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Notre-Dame in Paris. Zweiter Band

Victor Hugo: Notre-Dame in Paris. Zweiter Band - Kapitel 23
Quellenangabe
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typefiction
authorVictor Hugo
titleNotre-Dame in Paris. Zweiter Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year1884
translatorFriedrich Bremer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120616
modified20140825
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2. Werdet ein Landstreicher!

Der Archidiaconus fand, als er nach dem Kloster zurückkehrte, an der Thür seiner Zelle seinen Bruder Johann-du-Moulin, welcher ihn erwartete, und der sich die Langeweile des Wartens damit vertrieben hatte, daß er mit einer Kohle das Profil seines Bruders, mit einer riesigen Nase geschmückt, an die Mauer zeichnete.

Dom Claude beachtete kaum seinen Bruder; er hatte andere Sorgen. Das fröhliche Antlitz des Taugenichts, dessen freudiger Ausdruck so viele Male die düstere Physiognomie des Priesters wieder aufgeheitert hatte, war jetzt ohnmächtig, den Schatten zu zerstreuen, der sich mit jedem Tage dichter über diese verderbte, mephitische und sumpfige Seele senkte.

»Lieber Bruder,« sagte Johann schüchtern, »ich komme, um Euch zu besuchen.«

Der Archidiaconus wandte kaum die Blicke nach ihm hin. »Weiter!«

»Lieber Bruder,« fuhr der Heuchler fort, »Ihr seid so gütig gegen mich, und Ihr gebt mir so gute Rathschläge, daß ich immer wieder zu Euch zurückkehre.«

»Was weiter?«

»Ach! lieber Bruder, Ihr hattet wohl Recht, als Ihr mir sagtet: ›Johann! Johann! cessat doctorum doctrina, discipulorum disciplina.Lateinisch: Es schwindet die Gelehrsamkeit der Gelehrten und der Eifer der Schüler. Anm. d. Uebers. Johann, werdet vernünftig, Johann, lernt etwas, Johann, bleibt die Nächte nicht aus der Schule weg ohne triftigen Grund und ohne die Erlaubnis des Lehrers. Prügelt Euch nicht mit den Picarden herum (noli Johannes, verberare Picardos). Verfaulet nicht, wie ein ungelehrter Esel (quasi asinus illiteratus) auf dem Schulstroh. Johann, laßt Euch nach Belieben des Lehrers bestrafen. Johann, gehet alle Abende zur Kapelle, und singet dort zu Ehren unserer lieben Frau, der ruhmreichen Jungfrau Maria, eine Antiphonie mit Bibelvers und Gebet.‹ Wehe! was waren das für ausgezeichnete Rathschläge!«

»Und dann?«

»Lieber Bruder, Ihr sehet einen Schuldigen, einen Verbrecher, einen Elenden, einen ausschweifenden Gesellen, einen abscheulichen Menschen vor Euch! Mein theurer Bruder, Johann hat aus Euern Rathschlägen Stroh und Mist gemacht, um mit den Füßen darauf herumzutreten. Ich bin dafür sehr gestraft, und der liebe Gott ist außerordentlich gerecht. So lange ich Geld hatte, habe ich geschmaust, Thorheiten getrieben und ein lustiges Leben geführt. Ach! wie häßlich und verdrießlich ist ein liederliches Leben, so sehr es einen anfangs anlachte, am Ende! Jetzt besitze ich keinen Weißpfennig mehr; ich habe mein Tischtuch, mein Hemde und mein Handtuch verkauft; aus ist es mit dem lustigen Leben! Die schöne Kerze ist verloschen, und ich habe nur noch den häßlichen Talgdocht, der mir in die Nase stinkt. Die Mädchen machen sich lustig über mich. Ich trinke Wasser. Ich werde von Gewissensbissen und Gläubigern gemartert.«

»Das Ende?« sagte der Archidiaconus.

»Ach! allertheuerster Bruder, ich möchte gern zu einem bessern Lebenswandel zurückkehren. Ich komme voll Zerknirschung zu Euch. Ich empfinde Reue. Ich bekenne es. Ich zerschlage meine Brust mit mächtigen Faustschlägen. Ihr hattet sehr Recht mit Eurem Wunsche, daß ich eines Tages Licenciat und Untermonitor am Collegio Torchi werden sollte. Auf einmal fühle ich jetzt ein glänzendes Talent für diesen Stand in mir. Aber ich habe keine Tinte mehr, ich muß mir wieder welche kaufen; ich habe keine Federn mehr, die muß ich mir wieder besorgen; ich habe kein Papier, keine Bücher mehr, das alles muß ich mir wieder anschaffen. Dafür gebrauche ich nothwendig ein wenig baares Geld, und ich komme zu Euch, lieber Bruder, voller Zerknirschung.«

»Ist das alles?«

»Ja,« sagte der Schüler. Ein wenig Geld.«

»Ich habe keins.«

Da sagte der Student mit ernster und zugleich entschlossener Miene:

»Nun gut! lieber Bruder. Es thut mir leid, Euch sagen zu müssen, daß man mir andererseits sehr schöne Anerbieten und Vorschläge gemacht hat. Ihr wollt mir also kein Geld geben? . . . Nein? . . . In diesem Falle gehe ich und werde ein Landstreicher.«

Während er dieses furchtbare Wort aussprach, nahm er eine Ajaxmiene an, weil er sich darauf gefaßt machte, den Blitz auf sein Haupt fallen zu sehen.

Der Archidiaconus sagte in kaltem Tone zu ihm:

»Werdet Landstreicher!«

Johann grüßte ihn mit tiefer Verbeugung und stieg pfeifend die Klostertreppe wieder hinunter.

In dem Augenblicke, wo er im Hofe des Klosters, unter dem Fenster der Zelle seines Bruders vorbeiging, hörte er, wie dieses Fenster sich öffnete; er hob die Nase in die Höhe und sah das strenge Haupt des Archidiaconus durch die Oeffnung herausfahren.

»Scher' dich zum Teufel!« rief Dom Claude, »hier ist das letzte Geld, das du von mir bekommen wirst.«

Zu gleicher Zeit warf der Priester seinem Bruder Johann eine Börse zu, die dem Studenten eine dicke Beule an der Stirn verursachte, und mit welcher Johann, erzürnt und zufrieden zugleich, wie ein Hund, den man mit Markknochen werfen würde, davonging.

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