre-Dame in Paris. Zweiter Band

Victor Hugo: Notre-Dame in Paris. Zweiter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorVictor Hugo
titleNotre-Dame in Paris. Zweiter Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year1884
translatorFriedrich Bremer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120616
modified20140825
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3. Die Glocken.

Seit dem Morgen am Pranger hatten die Nachbarn von Notre-Dame zu bemerken geglaubt, daß die Läutewuth Quasimodo's sich sehr abgekühlt hatte. Vordem gab es Geläute bei jedem Anlasse: lange Morgenständchen, die von den PrimenPrime: das erste Stundengebet in der katholischen Liturgie. Anm. d. Uebers. bis zu den Vesperschlüssen dauerten, Geläute mit allen Glocken zu einem Hochamte, reiche Tonleitergänge mit den kleinen Glocken bei einer Trauung, einer Taufe, so daß die Luft mit einer Tonreihe von allerlei lieblichen Klängen gleichsam erfüllt war. Die alte Kirche, die bis in die Grundfesten bebte und tönte, befand sich in einem immerwährenden Glockenjubel. Man fühlte hier beständig die Gegenwart eines lärmenden und eigensinnigen Geistes, welcher mit all den metallenen Zungen sang. Jetzt schien dieser Geist verschwunden, die Kathedrale schien traurig zu sein, und bewährte gern ihr Schweigen; die Feste und Beerdigungen erhielten ihr einfaches, trockenes und kahles Geläute, und wie es die Kirchenordnung verlangte, nichts weiter; von dem zwiefachen Lärme, den eine Kirche verursacht: die Orgel im Innern, die Glocke draußen, war nur die Orgel geblieben. Man hätte behaupten mögen, es wäre nichts Musikalisches mehr in den Thürmen. Dennoch befand sich Quasimodo immer noch in ihnen; was war also in ihm vorgegangen? Lebten vielleicht Scham und Verzweiflung vom Prangerstehen her noch im Innern seines Herzens fort? Sausten die Peitschenhiebe des Foltermeisters endlos in seiner Seele nach? Hatte die Trauer über eine solche Behandlung alles in ihm ausgetilgt, selbst seine Leidenschaft für die Glocken? Oder aber, hatte »Marie«, die große Glocke, eine Nebenbuhlerin im Herzen des Glöckners von Notre-Dame, und wurde sie und ihre vierzehn Schwestern über etwas Liebenswürdigerem und Schönerem vernachlässigt?

In diesem gnadenbringenden Jahre vierzehnhundertzweiundachtzig fiel das Fest der Verkündigung Mariä gerade auf den fünfundzwanzigsten März, einen Dienstag. An jenem Tage war die Luft so rein und mild, daß Quasimodo etwas Liebe zu seinen Glocken zurückkehren fühlte. Er stieg also auf den nördlichen Thurm, während unten der Kirchendiener ganz weit die Thüren der Kirche öffnete, die damals aus ungeheuern Flügeln von dickem, mit Leder überzogenem Holze bestanden, mit Nägeln aus vergoldetem Eisen beschlagen und von »sehr kunstvoll gearbeiteten« Schnitzereien umrahmt waren.

Als Quasimodo in der obern Glockenstube angekommen war, betrachtete er mit betrübtem Kopfschütteln die sechs Glocken, als ob er über etwas Fremdartiges jammerte, das sich in seinem Herzen zwischen sie und ihn gedrängt hätte. Aber als er sie in Schwingung versetzt hatte, als er diese Glockenreihe unter seiner Hand sich bewegen fühlte; als er sah – denn er hörte es ja nicht – wie der bebende Octavengang, einem von Zweig zu Zweig hüpfenden Vogel gleich, auf dieser Tonleiter auf- und ablief; als der Musikteufel, dieser Dämon, welcher eine blitzende Garbe von Fugen, Trillern und gebrochenen Accorden ausstreut, sich des armen Tauben bemächtigt hatte, – da wurde er wieder glücklich, er vergaß alles, und sein Herz, das sich weitete, ließ sein Antlitz aufleuchten.

Er eilte hin und her, er schlug in die Hände, lief von einem Seile zum andern, er feuerte die sechs Sänger mit Mund und Hand an, wie ein Kapellmeister, der verständige Musiker anspornt.

»Auf,« sagte er, »auf, Gabriele, schleudere deine ganze Tonkraft auf den Platz hinab, heute ist Festtag . . . Thibauld, keine Faulheit, du lässest nach; auf, auf denn! Bist du etwa eingerostet, Faulenzer? . . . Recht so! schnell! schnell! Man darf den Klöppel nicht sehen. Mache sie alle taub, wie mich . . . So ist's recht, Thibauld, brav! . . . Wilhelm! Wilhelm! Du bist der größte und Pasquier ist der kleinste, aber Pasquier springt am besten. Wir wollen wetten, daß die, welche zuhören, ihn besser hören als dich . . . Gut! Hut! meine Gabriele, laut! immer lauter! He! was macht ihr denn alle beide da oben, ihr Spatzen? Ich sehe euch ja nicht den geringsten Lärm veranstalten . . . Was soll das mit den metallenen Mäulern da, die da aussehen, als ob sie gähnten, wo sie singen sollen? Auf! an die Arbeit! es ist Maria Verkündigung. Es ist schönes Wetter, da muß es auch ein schönes Geläute geben . . . Armer Wilhelm! ich sehe, du bist ganz außer Athem, mein dicker Bursche!«

Er war ganz und gar damit beschäftigt, seine Glocken anzuspornen, die alle sechs um die Wette tanzten und ihre glänzenden Rücken wie ein lärmender Zug spanischer Maulthiere schüttelten, welche durch die Zurufe des Treibers hier und da angefeuert werden. Plötzlich, als er seinen Blick zwischen den breiten Schieferschuppen hindurchfallen ließ, welche die senkrechte Mauer des Thurmes bis zu einer gewissen Höhe bedecken, sah er auf dem Platze ein junges, sonderbar herausgeputztes Mädchen, welches stehen blieb, auf dem Boden einen kleinen Teppich ausbreitete, auf welchem eine kleine Ziege sich niederlegte, und eine Gruppe Zuschauer, die sich im Kreise herum aufstellten. Dieser Anblick änderte plötzlich den Gang seiner Gedanken und kühlte seinen Musikenthusiasmus ab, wie ein Luftzug fließendes Harz erstarren läßt. Er hielt ein, wandte dem Glockenstuhle den Rücken zu, kauerte sich hinter dem Schieferwetterdache nieder und heftete jenen träumerischen, zärtlichen und milden Blick auf die Tänzerin, der schon einmal den Archidiaconus in Erstaunen versetzt hatte. Dabei verstummten die vergessenen Glocken alle auf einmal, zum Mißvergnügen der Liebhaber des Geläutes, welche die Glocken im guten Glauben von der Wechslerbrücke her angehört hatten und bestürzt davongingen, einem Hunde gleich, welchem man einen Knochen gewiesen hat und dem man einen Stein giebt.

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