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Notre-Dame in Paris. Zweiter Band

Victor Hugo: Notre-Dame in Paris. Zweiter Band - Kapitel 24
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typefiction
authorVictor Hugo
titleNotre-Dame in Paris. Zweiter Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year1884
translatorFriedrich Bremer
correctorreuters@abc.de
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3. Es lebe die Fröhlichkeit!

Der Leser hat vielleicht nicht vergessen, daß ein Theil des Wunderhofes von der alten Ringmauer der Stadt eingeschlossen wurde, von der eine hübsche Anzahl Thürme schon zu dieser Zeit in Verfall zu gerathen begannen. Einer dieser Thürme war von den Landstreichern in einen Vergnügungsort verwandelt worden. Es befand sich eine Schenke in dem untern Saale, die übrigen Räume lagen in den obern Stockwerken. Dieser Thurm war der lebhafteste und infolge dessen auch der abschreckendste Sammelpunkt der Landstreichersippe. Es war eine Art ungeheurer Bienenschwarm, der dort Tag und Nacht summte. Nachts, wenn der übrige Bettlerschwarm schlief, wenn kein Fenster in den schmutzigen Häuserfronten des Platzes mehr erleuchtet war, wenn man aus jenen zahllosen Häuschen, von jenen aus Dieben, Dirnen und gestohlenen oder unehelichen Kindern gebildeten Menschenhaufen kein Geschrei mehr ertönen hörte, so erkannte man immer noch den lustigen Thurm an dem Lärme, welcher aus seinem Innern scholl, an dem rothen Lichte, welches zugleich in Kellerlöchern, Fenstern, in den Spalten gesprungener Mauern schimmernd, gewissermaßen aus allen seinen Poren hervorstrahlte.

Der Kellerraum war also die Kneipe. Man stieg durch eine niedrige Thüre und vermittelst einer Treppe, die gerade so schwerfällig war, wie ein klassischer Alexandriner, in sie hinab. Ueber der Thür befand sich, anstatt des Schildes, eine merkwürdige Schmiererei, welche neue Heller und geschlachtete Hühnchen vorstellte, mit dem Wortspiele darunter: »Zu den Glöcknern für die Verstorbenen.«

Eines Abends, in dem Augenblicke, wo das Abendgeläute von allen Glockentürmen von Paris erklang, hätten die Soldaten der Nachtwache, wenn man ihnen erlaubt hätte, den schrecklichen Wunderhof zu betreten, bemerken können, daß in der Herberge der Landstreicher noch mehr Lärm tobte, als gewöhnlich; daß man dort noch mehr zechte und fluchte. Draußen auf dem Platze waren zahllose Gruppen, welche sich mit leiser Stimme unterhielten, wie wenn ein großes Vorhaben angesponnen wird, und hier und da kauerte ein Kerl, welcher eine schlechte Eisenklinge auf dem Pflaster wetzte.

In der Schenke selbst waren der Wein und das Spiel indessen eine so mächtige Ablenkung von den Gedanken, welche an diesem Abende da die Landstreichersippe beschäftigten, daß es schwer gewesen wäre, aus den Reden der Trinker zu errathen, um was es sich handelte. Nur hatten sie eine fröhlichere Miene, als gewöhnlich; und man sah bei ihnen allen irgend eine Waffe zwischen den Schenkeln glänzen: eine Hippe, eine Axt, einen großen Pallasch oder den Haken einer alten Donnerbüchse.

Der Saal von runder Form war sehr groß; aber die Tische waren so eng aneinander gerückt, und die Zecher so zahlreich, daß alles, was die Schenke enthielt: Männer, Weiber, Bänke, Bierkrüge, einige, die tranken, schliefen oder spielten, die Gesunden, die Lahmen bunt durcheinander mit ebenso viel Ordnung und Eintracht zusammengepfercht schienen, wie ein Haufen Austerschalen. Auf den Tischen brannten einige Talgkerzen; aber die wirkliche Beleuchtung der Schenke, die, welche in ihr die Rolle des Kronleuchters in einem Opernsaale ausfüllte, war das Feuer. Diese Höhle war so feucht, daß man in ihr den Kamin niemals, selbst im Hochsommer nicht, kalt werden ließ. Der ungeheure Kamin hatte einen mit Steinmetzarbeit verzierten Rauchfang, war von oben bis unten mit eisernen Feuerböcken und Küchengeräth behangen; darin brannte eines jener großen, von Holz und Torf genährten Feuer, welches nachts in den Dorfstraßen den Glutschein der Schmiedefenster so grell auf die gegenüberliegenden Mauern wirft. Ein großer Hund, welcher ernsthaft in der Asche saß, drehte vor der Glut einen mit Fleischstücken behangenen Bratspieß. Wie groß auch immer die Verwirrung auf den ersten Blick war, so konnte man doch in dieser Menschenmenge drei Hauptgruppen unterscheiden, die sich um drei Personen herum drängten, welche der Leser bereits kennt. Die eine dieser Personen, welche mit allerhand morgenländischem Flitterstaat ausstaffirt war, war Mathias Hungadi Spicali, der Herzog von Aegypten und Böhmen. Der Halunke saß mit übereinander geschlagenen Beinen auf einem Tische, hatte den Finger erhoben und theilte mit lauter Stimme den zahlreichen Zuhörern, die ihn mit offenem Munde umstanden, von seinem Wissen in der weißen und schwarzen Magie mit. Ein anderer Haufe drängte sich um unsern alten Freund, den heldenmütigen König von Thunes, der bis an die Zähne bewaffnet war. Clopin Trouillefou vertheilte mit sehr ernster Miene und leiser Stimme den Inhalt einer ungeheuern, mit Waffen gefüllten Tonne, die breit vor ihm hingestürzt war, und aus welcher, wie Aepfel und Trauben aus einem Füllhorne, Aexte, Schwerter, Sturmhauben, Panzerhemden, Schilde, Lanzen- und Wurfspießspitzen, Pfeile und Bolzen in Menge herausfielen. Jeder nahm von dem Haufen: der die Pickelhaube, jener den Stoßdegen, ein anderer den Ritterdolch mit dem Kreuzgriffe. Selbst die Kinder bewaffneten sich, und sogar Krüppel fanden sich, welche geharnischt und gepanzert, zwischen den Beinen der Zecher wie große Käfer durchkrochen. Endlich sperrte ein dritter, und zwar der lärmendste, lustigste und zahlreichste Zuhörerkreis, die Bänke und Tische, inmitten welcher eine flötende Stimme, die unter einer wuchtigen Rüstung, vollständig vom Helm bis zu den Sporen, hervorklang, schwatzte und fluchte. Das Individuum, welches sich so eine vollständige Ritterrüstung auf den Leib geladen hatte, verschwand dergestalt unter dem Kriegsgewande, daß man nichts weiter von seiner Person, als eine freche, rothe, aufgestülpte Nase, einen Zopf blonder Haare, einen rothen Mund und dreiste Augen sah. Er trug den Gürtel voll Messer und Dolche, einen großen Degen an der Seite, hielt eine verrostete Armbrust in seiner Linken, und vor ihm stand eine riesige Schleifkanne mit Wein, ganz zu schweigen von einem dicken Mädchen mit bloßen Brüsten, die zu seiner Linken stand. Alle die Mäuler rings um ihn her lachten, fluchten und tranken.

Man denke sich noch zwanzig Nebengruppen dazu: die Aufwärter und Aufwärterinnen, die mit Kannen auf den Köpfen herumliefen, die Spieler, welche sich über die Kugeln, über das Mühlenspiel, über die Würfel, über die Brettsteine, über das leidenschaftliche Stäbchenspiel bückten, die Streitigkeiten in dem einen Winkel, das Schäkern und Küssen im andern, und man wird sich eine Vorstellung von dem Ganzen machen können, über welchem der Schein eines großen flammenden Feuers flackerte, das zahllose riesige und wunderliche Schattenbilder an den Wänden der Schenke tanzen ließ. Was den Lärm betrifft, so glich er dem Innern eines Glockenturmes, wenn alle Glocken läuten.

Die Bratpfanne, in welcher eine Lache Fett schmorte, füllte mit ihrem fortwährenden Knattern die Pausen dieser zahllosen Unterhaltungen aus, welche von einem Ende des Saales zum andern flogen.

Mitten in diesem Lärme, im Hintergrunde der Schenke, auf einer Bank neben dem Kamine, saß ein Philosoph, welcher nachdachte, die Füße in die Asche gesteckt, das Auge auf die Feuerbrände gerichtet. Es war Peter Gringoire.

»Wohlauf, schnell! waffnet euch! in einer Stunde begiebt man sich auf den Marsch!« sprach Clopin Trouillefou zu den ihn umringenden Gaunern.

Ein Mädchen trällerte:

»Guten Abend, lieber Vater, liebe Mutter,
Die Letzten löschen das Feuer.«

Zwei Spieler stritten sich.

»Bube?« rief der am meisten Geröthete, indem er dem andern die Fauste wies, »ich will dir Points im Treff anlegen. Du kannst den Treffbuben beim Kartenspiel unseres gnädigen Herrn des Königs vertreten.«

»Au!« rief ein Normanne, der an seinem näselnden Tone erkenntlich war, »man ist hier wie die Heiligen von Caillouville zusammengedrängt!«

»Kinder,« sagte der Herzog von Aegypten zu seinen Zuhörern, indem er im Falset sprach, »die Hexen in Frankreich eilen ohne Besen, ungesalbt und unberitten, nur mit Hilfe einiger Zauberworte zum Hexentanze. Die Hexen in Italien haben immer einen Bock, der sie an ihren Thüren erwartet. Alle sind verpflichtet, durch den Schornstein davonzufliegen.«

Die Stimme des jungen, von Kopf bis zu Fuß geharnischten Kerls übertönte den verworrenen Lärm.

»Juchhe! Juchhe!« rief er. »Meine ersten Waffenthaten verrichte ich heute! Als Landstreicher! Ich bin Landstreicher, beim Leibe Christi! Schenket mir zu trinken ein! . . . Meine Freunde, ich heiße Johann Frollo-du-Moulin, und ich bin ein Edelmann. Ich bin der Meinung, daß, wenn Gott ein Kriegsmann wäre, er ein Räuber werden würde. Brüder, wir wollen einen schönen Zug unternehmen. Wir sind tapfre Männer. Eine Kirche zu erstürmen, die Thüren einzuschlagen, das schöne Mädchen herauszureißen, sie aus den Händen der Richter, aus den Händen der Priester zu retten, das Kloster zu schleifen, den Bischof in seinem Bisthume zu verbrennen – das führen wir in kürzerer Zeit aus, als ein Bürgermeister braucht, um einen Löffel voll Suppe zu essen. Unsere Sache ist gerecht, wir wollen Notre-Dame ausplündern, und damit soll alles ausgemacht sein. Wir wollen Quasimodo hängen. Kennt ihr den Quasimodo, ihr Jungfräulein? Habt ihr ihn gesehen, wie er bei der Brummglocke an einem Tage des hohen Pfingstfestes außer Athem gerieth? Beim Horne Gottes! das ist schön! Man sollte meinen, er wäre der Teufel auf einem Höllenrachen reitend . . . Meine Freunde, höret mich an, ich bin Landstreicher im Grunde meines Herzens, ich bin Gauner von ganzer Seele, ich bin zum Diebe geboren. Ich bin sehr reich gewesen und habe mein Hab und Gut durchgebracht. Meine Mutter wollte einen Offizier, mein Vater einen Subdiaconus, meine Tante einen Criminalrath, meine Großmutter einen Protonotar des Königs, meine Großtante einen Schatzmeister in kurzem Gewande aus mir machen, ich aber, ich bin ein Landstreicher geworden. Ich habe das meinem Vater gesagt, der mir seinen Fluch ins Gesicht spie, dann meiner Mutter, welche als alte Frau zu weinen und zu geifern begann, wie jenes Scheit auf dem Feuerbocke. Es lebe die Freude! Ich bin ein echter Tollhäusler! Wirthin, mein Liebchen, andern Wein! Ich habe noch Geld zum bezahlen. Ich mag keinen Wein mehr von Surène. Er beizt mir den Schlund. Ich möchte mir, Potz Blitz! ebenso gern die Gurgel mit einem Korbe aushecheln!«

Währenddem gab die Menge ihren Beifall mit lautem Gelächter zu erkennen; und als der Student sah, daß der Tumult sich um ihn verdoppelte, rief er:

»Ach! ein köstlicher Lärm! Populi debacchantis populosa debacchatioLateinisch: Welch riesiger Lärm eines tobenden Volkes! Anm. d. Uebers. Nun begann er, das Auge wie in Verzückung getaucht, mit dem Tone eines Kanonikus, der die Vesper anstimmt, zu singen: Quae cantica! quae organa! quae cantilenae! quae melodiae hic sine fine decantantur! sonant melliflua hymnoroum organa, suavissima angelorum melodia, cantica canticorum mira! . . .«Lateinisch: Welche Gesänge! welche Instrumente! welcher Singsang! welche endlose Melodien werden hier gesungen! Es klingen die Hymnen von lieblichen Pfeifen, der Engel süßeste Melodie, der Lieder reichste Lieder! Anm. d. Uebers. Er unterbrach seinen Gesang:

»Speisewirthin des Teufels, gieb mir etwas zum Abendessen.«

Einen Augenblick hindurch trat fast Ruhe ein, während welcher der Herzog von Aegypten, der seine Zigeuner unterrichtete, seine kreischende Stimme erhob:

»Das Wiesel heißt Aduine, der Fuchs Blaufuß oder Waldläufer, der Wolf Graufuß oder Goldfuß, der Bär der Alte oder der Großvater . . . Die Kappe eines Gnomen macht unsichtbar und läßt unsichtbare Dinge erblicken . . . Jede Kröte, welche man tauft, muß in rothen oder schwarzen Sammet gekleidet sein, eine Schelle um den Hals haben und eine an den Füßen. Der Pathe hält den Kopf, die Pathin das Hintertheil. Sidragasum heißt der Teufel, welcher die Macht besitzt, die Mädchen ganz nackt tanzen zu lassen.«

»Bei der heiligen Messe!« rief Johann dazwischen, »ich möchte wohl der Teufel Sidragasum sein.«

Unterdessen fuhren die Landstreicher fort sich zu waffnen, während sie am andern Ende der Schenke mit einander flüsterten.

»Diese arme Esmeralda!« sagte ein Zigeuner . . . »Sie ist unsere Schwester . . . Wir müssen sie von da herausholen . . .«

»Ist sie denn noch immer in Notre-Dame?« nahm ein Handelsmann von jüdischem Aussehen das Wort.

»Ja, bei Gott!«

»Nun gut, Kameraden!« rief der Handelsmann, »in Notre-Dame! Um so besser; denn in der Kapelle der heiligen Féréol und Ferrution befinden sich zwei Bildsäulen: die eine von Johannes dem Täufer, die andere vom heiligen Antonius, ganz aus Gold, welche zusammen siebzehn Mark und fünfzehn EstellinsEsterling heißt ein altes Goldschmiedegewicht von 28⅘ Gran. Goldgewicht haben; und die Fußgestelle aus vergoldetem Silber sind siebzehn Mark fünf Unzen schwer. Ich kenne das; ich bin Goldschmied.«

Jetzt trug man Johann sein Abendessen auf. Er rief, während er sich an die Brust des Mädchens an seiner Seite lehnte:

»Beim heiligen Voult-de-Lucques, den das Volk den heiligen Goguelu nennt, ich bin vollkommen glücklich. Da vor mir sehe ich einen Dummkopf, der mich mit dem glatten Gesichte eines Erzherzoges betrachtet. Zu meiner Linken sitzt ein anderer, der so lange Zähne hat, daß sie ihm das Kinn verstecken. Und dann mache ich es, wie der Marschall von Gié bei der Belagerung von Pontoise, ich halte meine Rechte auf eine Brustwarze gestützt . . . Beim Leibe des Mahomet! du siehst ja aus wie ein Stoffhändler, und du willst dich neben mich setzen! Ich bin adlig, Freund. Der Handel verträgt sich nicht mit dem Adel. Scher' dich weg von da . . . Holla! he! Ihr da, schlagt euch nicht! Wie, Baptist Croque-Oison, du, der eine so schöne Nase hat, will sie gegen die dicken Fäuste dieses Tölpels aufs Spiel setzen! Narr! Non cuiquam datum est habere nasum . . .Lateinisch: Nicht jedem ist es gestattet, eine Nase zu besitzen. Du bist wahrhaft himmlisch, Jacqueline Rouge-Oreille! es ist schade, daß du keine Haare hast . . . Holla! ich heiße Johann Frollo, und mein Bruder ist Archidiaconus. Möge ihn der Teufel holen! Alles, was ich euch sage, ist die reine Wahrheit. Als ich Gauner wurde, habe ich mit freudigem Herzen auf die Hälfte eines im Paradiese gelegenen Hauses verzichtet, welche mir mein Bruder versprochen hat. Dimidiam domum in paradiso.Lateinisch: Ein halbes Haus im Paradiese. Anm. d. Uebers. Ich führe die Originalworte an. Ich habe ein Lehengut in der Straße Tirechappe, und alle Weiber sind in mich verliebt, so gewiß, als es wahr ist, daß der Heilige Eligius ein ausgezeichneter Goldschmied war, und daß zu den fünf Handwerken der guten Stadt Paris die Lohgerber, die Weißgerber, die Lederbereiter, die Beutelmacher und die Lederschwitzer gehören, und daß der heilige Laurentius mit Eierschalen verbrannt worden ist. Ich schwöre es euch zu, Kameraden,

Daß ich nicht trinke in einem Jahr
Vom Honigmeth, wenn das nicht wahr!

»Meine Schöne, es ist Mondenschein; sieh doch da unten durch das Kellerloch, wie der Wind die Wolken zerzaust! So mache ich es mit deinem Brusttuche . . . Ihr Mädchen! schnäuzet die Kinder und die Lichter . . . Christus und Mahomet! Was esse ich denn da, beim Jupiter? He! alte Vettel! die Haare, welche man nicht auf dem Kopfe deiner Dirnen findet, die findet man in deinen Eierkuchen wieder. Höre, Alte! ich esse die Eierkuchen gern ohne Haare. Möge der Teufel dich plattnasig machen! . . . Eine schöne Wirtschaft des Beelzebub, wo die Dirnen sich mit den Gabeln kämmen!«

Als er so gesprochen hatte, schmetterte er seinen Teller auf den Boden und begann aus vollem Halse zu singen:

»Traun! ich acht',
Bei Christi Tod,
Weder Treue, noch Gebot.
Herd und Haus –
Mach' mir nichts draus!
Gott und König –
Gilt mir gleich wenig!

Unterdessen hatte Clopin Trouillefou seine Waffenvertheilung beendigt. Er näherte sich Gringoire, welcher die Beine über einen Feuerbock gestreckt, in tiefes Nachsinnen versunken schien.

»Freund Peter,« sagte der König von Thunes, »zum Teufel, an was denkst du?«

Gringoire drehte sich mit einem schwermüthigen Lächeln nach ihm um.

»Ich habe das Feuer gern, lieber Herr. Nicht aus dem alltäglichen Grunde, weil das Feuer unsere Füße wärmt oder unsere Suppe kocht, sondern weil es Funken giebt. Manchmal verbringe ich ganze Stunden damit, die Funken zu beobachten. Ich entdecke tausenderlei Dinge in diesen Sternen, welche durch den schwarzen Hintergrund des Herdes sprühen. Auch diese Sterne da sind Welten.«

»Der Donner soll mich –, wenn ich dich verstehe!« sagte der Bettler. »Weißt du, wie viel Uhr es ist?«

»Ich weiß nicht,« antwortete Gringoire.

Clopin trat jetzt an den Herzog von Aegypten heran.

»Kamerad Mathias, die Stunde ist nicht gut gewählt. Man sagt, der König Ludwig der Elfte sei in Paris.«

»Ein Grund mehr, um ihm unsere Schwester aus den Klauen zu reißen,« antwortete der alte Zigeuner.

»Du sprichst wie ein Mann, Mathias,« sagte der König von Thunes. »Uebrigens werden wir leichte Arbeit haben. In der Kirche ist kein Widerstand zu fürchten. Die Domherrn sind Hasenfüße, und wir sind stark an Zahl. Die Herren vom Parlamente werden morgen sehr gefoppt sein, wenn sie sie holen wollen!«

»Bei den Gedärmen des Papstes! ich mag nicht, daß man das hübsche Mädchen aufhängt!«

Clopin verließ die Schenke.

Diese ganze Zeit hindurch rief Johann mit heiser gewordener Stimme:

»Ich trinke, ich esse, ich bin betrunken, ich bin Jupiter! . . . Ei! Pierre-l'Assommeur, wenn du mich noch einmal so ansiehst, werde ich deine Nase mit Nasenstübern bedenken.«

Gringoire seinerseits, der aus seinen Grübeleien herausgerissen war, fing an, sich die wilde und lärmende Scene, welche ihn umgab, zu betrachten und murmelte zwischen den Zähnen: Luxuriosa res vinum et tumultuosa ebrietas.Lateinisch: Der Wein ist ein ausschweifend Ding und giebt einen lärmenden Rausch. Ach! wie sehr habe ich recht, nicht zu trinken, und wie treffend sagt der heilige Benedikt: Vinum apostatare facit etiam sapientesLateinisch: Den Wein meiden macht auch Weise. Anm. d. Uebers.

In diesem Augenblicke trat Clopin wieder in die Schenke ein und rief mit donnernder Stimme: »Mitternacht!«

Bei diesem Worte, das die Wirkung hervorbrachte, wie das Signal zum Aufsitzen auf ein rastendes Regiment, stürzten alle Bettler, Männer, Weiber und Kinder haufenweise mit großem Waffenlärme und Gerassel zur Schenke hinaus.

Der Mond hatte sich verhüllt.

Der Wunderhof war ganz dunkel. Nirgends bemerkte man ein Licht. Und dennoch war er ganz und gar nicht verlassen. Man unterschied hier einen Haufen Männer und Weiber, welche leise miteinander sprachen. Man hörte sie summen und sah aller Art Waffen in der Dunkelheit blitzen. Clopin stieg auf einen großen Stein.

»An Eure Plätze, Gauner! an Eure Plätze, Aegypten und Galiläa!«

Eine Bewegung entstand in der Dunkelheit. Die ungeheure Menschenmenge schien sich in Colonnen zu ordnen. Nach einigen Minuten erhob der König von Thunes noch einmal die Stimme:

»Jetzt, Schweigen beim Durchzuge durch Paris! Das Paßwort ist: ›Messer in der Tasche!‹ Die Fackeln werden erst bei Notre-Dame angezündet! Marsch!«

Zehn Minuten später flohen die Reiter der Nachtwache entsetzt vor einem langen Zuge schwarzer und schweigender Männer einher, welcher nach der Wechslerbrücke zu, durch die krummen Straßen hinabzog, die nach allen Richtungen hin das feste Hallenviertel der Stadt durchschneiden.

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